Behindert ist man nicht…

Zu meinen Lieblingsblogs gehören auch zwei, die sich – mal mehr, mal weniger – regelmäßig mit dem Thema Hörbehinderung befassen. Einer der Mitarbeiter in dem Unternehmen, für das ich arbeite, ist selbst hörbehindert. Und ich habe mal eine Folge House, M.D. gesehen, in der es um das Thema ging. Damit endet die vollständige Aufzählung meiner Berührungspunkte mit dem Thema Hörbehinderung. Ich verstehe also wirklich nicht viel davon. Unter anderem deshalb habe ich lange damit gewartet, etwas darüber zu schreiben, aber jetzt mache ich es doch. Ich freue mich über jeden Widerspruch, der mich weiterbringt.

Ich verstehe diese Idee nicht, dass Taubheit oder Schwerhörigkeit nicht als Behinderung angesehen werden, sondern als Zugehörigkeitsmerkmal einer „ethnischen Minderheit“. Sicher, es ist erst einmal eine gute Sache, sich von einer Behinderung nicht runterziehen zu lassen. Körperliche Fähigkeiten sagen nichts über den Wert eines Menschen aus, und ob man nun taub, blind oder einbeinig ist, man kann trotzdem hervorragend sein in was auch immer man eben tut.

Bedenklich wird das aber für mich, wenn man sich Möglichkeiten widersetzt, eine Behinderung zu überwinden und diese Möglichkeiten im Ernstfall auch bei seinen Kindern ablehnt. Das ist auch der Grund, warum ich gerade jetzt diesen Beitrag schreibe. Bei Charlotta habe ich vorgestern von „Matthias“ gelesen, einem hörbehinderten Kind, dem ein Arzt ein so genanntes Cochleaimplantat (CI) empfohlen hatte. Der Spruch des Arztes, dem Kind würde so ein „lebenswertes Leben“ ermöglicht, ist natürlich so dumm, dass man es gar nicht weiter erklären muss, und außerdem darf man sich dieses Implantat nicht so vorstellen, dass es wie ein Zauber alle Hörprobleme löst. Es bringt tatsächlich sogar eine ganze Menge eigener Probleme mit sich. Wer der Meinung ist, dass das Implantat deshalb seine Lebensqualität nicht verbessern würde, der muss das natürlich für sich selbst entscheiden, und ich werde mir nicht anmaßen, ihm zu widersprechen.

Besonders zu denken gibt mir, dass ich den Eindruck gewonnen habe, dass Träger solcher Implantate teilweise quasi als Verräter an der Gemeinschaft der Hörbehinderten gesehen werden, weil sie sich sozusagen dem Druck der hörenden Gesellschaft beugen und sich anpassen. Bei aller Sympathie für die Idee, dass man sich von einer Behinderung nicht unterkriegen lassen darf und trotzdem ein herrliches Leben haben kann, bin ich doch der Meinung, dass man sich der Tatsache stellen muss, dass Gehörlosigkeit eine Einschränkung ist. Es fehlt ein Sinn, den andere Menschen haben. Ein Sinn, dessen Vorhandensein unsere Gesellschaft größtenteils voraussetzt und dessen Fehlen es erschwert, sich in unserer Welt zurechtzufinden.

Ich kenne einen Menschen, dem beide Beine fehlen. Er lebt ein sehr erfülltes Leben und hat einen Beruf im technischen Außendienst, er ist Sportler in einer Nationalmannschaft, und wenn man ihn nicht näher kennt, merkt man gar nicht, dass er eine Behinderung hat. Er geht auf zwei Prothesen. Die haben natürlich auch Nachteile. Sie scheuern am Stumpf, sie müssen gewartet und repariert werden, und manchmal stürzt er damit. Wenn er sich deshalb entschieden hätte, lieber darauf zu verzichten, würde ihm wahrscheinlich einiges verloren gehen, aber ich könnte es verstehen. Wenn er aber auf die Prothesen verzichten würde, weil er sich nicht als behindert ansieht, sondern als Teil einer Ethnie ohne Beine, wenn er sich wie Matthias‘ Eltern bei seinen Kindern „freuen“ würde, wenn sie auch ohne Beine geboren werden (Ich weiß, jetzt ist mein Beispiel nur noch Quatsch, aber vielleicht versteht ihr trotzdem, worauf ich hinaus will.), dann kann ich nicht anders als das sehr, sehr falsch zu finden. Was meint ihr?

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10 Responses to Behindert ist man nicht…

  1. Sanníe sagt:

    Bin ich ganz bei Dir.
    Ich habe das Buch von Sarah Neef gelesen, die von Geburt an gehörlos ist, aber durch sehr harte Arbeit sprechen und Tanzen gelernt hat:
    http://www.sarahneef.de/main.htm?page=biografie

    Sie ist, wenn ich das richtig deute, geradezu ausgestoßen aus der Community, was aber möglicherweise auch an diesem widerlich unsympathischen Ehrgeiz liegt. Die Selbstbeschreibungen im Buch habe ich auch als hart an der Grenze empfunden und mich daraufhin mal durch ein paar Foren gegoogelt.

    Aber über die Akzeptanz von (eigenen) Behinderungen angeht, ist mir diese krasse Sichtweise das erste Mal aufgefallen, als Christiane Link Michael J. Fox für seinen Einsatz für die Stammzellenforschung kritisiert hat. Was sie furchtbar fand, daß der Mann gegen seine Behinderung kämpft, fand ich völlig ok, wenn auch kein Muss. Aber offenbar wird sowas bei Betroffenen als mitleidheischend empfunden.

    Die Diskussion (und ihr Ende) waren für mich erschreckend und bis heute ziemlich unverständlich:
    http://www.behindertenparkplatz.de/cl/2006/10/26/637/

  2. […] Wedding”, anyone?) könnte doch auch eine Frau sein. Außerdem schreibt Muriel so einfühlsam und nachdenklich – sind das nicht weibliche […]

  3. rauskucker sagt:

    „Ich freue mich über jeden Widerspruch, der mich weiterbringt.“
    schöne Einstellung. Ich habe auch nicht viel Ahnung davon. Deshalb nur dies: die Tatsache, daß eine Gruppe eine eigene Sprache hat, deutet für mich schon in die Richtung, sie als eigene ethnische Gruppe anzusehen. Nicht gemeint als Abgrenzung, aber als gemeinsame Position.

  4. Otter mit Schal sagt:

    Ich freue mich natürlich wenn du über das Thema nachdenkst. Ich möchte nun auch nicht besonders mitdiskutieren, möchte dich jedoch kurz „korrigieren“: Den Eltern von Matthias ist dieses Implantat nicht „empfohlen“ worden. Es ist heutzutage relativ häufig anzutreffen, dass den Eltern von Babys bei denen ein hochgradiger Hörschaden festgestellt wird diese Implantate nicht „empfohlen“ werden sondern in einer Art dargebracht wie man den Eltern eines herzkranken Babys eine Herz-OP darlegen würde. Mit dem Unterschied, dass das herzkranke Kind an seinem Herzfehler sterben kann oder tatsächlich in der Lebensqualität beeinträchtigt wird.
    Generell wird es schwierig wenn man versucht die Gehörlosen mit anderen Menschen mit Behinderungen zu vergleichen. Das setzt schon da an, dass es jahrzehntelang eine getrennte Gehörlosen- und Schwerhörigenpädagogik gab. In deutschen Schulen hatte das jedoch nichts mit der Ethnie, die sich im nicht Unwesentlichen durch die Sprache bedingt (welche in Deutschland jahrhundertelang verboten war, das muss man bedenken wenn man darüber nachdenkt, warum viele Gehörlose gegen die hörende Welt eingestellt sind) zu tun.
    Es ist weiterhin problematisch wenn man sagt dass es das Spannungsfeld zwischen Cochlear Implantierten und „Hörbehinderten“ gibt, denn das Spannungsfeld besteht zwar auch zu Schwerhörigen oder zu den Usher-Leuten wie mir, jedoch wesentlich geringer als zu Gehörlosen. Das hat mit der Ethnie zu tun. Die Schwerhörigen haben anders als die Gehörlosen nicht primär eine andere Sprache. Wir Ushers auch nicht (mit Ausnahme derer die gehörlos geboren wurden). Sowohl wir als auch die Schwerhörigen erlernen die Gebärdensprache wenn überhaupt erst später. Für einen gehörlosen Menschen ist die Gebärdensprache die Sprache die er von Natur aus spricht.

  5. fragmentjunkie sagt:

    Ich sag’s mal so…Schuld ist die Mehrheitsgesellschaft. Dieser Abgrenzungswunsch ist ein Resultat der Diskriminierung durch die Allgemeinheit und so gesehen ist es auch der einzige Weg für eine Minderheit, irgendwann mehr Rechte in der Gesellschaft zu erlangen.

    Ich sag’s mal so…die Schwaben können kein Deutsch.

  6. Muriel sagt:

    @Sanníe: Danke für die Zustimmung. Dein Beispiel halte ich allerdings noch für was anderes. Wenn man sich darüber ärgert, dass Fox hier nur mit Mitleid arbeitet statt mit Argumenten, finde ich das noch verständlicher als wenn man sich bewusst als Gruppe von anderen abgrenzt.
    @rauskucker: Ja, das mit der eigenen Sprache ist ein Argument, aber die von mir geschilderten Auswüchse rechtfertigt das aus meiner Sicht nicht.
    @Otter mit Schal: Danke für den Kommentar. Der Begriff „Empfehlung“ war wohl zu schwach gewählt, ja. Was die Ethnie angeht: Ich verstehe, dass sich aufgrund der eigenen Sprache so eine Art abgegrenzte Gesellschaft bildet. Aber ich finde es trotzdem einfach falsch – wenn auch vielleicht verständlich -, dass die Zugehörigkeit zu dieser Ethnie (Ich übernehme den Begriff mal.) nach meinem Gefühl in manchen Fällen mit
    einer regelrechten Ablehnung und Verachtung derer einhergeht, die nicht zu ihr gehören können oder wollen.
    @fragmentjunkie: Deinem zweiten Punkt stimme ich zu, deinem ersten so in seiner Pauschalisierung eher nicht. Ich erkenne an, dass Behinderte oft ohne Grund gegenüber anderen benachteiligt werden. Der Weg zur Gleichbehandlung kann aber nicht sein, sich von der „Mehrheitsgesellschaft“ ab- um nicht zu sagen: auszugrenzen. Hat das irgendwann schon mal funktioniert?

  7. Christiane sagt:

    Zur diskutieren Abgrenzung: Es ist keineswegs so, dass gehörlose Menschen irgendwann aufgewacht sind und gesagt haben „Wir grenzen uns jetzt mal von den Hörenden ab.“ Im Gegenteil, die Hörenden waren diejenigen, die gehörlose Menschen jahrhundertelang für dumm erklärt haben, sie ausgegrenzt haben. Unter Gehörlosen haben sie das aber so nicht erfahren. Also wendet man sich doch der Gemeinschaft zu, die einen akzeptiert, die die gleiche Sprache „spricht“. Es sind die hörenden Menschen, die am Zug sind, diese Abgrenzung zu beenden.
    Die Diskussion ums CI entsteht nicht zuletzt durch die Radikalität, mit der es Eltern in einer seelischen Notlage aufgeschwätzt wird als Alternative zur Gebärdensprache und mit der Annahme, das Kind sei anschließend nicht mehr behindert.
    Es wird kaum diskutiert, was die Nachteile des CI sind oder warum es wichtig sein könnte, dass das Kind dennoch Gebärdensprache lernt.

  8. fragmentjunkie sagt:

    @Muriel: doch das ist der einzige Weg. Denn wenn man sich anpasst, kann man immer noch diskriminiert werden. Davon können Menschen mit bestimmter Hautfarbe oder mit bestimmten Kopfbedeckungen eine Menge erzählen.
    Es ist auch der einzige Weg, wie es funktionieren kann. Denn um einen Paradigmenwechsel einzuleiten, reicht es nicht, sich anzupassen. Dies kann nur die Mehrheitsgesellschaft leisten, und wie Christiane schreibt, es liegt an den hörenden Menschen diese Abgrenzung zu beenden.
    Ich würde auch den Muslimen in Deutschland nur raten, sich noch mehr abzugrenzen. Denn nur so können sie bestehende Status-Unterschiede irgendwann aufheben.
    Ich denke auch schon, dass es in vielen Kontexten schon mehr oder weniger funktioniert hat. Die Bewegung um Martin-Luther-King herum z.B. ist ja nicht gerade durch Anpassung aufgefallen. Es war auch so, dass es Besserungen für die Schwulen und Lesben erst gab, als die zur Schau getragene Konformität aufgegeben wurden. So lange man sich in der von der Mehrheit vorgesetzten Rolle quetschen lässt, gibt es keine Verbesserungen zu erwarten.
    Im übrigen ist es auch auf persönlicher Ebene gesünder sich in so einem Fall mit der eigenen sozialen Gruppe stärker zu identifizieren. Psychologisch gesehen ist das ein Puffer gegen die Effekte der Diskriminierung.

  9. Muriel sagt:

    @Christiane: Danke für deinen Kommentar und willkommen bei überschaubare Relevanz. Vielleicht ist das eine gute Gelegenheit, darauf hinzuweisen, dass ich weder ein Problem damit habe, wenn jemand auf ein CI verzichtet, noch behaupten möchte, dass das CI keine Nachteile hätte. Probleme mit dem Verständnis habe ich erst dann, wenn Eltern froh sind, dass ihre Kinder nicht hören können oder wenn Menschen ausgegrenzt werden, weil sie sich für ein CI entscheiden. Ich kann nicht beurteilen, wie oft das vorkommt, aber ich habe den Eindruck, dass es gar nicht so selten ist. Wenn ich mich da täusche, umso besser.
    @fragmentjunkie: Gut, wir können jetzt in stetig steigender Lautstärke „Nein!“ „Doch!“ schreien, aber ich denke, das bringt uns nicht weiter. Vielleicht reden wir auch über verschiedene Arten von Abgrenzung, s. meine Anwort auf Christiane.

  10. Reisebedingt etwas verspätet: Hier sind inzwischen eine ganze Menge Aspekte aufgekommen, zu denen ich was sagen würde, aber ich nehme mal den, den ich für den zentralsten des Ursprungsbeitrags halte (die Kinderoperations- und erziehungsproblematik mal außen vor gelassen).

    Als Betroffener bin ich auch geneigt, Hörprobleme und alles was daraus erwächst für ganz besonders zu halten und alles mögliche darauf zurückzuführen oder in Bezug darauf zu deuten. Aber ich denke, dieses Merkmal/dieser Umstand täuscht etwas darüber hinweg, dass es halt Leute gibt, die viel Kraft aus einer Kollektividentität und dem Leben in einer relativ homogenen Community ziehen und solche, die sich individueller durchs Leben schlagen. Solche, die sich stark abgrenzen und solche, die sehr inklusiv sind. Das soll jetzt keine Wertung sein, beides hat charakteristische Vor- und Nachteile.

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