Menschenähnlich (16)

So, es ist spät und ich muss in’s Bett, deshalb hier ohne Umschweife und große Worte das nächste Kapitel Menschenähnlich. Viel Spaß!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erweichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.
Im 13. Kapitel werden David und Kalon von Dick und Doof verhaftet, und die An’Yik macht sich Sorgen, weil die beiden nicht pünktlich am Treffpunkt erscheinen, nachdem sie entschieden hat, Jake vorerst nicht zu essen.
Shianuk und der Androide werden im 14. Kapitel vom Autokraten überrascht, und David, Kalon, Dick und Doof fallen in die Hände einer Einheit der Autokratischen Armee.
Im 15. Kapitel werden die Gefangenen dem Ersten Sekretär vorgeführt, aber etwas kommt dazwischen, und genau dieselbe Störung nutzen An’Yik, Shu’Nim und Jake, um einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Shu’Nim macht einen Witz

Was heute geschieht
„Gebieter, ich… I- Ich meine…“ Die Pontifex schloss kurz ihre Augen und atmete tief durch, bevor sie weitersprach: „Ich glaube nicht, dass ich für diese Arbeit geeignet bin. Ich weiß nicht einmal, was ich hier eigentlich tue. Wäre es nicht besser, wenn Sie selbst…“
„Es wäre immer besser, wenn ich selbst“, antwortete der Autokrat. Seine heisere Stimme klang klar und deutlich, obwohl er hinter einer dicken Glasscheibe stand, durch die er sie beobachtete. Denianda verstand nicht, wie das möglich war, aber es klang, als spräche er aus einer bestimmten Stelle an der Wand, vor der eine Art Gitter angebracht war. Es musste einer seiner technischen Tricks sein. „Aber bei gefährlichen Aufgaben ist es mir lieber, wenn andere ihr Leben riskieren. Und bei dir ist es nicht einmal mehr besonders viel, das du riskierst.“
Er hatte sie in einen Bereich des Palastes geführt, den sie noch nie zuvor betreten hatte. Der Raum, in dem sie sich nun befand, war sehr klein, was ihr Gefühl der Bedrohung noch verstärkte. Sie konnte kaum drei Schritte nach links oder rechts tun, und höchstens zwei nach hinten. Sie war umgeben von matt glänzenden metallenen Wänden, sonderbaren Geräten und Werkzeugen, die sie nicht verstand, und merkwürdigen größeren und kleineren Fenstern, die nicht die Welt draußen zeigten, sondern rätselhafte Bilder, Zeichen und Lichter, die sich stetig veränderten.
Der Autokrat hatte den Raum sein Labor genannt, als er den Leibgardisten befohlen hatte, den Androiden dorthin zu tragen. Es waren vier von ihnen gewesen, und sie hatten sich sichtlich gequält mit der Last. Nun lag der sonderbare künstliche Mann nackt vor ihr auf einem metallenen Tisch, seine blauen Augen offen und starr auf die Decke gerichtet, reglos und kalt, wie eine Leiche. Seine Kleidung hatte sie aufgeschnitten. Ihn auszuziehen hätte viel zu lange gedauert.
Der Autokrat hatte ihr gesagt, dass sie die Schnitstelle suchen sollte, eine kleine Öffnung irgendwo, wahrscheinlich mit Metallkontakten. Sie tastete an seinem entkleideten Körper entlang, bemerkte dabei aber selbst, wie lächerlich ziellos sie dabei vorging. Sie musste sich eingestehen, dass sie sich fürchtete. Nicht nur wegen des engen verschlossenen Raums voller fremdartiger Geräte, der ihr keinerlei Fluchtmöglichkeit oder Versteck ließ.
Sie hatte gesehen, was der Android mit dem Munji gemacht hatte, und sie konnte nicht völlig darauf vertrauen, dass was auch immer der Autokrat mit ihm angestellt hatte, für immer wirken würde.
Was, wenn er plötzlich aufsprang und sich von ihr bedroht fühlte? Was konnte sie diesem Ding entgegensetzen, das einen zweieinhalb Räder hohen Munji buchstäblich in der Luft zerrissen hatte?
Warum hatte er sie sich nicht um das Mädchen kümmern lassen? Mit Menschen kannte sie sich aus, mit ihr wäre sie zurecht gekommen.
„Mach dich nicht lächerlich, Denianda“, wisperte der Autokrat. Nicht zum ersten Mal wünschte sie sich, seine Mimik zumindest gut genug deuten zu können, um zu beurteilen, ob er verärgert war, belustigt oder gelangweilt. „Du musst ihn schon anfassen, wenn du die Schnittstelle finden willst.“
Sie unterdrückte ein Seufzen und versuchte, sich zusammenzureißen. Sie wusste nicht einmal genau, wonach sie suchte, aber sie wagte nicht, es zu sagen. Es hätte auch zu weinerlich geklungen. Sie fühlte sich weinerlich. Sie war lange nicht mehr in direkter Gefahr gewesen. Denianda atmete noch einmal tief durch und fragte mit bewusst gesenkter Stimme: „Können Sie nicht vielleicht-“
„Was ist mit dir los, Denianda?“ zischte der Autokrat. Sie versuchte, sich nichts anmerken zu lassen, konnte aber nicht anders, als unwillkürlich ihren Kopf ein Stück zu senken und die Schultern hochzuziehen. Wunderbar. Als würde dieses schlafende Monster hier sie nicht nervös genug machen, musste er jetzt noch die Geduld mit ihr verlieren.
Sie gab es auf, Hilfe von ihm zu erwarten und versuchte, sich völlig auf ihre Aufgabe zu konzentrieren. Der Android roch merkwürdig. Es war nicht sehr intensiv, aber trotzdem war es ein unangenehmer, etwas beißender Geruch. Wie eine geringe Menge von etwas sehr Giftigem. Seine Haut fühlte sich auf subtile Art widerwärtig an, weil sie beinahe so ähnlich war wie echte Haut. Aber sie war kalt und vollkommen glatt und… nicht direkt klebrig, aber haftend.
„Wenn deine Aufgabe dich überfordert, kannst du es mich jederzeit wissen lassen“, zischte der Autokrat. „Und hör auf, seinen Arm zu streicheln wie eine debile Großmutter, auf diese Weise wirst du garantiert nichts finden! Such an Stellen, die man nicht sofort erkennen kann.“
Denianda wusste, was mit Höflingen geschah, wenn der Autokrat die Geduld mit ihnen verlor. Sie schluckte herunter, was ihren Hals zusammenschnürte, packte den kalten reglosen Arm vor ihr, so entschlossen sie konnte, und versuchte, ihn anzuheben. Vielleicht war die Schnittstelle ja in der Achsel verborgen. Sie bemerkte sofort, dass ihr Kraft nicht ausreichte, um den Arm so einfach zu bewegen. Sie ging ein wenig in die Knie und stemmte sich mit beiden Händen dagegen. Der kalte Arm des Androiden löste sich ein winziges Stück von dem mattgebürsteten stählernen Tisch, auf dem er lag, bevor er aus ihrem Griff rutschte und mit einem lauten Schlag und den Tisch zurückfiel. Erschrocken zuckte sie zurück, und erst, als sie sah, dass die Maschine sich noch immer nicht regte, wandte sie ihren Blick wieder dem Autokraten zu, dessen kleine schwarze stecknadelförmige Pupillen sie durch die Scheibe hindurch anstarrten. Seine Augenlider senkten sich kaum über seine Augäpfel, was seinem Blick eine unangenehme glotzende Intensität verlieh.
Sie hörte ihn aus dem Gerät in der Wand seufzen. „Wahrscheinlich haben sie die Schnittstelle irgendwo untergebracht, wo er von Verschmutzung geschützt und nicht sofort zu sehen ist. Versuch die Ohren, oder die Nase.“
Sie atmete tief ein und langsam wieder aus und erinnerte sich daran, dass der Android ausgeschaltet war. Er konnte sich nicht bewegen, und er konnte nichts fühlen, und sogar wenn er es doch könnte, dann hätte er keinen Grund, sie zu verletzen. Er kannte keine Wut und keine Furcht und würde in dem Konzept der Rache keinen Sinn sehen. So jedenfalls hatte es ihr der Autokrat erklärt. Denianda aber kannte Furcht, und sie hatte schon lange nicht mehr so viel davon verspürt. Wenn das Ding harmlos war, warum war der Autokrat dann nicht hier drin bei ihr?
Langsam beugte sie sich vor, um in das rechte Ohr des Androiden zu spähen und zwang sich, mit zwei spitzen Fingern die Ohrmuschel etwas zurechtzurücken, damit ihr Blick in den Gehörkanal frei war. Der Raum, in dem sie stand, war hell genug erleuchtet, obwohl sie nirgends eine Lichtquelle erkennen konnte. Sie konnte deshalb ohne große Mühe sehen konnte, dass sich am Ende eine Art feines Sieb befand, das matt messingfarben glänzte. War das eine Schnittstelle?
„Hier ist etwas im Ohr“, sagte sie, „Ich glaube, Metall, ein sehr feines Gitter, wie ein Sieb oder ein Filter…?“
„Ein Mikrophon“, antwortete er, „Wie uninspiriert, das im Ohr unterzubringen. Schau in die Nase oder den Mund.“
„Sein Mund ist verschlossen.“
„Denianda.“
Ihre Hand zitterte ein bisschen, als sie sie nach den Lippen des Androiden ausstreckte. Das hat nichts zu sagen, sagte sie sich, deine Hand zittert immer, du bist alt.
Sie schob die Unterlippe des Androiden herunter – obwohl sie eigentlich wusste, dass er natürlich keinen Speichel und keine Schleimhäute in seinem Mund hatte, war es doch sonderbar überraschend, dass seine Lippe sich kein bisschen anders anfühlte als der Rest seiner Haut. Immerhin kam auf diese Weise zu ihrer Angst nicht auch noch der Ekel, den fremde Körperflüssigkeiten bei ihr auslösten. Sie war die Pontifex, und sie hatte im Laufe ihrer Karriere oft an Befragungen teilgenommen, aber sie hatte es immer scheußlich gefunden, in fremder Leute Körperöffnungen herumzufuhrwerken.
Sie nahm ihre ganze Selbstbeherrschung zusammen und schob zwei Finger zwischen die Zähne, um den Unterkiefer des Androiden herunterzuklappen. Würde er reflexartig zubeißen, wenn er aufwachte?
Er wachte nicht auf, und verglichen mit dem Arm ließ sich der Kiefer recht gut bewegen. Sie spürte einen gewissen Widerstand, wie bei einer schweren Tür, aber es gelang ihr, den Kiefer nach unten zu drücken.
„Das hier… sieht ungefähr so aus, wie Sie es beschrieben haben“, wandte sie sich an ihren Gebieter.
Für einen Moment durchströmte sie die Erleichterung, aber das gute Gefühl war von kurzer Dauer, denn sie wusste, dass ihre Arbeit erst begonnen hatte.

„Ich habe immer noch nicht ganz verstanden, was eigentlich passiert ist“, sagte David. „Seid ihr nicht auf derselben Seite, ihr und die Soldaten hier?“
David, Heggar, Lamer und Kalon saßen gefesselt in einem Zelt, bewacht von einem Soldaten hier drinnen und einigen draußen vor dem Eingang, und warteten darauf, wieder dem Bürokraten in dem riesigen Zelt mit den Statuen vorgeführt zu werden – oder von den Angreifern aus dem Lager geschleppt und zu einem anderen Bürokraten gekarrt zu werden, wie auch immer die Sache ausgehen würde.
Er war müde und hungrig, und er war es gehörig Leid, wie ein Stück Ladung behandelt zu werden. Er wusste nicht, was los war und was mit ihm passieren würde. Die ganze Situation kam ihm zu surreal vor, als dass er wirklich Angst empfunden hätte, aber fragte sich doch ganz ernsthaft, wie wohl seine Chancen standen, Kate jemals wiederzusehen. Oder wenigstens Jake.
„Doch“, antwortete Heggar.
„Hm“, brummte David. „Ich hatte mir da eine… ausführlichere Antwort erhofft.“
„Da is’ Ruhe drin!“ mahnte der dicke Uniformierte, den die Soldaten mit ihnen in dem Zelt zurückgelassen hatten, um sie zu bewachen. „Der Nächste, der den Mund aufmacht, bekommt meinen Stiefel rein.“
David zuckte die Schultern und schwieg. So neugierig war er nun auch wieder nicht. Er versuchte vergeblich, eine halbwegs bequeme Sitzposition zu finden. Das Zelt war leer, abgesehen von den anderen dreien, es gab also nichts, woran er sich lehnen konnte, abgesehen von den Rücken der anderen, und dafür hätten sie sich wahrscheinlich mehr bewegen müssen, als Herr ‚Ruhe drin’ erlaubt hätte.
Es blieb ihnen also nichts anderes übrig, als unbequem zu sitzen oder sich auf den weichen matschigen Boden zu legen, über dem das Zelt aufgespannt war. Alle vier entschieden sich zu sitzen und lauschten stumm dem Kampfeslärm, bis der auf einmal gar nicht mehr so fern war.
David dachte darüber nach, wieso er seit der Notlandung so wenig an Kate gedacht hatte. Sicher, es war nicht viel Zeit gewesen, um sie zu vermissen, er hatte dringendere Sorgen gehabt, aber doch… Früher hatte er sie kaum ein paar Tage verlassen können, ohne von dem Wunsch gepackt zu werden, ihr zu schreiben oder ein Souvenir für sie zu kaufen. Natürlich war es genaugenommen für ihn auch erst ein paar Tage her, dass er sie verlassen hatte…
Der dicke Soldat drehte sich ruckartig zum Eingang des Zeltes, als von draußen unvermittelt das Klirren von Metall auf Metall erklang, gefolgt von einem mittendrin unterbrochenen Ruf: „Al…“ und dann einem dumpfen Stöhnen.
Er eilte nach draußen, es klirrte und gurgelte, und drei vermummte Figuren glitten lautlos in das Zelt hinein. Sie trugen so etwas wie Kaftane von einer hellgrauen, nicht ganz weißen Farbe, lederne Mokassins und hatten Tücher um ihre Köpfe gewickelt, die alles bis auf die Augen verdeckten. Nach dem, was sich unter den Kaftanen abzeichnete, vermutete David, dass es zwei Männer und eine Frau sein mussten. Die Frau hatte sonderbare Augen, ein kräftiges Violett, das aus sich selbst heraus zu leuchten schien.
„Sagt nicht, dass das jetzt wieder eure Leute sind“, raunte er in Richtung Lamer. Es hätte zu dieser Muppet-Show hier gepasst, wenn jemand von Lamers Fraktion sie jetzt aus diesem Zelt holen würde, nur, um sie dann wieder an eine Fraktion der Angreifer zu verlieren, denen dann vielleicht wiederum die Soldaten des Bürokraten aus dem Statuenzelt…
„Nein“, erwiderte Lamer, „Das- also, wenn ich nicht sehr, ich meine, wahrscheinlich – es sei denn…“
„Shuler“, sagte die Frau zu einem ihrer Begleiter, „Kli par Sám na haj pe quo.“ Ihre Stimme war ein kräftiger Alt, aber eindeutig weiblich.
„Ich denke, Andarssianische Meuchler“, vollendete Lamer seinen Satz, oder was bei ihm als Satz durchging.
„Wundervoll“, flüsterte David. Meuchler. Wenigstens würde die Sache dann wohl doch ein unkompliziertes Ende nehmen. „Ich nehme nicht an, dass der Begriff hier bei euch eine völlig andere Bedeutung hat als bei uns?“
Der Vermummte eilte zu den vier Gefesselten und kniete vor Kalon nieder, um ihn sich näher anzusehen. Er hatte ihr kaum den Rücken zugewandt, als die linke Hand der weiblichen Meuchlerin in ihren Kaftan glitt und schnell wieder herauszuckte. Aus dem Hals des knienden Mannes ragte plötzlich ein etwa daumenlanges Stück Metall. Er fiel mit einem leisen Röcheln seitlich um.
„Was soll…“ begann der dritte, aber seine Kameradin unterbrach ihn mit deinem kräftigen Stoß zweier Finger gegen seinen Kehlkopf und einem Dolchstoß in sein Herz.
Die beiden Männer zuckte noch einige Sekunden lang hilflos und schwach, bevor ihre Körper ganz erschlafften.
„Offenbar nicht…“ murmelte David, aber niemand wusste seinen Humor zu schätzen.
Die violettäugige Meuchlerin zog das Tuch zur Seite, das ihr Gesicht verdeckte und blickte auf ihre toten Kameraden, und obwohl David kaum etwas von ihrem Gesicht sehen konnte, war er sich ziemlich sicher, dass er ihr Lächeln ausgesprochen beunruhigend fand. Da war nicht nur das zufriedene Bewusstsein der eigenen Überlegenheit, sondern auch einfach… selige Freude darüber, dass die beiden tot waren.
Sie huschte zu David und kniete vor ihm nieder, ganz ähnlich, wie der andere es vor hin bei Kalon gemacht hatte. Ihre Bewegungen waren beinahe so schnell wie die der Androidin, nur nicht so abgehackt, sondern fließender, menschlicher. Sie sah in seine Augen. Es hatte etwas Hypnotisches. Der Moment kam ihm viel länger vor, als er in Wirklichkeit war. Ihre violetten Iriden waren von rötlichen Sprenkeln durchzogen, die trotz des gedämpften Lichtes im Zelt zu schillern schienen. Ihr Gesicht gefiel ihm, sie hatte hohe Wangenknochen und leicht mandelförmige Augen. Ihre Lippen waren vielleicht ein bisschen zu schmal, aber das störte ihn nicht. Ihr Atem war sehr warm in seinem Gesicht und roch nach etwas Fruchtigem, etwas zu Süßlichem, wie überreife Mango. Ihre Augenbrauen waren orange.
„Ich denke, wir – Sie – wir sollten – also, falls“, begann Lamer.
Sie wandte sich kurz ihm zu, legte einen langen schlanken Zeigefinger auf ihre Lippen und hauchte ein leises „Pssschhh…“
David bemerkte, dass ihre Nägel sehr kurz geschnitten waren, mit Ausnahme des kleinen Fingers, der eine spitz zulaufende Klaue aufwies, die kaum kürzer war als der Finger selbst.
„Du bist es“, sagte sie, „Aber du bist kein Konstrukt. Du bist lebendig.“ Sie sprach klar verständlich, aber dennoch mit einem deutlich hörbaren weichen Singsang-Akzent, der David an die thailändische Sprache erinnerte.
Er nickte, ohne seinen Blick von ihrem abzuwenden.
„Warum hast du gerade deine beiden Freunde umgebracht?“ fragte er.
Wieder dieses Lächeln, von dem er sich nicht sicher war, ob es auf kranke Art liebenswert oder auf liebenswerte Art krank war.
„Weil wir dich zum Fürstkomtur von Andarssia bringen sollten. Ich will aber viel lieber dahin, wo du herkommst. Ich bring dich hier raus, wenn du mich hier raus bringst.“
Er sah sie mit gerunzelter Stirn an. „Was, wenn ich jetzt nein sage? Die beiden sind doch tot.“
Ihre Auftraggeber wären wohl kaum besonders begeistert, wenn sie ihnen sagte, dass sie es zunächst einmal mit Verrat hatte versuchen wollen.
Kalon stieß ihm einen Ellenbogen in die Seite. „Bring sie nicht auf dumme Gedanken“, zischte er, um dann in überzogen freundlichem Ton hinzuzufügen: „Natürlich nehmen wir dich mit.“
David hörte ein tiefes brummiges genervtes Stöhnen von Heggar.
Für einen Sekundenbruchteil flackerten ihre Augen zu Kalon hinüber, bevor sie wieder David fixierte. „Du bist von hier“, sagte sie, ohne Kalon noch einmal anzusehen, „Deine Antwort interessiert mich nicht.“
David sah sie unentschlossen an. Es war weniger die Tatsache, dass er schon Kalon und An’Yik versprochen hatte, sie mitzunehmen, ohne auch nur eine Ahnung zu haben, wie und ob er diesen anstrengenden Planeten überhaupt verlassen konnte. Es war mehr die Tatsache, wie gefesselt er von ihren Augen und ihrem Gesicht und ihrer ganzen Persönlichkeit war, obwohl sie gerade vor seinen Augen zwei Männer ermordet hatte, die ihr vertraut hatten. Er liebte Kate, und er war in den vierundzwanzig Jahren, die er sie kannte, nie auch nur in Versuchung geraten, sie zu betrügen.
„Wenn du nein sagst, bringe ich dich eben zum Fürstkomtur. Shuler und Kreff sind während der Mission gefallen. Für Andarssia. Ihre Familien werden stolz auf sie sein.“
Ihre Familien. Die Versuchung hatte gerade spürbar nachgelassen. Trotzdem gab es natürlich nur eine Antwort auf ihre Frage. Er öffnete den Mund, um sie zu geben, als die Klappe zum Zelt sich wieder bewegte.
Sie sah es sofort in seinem Gesicht, und noch bevor ihm überhaupt bewusst wurde, dass er sie gerade gewarnt hatte, ohne es zu wollen, war sie bereits aufgesprungen und herumgewirbelt und stand mit zwei Dolchen in ihren Händen vor ihm.
David hörte leise Stimmen von draußen, bevor die Klappe sich öffnete und jemand eintrat. Die Hände der Meuchlerin zuckten, und die beiden Dolche waren plötzlich in Shu’Nims Händen.
„Sie sollten nicht weiter versuchen, mich mit derartigen Waffen zu verletzten“, sagte die Androidin in ihrer sonderbar freundlich seelenlosen Stimme. „Es ist zwecklos.“
David sah, wie die Schultern der Meuchlerin sanken.
„Sie ist das künstliche Lebewesen, oder?“ fragte sie.
„Ja“, antwortete er.
Sie drehte sich wieder zu ihm um und lächelte, diesmal aber mit einem freundlichen, mitgefühlheischenden Lächeln, das an ein Kind erinnerte, das bei einem kleinen Streich erwischt wurde und hofft, dass es trotzdem nicht bestraft wird.
„Dann wird es wohl nichts mit unserer Abmachung, was?“
Eine stählerne Spitze wuchs aus ihrer Brust, und der weiße Kaftan färbte sich rot. Sie öffnete noch einmal ihren Mund. David war sich nicht sicher, ob vor Überraschung, oder weil sie noch etwas sagen wollte, dann fiel sie auf ihre Knie. An’Yik zog ihre Waffe aus ihr heraus und stieß sie mit dem Fuß zu Boden. David sah, wie die Meuchlerin mit den violetten Augen – sie waren weit offen, aber blicklos – seitlich auf den Boden aufschlug und ein dünnes Rinnsal von Blut aus ihrem Mundwinkel lief. Plötzlich war ihr Gesicht gar nicht mehr so faszinierend. Überhaupt schien sie sich völlig verändert zu haben, mit dem Moment, in dem das Leben aus ihr wich.
Wie schnell so etwas geht, dachte er.
„Das war knapp“, sagte An’Yik. „Gehen wir.“

Lesegruppenfragen:

  1. Ich wollte die Pontifex in der ersten Szene bewusst ein bisschen verunsichert und ängstlich zeigen, obwohl es nicht zu ihr zu passen scheint. Findet ihr, dass das nicht zu ihrem Charakter passt?
  2. Findet ihr Davids Reaktion auf die Frau mit den violetten Augen übertrieben, oder geht das noch?
  3. Was meint ihr: Soll die Meuchlerin wirklich tot sein, oder wollt ihr sie wiedersehen? (Wir sind hier zwar total interaktiv und Zeugs, aber ich verspreche trotzdem ausdrücklich nicht, mich an euer Votum zu halten. Eure Meinung wird aber auf jeden Fall angemessen bei meiner Entscheidung berücksichtigt. Schön, oder?)
  4. Und wo wir gerade dabei sind: Was glaubt ihr wohl, was jetzt mit Lamer und Heggar passiert?
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11 Responses to Menschenähnlich (16)

  1. Chlorine sagt:

    1. Ich finde ebenfalls, dass ihr neuerliches Verhalten nicht recht passend scheint. Man sollte meinen, sie ruhe in sich selbst und hätte aufgrund ihres Alters keine Furcht vor Schmerz oder dem Tod.

    2. Übertrieben? Du meinst, dass er sofort erwägt, seine langjährige Gefährtin zu betrügen? Nein, eigentlich nicht. Schließlich ist die Dame mit den außergewöhnlichen Augen ein echter Hingucker.

    3. Das war irgendwie ein wenig, wie der Auftritt eines Redshirts bei Star Trek. Mit dem Unterschied, dass sie unbedingt in die Verlängerung gehen sollte. Ein Wesen, das einen so starken Eindruck auf einen Protagonisten macht, muss reanimiert werden! Ein echtes Redshirt bleibt eher unauffällig und ist absolut austauschbar.

    4. Lamer erwartet ein Kind, das nicht von Heggar ist. Die Ereignisse überschlagen sich. Ende. 😉
    Du weißt es selbst noch nicht, oder?

  2. Guinan sagt:

    1. Ganz so ängstlich erschien sie mir gar nicht. Immerhin hat sie es gewagt, dem Autokraten zu widersprechen.
    2. Human Interest? War doch klar, dass da noch etwas in der Richtung kommen musste. Mit Kate lief es ja anscheinend nicht mehr optimal.
    3. Ich möchte die Dame gern näher kennenlernen.
    4. Die Beiden sind entbehrlich, es sei denn du braucht noch irgendwelche Opfer.

  3. Andi sagt:

    1. Haah! Ich hab mir noch beim Lesen eine Notiz hier gemacht, dass ich dir hier schreiben wollte, dass mir Frau Pontifex ungewohnt zaghaft erscheint.
    Um deine Frage zu beantworten: ich denke, es passt zur Situation, aber nicht zu der Frau, die wir in den vorhergegangen Kapiteln kennengelernt haben.
    Der Autokrat und so ein Android können sicher sehr einschüchternd wirken. Und wer weiß, wie lange es bei ihr her ist, einen fremden männlichen Körper anzufassen?

    2. Nö. Wenn die so faszinierend halt ist und so gut aussieht… er ist halt auch nur ein Mann und guckt da gerne hin. Deswegen will er die ja noch lange nicht heiraten.

    3. Wenn sie nicht tot ist, sollte sie vielleicht erst dann wieder auftauchen, wenn David & Co. sich aus ihrer misslichen Lage befreit haben. Also völlig überraschend quasi wieder auftauchen. Das hätte Stil. Find ich.
    Ansonsten hätte ich auch wenig Probleme damit, wenn sie jetzt tot wäre. Aber dann hättest du dir die Beschreibung von ihr sparen können und wie David auf sie reagiert… Will sagen: die ist nicht tot. 🙂

    4. Lamer lernt das Sprechen, weil Kalon und Heggar eine Fortbildung in Logopädie machen und ihm helfen können. Ansonsten: Kopf ab.

    5. Was ist eigentlich mit Jake? Ich will wissen, wie´s Jake geht. Menno! 🙂

  4. Muriel sagt:

    So, ach, gute zwei Tage nach dem ersten Kommentar kann ich mich dann ja vielleicht auch noch mal äußern. Dank geht natürlich an alle Mitleser und besonders die Kommentatoren.
    @Chlorine: 1. Natürlich liegt es mir fern, dir deine Auffassung streitig zu machen, aber nur so der Vollständigkeit halber weise ich doch mal darauf hin, dass die Pontifex gleich zu Ende ihrer ersten Szene zum Ausdruck bringt, dass sie Alter, Schmerz und Tod kein bisschen gleichmütig gegenüber steht.
    2. Eben.
    3. Für ein Redshirt hätte sie doch auch viel zu viel Text…
    4. Ich weiß gar nichts. Ich bin nicht so der Planer…
    @Guinan: 3. Freut mich. Ich eigentlich auch… (Der nächste Teil ist schon so gut wie fertig, erscheint aber heute sicherlich nicht mehr.)
    4. Hatte ich schon mal gesagt, dass dein Urteil über meine Romanfiguren manchmal auffällig kaltherzig wirkt? Vielleicht hast du den falschen Nickname gewählt…
    @Andi: 1. Na, du kommst auf Assoziationen.
    3. Bin gespannt, ob du in der von mir gewählten Lösung dann auch ein bisschen Stil erkennen kannst. Davon ab: Wenn man immer schon anhand der detaillierten Beschreibung erkennen kann, dass jemand wichtig ist, ist das doch aber auch langweilig, oder?
    4. Noch so einer…
    5. Ich fürchte, der hat im nächsten Kapitel wieder nur eine Nebenrolle. Aber es geht ihm den Umständen entsprechend gut.

  5. Andi sagt:

    zu 3: Ach, mit Sicherheit. Bisher hat mir von dir noch immer alles gefallen. 🙂
    Beim zweiten Punkte haste natürlich recht. Das wär so Holzhammer. Nicht gut.
    zu 4. Wie jetzt? Alles, was entbehrlich ist, muss halt weg. Sei nicht so zimperlich. Warste in anderen Veröffentlichungen auch nicht. 🙂

  6. Guinan sagt:

    Du neigst leider gelegentlich dazu, gerade die interessanten Personen umzubringen. Vielleicht lässt du dich ja ablenken, wenn man dir ausreichend andere Opfer anbietet.
    Welchen Namen hättest du denn angemessen gefunden?

  7. Muriel sagt:

    @Guinan: Ich sehe das als eine Art Übung in auktorialer Fairness. Ich möchte die Charaktere, die ich mag, nicht bevorzugen, und dabei überkompensiere ich vielleicht ein bisschen.
    Zum Namen: Tja. Der Star-Trek-Charakter, der mir als Erster einfiele, wenn es um das mitleidslose Töten zahlloser Leute geht, wäre wohl Captain Janeway, aber dafür bist du natürlich viel zu sympathisch. Q vielleicht, die hatten auch immer dieses angenehm entspannte Verhältnis zu menschlichem Leid.

  8. Guinan sagt:

    Hey, nichts gegen Kathryn Janeway, die hatte ich bei der Nicksuche durchaus mit auf dem Plan. Äußerst effektiv, grandiose Selbstbeherrschung, und dann noch das romantische Element mit dem zurückgelassenen Verlobten, das hat doch was. Die Q waren mir dagegen nie so ganz geheuer, die Idee der Allmächtigkeit ist mir von Grund auf suspekt.

  9. Muriel sagt:

    @Guinan: Oha. Na gut, wozu gäbe es verschiedene Menschen, wenn wir alle den gleichen Geschmack hätten?

  10. Chlorine sagt:

    @Muriel:
    nochmal zum ersten Punkt: Das hatte ich schlichtweg nicht mehr auf dem Schirm. 😦

  11. Muriel sagt:

    @Chlorine: Mach dir nichts draus. Ich denke zwar, dass für euch alle sehr erbaulich wäre, meine Texte komplett auswendig zu lernen, aber ernsthaft erwarten kann ich es wohl doch nicht von euch…

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