Wenn ich die Augen zumache, können sie mich nicht sehen…

Aha. Es ist also mal wieder soweit. Nieder mit den Zockern. Wer mit Spekulationen Staaten in Schieflage bringe, gehört gebrandmarkt. Ich glaube manchmal, dass die CSU es nicht besser hinbekäme, mich zu ärgern, wenn sie es gezielt darauf anlegten. „Der Gegner sind die Spekulanten an den internationalen Finanzmärkten, die staatliche Währungen kaputtmachen wollen und auf Staatsbankrotte setzen“ sagt der Generalsekretär dieser Selbsthilfegruppe bornierter Dorftrottel, und bekanntermaßen steht er mit seiner Einstellung auch außerhalb seines blauweißen Kegelclubs keineswegs alleine da. Deshalb einmal kurz zum Einstieg an alle, die undifferenziert über Casino-Kapitalismus schimpfen: Ihr regt mich auf. So. Jetzt kann ich wieder sachlich.

Falls ihr noch gar nicht wisst, wovon ich rede: Herr Dobrindt findet es doof, dass manche Leute mit verschiedenen Finanzinstrumenten darauf gesetzt haben, dass Griechenland seine Schulden nicht bezahlen kann. Die Einzelheiten dieser Instrumente erkläre ich hier nicht, weil sie aus meiner Sicht für diejenigen unter euch, die es nicht eh schon wissen, wohl furchtbar langweilig wären. Aber stark vereinfacht ist der Vergleich vielleicht gar nicht so falsch, dass es sich dabei um eine Art Wette auf einen griechischen Staatsbankrott handelt. Das ist in meinen Augen erst einmal eine Ausübung der allgemeinen Handlungsfreiheit, die der Staat nicht zu unterbinden hat, sogar, wenn ich mich nur aus Jux und Tollerei dazu entscheide.

Darüber hinaus erfüllen diese Spekulationen aber sogar noch verschiedene wichtige Funktionen: Sie sind ein Informationsinstrument. Sie sammeln die Informationen der Marktteilnehmer und machen sie verfügbar. Sie erlauben damit bessere Prognosen über die Zukunft, ähnlich wie die Quoten von Buchmachern eine ziemlich gute Prognose darüber erlauben, wie Sportwettkämpfe ausgehen. Genauso wie diese Quoten liegen sie nicht immer richtig. Aber sie liegen auf lange Sicht öfter richtig als jede einzelne Person, und sei sie auch noch so klug und gut informiert. Das liegt daran, dass diese Quoten und Preise aggregiert sind aus vielen, vielen Einzelprognosen und uns daher erlauben, auf elegante und effiziente Art, die Weisheit der Vielen zu nutzen.

Das Ziel des Verbots solcher Spekulationen rechtfertigt sich, so wie ich es verstehe, ungefähr so: Wer darauf wettet, dass zum Beispiel der Wert einer Aktie sinkt, der hat ein Interesse daran, dass es dem entsprechenden Unternehmen schlechter geht. Er hat also einen Anreiz, dem Unternehmen zu schaden. Oder einer Währung, oder einem Staat, um beim aktuellen Beispiel zu bleiben. Damit er das nicht tut, verbietet man diese Art von Spekulation. Das ist in meinen Augen ungefähr so, als würde man Gebäude-Brandversicherungen verbieten, damit Hauseigentümer keinen Anreiz mehr haben, ihre Häuser anzuzünden.

Denn auch das ist eine Funktion von Finanzderivaten: Sie begrenzen Risiken. So ist das beispielsweise bei den Leuten, die darauf spekulieren, dass Griechenland seine Kredite nicht bedienen kann. Viele von ihnen sichern auf diese Weise einfach nur Kredite ab, die sie an Griechenland gegeben haben. Aber ich will das hier nicht zu weit ausufern lassen und wieder zum Kern der Sache zurückkommen:

Genauso, wie man auf fallende Kurse spekulieren kann, kann man auch auf steigende wetten. Zum Beispiel, indem man heute eine Aktie zu einem bestimmten Termin kauft und darauf hofft, dass der Preis dafür bis dahin höher liegen wird als der, den man jetzt vereinbart. Ich würde sogar behaupten, dass tatsächlich zu jeder Spekulation auf fallende Preise jemand gehört, der auf steigende oder zumindest weniger stark fallende Preise spekuliert. Weil es keinen Verkauf ohne Käufer geben kann. Und wer das macht, der hat einen Grund, Märkte so zu manipulieren, dass die Preise steigen, was auch gefährlich sein kann. Das Problem an den gefürchteten Immobilienblasen ist ja nicht, dass die Preise am Ende zusammenbrechen, denn das ist gerechtfertigt. Das Problem ist, dass die Preise vorher endlos steigen.

Man schließt durch den von Herrn Dobrindt gewünschten Kampf gegen die schlechten Spekulanten also gewissermaßen einige Stimmen aus dem Markt aus, die fallende Preise prognostizieren. Das verringert die Prognosefähigkeit des Marktes und verzerrt die Preisbildung. Oder, um es mit Rayson von B.L.O.G. zu sagen: „Spekulation ist wohl nur dann echte Spekulation, wenn sie dem Willen der Politik zuwiderläuft.“

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9 Responses to Wenn ich die Augen zumache, können sie mich nicht sehen…

  1. Muriel sagt:

    Falls einige meiner aufmerksamen Leser sich wundern sollten: Diesen Beitrag habe ich tatsächlich gestern um 22:07 Uhr veröffentlicht, allerdings hat WordPress ihn dann merkwürdigerweise beim 06. März eingeordnet. Das ist mir erst heute früh durch einen Hinweis einer freundlichen Leserin aufgefallen, weshalb er bis vor Kurzem noch nicht hier auf der ersten Seite zu sehen war. Danke für den Tipp, Guinan.

  2. Andi sagt:

    Ist heut gar nicht der 6. März? 🙂

    Dass du hier nochmal Rayson zitierst und dass ich ihm dann auch noch recht geben muss…
    Wo kommt der Dobrindt eigentlich her? Den nehm ich erst in letzter Zeit so richtig wahr. Und kann der nicht bitte dahin zurückgehen, wo er hergekommen ist?

  3. ebook leser sagt:

    10 Jahre dauert die Sanierung Griechenlands. 140 Milliarden Euro für die ersten 3 Jahre. Das ist ein Fass ohne Boden und wofür. Dass unsere Politiker geschlafen haben. Ich finde das unfassbar. Die ganzen Politiker, egal ob die deutschen oder die aus Griechenland haben ihre Unfähigkeit bewiesen. Warum ist das für die ohne Konsequenzen? Darüber sollte man mal nachdenken.

  4. Westrup sagt:

    „Once traders start betting against a country’s bonds or its currency, the herd instinct takes over. Greece’s budget deficit is not particularly high by world standards – 13.6% versus 11% in the UK, and 12.3% in the US. But traders perceived its sovereign debt structure as too risky and prophecies of doom became self-fulfilling.“

    Irvin im Guardian (http://www.guardian.co.uk/commentisfree/2010/may/02/greece-default-debt-choice)

    Ich find’s super. Wir sollten alle nur noch wetten. Die einzige Frage, wer produziert dann noch was zu fressen.

  5. Muriel sagt:

    @Westrup: Ich bin mir ehrlich nicht sicher, ob ich überhaupt verstehe, was du mit diesem Kommentar sagen möchtest, aber das, was ich zu verstehen glaube, legt mir die Frage nahe, ob du meinen Beitrag überhaupt gelesen hast.

  6. Westrup sagt:

    OK, ich versuch’s noch mal: Spekulation schlechte Sache. Du haben Unrecht.

  7. Muriel sagt:

    @Westrup: Hast du schon mal überlegt, ein eigenes Blog zu schreiben? Ich mag die Art, wie du die Gegenposition auf ironische Weise ad absurdum führst, indem du sie dir scheinbar zu Eigen machst. Das hat irgendwie Klasse.

  8. […] berichtet Spiegel Online, und ich will ausnahmsweise darauf verzichten, über die schwachsinnige Idee an sich zu schimpfen, um mich stattdessen ein bisschen über die Berichterstattung aufzuregen. Medien könnten dafür da […]

  9. […] Regierungen zur Lösung der aktuellen Krise gerade gehen: Verbot von unerwünschter Spekulation, öffentliche Beschimpfung derer, die Zweifel am System äußern, Verbot von schlechten Ratings. Ich warte auf erste Vorschläge zur Ausweitung des Tatbestands des […]

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