Vorurteile, oder nicht

Letzten Freitag Abend habe ich etwas gesehen, über das ich seitdem nachdenke. Nicht ununterbrochen, aber immer wieder.

Ich war auf dem Weg zum Hamelner Bahnhof und sah am gegenüberliegenden Straßenrand einen dieser Pseudo-Sportwagen stehen, keine Ahnung, vielleicht war es ein alter Honda Civic, mit allerlei geschmacklosen Anbauten und einem riesigen Spoiler. Der Kofferraumdeckel des Honda Civic war aufgeklappt, und darin eingebaut waren zwei große Lautsprecher, die einen Technorhythmus in die Welt hinausdröhnten, der im Wesentlichen aus fünf sich stetig wiederholenden Tönen bestand. Auf der Kante des Kofferraums, halb sitzend, halb angelehnt, sah ich einen Mann ohne Oberbekleidung, der in der linken Hand eine Zigarette hielt und mit der rechten eine Dose Bier an seine Lippen. Ich schätzte, er müsste irgendwas um Ende zwanzig sein. Ich konnte sehen, dass er einen Ohrring trug, und so einen fürchterlichen Vergewaltigerschnurrbart. Über seinen Hosenbund quoll ein für sein Alter schon beeindruckend zu nennender bleicher Bierbauch.

Ich wollte mich gerade mit einem Kopfschütteln und einem Lächeln abwenden und sowas denken wie: „Naja, soll jeder sein Wochenende so verbringen, wie er möchte“, aber dann sah ich das kleine Mädchen auf dem Rücksitz des Autos. Es war vielleicht vier oder sechs Jahre alt, ich kann so etwas nicht gut schätzen, und schaute gelangweilt durch das Fenster in meine Richtung.

Mit Lächeln war nichts mehr. Ich weiß nicht, ob mich das zu einem bornierten, bigotten, elitären Spießer macht. Ich denke schon, dass der erste Anschein durchaus sehr täuschen kann. Ich weiß, dass ich aus dem kurzen Blick, den ich in das Leben dieser beiden Menschen geworfen habe, eigentlich keine sinnvollen Schlüsse ziehen kann. Aber ich könnte weinen, wenn ich darüber nachdenke, dass der Mann wahrscheinlich der Vater dieses Mädchens ist. Und dass es wahrscheinlich nicht nur ein außergewöhnlicher Sonderfall war, dass er sein Kind zu seiner kleinen Straßenrandsession mitgenommen hat.

Ich bin ein nachdrücklicher Befürworter individueller Freiheit, und niemand sollte anderen ungefragt in ihr Leben hineinreden, schon gar nicht der Staat Eltern in die Erziehung ihrer Kinder. Aber verdammt noch mal, Kinder sind in meinen Augen eine heilige Verpflichtung, und wer welche hat, und so mit ihnen umgeht, der gehört geschlagen.

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14 Responses to Vorurteile, oder nicht

  1. […] This post was mentioned on Twitter by erziehung. erziehung said: Vorurteile, oder nicht « überschaubare Relevanz: Ich bin ein nachdrücklicher Befürworter individueller Freiheit, u… http://bit.ly/cVyNkF […]

  2. […] Muriel hat einen Beitrag über die Wut geschrieben, die einen packt, wenn man irgendwelche Dummbeutel mit Kindern sieht und […]

  3. Tim sagt:

    Tja, schließt individuelle Freiheit ein, daß ich meine Kinder erziehen darf, wie ich will? Ich finde: nein, denn das wäre eine Einschränkung der Freiheit des Kindes. Jedes Kind muß die Chance haben, zu einem vielseitig interessierten Erwachsenen zu werden. Nur dann kann es selbst im positiven Sinne frei entscheiden, was es später aus seinem Leben machen möchte.

  4. Muriel sagt:

    @Tim: Schon klar. Aber wer entscheidet, wie man jedem Kind diese Chance bietet? Ich meine, ich mach das zur Not, wenn sonst keiner will, aber ich bin nicht sicher, ob das gut ginge…

  5. Ron sagt:

    „Kinder sind in meinen Augen eine heilige Verpflichtung“. So ist es. Punkt!

    Es ist allerdings tatsächlich die Frage, wie man diese Verpflichtung definieren will. Vielleicht hat der Typ schon was Gutes getan (oder meint es zumindest), indem das Kind nicht alleine Zuhause vor dem Fernseher sitzen musste? Oder weil er dem Mädchen (noch) kein Bier gegeben hat? Oder weil es „Musik“ aus einer ganz tollen Anlage „genießen“ kann? Man weiß es nicht.

    Nicht dass wir uns falsch verstehen: ich bin auch einer von denen, die versuchen die Kinder so zu fördern und zu unterstützen, dass sie sich individuell entwickeln und eigene Stärken (und schwächen) entdecken können. Und über so eine Situation kann ich auch nur den Kopf schütteln und das Kind bemitleiden.

  6. Ron sagt:

    Achso, noch ein kleiner Nachtrag (und etwas abseits vom Thema): Ich würde solche Typen ja dann auch immer am liebsten Fragen, ob sie für dieses Jahr schon die GEMA-Gebühr bezahlt haben. Schließlich ist das ja eine öffentliche Aufführung und da wird meines Wissens nach die Gebühr fällig. 😉

  7. ruediger sagt:

    m2c: Zur Haltung von Hunden muss man eine Befähigung nachweisen können.

  8. bornabas sagt:

    Ich bin nicht Deiner Meinung. Ich denke nicht, dass Du (und Deine Kommentatoren) das Recht hast diese Situation oder diesen Mann zu verurteilen. Auch wenn er kein gutes Vorbild für seine Tochter sein mag, immerhin verbringt er Zeit mit ihr. Und wenn er sich bei so einer Session jedesmal mehr als 2 Bier reinhauen würde, hätte er wahrscheinlich keinen Führerschein mehr.

    Im Endeffekt ist es auch egal. Du kennst den Kerl nicht, Du weißt nicht wie er seine Tochter behandelt und mit einem Blogeintrag änderst Du nichts. Wenn Dir das Heil und die Zukunft des Mädchens (oder aller Kinder) wirklich so wichtig wäre, müsstest Du einen Verein gründen, Sozialarbeiter werden oder sonstwas tun, um die wirklichen problematischen Fälle zu finden und denen zu helfen.

    Ich finde Deine Reaktion wirklich verständlich und nachvollziehbar und ich hätte mir spontan wahrscheinlich das Selbe gedacht. Nach längerem Grübeln, kann ich Dir aber nicht zustimmen.

  9. Andi sagt:

    Es gibt einen Schlager von Ingrid Peters (jaja, ich höre Schlager, manchmal) und der trägt die Titelzeile: „Gebt auf die Kinder acht“ – ich find die schön. Und ich meine, sie ist hier passend. Ich kann dein Gefühl gut nachvollziehen. Ich selbst rege mich zum Beispiel gerne über rauchende Mütter mit Kinderwagen auf. Und neulich hab ich in der Bahn ein Elternpaar mit Kinderwagen und einem weiteren kleinen Mädchen gesehen, Mutter und Vater mit jeweils einer Bierflasche in der Hand. Ich finde es auch erschreckend, dass es solche Eltern gibt, Menschen, die so leben und sich ihrer Verantwortung nicht bewusst sind. Und irgendwie hab ich das Gefühl, dass es immer mehr werden.

    Warum dürfen wir diesen Eltern, die Vorbilder sein sollen, eigentlich nicht sagen, dass sie ihrer Verantwortung nicht gerecht werden? Man kann es ja höflich oder als Frage formulieren. Ist es schon zu sehr gesellschaftlicher Konsens, nichts zu sagen, wenn uns Unrecht begegnet? Warum darf man keiner Mutter, die im Supermarkt ihren Sohn in den Nacken schlägt, weil der an der Kasse quengelt, sagen, dass sie selbst geschlagen gehört, wenn das noch irgendwas nutzen würde?
    Aber ich schließ mich ja selbst nicht aus. Ich sag ja auch nix. Und ich finde das selbst ziemlich traurig von mir. Ich beschränke mich immer aufs abschätzig gucken.

    Kinder sind nicht nur eine heilige Verpflichtung, wie du so schön schreibst, sondern auch und gerade Zukunft.

  10. Ron sagt:

    @ bornabas:

    Will der Autor tatsächlich etwas mit seinem Blogeintrag ändern? So vermessen ist er denke ich mal nicht. Aber er kann seinem Ärger Luft machen und dafür kann so ein Blog ja auch da sein. Und den Hinweis auf den Verein/Sozialarbeiter/… finde ich an dieser stelle – sorry- polemisch.

    Ich habe ja oben schon geschrieben, dass es immer eine Definitionsfrage ist, wie jeder die Verpflichtung sieht. Natürlich kann das Verhalten aus Sicht des Vaters (vielleicht war es aber auch nur der Bruder) ok sein. Trotzdem darf jeder doch für die eigene Einschätzung auch die eigenen Maßstäbe anlegen – oder nicht? Und ja, dann nehme ich mir auch raus den Mann zu „verurteilen“. Zudem brauchen wir glaube ich nicht darüber diskutieren, dass die Freizeit für Kinder sicherlich sinnvoller gestaltet werden kann.

  11. bornabas sagt:

    @Ron:

    Ich denke schon, dass der Autor mit diesem Blog(eintrag) was verändern/verbessern will. Oder willst Du wirklich nur Deinem Ärger Luft machen, Muriel? Hauptthema ist aber – und das steht auch in der Überschrift -, ob es sich hierbei um Vorurteile handelt oder nicht und ich denke, dass Vorurteile zu Deinen/Euren Meinungen führen.

    Sobald man sich mit anderen Meschen nur aus der Ferne befasst, hat man kein wirkliches Interesse an der Situation, sondern es läuft meistens nur darauf hinaus, sich aufzuregen und sich selbst als überlegen zu fühlen. Das kommt auch in Andis Kommentar rüber:
    „Warum dürfen wir diesen Eltern, die Vorbilder sein sollen, eigentlich nicht sagen, dass sie ihrer Verantwortung nicht gerecht werden?“

    Noch etwas zu Deinem letzten Satz:
    „Zudem brauchen wir glaube ich nicht darüber diskutieren, dass die Freizeit für Kinder sicherlich sinnvoller gestaltet werden kann.“
    Wir brauchen aber auch nicht darüber diskutieren, dass die Freizeit noch wesentlich schlechter gestaltet werden kann (Fernseher, Vernachlässigung, katholische Einrichtungen, …)

  12. Muriel sagt:

    @bornabas: Danke für deinen Kommentar. Auch die Gegenmeinung ist hier herzlich willkommen, und interessanter als die eigene ist sie meistens außerdem.
    Tja, warum habe ich diesen Eintrag geschrieben? Ich glaube, weder noch. Ich wollte ein Gefühl der Hilflosigkeit zum Ausdruck bringen darüber, dass viele, viele Menschen ihren Kindern Fürchterliches antun, ohne auch nur darüber nachzudenken, und dass niemand etwas dagegen tun kann. Und ich wollte eure Meinung dazu hören.
    Ich gebe dir damit Recht, dass ich den Mann in diesem konkreten Einzelfall vielleicht völlig falsch einschätze und ihm dadurch Unrecht tue. Es geht mir aber eigentlich auch gar nicht um den Einzelfall. Ich denke, dass wir uns darauf einigen können, dass es in Deutschland zahllose Familien gibt, die ihre Kinder genauso unmöglich behandeln, wie es in diesem Fall scheint, und teilweise natürlich sogar noch viel schlimmer. Und das Schreckliche daran ist, dass wir das in einer freiheitlichen Gesellschaft hinnehmen müssen, und dass es am Ende wahrscheinlich sogar das Beste für die Gesellschaft als Ganzes ist.
    Insofern trifft meiner Meinung nach auch deine Bemerkung nicht:

    „Wenn Dir das Heil und die Zukunft des Mädchens (oder aller Kinder) wirklich so wichtig wäre, müsstest Du einen Verein gründen, Sozialarbeiter werden oder sonstwas tun, um die wirklichen problematischen Fälle zu finden und denen zu helfen.“

    Denn was könnte ich als Sozialarbeiter oder sonstwas tun, um diesem Mädchen zu helfen?

  13. Andi sagt:

    bornabas:
    Ich würde mir nicht anmaßen zu sagen, dass Eltern, die ich einmal bei einer, ich nenne es mal so, Verfehlung beobachte, dauerhaft ihrer Verpflichtung nicht nachkommen. Es geht nur um diesen einen Moment.
    Ich fühle mich auch nicht überlegen in dem Moment, ich fühl mich eher hilflos. Ich würd mich gern auf die Seite der Kinder schlagen, tu es aber nicht, weil ich es aus ganz vielen unterschiedlichen Gründen nicht kann.

  14. Ron sagt:

    @ bornabas

    Zu Deinem letzten Satz zu meinem letzten Satz: Genau das wollte ich (auch) mit meinem ersten Kommentar sagen. 😉

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