Innere Werte

Über das Thema Organspende rege ich mich regelmäßig ganz emphatisch auf, und trotzdem habe ich hier noch nie darüber geschrieben. Ist mir gerade erst aufgefallen. Merkwürdig.

Der Grund, aus dem ich gerade daran denke, ist das mäßig interessante Sachbuch „Nudge„. Darin geht es kurz zusammengefasst darum, dass Menschen in ihren Entscheidungen sehr leicht durch kleine, scheinbar unbedeutende Anregungen beeinflusst werden können, und wie man ihnen auf diese Weise einen Schubs in die richtige Richtung geben kann. Ein sehr bekanntes Beispiel dafür ist die Sortierung von Waren in Supermärkten: Auf Augenhöhe und gut erreichbar liegen die Produkte, die man vorrangig kaufen soll, obwohl es wirklich keine nennenswerte Mühe wäre, sich ein bisschen zu bücken, hat diese Sortierung erheblichen Einfluss auf das Einkaufsverhalten der Kunden.

Eine andere Möglichkeit, Entscheidungen zu beeinflussen, besteht darin, eine Standardentscheidung vorzugeben, die gelten soll, wenn jemand nicht explizit eine andere trifft. Es ist statistisch ziemlich gut belegt, dass das bloße Festlegen so einer Standardauswahl einen erheblichen Einfluss auf das Ergebnis hat. Die meisten von uns sind eben ziemlich faul, wenn es ums Denken und Entscheiden geht. Wer zum Beispiel schon mal eine etwas komplexere Software auf seinem Computer installiert hat, wird mir da aus eigener Erfahrung zustimmen können.

Vielleicht fangt ihr jetzt langsam an, euch zu fragen, was das alles mit Organspenden zu tun haben soll. Ganz einfach: Auch hier geht es um Entscheidungen, nämlich die der potentiellen Spender. Im Wesentlichen sind dabei drei Arten von gesetzlichen Regelungen möglich:

  1. Zustimmungslösung: Organe dürfen nur mit Zustimmung entnommen werden. Wer sich nicht ausdrücklich festlegt, wird also so behandelt, als würde er eine Organspende ablehnen. So läuft es zurzeit bei uns, aber auch in den USA.
  2. Widerspruchslösung: Organe dürfen nur dann nicht entnommen werden, wenn dies ausdrücklich untersagt wird. In diesem Fall wird jeder, der keine Entscheidung trifft, so behandelt, als wäre er mit der Entnahme seiner Organe nach seinem Tod einverstanden. So läuft es zum Beispiel in Österreich.
  3. Zwangslösung: Organe dürfen immer entnommen werden. Jeder muss also hinnehmen, dass nach dem Tod seine Organe entnommen und transplantiert werden. Diese Lösung wird meines Wissens nirgendwo umfassend praktiziert. Ich habe aber mal gelesen, dass zum Beispiel in Südafrika die Cornea eines Menschen (also die Hornhaut im Auge) entnommen werden darf, ohne dass dafür eine Zustimmung erforderlich ist.

(Die vierte Möglichkeit, dass Organtransplantationen immer verboten sind, mag ich nicht in die Liste aufnehmen, die ist mir zu blöd. Wird meines Wissens auch nirgendwo so gemacht.)

Hier in Deutschland dürfen Organe also nur mit der ausdrücklichen Zustimmung des Betroffenen (zum Beispiel in Form des bekannten Organspenderausweises) oder gegebenenfalls seiner Angehörigen entnommen werden. Das führt dazu, dass vielen Menschen keine Organe entnommen werden (dürfen), obwohl sie damit eigentlich völlig einverstanden gewesen wären.

Dass wir generell viel zu wenig Spenderorgane haben, ist euch sicherlich bekannt. 2008 starben ca. 1.000 (eintausend) Patienten, die sich auf der Warteliste befanden. 12.000 Menschen insgesamt warten auf Spenderorgane. 67% der Deutschen sind laut einer Forsa-Umfrage bereit, Organe zu spenden, aber nur 12% haben einen Organspendeausweis. (Alles Stand 2008) Wer es genauer wissen möchte, kann hier bei SpOn nachlesen.

Ich bin schlicht fassungslos, dass seit Jahrzehnten in diesem Land Jahr für Jahr etliche Menschen vorzeitig sterben, weil es keine geeigneten Spenderorgane für sie gibt, während gleichzeitig zahllose Organe einfach nur deshalb nicht entnommen werden dürfen, weil ihr Eigentümer Inhaber Träger sich nie die Mühe gemacht hat, so ein blödes Formular auszufüllen. Einer britischen Studie zufolge lässt sich durch die schlichte Einführung einer Widerspruchsregelung – also unserer Lösung Nr. 2 – die Zahl der verfügbaren Organe um 25 bis 30% steigern.

Ehrlich gesagt, kann ich mit den Leuten, die einfach zu faul sind, sich einen Spendeausweis zu besorgen, durchaus noch sympathisieren. Es ist ja auch nicht nur so, dass man sich das Ding erst mal irgendwie besorgen muss (Gibt es z.B. hier zum Download.), man muss es dann auch noch dauernd mit sich rumschleppen. Außerdem befasst man sich naturgemäß auch nicht so gerne mit dem eigenen Tod, für die meisten von uns ist das eine eher unerfreuliche Aussicht. Viel mehr kann ich mich über diejenigen ärgern, die sich bewusst dagegen entscheiden, Organe zu spenden, weil sie irgendwelche halbgaren, irrationalen Gründe dafür zu haben glauben. Religion ist ja immer für allen möglichen Unsinn gut, und besonders gern habe ich auch die, die meinen, Ärzte würden Organspender absichtlich sterben lassen, damit sie endlich an die leckere Leber rankommen. Ist diesen Leuten eigentlich klar, dass wegen ihres diffusen Unwohlseins bei dem Gedanken an Organtransplantationen andere Menschen sterben müssen?

Ich neige deshalb zu Lösung Nr. 3. Wenn ein Mensch stirbt, endet er. Er (oder sie) ist damit als Person nicht mehr existent. Niemand hat noch Eigentumsrecht oder auch nur ein Interesse an den Organen. Niemand hat auch nur den geringsten Vorteil davon, wenn sie in der Leiche verbleiben. Für den aber, der ein Transplantat braucht, geht es oft buchstäblich um Leben und Tod. Ein einziger Spender kann im Idealfall mehrere Menschen zugleich retten. Liberale Grundeinstellung hin oder her, ich könnte gut damit leben, wenn der Staat eine Pflicht zur Organentnahme schaffen würde. Die Feuerwehr fragt ja auch nicht erst den Eigentümer eines Autos, bevor sie es aufschneidet, um nach einem Unfall die Leben der Insassen zu retten. (Und falls er zufällig danebensteht, kann er noch so laut und nachdrücklich widersprechen, es ist egal.)

Ich sehe ein, dass diese Zwangslösung politisch zurzeit wohl nicht durchsetzbar ist. Ich finde aber, dass Lösung 2 – die angenommene Zustimmung – das Mindeste ist, was man tun kann. Wer zu faul ist, mal die Hand zu heben, um sicherzustellen, dass seine Organe nicht entnommen werden, der muss eben damit klarkommen, dass sie dann gegen seinen Willen anderen Menschen das Leben retten.

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27 Responses to Innere Werte

  1. Andi sagt:

    Ja, Lösung 2 scheint mir auch am praktikabelsten – Lösung 3 wäre schon irgendwo sehr radikal.
    Ich selber denke hin und wieder schon darüber nach, mich als Organspender eintragen zu lassen und hab´s bisher immer wieder verworfen – erstens aus Faulheit und zweitens, weil ich dachte, dass das noch Zeit hat. Das ist natürlich auch ziemlicher Quatsch, weil ich ja gar nicht weiß, wieviel Zeit ich noch habe.
    Also: ich werd´s durchziehen. So!

  2. Ich stimme dir mal bewusst nicht zu. Die Würde des Menschen ist ja bekanntlich lt. Grundgesetz unantastbar und das sollte auch für die Zeit nach meinem Tod gelten. Und wenn ich, aus irgend welchen Gründen, nicht möchte dass meine Organe für andere Menschen entnommen werden und mein Herz in der Brust eines anderen schlägt, dann ist das letztendlich mein gutes Recht. Ich kann ja auch nicht verlangen dass die Menschen Blut spenden nur weil wir zu wenig haben. Außerdem heißt es ja spenden, dass tut man für gewöhnlich freiwillig.

    Ich selbst habe einen Oranspendeausweis und meine nächsten Angehörigen wissen auch dass ich spenden möchte (falls der Ausweis mal nicht aufgefunden wird). Ich denke als letztes gute Tat (allzeit bereit, ne) kann ich auch meine eh unnützen Organe vergeben.

    Ich fänd Lösung 2 durchaus praktischer, wobei ich mir vorstellen kann, dass das rechtlich wieder etwas unsicher ist (nach dem Motto Ausweis nicht „gefunden“ etc.).

  3. Muriel sagt:

    @Andi: Lobenswert.
    @Bioschokolade: Schön, dass du mitdiskutierst. Ich verstehe deinen Standpunkt, aber ich finde eben einmal, dass ein Mensch nach seinem Tod keinen Grundrechtsschutz mehr genießt, sehe außerdem nicht ein, warum es ein Angriff auf die Würde ist, wenn man jemandes Organe entnimmt (Ist dann nicht eine Obduktion oder die Aufbereitung durch den Bestatter oder das schlichte Verrotten genaus entwürdigend?) und ich finde schließlich, dass es eben nicht jemandes gutes Recht ist, zu entscheiden, dass seine Organe mit ihm verrotten, obwohl sie jemand dringend bräuchte.
    Genauso, wie es nicht jemandes gutes Recht ist, dem Rettungswagen die Benutzung seines Privatweges zu untersagen, obwohl da jemand liegt und verblutet.
    Das Beispiel Blutspende passt aus meiner Sicht nicht ganz, weil Blutspender noch leben und deshalb noch Rechtsträger sind.
    Schließlich zur rechtlichen Unsicherheit: Dass ein Ausweis nicht gefunden wird, ist ja auch bei der jetzigen Lösung eine Gefahr. Und ich finde, wenn man das Risiko, dass aufgrund so eines Versehens Menschen mangels Organspende sterben, mit dem Risiko abwägt, dass aufgrund eines Versehens einer Leiche Organe entnommen werden, um Menschenleben zu retten, kommt man zu einem ziemlich eindeutigen Ergebnis.
    Ich hoffe, das kam jetzt nicht zu schroff rüber. Ich wollte mich nur ein bisschen kurz fassen…

  4. Muriel sagt:

    @Bioschokolade: Ach so, und wegen der Anführungszeichen und überhaupt: Ich gebe dir Recht, dass die Ausweislösung sowieso irgendwie doof ist. Eine Registrierung in einer zentralen Datenbank wäre dem in nahezu jeder Hinsicht vorzuziehen, wenn auch ein bisschen aufwändiger.

  5. Also eine Obduktion ist ja keine direkte Entnahme von ganzen Organen. Auch wenn die Organe entnommen und untersucht werden, werden sie in der Regel ja wieder dem Körper zu geführt. Zumal selbst wenn es entnommen würde, würde es ja nicht an andere Stelle weiter (lebend) existieren.
    Die Verweigerung einer Organentnahme entspricht ja auch oft einem gewissen Glauben, sei es die Überzeugung einer Religionsgemeinschaft oder einfach die bloße Vorstellung ‚ausgeräumt‘ begraben zu werden und zu wissen dass Teile von einem trotzdem noch woanders existieren, die Menschen erschreckt. Und ich finde schon dass man dem Glauben der Person respektieren muss, denn auch wenn die Person nicht mehr am Leben ist, so ist es doch ihr Körper und ihre Organe. Und wer gibt dem Staat das Recht darüber zu entscheiden was mit mir im Falle meines Todes passiert? Und wer weiß was wirklich nach dem Leben ist? Außerdem sind ja nicht nur die verstorbenen Betroffen, sondern auch die Hinterbliebenen.
    Ich halte es auch durchaus für ethisch (oder moralisch?) sehr bedenklich, wenn man entgegen den ausdrücklichen Willen eines Menschen bestimmt was mit seinen Organen passiert.

    Nochmal zur Rechtslage, der Spenderausweis ist in der Tat nicht immer optimal. Aber so allgemein, kann ich mir vorstellen dass, wenn das Krankenhaus den Organspendeausweis bei X nicht findet, weil er zerknittert als Lesezeichen des Buches dient und keine Organe entnommen worden sind,die Wahrscheinlichkeit dass Angehörige kommen und das Krankenhaus verklagen vermutlich geringer als wenn sie ausdrückliche Entnahmeverweigerung nicht finden konnten (bzw. auch nicht richtig gesucht haben).

  6. Mella sagt:

    Klar, am liebsten wäre mir Lösung 2, da wir aber nur Lösung 1 haben und unsere Politiker etc sowieso nicht vorwärts kommen, könnte man das jetzige System so verbessern, dass es besser funktioniert.
    Jeder hat einen Hausarzt. Dieser fragt beim nächsten Besuch einfach ab, lässt Dich einen kleinen Vordruck unterschreiben und gibt es in eine kleine zentrale Computerdatenbank ein. Diese wird von ? Gesundheitsamt, Rotes Kreuz oder wer auch immer verwaltet. Bei Tod hat dann wieder jeder Rettungsarzt oder Krankenhaus sofortigen Zugriff drauf und die Organe können sich sofort auf dem Weg machen, wenn vorher zugestimmt wurde. Vielleicht kann ja die gleiche Organisation die Datenbank verwalten, die auch die Organspendengesuche verwaltet.
    Diese Lösung ist einfach und praktikabel (wird beim Tierarzt mit den Chips schon recht gut praktiziert – wie etwa mit Tasso).
    Wäre zumindest besser als das jetzige System – denn mein Spendenausweis liegt zu Hause rum – unausgefüllt.

  7. Andi sagt:

    Mella:
    Diesen Gedanken hatte ich auch ungefähr so. Aber es hat eben nicht jeder einen Hausarzt. Unglaublicherweise gibt es auch in Deutschland einige, die nicht zum Arzt gehen.

  8. Mella sagt:

    Klar, ein paar fallen immer durchs Gitter, doch so kann man doch die Masse zusammensammeln. Und es sind so immer noch mehr als jetzt.
    (Man muss für jede Steigerung dankbar sein) Und so kommt mann doch innherhalb der nächsten sagen wir 5 Jahre an die meisten Deutschen ran. Geht relativ schnell und ist recht einfach umzusetzen, denn eine Gesetzesänderung dauert doch meistens mindestens genausolang – außer wir müssen für irgendwas zahlen – Banken oder Griechenland

  9. fragmentjunkie sagt:

    Gute Worte. Ich finde auch, dass man sich durchaus etwas aktiver damit befassen sollte.
    Ich trage immer einen Spenderausweis mit, der die Organentnahme im Bedarfsfall untersagt. Ich hoffe, dass es dann auch gesehen wird – ist nämlich in der x-ten Falte meiner Brieftasche zu sehen, und meine Familie mich da nicht überstimmt 😉
    Das wäre das nächste Problem…..wie soll ich den Ausweis trage, damit er auch ja gesehen wird, kann man sich den ans Auto kleben? hmmmm, decisions, decisions

  10. Muriel sagt:

    @Bioschokolade: Mich interessiert, wie du da die Grenze ziehst. Wenn jemand in einem Tempel (Heißen die so?) Der christl. Wissenschafter zusammenbricht, sagen wir, mit einem Schlaganfall, und die dann dem Notarzt den Zutritt verweigern, fändest du das in Ordnung? Der Tempel gehört ja ihnen, und es entspricht ihrem Glauben, die medizinische Behandlung zu unterbinden. Nehmen wir für das Beispiel mal an, der Betroffene würde in die Behandlung einwilligen, wenn er könnte.
    Oder anderes Beispiel: Jemand erleidet einen Herzanfall, und ich habe einen Defibrillator bei mir. (Die gibt es ja schon vollautomatisch in so kleinen Päckchen.) Ich möchte aber nicht, dass der benutzt wird, denn er ist noch ganz neu, und irgendwie finde ich die Vorstellung unangenehm, dass jemand anders meinen Defibrillator auf seiner nackten Haut liegen hat. Die Beispiele wirken für dich vielleicht ein bisschen polemisch, aber ich will einfach darauf hinaus, dass ich da keinen Unterschied sehe. Im Gegenteil: Die Leute, die in diesen Szenarien die Hilfe verweigern, haben in meinen Augen wenigstens ein nachvollziehbares Interesse, denn sie sind noch nicht tot.
    @fragmentjunkie: Soso. Jetzt wüsste ich gerne, warum du die Entnahme ablehnst. Aber es ist natürlich dein gutes Recht, das für dich zu behalten.

  11. Tempel? Ähm. Mmmh. Okay, eine X-beliebige Glaubensgemeinschaft hat jemanden mit Schlaganfall in ihrer Mitte. Ich finde nicht das die Glaubensgemeinschaft den Zutritt für die Rettungskräfte verwehren darf. Denn die Glaubensgemeinschaft kann nicht für das einzelne Individuum sprechen (und das Hausrecht ist kein Mitbestimmungsrecht). Und das darf sie auch nicht. Ich glaube aber daran, dass der Wille der Person für eine Nicht-Behandlung akzeptiert werden sollte. Durch eine schriftliche Äußerung (ähnlich der Patientenverfügung). Ich glaube daran dass man über sich und seinen Körper selbst bestimmen darf. Und wenn ich daran glaube dass es der Wille des schwarz gestreiften Erdhörnchens ist, dass ich nicht gegen Blutgerinsel in meinen Körper behandelt werde, dann finde ich, ist dass eine Entscheidung die man akzeptieren kann (vorausgesetzt man ist einer klaren geistigen Verfassung und volljährig etc.). Das kann und sollte ich eigentlich mit vielen ABERs ausschmücken, aber ich lasse das einfach mal als Grundaussage stehen. Und das Thema Bluttransfusion ist ja auch ein ethisch recht schwieriges an dem sich die Geister scheiden.

    Ich wusste nicht dass es Defis schon in so kleinen Päckchen gibt. Ich kenn die nur als so etwas größeren AEDs mit Einmal-„Gelstreifen“ an denen die Elektronen befestigt sind. Wenn wir jetzt die rechtliche Komponente der unterlassenen Erste-Hilfe-Leistung außer acht lassen, dann ist das ja in erster Linie eine ethische Entscheidung ob die Benutzung deines doch gut ersetzbares Eigentum in Form des Defis gegen das Retten eines Menschenlebens (bzw. das hinnehmens eines Todes) steht. Abgesehen davon das ich zumindestens mit diesem Gedanken nur schwer klar kommen könnte, jemanden aus dem Grund nicht geholfen zu haben, finde ich es da durchaus berechtigt wenn man bei ersetzbaren Dingen verlangt, dass man sie zur Hilfe einsetzt. Kaufste dir halt nen neuen Defi, bzw. neue Paddels, die musst du ja eh bei den mir derzeit bekannten Modellen neu kaufen. Und gesetzlich kannst du auch einen Anspruch auf Ersatz geltend machen. Also, ist für mich ein Zwang durchaus rechtens.

    Mein Punkt ist, dass ich finde dass eine tote Person kein „Gegenstand“ ist den man x-beliebig ersetzen kann. Es war mal eine Person die lebte und die eine Vorstellung davon hatte was mit ihrem Körper passiert wenn sie stirbt (ebenso die Verwandten). Und die kann man in dieser Form jemanden nicht einfach vorwegnehmen. Ich finde es wichtig und richtig dass in diesem Land Erste-Hilfe verpflichtend ist, dass schließt meiner Meinung nach aber nicht die Organspende als solches mit ein.

  12. Muriel sagt:

    @Bioschokolade: Na gut, ich schätze, da werden wir uns wohl einfach nicht einig.
    Ich finde eben, dass das Interesse eines Sterbenden an seinem Leben das Interesse eines Toten am gemeinsamen Verrotten oder Verbrennen seiner Organe so krass überwiegt, dass die Abwägung nur zu einem einzigen sinnvollen Ergebnis kommen kann.

  13. Sylvia sagt:

    Für mich gilt die Würde des Menschen und sein Recht am eigenen Körper über den Tod hinaus. Und daher ist es zu akzeptieren, wenn jemand keine Organe spenden möchte.

    Ob das nun religiöse Gründe sind, die jedem zugestanden werden müssen, oder nur ein diffuses Unwohlsein bei dem Gedanken, post mortem verwertet zu werden, ist völlig egal.

    Mit Variante 2 könnte ich allerdings gut leben.

    Der auf dem Schreibtisch unausgefüllt herumliegende Organspendeausweis alleine gilt nicht als „Ausrede“, denn im Normalfall werden wohl die Angehörigen um Zustimmung gebeten. Wer sich zu Lebzeiten eindeutig geäußert hat, hat quasi einen „mündlichen“ Organspendeausweis. Dazu ist es natürlich nötig, dass man mal darüber geredet hat…

    Ich habe einen Organspendeausweis, und meine Umgebung weiß, dass man mich nach meinem Tod verwerten darf. Eines meiner Kinder, das groß und informiert genug ist, eine Meinung zu haben, möchte nicht spenden. Falls dieses Kind also – was natürlich hoffentlich nur hypothetisch ist – sterben wird, gibt es keine Organspende.

    Noch etwas, ich habe gerade nachgeschaut: Auf einem Organspendeausweis kann man auch ankreuzen, dass man KEINE Spende möchte – das ist sicher hilfreich als klare Aussage gegenüber den Hinterbliebenen.

  14. Muriel sagt:

    @Sylvia: Danke für’s Mitdiskutieren. Ich respektiere andere Meinungen, und ich finde es sehr tolerant von dir, dass du selbst Organspender bist und trotzdem findest, dass andere sich auch dagegen entscheiden. Eigentlich sehr sympathisch.
    Ich bin normalerweise auch kein Freund emotionaler Argumente. Aber ich kann bei diesem Thema einfach nicht anders, als mir vorzustellen, dass ich oder jemand, der mir sehr nahe steht, ein neues Herz braucht, oder eine Leber, oder sonstwas, und dass ich dabei genau weiß, dass ein geeignetes Organ vorhanden wäre, aber nicht entnommen werden darf, weil der Träger lieber wollte, dass sein Herz verrottet, statt jemandes Leben zu retten. Und ich kann nicht anders als mir vorzustellen, wie sehr ich diesen Träger dafür verabscheuen würde.

  15. Sylvia sagt:

    Darf ich fragen, ob es einen persönlichen Grund für deine emotionale Haltung gibt ?

    Hätte ich jemanden in der Familie oder im Freundeskreis, der dringend auf ein Spenderorgan wartet, dann würde ich sicherlich genau so reagieren. Theorie ist das eine, die furchtbare Situation eines Betroffenen hautnah mitzubekommen, ist etwas anderes.

    Anders gesagt – ich bin zum Beispiel gegen Selbstjustiz, aber wer sich an meinen Kindern vergreifen würde, dürfte mir nicht in die Finger fallen….

    Es gibt so viele Lebensbereiche, in denen man wahnsinnig wird, wenn man nachdenkt, und bei denen es genug Grund gibt, seine Mitmenschen zu verachten. Ich habe mir das weitgehend abgewöhnt, denn wenn ich mich emotional zu sehr reinknie, wird mir Energie geraubt, die ich in meinem eigenen Leben dringend brauche.

  16. Muriel sagt:

    @Sylvia: Nein, da gibt es keinen persönlichen Grund. Meine Haltung hängt auch nicht von diesem Szenario ab, es verdeutlicht nur in meinen Augen gut, worum es geht. Es ist einfach jenseits meiner Vorstellungskraft, wie jemand darauf bestehen kann, unvorstellbar kostbare Güter wie menschliche Organe buchstäblich wegzuwerfen, obwohl er weiß, dass sie dazu verwendet werden könnten, andere zu heilen.
    Ich kann wirklich keinen grundsätzlichen Unterschied zu jemandem erkennen, der einen Defibrillator bei sich trägt, den er sowieso gerade in die Mülltonne bringen wollte, jemanden sieht, der einen Herzinfarkt erleidet, sich aber trotzdem nicht davon abbringen lässt, das Gerät wegzuwerfen.
    Im Verbot von Selbstjustiz sehe ich einen guten Sinn. In der Verschwendung von funktionsfähigen Organen nicht.

  17. rebhuhn sagt:

    um nochmal was reinzuwerfen, was mir dazu einfällt [ich selbst habe einen ausweis im portemonnaie, auf dem steht, daß ich alles spenden möchte]:
    diese ganzen ablehnungsängste begründen sich doch oft nicht nur auf religiösem unwohlsein, sondern vor allem auf der unsicherheit in bezug auf die ärztliche unfehlbarkeit! einige menschen haben mehr vertrauen [du und ich], und andere [viele] eher weniger. ich finde es auch logischer und vor allem praktischer, zu vertrauen, aber das geht nicht allen so.

  18. rebhuhn sagt:

    *seufz
    religiöseS unwohlsein
    auf DIE unsicherheit

    spät und so ^^.

  19. Muriel sagt:

    @rebhuhn: Ich habe kein bisschen Vertrauen in ärztliche Unfehlbarkeit, dafür kenne ich zu viele Ärzte. Mir leuchtet allerdings nicht ganz ein, inwiefern ein Organspendeausweis besonderes Vertrauen in die Ärzteschaft voraussetzt. Meinst du, weil der Tod versehentlich (oder absichtlich) zu früh festgestellt werden könnte?

  20. rebhuhn sagt:

    ich habe auch kein vertrauen mehr, aus dem gleichen grund ;). und ja, mal abgesehen vom faulsein und gar keinen ausweis haben ist das nicht positiv ankreuzen oder ‚für organspende sein‘ in meinem bekanntenkreis meist durch die angst vor unlauteren ärzten begründet. jetzt gerade lese ich natürlich auch, daß du es aufführst [habe gestern spät übersehen, daß es in deinem artikel diesen halbsatz gibt: Ärzte würden Organspender absichtlich sterben lassen, damit sie endlich an die leckere Leber rankommen. ^^]. aber wie gesagt, bei mir bilden diese leute wirklich das gros der masse, die gegen eine spende ist.

  21. Muriel sagt:

    @rebhuhn: Das Argument verstehe ich einfach nicht. Natürlich heißt das nicht zwangsläufig, dass es falsch ist, aber ich finde den Gedanken albern, dass Ärzte ernsthaft jemanden nicht vernünftig behandeln, nur damit sie seine Nieren rausnehmen dürfen. Genauso kann man auch denken, dass Ärzte Nichtorganspender doof finden, weil sie so gerne die Niere rausnehmen wollen, und sich deshalb mit ihnen nicht so viel Mühe geben, oder?

  22. rebhuhn sagt:

    *g gutes argument! ach, es gibt doch auch soo viele leute, die entweder verbrannt werden wollen, weil ihnen die würmer nicht so zusagen oder die das erdloch vorziehen, weil sie angst vor’m feuer haben… ich denke einfach, daß es den meisten menschen schwierig fällt, den tod zu rationalisieren. leider auch heute noch.

  23. […] Alles begann damit, dass im Handelsblatt eine – vorsichtig gesagt – missverständliche Kritik des Buches „Nudge“ erschien, von dem ihr vielleicht noch in Erinnerung habt, dass ich es gelesen habe. […]

  24. SB sagt:

    Also ich mag die, ich glaub, israelische Lösung. Wer nicht spenden will, bekommt auch nix bzw. kommt unten an die Liste.

    Ich denk das is fair. Wer meint es sei falsch die Innerein zu verpflanzen, muss diese Entscheidung auch dann tragen wenn er ein Organ braucht.

    Schöne Grüße
    SB

  25. Muriel sagt:

    @SB: Ohne jetzt recherchiert zu haben, wie genau das in Israel gehandhabt wird, kann ich dazu sagen, dass diese Lösung sicherlich auf den ersten Blick eine gewisse emotionale Befriedigung bietet.
    Am Ende halte ich sie aber aus mehreren Gründen für falsch. Erstens ist sie nicht handhabbar, denn sie führt aus meiner Sicht zwangsläufig dazu, dass Leute sich als Organspender registrieren lassen, wenn sie ein Organ brauchen, um sich dann wieder abzumelden, wenn sie es bekommen haben.
    Zweitens – und das halte ich für das Hauptargument – habe ich einfach ein ethisches Problem damit.
    Eine nachrangige Behandlung ist dabei aus meiner Sicht noch eher akzeptabel; eine Komplettverweigerung hingegen halte ich für völligen Blödsinn. Wenn ein Organ da ist, dass sonst keiner braucht, wäre es in meinen augen kindisch und gehässig, es nicht zu verpflanzen, weil der Empfänger kein Spender ist.

  26. […] habe zu dem Thema ja eine durchaus extreme Auffassung, und gestern Abend war mir aus verschiedenen Gründen sowieso nach Krawall, deswegen fuhr ich die […]

  27. […] hat sie jetzt noch einmal erneuert, und ich würde mich dem gerne anschließen. Ihr wisst ja schon, wie ich zu Organspenden und dem Zeug stehe, und auch wenn Knochenmark ein bisschen was anderes ist, weil es am lebenden Menschen entnommen […]

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