Menschenähnlich (18)

Es ist Montag, und um euch – und mich selbst – darüber ein bisschen hinwegzutrösten, habe ich für euch nicht nur einen brückenfähigen Feiertag organisiert, der die Woche deutlich verkürzt, sondern außerdem noch ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans Menschenähnlich geschrieben. Das ist leider ein bisschen düster geraten, aber die Aussicht auf Himmelfahrt lässt euch das sicher schnell wieder vergessen. Viel Spaß.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erwehttps://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/wp-admin/post-new.phpichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.
Im 13. Kapitel werden David und Kalon von Dick und Doof verhaftet, und die An’Yik macht sich Sorgen, weil die beiden nicht pünktlich am Treffpunkt erscheinen, nachdem sie entschieden hat, Jake vorerst nicht zu essen.
Shianuk und der Androide werden im 14. Kapitel vom Autokraten überrascht, und David, Kalon, Dick und Doof fallen in die Hände einer Einheit der Autokratischen Armee.
Im 15. Kapitel werden die Gefangenen dem Ersten Sekretär vorgeführt, aber etwas kommt dazwischen, und genau dieselbe Störung nutzen An’Yik, Shu’Nim und Jake, um einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Shu’Nim macht einen Witz.
Im 16. Kapitel kommen die drei gerade rechtzeitig, um einen Versuch zu vereiteln, David und Kalon aus der Gefangenschaft zu entführen und sie dann selber zu befreien. Gleichzeitig muss die Pontifex an J2 herumbasteln, obwohl sie gar nicht will.
Shianuk wird im 17. Kapitel von der Pontifex aus ihrem Gefängnis befreit. David und An’Yik streiten darüber, ob sie die Inquisitoren töten, und Larn lernt die hübsche Doppelgängerin kennen, die An’Yik im 16. Kapitel getötet hatte.

Was heute geschieht

Shianuk war noch nie in ihrem Leben auf einem Karss geritten. Sie hatte es sich immer angenehmer vorgestellt, als zu Fuß zu gehen, aber sie hatte sich getäuscht.
Ihre Schenkel taten weh und fühlten sich wund an, wo sie den ganzen Tag am Sattel gescheuert hatten. Ihr war schlecht vom schwankenden Gang der Tiere und von ihrem widerwärtigen Gestank, und sie hatte den ganzen Tag über das Gefühl gehabt, dass der Soldat vor ihr es ein wenig zu sehr genoss, dass sie sich mit ganzer Kraft an ihm festklammerte, um nicht herunterzufallen und sich beide Beine zu brechen.
Deshalb war sie ausgesprochen erleichtert, als Bloar Weigun befahl, anzuhalten und das Lager aufzuschlagen.
Die Karss knieten nieder, damit die Reiter absteigen konnten, und Shianuks Begleiter half ihr zu Boden, nicht ohne seine Hände dabei ein paar Herzschläge zu lange auf ihrem Körper zu belassen, nachdem er sie abgesetzt hatte.
„Vielen Dank“, murmelte sie, wandte sich ab und schlenderte unentschlossen davon, zwischen den übrigen Soldaten. Ungefähr 20 Uniformierte, die Gepäck von ihren Reittieren abluden, Zelte aufbauten, Lagerfeuer aufschichteten und gelegentlich misstrauische Blicke in Richtung von J2 warfen, der den Tag über neben den Karss hergelaufen war und nun reglos am Rande des entstehenden Lagers stand wie eine ausgesprochen belanglose Statue. Weil er der Einzige hier war, mit dem sie wenigstens so etwas wie eine flüchtige Bekanntschaft verband, fand sie sich am Ende ihres ziellosen Rundgangs halb unwillkürlich neben ihm wieder, sah in das ausdruckslose Gesicht mit dem vage freundlichen Lächeln und fragte sich, was sie zu ihm sagen konnte.
„Haben sie… Ich weiß gar nicht, ob das überhaupt Sinn ergibt, aber: Haben sie dir weh getan?“ fragte sie schließlich, und wusste sofort, dass das eine unglaublich dumme Frage war.
„Ich empfinde keinen Schmerz“, antwortete J2, ohne auch nur in ihre Richtung zu sehen. „Darüber hinaus hat niemand versucht, mir welchen zuzufügen.“
„Ach…“ sagte sie, und war beinahe dankbar, eine große Männerhand auf ihrer Schulter zu spüren, bevor sie sich noch lächerlicher machen konnte.
„He“, sagte der Soldat, auf dessen Karss sie geritten war. „Während du mit uns reist, bin ich für dich verantwortlich. Du kannst nicht einfach weglaufen, ohne ein Wort zu sagen. Und halt dich von dem Ding fern.“
„Ich…“ begann sie, ohne eigentlich zu wissen, was sie sagen wollte. „Entschuldigung“, sagte sie schließlich.
Der Soldat führte sie zurück zu seinem Lagerplatz, um sie dann mit einer großen Kiepe in den Wald zu schicken, wo sie Feuerholz sammeln sollte.
„Ich bin für dich verantwortlich“, äffte sie ihn auf dem Weg leise nach, als sie sicher war, dass er sie nicht mehr hören konnte, „Deswegen schicke ich dich jetzt alleine in den Wald, damit du meine Arbeit für mich machen kannst.“
Als sie die Kiepe schließlich voll gesammelt hatte, musste sie sie ins Lager hinter sie her ziehen, weil sie sie nicht mehr tragen konnte, aber immerhin war ihr Mitreiter gerade nicht da. Stattdessen fand sie einen anderen, älteren Soldaten mit bärenhafter Statur und einem passenden Vollbart vor, der soeben ein Zelt aufgebaut hatte und nun begann, getrocknetes Fleisch und Gemüse für einen Eintropf vorzubereiten.
„Danke“, brummte er mit einem freundlichen Lächeln, als er sieh sah.
Er kam ihr sogar ein Stück entgegen und hob die Kiepe mit einer Hand auf, um sie die letzten Räder bis zur Feuerstelle zu tragen.
Sie half ihm beim Gemüseschneiden, und und sie verbrachten einige Zeit schweigend, bis er sie ansprach.
„Du bist mit ihm da drüben nach Tashino-Ri gekommen?“ er wies mit einer Kopfbewegung in Richtung J2. Seine Stimme war sehr tief, und er sprach ein wenig nuschelig durch seinen Bart, aber er klang wenigstens freundlich, nicht so herablassend wie der andere.
„Ja, er… Er hat mich gewissermaßen entführt und gezwungen, ihm den Weg zu zeigen.“
„Ist er wirklich eine Maschine?“
„Ich weiß auch nicht viel über ihn, aber er ist auf keinen Fall ein Mensch.“
„Hm…“
Sie arbeiteten wieder eine Weile lang stumm, bevor er sie fragte: „Was ist mit deinen Eltern?“
„Ich… Meine Eltern sind gestorben, als ich noch sehr klein war. Mein Onkel Noot hat mich bei sich aufgenommen, und… Ich musste ihn verletzt zurück lassen.“ Manchmal kam Zueka Hayliss von nebenan auf einen Besuch vorbei. Vielleicht hatte sie Noot gefunden und seine Wunden versorgt und ihm geholfen. Er war in so vielen Dingen so unselbstständig, seit seine Frau gestorben war… Für einen Moment sprach sie mehr zu sich selbst, als zu dem Soldaten. „Ich hoffe, dass es ihm gut geht.“
Er gab ein grunzendes Geräusch von sich, das wohl Zustimmung signalisieren sollte, und begann, Gemüse und Fleisch in das Wasser im Topf zu schieben, obwohl es noch gar nicht kochte. Shianuk überlegte, ihn darauf hinzuweisen, dass es besser wäre, zu warten, aber nach ihrer Erfahrung waren die meisten Männer nicht besonders dankbar, wenn sie sie auf ihre Fehler hinwies.
„Ich hab zwei Töchter“, murmelte der bärtige Soldat und sah ihr zum ersten Mal direkt in die Augen. Er hatte sehr freundliche dunkelbraune Augen unter buschigen Brauen. „Ich bin Hoger. Wenn… jemand hier dich schlecht behandelt, oder du Hilfe brauchst, dann komm zu mir, ja?“
Sie lächelte und nickte. „Danke, Hoger. Ich bin Shianuk.“
Er nickte und machte wieder das Geräusch.
Ihr selbsternannter Aufpasser kehrte erst zurück, als der Eintopf beinahe fertig war und trotz der unkundigen Zubereitung sehr verlockend zu riechen begonnen hatte. Letzteres hing möglicherweise vor allem damit zusammen, dass Shianuk den ganzen Tag über nichts gegessen hatte außer der paar Bissen Pökelfleisch, die sie bei der Mittagsrast abbekommen hatte.
Sie aßen mit Holzlöffeln aus Holzschalen, was nicht weiter schlimm gewesen wäre, wenn Shianuks Löffel und Schale nicht noch deutliche Spuren vergangener Mahlzeiten aufgewiesen hätten. Sie verzichtete darauf, sich zu beklagen und bemühte sich tapfer, die schimmligen Essensreste so unauffällig wie möglich abzukratzen und ansonsten zu ignorieren, während der jüngere Soldat sehr bildhaft von seinen Eroberungen sowohl militärischer als auch intimer Natur zu erzählen begann. Es dauerte nicht lange, bis sich eine Schar von einem guten halben Dutzend anderer Männer um ihr Feuer versammelt hatte, die über jeden seiner derben Witze laut lachten und ihre eigenen groben Scherze und Fragen einwarfen, wenn er stehend und wild gestikulierend von auslaufenden Gedärmen, abgeschlagenen Köpfen und erbeuteten Jungfrauen erzählte.
Der Einzige, der nicht mit ihnen lachte und gröhlte, war Hoger, wahrscheinlich eingedenk seiner eigenen Töchter.
Wer klug ist und denkt, muss nicht schreien und johlen,
Der kann leis und subtil Witze machen,
Das Gegröhle der Dummen soll der Teufel doch holen,
sowie sie und ihr dreckiges Lachen.
Hm, dachte Shianuk missmutig, es war ein blödes und hässliches Gedicht, aber wer sollte in solcher Gesellschaft auch kluge und schöne Gedichte erfinden?
„Und dann hat die Gräfin – ich schwör’s euch! – und dann hat sie ihren Rock so…“ Er schlug Shianuk mit seiner Hand auf die rechte Schulter. „Steh mal auf, damit ich’s zeigen kann!“
Sie sah ihn einen Herzschlag lang nur an. „Was?“ fragte sie.
„Du sollst aufstehen!“
Ungeduldig packte er ihren Arm und riss ihn so heftig nach oben, dass Shianuk aufschrie, mehr vor Schreck als vor Schmerz, aber doch nicht nur vor Schreck.
„Also, ihr müsst euch das so vorstellen, dass die Gräfin-“
„Lass sie in Ruhe, Jeran.“
Hoger war auch aufgestanden. Er sprach mit leiser Stimme, und er brummte so undeutlich wie zuvor auch, aber aus irgendeinem Grund hatte jeder ihn gehört und verstanden, und die ausgelassene Stimmung verschwand plötzlich. Die Zuhörer, die eben noch mit brüllendem Lachen und tränenden Augen Jerans Geschichte zugehört hatten, musterten nun plötzlich still und abschätzend ihn und Hoger, als würden sie bereits darüber nachdenken, auf wen sie im Falle eines Kampfes setzen würden.
„Geh zu Bett, wenn du müde bist, aber lass mich-“
Hoger schüttelte den Kopf. „Ich bin nicht müde“, unterbrach er Jeran, „Aber du wirst das Mädchen in Ruhe lassen.“
„Sie ist- der Bloar hat gesagt, dass ich auf sie aufpassen soll!“ antwortete der jüngere Soldat. „Was geht’s dich an?“
Mit einer Geschwindigkeit, die Shianuk ihm niemals zugetraut hätte, versetzte Hoger dem jüngeren Mann einen Faustschlag ins Gesicht, der ihn zu Boden warf.
„Das geht’s mich an“, brummte er.
Zwei Herzschläge lang herrschte noch erwartungsvolle Stille, bevor Jeran sich aufrappelte und zu ihrer Überraschung laut zu lachen begann, worin die anderen Männer schnell einstimmten.
Er legte Hoger einen Arm um die Schulter und sagte etwas zu ihm, das sie nicht verstehen konnte. Hoger nickte ernst, und damit war anscheinend alles erledigt.
Die Traube von Zuhörern löste sich langsam auf, und im Zelt kehrte Ruhe ein. Hoger bot Shianuk eine Decke an, die sie dankbar annahm und in die sie sich einwickelte, um sich vor dem Zelt ins Gras zu legen. Es war nicht kalt, und sie schlief lieber im Freien als mit den Männern in dem engen Zelt.
Einige Zeit musterte sie nachdenklich den sternenklaren Nachthimmel und lauschte den Schritten der Soldaten, die Wache hielten und fragte sich, was sie wohl morgen erwartete, aber es war ein anstrengender Tag gewesen, und sie schlief schnell ein.
Und erwachte wieder, als jemand sie an der Schulter berührte.
„Wir sollten gehen“, hörte sie J2s Stimme, bevor sie überhaupt ganz zu sich gekommen war.
„Was?“ fragte sie schlaftrunken.
„Es wird Zeit, das Lager zu verlassen und unsere Reise fortzusetzen.“
„Was, aber…“ Sie gähnte, blinzelte und setzte sich auf. „Du willst verschwinden?“ flüsterte sie. „Sprich besser leise, sonst… Oh… Oh meine… Oh…“
Sie schlug eine Hand vor ihren Mund und spürte, wie Tränen in ihre Augen traten, als ihr Blick über das sternenbeleuchtete Lager schweifte. Es war kein Soldat mehr auf den Beinen, der Wache hielt. Es war kein Schnarchen mehr zu hören und keine Bewegungen unruhiger Schläfer mehr. An einer benachbarten Feuerstelle sah sie deutlich einen der Zuhörer von vorhin, der sie mit offenen Augen und absurd abgewinkeltem Genick direkt anzustarren schien.
„Oh meine… hast du etwa…?“ stieß sie mit einem unterdrückten Schluchzen hervor, „Hast du etwa alle…?“
„Welchen Sinn hätte es gehabt, einzelne von ihnen am Leben zu lassen?“ fragte er in demselben freundlich-beiläufigen Tonfall, der angemessen gewesen wäre, wenn sie ihn gefragt hätte, ob er auch wirklich in allen Zimmern Staub gewischt hatte.
Ihr war plötzlich schlecht. Und weil sie ihren Blick nicht von den leblosen Augen des toten Soldaten abwenden konnte und nicht die Kraft fand, aufzustehen, schob sie sich in einem sonderbaren Krebsgang von J2 weg, bevor sie ein Hindernis spürte, das zu weich war, um ein Stück Feuerholz zu sein, und sogar noch ein bisschen warm. Shianuk krümmte sich zusammen, schlang ihre Arme um ihren Kopf und schrie.

„Danke“, sagte der Erste Sekretär, „Das war dann für heute alles.“
General Karschekk und Jeana verneigten sich und verließen sein Zelt. Larn lehnte sich in seinem Sessel zurück, verschränkte die Hände hinter seinem Kopf und ließ seinen Blick nachdenklich zwischen den Statuen und Wandteppichen umherschweifen.
Ich weiß nicht, was ich tue, dachte er. Ich bin überfordert. Ich verstehe das alles hier nicht. Er sollte eine Gruppe von Weltraumreisenden finden, die über Technologie verfügten, deren Existenz er nicht einmal ahnte, und unter denen sich ein künstlicher Mensch befand, der wahrscheinlich mit einer Hand einen Ghereijak erwürgen konnte, während er gleichzeitig mit der anderen vier Großmeister simultan im Heschija schlug. Und dann war da der Doppelgänger – oder die Doppelgängerin? – die angeblich wusste, wie er sie finden konnte, und ihm dabei helfen wollte, sie zu fangen, ohne dass er verstand, warum sie das für ihn tat. War sie wirklich von dem Larkoom abhängig, oder tat sie nur so, um ihn in Sicherheit zu wiegen? Wollte sie ihm überhaupt wirklich helfen, oder hatten die Andarssianer sie geschickt, um ihn abzulenken? Oder steckte sie vielleicht sogar mit den Weltraumreisenden unter einer Decke? Die Kehlar hatten die Konstrukte geschaffen; es lag also nahe, dass andere Weltraumreisende sie verstehen und manipulieren konnten. Oder? Larn seufzte. Er wusste zu wenig.
Aber er würde daran nichts ändern können, indem er hier saß und seinen Gedanken und Sorgen dabei zusah, wie sie sich in den Schwanz bissen. Manchmal sahen die Dinge nach ein wenig Schlaf gleich ganz anders aus, und er konnte ein wenig Schlaf gebrauchen.
Larn stand auf, hob die Arme und streckte sich mit einem leisen Stöhnen. Er begann, seine Robe über seinen Kopf zu ziehen – als ein leises Geräusch ihn innehalten ließ. Als er seinen Kopf zur Decke seines Zeltes hob, sah er, wie die Doppelgängerin sich von dort in einer viel zu fließenden Bewegung vor ihm zu Boden herabließ. Sie stellte sich vor ihm auf, die rechte Hand in ihre Hüfte gestemmt, und grinste ihn an. Sie verströmte den intensiven unangenehm süßlichen Geruch des Larkooms, das die Soldaten für sie aufgetrieben hatten.
Larn trat einen Schritt zurück, nicht nur wegen des Geruchs, der ihn an zu lange abgehangenes Fleisch erinnerte, sondern auch weil sie einfach ein bisschen zu nah vor ihm stand.
„Exzellenz…“ raunte sie mit einer tiefen Verbeugung, die in ein ziemlich ungeschicktes Stolpern überging, das sie aber noch abfangen konnte, ohne sich abzustützen.
Sie gab dem Ehrentitel einen spöttisch-abfälligen Klang, und auch am tiefsten Punkt der Verbeugung fixierten die violetten Augen mit den schimmernden roten Sprenkeln ihn noch, und das Grinsen schien immer breiter zu werden.
Ihr Gesicht glänzte wie unter einer dünnen Schicht kalten Schweißes, und ihre Züge waren… auf subtile Art falsch. Er konnte nicht genau ausmachen, woran es lag. Vielleicht war es vor allem das Grinsen, das von Ohr zu Ohr zu reichen schien. Was auch immer ansonsten von dem, was sie gesagt hatte, stimmte, und was nicht: Dass die Droge nicht auf Doppelgänger wirkte, war gelogen.
„Was auch immer du zu sagen hast, kann es nicht bis morgen warten?“
Sie bewegte ihren Kopf von Schulter zu Schulter, als wollte sie eine Verspannung in ihrem Nacken lösen, und sie hob ihre Arme, um die Hände hinter dem Kopf zu verschränken und ihren Rücken zu strecken. Der Khiit spannte sich über ihren Brüsten. Das musste der Grund sein, warum sie es getan hatte; sie wollte, dass er ihre Brüste sah, um ihn damit zu manipulieren.
Konnten Konstrukte unter Verspannungen leiden? Hatten Doppelgänger überhaupt Knochen und Muskeln? Andererseits: Wenn es ihr Ziel war, dass ihm ihr Anblick gefallen sollte, warum kam es ihm dann so vor, als wären ihre Brüste deutlich kleiner geworden, seit er sie das letzte Mal gesehen hatte? Bei seiner ersten Begegnung mit ihr waren sie auch in normaler Haltung unter dem Khiit noch deutlich sichtbar gewesen. Jetzt verschwanden sie völlig unter dem weiten Gewand.
Was auch immer der wirkliche Grund für ihre Bewegung war, es funktionierte nicht. Er kannte einige Männer, die sich von weiblicher Anatomie zuverlässig wie mit einem Ring in der Nase führen ließen. Keiner von ihnen würde je eine verantwortungsvolle Position in der Bürokratie des Autokraten erreichen.
„Wie heißt das Mädchen, das vorhin noch hier im Zelt war?“ fragte sie.
Das Grinsen war einem zufriedenen kleinen Lächeln gewichen, und nun gab es keinen Zweifel mehr, dass es nicht das einzige gewesen war, das ihr Gesicht so merkwürdig aussehen ließ. Ihr Kinn hatte sich verändert, es war kantiger geworden, und ihre Wangenknochen waren weniger prägnant als bei der ersten Begegnung. Offenbar hatte sie ihr Äußeres nicht mehr völlig unter Kontrolle. Vielleicht hatten sie ihr zu viel Larkoom gegeben, und sie konnte sich nicht mehr ausreichend auf ihre Form konzentrieren.
„Das“, antwortete Larn mit einem unterdrückten Gähnen, „Hat ganz sicher Zeit bis morgen. Verschwinde.“
„Wir können einen Austausch daraus machen. Du beantwortest meine Fragen, und ich beantworte deine. Ich weiß noch viel mehr über die Maschine, die du suchst, als ich dir gesagt habe. Ich weiß auch noch einiges über die Andarrsianer, das dich interessieren könnte. Ich habe lange für sie gearbeitet.“
Er spielte kurz mit dem Gedanken, ihr zu sagen, dass sie sich mitten in einem Lager der Armee des Autokraten befand und es deshalb eine ziemlich merkwürdige Idee war, eine Gegenleistung dafür zu erwarten, dass sie seine Fragen beantwortete.
Aber er entschied sich dagegen. Sie konnte offensichtlich nach Belieben im Zelt des obersten Befehlshabers dieses Lagers erscheinen, und das sprach nicht unbedingt dafür, dass sie die Soldaten zu fürchten hatte. Sie hatte ihre Dosis Larkoom bekommen und konnte jederzeit von hier verschwinden, wenn ihr danach war.
Es war also wohl am besten, ihr Spiel mitzuspielen. Solange sie keine Fragen stellte, die die Sicherheit des Reiches gefährdeten, hatte er nicht viel zu verlieren außer den paar Stunden Schlaf, auf die er sich gefreut hatte.
Larn seufzte und kehrte zurück zu dem Stuhl hinter seinem Schreibtisch, um sich wieder hinein fallen zu lassen.
„Sie heißt…“ Er überlegte kurz. „Jeana. Wie soll ich dich nennen?“
Sie legte nachdenklich einen Zeigefinger an ihre Lippen und begann, daran herumzuknabbern. Hatte ihre Augenfarbe sich verändert? Aber natürlich. Die roten Sprenkel waren verschwunden, und das Violett tendierte jetzt viel mehr ins Blau-Grünliche. Es musste das Larkoom sein.
„Alidae fände ich schön.“
Larn zuckte die Schultern und zog die Skizzen der gesuchten Personen aus einer Schublade des Schreibtisches und schob sie zu ihr hinüber. „Welcher von ihnen ist die Maschine?“
Alidae lächelte zufrieden und nickte, während sie auf seinen Schreibtisch zuschritt und die Skizzen aufhob, sichtlich zufrieden, ihn überzeugt zu haben.
„Diese hier.“
Sie legte die Zeichnung einer jungen Frau vor ihm auf den Tisch.
„In Ordnung. Hat sie irgendwelche besonderen Fähigkeiten, von denen wir wissen sollten?“
Sie lachte leise auf. Ihre Wangenknochen standen jetzt gar nicht mehr hervor, und auch der Rest ihres Gesichts hatte sich weiter verformt, und… irgendetwas an ihrem neuen Gesicht kam Larn vage bekannt vor. Es war schwer, die Veränderungen genau auszumachen, weil sie langsam und allmählich stattfanden und er sich ihr ursprüngliches Gesicht, so hübsch es auch gewesen war, nicht besonders gut eingeprägt hatte.
„Ich bin dran“, sagte sie. „Was ist Jeanas Position hier?“ Auch ihre Stimme schien sich zu verändern und klang jetzt etwas dunkler als zuvor.
Larn verdrehte die Augen. Aber er spielte mit. „Sie ist meine Patrona. Sie trägt Akten für mich, bringt mir Getränke, plant meine Tagesordnung und organisiert meine Reisen. Meine Frage?“
„Die Maschine kann nicht fliegen oder Laser aus ihren Augen schießen, wenn du so was meinst. Aber sie ist sehr stark und sehr schnell, und ich vermute, dass die meisten Waffen sie nicht verletzen können. Glaubst du, dass Jeana dir treu ergeben ist?“
Larn hob eine Augenbraue. Wusste die Doppelgängerin etwas über Jeana, das er wissen sollte?
“Warum fragst du mich das?“
Sie nahm einen stockenden Atemzug, legte eine Hand an ihren Hals und hustete. Ihre Nase war viel größer geworden, kantiger und ein wenig gebogen. Eine Adlernase, wie auch… Sie hustete noch einmal und stieß einen würgenden Laut aus, wie ein Hanon, das ein Fellknäuel im Hals hat.
Alle Dämonen, sie hatte doch nicht etwa eine Überdosis genommen? Es gab von vornherein nur wenige Konstrukte, und Doppelgänger ließen sich nach allen Berichten an einer Hand abzählen. Es wäre ein unschätzbarer Verlust, wenn sie starb.
„Entschuldigung…“ röchelte sie, während sie sich auf seinen Schreibtisch stützte und sich geräuschvoll räusperte.
Larn sprang auf und spürte, wie er erblasste, als ihm klar wurde, warum ihm das gar nicht mehr feminine Gesicht der Doppelgängerin so bekannt vorkam. Und da war er: Dieser fürchterliche Moment, in dem man zuerst erkennt, was für eine unglaubliche Dummheit man gerade begangen hat, und dann mit einem kalten Schauder, dass es jetzt zu spät ist, noch irgendetwas dagegen zu tun.
„Ich denke, es könnte wichtig für mich werden“, antwortete das Konstrukt ihm mit seiner eigenen Stimme.

Lesegruppenfragen:

  1. Fandet ihr es auch düsterer als sonst, oder kam das nur mir so vor?
  2. Was würdet ihr jetzt wohl an Shianuks Stelle tun oder denken?
  3. Mal ganz ehrlich: An welchem Punkt wurde euch klar, was die Doppelgängerin vorhat? Fandet ihr, dass ich mehr Hinweise darauf hätte einstreuen sollen? Oder weniger? Oder andere
  4. Findet ihr, dass Larn sich zu dumm anstellt?
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8 Responses to Menschenähnlich (18)

  1. Guinan sagt:

    1. Mich nennst du kaltherzig und lässt dann mal eben so nebenbei eine komplette Lagerbesatzung abmurksen? Naja.
    Es war schon ziemlich düster, aber doch eher in Richtung anheimelnd gruselig, so wie Schauergeschichten am Lagerfeuer.
    2. Ich würde mir jedenfalls keine großen Chancen mehr ausrechnen, aus der Situation am Ende lebend ‚rauszukommen.
    Anmerkungs zu Shianuks Gedicht: Kannst du vielleicht „subtil“ durch etwas anderes ersetzen? Der Ausdruck passt irgendwie nicht zu ihr.
    3. Es war mir kaum eher klar als Larn selbst. Bis dahin hatte ich vermutet, sie verwandelt sich in Jeanna. Ich lasse mich aber sehr gern überraschen, für mich hätten es nicht mehr Hinweise sein müssen.
    4. Hat er sich denn dumm angestellt? Ganz so viel Erfahrung mit Doppelgängern hat er ja nun auch nicht, und in seiner Machtposition fühlt er sich relativ sicher. Ich finde sein Verhalten durchaus verständlich. Wird er nun auch eliminiert? Das fände ich sehr schade.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: 1. Naja, von mir bin ich das gewohnt. Aber bei anderen überrascht es mich dann manchmal doch noch.
    2. Habe ich auch schon gedacht. Schlag doch ein Wort vor, im Sinne von Interaktivität und so.
    3. Gut, es war auch als Überraschung gedacht.
    4. Ich weiß ja nicht, wie es bei euch ankommt. Hätte durchaus sein können, dass ihr alle facepalmend da sitzt und euch fragt, warum der Kerl einfach nicht begreift, was los ist.
    Und was Larns Zukunft angeht, bin ich noch für Vorschläge offen.

  3. Guinan sagt:

    2. Vielleicht einfach weglassen?
    der kann leise Witze machen
    oder: Der kann im Geheimen Witze machen?

    4. Er wird jedenfalls noch gebraucht – rechtzeitig vor dem Happy End sorgt er für Jeannas Zukunft – sie wird seine Nachfolgerin oder so.

  4. Andi sagt:

    1. Hmm… düster würd ich´s nicht nennen. Aber es breitete sich gerade am Ende ein Unwohlsein aus, das war wieder dieses leichte Frösteln, was ich bei dieser Geschichte ja schonmal hatte. Oder beziehst du deine Frage aufs erste Kapitel? Dann antworte ich mal ziemlich wertfrei: das war typisch Muriel. Erstmal einen netten Soldaten einführen und dann alle umbringen. So hab ich´s gerne 🙂

    2. Gibt es eine Alternative zum Weitergehen mit J2? Ich wüsste grad keine. Fürs Abhauen isses zu spät, fürchte ich. Aber ich hätte schon vorher ziemlichen Schiss gehabt, der hätte sich jetzt verstärkt.

    3. Bloß nicht mehr Hinweise. So, wie es ist, isses gut. Und überraschend war´s für mich auch – also, mir wurde auch erst zum Ende hin klarer, was da Sache ist.

    4. Am Ende wurd er vielleicht etwas geschwätzig, wenn man bedenkt, dass er sich mit der Doppelgängerin ja am Anfang des Dialogs gar nicht abgeben wollte. Vielleicht war er sich zu sicher. Und manchmal sieht man ja den Wald vor lauter Bäumen nicht.

    5. Ich muss mal kurz anmerken, dass diese beiden Kapitel in meinen Augen perfekt geschrieben sind. Das hat richtig Spaß gemacht.

  5. 1. Schon etwas düsterer, kein Wunder bei der Menge an Toten, aber es passt schon. Wäre ja seltsam, hätte J2 jemanden am Leben gelassen…
    2. Vermutlich Verzweiflung, da die Situation ausweglos zu sein scheint.
    3. Ziemlich spät. So ein Überraschungseffekt ab und zu ist gut, war genau richtig.
    4. Dumm würde ich nicht sagen, er war ja auch schon etwas müde. Ich hoffe ja, dass er überlebt. Ich fand die Storyline mit ihm und seiner Patrona interessant, während dieser Doppelgänger… na ja, nicht uninteressant, aber halt ein weiteres künstliches Konstrukt ist.
    Bin jedenfalls gespannt, wie es weitergeht. Vielleicht wird Larn ja doch noch irgendwie mit dem Konstrukt fertig, ich finde, dass er die Story bereichert; so ein verschlagener, intelligenter Bösewicht gehört dazu. 🙂 Hm, Bösewicht ist nicht ganz die richtige Bezeichnung. Intrigant? Ach, Du weißt sicher schon, was ich meine.

  6. Muriel sagt:

    @Andi: Vielen Dank!
    @Guinan und Fellmonsterchen: 4. Tja… Ihr meint also, er sollte überleben? Ach… Das hatte ich mir anders vorgestellt. Na. Mal sehen.

  7. Chlorine sagt:

    1. Düster, nein, nicht in meinen Augen. Leid tut es mir aber für den einzigen nicht gesichtslosen Soldaten. Und dann auch noch ein väterlicher mit Rauschebart. 😦

    2. Nachdem ich mich ausgeschrien hätte, würde ich in den aufrechten Gang wechseln, da Krebsgang auf Dauer nicht gut für den Rücken ist. 😉 Ich hoffe, der leblose Körper, auf den sie rücklings stieß, war nicht der des Herrn, der es gut mit ihr meinte.

    3. Ich tappte bis zuletzt im Dunkeln. Wunderbar erdacht und geschrieben!

    4. Nein, keineswegs. Sie stand scheinbar unter Drogeneinfluss und ich hätte auch geglaubt, dass ihr in diesem Zustand die eine oder andere nützliche Information über die Lippen kommt. Auf dieses Spiel musste er einfach eingehen.
    Gibt es denn überhaupt eine Alternative zu seinem Tod? Ich sehe momentan keine.

  8. Muriel sagt:

    @Chlorine: 3. Danke schön!
    4. Na, Möglichkeiten gibt es da. Ich muss nur noch entscheiden, ob das dann zu gekünstelt wirkt…

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