Ernst Pöppel ist ein ehrenwerter Mann

Das sind sie alle, alle ehrenwert. All diese Putativ-Experten, die Journalisten gerne heranziehen, wenn sie eine These belegt haben wollen, die sie schon immer für richtig hielten.

Gut, ich kenne Facebook bisher nur als ein ganz nützliches Netzwerk, in das ich gelegentlich reinschaue, wenn ich wissen will, was meine Freunde so machen. Manchmal sehe ich dort interessante Fotos oder bekomme Musiktipps, von denen ich sonst nie erfahren hätte. Manchmal finde ich dort Leute wieder, die ich lange nicht mehr gesehen habe. Und manchmal bin ich sogar angenehm überrascht, wie gut wir uns noch verstehen. Ich könnte auch gut ohne leben, aber ich find’s schon schön, dass es das gibt.

Doch Ernst Pöppel sagt, Facebook sei „Selbstprostitution auf Basis von Informationsgier“ und eine extreme Form der Überforderung. Und Pöppel ist ein ehrenwerter Mann.

Ich erwarte eigentlich von Experten, dass sie Fragen differenziert beantworten und auch dann Probleme nicht übersimplifizieren, wenn Reporter sie dazu drängen. Ich erwarte eigentlich von Experten, dass sie ihre Thesen ein bisschen begründen und vielleicht sogar hin und wieder mal eine Studie zitieren, auf die sie sich beziehen.

Doch Ernst Pöppel sagt ohne Einschränkungen, man müsse von Multitasking unbedingt Abstand nehmen, und er sagt ohne Erläuterung, Facebook tue in Wirklichkeit nur so, als wäre es Kommunikation. Man öffne sich nicht wirklich, man wolle sich nur zeigen, sagt er. Und Pöppel ist ein ehrenwerter Mann.

Ich hatte immer den Eindruck, dass Menschen sehr unterschiedlich sind und auf verschiedenste Arten ihr Leben bewältigen. Ich bin ziemlich sicher, dass die meisten von uns ziemlich gut selbst entscheiden können, wie sie mit moderner Kommunikationstechnologie umgehen wollen.

Doch Pöppel sagt, wir alle in Deutschland sollten jeden Tag eine Stunde lang nicht telefonieren und müssen lernen, E-Mails nicht sofort zu beantworten. Er sagt, wir müssen unsere Informationsgier einschränken und dürfen unser Leben nicht weiter in „diese simulierte Welt“ verlagern.

FAZ.net bietet uns übrigens keinerlei Hinweise darauf, was Herrn Pöppel eigentlich qualifiziert, sich so autoritär zu Facebook im Speziellen oder zu Telefon und Internet im Allgemeinen zu äußern. Er scheint zu dem Thema auch noch keine Forschungsergebnisse publiziert zu haben, soweit ich das erkennen kann. Ernst Pöppel hat auch selbst kein Facebook-Konto.

Und ist gewiss ein ehrenwerter Mann.

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11 Responses to Ernst Pöppel ist ein ehrenwerter Mann

  1. Andi sagt:

    Ich bin raus. Ich hab kein Facebook-Profil. 🙂

    Mich hätte nun aber auch interessiert, was der ehrenwerte Kollege Pöppel (allein der Name schon!) so beruflich macht.
    Sein Vorschlag klingt ja an sich gar nicht sooo doof – wobei ich auch sagen muss, dass ich auch nicht jede E-Mail sofort beantworte und ich auch schonmal 2 Stunden am Tag nicht telefoniere. Ob mich das jetzt aber zu einem besseren Menschen macht, weiß ich nicht.

  2. Muriel sagt:

    @Andi: Der ist emeritierter Professor für medizinische Psychologie.
    Und es macht dich nicht zu einem besseren Menschen. Es ist eher so, dass du nur auf diese Weise gesund und glücklich sein kannst. Und dich nicht extrem überforderst.

  3. Andi sagt:

    Ich wusste immer, dass es mich krank macht, auf Mails zu antworten, oder auf Kommentare hier.
    Dieses Internet ist doch echt ein Teufelszeug.

  4. Guinan sagt:

    Natürlich wird der Gute durch Multitasking hoffnungslos überfordert. Das war doch zu erwarten, oder?
    Ach, ich liebe es, wenn meine Vorurteile bestätigt werden.

  5. Maxi sagt:

    Hallo Muriel, den Artikel auf faz.net habe ich auch gelesen. Aber eher irrtümlich, weil ich dachte, Björn-Hegen Schimpf, die alte Torfnase, ist mal wieder in den Medien. Als ich gesehen habe, dass es nur Herr Pöppel ist mit einem Interview zum Thema „Alte Männer verstehen die (Internet)Welt nicht mehr“, habe ich den Artikel auch schon fast wieder vergessen. Dass er aber einen Blogbeitrag bei „überschaubarer Relevanz“ Wert ist, erfreut mich. So kann ich mal wieder meinen Senf abgeben 😉

    Hattest du auch das Gefühl, dass (fast) alle Lesermeinungen zum Beitrag von „älteren Herrschaften mit Hang zu anspruchsvollen Internetforen auf hohem Niveau“ geschrieben wurden? Habe mich mal wieder mehr über die Kommentare amüsiert als über den Beitrag. Obwohl ich bei diesem Artikel überlegt habe, ob ich faz.net weiterhin lese, wenn so komplexe Themen lax und einseitig veröffentlicht werden. Wie schon von dir angemerkt, einfach mal eine (keine gute) Meinung ins Netz gestellt.

  6. palmenstrand sagt:

    Herr Pöppel prostituiert sich mit seiner Aussage selbst und macht sich dabei die Informationsgier der Menschen zu Nutzen – wunderbar!

  7. fragmentj sagt:

    Der Alte wollte doch nur mal wieder etwas sagen, damit er nicht gänzlich in Vergessenheit gerät.

  8. Muriel sagt:

    @Maxi: Du hast Recht, die Kommentare waren lustig. Ich finde es manchmal regelrecht niedlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Leute ihre eigenen Gewohnheiten und Ansichten als absolute Wahrheiten und den einzigen Weg zum Glück hinstellen können, ohne dass sie zwischendurch mal der leiseste Selbstzweifel beschliche.
    @palmenstrand: Schön beobachtet. Du bist kommentierst heute zum ersten Mal hier, oder? Willkommen!

  9. schulte sagt:

    Guter Kommentar,
    sehr schön aufgebaut, richtig und gut nachvollziehbar.

    Ich bin sehr Deiner Meinung, dass ein auch und gerade Experte nicht von der Pflicht befreit ist, sich verständlich auszudrücken. Wir haben genug sogenannte Eliten, die meinen, dass sie mit ihrer Ruf oder ihrer Position ausreichend „Wirkmacht“ haben und das „Volk“ zu spuren hat.

    Ich hätte Dir aber auch ohne Bezug zur berühmten Rede des Mark Anton aus Julius Caesar abgekauft, dass Du ein schlauer Mensch bist. Es gibt der Sache allerdings zugegebener Maßen den letzten Kick!
    Ich werden den Kniff sicherlich auch mal anwenden.

    Hat mich gefreut zu lesen.

  10. Muriel sagt:

    @schulte: Ich schätze, die sehr freundlich eingebaute Unterstellung, ich hätte hier meine eigene Bildung demonstrieren wollen, habe ich verdient.
    Ich freue mich, dass es dir gefallen hat. Danke!

  11. […] doof sind, wieso Scheidung gar nicht das beste ist, was einer Familie passieren kann, weshalb Facebook unsere Seelen zerstört, oder eben, warum Amazon uns zu dummen, bornierten Stubenhockern macht, die nur in ihrem eigenen […]

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