Menschenähnlich (19)

Vielleicht ist es die deinspirierende Kraft der überwältigenden Mittelmäßigkeit von Twilight – obwohl ich noch nicht weit gekommen bin und bisher sagen muss, dass es rein handwerklich ganz in Ordnung zu sein scheint, das hatte ich aber auch so erwartet -, vielleicht auch was ganz anderes, aber das heutige Kapitel unseres Fortsetzungsromans „Menschenähnlich“ ist ein bisschen kürzer geraten als sonst, und ich bin mir der Sache auch ansonsten nicht ganz sicher. Lasst mich bitte wissen, was ihr so davon haltet.

Viel Spaß!

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erwehttps://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/wp-admin/post-new.phpichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.
Im 13. Kapitel werden David und Kalon von Dick und Doof verhaftet, und die An’Yik macht sich Sorgen, weil die beiden nicht pünktlich am Treffpunkt erscheinen, nachdem sie entschieden hat, Jake vorerst nicht zu essen.
Shianuk und der Androide werden im 14. Kapitel vom Autokraten überrascht, und David, Kalon, Dick und Doof fallen in die Hände einer Einheit der Autokratischen Armee.
Im 15. Kapitel werden die Gefangenen dem Ersten Sekretär vorgeführt, aber etwas kommt dazwischen, und genau dieselbe Störung nutzen An’Yik, Shu’Nim und Jake, um einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Shu’Nim macht einen Witz.
Im 16. Kapitel kommen die drei gerade rechtzeitig, um einen Versuch zu vereiteln, David und Kalon aus der Gefangenschaft zu entführen und sie dann selber zu befreien. Gleichzeitig muss die Pontifex an J2 herumbasteln, obwohl sie gar nicht will.
Shianuk wird im 17. Kapitel von der Pontifex aus ihrem Gefängnis befreit. David und An’Yik streiten darüber, ob sie die Inquisitoren töten, und Larn lernt die hübsche Doppelgängerin kennen, die An’Yik im 16. Kapitel getötet hatte.
Im 18. Kapitel befreit J2 Shianuk von den autokratischen Soldaten, und die Doppelgängerin bereitet Larn eine unerfreuliche Überraschung.

Was heute geschieht
„Bitte verzeihen Sie, Exzellenz, ich habe ganz vergessen, mein-“
Das ‚Oh!’ auf Jeanas Lippen blieb unausgesprochen, während sie stumm und reglos hinter dem Eingang zum Zelt des Ersten Sekretärs stand und zu verstehen versuchte, wie sie ihn mit seinem eigenen reglosen Körper in den Armen vor sich stehen sehen konnte.
„Oh… Jeana“, sagte er. Er sah nicht besonders überrascht aus, eher ein bisschen belustigt und peinlich berührt, als hätte sie ihn beim heimlichen Naschen ertappt. Er setzte sich vor sich ab, trat über seinen leblosen Körper und schritt langsam auf Jeana zu.
Sie taumelte einen Schritt zurück und spürte die Zeltklappe an ihrem Rücken.
„Das ist jetzt… einerseits kein besonders günstiger Zeitpunkt, aber andererseits eigentlich doch gar nicht so übel. Du hättest es sowieso bald gemerkt, und ich schätze, auf diese Weise ist es immerhin schnell und schmerzlos erklärt, was?“ Er gab seiner Stimme einen betont fröhlichen Klang und lächelte hoffnungsvoll wie jemand, der sagt: ‚Sicher, es regnet, aber es kann trotzdem noch ein schönes Fest werden, meint ihr nicht?’
„Was… Was ist… Wer…?“
Im Nachhinein würde sie sich wundern, dass es ihr so schwer gefallen war, zu begreifen, was geschehen war. Aber in diesem Moment war sie ernsthaft davon überzeugt, sie müsse träumen. Deshalb dachte sie auch keinen Augenblick lang daran, noch einen weiteren Schritt zurückzutreten und die Wachen zu alarmieren, oder einfach um Hilfe zu rufen.
Und schon stand der Erste Sekretär direkt vor ihr legte sanft einen Arm um ihre Schulter, um sie mit sich weiter ins Zelt zu führen. Seine Hand ruhte auffällig nahe bei, aber noch nicht auf ihrem Mund. Jeana bemerkte, dass ein unangenehm schwerer, süßlicher Geruch von ihm ausging.
„Bist… Bist du…?“
Er nickte langsam.
„Ja, genau“, sagte er sehr leise, „Ich bin nicht der Echte. Der Echte liegt da auf dem Boden. Und ich fände es schön, wenn du es als Beweis für meine Ehrlichkeit und Basis für gegenseitiges Vertrauen sehen könntest, dass ich gar nicht erst versuche, dir zu erzählen, dass da auf dem Boden wäre der Falsche, und ich hätte ihn gerade noch rechtzeitig überwältigen können.“
Erst in diesem Moment – sie würde sich dafür später sehr, sehr dumm fühlen – begann sie, zu verstehen, und ohne darüber nachzudenken, nahm sie einen tiefen Atemzug und öffnete ihren Mund, um zu-
Fester, als sie es für möglich gehalten hätte, presste der Doppelgänger Larns behandschuhte Hand auf ihre Lippen, und alles, was sie herausbekam, war ein sich überschlagendes Stöhnen, das die Wachsoldaten wahrscheinlich eher davon überzeugt hätte, dass sie den Zweiten Sekretär und seine Patrona jetzt lieber nicht stören sollten, wenn sie es denn überhaupt gehört hätten.
„Na, na“, tadelte der Doppelgänger in verspieltem Tonfall, ohne seine Hand von ihrem Mund zu entfernen. „So werden wir aber keine Freunde. Kann ich annehmen, dass das gerade eben ein dummes Versehen war und du nicht wieder versuchst, zu schreien, wenn ich meine Hand wegnehme?“
Jeana musste nicht lange überlegen. Der Erste Sekretär war nicht übermäßig gemein zu ihr gewesen. Sie hatte in ihrer Dienstzeit in Tashino-Ri weitaus Schlimmeres erleiden müssen. Aber er hatte auch nichts getan, das in ihr den Wunsch hätte wecken können, für ihn zu sterben. Und das Reich hatte erst recht nie etwas für sie getan.
Sie nickte.
Die Hand verschwand von ihrem Mund, und sogar der Arm von ihrer Schulter. Sie drehte sich um und sah in das Gesicht des Doppelgängers. Es war genau wie Larns. Sogar die Augen. Sie hatte gedacht, dass die Augen ihn vielleicht verraten würden, weil die des Doppelgängers in Frauengestalt so eine auffällige Farbe gehabt hätten, aber sie waren nun genauso graugrün wie die des Ersten Sekretärs. Nur dass Larn sie nie so offen und heiter angelächelt hatte.
„Gut“, sagte er, leise aber enthusiastisch, „Das ist ein guter Anfang. Wir werden Freunde, du wirst sehen. Es ist leicht, mit mir auszukommen, warte nur ab. Ich erwarte nicht mehr von dir, als dass du mich deckst und mir aushilfst, wenn ich nicht weiter weiß, und dass du mir mehr Larkoom besorgst, wenn ich es brauche. Und im Gegenzug… Na, ich schätze, als Erster Sekretär habe ich eine Menge Möglichkeiten, mich zu revanchieren, aber erst einmal lasse ich dich im Gegenzug am Leben, und das ist doch schon einmal ein unschätzbares Geschenk, meinst du nicht?“
„Ich denke… schon.“
Er nickte zufrieden. „Famos. Und komm nicht auf die Idee, doch noch jemandem von unserem kleinen Geheimnis zu erzählen, ja? Denk daran, dass ich für alle anderen hier der Erste Sekretär bin, und du nichts als meine Patrona. Sie würden dir nicht glauben. Und ich wäre dann gezwungen, dich auch noch nachzuahmen.“
Sie starrte ihn mit halb offenem Mund an.
„Du… Du kannst zwei Personen gleichzeitig…?“ brachte sie schließlich hervor, um sich gleich darauf stumm zu schelten: Natürlich nicht gleichzeitig.
„Ja, gleichzeitig“ antwortete der Doppelgänger. „Ich kann, wenn ich will. Aber…“ Er zögerte, und sein linker Mundwinkel zuckte kurz. „Es ist sehr anstrengend und – naja, sagen wir einfach, es ist ein ziemlich unangenehmes Gefühl. Ich versuche, es zu vermeiden. Und ich wäre dir sehr, sehr böse, wenn du mich dazu zwingen würdest. Verstehst du?“
„Ja…“ Sie nickte und zögerte. „Wie soll ich dich nennen?“
Er hob eine Augenbraue – genau so, wie der Erste Sekretär es immer gemacht hatte. Überhaupt bemerkte sie, dass er von einem Moment auf den anderen die Mimik, die Haltung und den Tonfall des Originals übergestreift hatte wie einen Handschuh, als er ihr antwortete: „Exzellenz natürlich. Und ich erwarte von jetzt an, dass du mich immer wie den Ersten Sekretär behandelst, auch und gerade dann, wenn du uns unbeobachtet wähnst.“
Sie verneigte sich knapp. „Natürlich, Exzellenz.“
„Gut.“
„Ist er… Ich meine… Ist er…?“ fragte sie unsicher mit einem Blick auf Larns Körper, der noch immer inmitten des großen Zeltes auf einem der Teppiche lag.
So schnell, wie Larns Habitus in die Doppelgängerin gefahren war, verschwand er wieder. In einer auffällig femininen Bewegung wandte sie sich halb zu ihm um, stütze ihr Gesicht in die leicht gespreizten Finger ihrer rechten Hand, kreuzte andeutungsweise die Beine übereinander und stand da, als lehnte sie sich an eine unsichtbare Säule, während sie ihn versonnen betrachtete.
„Nicht ganz.“ Ihr Zeigefinger glitt zwischen ihre Lippen und sie begann, nachdenklich daran herumzuknabbern. „Ich kann mich so schlecht trennen“, sagte sie mit einem Schulterzucken und einem verlegenen Lächeln, „Ich dachte, vielleicht brauche ich ihn noch für irgendwas, man weiß ja nie…“
Jeana sah sie nur stumm an, weil sie darauf nichts zu antworten wusste. Es war so unfassbar für sie, dass da jemand vor ihr stand, der genauso aussah wie der Erste Sekretär, und es trotzdem nicht wahr. Sie wusste nicht, was sie beängstigender und verwirrender fand: Den Teil des Gesprächs, in dem sich die Doppelgängerin genau so verhalten hatte wie Larn, obwohl sie es nicht war, oder den Teil, in dem sie völlig anders gewesen war und es auf bizarre Weise offensichtlich war, dass jemand Fremdes in Larns Körper steckte.
Sie fragte sich kurz, wie viele andere bedeutende Personen im Reich des Autokraten – oder auch in anderen Reichen – in Wirklichkeit gar keine Personen waren.
Die Doppelgängerin schien Jeanas Schweigen als Frage zu deuten.
„Er ist immerhin der Erste Sekretär! Ich könnte mir vorstellen, dass irgendjemand phänomenal viel Geld für ihn bezahlen würde.“ Sie zuckte mit den Schultern. „Andererseits: Was soll ich mit phänomenal viel Geld? Und es ist doch ein ziemliches Risiko, ihn am Leben zu lassen. Hmm…“ Sie hob die Hand wieder, um damit durch ihr Haar zu fahren und stockte kurz, als wäre sie überrascht, nur noch so wenig davon zu haben. „Ach, was meinst du, wollen wir ihn zusammen umbringen, jetzt gleich? Hättest du Lust?“

Die Sonne lag sterbend in einem Bett aus orange glühenden Wolken am Horizont und die Luft war auf sonderbare Weise drückend und schwül wie vor einem Gewitter, obwohl der Himmel kaum bedeckt war.
Sie wanderten seit ihrer Flucht am Vormittag diese endlose schlecht gepflasterte Straße entlang, und Jake schwitzte und war es von Herzen Leid und wünschte sich ein Schiff, ein Shuttle oder wenigstens einen SegWay.
David und er versuchten, sich nicht anmerken zu lassen, dass sie es nicht mehr gewohnt waren, lange Strecken zu Fuß zu gehen, aber sie hingen doch ein bisschen hinter den anderen dreien hinterher.
Ein Schwarm winziger Tiere, die Jake von der Größe her an irdische Insekten erinnerten, aber Federn und Schnäbel aufwiesen und deshalb wohl Vögel sein musste, umflatterte die Reisenden. Er vermutete, dass die kleinen Schmarotzer es auf ihren Schweiß abgesehen hatte, denn gelegentlich ließ sich einer von ihnen auf einer ungeschützten Hautstelle nieder und senkte seinen Schnabel auf die klebrig-feuchte Haut. Nur An’Yik und die Maschine ließen sie größtenteils in Ruhe, von kleinen Verwechslungen abgesehen.
Er wünschte sich eine Dusche.
Jake fand die kleinen Insektenvögel zunächst sehr exotisch, bis ihm klar wurde, dass er noch nie einen Kolibri gesehen hatte und die auch nicht viel größer als Schmetterlinge waren. Oder? Naja. Für irgendetwas musste es doch gut sein, einen mobilen Supercomputer mit Brüsten dabei zu haben.
„Gibt es auf der Erde Kolibris, die genau so klein sind wie diese Viecher?“ fragte er.
„Nein“, antwortete die Androidin. „Mellisuga helenae misst im Durchschnitt je nach Geschlecht sechs bis sieben Zentimeter. Diese Tiere scheinen unabhängig vom Geschlecht zwischen vier und viereinhalb Zentimeter lang zu werden.“
„Ah. Hm, danke.“ Warum hatte er noch mal gefragt? Gott, wie er es hasste, mit Maschinen zu reden. „Ich bin hungrig. Haben wir eigentlich was zu essen?“
„Das hätten Kalon und David mitbringen sollen“, erklärte An’Yik mit einem vorwurfsvollen Blick in die Richtung der beiden, „Aber sie haben entschieden, sich stattdessen lieber entführen zu lassen.“
„Ja, was soll ich sagen“, grummelte Kalon, „Ich dachte eben, es wäre vielleicht mal ganz lustig.“
„Schmecken die kleinen Dinger hier vielleicht?“ fragte Jake.
An’Yik drehte sich zu ihm um, ohne stehen zu bleiben, schnappte einen der Mikrokolibris, schob ihn sich in den Mund, kaute kurz und schluckte.
Nach einer kurzen Pause schüttelte sie ihren Kopf. „Nein, die sind eklig.“
„Äh… Das hättest du nicht…“
„Ich glaube, sie mag dich“, sagte Kalon in vertraulichem Tonfall, „Sonst würde sie nicht versuchen, dich zu beeindrucken.“
Ihr Kopf ruckte zu Kalon herum, und Jake konnte nicht anders, als es fürchterlich sexy zu finden, wie ihre gelben Echsenaugen sich weiteten, während sie ihre Reißzähne fletschte und ihn leise anfauchte. Er fand es selbst ein bisschen krank, aber es war eben so.
Kalon lachte nur und kehrte zum Thema zurück: „Ein paar Masten weiter müsste ein kleiner Ort kommen, mir fällt gerade der Name nicht ein. Es ist wahrscheinlich keine gute Idee, dass wir alle zusammen essen gehen, aber vielleicht könnte einer von uns Vorräte kaufen. Vielleicht jemand Unauffälliges, ohne grüne Haut und einen Schwanz…“
„Ja, klar, weil das in Leyathin so gut funktioniert hat.“
„Da wird man ein einziges Mal von der Inquisition gefangengenommen…“
An’Yik lachte, und versetzte ihm mit ihrem Schwanz einen Klaps gegen seine linke Wade. „Es war nicht das erste Mal, Kalon!“
Er nahm einen tiefen Atemzug. „He, Dojko zählt nicht, das war nur, weil ich dich befreien wollte!“
„Du mich? Irgendwas ist dann aber schiefgegangen bei dem Plan, oder? Wenn ich mich richtig erinnere-“
Er unterbrach sie mit einer sonderbaren Mischung aus Husten und Räuspern und winkte heftig mit einer Hand wedelnd ab. „Schon gut, ist ja auch egal, jedenfalls kann einer von uns da vorne etwas zu essen für uns kaufen.“
„Klar“, antworte sie in einem sehr süßlichen Tonfall, der unmissverständlich deutlich machte, dass sie aus reiner Freundlichkeit über die weiteren Details schwieg.
„Und wer geht?“ fragte David, der bisher nur stumm lächelnd zugehört hatte.
„Es sollte auf jeden Fall jemand sein, der sich hier ein bisschen auskennt“, antwortete Kalon, „Und weil derjenige vielleicht keine grüne Haut haben sollte, bin ich das dann wohl.“
David runzelte seine Stirn. „Sollte nicht noch jemand mitgehen?“
„Hat letztes Mal doch auch nicht geholfen.“
„Was ist das da vorne?“ fragte David, und in dem Moment sah Jake auch den Wagen vor ihnen am Straßenrand.
David blieb stehen und betrachtete das Gefährt mit dem Käfigaufbau, und der Rest der Gruppe tat es ihm gleich.
„Gefangene, oder?“ fragte Jake.
David schüttelte langsam und nachdenklich seinen Kopf. „Aber da ist doch ein Kind, oder? Das Mädchen da, kann doch nicht älter sein als acht, neun Jahre, oder?“
Jake spähte angestrengt in Richtung des Wagens, der noch zu weit weg war, als dass er es eindeutig hätte erkennen können.
„Wenn ich die Entwicklung menschlicher Kinder zugrunde lege, schätze ich sein Alter auf sieben Jahre und zwei Monate“, antwortete die Maschine.
David blies abfällig Luft durch seine Lippen. „Danke, das war wichtig…“
„Es sind Sklaven“, sagte Kalon. „Der Erste Sekretär hat vor zehn, fünfzehn Jahren das Eigentum an Menschen aufgehoben, aber Transporte durch das Reich werden geduldet.“
„Sklaven. Da sind zwei Kinder in dem Wagen!“ David sah Kalon beinahe genauso böse an, als hätte der sie selbst da hineingesteckt.
„Es sind drei Kinder und zwei Jugendliche“, berichtigte ihn die Maschine.
„Ach so“, sagte David, „Dann ist ja gut. Gehen wir weiter?“
An’Yiks Schwanz schlug hinter ihr von links nach rechts, und sie drehte sich halb zu David und Jake um. „Natürlich gehen wir weiter! Ihr denkt doch nicht ernsthaft darüber nach, sie zu befreien?“
„Was sonst?“ fragte David. „Ich werde kaum einfach vorbeilaufen und wegsehen, wenn da ein Wagen mit drei versklavten Kindern am Straßenrand steht!“
Sie legte ihren Kopf schief und musterte David ein paar Sekunden lang mit ihren vertikal blinzelnden gelben Reptilienaugen, bevor sie erwiderte: „Und was möchtest du stattdessen tun? Ich wäre gespannt, wie du alleine und ohne Waffen die Wachen überwältigen möchtest.“
„Ich glaube nicht, dass ich allein wäre“, antwortete er nach kurzem Zögern.
„Nein“, sagte Jake, „Glaube ich auch nicht.“
Er war sich eigentlich gar nicht sicher, dass es eine besonders gute Idee war, aber David war sein Freund, und in gewisser Weise hatte er einfach Recht. Wenn andere in Not sind und man ihnen helfen kann, läuft man nicht einfach vorbei. Wenn man ihnen helfen kann war dabei natürlich der springende Punkt.
„Schön“, sagte An’Yik schnippisch, „Dann seid ihr ja schon zu zweit und unbewaffnet. Wisst ihr eigentlich, wie dumm diese Idee ist? Wir versuchen hier gerade, möglichst unauffällig buchstäblich einer Armee zu entkommen, und ihr wollt hier auf offener Straße jemanden überfallen? Ganz abgesehen davon, dass die doch überhaupt nicht wissen, wo sie dann hin sollen, nachdem ihr sie „befreit“ habt. Nach spätestens einer Woche ist die Hälfte von denen verhungert, und die andere ist wieder versklavt. Und schließlich bin ich gespannt, wie ihr zwei jetzt gleich drei bewaffnete Wachleute erledigen wollt.“
Während sie sprach, hatte sie sich ganz umgedreht, ebenso wie Kalon und die Maschine, sodass die Gruppe nun beinahe einen Kreis auf der Straße bildete.
„Ich kann Ihnen helfen“, sagte die Maschine.
„Ja, klar“, sagte Jake, „Wie willst du das machen? Du bist aus Porzellan, weißt du noch? Du kannst nicht kämpfen.“
Sie hatte sich in dem Lager der Armee durchaus als nützlich erwiesen, vor allem aufgrund ihrer Sensoren, die menschlichen Sinnesorganen viel voraus hatten, aber gekämpft hatte sie nicht.
„Ich rechne nicht damit, dass sie noch kämpfen wollen, nachdem ich die Käfigstäbe ihres Wagens aufgebogen und die Ketten der Sklaven zerrissen habe.“
David lachte. „Da ist was dran, oder? Ich bin eigentlich sowieso dafür, die Wachleute leben zu lassen. Die machen auch nur ihren Job.“
„Was?“ An’Yik zog ihre Lippen so weit auseinander, dass Jake zum ersten Mal sehen konnte, wie unwahrscheinlich lang ihre Zähne waren. Es sah aus, als wären da mindestens drei Zentimeter Zahn, bevor das Zahnfleisch anfing, und wenn sie ihre Zähne so sehr fletschte, sah sie plötzlich ausgesprochen gruselig und schlangenhaft aus, und gar nicht mehr sexy. Es war zum Verrücktwerden, dieses dauernde Hin und Her. „Ihr wollt sie am Leben lassen? Ihr wollt nicht ernsthaft- Nein! Das meint ihr doch nicht ernst.“
Jake schluckte seinen Abscheu hinunter, zwang sich zu einem sarkastischen Grinsen und fragte sie: „Was sollen wir machen? Wir sind unbewaffnet.“
Ihr Schwanz wischte hektisch hinter ihr über die Pflastersteine der Straße und verursachte dabei ein leises schabendes Geräusch. „Kalon, sag doch auch mal was! Sag denen, dass das so nicht geht!“
Kalon verdrehte kurz die Augen, als hätte er gehofft, sich ganz aus der Sache heraushalten zu können. „Ach… Natürlich ist es besser, wenn wir wenigstens keine Zeugen hinterlassen, aber andererseits sehen die Sklaven ja auch alles, und die werden ganz bestimmt nicht alle den Mund halten. Obwohl sie immerhin nicht gleich zur nächsten Garnison laufen und um Hilfe bitten werden… Und ja, An’Yik hat Recht, ich glaube auch nicht, dass ihr ihnen einen Gefallen tut, wenn ihr sie befreit.
David schnaubte und schüttelte den Kopf. „Das wäre natürlich eine unheimlich bequeme Einstellung für uns, was?“
Kalon zuckte die Schultern. „Nur meine Meinung.“
An’Yik stöhnte. „Ihr wart doch mal Soldaten, da müsstet ihr doch begriffen haben, dass man sich nicht immer an alle Regeln halten kann. Wenn ihr diesen Unfug schon nicht lassen könnt, müssen wenigstens die Wächter sterben, sonst sind wir die Nächsten da auf dem Wagen!“
„Naja, wenn uns keiner hilft…“ warf Jake ein. Er war in dieser Frage eher auf An’Yiks Seite. Die Wachleute am Leben zu lassen war auch für seinen Geschmack ein bisschen zu viel Ethik an einem einzigen Tag.
Sie gab einen fauchenden Laut von sich, griff nach dem Stab mit den zwei Klingen, den sie auf ihrem Rücken trug. „Schon gut. Ich mach’s. Aber ihr schuldet mir was, vergesst das nicht.“
„Reicht es nicht auch, wenn wir sie betäuben und fesseln?“ fragte David. „Bis sie sich befreit haben, sind wir längst weg, und ungefähr wissen unsere Verfolger doch sowieso, wo wir sind.“
„Und das wird auch immer so bleiben, wenn wir weiterhin regelmäßig Spuren für sie legen!“ sagte An’Yik. „Ich weiß nicht, ob euch das klar ist, aber das alles hier ist nicht einfach nur ein Spiel! Wenn die Jäger uns das nächste Mal erwischen, tippen sie uns nicht einfach nur an und rufen ‚Ihr seid’s!’“
„Wenn Sie die Zungen der Männer herausschnitten, könnten sie niemandem von uns erzählen“, schlug die Maschine in diesem absurden freundlichen Tonfall vor, in dem sie immer sprach. „Falls sie lesen und schreiben können, wäre es wahrscheinlich ratsam, sie außerdem zu blenden.“
„Boah, nein!“ Jake vergrub sein Gesicht in den Händen und schüttelte seinen Kopf. Er wusste nicht mehr, ob er lachen oder sie beschimpfen sollte, und ob es nicht vielleicht doch das Beste für alle wäre, die blöden Sklaven einfach da zu lassen, wo sie waren. Warum mussten richtige Entscheidungen immer so kompliziert sein?

Lesegruppenfragen

  1. So, jetzt lebt Larn also noch. Ist das zu bemüht, oder findet ihr das glaubwürdig?
  2. Und da wir gerade dabei sind: Was machen wir denn nun mit ihm?
  3. Ich bin mir insbesondere mit der zweiten Szene irgendwie unsicher. Wie hat die auf euch gewirkt? Mochtet ihr zum Beispiel das Gekabbel zwischen An’Yik und Kalon?
  4. Nur so zur Information: Die Formulierung mit der sterbenden Sonne habe ich aus „The Steel Remains“ von Richard K. Morgan. Ich fand die schön, wollte sie aber nicht klauen, ohne zumindest ein bisschen Anerkennung dafür zu geben.
Advertisements

10 Responses to Menschenähnlich (19)

  1. 1. Ich finde das glaubwürdig (immerhin wollte ich ja, dass er überlebt, dann werde ich jetzt nicht rummosern. ;-))
    2. Irgendwann muss er zu sich kommen und durch eine abgefeimte List den falschen Larn töten, vielleicht mit Hilfe seiner Patrona. (Er erinnert mich an den Patrizier aus den Scheibenwelt-Romanen, und der ist ziemlich schlau.) Wie Du das hinbekommst? Keine Ahnung. :mrgreen:
    3. Ich mag die Szene; das Gekabbel lockert die Story auf, ich mag, dass Du Humor mit einbaust und nicht alles so furchtbar ernst schilderst.

  2. Muriel sagt:

    @Fellmonsterchen: 1. Konsequent.
    2. Der Patrizier, ich fühle mich sehr geschmeichelt. Wow.
    3. Vielen Dank, das freut mich.

  3. Andi sagt:

    1. Nö, zu bemüht ist das nicht. Es ergibt ja Sinn. Der/die/das Doppelgängerin könnte Larn ja tatsächlich nochmal gebrauchen. Außerdem lässt das eine Chance, dass Larn nochmal ins Geschehen eingreift. Das ist so wie bei einer Soap: wenn jemand nach Brasilien auswandert, kommt er in 4 Jahren zurück, weil er keine anderen Rollen gekriegt hat. Larn kommt also auch wieder. Das erwarte ich jetzt einfach mal. 🙂

    2. Wir machen gar nix. Du machst. 🙂
    Ja, ich weiß auch nicht. Die können ihn ja schlecht einfach so liegenlassen, oder?

    3. Ich hätte zur Not drauf verzichten können, aber es macht den Dialog bzw. die ganze Szene lebendig. Ansonsten geht mir David auf den Keks. Der soll die Sklaven doch mal bitte Sklaven sein lassen. Immer diese Gutmenschen. Ist ja nicht so, dass David keine anderen Problemchen hätte. Aber ich schätze, die sind alle noch längst nicht am Ziel, hm? 🙂

    4. Die Sonne lag sterbend da… du liest (oder hörst?) zuviel Twilight, mein Freund. 🙂

    5. Ich finde den Ausdruck „Famos“ ganz toll. Hab ich, glaub ich, noch nie jemanden sagen hören. Und es gibt so viele schöne Worte, die wir mal wieder sagen sollten. Oder eben zumindest schreiben. Sonst sterben sie aus. „Famos“ ist sowas von toll.

  4. Muriel sagt:

    @Andi: 1. Es sei denn, er kriegt die Patrizierrolle in der nächsten Pratchett-Verfilmung…
    2. Scheint mir auch langfristig keine praktikable Lösung zu sein.
    3. Naja, irgendwann kommen sie schon auch noch da an. Glaube ich. Nur jetzt wäre mir noch zu früh gewesen.
    4. Ich höre. Aber wie gesagt, das Zitat ist jetzt aus The Steel Remains. Hat übrigens einen schwulen Protagonisten, der von allen total fair behandelt wird, solange er bloß nichts Homosexuelles tut… (Wir sollten uns demnächst mal wieder einen besseren Running-Gag suchen.)
    5. Ja, finde ich auch.

  5. Andi sagt:

    1. Ich kenne Pratchett nicht. Aber ich möchte Larn gerne noch in dieser Geschichte behalten. Falls es dich beruhigt, würd ich aber auch weiterlesen, wenn du ihn plattmachst.

    3. So ein paar kleine Hindernisse sind ja auch völlig in Ordnung. Vielleicht stolpern sie ja noch über ein paar Homosexuelle. Oder homosexuelle Fußballer. Am besten noch über homosexuelle Fußballer aus Ghana.

    4. Wieso sollten wir das? Hat sich jemand beschwert? 🙂

    5. Prächtig!

  6. Muriel sagt:

    @Andi: 1. Du kennst… Du meinst… Oh Mann.
    4. Ich würde dem gerne zuvorkommen, dachte ich.

  7. Andi sagt:

    1. Tschuldigung. Also, vom Namen her kenn ich den schon. Aber ich hab nix von ihm gelesen. Wundert´s dich?

  8. Guinan sagt:

    1. Annehmbare Lösung, logisch nachvollziehbar. Ich freue mich, dass er weiterhin dabei ist, da sind noch ein paar hübsche kleine Intrigen zu erwarten.
    2. Was bin ich froh, dass ich mir da jetzt nichts Sinnvolles ausdenken muss…
    3. Das Gekabbel gefällt mir. Ich mag’s ja sowieso, wenn An’Yik aus sich herausgeht. Ganz das gnadenlose Raubtier, sehr schön. Der Schluss war auch nicht übel, Shu’Nims durch und durch rationale Denkweise hat schon was.
    4. Ich fürchte, Richard K. Morgan wird dann so gar nichts für mich sein.
    – Ansonsten: SegWay, die sind dann schon seit Jahrhunderten durch fliegende Skateboards abgelöst worden, oder sowas in der Art. Alles mir Rädern ist jedenfalls total out.
    @Andi: Ein Versuch mit Pratchett lohnt sich, ich empfehle zum Einstieg die Reihe um Kommandeur Mumm.
    Wahrlich exzellente Wortwahl übrigens 🙂

  9. Muriel sagt:

    @Andi: Wundern wäre der falsche Ausdruck…
    @Guinan: Danke!
    4. Ich fand ihn am Anfang ganz gut, aber jetzt zum Schluss geht er mir doch ein bisschen auf den Geist. Ich rechne allerdings damit, dass ich mich sehr bald nach ihm zurücksehnen werde, wenn ich erst mal weiter in Twilight vorgedrungen bin…
    SegWays werden übrigens den Höhepunkt ihrer Marktdurchdringung frühestens im jahr 2100 erreichen und die Welt des interstelaren Reisens über Jahrhunderte uneingeschränkt beherrschen. Hoverboards werden zwar schon 2015 erfunden, sich aber aus verschiedenen Gründen nie durchsetzen.
    Ersten funktionieren sie nicht auf Wasser (Das weiß jeder.), und zweitens haben sie keine Like-Funktion und sind damit menschenrechtswidrig.
    (Bevor jemand fragt: Jeder SegWay hat natürlich mindestens drei funktionierende Like-Knöpfe, damit immer noch einer geht, sogar wenn zwei ausfallen, sodass der Ermessensspielraum des Fahrers auf keinen Fall beschränkt wird…)

  10. Guinan sagt:

    Drei Like-Knöpfe? Da widerspreche ich jetzt ganz entschieden. Ich bestehe ausdrücklich auf einen Hate-Knopf und zusätzlich, wirklich überaus dringend erforderlich, einen Sch*egal-Knopf. Sonst ist mein Ermessensspielraum in unzulässiger Weise eingeschränkt. Wo kämen wir denn hin, wenn man plötzlich nur noch mögen dürfte, also nee.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: