Religion revisited

Ich habe hier hin und wieder schon meine Meinung zum Thema Religion dokumentiert. Ich lese regelmäßig über das Thema, und ich habe viele YouTube-Kanäle abonniert, die sich damit befassen. Mich fasziniert der Mechanismus dahinter, dass Menschen ihre Rationalität für bestimmte Bereiche völlig aussetzen. Dabei ist es (von der Ursache her) beinahe egal, ob der Schluss nun lautet, dass Jesus uns alle erlöst hat, dass man mit Zuckerpillen Krankheiten heilen kann oder dass die so genannte Finanzkrise von fiesen Spekulanten verursache wurde. Aber die großen Religionen eignen sich halt so schön zur Illustration, und sie sind besonders ärgerlich, weil sie so verbreitet und einflussreich sind. Und so unverschämt. Deshalb benutze ich sie auch weiterhin. Ich habe keinen richtig guten Weg gefunden, meine gesammelten Gedanken zu ordnen und hoffe, dass ihr mir das nachseht und mich vielleicht trotzdem eure Meinung dazu wissen lasst.

Zum Glauben gehört nach meiner Erfahrnug unweigerlich eine spezielle Art von Logik, die der Gläubige in keinem anderen Lebensbereich akzeptieren würde. Wer auf die Frage (z.B.) nach der Existenz des christlichen Gottes die gleiche Methode anwendet, die für ihn auch bei der Frage nach der Existenz von Kobolden oder Monstern unter dem Bett gilt, muss zu dem Schluss kommen, dass es Gott nicht gibt, wenn er nicht unter Wahrnehmungsstörungen leidet. Und weil ich die aufgebrachten Gläubigen schon im Geiste hören (oder besser lesen) kann: Nein, ich habe nicht gerade behauptet, dass ihr alle Halluzinationen habt. Ich habe behauptet, dass ihr für euren Glauben eine Methode zur Erkenntnisgewinnung benutzt, die ihr für den Rest eures Lebens genauso ablehnen würdet, wie ich es tue. Compartmentalization heißt das auf Englisch, und es ist schade, dass wir diesen Begriff im Deutschen nicht haben. Jemand kann glauben, dass Jesus nach seinem Tod am Kreuz auferstanden ist, und trotzdem ansonsten ein völlig vernünftiger Mensch sein, der sowohl Homöopathie als auch Horoskope problemlos als den Unfug erkennt, der sie sind.

Insbesondere beim christlichen Glauben fällt mir darüber hinaus auf, dass er nicht nur Tatsachenbehauptungen auf der Grundlage seiner fehlerhaften originellen Logik errichtet („Gott existiert.“), sondern außerdem noch ethische Bewertungen aus dem Hut zaubert, die groteskerweise durch die eigenen Glaubensinhalte eindeutig widerlegt werden („Gott ist gut.“). Wer beispielsweise konsequent dieselben ethischen Maßstäbe an den christlichen Gott anlegt, die er auch sonst akzeptiert, muss in meinen Augen zu dem Ergebnis kommen, dass Gott ungefähr so moralisch handelt wie der durchschnittliche Gangsterboss. Tu, was ich sage, sonst brech ich dir die Beine.

Nein, wenn ich noch mal überlege, ist der Gangsterboss eigentlich moralischer, denn dessen Strafe ist immerhin endlich und steht in einem bestimmten Verhältnis zum begangenen Verstoß. Beides kann man vom biblischen Gott nicht sagen, denn Hölle ist für alle Ewigkeit, und ich wüsste nicht, welches Verbrechen ein Mensch begehen könnte, das eine unendliche Strafe rechtfertigt. (Fun Fact: Die Hölle hat Jesus eingeführt, im Alten Testament gibt’s noch keine.)

Sogar wenn es Gott gäbe, wie er in der Bibel (und den anderen Büchern der drei Großen) beschrieben ist, läge es nach jeder menschlichen Vorstellung von Moral völlig fern, ihn aus anderen Gründen zu verehren, als eben dem, dass er einem sonst die Beine bricht den Zugang ins Paradies verwehrt und einen in alle Ewigkeit verdammt.

Aus diesen und weiteren Gründen ist es für mich schwer vorstellbar, wie ein denkender Mensch aufrichtig dieser Religion anhängen kann, oder irgendeiner anderen. Aber viele denkende Menschen tun genau das. Manchmal macht es Spaß, sich darüber lustig zu machen, aber es bringt einen natürlich nicht weiter. Vielleicht habe ich durch meine sehr harschen Äußerungen auch gelegentlich den Eindruck erweckt, jeder Gläubige müsse in meinen Augen entweder böswillig oder verrückt sein. Und wenn man die Äußerungen mancher Bischöfe liest, kann man zu dem Schluss kommen, dass die wiederum mich für mindestens eins von beidem halten würden.

Dieses gegenseitige Unverständnis macht es natürlich schwer, vernünftig miteinander zu reden. Und eigentlich kann jeder Mensch sich natürlich darauf berufen, dass es allein seine Sache ist, woran er glaubt und woran nicht. Aber ich bin davon überzeugt, dass es kritisches Denken und wissenschaftliche Forschung sind, die die Menschheit so weit gebracht haben, wie sie jetzt ist, und dass Religion und all die anderen Beispiel für die menschliche Fähigkeit zu völliger Aussetzung der Vernunft dafür verantwortlich sind, dass wir es bisher nicht noch viel weiter geschafft haben. Manche mehr, manche weniger, natürlich. Aber im Grunde sind sie für mich alle gleich.

Ich kann nicht für andere sprechen, aber für mich ist das der Grund, dass ich es oft einfach nicht lassen kann, zu widersprechen, wenn ich wieder irgendeinen scheinbar harmlosen abergläubischen Unfug lese. Meine Verachtung richtet sich dabei (naja, meistens) nicht gegen den Gläubigen. Nur gegen seinen Glauben.

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12 Responses to Religion revisited

  1. Manuel sagt:

    Volle Zustimmung. Nur schließen wir ale ab und an die Rationalität aus (ich erinnere an Deine Argumente zum Nicht-wählen).

  2. Nardon sagt:

    Volle Zustimmung für Manuel, da mich das Argument des Nicht-wählen auch ein wenig befremdet hat.
    Ich bin immer noch davon überzeugt das viele Menschen willens sind zu „Glauben“, da es ihnen eine „scheinbaren Ausweg“ aus ihrer Sterblichkeit bietet.
    Sie sozusagen vor der Endgültigkeit des biologischen Ablebens bewahrt.

  3. Tim sagt:

    @ Manuel, Nardon

    Wieso? An einen Gott glauben oder das Gefühl haben, wählen gehen zu müssen, sind doch beides perfekt irrationale Verhaltensweisen. Beides gibt den Betreffenden wahrscheinlich ein gutes Gefühl, aber beides ist auch untauglich, das angestrebte Ziel zu erreichen (im Himmel landen / das „richtige“ Wahlergebnis herbeiführen).

    Es hat ja auch niemand etwas gegen Irrationalität. Problematisch wird es IMHO nur dann, wenn z.B. Gläubige die Arena des Rationalen betreten und mit ihren Glaubensgrundsätzen irgendwelche Dinge begründen wollen, etwa ein Verbot der Genforschung. Wenn man das zuläßt, öffnet man die Büchse der Pandora und muß folgerichtig im Prinzip auch jede andere Quatschbegründung zulassen.

  4. Muriel sagt:

    @Manuel: Na, du bist ja lustig. Dort, wo es hingehört, brichst du die Diskussion ab, weil wir dir einfach zu doof sind, aber hier meinst du jetzt, damit wieder anfangen zu müssen?
    Egal. Ich habe auch meine Charakterschwächen.
    @Manuel, Nardon: Ihr habt natürlich völlig Recht, dass niemand vor diesem Problem gefeit ist, insbesondere auch ich nicht. Genau das ist ja das Bemerkenswerte daran. Und natürlich die Tatsache, dass in diesem Zusammenhang meist beide Seiten des Konflikts der jeweils anderen den Verlust ihrer Rationalität unterstellen. Menschen sind schon komische Tiere.
    @Tim: Das hast du schön gesagt, finde ich.
    Wer privat einfach gerne glaubt, dass er fliegen kann, damit aber sonst niemanden belästigt, kann ein wunderbarer Mensch sein. Bedenklich wird es erst, wenn er zum Beispiel seine Kinder überreden will, es doch auch mal zu versuchen…
    Aber das Problem ist eben, dass der Gläubige selbst den Unterschied nicht bemerkt. Wir zum Beispiel halten unseren Glauben zum Thema Wahl ja auch für völlig vernünftig und meinen deshalb, es wäre in Ordnung, ihn zu verbreiten.

  5. Tim sagt:

    @ Muriel

    Bei mir ist es sogar noch viel schlimmer. Ich brauche jeden Morgen ein auf ganz bestimmte Weise gemixtes Müsli, damit ich mich gut fühle (bzw. bilde mir ein, daß ich es brauche). Wenn das nicht irrational ist, was dann? Prinzipiell hat jeder natürlich das Recht, auch noch den allergrößten Unsinn zu glauben, wenn er unbedingt möchte.

    Ich frage mich allerdings, wie sich die Gemeinschaft der Gläubigen verhalten würde, wenn sie könnten, wie manche von ihnen vielleicht gern möchten. Würden Ratzinger & seine Freunde die westlichen Freiheiten wirklich so hochhalten wie wir? Darum finde ich es wichtig, immer und immer wieder auf den Unsinn von Mumpitzweltanschauungen hinzuweisen, damit wir das Elend eines Tages hoffentlich überwinden können.

  6. Manuel sagt:

    Wer ist denn „wir“, Muriel?

    Die Diskussion da drüben hat sich 3 ml im Kreis gedreht, da waren sich soch alle einig.

  7. Muriel sagt:

    @Manuel: Mit „Wir“ meine ich Tim, Andi und mich. Und dass die Diskussion sich im Kreis drehte, ist unbestritten. Ich bezweifle vor allem, dass es Sinn ergibt, sie hier neu aufzugreifen. Aber vielleicht wolltest du ja auch nur einen harmlosen Scherz machen, auf den ich zu nickelig reagiert habe.

  8. Manuel sagt:

    Keinen Scherz, ich wollte nur einen Vergleich ziehen, dass es Bereihe gibt, in denen jeder irrational argumentiert, damit es einem passt.

  9. sayadin sagt:

    Ach der Gedanke mit den Halluzinationen gefällt mir gut. Eigentlich habe ich nur religiöse Gefühle wenn ich unter Drogen stehe, dann verstehe ich das. Früher habe ich mir auch eingeredet, das ich mit Gott ein persönliches Verhältniss habe. Aber heute ist mir das fremd.
    Aber auch als ich damals Theologie studiert habe kam in mir immer wieder der Gedanke hoch: was hat es mit mir zu tun wenn der eine den anderen erschlägt oder der eine vom anderen abstammt.

    In der Bibel sind durchaus sehr interessante und faszinierende Gedanken. Aber es reicht nicht dafür, das ich, wie die Christen, dem lieben Gott jeden Tag in den Arsch kriechen möchte.

  10. Muriel sagt:

    @Manuel: Ach… Eigentlich würde mir das andere Ergebnis besser passen, glaube ich. Ich hatte außerdem gar nicht so sehr das Gefühl, dass einer von uns so richtig irrational zu seinen Ergebnissen kommt. Wir hatten zwar ein weitgehendes Kommunikationsversagen, das führe ich aber eher auf zu unterschiedliche Prämissen zurück. Ich kann mich da natürlich auch irren.
    @sayadin: Ich sehe dich in der Hölle.

  11. Manuel sagt:

    Stimmt, das ist der große Unterschied zur Religion: Die Bereitschaft zu akzeptieren, dass man sich irren könnte.

    Wenn die Religionen wenigstens so weit wären, wäre schon ein Schritt getan.

  12. sayadin sagt:

    Hi Muriel, ich hoffe, das ich da ein Engagement als Teufel bekomme. Aber egal wo man landet, die Frage ist immer auf welcher Stufe der Hirarchie…

    Religionen geben wunderbare Antworten auf Fragen, die keiner stellt.
    Sie ziehen ja einen großen Teil ihrer Legitimation daraus, das sie meinen, das sie schon so lange existieren. Aber wie sagte Tucholsky so schön „Lass dich nicht beirren wenn jemand sagt, ich mache das seit 20 Jahren so. Man kann eine Sache auch 20 Jahre falsch machen.“

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