Menschenähnlich (23)

Einen ganzen Tag lang musstet ihr führungslos durch das Internet irren ohne einen neuen Beitrag von mir auskommen, aber heute gibt es wieder einen: Das nächste Menschenähnlich-Kapitel!

Wir kommen dem Ende ja bekanntlich so langsam – ganz, ganz langsam, keine Angst – näher, und ich beginne, ein bisschen vorsichtig zu werden, damit ich nicht irgendwann dastehe und zugeben muss, dass ich mich in eine Ecke gemalert habe, aus der ich nicht mehr rauskomme. Kann natürlich trotzdem passieren, aber ich versuche jedenfalls, es zu vermeiden. Ich bin gespannt, ob es klappt. Ihr auch?

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erwehttps://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/wp-admin/post-new.phpichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.
Im 13. Kapitel werden David und Kalon von Dick und Doof verhaftet, und die An’Yik macht sich Sorgen, weil die beiden nicht pünktlich am Treffpunkt erscheinen, nachdem sie entschieden hat, Jake vorerst nicht zu essen.
Shianuk und der Androide werden im 14. Kapitel vom Autokraten überrascht, und David, Kalon, Dick und Doof fallen in die Hände einer Einheit der Autokratischen Armee.
Im 15. Kapitel werden die Gefangenen dem Ersten Sekretär vorgeführt, aber etwas kommt dazwischen, und genau dieselbe Störung nutzen An’Yik, Shu’Nim und Jake, um einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Shu’Nim macht einen Witz.
Im 16. Kapitel kommen die drei gerade rechtzeitig, um einen Versuch zu vereiteln, David und Kalon aus der Gefangenschaft zu entführen und sie dann selber zu befreien. Gleichzeitig muss die Pontifex an J2 herumbasteln, obwohl sie gar nicht will.
Shianuk wird im 17. Kapitel von der Pontifex aus ihrem Gefängnis befreit. David und An’Yik streiten darüber, ob sie die Inquisitoren töten, und Larn lernt die hübsche Doppelgängerin kennen, die An’Yik im 16. Kapitel getötet hatte.
Im 18. Kapitel befreit J2 Shianuk von den autokratischen Soldaten, und die Doppelgängerin bereitet Larn eine unerfreuliche Überraschung.
Die Doppelgängerin und Jeana lernen sich im 19. Kapitel besser kennen, während David, Jake und die anderen eine Sklavenbefreiung planen.
Im 20. Kapitel reist Shianuk mit J2 zum Kehlar-Turm, und wir sehen die Welt durch die Augen des Doppelgängers.
Im 21. Kapitel bricht der Autokrat zu einer Reise auf, der Erste Sekretär bekommt etwas zu essen und Jake, David und die anderen erreichen den Kehlar-Turm.
Shianuk und J2 betreten im 22. Kapitel zum ersten Mal den Turm, und einer von ihnen wird sofort wieder rausgeworfen. Der Autokrat enttarnt die Doppelgängerin, aber sie entkommt vorerst.

Was heute geschieht
„Au, das-“ tut weh, hatte Shianuk sagen wollen, aber sie erkannte sofort, dass der Mann mit dem schmutzigen Bart wahrscheinlich keine Skrupel hatte, ihr Schmerzen zuzufügen, und dass es deshalb sinnlos war, sich zu beklagen.
Mit einem angestrengten Grunzen zog er die Fesseln fester zu, die ihr linkes Handgelenk an den Tisch banden und sich bereits jetzt anfühlten, als würden sie bis auf den Knochen einschneiden. Genauso wie die Fesseln am anderen Handgelenk und ihren Knöcheln.
Er trat einen Schritt zurück, betrachtete sein Werk und nickte zufrieden.
Aus dem Korridor draußen erklang ein sonderbares Geräusch, wie ein Rascheln oder ein Trippeln. Es erinnerte Shianuk an kleine Nagetiere, nur dass es dem Geräusch nach viel größer sein musste. Der Kopf des Mannes ruckte zum Ausgang des Raumes, in dem er sie auf den Tisch gefesselt hatte, und seine Augen verengten sich.
„Warte kurz, dann komme ich gleich wieder“, murmelte er. „Geduld, meine Kleine, Geduld…“
Mir einem sonderbar glucksenden Geräusch, das ein Lachen oder etwas anderes hätte sein können, verließ er den Raum und ließ Shianuk zurück.
Der Raum war merkwürdig. Shianuk hatte keine Ahnung, wozu er gedient haben könnte, aber natürlich überraschte sie das nicht. Sie nahm nicht an, dass ein Volk, das in Schiffen zwischen den Sternen reiste, Dinge tat, die sie verstehen konnte. Sie war auf einen metallenen Tisch gefesselt, der sich an einem Ende des länglichen Raumes befand. Hinter dem Tisch befand sich ein Stuhl, dahinter erfüllte eine große schwarze gläsern glänzende Fläche die gesamte Wand. Der Rest des Raumes war gefüllt mit kleineren Stühlen, an denen kleine Tischplatten befestigt waren.
Das raschelnd-trippelnde Geräusch kehrte nicht zurück, aber es herrschte auch keine völlige Stille. Ein leises Rauschen erfüllte den Raum, und gelegentlich erklang ein leises Schleifen über ihr, als würde jemand einen Stock über die metallene Decke ziehen.
Nach kurzer Zeit verlosch das Licht. Shianuk war sich nicht sicher, ob sie jemals so vollständige Dunkelheit erlebt hatte wie nun in diesem fensterlosen Raum in dem riesigen Stahlturm. Das Schleifen erklang noch einmal, und dann glaubte sie, etwas sich in einer entfernten Ecke des Raumes bewegen zu hören. Oder hatte sie sich das nur eingebildet?
Sie zitterte, vor Angst und vor Schmerz und vor Kälte, denn es war kühl hier im Turm, und der metallene Tisch, auf den sie gebunden war, schien die Wärme regelrecht aus ihrem Körper zu saugen. Ihr Atem verwandelte sich langsam in ein leises Wimmern, und als sie die Stimme hörte, schrak sie so heftig zusammen, dass sie sicher war, ihre Haut an den rauen Seilen aufgerissen zu haben.
„Er hat seinen Verstand verloren, weißt du?“
Es war die Stimme einer jungen Frau, nicht viel dunkler als ihre eigene. Sie schien nicht aus einer bestimmten Richtung zu kommen, sondern von überall auf einmal.
Shianuk hob reflexartig ihren Kopf und versucht, sich umzusehen, obwohl es finster war in dem Raum. Sie antwortete nicht. Sie wusste nicht, ob sie der Urheberin der Stimme verraten wollte, wo sie war.
„Das haben die meisten, die hier sind.“ Eine lange Pause, in der Shianuk nichts anderes hörte als das dumpfe Schlagen ihres eigenen Herzens in ihren Ohren. „Ich auch“, flüsterte die Stimme.
„Wer… Wer bist du?“ fragte Shianuk.
„Ich bin der Turm.“
„Du bist… Wie… Du bist der Turm?“
„Ich verstehe nicht, was er sagt, aber meistens ist es ganz leicht zu erraten, was er will. Oft tue ich das dann. Er hält mich für einen Gott, glaube ich. Ich finde das schön.“
„Du findest… Ich verstehe nicht. Was hat er mit mir vor?“
„Ich denke, dass er dich vergewaltigen wird. Vielleicht bringt er dich danach um. Vielleicht wartet er auch ein bisschen. Meistens wartet er eine Weile. Es kommen nicht oft Leute her, deswegen finde ich das sehr klug von ihm.“ Die Stimme kicherte leise.
Shianuk konnte nicht antworten. Die Tränen, die schon lange in ihren Augen standen, begannen zu fließen, und sie hörte sich selbst schluchzen, erst leise, dann immer lauter und heftiger. Sie spürte kaum, wie die Haut an ihren Armen aufriss und zu bluten begann, als sie verzweifelt versuchte, sich zu befreien.
„Du solltest hoffen, dass du nicht entkommst“, wisperte die Stimme, als wäre sie direkt neben ihrem Ohr. „Er ist eines der kleineren Übel hier im Turm. Wenn du fliehst, findest du vielleicht die größeren.“
Shianuk zerrte noch eine Weile an ihren Fesseln und schluchzte, aber irgendwann hörte sie mit beidem wieder auf, weil es zwecklos war. Erschöpft ließ sie ihre Arme, ihre Beine und ihren Kopf wieder auf den Tisch sinken.
„Ich fürchte mich am meisten vor dem Bewohner der 719. Ebene. Ich habe ihn früher manchmal beobachtet, aber dann habe ich aufgehört.“
„Warum?“ seufzte Shianuk. Nicht, weil es sie interessierte. Sie hatte nicht einmal zugehört. Aber sie fürchtete, was passieren würde, wenn sie ganz alleine war, deswegen wollte sie weiter mit der Stimme reden.
„Als ich ihn das letzte Mal angesehen habe, hat er meinen Blick erwidert…“
„Bist du unsichtbar?“ fragte Shianuk.
„Ich bin der Turm.“
„Heißt das, du bist eine Maschine?“
Die Stimme schwieg.
„Hallo?“ flüsterte Shianuk. Sie fürchtete sich vor der Stimme, aber noch mehr fürchtete sie sich jetzt davor, völlig alleine zu sein.
„Die Kehlar haben keine Künstliche Intelligenz“, antworte die Stimme, „Deswegen benutzen sie natürliche. Ich bin die Maschine, ja. Oder vielleicht bin ich nur ein Teil von ihr. Aber ich war nicht immer die Maschine. Ich war einmal wie du. Oder so ähnlich. Ich weiß, wie du bist. Ich war nicht genauso. Ich war…“
Die Stimme verstummte für eine Zeit, die Shianuk sehr lang vorkam. Sie wollte gerade wieder nach ihr fragen, als die Stimme weiter sprach.
„Ich kann mich nicht erinnern. Ich weiß nicht mehr, ob ich es vergessen habe, oder ob sie es entfernt haben, aber ich kann mich nicht erinnern, was ich war, bevor ich Teil der Maschine wurde. Aber ich glaube, ich war so ähnlich wie du. Ich mag die Vorstellung, weißt du?“
„Kannst du ihn nicht aufhalten?“ fragte Shianuk. „Kannst du nicht verhindern, dass er mir das alles antut?“ Sie bekam keine Antwort, deswegen versuchte sie es noch einmal: „Du… Du hast gesagt, du wärst einmal gewesen wie ich. Dass du die Vorstellung magst. Kannst du nicht verhindern, dass er…“ Sie konnte es nicht aussprechen. „Mir das antut?“
Eine lange Pause.
„Doch, könnte ich.“. Eine kürzere Pause. „Würdest du das wollen?“
Shianuk stieß einen Laut aus, von dem sie selbst nicht wusste, ob er ein entsetztes Keuchen war oder ein bitteres Lachen.
„Ja, natürlich!“ rief sie.
„Würdest du mich denn dann anbeten?“ fragte die Stimme, ein bisschen unsicher.
„Ja!“ antwortete Shianuk. Sie log eigentlich nicht gerne, aber es war eine besondere Situation. Und sie würde so tun, wenn es sein musste, sie würde es nur nicht ehrlich meinen, aber die Stimme würde ja den Unterschied nicht merken. Es war also eigentlich nicht mal richtig gelogen.
„Würdest du mich töten?“
„Ähm… Was?“
„Ich glaube, das würde mir auch gefallen“, sagte die Stimme. „Ich bin schon sehr lange hier, weißt du, und es ist meistens ziemlich langweilig, und wenn nicht, ist es manchmal ein bisschen unheimlich.“ Eine erneute lange Pause, bevor sie fortfuhr: „Es wäre mir lieber, wenn du es tätest, als wenn es der Bewohner von Ebene 719 machen würde. Ich habe ein bisschen Angst vor ihm. Habe ich das schon gesagt?“

„Ich zuerst“, sagte Jake, und hätte sich gleich danach selbst vor’s Schienbein treten können. Es war wohl vor allem der Impuls gewesen, vor An’Yik den Helden zu spielen, und das so eine fraktal dumme Idee, dass er es sogar selbst sofort erkannte. Aber jetzt war es zu spät, es zu zurückzunehmen.
Er trat vor Shu’Nim und blickte unsicher an ihrem widerwärtigen künstlichen Körper auf und ab.
„Äh… Wie wollen wir denn…? Soll ich irgendwas…?“
Sie kniete nieder, legte einen Arm an seine Beine und einen hinter seinen Rücken, stand auf, und schon hielt sie ihn wie der Bräutigam die Braut, bevor er sie über die Schwellte trägt. Sie verschob einen Arm so, dass er seinen Rücken und seinen Kopf stütze, sodass sie ihn nun mehr wie eine Mutter ihr Kind trug, und dann –
„Unnnngh!“
Es war nicht unähnlich der plötzlichen Beschleunigung, die er aus Raumschiffen kannte, mit dem erheblichen Unterschied, dass er nicht in einem speziell dafür geschaffenen ergonomischen Pilotensessel saß, sondern in speziell nicht dafür geschaffenen Armen hing. Für einen kurzen Moment konnte er sich entspannen, als das vertraute Gefühl freien Falls eintrat, und dann bereitete er sich auf den Aufprall vor, der –
„Uuuaacch verdammt!“
noch viel unangenehmer und heftiger war, als er sich vorgestellt hatte.
„Soweit ich erkennen kann, dürften Sie lediglich einige Blutergüsse erlitten haben“, sagte die kalt freundliche Stimme der Maschine, während sie ihn wieder auf seine eigenen Beine stellte. „Ist das korrekt?“
Er rieb die schmerzenden Stellen und schnitt eine Grimasse. „Kann schon stimmen, aber wir machen das trotzdem so bald nicht wieder, ja?“
Sie grinste dieses fürchterlich unechte Grinsen und erwiderte: „Wer ist jetzt aus Porzellan?“
„Hatte ich schon gesagt, dass du nicht versuchen solltest, lustig zu sein?“
„Nein“, antwortete sie, „Aber ich werde dieser Anweisung von nun an folgen.“
Und schon sprang sie wieder zurück über die Mauer und hinterließ nichts außer einem Paar abnorm tiefer Fußabdrücke.
Jake drehte sich zu dem Turm um, legte seinen Kopf in den Nacken und folgte dem Verlauf des riesigen Gebäudes, bis es in den Wolken verschwand. Eine unglaubliche-
Ein tiefes dröhnendes Gongen wie von einer riesigen Glocke riss ihn aus seinen Gedanken.
„Was…?“
Es verklang schnell wieder, aber er bemerkte noch rechtzeitig, dass es von der Mauer kommen musste.
„Ist alles in Ordnung da drüben?“ rief er, so laut er konnte, aber er machte sich keine besondere Hoffnung, dass ihn jemand hören konnte.
„Hmmf!“
„Soweit ich erkennen kann, dürften Sie lediglich einige Blutergüsse erlitten haben. Ist das korrekt?“
Mit einem unterdrückten Stöhnen landete An’Yik in den Armen der Maschine. Für einen Moment stützte sie sich noch gegen sie, bevor sie mit ausgebreiteten Armen alleine ihr Gleichgewicht zu finden versuchte.
„Es geht mir gut… glaube ich“, murmelte An’Yik. „Das war furchtbar“, fügte sie an Jake gewandt hinzu, als die Maschine wieder verschwunden war.
„Ich weiß“, antwortete er, „Aber man gewöhnt sich dran.“
Wenig später stand auch der Rest der Gruppe in unterschiedlichen Zuständen von Schmerz und Verwirrung innerhalb der Mauer, und Jake erzählte von dem Geräusch.
„Ein Objekt muss mit sehr hohem Impuls die Mauer getroffen haben“, sagte die Maschine, „Ungefähr 120 Meter in dieser Richtung.“
„Ist das ein Grund, dort entlang zu gehen, oder in die andere Richtung?“ fragte Jake.
„Nur eine Möglichkeit, das herauszufinden“, antwortete David, und folgte der ausgestreckten Hand der Maschine an der Mauer entlang.
„Da liegt ein Mensch!“ reif Kalon.
„Wenn der die Mauer mit so viel Wucht getroffen hätte, wäre nicht mehr viel von ihm übrig, oder?“ fragte Jake.
„Es ist ein Android“, antwortete die Maschine.
[Die Kommunikation der Androiden untereinander erfolgte draht- und lautlos, und in einer Sprache, die die Verständnisfähigkeiten eines Menschen überfordert hätte, sogar wenn er die prinzipielle Möglichkeit gehabt hätte, sie zu verstehen. Der Inhalt des Gesprächs zwischen J2 und Shu’Nim kann deshalb hier nur grob approximiert werden.
„Diese zwei sind Erdenmenschen“, teilte Shu’Nim J2 mit, „Die anderen beiden stammen von diesem Planeten. Ich habe ihnen gegenüber vorgespiegelt, ich müsste mich an die Regeln halten.“]
„Noch einer?“ fragte David. „Wo kommt der her? Wir haben doch nur dich mitgenommen.“
„Er muss nachträglich aus dem Schiff gelangt sein. Unsere Transportboxen schwimmen. Seine könnte sich durch den Aufprall auf dem Meeresgrund gelöst haben und dann an die Oberfläche aufgestiegen sein.“
Kalon kniete vor der anderen Maschine nieder und betrachtete ihn. Der Android lag nicht da wie ein bewusstloser Mensch. Er lag da wie eine umgefallene Statue, das Gesicht zum Boden, ein wenig schief, weil seine linke Hand vorstand.
„Er ist also einer von euch?“ fragte Jake, „Genau wie du?“
„Der Unterschied besteht ausschließlich in der Gestaltung seiner Silikonhülle und seiner Stimme.“
„Ist alles in Ordnung mit ihm?“ fragte David. „Warum bewegt er sich nicht?“
„Die Erschütterung des Aufpralls hat möglicherweise die Persona unterbrochen. Er befindet sich in einem Reboot.“
[„Ich hielt das für unnötig“, antwortete J2. „Wir sollten sicher gehen und sie töten.“
„Nein. Ich erwarte, dass sie sich als nützlich erweisen werden. Die Kalim werden uns mit mehr Vertrauen begegnen, wenn wir ihren Planeten mit Menschen erreichen.“
„Nur, wenn die Menschen ihnen nicht berichten, was ich auf diesem Planeten getan habe.“]
Kalon versuchte, ihn auf den Rücken zu drehen, indem den vorstehenden Linken Arm packte und schob, aber es gelang ihm nicht. Er stöhnte frustriert und schaute zu den anderen auf. Er öffnete den Mund, aber noch bevor er um Hilfe bitten konnte, kniete An’Yik neben ihm und schob mit. Gemeinsam gelang es ihnen, und mit einem Dumpfen Geräusch kippte der reglose Android auf seinen Rücken.
„Was ist mit seiner Hand?“ rief Kalon, um gleich danach hinzuzufügen: „Und mit seinen Augen!“
An’Yik betrachtete die bewusstlose Maschine mit leicht gefletschten Zähnen. Jake war nicht sicher, ob sie damit Ekel, Misstrauen oder einfach Ratlosigkeit ausdrückte.
Von der linken Hand des Androiden war nur noch das weiße Keramikskelett zu sehen. Auf Höhe des Handgelenks hingen noch einige Fetzen der silikonartigen Haut. Seine Augen waren vollständig blau. Kein Weiß, keine Pupille, keine Iris, nur blau.
„Kannst du erkennen, was genau mit ihm passiert ist?“ fragte David.
„Nein. Wenn wir warten, bis er aufwacht, können wir ihn fragen.“
„Großartig“, seufte Jake. „Zwei von denen. Die eine hat schon so viel Spaß gemacht, ich weiß gar nicht, wie ich das aushalten soll.“
[„Solange sie es nicht wissen, sind sie nützlich für uns.“, sagte Shu’Nim. „Wenn sie Verdacht schöpfen, können wir sie immer noch töten.“]

Lesegruppenfragen

  1. Habt ihr den Raum erkannt, in dem Shianuk gefangen ist? Ich weiß, das ist vielleicht ein bisschen anachronistisch, aber ich mochte die Idee irgendwie.
  2. Wie kommt die Stimme bei euch an? Langweilig? Unheimlich? Klischeehaft?
  3. Shu’Nim hat einen zweiten Witz gemacht. Fandet ihr ihn gut?
  4. Wie hat euch die Idee mit dem geheimen Dialog der Maschinen gefallen?
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11 Responses to Menschenähnlich (23)

  1. TakeFive sagt:

    Ahh das Irren hat ein Ende!
    Jetzt fragen mich die Leute im Büro wieder warum ich so grinse..

  2. Guinan sagt:

    1. Ich rätsel noch. Schulungsraum?
    2. Interessant. Insbesondere bin ich gespannt, ob du es schaffst, McCaffreys Gehirnschiffe zu toppen.
    3. Ging so. Der erste war besser.
    4. Mir gefallen ja überrraschende Wendungen, daher finde ich das sehr gut, auch die Lösung mit den eckigen Klammern. Die vorangestellte Erläuterung stört mich allerdings, ich mag es lieber, wenn sich Geschichten selbst erklären, die Stimme aus dem Off ist nicht so mein Ding.

  3. Andi sagt:

    1. Ich hab´s leider nicht erkannt – denke aber, dass es was aus Star Trek/Voyager/Enterprise oder wie die Sachen alle heißen ist und deswegen sowieso wieder nicht mitreden kann.
    Oder ist es ein Raum, den ich auch kennen müsste?

    2. Klischeehaft? Nö. Spätestens nicht mehr, wenn sie Shianuk bittet, sie zu töten. Das fand ich dann doch etwas unheimlich. Eigentlich ist die gesamte Stimme unheimlich. Vielleicht gerade, weil sie einer jungen Frau gehört/gehören soll.

    3. Äh, Witz? Moment. *nach oben scroll* Ach, der mit dem Porzellan? Er stört mich nicht weiter. Aber du warst schon witziger. Tschuldigung. 🙂

    4. Beim ersten Mal hab ich gedacht, dass ich das tendenziell doof finde und das man das doch auch irgendwie anders hätte lösen können. Mittlerweile find ich´s einen sehr gelungenen Kniff.
    Mich stört auch die Erläuterung in der ersten Klammer wenig, im Gegensatz zu Guinan. Wäre die Erläuterung nicht da, hätte ich mich gefragt, ob die anderen nicht mitkriegen, wie die beiden Androiden doch recht lange Sätze miteinander austauschen. Ich bin ja auch ein Freund von Geschichten/Handlungen, die sich selbst erklären – aber in dem Fall fand ich´s doch recht nützlich.
    Man könnte natürlich vielleicht überlegen, ob man diese Erklärung irgendwann schonmal früher einbaut?

    5. Ende? Wie Ende? Eine meiner Kolleginnen sagt immer „Immer alles schön peu a peu.“ Ich würde mich ihr in diesem Fall anschließen. 🙂

  4. Muriel sagt:

    @TakeFive: Das hast du aber nett gesagt, danke!
    @Andi, Guinan: 3. Ach was, dass der nicht so lustig war, weiß ich selbst. Aber ich schätze, wenn ich kluge Antworten will, sollte ich keine dummen Fragen stellen…
    1. Vielleicht habe ich das auch komplizierter gefragt, als es gemeint war. Ich hatte einfach an eine Schulklasse gedacht.
    4. Generell sehe ich das auch so. In diesem Fall war es mir wichtig, das rüberzubringen, was da in den Klammern stand. Hätte ich aber auch subtiler vermitteln können, da habt ihr Recht. Die Szene überarbeite ich noch mal, bevor das Ganze verfilmt wird.
    @Guinan: 2. Von denen habe ich noch nie gehört. Kann also nicht so schwer sein, ähem…
    @Andi: 5. Ich sagte ja auch schon ganz langsam. Sowas ist immmer schwer abzuschätzen. Manchmal kommt ganz lange kein Ende, obwohl man die ganze Zeit damit rechnet, und manchmal ist es ganz plötzlich da, obwohl man eigentlich noch viel mehr schreiben wollte.

  5. Andi sagt:

    3. Hey, du bekommst hier immer kluge Antworten. Wir sind die klügste, beste und sympathischste Lesegruppe der Welt.

    4. Meinetwegen bräuchtest du das nicht zu überarbeiten. Ich find´s ja gut so.

    5. Mach einfach, wie du denkst, solang nach einem Ende ein neuer Anfang kommt. 🙂
    Ich bin einfach gespannt, wie´s weitergeht…

  6. Muriel sagt:

    @Andi: 3. Hast Recht. Ich sag ja, meine Frage war einfach zu blöd.
    5. Da musst du dir keine Sorgen machen. Ich weiß noch nicht, was ich nach Menschenähnlich neu anfang, aber das wird sich schon finden. Vielleicht machen wir eine neue Umfrage. Zurzeit tendiere ich zu einer sympathischen kleinen Fantasy-Geschichte, die ich halbfertig noch in einer virtuellen Schublade liegen habe.

  7. Guinan sagt:

    Muriel, dies sind McCaffrey Gehirnschiffe:
    http://www.pitreck.de/andere.html
    5. Fantasy finde ich (fast)immer gut.

  8. Muriel sagt:

    @Guinan: Ah, vielen Dank! Ich finde es ja offengestanden völlig unglaubwürdig, dass einem Volk, das Gehirne an Computer anschließen kann, noch schwer behinderte Kinder geboren werden, deren Krankheiten sie nicht heilen können, aber was die Zukunft angeht, können wir wohl alle nur raten.
    5. So weit würde ich nicht gehen, zumindest, wenn wir von konkreten Geschichten reden, aber ich mag Fantasy prinzipiell jedenfalls auch mit am liebsten. Science Fiction wird oft so kopfschmerzig.

  9. Guinan sagt:

    Du hast schon Recht, das ist unglaubwürdig. Allzusehr auf Plausibilität durchleuchten darf man ja die meisten SF-Romane nicht.
    Ist allerdings auch immer die Frage, ob ausreichend an der Heilung einer Krankheit geforscht wird, wenn man auf der anderen Seite auch sehr gut an der Krankheit selbst verdienen kann.

  10. Muriel sagt:

    @Guinan: Auch wahr. Kennst du eigentlich Alastair Reynolds? Der schreibt umwerfend gute SF, finde ich, obwohl er mir manchmal zu anstrengend ist, weshalb ich zwischenzeitlich zu Gunsten gefälligerer Autoren aufgehört habe, ihn zu lesen.

  11. Guinan sagt:

    Kenne ich nicht. Ich freue mich aber immer über Lese-Tipps. Werd mal schauen, was ich so von ihm finde.

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