faz.net hat es schon wieder getan

Sie haben schon wieder David Gelernter aus der Kiste springen lassen, damit er für sie irgendeinen manifest unsinnigen Kram schreibt, der ihre Vorurteile aufs Schönste bestätigt. Oder möglicherweise kommt der auch von selbst auf solche Ideen, ich will es aber in seinem Interesse nicht hoffen.

Diesmal geht’s jedenfalls um Künstliche Intelligenz, und das ist ein Thema, das auch mir selbst nicht ganz fremd ist, wie einige von euch ja schon wissen. Der „Internet-Pionier“ erklärt uns, wie Künstliche Intelligenz eines Tages funktionieren könnte und „prognostiziert“ ihre „nächste Entwicklungsstufe“.

Weil mich das Thema interessiert, habe ich meine schlimmen Vorahnungen ignoriert und den Artikel gelesen, obwohl er ziemlich lang und bei faz.net erschienen ist. Noch dümmer als „The Emperor’s New Mind“ kann es wohl nicht werden, habe ich mir gedacht. Ich hatte Recht, aber es ist dicht dran.

Wenn ihr mir das nicht glaubt und es gerne selbst überprüfen wollt, müsst ihr euch nicht die Mühe machen, euch selbst durch diesen Schwall von halbinteressanten Informationen über menschliches Denken und steindummen Scheinschlussfolgerungen zu wühlen, ihr könnt einfach diesen einen Satz als Beispiel heranziehen, den ich für euch ausgesucht habe:

Kein Computer wird je kreativ sein, wenn er nicht alle Nuancen des menschlichen Gefühlslebens zu simulieren vermag.

Ich mag solche Sätze, und wisst ihr, warum? Weil sie keine Arbeit machen. Weil jeder Dreijährige erkennen kann, dass sie falsch sind und man sich keine Mühe geben muss, sie zu widerlegen. Wer nicht alle Nuancen des menschlichen Gefühlslebens simulieren kann, kann niemals kreativ sein?

Dieser Satz basiert auf unreflektierten anthropozentrischen Vorurteilen, er kommt als völlig unbegründete Behauptung daher, und ich bin davon überzeugt, dass nicht mal der Autor selbst im Ernst glaubt, dass das so stimmt. Dieser Satz repräsentiert auf hervorragende Art diesen ganzen erbärmlichen, überflüssigen, bornierten Artikel, mit dem ich gerade geschätzte zwanzig Minuten meines Lebens verschwendet habe.

Advertisements

11 Responses to faz.net hat es schon wieder getan

  1. Lenski sagt:

    Hallo Muriel,

    Ich bin sofort geneigt dir zuzustimmen, aber kannst du bitte erläutern warum dieser Satz so falsch ist, wenn es doch jedes Kind versteht. Ich kann mir verschiedene Gründe vorstellen, zuallererst jener, dass kein Mensch dieselben Gefühlsreaktionen aufzeigt und von vornehinein niemand kreativ sein dürfte, aber ich bin mir sicher du meinst etwas anderes.

    So und jetzt schnell zu Menschenähnlich wo ich ja eigentlich hinwollte 🙂

  2. Muriel sagt:

    @Lenski: Danke für den Kommentar, und natürlich erkläre ich das gerne noch ein bisschen.
    Es gibt so viele Gründe, aus denen dieser Satz falsch ist, dass man gar nicht so richtig weiß, wo man anfangen soll. Deine Begründung finde ich zum Beispiel schon mal sehr gut. Es gibt zum Beispiel Psychopathen, denen einige Nuancen des menschlichen Gefühlslebens völlig fehlen. Die können trotzdem kreativ sein. Es gibt Drogen, die das menschliche Gefühlsleben beeinflussen. Trotzdem gibt es Leute, die glaubhaft versichern, dass man auch unter Einfluss solcher Drogen kreativ sein kann.
    Eine intelligente außerirdische Rasse hätte nach menschlichem Ermessen mit hoher Wahrscheinlichkeit ein zumindest teilweise anderes Gefühlsleben als wir. Wahrscheinlich sogar ein völlig anderes. das ist zugegebenermaßen nur eine Vermutung, aber im Gegensatz zu Gelernters absoluter Behauptung ist sie immerhin plausibel.
    Aber auch unabhängig von den Gegenbeispielen krankt Gelernters Behauptung – wie fast alle seine anderen Behauptungen in dem Text – an der unbegründeten und unreflektierten Annahme, dass nur menschliche Intelligenz auf Intelligenz ist. Er definiert weder den Begriff der Intelligenz noch der Kreativität, geht aber unausgesprochen permanent davon aus, dass beides immer genau so funktionieren muss wie in unserem Gehirn. Dass er dann auf dieser Basis zu dem Schluss kommt, dass Computer genau so funktionieren müssen wie unser Gehirn, ist irgendwie niedlich, aber keine große Erkenntnis.
    Ich hoffe, dass ich dir weiter geholfen haben und dass du ein bisschen Spaß bei Menschenähnlich hattest.

  3. TakeFive sagt:

    Meine Zustimmung. Die Leute machen es sich derart einfach das es kaum auszuhalten ist. Als nächstes kommen sie dann mit der Seele.

    WERBEEINBLENDUNG: Hofstadters „Gödel, Escher, Bach“ hat mir zu dem Thema wirklich neue Sichtweisen gegeben — ganz ohne fancy quantum mechanics.

  4. Andi sagt:

    Es ist so schön, dass du faz.net für uns durchliest und durcharbeitest, dich quasi für uns aufopferst, obwohl es dich so quält. 🙂

  5. Tim sagt:

    Ich begreife auch nicht, warum die FAZ seit einiger Zeit so auf Gelernter abfährt. Wahrscheinlich drucken sie inzwischen jeden Artikel ab, der günstig zu haben ist und eine gewisse Maximalqualität nicht überschreitet.

    @ TakeFive

    Noch besser fand ich ja Hofstadters „Metamagicum“. Es ist kein Geniestreich wie GEB, aber besser zu lesen und irgendwie auch lustiger.

  6. TakeFive sagt:

    Hmm das kenne ich noch gar nicht. Vielleicht ein weiteres Buch für den bereits zu dicken „to-do“-Stapel auf meinem Schreibtisch.

  7. fragmentjunkie sagt:

    Und ich denke trotzdem, dass er eher recht als unrecht hat, nehme ihn dabei nicht wörtlich, sondern denke mir, dass er damit meint, dass Denken noch andere Aspekte als reine Logik beinhaltet. Und das wiederum ist eben eine notwendige Voraussetzung für Kreativität.

  8. Muriel sagt:

    @fragmentjunkie: Vielleicht bin ich da zu unflexibel, aber meiner Meinung nach hat Gelernter eher Unrecht als Recht. Dem, was du sagst, will ich gar nicht unbedingt widersprechen, aber ich finde, es ist etwas völlig anderes als das, was Gelernter sagt.

  9. Ein Computer kann das am besten, was ein Hirn kaum schafft: Rechnen, simulieren. Aber eine Simulation erzeugt nur ein Objekt mit ähnlichen Eigenschaften wie das Original – basierend auf einem grundlegend anderen Mechanismus. Es ist ein Imitat des touch-and-feel des realen Dings. Eine Simulation imitiert die Oberfläche, das generelle Erscheinungsbild oder auch spezifische Eigenschaften. Sie verwendet dazu aber Algorithmen oder Prozesse, die mit der zugrundeliegenden Funktionalität des simulierten Objektes nichts zu tun haben müssen.

    Die zugrundeliegende Simulationsmaschinere kann grundlegend unterschiedlich sein – und so gehen wichtige Aspekte des simulierten Objekts verloren. Einer davon ist der inhärente Prozess selber. Somit wird die beste Simulation intelligenten Verhaltens keinen Aufschluß über Intelligenz und die beste Simulation des freien Willens keinen Aufschluß über den freien Willen geben.

    siehe auch http://faktoide.blogspot.com

  10. Muriel sagt:

    @Carsten Hucho: Hallo und willkommen in meinem Blog. Auch wenn ich mich über deinen Kommentar freue, kann ich ihm nicht zustimmen. Ich bin auch nicht sicher, ob ich ihn richtig verstehe.

    Somit wird die beste Simulation intelligenten Verhaltens keinen Aufschluß über Intelligenz und die beste Simulation des freien Willens keinen Aufschluß über den freien Willen geben.

    Wo kommt dieser Schluss plötzlich her? Natürlich geht definitionsgemäß bei einer Simulation in der Regel der inhärente Prozess verloren. Eine Wettersimulation enthält keine Wolken. Trotzdem gibt sie Aufschluss über atmosphärische Prozesse und, naja, das Wetter eben.
    Darüberhinaus scheinst du, soweit ich das erkennen kann, in deinem Kommentar übersehen zu haben, dass es zwischen „Ein Computer kann am besten simulieren“ – was übrigens erst einmal auch nur eine Behauptung ist – und „Ein Computer kann nur simulieren“ auch noch mindestens ein Schritt fehlt.
    Sollte ich da was falsch verstanden haben, bin ich natürlich für Aufklärung dankbar.

  11. […] wäre jetzt wahrscheinlich nicht angemessen, von gewissen grundsätzlichen Positionen der FAZ auf den Umgang von deren Redakteur(inn)en mit modernen vernetzten Gerätschaften […]

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: