Menschenähnlich (24)

Das neue Kapitel unseres Fortsetzungsromans ist fertig. Es ist ein bisschen kurz geworden, aber das liegt natürlich nur daran, dass ich jetzt langsam schlafen gehen will die künstlerische Gesamtkonstruktion das so erfordert.

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erwehttps://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/wp-admin/post-new.phpichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.
Im 13. Kapitel werden David und Kalon von Dick und Doof verhaftet, und die An’Yik macht sich Sorgen, weil die beiden nicht pünktlich am Treffpunkt erscheinen, nachdem sie entschieden hat, Jake vorerst nicht zu essen.
Shianuk und der Androide werden im 14. Kapitel vom Autokraten überrascht, und David, Kalon, Dick und Doof fallen in die Hände einer Einheit der Autokratischen Armee.
Im 15. Kapitel werden die Gefangenen dem Ersten Sekretär vorgeführt, aber etwas kommt dazwischen, und genau dieselbe Störung nutzen An’Yik, Shu’Nim und Jake, um einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Shu’Nim macht einen Witz.
Im 16. Kapitel kommen die drei gerade rechtzeitig, um einen Versuch zu vereiteln, David und Kalon aus der Gefangenschaft zu entführen und sie dann selber zu befreien. Gleichzeitig muss die Pontifex an J2 herumbasteln, obwohl sie gar nicht will.
Shianuk wird im 17. Kapitel von der Pontifex aus ihrem Gefängnis befreit. David und An’Yik streiten darüber, ob sie die Inquisitoren töten, und Larn lernt die hübsche Doppelgängerin kennen, die An’Yik im 16. Kapitel getötet hatte.
Im 18. Kapitel befreit J2 Shianuk von den autokratischen Soldaten, und die Doppelgängerin bereitet Larn eine unerfreuliche Überraschung.
Die Doppelgängerin und Jeana lernen sich im 19. Kapitel besser kennen, während David, Jake und die anderen eine Sklavenbefreiung planen.
Im 20. Kapitel reist Shianuk mit J2 zum Kehlar-Turm, und wir sehen die Welt durch die Augen des Doppelgängers.
Im 21. Kapitel bricht der Autokrat zu einer Reise auf, der Erste Sekretär bekommt etwas zu essen und Jake, David und die anderen erreichen den Kehlar-Turm.
Shianuk und J2 betreten im 22. Kapitel zum ersten Mal den Turm, und einer von ihnen wird sofort wieder rausgeworfen. Der Autokrat enttarnt die Doppelgängerin, aber sie entkommt vorerst.
Im 23. Kapitel lernt Shianuk die Stimme des Turms kennen, während David und Jake und die anderen J2 begegnen.

Was heute geschieht
Jeana hätte es nie für möglich gehalten, dass sie mal ein Bauwerk sehen würde, neben dem Tashino-Ri klein und unauffällig gewirkt hätte. Und doch stand sie nun vor dem Turm der Kehlar, und sie musste sich eingestehen, dass diese endlos in den Himmel ragende Nadel aus glänzendem Metall den Palast des Autokraten in den Schatten stellte.
Sie stand neben dem Autokraten und dem Ersten Sekretär, und auch das hätte sie noch vor Kurzem für unmöglich gehalten. Es kam ihr immer noch ein wenig unglaublich vor, und mehr als nur ein bisschen beängstigend.
Die großen weißen Augen des Autokraten mit den stecknadelkopfgroßen Pupillen darin ließen ihn so aussehen, als würde er den stählernen Wall, der viele Räder hoch vor ihnen aufragte, voller Wut anstarren, aber Jeana wusste, dass seine Augäpfel immer so aussahen, als würden sie gleich aus ihren Höhlen springen.
„Ich fürchte, es wird sehr mühsam, das zu überwinden, Exzellenz“, sagte Larn, nachdem sie eine lange Zeit so dagestanden hatten.
„Glaubst du, dass ich Mauern wie diese überwinden muss, Larn?“ wisperte der Autokrat, und obwohl er nicht mit ihr sprach, zuckte Jeana zusammen.
Der Erste Sekretär war klug genug, nicht zu antworten.
Die Krücken des Autokraten bebten, und klapperten leise, als er seine Ellenbogen schwer aufstützte und seine Hände mit den weißen Handschuhen von den Griffen hob, um in eine Tasche seiner Robe zu greifen und einen hellgrauen Gegenstand von der Größe eines Kinderschuhs daraus hervorzuziehen. Seine Leibgardisten traten ein Stück näher und beobachteten seinen wackeligen Stand mit sichtlichem Unbehagen.
Er legte zwei Finger seiner linken Hand auf den kleinen sonderbar geformten Kasten, der daraufhin ein leises Piepen von sich gab.
Mit geradezu unheimlicher Geräuschlosigkeit begann die stählerne Mauer vor ihnen, im Boden zu versinken. Die Bewegung begann so sanft und fließend, dass Jeana sie zuerst gar nicht bemerkte, bis ihr ein Fleck aus Vogelkot auf der glänzenden Oberfläche auffiel, der langsam nach unten glitt.
Sie hörte einen der Gardisten hinter sich einen unverständlichen Ausdruck der Verblüffung flüstern und sah, wie Larns Kopf herumruckte und der Erste Sekretär den Mann mit einem missbilligenden Blick strafte. Sie konnte beinahe das Klacken seiner Zähne hören, als er Haltung annahm und sein gesamter Körper sich anspannte.
Jeana fragte sich, ob seine Karriere jetzt zu Ende war, und dann, mit einem Blick über die jetzt nur noch schulterhohe Mauer auf den vor ihnen endlos aufragenden Kehlar-Turm, ob das überhaupt noch eine Rolle spielte.
„Gebieter“, sagte Larn mit leicht belegter Stimme, „Soll ich weitere Männer anfordern, um uns in den Turm zu begleiten?“
Der Autokrat stieß ein leises Husten aus, das wohl eine Art abfälligen Lachens war.
„Niemand wird uns begleiten, Larn“, wisperte er. „Wir gehen zu dritt.“
„Zu… dritt, Gebieter?“
Der Autokrat wandte sich Jeana zu, während er antwortete, und er tat etwas, das beinahe noch beängstigend war als sein gewöhnlicher, glotzender Blick: Er lächelte.
„Deine Patrona hat bemerkenswerte Loyalität und herausragenden Einsatz bewiesen, Larn. Wir sollten das honorieren, damit das in Zukunft so bleibt.“
Jeana spürte, wie sie erbleichte. Sie taumelte einen Schritt zurück und fand gerade rechtzeitig ihr Gleichgewicht wieder, bevor sie gegen einen der Gardisten stieß. Sie spürte, wie ihr Mund sich bewegte, in dem verzweifelten Versuch, eine angemessene Reaktion zu finden. Sie zitterte und fror, während ihr gleichzeitig der Schweiß ausbrach in diesem fürchterlichen Moment.
Sie konnte ein direktes Lob des Autokraten nicht stumm ignorieren, das wäre eine Beleidigung, aber sie konnte auch für ihr Leben nicht erkennen, welche Reaktion angemessen sein könnte. Sie stammelte einige unzusammenhängende Laute, während das Lächeln des Autokraten breiter wurde und die vier kräftigen strahlend weißen Hauer in seinen Mundwinkeln entblößte.
Mit einer Mischung aus Seufzen und Schluchzen fiel sie schließlich auf die Knie, presste ihr Gesicht in den Staub vor seinen Füßen und stieß hervor: „Danke, Gebieter, vielen Dank, ich… Vielen, vielen Dank…“
Die Zeit, die in völligem Schweigen verstrich, kam ihr sehr lang vor, aber sie wagte nicht, aufzublicken. Grinste er immer noch auf sie herab, belustigt oder angewidert? Wartete er darauf, dass sie etwas Bestimmtes tat? Oder hatte er schon einem der Gardisten mit einer Geste bedeutet, sie aus seinen Augen zu schaffen?
Sie war sich nicht einmal sicher, ob sie das Flüstern des Autokraten hören konnte, falls er etwas sagte, so laut schlug ihr Herz und rauschte ihr Blut in ihren Ohren.
Sie hatte es ruiniert. So viel Arbeit, der Horror der Doppelgängerin, ein Lob des Autokraten selbst, und doch hatte sie es ruiniert. Sie würde…
„Steh auf.“
Zu ihrer Überraschung schnitt sein Wispern durch den Lärm ihrer Scham und Furcht wie ein scharfes Messer.
Jeana rappelte sich umständlich auf und versuchte, unauffällig den Staub aus ihrem Gesicht zu wischen.
„Ich…“ begann sie, völlig hilflos und noch immer in wilder Panik und verzweifelt bemüht, es sich nicht anmerken zu lassen. „Bitte vergeben Sie mir, Gebieter, ich… bin überwältigt, ich weiß nicht…“
„Halt den Mund“, zischte er, „Und bleib in unserer Nähe, solange wir im Turm sind.“
Sie verneigte sich tief, ohne abermals auf die Knie zu fallen, verwirrt, verstört und erleichtert zugleich.
Als sie es wieder wagte, ihren Blick vom Boden zu heben, hatte sich auch im Turm ein Tor geöffnet, und der Autokrat hatte das hellgraue Werkzeug wieder in seiner Robe verschwinden lassen und seine Hände um die Griffe seiner Krücken gelegt.
„Gehen wir“, wisperte er. Er warf einen kurzen Blick zurück zu seinen Gardisten und sagte: „Ihr wartet-“ Er stockte.
Und bevor Jeana das überhaupt richtig bemerkt hatte, stieß einer der Gardisten ein wütendes, frustriertes Fauchen aus und verschaffte sich mit einem unglaublichen Satz über mindestens zwei Räder einen Vorsprung auf den Turm zu. Die anderen Gardisten setzten an, ihm zu folgen, aber der Autokrat hob eine Hand, und sie erstarrten.
„Macht euch nicht lächerlich, das Konstrukt ist schneller als ihr“, flüsterte er, während die Gestalt in der Gardistenuniform im Eingang des riesigen Turmes verschwand. „Ich bin zuversichtlich, dass wir es noch früh genug wiedersehen werden.“

„Fein!“ sagte sie Stimme, „Dann müssen wir nur noch rauskriegen, wie ich dich befreien kann.“
„Wieso…? Du musst doch nur die Fesseln durchschneiden!“
Shianuk freute sich so sehr auf den Moment, an dem die verdammten rauen Seile nicht mehr über die Wunden an ihren Knöcheln scheuerten und schmerzten und juckten und kitzelten zugleich. Von der Angst vor der Rückkehr des Wahnsinnigen gar nicht zu reden.
„Ja, aber das kann ich nicht. Ich bin ja gar nicht da.“
„Vorhin warst du doch auch nicht da und konntest J2 trotzdem gegen die Mauer schleudern!“
„J2? War das sein Name?“
„So habe ich ihn genannt.“
„Glaubst du, er ist tot?“
„Bestimmt nicht“, antwortete Shianuk. „Er ist kein Mensch. Ich weiß nicht mal, ob er überhaupt sterben kann.“
„Hm… Ja, ich habe gemerkt, dass er nicht kohlenstoffbasiert ist, ich habe aber nicht so drauf geachtet.“
Shianuk hatte keine Ahnung, was sie meinte, deswegen wusste sie auch nichts zu antworten.
„Kannst du mich befreien?“ fragte sie stattdessen.
„Mir fällt schon was ein.“ Nach einer kurzen Pause fügte die Stimme hinzu: „Eigentlich ist mir schon was eingefallen.“ Sie kicherte leise. „Ich habe sogar schon angefangen. Dauert nicht mehr lange, glaube ich. Du musst es sicher nur ein paar Minuten aushalten.“
Shianuks Augen weiteten sich und sie sog Luft durch ihre Nase ein.
„Was muss ich aushalten?“ fragte sie.
Aber die Stimme antwortete nicht mehr. Und Shianuk wurde klar, dass sie ihr nie einen Namen verraten hatte, mit dem sie sie rufen konnte.
„Turm?“ rief sie zögerlich. „Turm, bist du noch da?“
Schweigen, bis etwas von draußen laut gegen die Tür schlug. Ein heftiger Schlag, noch ein Schlag, und dann das Trommeln vieler Schläge, bis die Tür sich öffnete und der alte Mann mit dem schmutzigen Bart hineinsprang. Er hatte ein langes glänzendes Messer mit breiter Klinge in der rechten Hand, beinahe ein Schwert, und er lachte laut und schallend mit sich überschlagender Stimme. Sein Mund war so weit aufgerissen, dass sie seine gelblichbraunen ungepflegten Zähne bis zu den Backenzähnen sehen konnte.
Er machte einen weiteren Satz auf sie zu, und sie zuckte unwillkürlich zusammen, versuchte, zurückzuweichen und schnitt sich mit den Seilen an Hand- und Fußknöcheln noch weiter in ihr Fleisch.
Was war mit ihm geschehen? Hatte er eine Droge genommen? Und was hatte er mit diesem riesigen Messer vor?
Ihre Angst schien ihn noch mehr in Begeisterung zu versetzen, denn er stieß einen brüllenden Schrei aus und schloss mit einem letzten Satz den restlichen Abstand zu dem Tisch, auf dem er sie angebunden hatte.
Sie konnte nicht anders, als auch zu schreien, obwohl der kleine Teil ihres Verstandes, der noch rational funktionierte, das durchaus lächerlich fand.
Er brüllte weiter, schüttelte sein Messer, und presste sein Gesicht mit dem widerlichen dreckigen Bart gegen ihres. Sein Gestank raubte ihr beinahe den Atem, und weil sie trotzdem nicht aufhören konnte zu schreien, konnte sie bald nur noch hilflos husten und keuchen, bis der Verrückte schließlich laut lachend wieder einen Schritt zurücktrat.
„Ja!“ brüllte er, „Ja! Fürchte mich! Die Furcht macht dein Fleisch zarter und die Freude größer für mich und Arch’Shanai!“
Sie schrie und wimmerte und zerrte an ihren Fesseln. Die Furcht betäubte ihren Schmerz fast völlig.
„Ich werde dich… auskosten“, grollte er, und begann wieder zu lachen, und – verstummte plötzlich.
Nur noch ein leises Röcheln entrang sich seiner Kehle, während er zu Boden sank und hinter ihm sich langsam ein anderer Mann erhob.
Er war viel jünger, er trug eine saubere graue Hose und ein hellbraunes Leinenhemd und lächelte freundlich auf sie herab. Seine dunkelblonden Haare waren schulterlang und etwas lockig, und seine hellgrünen Augen musterten sie mit einem freundlich besorgten Blick.
Sie erlaubte sich eine Spur von Erleichterung, aber nicht zu viel. Sie wollte sich nicht zu früh freuen.
„Hab keine Angst“, sagte er, und seine Stimme klang weich und freundlich und mitfühlend, und sie brach den Damm.
Shianuk begann laut zu weinen und zu schluchzen, vor Erleichterung, vor Freude und vor – ja, es fühlte sich beinahe an wie Liebe für diesen Fremden, obwohl es wahrscheinlich nur schiere Dankbarkeit war, seit Langem endlich wieder einem Wesen ins Gesicht zu sehen, dass sie nicht nur als ein Werkzeug sah, als eine Hindernis oder eine Mahlzeit, sondern sie mit echter Freundlichkeit und Güte betrachtete.
Sie schluchzte und weinte und bekam nicht richtig mit, wie er ihre Fesseln löste, aber als sie sich ihrer selbst wieder bewusst wurde, hatte er sie aufgerichtet, umarmte sie und streichelte sanft über ihren Kopf.
„Hab keine Angst“, murmelte er.
Sie sah aus nassen Augen zu ihm auf. „Danke!“
Sie hatte das Wort noch nie so aufrichtig gemeint.
„Wie ist dein Name?“ fragte der Fremde.
„Shi- Shianuk“, antwortete sie stockend. „Und… und deiner?“
Er lächelte noch immer, und es fühlte sich so gut an.
„Du kannst mich Alidae nennen“, antwortete er.
„Alidae… Danke, Alidae.“
„Gern geschehen, wirklich“, antwortete er.
Und für einen winzigen Moment, schien es ihr, veränderte sich sein Gesicht, bevor der Ausdruck von Güte und Freundlichkeit zurückkehrte. Es ging zu schnell, als dass sie sich hätte sicher sein können, ob sie es wirklich gesehen hatte, und schon wenig später war sie sich völlig sicher, dass sie es sich eingebildet haben musste. Sie wollte sich so verzweifelt gerne sicher sein.
„Kannst du mich nach Hause bringen?“ fragte sie. „Weißt du, wie wir diesen Turm verlassen können?“
Er nickte. „Natürlich.“
Sie schloss ihre Augen, atmete tief durch und genoss die Erleichterung, bevor sie ihn wieder ansah.
„Shianuk“, sagte der freundliche junge Mann, und da war es schon wieder, nur für einen Bruchteil eines Augenblicks, aber doch nicht ganz unsichtbar, diese Veränderung, die über sein Gesicht zuckte, als würde sich dahinter noch ein anderes verbergen, das zu entkommen versuchte. „Ich bringe dich gerne nach Hause. Aber zuerst haben wir noch etwas anderes zu tun.“
„Was?“ fragte sie verwirrt.
„Zuerst“, antwortete er, „Musst du mir noch das Larkoom zeigen.“
Und diesmal gab es keinen Zweifel mehr, dass er hinter seinem freundlichen Gesicht noch ein anderes verbarg. Ein ganz anderes.

Lesegruppenfragen

  1. War das zu viel Emotion? Oder hättet ihr gerne, dass ich öfter so schreibe?
  2. Kommt euch insbesondere Jeanas Reaktion auf das Lob des Autokraten überzogen vor?
  3. War das Auftauchen des jungen Mannes in der zweiten Szene zu Deus ex Machina? Hättet ihr ihn lieber früher gehabt, oder später, oder wie?
  4. Nächstes Mal wird’s wieder länger, glaube ich. Andererseits kann ich natürlich nichts versprechen. Zumindest haben wir wohl noch ein paar Teile vor uns, wenn ich das richtig sehe, was wenigstens Guinan freuen wird. Ach so, und die Zusammenfassung auf der Geschichten-Seite aktualisiere ich morgen, denke ich. Äh… Nein, mir fällt keine Frage mehr ein. Gute Nacht, bis morgen.
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12 Responses to Menschenähnlich (24)

  1. Guinan sagt:

    1. Nein, mir hat’s gefallen. Öfter? Warum nicht, wenn es gerade zur Geschichte passt.
    2. Sie wird im Palast schon genug erlebt haben, um ihr Verhalten zu erklären.
    3. Du hattest ja schon darauf vorbereitet, dass das Konstrukt im Spiel ist, ganz so überraschend war das also nicht. Die Rettung hätte man auch noch etwas herauszögern können, ich hatte noch mehr vom Geist des Turm erhofft.
    4. Klar freut mich das, aber nicht nur mich, da bin ich sicher.

  2. Muriel sagt:

    Guinan: 2. Hat sie sicher. Aber mir ist es natürlich lieber, wenn meine Leser das Gefühl haben, dass das Verhalten der Figuren aus der Geschichte heraus schlüssig ist, statt dass sie sich selbst Erklärungen vorstellen müssen.
    3. Wäre wahrscheinlich besser gewesen, ja. Es war spät. Irgendwann erscheint sowieso mal von allen meinen Geschichten eine upgadetete überarbeitete Version. Bei Nimmermehr bin ich gerade dabei. Das ist ja das Lustige am Internet, dass man einfach mal was Unfertiges ausprobieren kann, und dann kann man sehen, wie es ankommt. Geht natürlich nur, weil ihr mitmacht. Danke!
    4. Hatte ich natürlich auch gehofft, aber es kam mir unbescheiden vor, das einfach zu unterstellen.

  3. Guinan sagt:

    2. Ich finde es gerade gut, wenn da noch Geschichten hinter der Geschichte sind, Sachen, die nur angedeutet werden, Raum zum selber weiterspinnen.
    3. Was hast du dann damit vor? Nur hier wieder einstellen oder einen Verleger suchen?

  4. Andi sagt:

    1. Doch, das steht dir. Ich bin mir noch nicht ganz sicher, ob es zur Geschichte passt, aber scheinbar ist der hübsche Alidae ja doch nicht so nett, wie er scheint. Von daher wird es schon nicht zu pilcheresk werden. Aber du kannst auch über große Emotionen schreiben. Erwarte ich dann im nächsten Fortsetzungsroman mehr von. 🙂

    2. Naja, sie wird vorher mit ihm nicht so stark in Berührung gekommen sein und wird mächtig Angst haben. Da kann man ihre Reaktion nachvollziehen. Er ist ja doch auch respekteinflößend, der Autokrat.

    3. Es ist ja immer so eine Sache mit Personen, die kurz vor Ende des Romans nochmal auftauchen… Hier war es zumindest sehr überraschend, auch in der Form, wie du ihn beschreibst, also sein Aussehen. Großes Kontrastprogramm. Passend für mich. Ein Problem hätte ich, wenn du den Roman bald beschließt, aber Alidae doch noch eine große entscheidende Rolle spielt. Aber irgendwie hab ich da so einen Verdacht, was da noch passiert… Ich beobachte mal weiter und sag dir dann, ob ich Recht hatte. 🙂

    4. Mich freut´s auch!

  5. Andi sagt:

    Ich hab grad das Gefühl, ich hab bezüglich Alidae was verpasst… oder was nicht verstanden im Vorfeld. Egal. 🙂

  6. Muriel sagt:

    Guinan: 2. Na gut. Hast du auch wieder Recht.
    3. Mal sehen.
    Andi: 1. Danke.
    3. Ja, naja, verpasst… Der Hinweis war durchaus eher subtil. Hinweis: Du kannst ja mal schauen, ob der Name schon mal in der Geschichte vorkam.

  7. Andi sagt:

    1. Naja, du weißt ja, was ich von deinen Schreib-Arbeiten halte. Nix zu danken also. Eher umgekehrt.

    3. Subtile Hinweise find ich gut. Faulheit allerdings auch – deswegen kannste dir denken, dass ich mir nicht nochmal alles durchlese (zumindest jetzt nicht), um nach dem Namen zu suchen. 🙂
    Aber ich hab ja einen Verdacht, den ich auch schon in die E-Mail gestern geschrieben hab. Kann natürlich sein, dass ich damit falsch liege, aber ich glaube nicht. 🙂

  8. Muriel sagt:

    Andi:
    3. Na, wozu gibt es denn eine Suchfunktion? Du kannst natürlich auch einfach noch ein bisschen auf die Mail-Antwort warten.

  9. Andi sagt:

    Ach ja… suchen… gute Sache… Ich Dummerchen.

  10. Chlorine sagt:

    1. In diesem Fall hat es einfach gepasst. Schaut man sich Shianuks „Leidensweg“ an, sind solche Emotionen einfach stimmig.

    2. Wir kennen das: man ist hin- und hergerissen, sieht sich gezwungen schnellstmöglich zu handeln und wählt schließlich einen vieler möglicher Wege, für den man sich schon den Bruchteil einer Sekunde später selbst treten möchte.

    3. Shianuk fällt doch immer wieder auf die falschen Typen herein… 😉 Zu Deus ex machina ist es deshalb nicht, weil du zuvor erwähnst, wie sich das Konstrukt aus der Menge der Soldaten entfernt und im Turm verschwindet. Außerdem leitet Alidaes Auftritt für Shianuk kein Happy Ending ein.

    99. Meine frühere Aussage zur Darstellung des alten Turm-Herrn möchte ich hiermit für nichtig erklären. Zwei Kapitel zuvor konnte ich ja nicht ahnen, wohin es mit deiner Figur gehen würde.

    100. Auch ich habe nichts dagegen, wenn sich das Ende noch ein wenig hinzieht. 🙂

  11. Muriel sagt:

    Chlorine: 1. Na, das freut mich.
    2. Kenne ich auch.
    3. Ja, sie hat einfach kein großes Glück mit ihren Gefährten. Aber immerhin findet sie jedes Mal jemanden, der sie noch rechtzeitig rettet.
    99. Ahja, das hatte ich mich auch schon gefragt. Danke!
    100. Mal sehen. Aber ihr könnt euch jedenfalls darauf verlassen, dass auf das Ende ein neuer Anfang folgt. Schwanke derzeit, ob ihr eine schon fertige Geschichte bekommt, oder ob ich quasi wieder eine live-on-tape schreibe. Das erste ist ein bisschen entspannter, das zweite macht mehr Spaß…

  12. Andi sagt:

    100. Mach doch beides. 🙂

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