Menschenähnlich (25)

Ja, ich weiß, ich war nicht besonders fleißig in den letzten Tagen, und es tut mir sehr Leid. Ich kann nicht mal versprechen, dass das von jetzt an sofort besser wird, denn ab Samstag verurlaube ich für ungefähr eine Woche, aber immerhin habe ich heute endlich das neue Kapitel von Menschenähnlich für euch. Das ist doch was, oder?

Was bisher geschah
Im ersten Kapitel wohnen wir dem Aufbruch zweier Raumfahrer namens Jake und David bei, die eine kostbare Fracht aus 13 Androiden zu einem fremden Planeten transportieren sollen.
Bereits im zweiten Kapitel folgt der abschussbedingt gewaltsame Abbruch dieser Reise. Dafür lernen wir Kalon und An’Yik kennen, die sich als reisende Helden betätigen und dabei anscheinend auch manchmal vor ethisch nicht ganz einwandfreie Vorgehensweisen zurückschrecken. Sie sehen den Absturz des Raumschiffes und hoffen auf reiche Beute.
Im dritten Kapitel erwachen Jake und David in ihrem abgestürzten Raumschiff und retten sich, einen der Androiden und ein paar andere Kleinigkeiten in ein Rettungsboot, bevor das Schiff im Meer versinkt. Gleichzeitig lauert ein Schlichter gemeinsam mit ihrem verräterischen Gefährten Berren den beiden reisenden Helden auf, um sie einem unerfreulichen Schicksal zuzuführen.
Im vierten Kapitel packen David und Jake ihr neues Spielzeug aus, und Kalon erwacht aus der Betäubung, in die der Blasrohrpfeil des Schlichters in versetzt hat. Er stellt fast, dass seine Gefährtin An’Yik ihn zwar aus der unmittelbaren Gefahr retten konnte, nun aber ihre ganz eigenen Probleme mit dem Pfeilgift hat.
Im fünften Kapitel haben wir den Autokraten und seinen Ersten Sekretär Larn kennengelernt, die gemeinsam danach streben, die kostbare Ladung der Emerald-17 in die Hände zu bekommen. Währenddessen lernten David und Jake ein Stück dieser Ladung noch etwas näher kennen, und Kalon und An’Yik fanden ihre Spuren im Sand.
Auch im sechsten Kapitel kam noch mal jemand Neues dazu: Shianuk und ihr Onkel Noot haben einen unserer Androiden am Strand gefunden, werden aber leider unterbrochen, bevor sie ihn näher kennenlernen können. Währenddessen erklärt Jake David, was genau ihn an der Maschine so sehr stört, bis die mit Kalon und An’Yik ans Lagerfeuer zurückkehrt.
Im siebten Kapitel muss der Erste Sekretär unter äußerst widrigen Umständen eine Reise beginnen, Kalon bietet sich und An’Yik als Führer an, wird aber von der überraschenden Ankunft weiterer Besucher unterbrochen, und Shianuk lernt den Mann aus der Kiste kennen.
Jake findet im achten Kapitel seine Munition nicht, aber Kalon kann die Gruppe mit einem gewagten Bluff retten. Shianuk beantwortet die Fragen des Mannes aus der Kiste, so gut sie kann, und lässt sich überreden, sich mit ihm auf die Reise zum Autokraten zu machen.
Im neunten Kapitel lernt der Zweite Sekretär den Autokraten kennen, und der Erste Sekretär erfährt von der Begegnung der vier Soldaten mit den Weltraumfahrern. Seine Patrona macht einen Vorschlag.
Im 10. Kapitel baut der Mann aus der Kiste ein Floß für Shianuk, Jake, David, An’Yik, Kalon und die Androidin teilen sich auf.
Der Autokrat besucht im 11. Kapitel eine alte Freundin, die ihm bei der Suche nach den Flüchtlingen helfen soll, und An’Yik, Jake und die Androidin lernen sich unterwegs etwas besser kennen.
Im 12. Kapitel lässt der Erste Sekretär sich erwehttps://ueberschaubarerelevanz.wordpress.com/wp-admin/post-new.phpichen, und Shianuk und der Androide erobern den Palast des Autokraten, nachdem sie den sonderbaren und völlig unpassend benannten Kopfkäfer kennengelernt haben.
Im 13. Kapitel werden David und Kalon von Dick und Doof verhaftet, und die An’Yik macht sich Sorgen, weil die beiden nicht pünktlich am Treffpunkt erscheinen, nachdem sie entschieden hat, Jake vorerst nicht zu essen.
Shianuk und der Androide werden im 14. Kapitel vom Autokraten überrascht, und David, Kalon, Dick und Doof fallen in die Hände einer Einheit der Autokratischen Armee.
Im 15. Kapitel werden die Gefangenen dem Ersten Sekretär vorgeführt, aber etwas kommt dazwischen, und genau dieselbe Störung nutzen An’Yik, Shu’Nim und Jake, um einen Befreiungsversuch zu unternehmen. Shu’Nim macht einen Witz.
Im 16. Kapitel kommen die drei gerade rechtzeitig, um einen Versuch zu vereiteln, David und Kalon aus der Gefangenschaft zu entführen und sie dann selber zu befreien. Gleichzeitig muss die Pontifex an J2 herumbasteln, obwohl sie gar nicht will.
Shianuk wird im 17. Kapitel von der Pontifex aus ihrem Gefängnis befreit. David und An’Yik streiten darüber, ob sie die Inquisitoren töten, und Larn lernt die hübsche Doppelgängerin kennen, die An’Yik im 16. Kapitel getötet hatte.
Im 18. Kapitel befreit J2 Shianuk von den autokratischen Soldaten, und die Doppelgängerin bereitet Larn eine unerfreuliche Überraschung.
Die Doppelgängerin und Jeana lernen sich im 19. Kapitel besser kennen, während David, Jake und die anderen eine Sklavenbefreiung planen.
Im 20. Kapitel reist Shianuk mit J2 zum Kehlar-Turm, und wir sehen die Welt durch die Augen des Doppelgängers.
Im 21. Kapitel bricht der Autokrat zu einer Reise auf, der Erste Sekretär bekommt etwas zu essen und Jake, David und die anderen erreichen den Kehlar-Turm.
Shianuk und J2 betreten im 22. Kapitel zum ersten Mal den Turm, und einer von ihnen wird sofort wieder rausgeworfen. Der Autokrat enttarnt die Doppelgängerin, aber sie entkommt vorerst.
Im 23. Kapitel lernt Shianuk die Stimme des Turms kennen, während David und Jake und die anderen J2 begegnen.
Im 24. Kapitel brechen der Autokrat, Jeana und Larn auf zum Turm, und Shianuk wird von einem freundlichen jungen Mann befreit, der sich Alidae nennt.

Was heute geschieht
Ein leises Kichern.
„So viele Besucher wie heute hatte ich in den letzten zwanzig Jahren zusammen nicht.“ Die Stimme schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen, und obwohl sie nicht besonders laut war, übertönte sie alle anderen Geräusche. Kalon, An’Yik, David und Jake sahen sich verwirrt um, auf der Suche nach dem jungen Mädchen, dem die Stimme zu gehören schien, aber sie fanden nichts. An’Yiks Schwanz zuckte nervös umher, als wäre seine Spitze der Kopf einer aggressiven Schlange. Die beiden Androiden standen einfach nur reglos da.
Alle sechs standen in einem Korridor aus spiegelndem Stahl, umgeben von zahllosen Ebenbildern ihrer Selbst. Die Tür in der Wand hinter ihnen war nicht mehr zu erkennen, so nahtlos hatte sie sich geschlossen. Auch in den Wänden des sanft gebogenen Ganges waren keine Türen zu erkennen, was offensichtlich nichts heißen musste. Verglichen mit den Temperaturen in der sonnenbeschienenen Steppe draußen war es sehr kalt im Turm. Jake hielt es für ein gutes Zeichen, dass die Klimaanlage noch funktionierte.
„Und du warst schon einmal hier. Ich hab dir doch nicht wehgetan, oder?“
„Ich bin unfähig, Schmerzen zu empfinden“, antwortete der Android mit dem männlichen Äußeren. „Seien Sie unbesorgt.“
„Oh, gut.“ Die Stimme kicherte wieder. Sie klang wie die eines ungefähr zwölfjährigen Mädchens, und Jake fand das gruselig ohne Ende.
„Was ist das?“ rief An’Yik. „Wo kommt das her? Wo steckt sie?“
„Hier müssen irgendwo Lautsprecher sein, die den Schall an uns weitergeben“, antwortete Jake schnell, bevor es ihr jemand anders erklären konnte. „Sie kann in Wirklichkeit überall sein, vielleicht nicht mal hier im Turm.“
„Oh, ich bin hier im Turm“, sagte die Stimme, „Aber das andere stimmt. Was sucht ihr hier?“
„Ein Raumschiff“, sagte Jake grinsend.
Er versuchte, sein Spiegelbild in der glatten Wand nicht zu genau zu betrachten. Er fand, dass er ausgesprochen abgerissen und unappetitlich aussah. An’Yik Reflexion war da schon viel interessanter und bot einige interessante Perspektiven.
„Prima“, antwortete die Stimme. „Ich habe eins. Wollt ihr das?“
„Öhh…“ Jake sah, dass die Gesichter der anderen kein bisschen weniger verblüfft waren als sein eigenes. „Das hatte ich mir schwieriger vorgestellt…“
„Ist das dein Ernst?“ fragte David. „Du würdest es uns einfach so überlassen?“
„Natürlich“, antwortete die Mädchenstimme. „Was soll ich damit?“
„Was sollst du damit?“ Jake hatte nichts dagegen, ein Geschenk anzunehmen, wenn das Schicksal eins brachte, aber er hatte die Erfahrung gemacht, dass Dinge, die zu gut schienen, um wahr zu sein, es meistens auch waren. „Wenn jeder, der hier vorbeikommt und danach fragt, einfach dieses Raumschiff mitnehmen kann, warum ist es dann noch hier? Hast du einen Vorrat an Gratisraumschiffen?“
„Naja…“ Die Stimme zögerte einen Moment, und für Jake klang es doch arg so, als würde sie sich jetzt gerade eine Antwort ausdenken. „Es hat eben noch keiner gefragt.“
„Könnte doch sein, oder?“ warf David ein. „Wer hier weiß schon etwas von Raumschiffen?“
„Ich weiß von Raumschiffen“, antwortete An’Yik, „Und Kalon auch!“
„Weil du manchmal tagelang von nichts anderem redest“, murmelte er.
„Jedenfalls kennt jeder hier die Kehlar, und jeder weiß von ihren Raumschiffen.“
„Warst du schon mal hier und hast nach einem gefragt?“ fragte David, offenkundig im triumphierenden Bewusstsein, die Antwort schon zu kennen.
„Trotzdem stimmt da doch irgendwas nicht!“ Jakes Einwurf war nicht nur von dem Wunsch motiviert, An’Yik beizustehen. „Letztens hat mir jemand auf der Straße ein Original Yamashita angeboten, für nur 500 NewYen. Hätte ich dir die mitbringen sollen?“
Tatsächlich hatte der Mann mit der Yamashita Jakes derzeitigem Spiegelbild nicht ganz unähnlich gesehen…
David zuckte die Schultern und breitete fragend die Arme aus. „Und? Was machen wir deshalb jetzt? Gehen wir einfach wieder und suchen uns einen anderen Raumbahnhof?“
„Oder wir streiten uns einfach ein bisschen, das kann nie schaden…“ sagte Kalon, um etwas lauter hinzuzufügen: „Was soll der Unsinn? Wir sind hier, um ein Schiff zu finden, und jetzt haben wir eins gefunden, aber wir sehen es uns nicht mal an, weil wir der Sache nicht trauen?“
Einige Sekunden schwiegen alle, bis An’Yik nickte und sagte: „Kalon hat Recht. Wir sind zu sechst, wir haben zwei Androiden und eine Energiewaffe, wir sind nicht wehrlos.“
Die Waffe hatte der männliche Android einem Bewohner des Turms abgenommen, bevor die Verteidigungssysteme ihn hinausgeschleudert hatten. Oder zumindest hatte er ihnen das so erzählt. Jake tat sich immer noch schwer damit, den Maschinen zu vertrauen. Diese ausdruckslosen Gesichter mit der Silikonhaut und den blicklosen Augen verursachten ihm eine Gänsehaut.
Er bemerkte, dass David ihn fragend ansah. Und unterdrückte ein kleines Lächeln, weil er sich nicht unbedingt anmerken lassen wollte, dass er sich darüber freute, dass sein Freund Wert auf seine Meinung legte.
„Na gut“, sagte er. „Versuchen wir’s.“
Jake hatte zwar keine Probleme, sich mögliche Gefahren eines verlassenen Kehlar-Weltraumturmes vorzustellen, gegen die zwei Androiden und eine Energiewaffe ungefähr so hilfreich waren wie ein Blatt Papier gegen einen Armbrustbolzen, aber er sah ein, dass es keine besonders kluge Idee war, jetzt einfach wieder zu gehen. Außerdem wollte er An’Yik nicht widersprechen, aber das war natürlich nicht der eigentliche Grund.
„Prima!“ sagte David. „Ich vermute, wir folgen dann erst einmal einfach diesem Gang?“
„Genau“, antwortete die Stimme heiter, „Aber beeilt euch. Wenn Shianuk bei mir angekommen ist und mich getötet hat, kann niemand mehr das Schiff starten!“

„Was…“
„Psst!“ Die Stimme unterbrach Shianuk. „Ich habe ihm gesagt, dass du weißt, wo er seine Droge finden kann, damit er dich befreit.“
Sie musterte einen Moment lang das unsicher lächelnde Gesicht des jungen Mannes vor ihr und entschied, dass er wahrscheinlich nicht hören konnte, was die Stimme sagte.
„Es kann nicht hören, was ich sage“, flüsterte die Stimme in ihr Ohr, „Aber wenn du mir antwortest, kann es dich natürlich hören. Deswegen sagst du am besten gar nichts und folgst einfach meiner Wegbeschreibung, in Ordnung?“
„Mhmm…“
Eine senkrechte Falte erschien zwischen Alidaes Augenbrauen.
„Ist alles in Ordnung mit dir?“ fragte er.
„Nicht antworten!“ tuschelte die Stimme aufgebracht. „Also, ihm schon, aber mir nicht! Wenn du Glück hast, ist es so auf das Larkoom fixiert, dass es das nicht gemerkt hat, aber wahrscheinlich hast du es jetzt misstrauisch gemacht.“
Shianuk wollte gerne fragen, warum die Stimme den freundlichen jungen Mann immer ‚es‘ nannte, weil es ihr Angst machte, und weil sie ihn mögen wollte und sich bei ihm sicher fühlen wollte. Wen hatte die Stimme ihr da geschickt? Oder was?
„Klar, ich bin nur noch ein bisschen… Das ist alles so viel auf einmal hier, Entschuldigung“, schwindelte sie.
„Können wir gehen?“
„An der Tür links“, flüsterte die Stimme in ihr Ohr.
Shianuk nickte. „Klar, gehen wir.“
„Nein, halt, doch noch nicht!“
„Was?“ fragte Shianuk die Stimme, bevor sie sich davon abhalten konnte.
„Was ist?“ fragte Alidae verwirrt. Er drehte seinen Kopf von links nach rechts und wandte sich um, als würde er etwas suchen.
„Du darfst nicht mit mir reden!“ zischte die Stimme, „Und jetzt warte kurz ab, bevor ich die Tür aufmachen kann.“
„Wir… äh… Wir müssen… kurz warten“, antwortete Shianuk, darum bemüht, gleichzeitig ihre eigene Unsicherheit und ihre Frustration und ihre Angst zu überspielen. Ein Versuch, der sofort unrettbar scheiterte, als Alidae seine Hände auf ihre Schultern legte und sich zu ihr hinunterbeugte, um ihr in die Augen sehen zu können.
„Was ist los mit dir, Shianuk?“ fragte er. Sein Lächeln war sehr warm und offen, und seine Hände fühlten sich auf ihren Schultern sehr tröstlich und menschlich an, nach den kalten Händen und dem steinernen Griff J2s. „Hast du-“
Alidae stockte und wirbelte zur Tür herum, und Shianuk stolperte einen Schritt zurück. Ein leises, aber sehr durchdringendes schleifendes Geräusch erklang aus dem Gang. Es hörte sich an, als würde jemand sehr rauen Stoff über die Tür reiben, sehr gleichmäßig über die gesamte Fläche.
„Was ist das?“ rief sie, stolperte noch einen Schritt zurück und stieß sehr schmerzhaft mit ihrer Hüfte gegen den Tisch, von dem Alidae sie befreit hatte.
„Mach dir keine Sorgen“, murmelte er, während er weiter die Tür betrachtete, „Es ist harmlos.“
„Nein“, flüsterte die Stimme in ihr Ohr. „Sie ist überhaupt nicht harmlos. Aber wenn ihr wartet, bis sie weg ist, tut sie euch wahrscheinlich nichts.“

Alidae weiß natürlich, dass sie lügt, und dass sie jemanden reden hört. Ihre Mimik macht es so offensichtlich, dass sie genauso gut einen Aufdruck auf ihrer Stirn tragen könnte. Aber es ist sich nicht sicher, worum es geht und was sie denkt, weil es sich nicht konzentrieren kann.
Nicht nur das Verlangen nach Larkoom, erschwert es ihm, die Gesichtszüge des Mädchens zu deuten, sondern auch der Turm selbst. Alidae hat viele Jahrelang hier gelebt, umgeben von den Herren, deren Befehlen es gehorchen musste, und es hat sich daran gewöhnt, in diesem Turm zu gehorchen. Es muss sich zwingen, nicht den Kopf zu senken und die Schultern hochzuziehen, den Blick gerade nach vorn zu richten statt nach unten. Es muss sich zwingen, durch die Gänge zu laufen, ohne an Abzweigungen und Türen langsamer zu werden und sorgfältig darauf zu achten, nicht in den Weg eines der Herren zu treten. Die Herren sind nicht mehr hier. Es ist frei. Seit Jahren. Und das fühlt sich immer noch falsch an.
Es spürt hier im Turm sehr deutlich, dass es geschaffen wurde, um den Herren zu dienen, und die Leere des Turmes, die Abwesenheit der Herren, empfindet es nicht als Erleichterung, wie es vielleicht sollte. Es fühlt sich leer, und auf sonderbare Weise ziellos. Und es wollte eine Dosis Larkoom. Keine so große wie Jeana ihm das letzte Mal gegeben hatte, das war nicht nötig. Vielleicht würde es sogar weniger nehmen als sonst. Es wollte nicht länger von der verdammten Droge abhängig sein. Vielleicht konnte es sie sich wieder abgewöhnen, so wie sie ihm angewöhnt worden war. Mit der Zeit vielleicht. Aber jetzt brauchte es erst einmal eine Dosis. Nur eine kleine. Um wieder klar denken zu können.
Einige Minuten, nachdem das Gleiten des Tiers im Korridor verklungen ist, tritt es auf die Tür zu, und sie öffnet sich.
Es dreht sich zu Shianuk um, zieht seine Augenringmuskeln ein wenig zusammen und die Mundwinkel ein wenig hoch. Um sicher zu gehen, lässt es über dem rechten Mundwinkel noch ein Grübchen entstehen, bevor es fragt: „Wo entlang?“

Shianuk kämpfte gegen den Wunsch an, sich einfach auf dem Boden zusammenzurollen, die Arme um ihre Knie zu schlingen und leise zu wimmern, dass sie sie doch alle einfach in Ruhe lassen sollten und dass sie nach Hause wollte, zu ihrem Onkel, dass sie wieder Kulter füttern wollte, auch wenn sie dabei schmutzig wurde. Aber sie tat es nicht.
Stattdessen trat sie vorsichtig über den reglosen Körper des toten Verrückten, der sie an einen Tisch gefesselt hatte, um sie zu vergewaltigen und folgte dem freundlichen Larkoomabhängigen, um ihm den Weg zu zeigen, den die körperlose Stimme des Kehlar-Turmes ihr beschrieb.
Aber sie wollte sich wirklich gerne irgendwo verkriechen und leise weinen, oder noch lieber wollte sie einfach nach Hause.
Sie nahm einen tiefen Atemzug, der nur ein kleines bisschen wie ein unterdrücktes Schluchzen klang, streckte ihren Arm aus und sagte:
„Dort entlang.“
„Ich glaube, Alidae ist auch nicht ganz so harmlos, wie er tut, aber du musst keine Angst haben. Ich weiß schon, wie wir ihn los werden“, plauderte die Stimme unbeschwert vor sich hin, während Shianuk versuchte, sich weder die Stimme in ihrem Ohr anmerken zu lassen, noch das Heimweh, die Frustration, ihre Verzweiflung und Wut auf alle um sie herum, noch ihre Angst davor, dem Ding zu begegnen, das vorhin an der Tür entlang durch den Korridor geglitten war.
„Da vorne kommt gleich eine Tür, die in einen Aufzug führt. Jetzt, bleib stehen. Genau.“
Lautlos öffnete sich die Wand vor Shianuk und gab den Blick frei auf einen winzig kleinen Raum, in dem kaum fünf Menschen nebeneinander stehen konnten und der keinen anderen Ausgang hatte als diese eine Tür. Oder zumindest keinen sichtbaren.
Weil sie sich daran gewöhnt hatte, nicht zu verstehen, was von ihr verlangt wurde, trat sie in den kleinen Raum, ohne besonders darüber nachzudenken. Alidae folgte ihr.
„Sag ‚Gelb vier‘, damit er denkt, dass du den Aufzug lenkst.“
Shianuk fragte nicht, was ein Aufzug war oder was sie sonst noch tun musste, um so zu tun, als würde sie ihn lenken.
„Gelb vier“, sagte sie, und stieß einen erschrockenen kleinen Schrei aus, als plötzlich ihr Magen gegen ihr Herz stieß, oder zumindest fühlte es sich so an. „Was ist das?“ rief sie.
Alidae legte einen Arm um sie.
„Mach dir keine Sorgen. Der Aufzug bewegt sich, aber es ist bald vorbei.“
Der Raum bewegte sich? Und das sollte ein Grund sein, sich keine Sorgen zu machen? Außerdem gab es jetzt natürlich noch einen ganze anderen Grund, sich zu sorgen: Spätestens jetzt konnte Alidae auf keinen Fall mehr glauben, dass Shianuk sich hier auskannte.
Immerhin hörte die Bewegung nach kurzer Zeit wieder auf, und zumindest vorerst ließ Alidae sich keinen Verdacht anmerken. Shianuk war ein bisschen schwindlig, aber erleichtert, als sich die Tür öffnete – zumindest so lange, bis sie die drei Figuren sah, die vor der Tür auf sie warteten.
Eine von ihnen war eine junge Frau, nicht viel älter als Shianuk selbst, aber in einem Kleid, wie sie es noch nie gesehen hatte. Es war schwarz und aus einem matt glänzenden fließenden Stoff, mit Tüll und einzelnen Perlen verziert, und wahrscheinlich mehr wert als Noots ganzer Hof.
Die zweite Person war ein hochgewachsener Mann mittleren Alters mit einer auffälligen Adlernase und einer weißen Perücke, dessen Frack auf seine Art noch viel kostbarer und edler wirkte als das Kleid der jungen Frau. Er stand am weitesten vorne, und während die junge Frau genauso verblüfft aussah wie Shianuk selbst und sie und Alidae mit offenem Mund anstarrte, zeigte der Mann mit der Perücke seine Überraschung nur durch eine gehobene rechte Augenbraue.
Die dritte Person überragte auch den Mann mit dem Frack noch um bestimmt zwei Köpfe, trug eine schlichte schwarze Robe mit einer Kapuze, die tief über ihr Gesicht hing und es fast völlig verbarg. Ihre Hände stützten sich schwer auf zwei metallene Krücken.
Shianuk hörte hinter sich ein leises zischelndes Geräusch von Alidae.
Eine heisere Stimme flüsterte unter der Kapuze: „Du schon wieder.“

Lesegruppenfragen

  1. Ich habe dieses Kapitel ziemlich eilig geschrieben, weil ich es einfach nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte, wegzufliegen, ohne dass wenigstens noch eins erschienen ist. Mal ganz ehrlich: Merkt man das sehr?
  2. Findet ihr die Diskussion in der ersten Szene einigermaßen überzeugend, oder stört euch da was?
  3. Haltet ihr das kurze Stück aus der Perspektive des Doppelgängers für sinnvoll? Im Nachhinein bereue ich ein bisschen, dass ich ihn aus seiner Sicht immer „es“ nenne, dadurch wird das Ganze ein bisschen schwer verständlich, oder?
  4. Findet ihr das Ende zu abrupt?
Advertisements

5 Responses to Menschenähnlich (25)

  1. Guinan sagt:

    1. Nicht wirklich. Hättest du bei mehr Zeit etwas verändert?
    2. Wenn Jake dabei ist reagiere ich ja immer leicht genervt. Irritierend fand ich die Sache mit der Yamashita.
    3. Mir gefällt’s. Die Fremdartigkeit Alidaes kommt auf diese Weise gut raus.
    4. Das kenne wir doch nun schon von dir.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: 1. Hatten wir die Frage nicht schon mal? Wie auch immer: Weiß ich nicht. Deswegen habe ich euch gefragt. Danke für die Antwort!
    2. Dann nehme ich die vielleicht lieber raus.
    4. Man gewöhnt sich bekanntermaßen an alles.

  3. Andi sagt:

    1. Nein, merkt man eigentlich nicht. In der ersten Szene hab ich kurz gedacht „Hoppla, das war aber hastig abgefrühstückt“, aber im großen Ganzen passt das. Vor allem die letzten Sequenzen waren sehr gelungen und so gut wie immer.
    Die Stelle in der ersten Szene, die ich meine, ist die mit der Energiewaffe, die der Android einem aus dem Turm abgenommen hat. Da hätten es gerne noch 3,4 Sätze mehr sein können, aber das kommt ja vielleicht erstens noch und zweitens hat es mich auch nicht nachhaltig gestört.

    2. Die Diskussion war einleuchtend, der Konflikt wurde aufgezeigt, Argumente dargelegt. Alles tippitoppi. 🙂

    3. Das „es“ ist im ersten Moment sicher gewöhnungsbedürftig. Aber es ist nicht unpassend.

    4. Wie Guinan schon schrieb, nech? 🙂
    Ein Cliffhanger, wie man ihn von dir kennt.

    5. Schönen Urlaub und guten Flug. 🙂

  4. Muriel sagt:

    @Andi: 1. Vielen Dank, das freut mich sehr. Zu der Waffe kommt wahrscheinlich nicht mehr viel, deshalb: J2 hat dem bärtigen Verrückten seine Waffe abgenommen, als die Tür sich vor ihm und Shianuk öffnete.
    3. Ursprünglich war es noch ein bisschen verwirrender, aber dann habe ich ein paar der unnützen „Es“ gestrichen. So ganz glücklich bin ich aber immer noch nicht.
    4. und 5. und 2. Danke!

  5. Andi sagt:

    Muriel:

    1. Okay, danke für die Aufklärung. Hätte man sich natürlich auch denken können. 🙂

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: