Ich weiß auch nicht, wie ich da jetzt drauf komme, aber

Vor einigen Tagen habe ich beim Kinderdoc mit bedingtem Vorsatz eine kleine Diskussion über Priester angefangen, in deren Verlauf der Kommentator Wolfram sagte:

„Da lob ich mir Goethe, der zwar mit den Kirchenleuten auch nix am Hut hatte, aber immerhin die Größe zuzugeben, „es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen läßt.““

Das ist so ein Zitat, über das ich mich jedes Mal wieder ärgern könnte, wenn ich es irgendwo höre oder lese. Weil es nämlich meistens dazu dienen soll, so genannte Parawissenschaften zu rechtfertigen, oder alternative Medizin, oder eben irgendeinen anderen kleinen Aberglauben, den der Zitierende gerade verteidigen zu müssen glaubt. Meistens wird es mit einem ziemlich selbstzufriedenen Lächeln vorgetragen, mit dem er zum Ausdruck bringt, für wie engstirnig er die anderen hält und für wie aufgeschlossen sich selbst.

Das ist natürlich Unsinn, auch wenn die Behauptung an sich schon stimmt. Es gibt unzählige Dinge – nicht nur zwischen Himmel und Erde -, die wir heute noch nicht einmal erahnen können. Wir wissen nicht, wie das Universum entstanden ist, wie es enden wird, was sich wirklich in schwarzen Löchern abspielt oder wie das menschliche Bewusstsein funktioniert. Es gibt Erklärungsversuche, aber nicht alle werden sich als wahr erweisen, alle als unvollständig, und auf der Suche werden wir neue Wahrheiten entdecken, die uns heute vielleicht unglaublich erscheinen würden. Genau das ist die fantastische Chance, die uns die wissenschaftliche Methode ermöglicht: Immer mehr und mehr dazuzulernen und immer mehr darüber zu erfahren, wie die Welt um uns herum funktioniert.

Und all diese wundervollen Dinge, von denen unsere Schulweisheit sich heute noch nichts träumen lässt, können wir entdecken. Das funktioniert aber nur durch Beobachtung der Realität, durch darauf gestützte und durch Experimente erhärtete Theorien. Es funktioniert nicht, wenn man sich einfach Zeug ausdenkt und es dann unabhängig von der Realität einfach immer weiter glaubt. Genau das tun aber die Leute meistens, die diesen Spruch mit diesem Lächeln aufsagen.

Übrigens, falls noch Besserwisser außer mir selbst zugegen sein sollten: Ja, der stammt ursprünglich natürlich aus Hamlet und nicht von Goethe.

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18 Responses to Ich weiß auch nicht, wie ich da jetzt drauf komme, aber

  1. Tim sagt:

    Was verstehst Du schon von Besserwisserei?

    PS: Bitte denk Dir den Satz mit arrogant-schnöseliger Betonung.

    PPS: Postskripta in Blogkommentaren, wie idiotisch …

    PPPS: „Postskripta“, wie besserwisserisch …

  2. Muriel sagt:

    @Tim: Schön, dass es offenbar Leute gibt, die meinen etwas nerdigen Sinn für Humor teilen. Danke!

  3. Abmahner sagt:

    Aber ein schöner Artikel 🙂

  4. Manuel sagt:

    SEhr schön gesagt! Sollte Pflichtlektüre für jeden Esoteriker sein, der Artikel!

  5. Blues Lee sagt:

    Ich,ich, ich! – Was? Ich will auch mal besserwissen. Na, gut. Aber nur einmal, ganz schnell, ja? Ok!

    Kein Erklärungsversuch wird sich je als wahr erweisen. Selbst die solidesten Therorien gelten immer nur als vorläufig wahr. Falsifizieren ist das eine Stichwort. Popper das andere.

    ———
    [The National – Apartment Story]

  6. Tim sagt:

    @ Blues Lee

    Versuch das mal dem Papst klarzumachen …

  7. Peter sagt:

    Lass mich nur kurz „Die vier kantischen Fragen“ in den Raum werfen … Jede für sich, aber bereits schon die erste und insbesondere die dritte mag man als alternative Lesart des Goethe Hamlet Zitats werten.
    Vielleicht ist deine Betrachtung einfach etwas … einseitig? Provokateur!

  8. Andi sagt:

    Hat Hamlet denn nicht Goethe geschrieben? Oder war das der Typ mit der Glocke? Jetzt bin ich verwirrt.

    Unabhängig davon find ich das Bild schön. „Zwischen Himmel und Erde…“, ja, das passt irgendwie. Nur so als Bild. Wenn man Bilder benutzt, müssen sie stimmen.

  9. Blues Lee sagt:

    @ Tim

    Ach, ich glaube, dem Papst ist das längst klar. Kann halt auch nicht aus seiner Haut, der alte Knöttersack.

    ———
    [Edward Shape & The Magnetic Zeros – Om Nashi Me]

  10. Wiebke sagt:

    Also solange etwas reproduzierbar ist, glaube ich da auch dran, auch wenn es mit aktuellen Modellen nicht erklaerbar ist. Und solange eine Theorie zur Erklaerung eines Phaenomens nicht widerlegt wurde, halte ich sie grundsaetzlich nicht fuer ausgeschlossen (was etwas anderes als „daran glauben“ ist!).

    Homoepathie zum Beispiel 🙂 Die koennte auf Interferenzen quantenmechanischer Wellenfunktionen beruhen… Wenn sich so Wellen (oder Teilchen, ist ja das gleiche, ich meine… ihr wisst schon) einmal gegenseitig beeinflusst haben, gibt das ja Interferenzen. Das heisst selbst nachdem in ’nem homoepathisches Mittel kein Wirkstoffmolekuel mehr drin ist, koennte es die Wellenform der Wassermolekuele veraendert haben…
    Leider bin ich aber kein Experimentalphysiker und hab‘ keine Idee, wie man das zeigen koennte. 🙂

  11. Manuel sagt:

    Das Problem ist allerdings, wenn man etwas nicht ausschließt, was allerdings schon längst widerlegt wurde. Homöopathie, z.B. – siehe Du selbst.

    „Homoepathie“ ist aber auch schön 😉

  12. Robroy sagt:

    Ja, dieses leidige Zitat – hab vor einer Weile zwei interessante Blogposts zu diesem Zitat und seinem Hintergrund gelesen (insbesondere der zweite bringt’s gut auf den Punkt): http://www.scienceblogs.de/zoonpolitikon/2010/05/totschlagargumente-iii-dichterzitate.php
    http://buchstaeblich.wordpress.com/2008/09/22/bitte-nicht-shakespeare/

  13. Muriel sagt:

    @Peter: Ich kenne diese vier Fragen nur flüchtig, aber ich behaupte jetzt einfach mal mutig, dass ich nicht erkenne, was sie mit meinem Beitrag zu tun haben. Über eine Erklärung würde ich mich natürlich freuen.
    @Wiebke: Zur Homöopathie fiele mir zunächst mal ein, dass das nach meinem (zugegebenermaßen eher rudimentären) Verständnis von Quantenmechanik nicht sein kann. Und zweitens natürlich, dass eine denkbare Erklärung nicht reicht, sondern außerdem noch irgendein Hinweis darauf hilfreich wäre, dass ein Heilmittel wirkt. Stichwort Doppelblindstudien.
    Deinem ersten Satz stimme ich aber natürlich zu. Es fiele mir auch schwer, einen Wissenschaftler ernstzunehmen, der das (reproduzierbare!) Ergebnis eines Experiments nicht akzeptiert, weil er es nicht erklären kann.
    @Alle anderen: Danke für eure Beiträge! Ich gehe urlaubsbedingt gerade mal nicht auf alles ein und bitte dafür um Verständnis.

  14. Blues Lee sagt:

    Vielleicht darf ich dir, lieber Muriel, in deiner urlaubsbedingten Ruhephase kurz zur Seite springen, indem ich dich darauf aufmerksam mache, dass Peters Kantische-Fragen-in-den-Raum-Gewerfe ein Paradebeispiel für deine, dem Text zu Grunde liegende Erfahrung mit diesem Wolfram ist.

    Denn, indem man diese Fragen in den Raum stellt, soll suggeriert werden, dass diese Fragen der Dinge harren und auf ihre Beantwortung warten. Dem ist natürlich nicht so, denn Kant wäre nicht Kant, hätte er seine eigenen Fragen nicht auch höchst persönlich mit einer Antwort beschieden.

    (Und Kants Antwort auf die Frage, was kann ich hoffen, war (ist): Freiheit, Unsterblichkeit der Seele, Gott. Fertig. Das liest sich bei ihm natürlich schöner. Aber im Grunde ist’s das. Ja. Womit nun auch klar ist, dass Kants Fragen keine alternative Lesarten des Hamlet-Zitats sein können.)

    ———
    [Gisbert zu Knyphausen – Gute Nachrichten]

  15. Manuel sagt:

    Ich würde ja gerne über die Antworten mitreden, aber ohne die Fragen zu kennen, macht das nur im Anhalter Sinn.

  16. Guinan sagt:

    @Robroy: Danke für den Hinweis auf Buchstaeblich. „Freunde der Räucherstäbchenfraktion“ wurde umgehend in meinen Wortschatz übernommen.

  17. Ich bin schockiert! Das ist gar nicht von

    Gerd Goethe ?!?!?!

  18. amruthgen sagt:

    Nein, der Eskimo Sören Shakespeare, der die 7 Geislein fressen wollte und dann elendlich ertrunken ist.
    So viel zu meinem ‚wissen‘. Weiß jemand was anderes?

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