Please Mr. Postman

Aus der Reihe „Es könnte alles so einfach sein“ oder „Büropsychologie“: City Post hat für lange Zeit gratis die Briefe aus dem Büro abgeholt, dann aber beschlossen, dass das in Zukunft Geld kosten soll. Das wollten wir nicht so gerne, und wir dachten uns, wir sind ja nicht blöd, dann bringen wir die Post eben selbst zum Briefkasten. Ist ja schließlich kein Akt, auf dem Weg nach Hause mal kurz anzuhalten und ein paar Briefe einzuwerfen.

Natürlich hat das nicht so einfach funktioniert, wie wir es uns vorstellten, weil wir von falschen Voraussetzungen ausgegangen waren. Es hat sich nämlich herausgestellt, dass wir doch blöd sind.

Zuerst war es nur so eine Art Bitte. Es möge sich doch bitte jeden Tag jemand die Briefe schnappen und sie in den Kasten werfen, der übrigens direkt am Straßenrand 500m vom Betriebsgrundstück entfernt steht. Wirklich jeder kommt auf dem Heimweg unweigerlich daran vorbei. Das funktionierte natürlich überhaupt nicht. Es gab genau drei Leute, die es taten, während der Rest die freundliche Bitte einfach ignorierte, was wiederum dazu führte, dass die drei eifrigen Briefträger sich irgendwann ein bisschen, naja, blöd vorkamen und die Betriebsleiterin wegen der Sache ansprachen.

Die Betriebsleiterin dachte sich, Kinderkram, was stellen die sich so an, wies aber noch mal alle darauf hin, dass doch bitte nicht immer nur dieselben Leute die Post mitnehmen sollten. Was natürlich genau gar nichts bewirkte.

Also verfasste die Betriebsleiterin schließlich in ihrer Ratlosigkeit eine Arbeitsanweisung mit einer Liste, aus der unmissverständlich hervorging, wer an welchen Tagen die Post mitzunehmen hatte. Weil es nun keine Bitte mehr war, sondern eine Anweisung, hatte sie sogar den Zusatz aufgenommen, die Betroffenen dürften an ihren Briefträgertagen gerne auch 5-10 Minuten vor ihrem eigentlichen Feierabend Schluss machen, was eigentlich doch eine faire Lösung ist.

Ein Mitarbeiter teilt sich aber mit einem Mitarbeiter aus einem ganz anderen Betrieb ein Auto, sodass es für ihn schwierig ist, 5-10 Minuten früher aufzuhören, denn er fährt ja mit dem anderen zusammen. Außerdem haben wir hier zwei Kollegen, die kein Auto haben und deshalb nicht auf der Liste stehen. Der fragliche Mitarbeiter ist deshalb mit der Anweisung nicht einverstanden und will mal einen Anwalt fragen, ob er die überhaupt befolgen muss. Er finde es nicht fair, dass man dafür bestraft werde, ein Auto zu haben, sagt er.

Bitte fragt nicht, was die Abholung durch City Post eigentlich gekostet hätte. Das wäre ein bisschen peinlich, und es spielt jetzt sowieso keine Rolle mehr.

Advertisements

23 Responses to Please Mr. Postman

  1. ruediger sagt:

    Letztlich sind die 3 doch die eigentlichen Störer, hätten die einfach weiter die Post mit genommen, wäre der Schaden/Unfrieden erst gar nicht entstanden.

    Traurig zu erleben, wie viel mit so wenig gutem Willen angerichtet werden kann.

  2. Rayson sagt:

    Und wenn das schon im Mikrokosmos Betrieb so läuft, müssen wir uns über gewisse politische Phänomene gar nicht mehr wundern.

  3. Arctica sagt:

    Man kann sich aber auch anstellen 😀 Wieso kriegen dann nicht einfach die drei, die es sowieso mitgenommen haben einfach abwechselnd 10 Minuten früher frei und sind jetzt die Briefträger vom Dienst? Naja, dann würden sich die anderen bestimmt auch irgendwann beschweren.

  4. Nardon sagt:

    Ich weiß, wie kann ich nur aber hat man dafür nicht Azubis, Praktikanten, Ferienjober denen man solche Aufgaben aufdrückt???
    Das klingt zwar fies, aber wenn man sie dafür eher gehen lässt? Wenn ich bedenke was ich in meiner Lehrzeit alles für Arbeiten machen musste (Die rein gar nichts mit der Arbeit zu tun hatten), ich wäre um so eine Kleinigkeit dankbar gewesen.

  5. rebhuhn sagt:

    mein beileid.

    etwas ähnliches gab’s bei uns in der abteilung auch: stundenzettel und abt.-post sollte ‚von irgendwem‘ mit nach vorn zum im gebäude befindlichen postraum gebracht werden. nachdem ich es eine lange zeit mit einer anderen person gemacht hatte und aufhörte, da vorn vorbeizukommen, weil ich nicht mehr oder selten in der kantine esse [anderes thema. :-/], blieb die post und der andere kram liegen – und bei den folgenden beschwerden aus der verwaltung wußte ‚keiner‘, warum ^^.

  6. Tim sagt:

    Jeder muß eben nach seiner Façon unglücklich werden.

  7. Zaphod sagt:

    Wenn „jemand“ etwas machen soll, dann sind es immer „keiner“ und „niemand“, die sich als erstes melden, das funktioniert nie.

  8. Rayson sagt:

    Mein Italienischlehrer hat mir das Konditional so beigebracht: Es gibt im Italienischen das Wort „bisognarebbe“, was übersetzt ungefähr heißt „man müsste“. Und der Italiener verwendet es, wenn er von etwas spricht, das unbedingt jemand anderes tun sollte oder von dessen Verwirklichung er in diesem Leben eigentlich nicht ausgeht…

  9. Muriel sagt:

    @ruediger: …und das begründet die Weltherrschaft der Dummen, oder so ähnlich. Aber irgendwo hast du auch wieder Recht.
    @Rayson: Ich wundere mich immer noch immer wieder. Weißt du ja. Ist auch schön, auf eine Art.
    @Arctica: Habe ich auch desöfteren gedacht. Könnte alles so einfach sein, wie gesagt.
    @Nardon: Wir haben unseren Stolz. Bei uns sind Praktikanten und Azubis mit denselben Menschenrechten ausgestattet wie alle anderen. Außerdem haben wir nicht so viele davon…
    @rebhuhn: Ja, das scheint einfach so ein Grundmechanismus der menschlichen Psyche zu sein. Muss man sich nur dran erinnern, wenn man sich das nächste Mal bei irgendwelchen großen Sachen (Tsunamis, Kriege, Marslandungen) fragt, wie so ein Fehler passieren konnte.
    @Tim: Aber wie. Die Leute nicken und stimmen einem zu, wenn man sagt, dass es doch eigentlich wirklich nicht so schlimm ist, schnell man an den Straßenrand zu fahren und die Briefe einzuwerfen. Und wenn sie dann mit Nicken fertig sind, schütteln sie kurz verwirrt den Kopf und fangen wieder an: „Ja, aber das ist doch nicht fair, immer wird einem noch mehr abverlangt, und jetzt soll man auch noch dafür bestraft werden, dass man ein Auto hat!“
    @Zaphod: Aber ich habe trotzdem den Verdacht, dass die Anweisung ein Fehler war. Hinterher ist das natürlich leicht zu erkennen.

  10. Rayson sagt:

    @Muriel

    Ist auch schön, auf eine Art.

    Klar ist es das. Aber ab einem gewissen Alter IMHO nicht mehr durchzuhalten.

  11. Muriel sagt:

    @Rayson: Wart mal ab.

  12. Guinan sagt:

    Nu stell dich nicht so an, nimm die Post und werf sie ein. Du ersparst dem Unternehmen immerhin jedes Mal zwofuffzig, dafür kann man schon mal Opfer bringen 😉

  13. Arctica sagt:

    Hehe, die zwofuffzig würd ich mir dann aber pro Tag auch wenigstens aufs Gehalt draufschlagen lassen. Ok, wenigstens zwei, dann haben sie immerhin was gespart.

  14. Nardon sagt:

    Die Menschenrechte will ich auch keinem absprechen 🙂

  15. Andi sagt:

    Als ich Azubi war, hieß es noch, dass Azubis keine Menschen sind. Vielleicht bezog sich das aber auch nur auf mich, keine Ahnung. Ich musste damals jeden Morgen meinem Chef eine Kanne Kaffee kochen und um 8:15 Uhr pünktlich auf der Matte stehen, nicht später, nicht eher, 8:15 Uhr. Und ich musste ihm immer eine Tasse im Büro einschenken und er sagte dann: „Jetzt können Sie in Ihrer Abteilung sagen, Sie hätten mir wieder einen eingeschenkt.“ Beim ersten Mal hab ich noch gelacht. Bereits am dritten Tag hätte ich ihm den Kaffee auf die Hose schütten können.
    Äääh, sorry, ging ja um Post. Altes Trauma. Musste ich mal aufarbeiten.

    Bei uns mussten auch früher die Azubis immer die Post mitnehmen. Und zwar zweimal täglich. Jawohl!
    Die Lösung eurer Betriebsleiterin ist schon etwas unglücklich, wenn da wieder Leute nicht draufstehen, weil sie meinen, sie müssten eine Extrawurst gebraten kriegen.
    Andererseits: egal, wie man´s macht, man macht es immer verkehrt, oder?

  16. Maxi sagt:

    Habt ihr keine Sekretärin? Das fällt klipp und klar in ihr Aufgabenbereich.

    P.S. Oder jeder bringt seine Post selbst weg.

  17. Muriel sagt:

    @Guinan: Ich würde. Ich bin bloß ziemlich regelmäßig nicht da.
    @Andi: Das mit dem Spruch kann ich mir richtig gut vorstellen. Danke fürs Teilen! Der Vollständigkeit halber: Das mit der Extrawurst ergibt wirklich halbwegs Sinn, weil man z.B. ohne Auto nicht am Briefkasten vorbeikommt. Aber deinem letzten Satz stimme ich jedenfalls zu.
    @Maxi: Sowas Dekadentes wie Sekretärinnen gibts bei uns nicht. Aber das letzte ist natürlich eine schöne Idee. Das werde ich mal anregen.

  18. Andi sagt:

    „Jeder bringt seine Post selbst weg“ klingt fast zu einfach, um funktionieren zu können.

    Ich finde schon, dass Leute ohne Auto dann eine Extrawurst bekommen. Wenn die doch 5-10 Minuten eher Schluss machen dürfen und der Briefkasten nur 500 Meter weit weg steht, dann können sie da doch mal eben rüber laufen.
    Ich hab auch kein Auto, ich muss auch ständig laufen. 🙂

  19. Muriel sagt:

    Falls es euch noch interessiert: O Wunder, wir hatten ein Gespräch, und dabei haben wir tatsächlich auch über die wirklichen Hintergründe des aktuellen Scheinproblems geredet, und mit ein bisschen Glück hat uns das weitergebracht.
    Die Postregelung läuft jedenfalls erst einmal, ganz ohne Anwälte.

  20. Maxi sagt:

    Und wie?
    Das interessiert sicherlich die Leserschaft.

  21. Muriel sagt:

    @Maxi: Ich will hier aus Diskretionsgründen nicht zu sehr ins Detail gehen, aber so viel kann ich sagen: Die Lösung sieht genau so aus wie die Anweisung, nur dass jetzt jeder mal sagen durfte, was ihn die ganze Zeit über wirklich gestört hat. Und während wir die echten Probleme in den Griff zu kriegen versuchen, arbeiten alle ganz freiwillig bei der Post mit.

  22. Maxi sagt:

    klingt erwachsen 😉

  23. […] ich möchte trotzdem kurz etwas dazu sagen: Auch wenn Rayson es bezweifeln mag, bin ich mir ziemlich sicher, dass ich nie die Fähigkeit verlieren werde, mich über andere […]

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: