Restebloggen zum Wochenende (48)

18. Juli 2010
  1. Letzte Woche saß ich ungefähr zwei Stunden lang in in der Nähe von Uelzen in einem IC, der wegen eines Böschungsbrandes nicht weiterfahren konnte. Die Informationspolitik der Bahn war wie immer… naja, semiprofessionell („Sehr geehrte Damen und Herren, neben dem Gleis wartet ein Bus als Schienenersatzverkehr nach Uelzen.“ [Ende der Ansage. Keine weitere Erläuterung, kein Hinweis, für wen sich die Nutzung des Schienenersatzverkehrs lohnen könnte, kein Wort darüber, wie und ob es von Uelzen aus weitergeht, kein weiteres Wort.]), aber das kennt man ja. Sogar die Klimaanlage funktionierte die ganze Zeit über tadellos, ich habe also eigentlich keinen Grund zu klagen. Lustig war aber, was dann angefahren kam, nachdem dieser eine Bus hoffnungslos überfüllt aufgebrochen war, ohne eine merkliche Verkleinerung der am Gleis wartenden Menschenmenge bewirkt zu haben:
  2. Mein Vater hat sich gelegentlich gewünscht, dass in seiner Todesanzeige stehen sollte: „Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte er mit dem Graben von unterirdischen Gängen.“ Im Nachhinein finde ich es ein bisschen schade, dass ihm niemand diesen Wunsch erfüllt hat.
  3. Abgesehen von einem durchaus gelungenen Hitler-T-Shirt fand sich in der letzten Woche bei Aufklärung 2.0 auch eine aufschlussreiche Debatte zu der Frage, ob Kinder unglücklich machen. Der Autor hat offenbar mehrere Studien zu dem Thema gelesen, die einhellig zu diesem Schluss kommen. Nur in den skandinavischen Ländern scheint das anders zu sein, was möglicherweise an deren Politik liegt. Mindestens genauso interessant wie dieses Ergebnis finde ich aber die Kritik an seinem Artikel, die selten über „Kann doch gar nicht sein, Kinder sind toll, ich kenne total viele Eltern, die irre glücklich sind!“ hinaus kam. Ich weiß wirklich nicht, ob die alle nicht wissen, was echte Argumente sind, oder ob sie nur keine Lust haben, welche zu suchen.
  4. Richtig ärgerlich fand ich diesen Beitrag von Don Dahlmann zur letztwöchigen Homöopathiedebatte und einen Teil der Diskussion darunter.
    Ob die Homöopathie nun was bringt, oder nicht, ich finde die gesamte Diskussion überflüssig.
    Man scheint sich dort generell weitgehend einig zu sein, dass Homöopathie Blödsinn ist, findet aber, dass es trotzdem weiter bezahlt werden sollte, weil es ja immerhin den Placebo-Effekt gibt, und sooo teuer ist das alles ja auch wieder nicht.
    Das verstehe ich gar nicht. Natürlich haben homöopathische Mittel einen Placebo-Effekt, wenn man dran glaubt, aber um den zu erzielen, muss die Solidargemeinschaft nicht den Betrug von Hexendoktoren unterstützen, deren Geschäft schlichtweg darin besteht, ihre Patienten zu belügen und Zuckerkugeln bzw. Leitungswasser als Medizin zu verkaufen. Dürfen Ärzte in Zukunft auch Operationen zum vollen Preis abrechnen, die sie in Wirklichkeit nur vorgetäuscht haben, oder wie?
  5. Matt D. hat beim Blog von Atheist Experience einen sehr lesenswerten Beitrag über die Beziehung zwischen Skeptizismus und Theismus geschrieben. Ich finde es auch immer wieder bemerkenswert, wie auch generell sehr rational denkende Menschen dazu neigen, sich kleine Reservate der Unvernunft zu schaffen.
    If anyone needed evidence of the pernicious, nefarious, deleterious effects of religious beliefs and their ability to protect themselves while affecting their surroundings; they need look no further than the collection of otherwise committed skeptics who not only shy away from the subject but encourage others to do the same.
  6. Ich weiß, ihr habt langelangelangelangelange darauf gewartet, aber irgendwann diese Woche kommt sie endlich zu euch nach Hause: Die Twilight-Rezension! Es wird natürlich ein Verriss, klar, aber eins will ich doch sagen: Ich habe es bis zum Ende geschafft, ohne mir selbst oder dem Buch dabei etwas anzutun. Das ist mehr, als ich zum Beispiel von Stieg Larssons Verblendung sagen kann.

Sommerloch? Was für ein Sommerloch?

16. Juli 2010

Die Welt ist voller faszinierender Entdeckungen, wenn man nur die Augen offen hält. So zum Beispiel sicher auch in einem Supermarkt in eurer Nähe:

Schwulenfeindliches Gebäck!

Und gleich daneben meine absolute Lieblingsform von Humor; ein Komikstil, den insbesondere auch die Erfinder deutscher Film- und Buchtitel zu einer Kunstform entwickelt haben, in der keine Nation dieser Welt es uns gleich tun kann: Das (Ent)fremden von Wörter(n) durch das willkürliche Setzen von Klamme(r)n um irgendwelche Buch(staben):

Ich glaube, früher hat man zumindest mal versucht, darauf zu achten, dass durch das Setzen der Klammern ein neuer Begriff entsteht, der im Zusammenhang wenigstens ansatzweise Sinn ergibt. Heute ist man frei von solchen (un)sinnigen konservativen Zwängen und kann völlig (ent)hemmt klammern, bis(s) der Arzt kommt.


Rock on!

15. Juli 2010

Falls ihr euch schon mal gefragt habt, wie Bürgerkriege entstehen, könnt ihr das jetzt möglicherweise in Kalifornien gerade in den ersten Zügen beobachten. Dort entbrennt nämlich offenbar soeben ein erbitterter Streit über das offizielle Staatsgestein.

Kalifornias Staatsgestein ist seit 1965 Serpentin, und das war lange Zeit auch gut so. Doch üble Ränke begannen, sich zu entspinnen, und so kam es dazu, dass vor Kurzem der Senat Kaliforniens ein Gesetz verabschiedete, das vorsieht, Serpentin als Staatsgestein zu stürzen, weil es nämlich unter anderem auch Chrysotil-Asbest enthält. Während die Befürworter des Gesetzes es aus Gesundheits- und Verbraucherschutzgründen für ein wichtiges Signal halten, das giftige Zeug nicht länger auf einen Sockel zu stellen, befürchten die Freunde des Serpentin, das das unschuldige Gestein durch diesen Beschluss zu Unrecht dämonisiert würde, obwohl Chrysotil nur gefährlich ist, wenn man es über längere Zeit wiederholt einatmet. Sie rechnen außerdem damit, dass die Abschaffung des Staatsgesteins eine Grundlage für zahlreiche Klagen gegen Museen und Grundbesitzer schaffen könnte, die noch über Serpentinvorräte verfügen.

Das Gesetz ist noch nicht in Kraft, weil die Staatsversammlung noch darüber abstimmen muss, aber zurzeit sieht es nicht gut aus für Serpentin und die stolze Geschichte Kaliforniens, das 1965 der erste Bundesstaat der USA war, der ein offizielles Staatsgestein ausrief. Nun besteht die Gefahr, dass dieser glorreiche Staat bald völlig ohne ein eigenes Gestein dasteht. Die verantwortliche Senatorin Gloria Romero versichert zwar, sie sei nicht anti-Rock, aber wenn wir sie an ihren Taten messen, kommen wir wohl zu einem anderen Ergebnis. Und ich frage euch nun: Können wir dabei tatenlos zusehen?


Menschenähnlich (26)

14. Juli 2010

Überschaubare Relevanz weiß, was ihr denkt. Ihr denkt, dass es schon lange mal wieder Zeit ist für eine neue Episode unseres Fortsetzungsromans Menschenähnlich. Und ihr habt Recht. Bitteschön:

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We’ll always have Paris

13. Juli 2010

Ja, ich weiß, das ist ein bisschen komisch, dass ich von Gran Canaria zurückkomme und euch dann erst einmal einen Paris-Reisebericht schreibe, aber wir sind hier bei überschaubare Relevanz, und da haben die Dinge ihre gute Ordnung und erscheinen in der richtigen Reihenfolge. Ich schulde euch noch einen Paris-Bericht, also gibt es auch einen. Und wenn ich das richtig sehe, schulde ich euch Babygemüse, also gibt es das auch.

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Restebloggen kurz nach dem Wochenende (47)

12. Juli 2010
  1. Hat jemand eine Idee, wie man charmant, aber angemessen reagiert, wenn eine Frau, mit der man nur flüchtig oder rein beruflich bekannt ist, einem sagt, dass sie sich hässlich findet? Konkrete Beispiele häufen sich bei mir in letzter Zeit, weiß auch nicht, warum. „Ich hätte für das Gespräch vielleicht einen Rock angezogen, aber ich denke, er hätte mich dann bloß darauf hingewiesen, dass Gurken ins Glas gehören.“ oder „Beautiful people can be stupid, they are just there to look at. Smart girls, like us, are fat.“ Bisher fiel mir dazu nicht viel mehr ein als aufmunternd zu lächeln und zu schweigen. Die Antworten, die mir einfallen, kommen mir entweder zu anzüglich vor, oder so unverbindlich, dass sie eher kontraproduktiv wären.
  2. Ich hatte ja auch schon mal über die Legalisierung von Drogen nachgedacht, und MartinJWillet hat meine zugegebenermaßen von wenig Sachkenntnis getrübte Meinung in einem sehr gelungenen, naja, Video, bestätigt:
  3. Rayson von B.L.O.G. setzt sich mit der gelegentlich anzutreffenden Auffassung auseinander, dass jede – oder meinetwegen nur fast jede –  Kritik am Handeln des Staates Israel antisemitisch begründet ist.
    Wie gesagt, dass hier und da nicht auch Antisemitismus hinter diesen Meinungen stecken könnte, ist damit nicht gesagt, aber die Gleichsetzung befremdet.
    Ich finde, da hat er Recht.
  4. Irgendwie nett, dass sich außer mir noch jemand an Captain Planet erinnert. Ich hatte ja sogar sein gelbes U-Boot mit den Greifarmen. Und ich bin angesichts des BP-Gesprudels auch sehr enttäuscht von ihm, wie Herm. Wenn ich bloß wüsste, wo ich dieses kleine U-Boot hingelegt habe…
  5. Florian Freistetter von Astrodicticum Simplex schreibt über das neue Pepsi-Blog bei den US-amerikanischen Science Blogs, oder vielmehr darüber, dass einige der Blogger dort jetzt ausgestiegen sind, weil Pepsi auch mitschreiben darf. Er versteht das nicht, und ich teile seine Meinung. Natürlich hat auch Pepsi Wissenschaftler, die sicher interessante Dinge zum Thema Ernährung schreiben können, wenn man sie lässt. Und wenn Pepsi drüber steht, ist doch auch klar, aus welcher Richtung der Wind weht. Man kann also wohl kaum von verdeckten Interessenkonflikten sprechen. Insofern wäre ich mit Florian dafür, abzuwarten, was PepsiCo so schreibt, bevor man sich aufregt. Erstaunlich waren für mich auch einige der aufgebrachten Kommentare bei Florian, die in diesem Unternehmen offenbar die Inkarnation alles Bösen sehen.
  6. Verdammt, es ist schon wieder passiert! Die Jugend von Pamplona will einfach nur in Frieden feiern, aber wie jedes Jahr wurde die Party auch diesmal wieder von einer Herde ausgebrochener Stiere verwüstet. Der Postillon berichtet.

Wo kämen wir denn da hin? Das wäre ja noch schöner! Da könnte ja jeder kommen.

8. Juli 2010

Ich bin ein bisschen spät dran und fasse mich ein bisschen kurz, aber ich hoffe, dass ihr das versteht. Ich bin immerhin im Urlaub. Aber darüber mag ich mich dann doch ein bisschen aufregen:

Der BGH hat entschieden, dass die so genannte Präimplantationsdiagnostik (PID) nicht unter das geltende Embryonenschutzgesetz fällt und deshalb nicht verboten ist. So weit, so gut. Ich könnte zwar auch einiges zum Embryonenschutzgesetz an sich erzählen, und erklären, warum das sowieso gründlich überarbeitet gehört, aber das lasse ich mal lieber. Ihr wisst schon, Urlaub. Zum Thema also:

Für alle, die es nicht wissen: PID ist die Untersuchung von Embryonen bei der künstlichen Befruchtung vor der Implantation. Dabei könnte man zum Beispiel feststellen, ob die Kinder aufgrund ihrer genetischen Anlagen eine Behinderung entwickeln würden, oder ob er die Anlagen für irgendeine Erbkrankheit trägt, und dann kann man entscheiden, welchen Embryo man wirklich implantiert haben will, oder ob es vielleicht doch keiner von ihnen sein soll. Aus meiner Sicht ist es dabei wichtig zu beachten, dass die Embryonen zur Zeit der PID in der Regel aus ca. 4-8 Zellen bestehen. Und vielleicht sollte man außerdem wissen, dass künstliche Befruchtung nur eine Erfolgsquote von um die 30% hat, dass es also mehr oder weniger zum Prozess gehört, dass viele Embryonen sich nie zu Menschen entwickeln.

Der BGH hat nun wie erwähnt entschieden, dass das nicht verboten ist. Und die CDU und die Kirchen finden dieses Ergebnis natürlich ganz fürchterlich, weil  die CDU und die Kirchen grundsätzlich alles, was gut und sinnvoll ist, ganz fürchterlich finden sie der Meinung sind, dass PID die Menschenwürde der betroffenen Blastocysten beeinträchtigt. Sie sagen, es würde „zwischen wertem und unwertem Leben“ unterschieden, und dass durch Legalisierung von PID „der Rechtfertigungsdruck auf behinderte Menschen und deren Eltern“ wachsen würde, und lauter so Zeug. Und deshalb wollen sie, dass PID verboten wird, damit es weiterhin nicht möglich ist, vorab zu erkennen, ob ein Kind möglicherweise mit Spina Bifida, Trisomie 21 oder mit amyotropher Lateralsklerose zur Welt kommen wird.

Ich finde das zutiefst unmoralisch. Ich gehe sogar so weit, zu sagen, dass ich das widerwärtig finde. Natürlich haben auch Kinder mit diesen Krankheiten ein Recht auf Leben, und sie können sogar ein sehr erfülltes Leben haben und ihre Familie durch ihre Gegenwart maßlos bereichern. Trotzdem muss man doch anerkennen, dass die Geburt eines schwer behinderten Kindes für seine Familie eine furchtbare Katastrophe darstellen kann, und dass mitunter auch das Leben dieses Kindes selbst von unerträglichem Leid beherrscht wird. Wer PID umfassend verbietet, nimmt der Menschheit damit eine Möglichkeit, derartiges Leid zu verhindern, und trägt deshalb – wenn auch mutmaßlich mit den besten Absichten – eine Mitverantwortung daran.

Darüber hinaus kann PID dazu beitragen, ethisch und medizinisch ungleich kompliziertere Schwangerschaftsabbrüche in späteren Stadien zu vermeiden, beispielsweise dann, wenn ein Schaden, der die Gesundheit der Mutter gefährden würde, bereits vor der Implantation festgestellt wird. Davon weiß ich aber leider nur sehr wenig. Über sachdienliche Hinweise in den Kommentaren würde ich mich freuen, natürlich nicht nur hierzu.

Es ist nicht leicht – wahrscheinlich ist es sogar einfach nicht möglich –, genau festzulegen, wo die Grenze zwischen nichtmenschlichem und menschlichem Leben verläuft. Ich maße mir auch ganz sicher nicht an, diese Grenze hier auch nur ungefähr bestimmen zu wollen. Aber man kann meiner Meinung nach ziemlich eindeutig sagen, dass ein Embryo wenige Tage vor seiner Geburt bereits ein Mensch ist und auch so behandelt werden muss, und dass im Gegenzug ein Zellhaufen wenige Tage nach der Empfängnis in keinem vernünftigen Sinne ein Mensch ist und keine Menschenrechte trägt. Das Potenzial ist kein Maßstab. Niemand käme auf die Idee, Samen- oder Eizellen Menschenrechte zusprechen zu wollen, aber wenn sich zwei davon vereinigen, ist plötzlich menschliches Leben vorhanden? Nein. Das ist genauso unsinnig vereinfacht und genauso falsch wie die These, dass menschliches Leben erst mit der Geburt beginnt.

Aus diesem Grund sollte meiner Meinung nach übrigens auch die Selektion nach weniger bedeutsamen Kriterien wie Haar- oder Augenfarbe nicht strafbar sein. Ich persönlich halte zwar nichts davon, finde aber nicht, dass es verboten gehört, schwarzhaarige Kinder zu wollen.

Und zum Schluss, nur der Vollständigkeit halber: Eine besonders unerfreuliche Rolle spielen in derartigen Diskussionen natürlich gerne auch die Kirchen. Weil sie die ohnehin schon schwierige Diskussion noch weiter verkomplizieren, indem sie von Seelen und göttlichem Willen und dem christlichen Verständnis des Menschen herumquaken. Wer selbst so etwas glaubt, den bitte ich ob der Härte meines Ausdrucks hier um Nachsicht, aber ich sehe das so. Natürlich darf jeder glauben, was er will, und niemand ist gezwungen, gute Gründe für seine Weltsicht zu haben. Die braucht man erst, wenn man sie anderen strafrechtlich aufzwingen will.


Und Sie verdienen damit Ihren Lebensunterhalt, ja?

7. Juli 2010

Der Wortvogel hatte kürzlich über den beklagenswerten Zustand des AirBerlin-Bordmagazins geschrieben, und da dachte ich, schaue ich bei Gelegenheit doch auch mal rein. Ich wurde nicht enttäuscht. Bisher dachte ich, die Cartoons in Spektrum der Wissenschaft wären kolossal unlustig. Jetzt habe ich einen neuen Maßstab:

Das ist so unglaublich, dass ich eine gefühlte Viertelstunde damit verbracht habe, dieses Bild anzustarren, bevor ich endlich eingesehen hatte, dass sich da wirklich nichts weiter versteckt. Und so richtig fassen kann ich es immer noch nicht. Falls es euch auch so geht, hier ist die Pointe noch mal, zum Genießen und Wirkenlassen:

„Oh ja! Dort ist es immer schön!“

Möge Gott uns allen gnädig sein.


Ich weiß auch nicht, wie ich da jetzt drauf komme, aber

6. Juli 2010

Vor einigen Tagen habe ich beim Kinderdoc mit bedingtem Vorsatz eine kleine Diskussion über Priester angefangen, in deren Verlauf der Kommentator Wolfram sagte:

„Da lob ich mir Goethe, der zwar mit den Kirchenleuten auch nix am Hut hatte, aber immerhin die Größe zuzugeben, „es gibt mehr Dinge zwischen Himmel und Erde, als eure Schulweisheit sich träumen läßt.““

Das ist so ein Zitat, über das ich mich jedes Mal wieder ärgern könnte, wenn ich es irgendwo höre oder lese. Weil es nämlich meistens dazu dienen soll, so genannte Parawissenschaften zu rechtfertigen, oder alternative Medizin, oder eben irgendeinen anderen kleinen Aberglauben, den der Zitierende gerade verteidigen zu müssen glaubt. Meistens wird es mit einem ziemlich selbstzufriedenen Lächeln vorgetragen, mit dem er zum Ausdruck bringt, für wie engstirnig er die anderen hält und für wie aufgeschlossen sich selbst.

Das ist natürlich Unsinn, auch wenn die Behauptung an sich schon stimmt. Es gibt unzählige Dinge – nicht nur zwischen Himmel und Erde -, die wir heute noch nicht einmal erahnen können. Wir wissen nicht, wie das Universum entstanden ist, wie es enden wird, was sich wirklich in schwarzen Löchern abspielt oder wie das menschliche Bewusstsein funktioniert. Es gibt Erklärungsversuche, aber nicht alle werden sich als wahr erweisen, alle als unvollständig, und auf der Suche werden wir neue Wahrheiten entdecken, die uns heute vielleicht unglaublich erscheinen würden. Genau das ist die fantastische Chance, die uns die wissenschaftliche Methode ermöglicht: Immer mehr und mehr dazuzulernen und immer mehr darüber zu erfahren, wie die Welt um uns herum funktioniert.

Und all diese wundervollen Dinge, von denen unsere Schulweisheit sich heute noch nichts träumen lässt, können wir entdecken. Das funktioniert aber nur durch Beobachtung der Realität, durch darauf gestützte und durch Experimente erhärtete Theorien. Es funktioniert nicht, wenn man sich einfach Zeug ausdenkt und es dann unabhängig von der Realität einfach immer weiter glaubt. Genau das tun aber die Leute meistens, die diesen Spruch mit diesem Lächeln aufsagen.

Übrigens, falls noch Besserwisser außer mir selbst zugegen sein sollten: Ja, der stammt ursprünglich natürlich aus Hamlet und nicht von Goethe.


Restebloggen kurz nach dem Wochenende (46)

5. Juli 2010
  1. Falls sich jemand Sorgen gemacht hat: Wir sind gut angekommen. Ein bisschen Sonnenbrand trotz bedeckten Himmels (über den wir uns sehr gefreut haben) und Sonnenschirm, aber sonst geht’s uns gut.
  2. Fragmentjunie macht zurzeit eher unregelmäßig was, aber was er macht, ist lesenswert. Wenn ihr wissen wollt, wie man die Gloriole eines Diktators noch nennen kann, seht doch mal bei ihm nach.
  3. Da hat der Wortvogel so eloquent dagegen geschrieben, aber es hat nichts genützt, die Bayern haben sich die Freiheit genommen, nicht mehr rauchen zu dürfen. Ach je. Naja, wenn ich mich über jede dummerhafte Vorschrift in diesem Land aufregen wollte, hätte ich viel zu tun und wenig Freude am Leben.
  4. Nur falls ihr aopkalypsemäßig nicht sowieso schon auf dem Laufenden seid: Bei RaptureReady findet ihr stets aktuelle Informationen über den Stand des Endes der Welt, und der Rapture Index sagt euch auf einen Blick, wie’s gerade aussieht. Stand 05. Mai: 170 (Fasten your seat belts).
  5. Stefan Niggemeier schreibt beim Fernsehblog über die begeisterten Berichte zu einer neuen Jugendschutzsoftware namens Neoguard, die offenbar den Seelenfrieden unserer Kinder wie auch unseren eigenen für wenig Geld und unknackbar für alle Zeiten garantieren soll. Die Idee finde ich schon grundsätzlich unsympathisch, aber noch viel ärgerlicher ist es doch, wenn Leute, die sich für Journalisten ausgeben, dermaßen unkritisch damit umgehen:
    Günther Jauch moderiert es an als eine „bemerkenswerte Entwicklung zum Schutz von Kindern und Jugendlichen und zum Aufatmen der besorgten Eltern“. Der Filmemacher Peter Schran hat den Programmierer Stefan Stein über längere Zeit begleitet und schwärmt von dessen „Vision“: „die fortschreitende Macht digitaler Monster in den Kinderzimmern bändigen“.
  6. demotivational posters