Esst mehr Delphine!

So, jetzt ist es schon beinahe einen Monat her, da kann ich ja vielleicht langsam mal einen Reisebericht verfassen. Aber gleich am Anfang will ich eure sicherlich jetzt in den Himmel wachsenden Erwartungen an die atemberaubende Schönheit der Bilder, die ergreifenden Schilderungen unserer Erlebnisse und den ganz persönlichen Einblick in fremde Kulturen ein bisschen dämpfen. Das gibt es diesmal nämlich alles nicht. Na gut, zumindest nicht im gewohnten Umfang. Keoni und ich haben keinen Besichtigungsurlaub gemacht wie sonst, sondern einen Wellenreiturlaub. Wir haben einen fünftägigen Surfkurs besucht, der fast unsere gesamte Zeit beansprucht hat, deswegen gibt es eigentlich nicht so besonders viel zu erzählen. Ich hoffe, dass es mir trotzdem gelingt, euch ein bisschen zu vermitteln, was für eine fantastische, unvergessliche, wunderschöne Woche das war.

Dieser Einstieg kommt jetzt vielleicht ein bisschen überraschend, aber was uns auf Gran Canaria zuerst auffiel, war die Tatsache, dass dort überall Waagen rumstehen. Ja, ganz recht, da stehen überall Waagen. In der Hotellobby, am Straßenrand, am Strand. Wenn man 50 Cent einwirft, kann man sich drauf wiegen.

Wir habens nicht ausprobiert und möglicherweise deshalb den Sinn der Sache nicht richtig verstanden.

Gewohnt haben wir in Maspalomas, das ist im Süden der Insel, und es ist voller Touristen. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich persönlich finde Urlaubsziele gruselig, in denen fast jedes Restaurant eine große Speisekarte mit Bildern, einer deutschen Flagge und deutschem Text aushängen hat und in denen man an der Rezeption, vom Taxifahrer und vom Kellner immer gleich auf Deutsch angesprochen wird, sogar, wenn man sich die Mühe macht, es mit den paar Brocken Spanisch zu versuchen, die man sich mal mit viel Arbeit angeeignet hat.

Glücklicherweise entdeckten wir gleich am zweiten Abend ein ganz umwerfendes Restaurant namens Samsara, das nicht nur eine großartige mediterran-asiatisch Fusionküche bietet, sondern auch die bestaussehenden (Na gut, das war für mich jetzt nicht so der Bringer.) und vor allem coolsten Kellner der Welt.

(Den komischen Schuppen im Erdgeschoss ignoriert bitte, das Samsara ist das im ersten Stock mit der Buddhastatue.)

Außerdem hat man von dort oben eine sehr hübsche Aussicht auf die Dünen

und nach dem Essen kann man sich in der Lounge noch ein bisschen ausruhen.

Unser Hotel war eine ziemlich mittelmäßige Bungalow-Anlage mit einem gruseligen Buffet (Wir haben es in einem Anfall von Humor einmal ausprobiert und dabei viel für unsere schlanke Linie getan.) und einer Statue zum Gedanken an Otto, den gemeinsten Delphin der Welt:

Überhaupt scheint man in Maspalomas nicht viel von den freundlicheren Bewohnern der Meere zu halten. Die Strandpromenade ziert dieses Schmuckstück hier:

Aber ich will wirklich nicht den Eindruck erwecken, es hätte uns nicht gefallen. Auch in Maspalomas hatten wir ein paar fabelhafte Erlebnisse, die nicht einmal alle mit Essen zu tun hatten. Diese Kindergruppe hier zum Beispiel hat uns so begeistert, dass wir ihr gleich dreimal was gespendet haben.

Zweimal Geld und einmal die Handvoll Bonbons, die wir im Restaurant mit der Rechnung bekommen hatten. Ich hoffe, dass ich ihnen damit nicht das Falsche beigebracht habe. Sie behielten alle zusammen ihre Posen in völliger Reglosigkeit bei, offenbar inspiriert von dem goldlackierten Straßenkünstler, der ein paar Schritte weiter um Spenden buhlte.

Zuvor war beim Essen übrigens noch etwas ganz Nettes vorgefallen: Wir hörten zuerst nur so ein leises Brummen, das langsam näherkam und drehten uns in Richtung der Promenade, wo wir einen mindestens 1,50m langen Modell-Lastwagen vorfahren sahen, auf dessen Anhänger ein riesiger Panzer stand. Der Lastwagen hatte nicht nur zahlreiche Scheinwerfer an der Front und Schlusslichter am Ende, er verfügte auch über eine ziemlich eindrucksvolle hellblaue Unterbodenbeleuchtung. Ein paar Meter dahinter folgte ein sehr stolzer ungefähr fünfzigjähriger silberhaariger Mann in Chinos mit Bügelfalte, Polohemd und um die Schultern gebundenem Pullover mit einer großen Fernbedienung in der Hand. Die Dame im Abendkleid neben ihm wirkte schon ein bisschen… weniger stolz, aber sie hatte ihr Haupt erhoben und trug ihr Schicksal mit bewundernswerter Fassung. Sie muss ihn wirklich lieben. Und toll fand ich auch diese Idee auf der Wasserflasche:

Aber genug der Girlanden, kommen wir zum eigentlichen Inhalt des Urlaubs: unserem Wellenreitkurs. Es war mein erster Versuch, und wir wussten deshalb vorher nicht so genau, ob es wirklich das Richtige für uns wäre, aber wir merkten dann doch sehr schnell, dass es gar nicht besser hätte sein können.

Unser Kurs begann natürlich mit ein bisschen Theorie und Trockenübungen. Man lernt was über das Brett und das Wasser und die Regeln, die man beachten sollte, und dann legt man sich mal am Strand auf das Brett und übt, von unten möglichst wenig wie eine Robbe auszusehen kraftvoll und mit der richtigen Bewegung zu paddeln und dann auf die richtige Art aufzustehen, wenn es so weit ist. Das dauert alles zusammen ungefähr eine Stunde, wenn ich mich richtig erinnere, und schon nimmt man sein Brett unter den Arm, läuft damit ins Wasser, und los gehts:

Bei uns sah das natürlich ein bisschen besser aus, weil wir nicht durch eine Kamera auf dem Brett behindert wurden. Dadurch konnten wir viel eindrucksvollere Wellen und anspruchsvollere Manöver… Nein, Moment mal, ich erfahre gerade, dass das nicht ganz richtig ist. Offenbar kam mir das nur so vor.

Die Grundzüge lernt man aber wirklich ziemlich schnell. Weil man auch eintägige Schnupperkurse buchen konnte, haben wir in unseren fünf Tagen ziemlich viele verschiedene Leute beim Surfen beobachten können, und wenn ich mich richtig erinnere, war eigentlich niemand dabei, der es nicht gleich am ersten Tag geschafft hätte, ein paar Mal aufzustehen, und die meisten konnten sich auch mindestens einmal eine Zeitlang aufrecht halten und auf der Welle zum Strand gleiten. Es macht von Anfang an einen Riesenspaß, und Keoni und ich wollen eigentlich am liebsten für den Rest unseres Lebens nichts anderes mehr machen. Wer mit Salzwasser in Augen, Ohren, Mund und Nase, blauen Flecken und Schürfwunden nicht so gut zurechtkommt, ist aber vielleicht doch mit einem anderen Sport besser bedient. Gerade als Anfänger wird man natürlich sehr regelmäßig von Wellen überrascht und überschlägt sich mit seinem Brett oder erlebt sonstige Unfälle mit den Naturgewalten.

Zu den eher unschönen Tatsachen des Lebens gehört, dass das Wassersportareal dieses Strandes im FKK-Bereich liegt. Ich will hier nicht unnötig ins Detail gehen, deswegen bitte ich euch, mir einfach zu glauben, dass wir Dinge gesehen haben, die niemals für menschliche Augen bestimmt waren.

Wenn man ein bisschen Erfahrung gesammelt hat, ist man irgendwann sophisticated genug, sich nicht mehr ganz vorne am Strand mit den dem Kinderkram abzugeben, dann paddelt man weiter raus, wo die Wellen seltener, aber größer sind, und verbringt seine Hauptzeit damit, auf dem Brett sitzend möglichst fachkundig aufs Meer rauszuschauen, bis man eine entdeckt, die einem richtig gut gefällt.

Das Dumme daran ist, dass man dabei permanent seine Position korrigieren und gegen die Strömung anpaddeln muss, wenn man nicht nach einer Weile irgendwo ganz weit draußen außer Sichtweite der Küste herumtreiben will. Bei mir führte das immer dazu, dass ich immer dann, wenn sich gerade eine schöne Welle abzuzeichnen begann, viel zu erschöpft war, um noch rechtzeitig genug Fahrt aufzunehmen. Keoni hat mehr Ausdauer als ich, deswegen ist es ihr einmal gelungen, eine solche Welle zu erwischen. Ich kann gar nicht sagen, wie stolz ich auf sie bin.

Am Tag nach dem Ende unseres fünftägigen Kurses veranstaltete die Surfschule noch einen Wettbewerb für Kinder, den wir uns natürlich angesehen haben, und nach dem unser Sensei Daniel uns sogar erlaubte, noch ein paar Stunden mit den nicht mehr benötigten Brettern spielen zu gehen. Gemeinsam mit diesem rührenden Abschiedsgruß von unserem Lieblingsrestaurant nahm unser Surfurlaub so ein angemessen glorreiches Ende, und wir sind uns ziemlich sicher, dass wir spätestens Anfang 2011 wieder nach Gran Canaria fliegen.

(Falls ihr sowas auch mal versuchen wollt, könnt ihr mir gerne eine Mail schicken. Ich verrate euch mit Freuden, welche Surfschule wir besucht haben und erzähle auf Wunsch auch noch mehr von unseren Erfahrungen.)

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8 Responses to Esst mehr Delphine!

  1. ruediger sagt:

    Das macht fast Lust es auch mal zu probieren, weniger mit einer touristischen Hochburg, als mit dem Surfen. Ebenso wie Du empfinde ich es höchst verstörend, wenn man sich in fremden Ländern nahezu lückenlos in seiner Muttersprache verständigen kann. Ich will das gar nicht, aber wer fragt mich schon.

    OT: Auf die Gefahr hin in der Nähe von FKK-Stränden zu üben, muss doch aber die Schule explizit hinweisen, nein?

  2. Andi sagt:

    Man kann diesen Leuten in Muttersprache ja mal sagen, dass man nicht in Muttersprache mit ihnen reden will, sondern auf spanisch/finnisch/japanisch/whatever radebrechen will.

    Ich find den Reisebericht wieder sehr, sehr schön. Erwähnte ich eigentlich jemals, dass ich großer Fan dieser Reiseberichte bin? 🙂
    Was fehlt:
    – Bilder vom FKK-Bereich, und noch viel wichtiger,
    – Bilder von den Kellnern. Da hättest du doch für mich wohl dran denken können?? 🙂

  3. Günther sagt:

    Hehe, ich kann die Begeisterung sehr gut nachvollziehen. Ich hatte nämlich anfang Juni auch meinen ersten 5-Tages-Surfkurs. Das mit der Erschöpfung kenn ich auch… am letzten Tag war ich so fertig, dass ich immer gefühlte 20 Minuten gebraucht habe, um den unseligen White-Water-Bereich zu durchqueren 😉

    Wir waren in Lacanau-Océan in Frankreich, wie ich hörte ein renommierter Surfort dort. Die Qualität des Surfgebiets kann ich mit Gran Canaria natürlich nicht vergleichen, aber mir fallen nach deiner Schilderung spontan zwei Vorteile von Lacanau ein: Erstens waren die Aussichten am Strand alles andere als unangenehm, und zweitens würde es den Menschen dort nicht im Traum einfallen, Deutsch mit dir zu sprechen. (Wenn sie stattdessen versuchen Englisch mit dir zu sprechen, kann das auch seinen ganz eigenen Unterhaltungswert haben.)

  4. axeage sagt:

    Murielismus mit einem Hauch Silberstreifizität: Sportarten ohne Schläger und Ball sind nix für mich und die Speisen auf dem letzten Bild sehen besonders spätrömisch dekadent aus.

  5. Muriel sagt:

    @ruediger: Ich kann es nur empfehlen. Zu der FKK-Sache: Mit einer Schmerzensgeldklage könnten Keoni und ich wahrscheinlich erreichen, dass wir nie wieder arbeiten müssen. Aber wir mochten unserer Surflehrer so gerne, dass wir es trotz der erlittenen Traumata einfach nicht übers Herz bringen.
    @Andi: Die FKK-Bilder willst du nicht sehen.
    Die Kellner, ja, das wäre natürlich nett gewesen, aber mir wäre es in dem Moment unpassend vorgekommen.
    @Günther: Danke für den Tipp! Gegen Frankreich habe ich zwar immer ein bisschen Vorurteile, aber ich merke mir Lacanau-Océan auf jeden Fall mal für die Zukunft.
    @axeage: Es ist nicht verboten, mit Schläger und Ball zu surfen, es sieht bloß ein bisschen merkwürdig aus. Und den Vorwurf der spätrömischen Dekadenz müsste ich jetzt eigentlich mit einem Nazivergleich beantworten, wenn ich ihn nicht vor Kurzem noch selbst erhoben hätte…

  6. […] anzuhören. Und wenn wir sowieso schon mal weg sind, hängen wir auch noch einen zweiten Surf-Urlaub auf Gran Canaria an, sodass wir insgesamt ungefähr zwei Wochen außer Landes sein […]

  7. […] Art Urlauber werden, die jedes Jahr denselben Ort besuchen. Vielleicht erinnert ihr euch noch, dass wir letztes Jahr auf Gran Canaria waren. Dieses Jahr haben wir das wiederholt, auch wieder mit Surfkurs, und es hat uns tatsächlich sogar […]

  8. […] eine schreckliche Quälerei, gegen die Wellen rauszupaddeln. In den Grundzügen hatte ich das in unserem ersten Gran-Canaria-Bericht ja schon einmal beschrieben. Am Playa de la Laja ging das diesmal besonders gut. Die Wellen kamen […]

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