Um die Menschheit zu beschützen

Dies ist wieder einer von meinen ziemlich konfusen Beiträgen, die außer mir selbst wahrscheinlich niemanden interessieren und bei denen ich selbst nicht so genau weiß, was ich damit eigentlich sagen will. Ihr dürft ihn natürlich trotzdem gerne lesen. Ihr dürft euch hinterher sogar beklagen. Aber sagt bitte nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

Es ist ja schon irgendwie bequem, wenn man Schriftsteller in übersichtliche Kategorien einordnen kann. George R.R. Martin zum Beispiel ist ein Gott, und ich würde sogar seine Einkaufslisten kaufen, wenn er die veröffentlichen würde. Stieg Larsson hingegen würde ich nicht mal ein Buch abnehmen, wenn ich damit das Leben von fünf Delphinen und einem Buckelwal retten könnte. Stephen King ist irgendwo dazwischen. Eine Bank, wenn man mal was lesen will, während man nebenbei eigentlich was anderes macht. Gleichgültige Trivialliteratur, bei der man auch mal eine halbe Stunde woanders hinschauen kann, ohne was zu verpassen. The Dome zum Beispiel habe ich gerade ausgelesen. Ich kann mich jetzt schon nicht mehr erinnern, was passiert ist, und das ist auch gut so.

Orson Scott Card lässt sich leider nicht so gut einordnen. Es ist nicht nur so, dass er sowohl tolle als auch mäßige Geschichten schreibt, sondern sogar so, dass man innerhalb einer einzigen Geschichte zwischen Begeisterung und genervter Abscheu schwankt. Das hat nicht mal vorrangig damit zu tun, dass er seine sonderbaren religiösen und gesellschaftspolitischen Ideen mit Gewalt in die Handlung zwängen würde, obwohl er das auch manchmal tut, aber jedenfalls bleibt oft ein unangenehmer Nachgeschmack zurück.

Ender’s Game ist ein ganz gutes Beispiel dafür. Ein fantastischer Science-Fiction-Roman, der uns die Geschichte eines zukünftigen Krieges der Menschheit gegen die Formics erzählt, in dem eine Gruppe von hochbegabten Kindern in einer Weltraumstation zu zukünftigen Flottenkommandanten ausgebildet werden soll. Die Geschichte ist sehr clever und unterhaltsam erzählt und hat völlig zu Recht sowohl den Nebula als auch den Hugo Award gewonnen. Card hat zahlreiche Fortsetzungen dazu veröffentlicht, sowohl Romane als auch Kurzgeschichten, und die lesen sich auch alle ganz gut, aber es scheint doch die ganze Zeit so eine Grundidee durch, die mir einfach nicht gefällt:

In den Ender-Geschichten geht es permanent um Elite, um herausragende Begabung, darum, die eine richtige Person für eine Aufgabe zu finden, von der dann konsequenterweise das Schicksal der ganzen Menschheit oder zumindest einiger Nationen abhängt. Wenn diese eine Person gefunden ist, ist es noch wichtig, sie von bürokratischem Ballast zu befreien und sie möglichst zum absoluten Alleinherrscher zu machen, damit ihr keiner ins Handwerk pfuscht, und dann kann nichts mehr schiefgehen. Egal, wie sehr wir zahlenmäßig oder technologisch unterlegen sind, solange wir von dem (oder der) Auserwählten geführt werden, sind wir unbesiegbar.

Ich könnte jetzt versuchen, da Parallelen zu Cards Mormonentum zu ziehen und was von religiös fundiertem Messianismus faseln, aber ich glaube, dass mir dafür die Grundlage fehlt. Cards Charaktere (auch die Auserwählten) sind auch keine göttlichen Figuren. Sie haben Schwächen, sie machen Fehler, und sie zweifeln an sich. Meistens muss ihnen jemand anders ihre Rolle als Diktator aufzwingen, weil sie sie nicht wollen.

Trotzdem finde ich schon die Grundidee gefährlich, und ich glaube außerdem auch, dass sie nichts mit dem wahren Leben zu tun hat. Natürlich sind manche Menschen besser für bestimmte Aufgaben geeignet als andere, und sicher kann ein begnadeter Führer Befehlshaber in einem Krieg den Unterschied zwischen Sieg und Niederlage machen. Aber dieser Gedanke, dass es eine Person gibt, die alles weiß und alles kann, und die deshalb auch alle Entscheidungen treffen muss, ohne sich vor irgendwem rechtfertigen zu müssen, der ist Unsinn. Und noch größerer Unsinn ist der Gedanke, dass man diese eine Person anhand weniger übersichtlicher Kriterien erkennen kann, oder noch besser an einem einzigen Glückstreffer wie bei Admiral Mazer Rackham, der im ersten Krieg gegen die Formics mit einer einzigen gut gezielten Rakete deren gesamte Flotte außer Gefecht gesetzt hat und seitdem – ihr werdet es euch denken können – als der einzige gilt, der die Menschheit vor den außerirdischen Invasoren retten kann.

Tolstoi hat da eine viel sympathischere – und meiner Meinung nach realistischere, wenn auch in die andere Richtung überzeichnete – Vorstellung von der Rolle großer Führungspersonen. In Krieg und Frieden berichtet er von einer Schlacht im Russlandfeldzug, die gemeinhin als eine geniale Glanzleistung Napoleon Bonapartes gilt. Laut Tolstoi hat Napoleon im Laufe dieser Schlacht genau drei Befehle gegeben, von denen zwei aufgrund von Kommunikationsschwierigkeiten nie ausgeführt wurden und der dritte in einem ziemlichen Desaster mündete, das aber glücklicherweise den Sieg der französischen Armee nicht verhindern konnte.

Wer so denkt, läuft (vermutlich) nicht Gefahr, der Illusion zu erliegen, Diktatur könne etwas Gutes sein, solange nur der richtige Diktator an der Macht ist. Die Geschichte der Menschheit spricht dagegen. Demokratie hat sich nicht nur deshalb in den fortschrittlicheren Ländern als Regierungsform durchgesetzt, weil sie den anderen moralisch überlegen ist, sondern auch deshalb, weil sie besser funktioniert. Macht braucht Kontrolle, und niemand ist so klug oder so erfahren, dass seine Entscheidungen nicht besser werden könnten, wenn er den Rat anderer einholt. Natürlich ist es lästig, wenn man genau weiß, wo’s lang geht, und sich trotzdem dauernd von irgendwelchen Dummköpfen reinreden lassen muss, aber sogar wenn die wirklich alle die Dummköpfe sind, für die man sie hält, zwingen sie einen doch zumindest, über die eigenen Entscheidungen nachzudenken, damit man sie erklären und rechtfertigen kann.

Tja, so, also, na dann, äh, warum erzähle ich euch das doch gleich alles? Ach ja. Weil ich gerade eine Ender-Kurzgeschichte von Orson Scott Card gelesen und mich fürchterlich über dieses arrogante Gelaber geärgert habe, das Mazer Rackham von sich gibt, wenn er erklärt, dass die ganzen nutzlosen Gremien und Bürokraten jetzt alle beseitigt werden müssen, damit jemand wie er die Sache allein in die Hand nehmen kann. Und weil ich weiß, dass es genug Leute da draußen gibt, die wirklich so denken, nicht zuletzt auch ich selbst, wenn ich mal wieder eine tolle Idee hatte und mich ärgere, dass andere Leute sie nicht ganz so toll finden. Es kann nicht schaden, sich hin und wieder daran zu erinnern.

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16 Responses to Um die Menschheit zu beschützen

  1. Wiebke sagt:

    Nur so aus Neugier: Wo ordnest du denn Richard Morgan ein?

  2. Muriel sagt:

    @Wiebke: Ich enttäusche deine Neugier nur ungern, aber Richard Morgan kenne ich gar nicht. Die Beschreibung bei Wikipedia klingt aber erst einmal nicht so, als würden mir seine Geschichten besonders gefallen. (Sozialkritik geht mir insbesondere in SF-Geschichten ganz schnell auf den Geist.) Falls du allerdings meinst, dass der sich lohnt, wage ich gerne mal einen Versuch.

  3. Wiebke sagt:

    @Muriel: Naja, ich mag die Charaktere gern, selbst wenn ich mit deren politischer Einstellung nicht einer Meinung bin. In der Altered Carbon-Trilogie hat die Welt mit unserer sowieso nicht mehr so viel zu tun, so dass man die politischen Ideale der Charaktere nicht unbedingt so in unsere Welt uebertragen kann, finde ich. Er verliert sich nicht oft in politische Schwafeleien (was aber durchaus auch vorkommt), sondern verpackt das eher in Handlungen, Dialoge und Gedanken. Er schreibt ausserdem sehr bildhaft… ich kann mich gut in die Hauptfigur hineinversetzen. Also das erste Buch, „Altered Carbon“, ist es auf jeden Fall wert, es sich anzuschauen. Ich kann’s dir leihen, wenn wir mal wieder klettern. Der dritte Teil ist dann etwas abgedreht.

    Sehr schoen auch „The Steel Remains“ von ihm. Das ist eher ’nen Fantasy-Setting, aber mit sehr ungewoehnlichen Charakteren. Nicht besonders politisch, finde ich.

    Von der Autoreneinordnung wuerde ich sagen, recht ungewoehnlicher Stil, bleibt auf jeden Fall in Erinnerung. Ich erinnere mich an Teile aus Altered Carbon, obwohl es Jahre her ist, dass ich das gelesen habe und warte mit Ungeduld auf die Fortsetzung von „The Steel Remains“.

  4. madove sagt:

    Wie praktisch. Ziemlich genau diesen Beitrag (ohne die Einleitung mit den Autoren) wollte ich auch schon lange mal schreiben, war aber bisher zu faul dazu, ihn auszuformulieren.
    Außerdem hat mir eine passende Einleitung gefehlt.

    Was ein Service, jetzt brauch ich ihn nur verlinken :o)

  5. Muriel sagt:

    @Wiebke: Ach Mensch, ich bin eine Pfeife! Klar, Steel Remains habe ich gerade erst Anfang dieses Jahres gelesen. Ich fand den Anfang und die Charaktere auch sehr originell, und der Stil war auf eine erfrischende Art unprofessionell, was ich wirklich ausschließlich als Lob meine.
    Das Ende fand ich dann aber so uninteressant (Ich musste mich richtig zwingen, nicht zwischendurch Absätze zu überspringen.), dass ich den Namen des Autors wohl verdrängt habe. Falls dir der zweite Teil auch noch gefällt, lass es mich bitte wissen, vielleicht kaufe ich ihn dann auch.
    (Danke für das Altered-Carbon-Angebot, nehme ich gerne an.)

  6. Muriel sagt:

    @Madove: Heißt das, mit all den anderen Beiträge hier, mit denen ich versuche, deine Gedanken zu erraten und vorwegzunehmen, bin ich bisher immer gescheitert?
    Im Ernst: Vielen Dank! Schön, dass ich das nicht allein so sehe.
    Besonders rührend finde ich übrigens auch Cards Überzeugung, dass es nur einer hinreichenden Demonstration geistiger Überlegenheit bedarf, um andere Menschen dazu zu bringen, sich zu unterwerfen. Wer im Ernst denkt, dass man bloß ein paar kluge Blogbeiträge schreiben muss, um zum Hegemon der Erdallianz gewählt zu werden, obwohl man noch ein Kind ist, der hat ein gestörtes Verhältnis zur Realität.

  7. Wiebke sagt:

    @Muriel: Ja stimmt, das Ende von Steel Remains war merkwuerdig, als wenn er nicht weitergewusst haette. Gerade deshalb will ich den zweiten Teil lesen…

    Uebrigens auch amuesant, was er ueber sich selbst schreibt: http://www.richardkmorgan.com/about-2/

    „I was just going to save some money, do some writing and then set off round the world, paying my way with generous royalty cheques from my stellar career as a rising young novelist.

    Yeah, right.

    London sorted that one out.“

  8. Muriel sagt:

    @Wiebke: Ich kann das Problem übrigens durchaus nachfühlen, gerade jetzt sogar. (Nicht so sehr das mit dem Geld, so weit bin ich noch nicht, eher das mit dem Nichtweiterwissen am Ende einer Geschichte.) Trotzdem hat er das versaut. Die Geschichte hätte mir noch um Längen besser gefallen, wenn sie einfach kurz vor oder nach der Invasion aufgehört hätte, statt noch dieses „Und dann metzelten sie die Schergen des Erzschurken nieder und alle waren glücklich“ dranzuhängen.

  9. Wiebke sagt:

    @Muriel: Alle am Ende gluecklich? Haben wir die gleiche Geschichte gelesen? 😉

  10. Muriel sagt:

    @Wiebke: Ja, naja, glücklich ist ja ein dehnbarer Begriff, aber du hast eigentlich Recht. Es ist eher so eine pseudoselbstkritische, mit der Welt hadernde Beinahedepression, die den Standardzustand für Morgan-Charaktere darzustellen scheint.

  11. Wiebke sagt:

    @Muriel: Das hast du schoen gesagt 🙂

  12. Mathies sagt:

    Ich habe vor ein paar Tagen gerade den „Schneemann“ von Jo Nesbo fertig gelesen, in dem der Protagonist „Harry Hole“ auch in dieses Der-einzig-wahre-Konzept hineinpasst (in der Komissar-Version: groß, markant, arbeitswütig, versoffen, kann trotzdem alles). Und mir kamen auch diese Gedanken zur verdrehten Wirklichkeit.

    An die Gefährlichkeit solcher Überfiguren habe ich bisher nicht gedacht, sondern mehr an das Kalkül des Autors. Mir scheint, dass man davon ausgeht, dass sich eine Strahlemann-Figur gut verkaufen lässt, während mehrere Figuren, die sich gegenseitig beeinflussen, für zuviel Verwirrung/weniger Absatz sorgen könnten.

  13. Muriel sagt:

    @Mathies: Ja, sowas kann einem als Autor viel Mühe sparen. Und dass du bei einem Kommissar nicht sofort an Weltherrschaft denkst, kann dir sicherlich niemand vorwerfen. Das ist bei Cards Admiralen und Hegemonen ein bisschen offensichtlicher.

  14. Ron sagt:

    Ich kenne keinen der bisher im Beitrag sowie in den Kommentaren genannten Autoren (note to myself: mal informieren …). Dennoch hier ein paar Gedanken meinerseits zu diesem Thema:

    1. Die erzählerische Ebene
    Nach meiner Erfahrung ist es bisher immer so gewesen, dass nur die Charakteren in Erinnerung geblieben sind, die eben nicht perfekt oder „Elite“ waren. Na klar: es ist manchmal schon erhebend zu lesen, wenn eine solche Figur ohne Fehl und Tadel die Geschichte vorantreibt und (in der Regel) alles zu einem guten Ende bringt. Erhebend ja, nicht selten aber auch langweilig und vorhersehbar.
    Wie schön ist, wenn man Figuren begleitet, die Ecken und Kanten haben, in der Geschichte gewinnen aber auch scheitern und vielleicht am Ende nicht mal ein Happy End steht. Das sind dann Protagonisten die einem wirklich nah stehen weil sie einfach viel näher am wirklichen Leben sind als alle „Superhelden“ zusammen.

    2. Die Metaebene
    Irgendwie scheint ganz tief irgendwo im Genpool der Menschheit die Sehnsucht nach starker „Führung“ verankert zu sein (ja, an der Stelle verallgemeinere ich mal ganz unverschämt). Man braucht Staatenlenker, Generäle, Popstars, Götter etc. um auf diese eigene Sehnsüchte, Unsicherheiten oder Unzulänglichkeiten zu projezieren. So weit, so normal. Ungut wird es in der Tat dann, wenn sich diese Elite selbst immer weiter erhöht und daraus ein Anspruchsdenken entsteht. Mindestens ärgerlich, wenn es sich um wirtschaftliche Belange handelt, gefährlich dann, wenn es um Macht (und Machterhaltung) und deren Ausübung geht. Zum Glück kommt das noch weit häufiger in Büchern und Geschichten vor, ab und zu aber auch mal im wirklich echten Leben.

    Kurz gesagt und in Antwort auf den Beitrag: Finde ich auch!

  15. rebhuhn sagt:

    ich sag‘ jetzt mal nur, daß ich den artikel zum einen gar nicht so sonderlich absonderlich finde, und zum anderen, daß mir insbesondere dein schluß gefällt und ich ihn mir auch schon angezogen hab.

    [ot: und ich eigentlich immer noch vorhabe, auf deine zwei langen kommentare irgendwo hier woanders ausführlich und durchdacht zu antworten ^^.]

  16. Muriel sagt:

    @Ron: Danke für den ausführlichen Kommentar!
    1. Ja… Ja, einigermaßen. Ich persönlich mag auch gerne mal einen perfekten Charakter, und der Fairness halber muss ich darauf hinweisen, dass Cards Figuren auch ihre Schwächen haben. Aber im Prinzip gebe ich dir auch Recht.
    2. Ja, Menschen neigen dazu. Ich glaube, dass das mindestens genausoviel mit der oft diagnostizierten „Politikverdrossenheit“ zu tun hat als die Unfähigkeit unserer Politiker: Die Bürger erwarten zu viel von ihrern Führern und sind dann natürlich maßlos enttäuscht, wenn sie merken, dass sie doch nur einen anderen Menschen gewählt haben, der dumme Fehler macht und selbstsüchtig ist und sich bereichern will, wie wir alle. Aber ich verstehe auch nichts von Politik.
    @rebhuhn: Danke, das hast du aber nett gesagt. Und auf deine Antwort freue ich mich natürlich, falls du noch dazu kommst.

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