Aber ich fürchte, der hier meint es total ernst.

Ich sage das nicht leichtfertig, ich habe gründlich darüber nachgedacht, und ich rechne damit, dass einige von euch mir widersprechen könnten, aber doch: Nachdem ich mich gerade noch über Peter Richters Alkoholverbotsartikel geärgert gewundert habe, bin ich nun auf den mit hoher Wahrscheinlichkeit dümmsten, melodramatischsten, borniertesten, peinlichsten und, ja, menschenfeindlichsten Artikel gestoßen, den ich je bei faz.net gelesen habe. Es handelt sich um „Die Menschenleser“ von dem Direktor der Nordrhein-Westfälischen Landesanstalt für Medien Norbert Schneider. Er lässt sich ganz gut so zusammenfassen, wie faz.net das auch unter der Überschrift getan hat:

„Wer sich im Netz preisgibt, wird zu einem Menschen zweiter Schöpfung: Er gibt den digitalen Göttern Gelegenheit, jede Kontrollmöglichkeit auszunutzen. Es ist an der Zeit, eine vernünftige Regulierung für die Kontrolleure zu finden.“

Und da steht auch gleich schon alles drin, was ich so albern finde an Herrn Schneiders Werk: Schwülstiger Ausdruck bis weit über die Grenze der Selbstparodie hinaus, sinnlose religiöse Anspielungen, ein Habitus, als warnte er vor dem unmittelbar bevorstehenden Herabfallen des Himmels, und die feste Überzeugung, dass wir alle seinen Schutz brauchen, weil wir sonst unsere Individualität, unsere Würde und unseren freien Willen verlieren. Bloß gut, dass es da so selbstlose Menschen wie ihn gibt, die uns in ihrer Güte vorschreiben, wie es richtig geht. Und uns deutlich sagen, wie es falsch ist, nämlich so, wie es zurzeit läuft:

„Konjunktur hat das Öffentliche. Man isst im Freien und telefoniert dabei ungeniert. Statt Gärtchen – der Biergarten. Die Mode veröffentlicht menschliche Körper. Public viewing breitet sich aus. Exhibitionismus wird chic. In der Talkshow, in der Castingshow, im Container von Big Brother“

Wahnsinn. Herr Schneider hat den Exhibitionismus und die Freude an der Öffentlichkeit als neuen Trend ausgemacht. Wie wird er wohl reagieren, wenn er den Buchdruck entdeckt?

„Doch an diesem Punkte wird die neue Anthropologie prekär. Der Mensch als Datenträger wird, indem er lesbar gemacht wird, auch steuerbar, vorhersehbar, kontrollierbar. Er wird, ohne davon irgendetwas zu wissen, zum Objekt einer auf Dauer gestellten Rasterfahndung“

Und das ist dieser Schritt, den er uns nicht so richtig erklärt und der mir auch nicht einleuchtet. Herr Schneider meint, wenn ich im Netz etwas über mich verrate, dann werde ich dadurch unweigerlich „steuerbar“, verliere also meine Fähigkeit, für mich selbst Entscheidungen zu treffen. Ich denke bei dieser Art der Argumentation immer mit einem Schmunzeln an die Gnome in South Park. Schritt 1: Unterhosen klauen. Schritt 2: ? Schritt 3: Profit! Und damit sind wir auch gleich beim Thema:

„[Unsere Daten] werden zur Grundlage von Geschäftsmodellen“

Gütiger Himmel, ja! Man stelle sich vor: Unternehmen nutzen das, was wir ihnen über uns verraten haben, um uns möglichst attraktive Angebote machen zu können! Heilige Marktwirtschaft, Batman, auf zum Medienanstaltmobil!

„Wieder einmal steht nicht weniger als die Würde des Menschen auf dem Spiel.“

Genau. Ich vermute, wenn Herr Schneider vergisst, den Reißverschluss an seiner Hose hochzuziehen, steht für ihn auch jedes Mal nicht weniger als die Würde des Menschen auf dem Spiel. Wieder einmal. Klar, wenn man will, kann man jeden Quatsch irgendwie auf die Würde des Menschen zurückführen. Ich finde aber, dass man ruhig erst mal versuchen sollte, ein paar Stufen niedriger anzusetzen, wenn man nicht ausgelacht werden will.

„Zum Menschenbild der ersten Schöpfung gehört der freie Wille – mit allem, was daraus werden kann. Es ist dafür zu sorgen, dass in einer zweiten Schöpfung dieser freie Willen nicht faktisch ausgelöscht wird.“

Falls das für euch zu schnell ging, noch einmal zum Mitschreiben: Herr Schneider ist der Meinung, dass wir unseren freien Willen auslöschen, indem wir Sachen ins Internet schreiben. Natürlich nur, wenn wir uns dabei nicht an seine Regeln halten. Und hier schimmert meiner Meinung nach das Gefährliche an dieser Denkweise durch:

Herr Schneider sieht, dass wir freiwillig unsere Daten anderen zur Verfügung stellen, und er findet das anscheinend irgendwie anstößig. Außerdem glaubt er, dass wir uns damit schaden. Ich persönlich finde das ein bisschen albern, aber wer weiß, vielleicht hat er ja Recht, und es steht ihm auf jeden Fall zu, uns davor zu warnen, wenn er es nun einmal so sieht.

Das reicht ihm aber nicht. Er weiß so genau, was gut für uns ist, dass er es per staatlichem Zwang herbeiführen will. Natürlich nur zu unserem Besten. Er meint es gut. Und das wird auch nicht besser dadurch, dass seine konkreten Vorschläge (Transparenz des Datenverkehrs und weitgehende Eigentumsrechte an den eigenen Daten) zunächst mal gar nicht besonders bedrohlich daherkommen. Dennoch geht es hier um eine Einschränkung individueller Freiheit, und der völlig überzogene Alarmismus, mit dem er argumentiert, lässt mich durchaus vermuten… Was? Wie? Sie wollen noch was sagen, Herr Schneider? Nur zu.

„Geht es so weiter wie bisher, dann wird eine Pointe der zweiten Schöpfung sein, dass die digitalen Götter sich dadurch an der Macht halten, dass sie eine Kontroll-Lücke schließen – indem sie eine Videokamera auch noch auf den Baum der Erkenntnis richten.“

Oh… Schon gut. Kann dem Mann bitte mal jemand ein kaltes Tuch bringen, oder seine Pillen, oder ein Schmetterlingsnetz?

Ich könnte dazu noch so vieles sagen, aber zum Glück gibt es einen, der das alles viel besser ausdrücken kann, als ich es mit Worten je könnte.

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16 Responses to Aber ich fürchte, der hier meint es total ernst.

  1. Tim sagt:

    Das Problem an Schneider war ja schon immer, daß einige ihn tatsächlich tauglich für seine (früher) ziemlich einflußreiche Position hielten. Im Grunde nervt ihn aber bloß, daß Leute wie er in der neuen Medienwelt keine große Rolle mehr spielen.

  2. Ron sagt:

    Da fällt mir nichts mehr ein. Aber ich habe auch nichts gegen Google Street View …

  3. Muriel sagt:

    @Tim: Ach, der ist ein Wiederholungstäter? Ich hatte von ihm noch nicht gehört. Danke für den Link!
    @Ron: Schön, dass das noch jemand so sieht. Ich wollte ursprünglich heute was zu Street View schreiben, unter dem Titel „Ich verstehe die ganze Aufregung nicht“ (Du verstehst sicherlich…), aber dann fiel mir dieser Blödsinn hier in die Hände, und musst kommentiert werden.

  4. dschonzen sagt:

    Der Direx der Landesanstalt für Medien lässt sich dennoch gern auch vom Datensammler GEZ finanzieren.
    Vielleicht ist es in diesem Fall ja okay, weil die Daten nicht freiwillig an diesen Schnüfflerverein gehen, sondern mit verschiedensten, oft sogar illegalen Methoden, ausgespäht werden.

  5. Muriel sagt:

    @dschonzen: Guter Hinweis. Ich gehe davon aus, dass der Unterschied darin besteht, dass die Götter der GEZ und nicht kontrollieren wollen. Äh. Nee, vielleicht doch nicht…

  6. krusty20 sagt:

    Da hat der Herr Schirrmacher, der uns als Herausgeber der FAZ mit Artikeln wie „Wie das Internet den Menschen verändert“ und mit Büchern wie Payback – Warum wir im Informationszeitalter gezwungen sind zu tun, was wir nicht tun wollen, und wie wir die Kontrolle über unser Denken zurückgewinnen das Interdingsbums erklärt, endlich einen Mitstreiter gefunden. 🙂

  7. Muriel sagt:

    Hallo krusty20, willkommen auf meinem Blog. Oder sagt man in, oder bei? Ich frage mich das jedes Mal… Egal.
    Ja, du hast Recht, der Landesmedienanstalter passt insofern ganz gut in die FAZ, aber ich finde es trotzdem immer wieder erschreckend, wenn ich dort solchen geistigen Auswurf lese. Zumal solche Leute ja auch die manchmal durchaus sinnvolle Diskussion um Datenschutz und Persönlichkeitsrecht mit ihrem hysterischen Gekreische unnötig erschweren…

  8. krusty20 sagt:

    Hallo Muriel,
    vielen Dank für die persönliche Begrüßung (was für ein Service). 🙂
    Ich bin da ganz bei Dir. Mich stört vor allem, dass solche (eigentlich intelligenten) Leute einfach nicht zugeben wollen, dass ihnen das sog. Informationszeitalter mehr und mehr über den Kopf wächst, was wohl ganz simpel auch was mit dem Alter zu tun hat (ich weiß, wovon ich rede), und stattdessen so einen Pseudoquark als Generalabrechnung auf die Meta-Ebene heben. 😦

  9. Muriel sagt:

    @krusty: Das machen wir hier gerne, ist ja auch einfach in einem kleinen Blog…
    Was den Pseudoquark angeht, sehe ich das wie du. Ich kann mir richtig gut vorstellen, was Herr Schneider früher über Autos, Flugzeuge oder das Feuer gedacht hätte, wenn er bei deren Erfindung dabeigewesen wäre.

  10. Dennis sagt:

    „Doch an diesem Punkte wird die neue Anthropologie prekär. Der Mensch als Datenträger wird, indem er lesbar gemacht wird, auch steuerbar, vorhersehbar, kontrollierbar. Er wird, ohne davon irgendetwas zu wissen, zum Objekt einer auf Dauer gestellten Rasterfahndung“

    Und das ist dieser Schritt, den er uns nicht so richtig erklärt und der mir auch nicht einleuchtet. Herr Schneider meint, wenn ich im Netz etwas über mich verrate, dann werde ich dadurch unweigerlich „steuerbar“, verliere also meine Fähigkeit, für mich selbst Entscheidungen zu treffen.

    Ich könnte mich jetzt wieder an jedem einzelnen Punkt austoben, aber fangen wir doch mal mit dem an, wo mir die Finger anfingen zu jucken.

    Du hast natürlich Recht. Ich veröffentliche „Ich esse gerne Döner“ auf meinem Facebook Profil und kann dann den Rest meines Lebens den Döner öffentlich verdammen. Aber. Wenn ich mich heute im Internet bewege und der Meinung bin, ich müsste überall schreiben „Muriel ist ein Depp erster Güte“ und mache das unter meinem echten Namen und sitze dann bei Dir durch Zufall im Vorstellungsgespräch, dann habe ich zwar eine Entscheidungsfreiheit, aber Du als fleißiger Googlianer bist ein wenig voreingenommen (vielleicht säße ich dann nicht mal im Gespräch).

    Ein Konkurrent von Dir würde das wiederum anders sehen, bei dem wäre ich im Gespräch alleine weil ich das geschrieben habe.

    Will sagen: Die Informationen haben auf Dich, mich und unsere Umwelt eine Auswirkung. Vor 30 Jahren waren die meisten Menschen nobodies. Die, die keine Bücher veröffentlichten waren nur anhand des Lebenslaufs und des Anschreibens, sowie dem persönlichem Auftreten einschätzbar. Heute haben wir da schon mehr Möglichkeiten, Einschränken und gleichzeitig neue Horizonte, n’est pas?

    Das Herr Schneider es nicht schafft das Thema eine Nummer kleiner zu präsentieren und nicht a la Superman die Rettung der Welt anzustreben ist natürlich peinlich – und in der Übertreibung wie er das tut kann man kaum einen Fakt ausmachen, zu dick ist die Schicht aus Pathos. Andererseits, wenn ich tief genug grabe, interpretiere und deute komme ich nicht drumrum zu behaupten, dass es Informationen im Netz gibt, die meine Entscheidungsfreiheit, wenn es um einen Job bei Dir geht einschränken, wenn ich schrübe „Muriel ist ein Depp“.

  11. Muriel sagt:

    @Dennis: Wenn du die Sache darauf einschränken willst, dass man sich schaden kann, wenn man bestimmte Dinge öffentlich behauptet, dann stimmt das in der Tat.
    Ich denke aber andererseits, dass gerade durch die steigende Bedeutung des Internets auch ein gegenläufiger Effekt entsteht, der meines Erachtens dazu führen müsste, dass Unternehmen erkennen, wie dämlich es eigentlich ist, Leute nicht einzustellen, weil sie irgendwann mal irgendwo was geschrieben haben, was einem nicht passt.
    Ich würde sogar behaupten, dass die meisten denkenden Menschen das schon längst erkannt haben.

  12. Dennis sagt:

    I blow in the same trumpet: Ich bin mir sogar sicher, dass wir mit Hilfe des Internets (ein Miniminiminiminiminimini Teilaspekt vom Internet) dazu kommen, dass diese konservativen Klischees ausgedient haben. Mal schauen, wie weit ich bin, sollte ich mal in die Verlegenheit kommen jemanden einzustellen.

  13. Muriel sagt:

    @Dennis: Falls es dir Mut macht: Hier bei uns werden Bewerber gar nicht gegooglet.

  14. Dennis sagt:

    @Muriel: Hm, ist das jetzt gut oder schlecht 😉

  15. Muriel sagt:

    @Dennis: Das lasse ich mal offen. Ich bin ja ohnehin befangen.

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