Eine Riesenmenge Geld – eine Liebesgeschichte (1)

Ja, ich habe schon überlegt, ob ich den Titel doch noch ändere. Aber jetzt bleibt er erst mal. Vielleicht fällt euch ja noch was Besseres ein. Jedenfalls beginnt heute unser neuer Fortsetzugsroman, und ich bin gespannt, wie er euch gefällt. Ein Ende hat diese Geschichte übrigens auch noch nicht, aber ich bin sicher, dass mir bis dahin noch eins einfällt. Viel Vergnügen!

Konrad

Die Erkenntnis, dass meine Frau mich betrügt, kam mir sehr ungelegen. Sie glauben gar nicht, wie froh ich war, diesen Satz gefunden zu haben. Ich finde, das ist ein großartiger erster Satz, auch wenn er vielleicht einen falschen Eindruck vermittelt. Es klingt ein bisschen so, als wäre es mir im Grunde egal gewesen, aber das stimmt nicht. Als ich an diesem Morgen aufwachte und die Augen öffnete und mir all diese kleinen Anzeichen, die sich so im Laufe der Zeit ansammeln, in ihrer Gesamtheit bewusst wurden und es mir – verzeihen Sie das Klischee – wie Schuppen von den Augen fiel, war das sehr hart für mich.

Ich liebte meine Frau. Vielleicht liebe ich sie ja immer noch, aber ich schreibe diese Geschichte in der Vergangenheitsform, allein schon, um Ihnen nichts über das Ende zu verraten. Also, ich liebte meine Frau, und als ich an diesem Morgen erwachte, musste ich aus irgendeinem Grund, den wohl nur mein Unterbewusstsein kannte, an die vielen Gelegenheiten denken, an denen sie spät nach Hause gekommen war, an ihre oft sehr fadenscheinigen Ausreden, an die merkwürdigen Blicke, die sie mir oft zuwarf, an die vielen Nachrichten, die sie in der letzten Zeit mit ihrem BlackBerry verschickte und an die Anrufe, die sie in meiner Gegenwart nicht annahm. Und ich dachte einfach an die Art, wie sie mich behandelte, als würde ich einfach nur im Weg stehen. Und ich kam mir wie ein Idiot vor, weil mir nicht schon vorher klar geworden war, was das bedeutete. Sie hieß Hanna, dass sollte ich vielleicht erwähnen. Sie müssen ein bisschen nachsichtig mit mir sein, ich schreibe nicht oft vor Publikum. Aber ich bin sicher, dass ich meinen Stil finden werde, wenn Sie mir ein bisschen Zeit lassen. Ich bin eigentlich ganz gut mit Worten. Das muss ich in meinem Beruf sein.

Ich liebte Hanna. Es war eine Liebesheirat gewesen, und zumindest ich hatte auch nie aufgehört, sie zu lieben. Sicher, die Leidenschaft hatte ein wenig nachgelassen, aber das ist normal, denke ich. Ich bin ohnehin nie ein sehr leidenschaftlicher Mensch gewesen. Aber die Liebe war noch da. Und es schmerzte mich, dass sie sie offensichtlich nicht mehr erwiderte. Ich drehte mich auf die Seite, zu ihrer Seite des Bettes. Hanna lag da und schlief, und sie sah genau so wunderschön aus, wie sie für mich immer ausgesehen hatte. Und in diesem Moment sah sie aus, als wäre alles in Ordnung gewesen, aber ich wusste, würde sie aufwachen und meinen Blick bemerken, würde sie mich ansehen, als wäre es irgendwie unanständig von mir, sie so anzustarren, und wenn ich versucht hätte sie zu küssen, hätte sie sich irgendeine Ausrede einfallen lassen. Es schmerzte also.

Wenn ich aber sage, es kam mir ungelegen, dann ist das kein Euphemismus für besagten Schmerz, sondern dann meine ich damit, dass es ein sehr schlechter Tag war, um so etwas herauszufinden. Natürlich gibt es keinen guten Tag um zu entdecken, dass die Frau, mit der man seit 16 Jahren verheiratet ist, sich nicht mehr für einen interessiert, aber dieser Tag war besonders schlecht. Es war nämlich der Tag, an dem ich um 08:12 Uhr in einem ICE nach Düsseldorf sitzen wollte, um mich mit einem Mandanten zu treffen. Es war halb sieben. Ich brauche keinen Wecker. Ich kann abends beschließen, zu einer bestimmten Zeit aufzuwachen, und dann wache ich auf. Sicher, es ist nicht Supermans Röntgenblick, aber es ist eine ziemlich nützliche Begabung.

Halb sieben. Genug Zeit, aufzustehen, zu duschen, mir die Zähne zu putzen und dann mit dem Taxi, das ich gestern Abend bestellt hatte, zum Hauptbahnhof zu fahren. Ganz sicher nicht genug Zeit, Hanna zu wecken und mit ihr über unsere Ehe zu sprechen. Vielleicht irre ich mich, dachte ich, während ich da lag und auf den nutzlosen entschieden überteuerten Wecker auf meinem Nachttisch starrte, der jetzt schon 06:33 Uhr anzeigte. Vielleicht ist sie einfach nur gestresst, ihre Mutter ist krank oder eine Freundin von ihr ist in einer schweren Krise und braucht Rat, oder vielleicht habe ich irgendetwas Dummes getan, und in ein paar Tagen hat sie mir verziehen. Vielleicht konnte ich fliegen, wenn ich nur schnell genug mit den Armen flatterte.

Ich stand auf, ging ins Badezimmer, zog meinen Pyjama aus und stieg unter die Dusche. Dann verließ ich die Dusche wieder, um die gottverdammte Katze aus dem Bad zu verscheuchen. Hanna liebte das Vieh abgöttisch, aber ich hatte mich nie damit anfreunden können. Wir haben keine Kinder. Wir hätten gerne welche, aber ich bin so gut wie nicht zeugungsfähig. Schlechte Spermienmobilität oder was die Ärzte dazu sagen. Ich habe manchmal das Gefühl, dass Hanna das mit Captain Morgan kompensieren möchte. Und da es ja irgendwie meine Schuld ist, will ich nicht der Spielverderber sein, deswegen ertrage ich ihn. Aber nicht im Badezimmer. Ist man verklemmt, wenn man nicht gerne nackt von einer Katze gesehen wird? Nachdem ich die Tür hinter Captain Morgan geschlossen hatte, betrat ich abermals die Dusche und drehte das Wasser auf.

„Hanna betrügt mich“, sagte ich, während ich mir die Haare wusch, einfach nur, um mal auszuprobieren, wie sich das anhörte.

Es hörte sich furchtbar an, aber auch wahr. Hanna betrog mich. Und, was natürlich das Entscheidende war, sie liebte mich nicht mehr. Aber was sollte ich tun? Was kann man in so einer Situation tun? Sie werden jetzt sagen, das wissen Sie auch nicht, aber was man auf keinen Fall tun sollte, ist, in einen ICE zu steigen und nach Düsseldorf zu fahren, und wahrscheinlich haben Sie Recht, aber das ist genau das, was ich tat. Ich hatte diesen Termin, und wenn man in Untersuchungshaft sitzt und dem Haftrichter vorgeführt werden soll und der Anwalt dann einfach nicht kommt, dann ist das sicher ein schlechtes Gefühl. Vielleicht ist das nicht der einzige Grund, aus dem ich trotzdem nach Düsseldorf gefahren bin, aber es ist ein guter, finden Sie nicht?

Ich hatte mir in der Ersten Klasse einen Platz an einem Tisch reserviert, um unterwegs arbeiten zu können, und mir saß eine blonde junge Frau mit einem Laptop schräg gegenüber. Sie trug eine schmale randlose Brille, die gut zu ihrem Gesicht passte. Ich mochte auch ihre Augen, und als ich mich zu ihr an den Tisch setzte, lächelte sie sehr freundlich. Ich weiß, was Sie jetzt denken, und Sie haben natürlich wieder völlig Recht. Vielleicht wollte ich mich an Hanna rächen, oder vielleicht war es auch nur der Wunsch, zu beweisen, dass ich noch attraktiv war, da bin ich mir nicht sicher. Aber, Gott steh‘ mir bei, ich habe versucht, mit ihr zu flirten.

Ich hatte das lange nicht mehr gemacht und war wohl ein bisschen eingerostet, aber vielleicht war ich auch einfach nicht ihr Typ. Jedenfalls beschlich mich ziemlich bald das Gefühl, dass sie mir sehr einsilbig antwortete und darüber nachzudenken begann, sich einen anderen Platz zu suchen.

So weit habe ich es natürlich nicht kommen lassen. Irgendwann wurde mir die Lächerlichkeit meines Vorhabens bewusst, und ich gab es auf. Ich hatte ohnehin Wichtigeres zu tun. Vielleicht hätte ich damit dann auch anfangen sollen, aber das tat ich nicht.

Stattdessen sah ich aus dem Fenster und ärgerte mich über Hanna, mich selbst, die dumme Kuh, die mir gegenüber saß und die Welt im Allgemeinen. Vor allem über mich selbst. Dass ich es nicht geschafft hatte, Hannas Liebe zu bewahren. Dass ich jetzt einfach wegfuhr, ohne auch nur versucht zu haben, etwas zu ändern. Dass mir nichts Besseres eingefallen war, als die Frau mit der randlosen Brille zu fragen, wohin sie fuhr, um ein Gespräch anzufangen. Und dass ich dieses Gefühl nicht loswurde, irgendetwas beweisen zu müssen. Was eigentlich? Wem eigentlich?

Ich sah die Zugbegleiterin den Wagen betreten. Ich nahm mir fest vor, sie besonders sachlich und geschäftsmäßig zu behandeln, während ich mein Frühstück bestellte, und es gelang mir auch. Obwohl ich das sonst eigentlich auch so mache, kam ich mir dabei merkwürdig vor, als würde ich mich verstellen. Als würde ich das nur tun, damit die blonde Frau mit der Brille mich nicht für einen sabbernden Lüstling hielt.

Großer Gott, dachte ich, hoffentlich ist diese Phase bald vorbei. Und falls sie nicht bald vorbeigehen sollte, hoffte ich von ganzem Herzen, dass sowohl der Staatsanwalt als auch der Richter ein Mann sein würde. Oder wenn Frauen, dann möglichst sehr alte. Oder dicke.

Ich beschloss, dass ich ohnehin nicht in der Lage war, mich auf meine Akten zu konzentrieren und zog meine PSP aus meiner Aktentasche. Meine Sitznachbarin bemerkte die kleine Spielkonsole und lächelte mir zu. Ich war erleichtert, dass ich sie offenbar nicht ganz so sehr belästigt hatte wie befürchtet, aber ich erwiderte trotzdem nur mit einem sehr verhaltenen Lächeln und einem Kopfnicken und wandte mich umgehend wieder dem Spiel zu.

Ich bin kein großer Fan und auch nicht besonders gut, aber in manchen Situationen kann ich mich auf nichts anderes konzentrieren als auf so ein Computerspiel. Dies war eindeutig eine solche Situation. Naja, eigentlich nicht ganz. Ich konnte mich nicht einmal vernünftig auf das Spiel konzentrieren, deswegen schaltete ich es nach knapp einer Stunde frustriert ab und arrangierte mich mit dem Gedanken, den Rest der Fahrt dumpf vor mich hinzustarren und zu grübeln und dabei peinlich darauf zu achten, wen ich wie ansah.

Nach weiteren drei Stunden war es schließlich vorbei. Der Zugführer begann mit seiner Litanei – Sehr verehrte Damen und Herren in Kürze erreichen wir Düsseldorf Sie haben dort Anschluss und so weiter. Gibt es Menschen, die sich das wirklich anhören und daraus wertvolle Schlüsse ziehen können? Vielleicht bin ich einfach nicht spontan genug. Ich weiß immer schon, welche Anschlusszüge ich brauche, bevor ich eine Reise antrete.

Der Düsseldorfer Hauptbahnhof war kein besonderes Erlebnis, aber als ich ihn verließ, trat ich in das strahlende Sonnenlicht eines Maitages, der sich offenbar anschickte, schon recht sommerlich zu werden. Am Himmel sah ich zwar vereinzelte weiße Wölkchen, die verschönerten das Bild aber nur und stellten offensichtlich keine Bedrohung dar. Direkt gegenüber dem Bahnhof stand eine Litfass-Säule mit einem Standbild eines Touristen darauf, der gerade den Hauptbahnhof fotografiert. Das brachte mich zum Schmunzeln. Es reichte natürlich nicht, um meine Laune auf ihr normales Niveau anzuheben, aber ich hatte immerhin das Gefühl, das der Tag nicht völlig gegen mich war.

Tanja

„Sie sind ein Werkzeug der Unterdrückung. Sie sind nicht nur ein Ungläubiger, Sie sind ein Teufel. Ein Dämon sind Sie! Ein feiger Scherge eines feigen Götzen, der es nicht einmal wagt, sein Gesicht zu zeigen!“

Er hörte überhaupt nicht mehr auf. Er hörte einfach nicht auf. Und er kreischte schrie sprach in diesem unerträglich schrillen Tonfall.

„Sie sind ein Dämon aus der Hölle, geboren aus den kalten Schatten der reinen Bosheit, um die Wahrheit zu unterdrücken und die Rechtgläubigen zu jagen und zu zerreißen.“

Ich ließ meinen Blick ein wenig durch den Passagierraum des Transportfahrzeuges schweifen. Der Vollidiot Terrorist Beschuldigte, Jan und Gerd, und ich selbst. Jan starrte auf seine Einsatzstiefel hinunter und war offensichtlich in Trance versunken. Gerd starrte angestrengt aus dem Fenster, als würde er jeden Moment damit rechnen, dass jemand durch diese knapp DIN-A4 große Scheibe springen würde, um den Beschuldigten zu befreien. Der Beschuldigte hatte seine Hände auf Schulterhöhe gehoben und hielt sie so weit auseinander wie die Handschellen es ihm erlaubten und stierte mich an, als könnte er mich mit der schieren Kraft seines Blickes in die Hölle verbannen, aus der ich seiner Meinung nach offenbar entstiegen war. Es sprach mit solcher Inbrunst, dass ich froh über die Maske war, die mich vor den Speicheltropfen aus seinem geifernden Mund schützte.

„Sie sind ein abscheulicher Büttel des Bösen, ein gewissenloser Mörder und Fleischer im Dienste der Verblendung.“

Es waren nicht nur seine Worte. Es war auch diese schrille Stimme, die von meinem Helm anscheinend kein bisschen gedämpft wurde und der mir wie ein eiskaltes Messer in den Schädel drang. Und natürlich war es auch, dass er einfach nicht einsehen wollte, dass ich kein Mann war.

„Geben Sie Ruhe“, sagte ich.

„Sie sind eine Frau!“ rief er, richtig erschrocken.

„Einfach an der Stimme erkannt?“ fragte ich. „Eigentlich sollte Ihre Fraktion das doch für den idealen Frauenjob halten. Ich meine, wegen der Verhüllung und so.“

Ich zeigte auf meine Maske.

„Genießen Sie Ihre Verbrechen? Genießen Sie es, Menschen zu verschleppen und zu ermorden, sie zu foltern und zu quälen, sie…“

Ich lehnte mich ein wenig zu ihm herüber und brachte meine Lippen näher an sein Ohr. Und dann bellte ich laut. Vier Mal. Wie ein sehr bissiger Dobermann. Ich kann das ziemlich gut, fragen Sie nicht, warum.

Jans und Gerds Köpfe ruckten zu mir herum. Ich konnte an Jans Augen sehen, dass er sich zusammenreißen musste, um nicht laut zu lachen. Gerd sah mich sehr missbilligend an. Es ist Wahnsinn, wie gut man die Mimik eines Menschen an seinen Augen abzulesen lernt, wenn man so viel Zeit mit maskierten Leuten zubringt wie ich. Gerd würde mir nach dem Einsatz einen sehr langweiligen Vortrag halten ein paar ernste Worte über mein Verhalten sagen, aber er würde niemandem was erzählen. Am allerbesten war das Gesicht des Beschuldigten. Sein Kinn fiel weit herunter und seine Augen sahen aus, als würden sie ihm gleich aus dem Kopf springen. Seine Unterlippe zitterte ein bisschen. Mir wurde klar, dass er kein einziges von seinen Worten wirklich geglaubt hatte. Vielleicht hätte ich daraus irgendwas schließen können, aber das war mir piepegal. Ich bin keine Ermittlungsbeamte, und das soll auch bloß so bleiben.

Oh, das hatte gut getan. Das wollte ich schon immer mal machen. Und es fühlte sich noch besser an, als ich es mir vorgestellt hatte. Außerdem hatte es funktioniert. Der Beschuldigte war ruhig gestellt.

Es ruckte ein wenig, als das Transportfahrzeug an der Einfahrt zum Innenhof des Landgerichts hielt. Dann ruckte es wieder, als das Tor geöffnet war und wir hinein fuhren. Blödsinn. Fünf SEK-Beamte, um so eine wirr faselnde Witzfigur zu ihrem sicherlich auch wirr faselnden Anwalt zu eskortieren. Als ob irgendjemand ein Interesse daran hätte, den Kerl auszuknipsen. Jemand außer uns dreien hier im Laderaum, meine ich. Ob Gerd noch mitspielen würde, wenn der Beschuldigte sich beim Aussteigen ein bisschen den Kopf stoßen sollte? Ich erinnerte mich an seinen Blick von vorhin und entschied, dass es das Risiko nicht wert war. Vielleicht ergab sich noch eine Gelegenheit, wenn keiner hinsah.

Das Transportfahrzeug kam zum Stehen. Es dauerte nur ein paar Sekunden, bis jemand zwei Mal gegen die Tür klopfte.

„Alles klar“, hörte ich Arnes Stimme aus dem Kopfhörer.

Gerd sah mich an und wies mit dem Kopf zur Tür. Ich nickte. Ich stand auf, ging gebückt zur Tür, klappte sie auf und stieg aus in die Tiefgarage unter dem Hochsicherheitstrakt des Landgerichts. Arne stand rechts neben dem Wagen, Dirk links.

Jan und Gerd nahmen den Beschuldigten an jeweils einem Arm und führten ihn aus dem Wagen. Ich sah Jan an und verdrehte die Augen. Er zwinkerte mir zu. Wir führten den Beschuldigten zum Fahrstuhl, und ich drückte den Knopf.

Natürlich hielten wir ihn nicht die ganze Zeit über fest. Das machen wir nur bei sehr gefährlichen Gefangenen. Außerdem, wo sollte er jetzt noch hin laufen?

Wir warteten. Der Beschuldigte schwieg immer noch. Ich hatte ihn anscheinend gründlich eingeschüchtert. Ich drehte mich um und ließ meinen Blick durch die Garage schweifen. Außer unserem eckigen gepanzerten Transporter standen nicht viele Autos drin. Ich konnte drei Kameras erkennen, kleine getönte Glaskuppeln an der Betondecke. Der Fahrstuhl hatte keine Anzeige dafür, wo die Kabine war. Ich hasse die. Man steht davor und wartet und weiß nicht, was passiert.

„Mein Anwalt wird davon erfahren“, sagte der Beschuldigte. Er sah mich dabei fest an und versuchte offensichtlich, sich keine Angst anmerken zu lassen.

Arne und Dirk blickten fragend von ihm zu mir, Jan grinste (konnte ich an seinen Augen sehen), und Gerd sah mich an, als wollte er sagen „Siehst du? Siehst du, was dabei raus kommt?“

Ich erwiderte den Blick des Beschuldigten stumm. Er sah zuerst weg.

„Sag mal sind wir sicher, dass das Ding funktioniert?“ fragte ich niemand Bestimmten.

„Wart’s einfach ab, Okay?“ schnappte Gerd.

Alles klar. Ich war still. Es dauerte wirklich sehr lange, bis die Tür sich schließlich öffnete. Arne betrat die Kabine, sah sich kurz um und winkte uns, ihm zu folgen. Das Ding war entschieden zu eng für sechs Personen, vor allem sechs Personen, von denen fünf ballistische Westen, Maschinenpistolen, Helme und eben einen Haufen Zeug am Koppel tragen. Wir drängten uns trotzdem alle hinein, unter dem Geklimper und Geklapper unserer Ausrüstung. Wäre ich gehässig gewesen, hätte ich mir einen Platz neben dem Beschuldigten aussuchen und ihm auf den Fuß treten können oder so was, aber ich fand das kindisch. Weil ich als letzte einstieg, fiel mir der Platz am Bedienfeld zu.

„Wo fahren wir hin?“

„Dritter Stock“, antwortete Gerd knapp.

Ich seufzte. Großer Bob, der Mann war nachtragend. Ich drückte auf den Knopf mit der drei. Der Lift setzte sich in Bewegung. Drinnen hatte er immerhin eine Anzeige. Im dritten Stock öffnete die Tür sich wieder, und ich stieg mit Vergnügen aus. Ein Blick nach rechts, ein Blick nach links, Überraschung Überraschung, es war alles in Ordnung. Ich winkte den anderen, mir zu folgen.

Das war der Moment, in dem der Beschuldigte entkam. Gerd und Jan müssen wohl geschlafen haben, oder er war einfach geschickter als er aussah. Ich muss zu ihrer Verteidigung sagen, dass es wirklich keinen Sinn ergab, im Hochsicherheitstrakt des Landgerichts einen Fluchtversuch zu unternehmen. Jedenfalls sah ich ihn plötzlich den Flur entlang davon laufen, in Richtung der Treppe nach unten. Prima. Was sollte das denn werden? Wusste er nicht, wo er hier war?

Ich stöhnte, warf Gerd einen bösen Blick zu, der so etwas sagen sollte wie „Wer ist hier jetzt unprofessionell?“, bevor ich dem Beschuldigten nachlief. Er trug Handschellen. Er hatte kurze Beine. Er war unsportlich. Er hatte keine Chance. Bevor ich auch nur richtig losgelaufen war, hatte ich ihn schon eingeholt, kurz vor der ersten Stufe. Ich packte seine rechte Schulter – und da ging der Ärger erst richtig los.

Irgendwie schaffte er es, so unglücklich zu stolpern, dass er der Länge nach hinfiel und mit dem Kopf zuerst auf die Ecke des Treppengeländers und dann auf die Kante der obersten Stufe aufschlug. Er kreischte, als hätte ich ihn gerade aufgespießt, und Blut quoll aus seinen zwei Platzwunden wie aus einem gerissenen Rohr. Klasse. Jetzt hatte er seinen Anwalt was zu erzählen. Ich drehte ich zu meinen Kollegen um und sah zuerst Gerds Blick. Verdammt. Verdammt. Verdammt verdammt verdammt.

Lesegruppenfragen

  1. Und, wie war’s? Ich weiß, der Einstieg ist ein bisschen langsam. Aber es ist auch eine eher langsame Geschichte. Ist es euch trotzdem interessant genug? Wollt ihr noch wissen, wie es weitergeht?
  2. Glaubt ihr, dass Konrad Recht hat mit der Vermutung, dass Hanna ihn betrügt? Warum oder warum nicht?
  3. Kommt es euch plausibel vor, was er über die anderen Frauen und seine Sitznachbarin denkt?
  4. Wie kommt Tanja bei euch an? Hättet ihr den Kopf des Beschuldigten gegen die Tür gestoßen?
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13 Responses to Eine Riesenmenge Geld – eine Liebesgeschichte (1)

  1. Günther sagt:

    1. Normalerweise lese ich Bücher ja nicht weiter, wenn nicht innerhalb der ersten 2 Seiten irgendwas explodiert ist oder eine wilde Schießerei stattgefunden hat. Aber hier will ich mal eine Ausnahme machen. Nee, eigentlich hat mir der Anfang ziemlich gut gefallen, gerade in seiner Entspanntheit. Die Erzählperspektive in der ersten Person und dann vor allem beim Konny die leicht ironische Distanz (so hab ich es jedenfalls empfunden), das fand ich ziemlich gelungen.

    2. Nein. Ganz einfach aus dramaturgischen Beobachtungen in Filmen, Büchern etc. Wenn jemand für sich selbst eine solche fixe Idee für eine Tatsache hält und ganz überstürzt dementsprechend handelt, stellt es sich am Ende meistens als Fehler heraus 😉

    3. Joa schon. Vielleicht etwas überkandidelt, der Gute.

    4. Nein. Das hätte ich irgendwie arm gefunden.

  2. Guinan sagt:

    1. Ich bin erstmal noch dabei, mal sehen, wie es wird, wenn die Handlung richtig anfängt.
    2. Ja, nach so einer langen Beziehung kann man normalerweise die Zeichen deuten. Sollte man zumindest können.
    3. In einer psychischen Ausnahmesituation? Ja, passt. Er wird ja wohl nicht immer so sein.
    4. Tanja ist interessant. Ich wünsche mir manchmal auch, Agression direkt ausleben zu können – und lasse es dann auch schön brav bleiben. Aber allein der Gedanke daran ist gelegentlich hilfreich.

  3. Zaphod sagt:

    1. Auf jeden Fall, ich finde den Einstieg sehr gelungen und Konrads Gedanken nachvollziehbar. Bei Captain Morgan musste ich grinsen, ich hab im ersten Satz natürlich sofort auf ein Alkoholproblem von Hanna geschlossen, aber das wurde ja umgehend klargestellt. Absicht?

    2. Ja. Männer merken das meist erst, wenn die Anzeichen überhand nehmen, wenn es eh zu spät ist, und das macht hier nen sehr späten Eindruck.

    3. In dieser Situation, ja. Nicht wirklich zurechnungsfähig.

    4. Als Figur im Roman kann ich sie noch nicht einordnen, als Person erstmal unsympathisch, was an der Szenerie liegen mag, ich hatte spontan das Bild eines totalitären Staates vor Augen.
    Der Kopfstoß? Schwer zu sagen, ginge es nur um das provokative Geschrei, dann ganz sicher nicht. Sitzt der aber in der Karre, weil er vorher ein paar Leute abgeschlachtet hat, deren Überreste Tanja einsammeln musste? Wäre auch eine Ausnahmesituation.
    Trotzdem sollte man, gerade bei Leuten mit anscheinender geistiger Schwäche, die Contenance bewahren. Zum Glück habe ich aber so einen Job nicht und muss mich dieser Herausforderung nicht stellen.

  4. Muriel sagt:

    @Günther: 1. Danke, aber – Konny? Hm…
    @Guinan: 1. Ich bin also weiterhin gespannt auf dein Urteile.
    @Zaphod: 1. Natürlich hat mich die Werbung zu dem Namen inspiriert, aber das Alkoholproblem war von mir nicht geplant. Andererseits glaube ich sowieso, dass viel von der Symbolik, die man im Deutschunterricht usw. in Literatur entdeckt, gar nicht den Ideen des Autors entstammt, sondern denen der Leser.
    4. Ich bin da auch ein bisschn zwiegespalten. Staatstheoretisch wäre es – unabhängig von der im Raum stehenden Straftat – natürlich eine Abscheulichkeit, aber ich mag Tanja andererseits gerade wegen solcher Ideen irgendwie sehr gerne.

  5. Andi sagt:

    1. Dieses erste Konrad-Kapitel könnte ich immer wieder lesen, so gut find ich das. Das ist in einem wunderbaren Tonfall geschrieben.
    Zum zweiten Teil der Frage: ich weiß schon, wie es weitergeht. 🙂 Oder hast du das Ende nochmal überarbeitet?

    2. Die Anzeichen sind ja nunmal eindeutig. Es könnte allerdings auch noch gut sein, dass Konrad einfach etwas verspannt und zu misstrauisch ist und Hannas Fortbleiben könnte einfach die Ursache haben, dass Konrad halt ein Langeweiler ist und Hanna lieber Zeit alleine verbringt als mit ihrem Ehemann.

    3. Ja – weil er davon ausgeht, dass seine Frau ihn betrügt. Da ist man schon was empfindlicher, könnte ich mir vorstellen. Ansonsten find ich das Verhalten seiner Zug-Mitreisenden nachvollziehbar. Es ist früh am Tag. Da wird man nicht unbedingt gern von Fremden angequatscht.

    4. Ich liebe Tanja. 🙂
    Nein, natürlich nicht. Gewalt ist keine Lösung. Obwohl…

  6. Muriel sagt:

    @Andi: 1. Danke für das große Lob, ich weiß das zu schätzen. Was das Ende angeht: Das sollte eigetnlich noch mal komplett überarbeitet werden, ja. Wir waren uns ja einig, dass das noch nicht so doll war.
    4. Schön, ich mag sie auch. Und wer wirklich meint, Gewalt wäre keine Lösung, sollte mal ein Geschichtsbuch lesen…

  7. Andi sagt:

    Ja, stimmt, das Ende kam was plötzlich. Aber so scheiße war´s dann zumindest auch wieder nicht. 🙂

    Tanja ist meine Heldin. Mir wäre es unbegreiflich, wenn die jemand nach der kompletten Geschichte noch unsympathisch findet. Die muss man einfach lieben. Für alles.
    Und bei der eher mäßigen Sendung „TV Kaiser“, die vor 100 Jahren bei RTL lief, gab es einen Satz,der mir im Gedächtnis geblieben ist, keine Ahnung wieso: „Gewalt ist keine Lösung, es sei denn, Kamera 1 hält drauf.“

  8. Muriel sagt:

    @Andi: TV stand für Tilman Volker, richtig? Das ist das Einzige, was ich von der Sendung noch weiß.

  9. Andi sagt:

    Das kann sein, das weiß ich wiederum nicht mehr. 🙂

  10. Maxi sagt:

    1. Ich fand den Einstieg in deine Geschichte gelungen. Ich warte schon jetzt auf die Fortsetzung und ich finde bisher nicht, dass es eine langsame Geschichte ist. Langsam wäre, wenn wir nur die Situation von Konrad und seine Gedanken morgens im Bett hätten lesen können. Wir kennen jedoch schon mehrere Charkter und deren (Arbeits)Umfeld.

    2. Derzeit wird uns vom Autor suggeriert, dass er betrogen wurde. Zumal er ja aus der Vergangenheit erzählt. Falls sich herausstellen sollte, z.B. er trennt sich, obwohl Hanna ihn nicht betrogen hat, dann würde die Rückblende anders aussehen, oder?

    3. Ja.

    4. Tanja könnte die Geschichte ziemlich aufpeppen. Bin gespannt, wie dieser Charakter sich weiterentwickelt.
    Um beantworten zu können, ob ich den Beschuldigten mit dem Kopf gegen die Tür geknallt hätte, fehlen mir noch mehr Angaben zu dem Beschuldigten und seine Tat bzw. sein Motiv.

    P.S. Wann geht es weiter?

  11. Muriel sagt:

    @Maxi: Vielen Dank für deinen Kommentar, freut mich sehr, dass es dir gefällt.
    Wenn nichts ganz besonders Außergewöhnliches vorfällt, erscheint von jetzt an pünktlich jeden Freitag ein weiterer Teil dieser Geschichte, falls man von „pünktlich“ sprechen kann, wenn man bloß einen Wochentag festlegt.

  12. madove sagt:

    So. Ich fange jetzt an.
    Bloß, weil ich ein halbes Jahr zu spät dran bin, will ich Dir meine kommentare nicht vorenthalten.

    1. Ich mochte den Einstieg wirklich.
    Vor allem Konrad ist mir sympathisch und ich will wissen, wie’s mit ihm weitergeht. Tanja ist bisher eher interessant als sympathisch, und das ist eine gute Kombi.

    2. Absolut.
    Wenn ich mit „innerer Kündigung“ noch in einer Beziehung war (das ist mir vor vielen Jahren zweimal längere Zeit passiert, jeweils aus falschverstandener Rücksichtnahme auf den Noch-Partner. Große Scheiße.), hab ich mich GENAU so verhalten wie sie.

    3. Mir kommt absolut plausibel vor, daß er es denkt. Nicht unbedingt, daß es stimmt.

    4. Prinzipiell mag ich Frauen in starken Rollen. Dafür mag ich Polizisten nicht, die sich irgendwie unkorrekt gegenüber verpeilten Verhafteten verhalten, selbst wenn die sich schlecht benehmen. Also kein Kopf gegen die Tür. Das Bellen nehm ich hin, weil es in der Geschichte lustig und überraschend ist, in RL hätt ich es übel gefunden.

  13. Muriel sagt:

    @madove: Finde ich ganz fantastisch. Vielen Dank!
    1. Da würde mich interessieren, ob das so bleibt. Viele andere fanden Konrad ja zu blass.
    4. Ich teile deine Einstellung da durchaus. Bin gespannt, ob dir Tanja trotzdem noch sympathisch wird…

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