Die geheuchelte Gesellschaftskritik

Nur mal so vorab: Diejenigen unter euch, denen es auf den Geist geht, dass ich hier dauernd an irgendwelchem Quatsch rummäkle, den ich bei faz.net gefunden habe, können mir das gerne sagen. Vielleicht lese ich dann in Zukunft öfter man SpOn oder bild.de oder eröffne ein eigenes fazBlog dafür. Egal, zur Sache:

Melanie Mühl hat drüben bei faz.net eine große Enthüllung für uns, die gewohnt übergeigt angekündigt wird:

Ist Patchwork wirklich das Familienmodell der Zukunft? Auf jeden Fall passt es in unsere Unverbindlichkeitswelt. Doch unsere Selbstverwirklichungsmanie fordert ihren Preis. Und den zahlen die Kinder.

Jeder Satz ein Hammerschlag, oder? Jeder Satz öffnet einem die Augen dafür, wie verkommen unsere Gesellschaft eigentlich ist. Jeder Satz eine Anklage. Wir leben in einer Unverbindlichkeitswelt. Wir leiden unter Selbstverwirklichungsmanie. Den Preis dafür zahlen *dramatischer Melodiebogen* die Kinder!!!!!!!

Nachdem man das gelesen hat, hängt man atemlos auf der Vorderkante seines Sitzes. Man weiß, dass man kurz davor steht, einen Blick zu erhaschen auf das Übel, an dem unsere Welt im Kern krankt: Die Patchworkfamilie. Und das gibt Frau Mühl dann auch vor, uns zu zeigen. Eigentlich sehen wir dabei aber nur das Übel, an dem Frau Mühl offenbar krankt: die Unfähigkeit sich vorzustellen, dass Menschen anders glücklich sein können, als sie es für richtig hält.

„Die Kinder sind die Opfer der Ich-Optimierung. Das beweisen ein paar einfache Tatsachen, die viele nicht wahrhaben wollen.“

Immer wieder gerne genommen: Betonen, dass man unbequeme Wahrheiten verkündet, weil das die eigene Botschaft natürlich ungemein aufwertet. Dann braucht man auch keine Belege und kann einfach so dahinbehaupten, es gebe eine grassierende Überzeugung, Scheidungen wären was Tolles für Kinder.

„Zum Beispiel, dass Scheidungskinder später beinahe doppelt so häufig geschieden werden wie Nicht-Scheidungskinder.“

Was man natürlich nur dann dramatisch findet, wenn man sowieso schon glaubt, dass Scheidungen prinzipiell schädlich sind. Mit etwas bösem Willen kann man das einen Zirkelschluss nennen.

„Dass sie stärker zu Depressionen und Schizophrenie neigen und häufiger kriminell werden.“

Und hier haben wir den einzigen Satz in Frau Mühls Artikel, der einem Argument nahekommt. Das kann man tatsächlich als Indiz dafür ansehen, dass Scheidungen Kindern schaden. Die These hält auch zumindest einer oberflächlichen Googlerecherche stand. Aber ist das eine große Erkenntnis? Kehren wir noch einmal zu Frau Mühls vorletztem Satz zurück: Tatsache, die viele nicht wahrhaben wollen. Gibt es irgendwo ernsthafte Zweifel daran, dass Kinder in aller Regel unter der Scheidung ihrer Eltern leiden? Und wo ist da der direkte Zusammenhang mit Patchwork-Familien?

„Scheidungskinder wachsen mit der Gewissheit auf, dass nichts von Bestand ist. In jedem Augenblick kann alles auf den Kopf gestellt werden. Das ist ein Schock. Mit ihm verlieren sie ihr Urvertrauen.“

Und ist das denn per se wirklich so schlimm? Ist es wirklich besser, wenn Kinder in der unstreitig falschen Überzeugung aufwachsen, irgendetwas wäre vollkommen zuverlässig und für die Ewigkeit?

Ich lehne mich da mangels Sachkunde vielleicht zu weit aus dem Fenster, aber immerhin bin ich in einer Familie aufgewachsen, in der die Eltern sich nicht haben scheiden lassen, obwohl ihre Beziehung vollkommen zerstört war, deshalb wage ich aus der eigenen und allgemeinen Lebenserfahrung heraus mal die These: Die entscheidende Frage für Kinder ist nicht, ob die Eltern sich trennen oder ob sie zusammen bleiben. Entscheidend ist, wie Eltern mit einander und mit ihren Kindern umgehen, ob in der Ehe oder in Trennung. Und am Rande: Zumindest ich habe auch ohne Scheidung relativ schnell mein Urvertrauen darin verloren, dass eine Familie mit Gewissheit von Bestand ist.

„Niemand bestreitet, dass man sein Glück auch in einer Patchworkfamilie finden kann. Sie ist nur nicht von vornherein die beste Lösung.“

Und nicht zum ersten Mal stellt sich mir die Frage: Was will Frau Mühl uns eigentlich sagen? Dass eine intakte Familie besser ist als eine zerrüttete? Dass Kinder ausgeglichener und besser aufwachsen, wenn sie nicht erleben, wie die Ehe ihrer Eltern zerbricht, und wenn sie sich nicht entscheiden müssen, ob sie ihren Vater oder ihre Mutter mehr lieben? Ach was!

„Die Patchworkfamilie zwingt die Kinder dazu, ihre Gefühle permanent einem Zeitplan zu unterwerfen. Das tut die Familie nicht.“

Das gilt natürlich nur, wenn man eine dysfunktionale Patchworkfamilie mit einer perfekten Standardfamilie vergleicht, in der kein Elternteil jemals das Haus verlässt. Und das ist wieder eines der zahlreichen fundamentalen Probleme dieses Artikels: Er stellt einen völlig unsinnigen, unfairen Vergleich an, um einen völlig trivialen und offensichtlichen Schluss daraus zu ziehen. Niemand heiratet mit der freudigen Erwartung, sich später scheiden zu lassen und dann eine Patchworkfamilie zu basteln, weil er glaubt, dass das für alle Beteiligten das Beste wäre. Die Position, gegen die Frau Mühl mutig und unbequem zu argumentieren vorgibt, ist ein Strohmann, und nicht einmal dem hat sie ernsthaft etwas entgegen zu setzen außer einer unschönen Mischung aus Halbwahrheiten, Vorurteilen und selbstgerechter Besserwisserei. Was genau schlägt sie vor? Was fordert sie? Was kritisiert sie?

Vielleicht findet ihr es heraus, ich konnte es jedenfalls nicht. Soweit ich es erkennen kann, lässt sich der Artikel in einem einzigen Satz zusammenfassen: Es wäre doch schön, wenn mehr Kinder in glücklichen und intakten Familien aufwachsen könnten, in denen sich alle noch richtig liebhaben.

Und woher bekämen wir solche Erkenntnisse, wenn nicht aus Leistungsschutzrechtswürdigen Qualitätsmedien?

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21 Responses to Die geheuchelte Gesellschaftskritik

  1. Niels sagt:

    Yep… die FAZ ist an sich ne feine Zeitung, aber Kommentare von Herrn Hefty und solche Meinungsstücke im Feuilleton kann man getrost ignorieren. Ist besser für die Laune am Frühstückstisch.

  2. Muriel sagt:

    @Niels: Heiliges Kanonenrohr, du bist aber schnell. Lass uns weiter daran arbeiten, dann kannst du bald kommentieren, bevor ich überhaupt mit meinem Artikel fertig bin.
    Respekt!

  3. Zaphod sagt:

    Immerhin kam sie nicht auf die dumme Idee, auch noch die Familienpolitik im Dritten Reich zu glorifizieren, wie eine gewisse andere Dame. Da muss man ja schon fast dankbar sein.

  4. Tim sagt:

    Gibt es in der FAZ eigentlich noch die Beilagen? Die hab ich immer gern gelesen. Der Rest ist (zu) oft leider irrelevant, 3 Wochen zu spät oder einfach Quatsch.

  5. Ron sagt:

    „Es wäre doch schön, wenn mehr Kinder in glücklichen und intakten Familien aufwachsen könnten, in denen sich alle noch richtig liebhaben.“

    Richtig!

    Ich bin auch ein Scheidungskind (zumindest in absehbarer Zeit), habe aber den Vorteil dass in einem schon gefestigteren Alter (behaupte ich jetzt mal) zu erleben. Und wenn ich mal so im Familien- und Freundeskreis umschaue, dann stimmen tatsächlich die Statistiken, nach denen sich immer mehr Ehepaare scheiden lassen (egal ob nach vier oder vierzig Jahren). Also müssen als Konsequenz neue Formen des Zusammenlebens entwickelt werden. Eine davon ist eben die „Patchwork-Familie“ (übrigens ein unsäglich doofer Begriff wie ich finde).

    Mir erschließt sich jetzt auch nicht wirklich, was an diesem Familien-Modell schlechter sein soll – je nach Zustand der „Original-Familie“ kann es ja (muss aber nicht) vielleicht auch eine wirkliche Bereicherung sein, denn immerhin kommen ganz frische Impulse in das eigene Leben. Und: vielleicht ist es tatsächlich manchmal auch von vorneherein das bessere Modell. Und warum soll man sich nicht auch in einer Stieffamilie mal zum Grünkohlessen treffen oder Strohsterne an den Weihnachtsbaum hängen? Nicht zuletzt kann auch die Patchwork-Familie ganz besonders die Kinder nach einer Scheidung wieder auffangen und neue Struktur geben.

    Und dann auch noch die „Ich-Optimierung“. Ist es unzulässig, sich aus einer nachteiligen Situation zu befreien (z.B. eben durch eine Scheidung)? Darf man sich nicht auch mal selbst in den Mittelpunkt des eigenen Handelns stellen? Muss man immer auf die Umwelt (die Kinder) achten? Muss man sich also kaputt machen lassen? Nein, Ja, Nein, Nein. Natürlich ist es so, dass das eigene Handeln auch Konsequenzen auf Dritte hat – und das sollte auch wenn möglich immer bedacht werden. Aber manchmal geht es halt nicht anders …

  6. madove sagt:

    Ich kenne soviele „Kinder“, vor allem in der jetzt schon etwas fortgeschritteneren Generation, die tausenderlei Neurosen davongetragen haben, weil sie in „intakten“ Familien großgeworden sind, in denen die Hölle ausgetragen wurde, weil man (und vor allem frau) sich damals halt nicht scheiden lassen „konnte“. Ich glaub, das gibt sich nichts, für die Kinder. Und daß es natürlich besser ist, wenn alles gut ist, ist in der Tat nichts Neues.

    Frage am Rande: Was für eine wunderbar fortschrittliche Einstellung zu den Lebenskonzepten heutiger Menschen hättet Ihr denn stattdessen in der FAZ erwartet? Ich als wenig begeisterterte Gelegenheitsleserin bin eigentlich nur überrascht von der Plätte der Argumentation, weniger von ihrem Inhalt. Oder irr ich mich?

  7. Andi sagt:

    Und ich dachte immer, dass auch Patchwork-Familien ganz glücklich leben könnten… Gut, dass mich die FAZ wieder aufgeklärt hat. Ab heute werde ich Patchwork-Familien verachten, sie Rabeneltern schimpfen, die wissentlich ihre Eltern in den Knast und in die Obdachlosigkeit treiben und Protestmärsche gegen Patchwork-Familien organisieren.

  8. Andi sagt:

    Äääh, „ihre Eltern“? Ich meinte „ihre Kinder“. Mensch, die FAZ kann einen aber auch verwirren.

  9. Cassandra sagt:

    Der FAZ-Artikel ist in der Tat bizarr.
    Erst eine angebliche Idealisierung der Patchworkfamilie anprangern aber dann das bisherige Familienmodell einfach unkritisch auf ein Podest stellen… wtf?

    Ich bin jetzt mal ganz unrealistisch-hoffnungsfroh und nehme mal an, dass Frau Mühl so eine Art Wallraff 2.0 ist und dieser Artikel die fehlende Qualitätsprüfung bei der FAZ auf subversive Art bloßstellen soll.

    Anders will ich mir diesen gigantischen Logik-Fail gar nicht erklären müssen … brrr, gruselig.

  10. madove sagt:

    @Cassandra Ich liebe deine Theorie *lach*

  11. ich überlege, hier einfach nur einen „.“ hinzusetzen, aber dann muss ich ja unter den tisch fallen lassen, wie toll ich deinen beitrag finde!
    muriel, du übertriffst meine gedanken bei weitem und ganz abgesehen davon, dass ich dir voll und ganz zustimme, muss ich sagen „spitze gemacht!“, hör bloß nicht auf damit 😉

  12. Muriel sagt:

    @life is just this: Wow. Ich glaube, so viel Begeisterung in einem einzigen Kommentar hatte ich hier noch nie. Danke und herzlich willkommen bei überschaubare Relevanz!
    (Du bist natürlich auch herzlich eingeladen, so weiter zu machen…)

  13. 😳
    gerne.
    ist aber eben auch deine leistung: tolle zusammenstellung deiner meinung mit einem bekloppten artikel = superartikel (ich mag ihn wirklich!)

    (wenn mathe doch nur immer so einfach wäre 😉 )

  14. Dennis sagt:

    Meine Vermutung:
    Die Trennung ist für die Kinder nicht so problematisch, wie die Tatsache, dass sich die Eltern nicht mehr lieb haben oder sogar hassen.

    Je mehr die negative Anziehungskraft der Elternteile vom Kind erlebt wird, je mehr Grundtugenden, die wir eigentlich nicht hinterfragen sondern kollektiv als richtig und wichtig betrachten, wie Ehrlichkeit, Anstand, Respekt, Liebe, Moral und andere Planeten und Werte, die eine solche Beziehung umkreisen, in das schwarze Loch gezogen werden, desto verstörter ist das Kind.

    Eine Trennung mag zwar ein Milestone im Projektmanagement einer defekten Beziehung sein, aber es ist nicht der letzte und der erste und es ist nicht der einzige, an dem ein Kinderherz zu knabbern hat.

    Und jedem Kinderherz (auch wenns heute im Erwachsenenkorsett steckt), das eine nicht funktionierende Beziehung seiner Eltern erlebt hat und das möchte, dem schicke ich auf diesem Weg eine herzliche Umarmung von mir.

  15. Dennis sagt:

    So, mental Hugs für gebrochene Kinderherzen sind nun „aus“…ich hoffe Ihr habt davon Gebrauch gemacht, wer einen benötigte.

  16. Muriel sagt:

    @Dennis: Wenn du nicht weißt, wie viele Umarmungen schon weggegangen sind, wie kannst du dann wissen, wie viele du noch hast?
    Danke jedenfalls für das Mitgefühl.
    Und ansonsten gebe ich dir weitgehend Recht, obwohl ich mir doch ein bisschen unsicher bin, wie wichtig es einem Kind ist, dass die Eltern sich lieben. Ich würde aus der eigenen Erfahrung sagen, dass die von dir angesprochenen Tugenden vielleicht wichtiger sind, aber das kommt wahrscheinlich auch auf Alter und sonstige Disposition der betroffenen Kinder an.

  17. Dennis sagt:

    Ich war mir nicht ganz sicher, ob mein Mitgefühl bei manchen nicht auch Zorn verursacht oder frustrierend wirkt – daher habe ich die Umarmungsaktion vorerst eingestellt, ich war etwas verunsichert.

  18. Muriel sagt:

    @Dennis: Lass dich nicht verunsichern. Es gibt nie genug Umarmungen in der Welt.

  19. […] in dem die Redakteure von faz.net uns erklären, warum E-Book-Reader doof sind, wieso Scheidung gar nicht das beste ist, was einer Familie passieren kann, weshalb Facebook unsere Seelen zerstört, oder eben, warum Amazon uns zu dummen, bornierten […]

  20. […] dann lache ich, und lache, und freue mich, bis die letzte Spur von Weltschmerz getilgt ist.  faz.net hat auch heute wieder eine große Enthüllung für uns, die gewohnt übergeigt angekündigt … Kommilitonen werden „Mitschüler“ genannt, die Universität auch manchmal „Schule“: Das […]

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