Das sieht aber gar nicht aus wie eine Blume!

Wenn ein Deutschlehrer eines Morgens in den Klassenraum kommt und die Schüler bittet, den Erlkönig auf Zensur zu interpretieren, ohne dass er je zuvor über Gedichtinterpretationen oder gar dieses konkrete Gedicht gesprochen hätte, dann ist das ausgesprochen merkwürdig.

Wenn ein Mathematiklehrer von seinen Schülern erwartet, dass sie binomische Gleichungen lösen können, ohne dass er mit ihnen je darüber gesprochen hätte, wie Algebra funktioniert und was binomische Gleichungen überhaupt sind, und dann ihre mündliche Zensur darauf stützt, dann ist das ziemlich unfair von ihm.

Wenn ein Kunstlehrer hingegen seine Schüler bittet, den Weihnachtsmann zu malen, und die Bilder dann zensiert, ohne dass er den Schülern je beigebracht hat, wie man überhaupt malt oder zeichnet, dann ist das Kunstunterricht in Deutschland.

Zumindest entspricht das meiner Erfahrung, und der aller meiner Freunde. Manche Schüler können gut zeichnen, andere können es nicht. Das meiste, was man an Unterstützung vom Lehrer erwarten kann, geht in die Richtung von „Mal doch einfach, was du siehst!“ oder „Das ist aber noch nicht so schön, versuch das bitte noch mal.“

[Exkurs für Rollenspielfreunde: Wir machen uns in unserer Runde gelegentlich darüber lustig, dass man nach den aktuellen DSA-Regeln niemandem etwas beibringen kann, solange man nicht mindestens einen Talentwert von 7 in „Lehren“ aufweist. Wir stellen uns dann gerne mal vor, wie die Versuche wohl aussehen und stellen eine Szene nach, in der ein armer Schüler versucht, Buchstaben auf ein Blatt Pergament zu bringen, während der unfähige Lehrer ihn gelegentlich mit dem Finger piekt oder auf den Kopf haut und schreit: „Nicht so! Anders! Buchstaben! Nein! Anders!“ Kunstlehrer verwenden im Prinzip dieselbe Technik. Exkurs Ende]

Wie die meisten Leute, die ich kenne, habe ich – nicht zuletzt deshalb – immer in der Überzeugung gelebt, dass man Zeichnen nicht lernen kann. Man kann es eben, oder man kann es nicht. Ihr werdet euch denken können, dass ich einer von denen war, die es nicht konnten. Wirklich gar nicht. Meine Zeichnungen sahen Zeit meines Lebens aus, als stammten sie von einem Fünfjährigen. So zum Beispiel:

Das ist die erste Zeichnung, die ich zu Vergleichszwecken vor Beginn meines Zeichenkurses angefertigt habe. Ich hätte es mit viel Aufwand an Zeit und Mühe möglicherweise ein bisschen besser hinbekommen, aber nicht viel. Ich wusste einfach nicht, wie.

Und dann arbeitete ich mich durch den Kurs, und jetzt weiß ich: Man kann Zeichnen lernen. Vielleicht ist das für einige von euch selbstverständlich, aber für mich war es eine ziemliche Offenbarung. Natürlich kann ich es immer noch nicht richtig, weil ich es nicht übe, aber ich weiß jetzt immerhin grundsätzlich, wie es geht, und ich bin in der Lage, Zeichnungen anzufertigen, auf denen man zumindest prinzipiell erkennen kann, wie sie gedacht waren. So zum Beispiel:

(Das soll ein Stück Bagel sein, mit Kürbiskernen.)

Oder so:

(Man darf auch interessante Sachen zeichnen, wenn man will. Mir war das nicht so wichtig, deswegen habe ich einfach das genommen, was gerade da war. Und nein, das ist nicht mein eigenes Bett, ich war gerade unterwegs.)

Falls es euch interessieren sollte: Ich persönlich habe ein Buch benutzt, um Zeichnen zu lernen, weil ich so am liebsten lerne. Es trug den wenig einfallsreichen Titel „Garantiert Zeichnen Lernen“ und hat bei mir prima funktioniert, aber ich bin sicher, dass es noch viele andere gute Möglichkeiten gibt. Zu schade eigentlich, dass unser Bildungssystem noch keine davon entdeckt hat.

Advertisements

21 Responses to Das sieht aber gar nicht aus wie eine Blume!

  1. Dennis sagt:

    Hätte ich genauso schreiben können wie Du. Da werden unschöne Erinnerungen an meine Schulzeit wach.

  2. madove sagt:

    Hm. Das löst interessante Gedanken aus, die ich mir noch nie gamcht habe.
    Ich habe immer zu den Leuten gehört, die sehr gut Zeichnen konnten, deshalb ist mir das Problem in der Schulzeit nie aufgefallen.

    Aber erstens: Sch…, du hast recht, uns hat man auch nie was erklärt vor dem Loslegen (und nichtmal hinterher)!!! Krass! Aber wieso gab das denn keine Revolution?! Das ist doch völlig inakzeptabel?

    Zweitens – könnte meine „Begabung“ damit zu tun haben, daß ich mich dafür aber an Nachmittage in meiner Grundschulzeit erinnere, in der mein Vater mir zB stundenlang erklärt und gezeigt/gezeichnet hat, wie eine Hand aussieht und sich die Sehnen bewegen, oder welche Proportionen ein Gesicht hat, oder wie Perspektive funktioniert? Dann könnte man es ja in der Tat problemlos unterrichten…

    Ich bin iritiert. (Danke dafür.)

  3. Ich finde aus ähnlicher Erfahrung wie Du — und das trifft sich ein bißchen mit Madoves Frage — Zeichnenlernen heißt vor allem Sehenlernen.

  4. Günther sagt:

    Ich finde ja besonders bemerkenswert, dass dir deine schlechten Erfahrungen aus der Schule das Zeichnen offensichtlich nicht auf Dauer verleiden konnten. Die meisten der so „Vorgeschädigten“ kommen wahrscheinlich nicht auf die Idee, nochmal einen Stift in die Hand zu nehmen.

  5. Katja sagt:

    Über den schlechten Kunstunterricht in Schulen habe ich mich auch schon häufig geärgert. Die meisten Kinder malen oder zeichnen gerne, so lange bis es Noten dafür gibt. Und selbst eine gute Note ist mMn eine falsche/schlechte Motivation für etwas ohnehin so subjektiv Wahrgenommenes wie Kunst. (Ähnlich denke ich übrigens über Sportnoten, da sollte es um Freude an und ein Gespür für Bewegung gehen, die man einem unsportliche(re)n Kind durch eine schlechte Note nimmt, weil der Gedanke ‚ich kann mich nicht gut bewegen, also lasse ich es bleiben‘ viel einfacher ist als ein ‚jetzt erst recht‘-Gefühl. Aber Verzeihung, das ist ja ein ganz anderes Thema.)

    Deine Erfahrung, dass man Zeichnen lernen kann, finde ich extrem spannend! Danke, dass du darüber geschrieben hast.
    Der Unterschied in deinen Bildern ist sehr beeindruckend. Wieviel Zeit liegt denn dazwischen?

    Vor einigen Wochen habe ich mir zum ersten Mal seit meiner Schulzeit einen Zeichenblock, samt Wasserfarben gekauft, weil ich mich nicht damit abfinden mag, dass ich nunmal ’nicht malen kann‘.

    Das Buch ist direkt auf meiner Wunschliste gelandet. Meine Hand wäre dichter an deiner oberen als an der unteren und jetzt bin ich neugierig geworden, ob sich das ändern kann.

  6. Werner sagt:

    Jaaa! Und im Kunstunterricht mussten wir ohne Erklärung auch noch mit Ton die Welt nachbilden – bei mir sahen die Objekte immer wie in Gips gegossene Reifenabdrücke aus.
    „Harry, mach mal einen Abdruck – und hol schon mal den Wagen“

  7. Tim sagt:

    Der Musikunterricht ist aber mindestens genauso schlecht wie der Kunstunterricht. Ist ja beinahe ein Wunder, wenn ein Kind nach ein paar Jahren Musikunterricht an einer deutschen Schule noch Spaß an Musik hat, die über den normalen Dudelfunk hinaus geht.

  8. Tim sagt:

    Huch, wer ist denn „To,“? 🙂 [Hab’s repariert. Muriel]

  9. Andi sagt:

    Ich konnte auch nie malen. Ich hab immer andere gebeten, für mich zu malen. Na gut, bestochen hab ich sie. Dafür hatte ich aber immer frei, wenn Kunst war und konnte was schönes lesen oder andere Hausaufgaben machen oder so. Der Lehrer hat das eh nicht gemerkt.

  10. Ron sagt:

    Ah, da ist er ja, der angekündigte Beitrag über den Kunstunterricht.

    Über meine Erfahrungen hatte ich an anderer Stelle schon berichtet. Im Nachgang ist mir dann auch noch eine andere Lehrerin eingefallen, die grundsätzlich jedes fertige Bild noch nach ihren Vorstellungen verändert hat. Wir hatten schon immer Angst, wenn sie mit dem Pinsel in der Hand durch die Reihen ging.

    Grundsätzlich zeigt sich auch hier wieder ein Dilemma des Schulunterrichts (weiter oben wurden ja auch schon der Sport- und Musikunterricht genannt): Entweder es werden nur rein theoretische Grundlagen (oft ohne Bezug zur Praxis) vermittelt oder man wird einfach auf etwas losgelassen ohne zumindest rudimentäre Einweisung. Einen guten Mittelweg zu finden scheint sehr schwer zu sein.

  11. Magrat sagt:

    Oooh… bin ich lange nicht mehr hier gewesen… *staun*

    Erstmal vorneweg: Ich liebe den Exkurs für Rollenspielfreunde. Hihi… bin immer noch am Grinsen…
    😉

    Aber: Eigentlich ist das eine traurige Sache. Wer sieht, wie kleine Kinder malen, überall, auf der ganzen Welt, nach demselben Schema, der ahnt, wie sehr dieses Malen, das Zeichnen, dieses Bedürfnis, sich auf diesem Wege auszudrücken, in uns steckt.

    Und dann kommt da so ein Kunst“lehrer“ und sagt: „Wuchsform des Baumes beachten.“
    Hä?
    Sieht der denn nicht, welche Emotionen da in meinem Bild stecken? Ich versuche hier, was auszudrücken, und DER?

    Naja, war nur ein Beispiel. Eins von vielen. Aber ich bin mittlerweile auch dahinter gekommen, daß man Malen und Zeichnen lernen kann. Hab mir auch solche Bücher besorgt, vor einigen Jahren, schönes Papier, gute Stifte, und hab losgelegt, und plötzlich gemerkt: Ich kann das.

    War ein schönes Gefühl. Und wichtig. Und wenn ich jetzt hier so drüber schreibe, fällt mir ein, daß ich wieder öfter zeichnen wollte…

    *murmelnd-die-Stiftmappe-suchend-ab*

  12. Magrat sagt:

    Vergessen (das Alter und so):
    Respekt, Muriel, deine Zeichnungen sind klasse. Dieser Wahnsinns-Unterschied zwischen den beiden „Händen“…

    Und dieses „Einfach-zeichnen-was-grad-da-ist“ find ich gut, schult das Auge und bringt oft Erstaunliches zutage.

    LG 🙂

  13. Teo sagt:

    Ich hatte glücklicher Weise einen anderen Kunstunterricht, als wohl die meisten hier. Es gab immer recht lange Vorbesprechungen vor neuen Projekten. Wir haben viel plastisches gemacht und die Lehrerin hat regelmäßig während der Arbeit mit uns über das Werk gesprochen. Dabei gab es dann Hinweise, wie man Dinge besser umsetzen kann und was wir mit dem Werkstoff vielleicht falsch gemacht haben. Ich hatte immer Spaß am Kunstunterricht.
    Generell scheint der Kunstunterricht aber wohl eines der am schlechtesten unterrichteten Fächer zu sein. Sehr schade, weil solche Stunden eigentlich eine Entlastung aus dem Schulalltag für den Lehrer und die Schüler sein könnten. Wenn es aber immer schlechte Noten für Dinge gibt, die einem keiner beigebracht hat, hat man irgendwann keine Lust mehr im Trüben zu stochern.

  14. Nardon sagt:

    Ebenfalls Respekt dafür Muriel.
    War auch nie ein begnadeter Zeichner und bin auch erst spät dazu gekommen. Die Erfahrungen mir der Schule kann ich leider auch nur so wiedergeben, wie hier schon einige male geschildert.
    Im Kindergarten lernen die Kinder noch das Zeichnen Spaß macht und die Erzieher/inen geben den Kindern positives feedback (sollten sie zumindest).
    In der Schule beginnt dann das beschriebene Dillema.
    Bin auch erst vor 8Jahren wieder zum Zeichnen gekommen.
    Hatte damals in den Nachtschichten einfach zuviel Zeit und wusste nichts mit mir an zu fangen. Jede Nacht Bücher lesen war auch nichts.
    Meine Motivation weckte unwissentlich einer meiner Vorgesetzten. Ein Mensch der gerne andere Menschen schickaniert wenn er es kann. Ich musste irgendwohin mit meinen Aggresionen 🙂 allso begann ich Satiere Comics zu zeichnen.
    Ich zeichne wenn ich Zeit habe inzwischen am PC.
    Diese Seiten haben mir geholfen zeichnen zu lernen:
    Zeichnen lernen – http://bit.ly/a8zB5m
    Photoshop – http://bit.ly/bg32zd (lässt sich auch auf andere Programme mit ähnlichem Umfang anwenden, z.B. Paint.net, da es mehr um die Technik geht)
    Pencil – http://bit.ly/dcf6yB (für die Cartoonzeichner mit etwas Übung, ein kostenloses gutes Tool)
    Online Zeichenkurs – http://bit.ly/8FCxhh (einfach mal durchblättern, gut für Einsteiger)

    Ansonsten einfach googlen, für diejenigen die am PC zeichnen möchten.
    Als Einsteiger Zeichenbrett habe ich mir ein „Wacom Bamboo Pen&Touch“ empfehlen lassen und gekauft. Ich muss sagen, eine gute Entscheidung. Ein sehr gutes und vor allem günstiges Grafiktablet http://bit.ly/50JxJt (wer sich dafür interessiert kann sich ja einfach mal schlau machen, ich finde das Tablet hält durchaus was es verspricht)

  15. Nardon sagt:

    Als ich anfing waren die noch schwarz/weiß, nachdem ich das Grafiktablet gekauft habe, habe ich sie eingescannt und bearbeitet.
    Das Ergebniss sah dann z.B. so aus http://bit.ly/c8sE0T 🙂

  16. Ron sagt:

    Ich finde es übrigens auch sehr interessant, wenn man mal mit „offenen Augen“ durch die Welt geht und versucht verschiedene Wahrnehmungen in Flächen, Kurven etc. zu „übersetzen“. Ich arbeite auch eher mit Photoshop, und da braucht man das wirklich dringend (z.B. um Glanzeffekte auf Elementen oder Schattenwürfe einigermaßen realistisch hinzubekommen).

  17. Muriel sagt:

    Danke sehr für die freundlichen Kommentare!
    @Katja: Das ging ziemlich schnell. Ich habe nicht so viel Zeit mit dem Kurs zugebracht, und die zweite Hand kam schon so ungefähr eine Woche nach dem Start, glaube ich.
    Das liegt aber nicht daran, dass ich irgendwie besonders schnell gelernt hätte, sondern einfach daran, dass es gar nicht mehr so schwer ist, wenn man erst einmal das Prinzip verstanden hat.
    @Andi: Ich beginne, deine Berufsentscheidung zu verstehen…
    @Magrat: Vielen Dank, insbesondere für das Lob für den Rollenspiel-Exkurs. Ich war mir nicht sicher, ob der ankommt.

  18. Blacklady sagt:

    Ich bin beeindruckt…mir ging es sehr ähnlich in der Schule, wenn ich Deine Zeilen so lese, habe ich alles wieder vor Augen, wie es damals war. Ich habe mir immer eingebildet, ich könne nicht zeichnen, ich weiss es zum Glück besser, seitdem ich meine Ausbildung zur Erzieherin gemacht habe…da hat mir mal jemand gesagt: Sag nicht, dass du nicht malen kannst, dir hat bloß nie einer gezeigt, wie man das richtig macht. Das Schlimmste war für mich früher, wenn die Lehrer in mein Bild reingemalt haben…da könnte ich mich heute noch drüber aufregen….vielleicht habe ich eines Tages den Mut und besorge mir auch so ein Buch 🙂

  19. Muriel sagt:

    @Blacklady: Schön, dass du mal vorbeischaust. Danke für deinen Kommentar, und mit dem Buch kann ich dir nur zuraten. Mir hat’s Spaß gemacht.

  20. onkelmaike sagt:

    diese hand finde ich aber wirklich sehr schön. allerdings bin ich mir nicht sicher, ob ich sie schöner finde als die erste hand oder auch deine wahlgreis-zeichnung, die ich sehr ausdrucksstark finde. um auch mal zu mäkeln. „zeichnen kann man lernen“ – naja, kommt drauf an, was „zeichnen“ ist. manche können vielleicht eine technik, aber die zeichnungen haben keine seele (wobei, was das ist, auch wieder ansichts- und geschmackssache ist), wie beim musizieren, bei anderen ist es andersherum, das ist dann besser. aber auch was das technische vermögen angeht, ist wie beim fußball und allem anderen, manche sind begabter als andere.

  21. Muriel sagt:

    Klar doch. Mir geht es hier wirklich nur um die Fertigkeit, ein Bild zu erstellen, das ungefähr so aussieht, wie man es sich vorgestellt hat.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: