Argumentum e Boah! Nee, ne?

18. August 2010

Ich weiß gar nicht, ob sich noch jemand an Erich von Däniken erinnert. Ich komme drauf, weil mich kürzlich jemand auf ihn ansprach und damit ungute Erinnerungen daran weckte, dass dieser Scharlatan auch in meiner an sich ziemlich skeptischen Familie völlig unverdientes Ansehen genießt. Meistens sagen die Leute sowas wie „Aber er hat doch ganz interessante Theorien, er stellt unbequeme Fragen, er ist ein Querdenker, daran ist doch nichts Falsches!“

Falls ihr ihn nicht kennt, könnt ihr das Ganze hier aber problemlos auf vergleichbare Blender wie Galileo Mystery oder Welt der Wunder (Laufen die noch?) übertragen. Oder ihr seht euch als Beispiel dieses willkürlich ausgewählte Däniken-Video an (Man kann bei Bedarf ziemlich bald unterbrechen, nach den ersten paar Sekunden kommt nicht mehr viel Neues.):

Erst einmal klingt das ziemlich überzeugend, was er sagt. Gerade wenn man sich mit dem Thema noch nicht so sehr befasst hat, kann man aus einem Däniken-Buch oder -Film durchaus mit dem Eindruck rauskommen, dass kein vernünftiger Mensch daran zweifeln kann, dass Außerirdische diese Welt früher regelmäßig besucht haben müssen.

Däniken und seine Genossen im Geiste arbeiten dabei fast immer mit demselben simplen Trugschluss: Sie sehen eine eindrucksvolle Leistung vergangener Kulturen und stellen fest, dass sie keine Erklärung dafür haben, wie die das damals ohne Hornbach geschafft haben sollen. Dann sehen sie irgendwelche Malereien / Hieroglyphen / Reliefe, auf denen die abgebildeten Menschen ein bisschen komisch aussehen und schließen daraus, dass das fremde Raumfahrer sein müssen. Gerne bedient man sich dabei zum Beispiel der oft anzutreffenden Strahlenkränze, die man flugs zu Weltraumhelmen umdeutet. Und schon hat man die Sensation: Aliens haben die Pyramiden gebaut! Und das wissenschaftliche Establishment will nicht, dass wir davon erfahren.

Habt ihr den Trick bemerkt? Genau: Argument aus Ignoranz. Ich habe gerade kein Idee, wie etwas passiert sein könnte, also ist es auch nicht passiert. Immer gerne genommen, aber dadurch nicht weniger falsch.

Perfide finde ich dabei nicht, dass Däniken falsche Schlüsse zieht. Das ist okay, Menschen machen Fehler, und der wissenschaftliche Prozess funktioniert bei Zeiten auch mal durch Versuch und Irrtum. Perfide ist dabei, dass er und Haarwuchsmittelverkäufer wie er so tun, als hätten sie die Antwort gefunden, und alle anderen wären einfach zu vernagelt, um das zu erkennen, während in Wahrheit so ziemlich das Gegenteil der Fall ist.

Pseudowissenschaftliche Blender wie von Däniken beuten die natürliche Neugier des Menschen aus. Sie leben parasitär von unserer Sehnsucht nach Antworten, indem sie uns mit beruhigenden Scheinerklärungen versorgen, die zunächst mal unheimlich schlüssig wirken, aber keiner genauen Überprüfung standhalten, denn sie sind in Wahrheit nur eine Verlagerung der Frage.

Ursprünglich wussten wir nicht, wie man damals so tolle Bauwerke errichten konnten. Und wäre es nicht unheimlich spannend, jetzt zu versuchen, das herauszufinden? Sich zu überlegen, welche Werkzeuge damals zur Verfügung standen, und welche nicht, und dann so lange herumzutüfteln, bis man einen möglichen Weg gefunden hat? Das ist Wissenschaft, und das ist der Erkenntnisdrang, der es uns ermöglicht hat, Sonden bis an den Rand unserers Sonnensystems zu schicken, auf dem Mond zu landen und geschmacksfreie Fertiggerichte in wenigen Minuten zu erhitzen.

Däniken sagt stattdessen: Äh… Uh… Nääh, das geht nicht, wie sollen die das denn geschafft haben? Das waren Außerirdische! Und wir sollen damit zufrieden sein. Wenn er wenigstens fragen würde, wie die Außerirdischen das nun geschafft haben, und warum – wenn er wenigstens fragen würde, wie sie zur Erde gekommen sind und warum sie uns wieder so komplett verlassen haben, dann wäre er vielleicht noch ein sympathischer Spinner.

Aber Däniken tut nur so, als würde er die Wahrheit suchen. In Wirklichkeit hat er nicht mehr zu bieten als einen billigen Fragenstopper, einen Schnuller für alle, denen Wissenschaft zu anstrengend ist. Und er und seine Jünger haben noch den Nerv, Zweiflern zu unterstellen, sie wären einfach nur zu engstirnig und denkfaul. Man stelle sich vor, diese Methode würde sich durchsetzen.

„Du, Watson, was ist eigentlich aus diesem Desoxyribodings geworden, von dem du mal erzählt hast?“
„Du hast ja keine Ahnung, Crick! Ich hab mir das mal genauer angesehen, und das ist so derbe komplex, das kann nur eine überlegene Technologie sein. Mit unseren Möglichkeiten ist da nichts zu machen.“
„Oh. Naja. Na gut. Aber schon n bisschen schade, oder?“
„Kein Stress. 2012 kommen die Außerirdischen wieder, und dann können wir einfach die fragen.“
„Cool.“


Fünf Fakten und zwei Flunkereien: Auflösung und Siegerehrung

16. August 2010

Heute ist es also so weit: Ich löse mein Gewinnspiel auf und verkünde die Gewinner der unfassbar spektakulären einzigartigen Preise!

  1. „Ich wurde mal (zu Unrecht) wegen versuchten Prozessbetrugs verurteilt.“
    Wahrheit, wenn auch vielleicht ein bisschen irreführend formuliert. Und eine lange Geschichte, aber ihr habt bestimmt alle viel Zeit, stimmt’s? Also: Während ich im Urlaub war, entdeckte mein Vater eine Anzeige eines Immobilienmaklers in Hamburg. Er wusste, dass ich dort Räume suchte und rief den Makler an. Er traf sich mit ihm und besichtigte die Räume. Als ich zurückkehrte, schilderte er mir alles, und ich schloss einen Mietvertrag. Wenig später stellte sich heraus, dass der Makler uns einiges verschwiegen hatte, unter anderem den übelriechenden Wasserschaden im Keller und ein paar große Schimmelflecken dort (Bei der Besichtigung waren die Wände zugestellt und die Fenster weit offen.)
    Ich weigerte mich deshalb, die Courtage zu bezahlen, und der Makler klagte. Bei der Güteverhandlung fragte die Richterin mich zunächst, ob und wie überhaupt eine Courtagevereinbarung geschlossen worden sei. Ich sagte dazu, davon ginge ich aus, aber zu den Einzelheiten müsste sie schon meinen Vater fragen, denn der hätte das Gespräch mit dem Makler geführt. Diese Bemerkung spielte im Weiteren überhaupt keine Rolle mehr. Nachdem wir all die anderen Dinge besprochen hatten, einigten wir uns schließlich darauf, dass ich nur die Hälfte bezahlen würde.
    Einige Wochen später zeigte der Makler mich dann an. Er und sein Bruder behaupteten beide, mit mir telefoniert zu haben (ulkigerweise unter der Telefonnummer meines Vaters…) und bezeugten übereinstimmend, sich völlig sicher zu sein, dass es meine Stimme war, die mit ihnen die Courtage vereinbart hatte, und nicht die meines Vaters. Als ich versuchte, dem Strafrichter in der ersten Instanz meine Sicht der Dinge zu erklären, unterbrach er mich mit den Worten: „Na, nun bleiben Sie aber mal bei der Wahrheit, Herr Silberstreif, so kommen Sie bei mir nicht weiter!“ Und als mein Anwalt ihm zu erklären versuchte, dass ich nicht einmal bestritten hatte, dass es eine Courtagevereinbarung gab und dass das auch für den Vergleich völlig unerheblich gewesen war, antwortete er: „Solche zivilrechtlichen Spitzfindigkeiten interessieren uns hier nicht.“
    Ich wurde deshalb zu 90 Tagessätzen verurteilt. Glücklicherweise stellte das Hamburger Landgericht das Verfahren dann in der Berufung ein. Die Behauptung stimmt also, auch wenn das Urteil am Ende nicht rechtskräftig wurde.
  2. „Ich hatte eine Zeitlang die Spielhalle gemietet, von der Heinz Strunk in „Fleisch ist mein Gemüse“ erzählt.“ Das geht ein bisschen schneller: Stimmt. Strunk nennt zwar keine Adresse, aber er spricht von „Glawes Spielladen“ und beschreibt ungefähr die Lage. Herrn Glawe habe ich übrigens im Gegensatz zu ihm sogar persönlich kennengelernt.
  3. „Mein erstes eigenes Auto habe ich nach einem guten Jahr bei einem Unfall auf der Autobahn mit mehrfachem Überschlag und viel Drama vernichtet. Ich hatte keine Kaskoversicherung.“ Wahrheit. Auch hier gibt es wenig zu erzählen. Im anderen Auto saßen zwei, deshalb war ich natürlich Schuld. Glücklicherweise wurde niemand ernsthaft verletzt.
  4. „Mir hat einmal eine verheiratete Frau ein (sehr deutliches) unmoralisches Angebot gemacht.“ Geflunkert, und nicht mal besonders originell.
  5. „Mein Schulpraktikum habe ich in dem berühmten Gorlebener Zwischenlager für radioaktive Abfälle (Castor-Behälter) gemacht.“ Das stimmt wieder. Ich habe eine Zeitlang im Büro des Pressesprechers mitgearbeitet, dann bei der Arbeitssicherheit, in der Werkstatt, und zum Schluss noch ein paar Tage auf der PKA-Baustelle. War sehr interessant, ich würde es jederzeit wieder machen.
  6. „Als ich vierzehn war, hat mir ein Lehrer mal (im Unterricht vor allen anderen) gesagt, dass Leute wie ich der Grund sind, aus dem er aus Deutschland auswandern will.“ Wahrheit. Es ging um Massenentlassungen, die er natürlich total doof fand, was ich wiederum so pauschal nicht stehenlassen wollte. Wenn ich mich richtig  entsinne, lauteten seine Worte ziemlich genau: „Wegen so frühkapitalistischer Arschlöcher wie dir halte ich es hier in Deutschland nicht aus.“ Sein Ziel war übrigens Schweden, aber soweit ich weiß, lebt er immer noch hier.
  7. „Ich habe mal im Flugzeug neben Roberto Blanco gesessen und mich sehr nett mit ihm unterhalten.“ Das letzte muss dann natürlich auch geflunkert sein. Aber es ist auch nicht ganz frei erfunden, meinem Vater ist es nämlich wirklich passiert.

Kommen wir also zur Siegerehrung. Wie ihr euch sicherlich noch erinnert, spielt es für die Preisverleihung keine Rolle, wer richtig geraten hat. Es geht nur um den Einfallsreichtum bei der Begründung. Trotzdem ist es mir eine lobende Erwähnung wert, dass eine Kommentatorin es tatsächlich geschafft hat, beide Flunkereien korrekt zu identifizieren: Ein Hoch auf rebhuhn! Die zweite lobende Erwähnung geht an Rayson, der auf eigenen Wunsch außer Konkurrenz läuft, sich aber trotzdem mit seinem kreativen Beitrag um den Wettbewerb verdient gemacht hat. Ein Hoch auf Rayson!

Einen Trostpreis hatte ich auch noch ausgelobt. Der sollte eigentlich verlost werden, aber das habe ich mir inzwischen anders überlegt, denn es ist offensichtlich, dass niemand hier so viel Trost braucht wie Manuel Wolff, der außerdem für seinen unermüdlichen Einsatz für Gerechtigkeit, Wahrheit, und korrekte Kennzeichnung von Werbung eine Belohnung verdient hat. Herzlichen Glückwunsch, Manuel! Deine Ausgabe von „Dealing with people you can’t stand“ müsste in den nächsten Tagen bei dir eintreffen.

Natürlich war es maßlos schwer, unter euren vielen fantastischen Kommentaren den besten auszuwählen, und natürlich gibt es am Ende keine eindeutige Entscheidung, aber eine Entscheidung musste her, und obwohl es nicht leicht war, haben Keoni und ich eine getroffen.

Und jetzt (dramatische Pause) kommen wir (weitere Pause mit leise beginnendem Trommelwirbel) zur Verkündung (Pause, Trommel wird kontinuierlich lauter) des Gewinners (letzte und bisher dramatischste aller Pausen) unseres Gewinnspiels!

Ein dreifaches Hoch auf David mit seiner Gewinnerbegründung: Ich überlege die ganze Zeit, welche (sinnvollen) Aufgaben (also außer Kaffee-Kochen und Kopieren) ein Schüler in Gorleben erfüllen könnte. „Du Heinz, der Günther meint da kommt ne komische Flüssigkeit aus Container 34, schick mal den Praktikanten her, dann schaunwa was dat is…“ Gut gemacht, David und viel Spaß mit den Ohrhörern! (Falls du kein Interesse daran hast oder mir einfach deine Adresse nicht verraten magst, lass es mich ruhig wissen. Ich bin nicht beleidigt und vergebe sie dann an einen anderen glücklichen Teilnehmer.)


Restebloggen zum Wochenende (52)

15. August 2010
  1. Wenn ich nicht irgendwo einen Denkfehler mache, heißt die 52 da oben, dass es das Restebloggen jetzt seit einem Jahr gibt. Yay Restebloggen!
  2. Montag habe ich mich immer wieder mal beiläufig gewundert, warum bei uns im Büro so komische Gummidichtungen über den Heizkörpern hingen. Erst Dienstag wurde mir klar, dass ein Zusammenhang mit den Malern bestehen könnte, die gerade die Fensterrahmen neu strichen.
  3. Das BildBlog listet die schlechtesten Gründe gegen Googles StreetView auf, und ich möchte dazu sagen: Wenn jemand gute kennt, immer her damit, mir wären die neu. Ich bin da ziemlich komplett auf der Seite von Anatol Stefanowitsch, der da schreibt:
    Eure Privatsphäre beginnt hinter eurer Wohnungstür. Der Anblick eurer Häuser und Vorgärten ist öffentliches Eigentum.
  4. Dancing is illegal. Wahrscheinlich erinnert sich niemand außer mir, dass das mal das Motto einer durchaus sympathischen, sehr obskuren Mobiltelefonmarke war.

    Heute ist es anscheinend das Motto des Bundesstaates Baden-Württemberg:
    Derzeit dürfen die etwa 600 Diskotheken im Südwesten am Sonntagfrüh zwar bis 5 Uhr morgens geöffnet sein, müssen aber um 3 Uhr ihren Gästen das Tanzen verbieten.“ [via Filterblog]
  5. Eine Kundin hat seit Mai eine Matratze von uns. Nun ruft sie bei uns an, weil sie kürzlich festgestellt hat, dass mit der Matratze offenbar etwas nicht stimmt. Ihrer Putzfrau ist nämlich aufgefallen, dass da ganz viel Staub unter dem Bett lag. Und das kann natürlich nur daran liegen, dass die Matratze staubt. Ich glaube, ich muss meinen Matratzenlieferanten auch anrufen, denn mit meiner habe ich das gleiche Problem, wenn ich eine Zeitlang nicht sauber gemacht habe…
  6. Ich weiß, Matrix ist so lange her, dass sich eigentlich schon keiner mehr dran erinnert, aber Nykytyne hat hier so schön über den Film geschimpft, dass ich euch das zeigen muss:

Eine Riesenmenge Geld – eine Liebesgeschichte (1)

13. August 2010

Ja, ich habe schon überlegt, ob ich den Titel doch noch ändere. Aber jetzt bleibt er erst mal. Vielleicht fällt euch ja noch was Besseres ein. Jedenfalls beginnt heute unser neuer Fortsetzugsroman, und ich bin gespannt, wie er euch gefällt. Ein Ende hat diese Geschichte übrigens auch noch nicht, aber ich bin sicher, dass mir bis dahin noch eins einfällt. Viel Vergnügen!

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Aber ich fürchte, der hier meint es total ernst.

12. August 2010

Ich sage das nicht leichtfertig, ich habe gründlich darüber nachgedacht, und ich rechne damit, dass einige von euch mir widersprechen könnten, aber doch: Nachdem ich mich gerade noch über Peter Richters Alkoholverbotsartikel geärgert gewundert habe, bin ich nun auf den mit hoher Wahrscheinlichkeit dümmsten, melodramatischsten, borniertesten, peinlichsten und, ja, menschenfeindlichsten Artikel gestoßen, den ich je bei faz.net gelesen habe. Es handelt sich um „Die Menschenleser“ von dem Direktor der Nordrhein-Westfälischen Landesanstalt für Medien Norbert Schneider. Er lässt sich ganz gut so zusammenfassen, wie faz.net das auch unter der Überschrift getan hat:

„Wer sich im Netz preisgibt, wird zu einem Menschen zweiter Schöpfung: Er gibt den digitalen Göttern Gelegenheit, jede Kontrollmöglichkeit auszunutzen. Es ist an der Zeit, eine vernünftige Regulierung für die Kontrolleure zu finden.“

Und da steht auch gleich schon alles drin, was ich so albern finde an Herrn Schneiders Werk: Schwülstiger Ausdruck bis weit über die Grenze der Selbstparodie hinaus, sinnlose religiöse Anspielungen, ein Habitus, als warnte er vor dem unmittelbar bevorstehenden Herabfallen des Himmels, und die feste Überzeugung, dass wir alle seinen Schutz brauchen, weil wir sonst unsere Individualität, unsere Würde und unseren freien Willen verlieren. Bloß gut, dass es da so selbstlose Menschen wie ihn gibt, die uns in ihrer Güte vorschreiben, wie es richtig geht. Und uns deutlich sagen, wie es falsch ist, nämlich so, wie es zurzeit läuft:

„Konjunktur hat das Öffentliche. Man isst im Freien und telefoniert dabei ungeniert. Statt Gärtchen – der Biergarten. Die Mode veröffentlicht menschliche Körper. Public viewing breitet sich aus. Exhibitionismus wird chic. In der Talkshow, in der Castingshow, im Container von Big Brother“

Wahnsinn. Herr Schneider hat den Exhibitionismus und die Freude an der Öffentlichkeit als neuen Trend ausgemacht. Wie wird er wohl reagieren, wenn er den Buchdruck entdeckt?

„Doch an diesem Punkte wird die neue Anthropologie prekär. Der Mensch als Datenträger wird, indem er lesbar gemacht wird, auch steuerbar, vorhersehbar, kontrollierbar. Er wird, ohne davon irgendetwas zu wissen, zum Objekt einer auf Dauer gestellten Rasterfahndung“

Und das ist dieser Schritt, den er uns nicht so richtig erklärt und der mir auch nicht einleuchtet. Herr Schneider meint, wenn ich im Netz etwas über mich verrate, dann werde ich dadurch unweigerlich „steuerbar“, verliere also meine Fähigkeit, für mich selbst Entscheidungen zu treffen. Ich denke bei dieser Art der Argumentation immer mit einem Schmunzeln an die Gnome in South Park. Schritt 1: Unterhosen klauen. Schritt 2: ? Schritt 3: Profit! Und damit sind wir auch gleich beim Thema:

„[Unsere Daten] werden zur Grundlage von Geschäftsmodellen“

Gütiger Himmel, ja! Man stelle sich vor: Unternehmen nutzen das, was wir ihnen über uns verraten haben, um uns möglichst attraktive Angebote machen zu können! Heilige Marktwirtschaft, Batman, auf zum Medienanstaltmobil!

„Wieder einmal steht nicht weniger als die Würde des Menschen auf dem Spiel.“

Genau. Ich vermute, wenn Herr Schneider vergisst, den Reißverschluss an seiner Hose hochzuziehen, steht für ihn auch jedes Mal nicht weniger als die Würde des Menschen auf dem Spiel. Wieder einmal. Klar, wenn man will, kann man jeden Quatsch irgendwie auf die Würde des Menschen zurückführen. Ich finde aber, dass man ruhig erst mal versuchen sollte, ein paar Stufen niedriger anzusetzen, wenn man nicht ausgelacht werden will.

„Zum Menschenbild der ersten Schöpfung gehört der freie Wille – mit allem, was daraus werden kann. Es ist dafür zu sorgen, dass in einer zweiten Schöpfung dieser freie Willen nicht faktisch ausgelöscht wird.“

Falls das für euch zu schnell ging, noch einmal zum Mitschreiben: Herr Schneider ist der Meinung, dass wir unseren freien Willen auslöschen, indem wir Sachen ins Internet schreiben. Natürlich nur, wenn wir uns dabei nicht an seine Regeln halten. Und hier schimmert meiner Meinung nach das Gefährliche an dieser Denkweise durch:

Herr Schneider sieht, dass wir freiwillig unsere Daten anderen zur Verfügung stellen, und er findet das anscheinend irgendwie anstößig. Außerdem glaubt er, dass wir uns damit schaden. Ich persönlich finde das ein bisschen albern, aber wer weiß, vielleicht hat er ja Recht, und es steht ihm auf jeden Fall zu, uns davor zu warnen, wenn er es nun einmal so sieht.

Das reicht ihm aber nicht. Er weiß so genau, was gut für uns ist, dass er es per staatlichem Zwang herbeiführen will. Natürlich nur zu unserem Besten. Er meint es gut. Und das wird auch nicht besser dadurch, dass seine konkreten Vorschläge (Transparenz des Datenverkehrs und weitgehende Eigentumsrechte an den eigenen Daten) zunächst mal gar nicht besonders bedrohlich daherkommen. Dennoch geht es hier um eine Einschränkung individueller Freiheit, und der völlig überzogene Alarmismus, mit dem er argumentiert, lässt mich durchaus vermuten… Was? Wie? Sie wollen noch was sagen, Herr Schneider? Nur zu.

„Geht es so weiter wie bisher, dann wird eine Pointe der zweiten Schöpfung sein, dass die digitalen Götter sich dadurch an der Macht halten, dass sie eine Kontroll-Lücke schließen – indem sie eine Videokamera auch noch auf den Baum der Erkenntnis richten.“

Oh… Schon gut. Kann dem Mann bitte mal jemand ein kaltes Tuch bringen, oder seine Pillen, oder ein Schmetterlingsnetz?

Ich könnte dazu noch so vieles sagen, aber zum Glück gibt es einen, der das alles viel besser ausdrücken kann, als ich es mit Worten je könnte.


Ich glaube, er meint das gar nicht ernst,

11. August 2010

aber Peter Richter hat bei faz.net einen Artikel geschrieben, in dem es vordergründig darum geht, dass ein umfassendes Alkoholverbot seiner Meinung nach folgerichtig und unausweichlich ist.

Und nüchtern betrachtet – also nicht mit dem Interesse, den eigenen Alkoholkonsum intellektuell und kulturell irgendwie zu legitimieren -, ganz nüchtern betrachtet und zu Ende bedacht, ist ein Alkoholverbot nichts als ein Gebot der Vernunft und die logische Konsequenz aus der Lage und Entwicklung der Dinge.

Beim Lesen ist mir aber aufgefallen, dass er nicht nur in dieser Hinsicht inhaltlich ärgerlich ist, sondern außerdem noch auf das Schönste illustriert, mit welchen Scheinargumenten und Verdrehungen Gegner individueller Freiheit gerne arbeiten, wenn sie uns mal wieder vor irgendwas schützen wollen.

An das Unvorstellbare gewöhnt man sich erstaunlich schnell.

Und ich finde es irgendwie traurig, dass jemand sich Gedanken für einen Zeitungsartikel macht und dabei nicht auf die Idee kommt, dass das nicht unbedingt etwas Gutes ist. Dass man es eigentlich sogar erschreckend finden kann, dass viele von uns heute nichts mehr dabei finden, dass Glühlampen verboten sind, oder eben das Rauchen.

Das Alkoholverbot wird „kommen“ – mit der gleichen erbarmungslosen Unentrinnbarkeit, mit der, wie es immer heißt, „die Globalisierung kommt, ob wir das wollen oder nicht“. Das Einzige, was einem zu entscheiden bleibt, ist die Frage, ob man vorwärts in die Zukunft fahren will oder rückwärts, ob man fortschrittsfreudig durch das Leben gehen möchte – oder als Reaktionär, der dauernd „Nichts darf man mehr“ mault, so wie allerdings auch die, die gern wieder Herrenwitze erzählen dürfen würden und Sekretärinnen in den Po kneifen.

Und da haben wir den Kernfehler der Argumentation: Herr Richter hat offenbar Schwierigkeiten, dazwischen zu unterscheiden, ob eine kulturelle Veränderung wünschenswert ist, und ob ihre strafbewehrte Verordnung eine gute Idee wäre. Die sogenannten Herrenwitze sind ja aus gutem Grund nicht verboten, aber die meisten von uns haben sie als geschmacklos erkannt und goutieren sie deshalb nicht (mehr). Na gut, sexuelle Belästigung von Sekretärinnen ist mit Recht verboten, aber da sehe ich auch noch einen kleinen Unterschied, namentlich den, dass es da ein Opfer gibt, das staatlichen Schutz beanspruchen kann.

Das Trinken ist weitgehend aus dem Arbeitsleben verschwunden. Warum nicht demnächst auch aus der Freizeit? Wie wäre es denn, wenn jemandem, der „nein, danke“ sagt, nicht mehr automatisch unterstellt würde, dass er alkoholkrank, eine schwangere Frau oder Islamist ist?

Das wäre in der Tat wünschenswert, aber – auf die Gefahr hin, mich zu widerholen – ich könnte jedesmal speien, wenn jemand so tut, als könne man daraus schon schlussfolgern, dass der Staat es dringend zwangsweise herbeizuführen hat. Ich fände es auch toll, wenn niemand mehr an Religionen, alternative Medizin, Tarotkarten und Besuche von Außerirdischen glauben würde, aber ich hielte es für eine Abscheulichkeit, diese Aberglauben unter Strafe zu stellen.

Auch als Kulturfetisch enthält Wein Alkohol; Alkohol ist eine Gefahr für Leib und Leben, die Menschen müssen davor geschützt werden, und da individuelle Verantwortung sich der Regulierbarkeit entzieht, ist ein Totalverbot die einzige Möglichkeit, so gut das Zeug auch schmecken mag.

Und an diesem Punkt bin ich mir jetzt eigentlich doch ziemlich sicher, dass Richters Artikel eine Satire ist. Eine sehr trockene (Wortspiel beabsichtigt), eigentlich sehr gelungene Satire, die den Kommentaren nach die meisten Leser verständlicherweise nicht durchschaut haben. Das Erschreckende ist also eigentlich weniger dieser Artikel an sich als die Tatsache, dass wir in einem Land leben, in dem man nicht sicher sein kann, ob solche Sprüche ein Witz sind, weil es genug Leute gibt, die sowas im Ernst sagen. Und weil einige von denen die sind, die unsere Gesetze machen. Vielleicht sollte ich doch auch mit dem Trinken anfangen, solange es noch geht.


Menschenähnlich (29): Finis

10. August 2010

Sooooo, ihr wisst ja, alle guten Dinge gehen irgendwann mal zu Ende, und heute widerfährt dieses unglückliche Schicksal unserem Fortsetzungsroman „Menschenähnlich“. Enden sind schwierig, aber ich hoffe, dass ihr an diesem trotzdem ein bisschen Spaß habt, und darüber hinaus habe ich noch eine gute Nachricht für euch:

Der nächste Fortsetzungsroman wartet bereits auf seinen Einsatz. Es gibt diesmal keine Umfrage, worum es gehen soll. Das liegt daran, dass ich in den kommenden Monaten ein bisschen mehr Zeit für andere Arbeit brauche und deshalb nicht wieder quasi live für euch schreibe. Diesmal kommt der Fortsetzungsroman also aus der Dose, und das Gute daran ist das Gute darin, dass ihr euch diesmal auf streng regelmäßige Veröffentlichung jeden Freitag freuen dürft, denn Verzögerungen sind bei einem fertigen Roman natürlich nicht zu erwarten. Er heißt „Eine Riesenmenge Geld“ und hat dazu noch einen Untertitel: „Eine Liebesgeschichte“.

Aber zuerst mal müsst ihr natürlich Menschenähnlich zu Ende lesen. Also los, an’s Werk:

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Restebloggen zum Wochenende (51)

8. August 2010
  1. Ich kenne Argumentum ad hominem, Zirkelschluss und falsche Dichotomie. Gibt es eigentlich auch einen eigenen Namen für den insbesondere bei Verschwörungstheoretikern üblichen Trugschluss, man müsse zwangsläufig Recht haben, weil man die Gegenposition für hoffnungslos naiv hält? Typische Formen sind: „Du kannst doch nicht im Ernst glauben, dass der damit nichts zu tun hat!“ oder „Das weiß doch jeder, dass die US-Regierung da ihre Finger drin hat!“
  2. Er hat Recht, das hätte er besser gekonnt. Aber allein schon wegen der Entschuldigung am Anfang finde ich Widgetas‘ neues Video mal wieder unfassbar sympathisch:
  3. Denkt ihr auch manchmal darüber nach, wie viel einfacher und schöner Bahnfahren sein könnte, wenn es eine allgemein verständliche und bekannte Regel dazu gäbe, in welcher Richtung man beim Einsteigen durch die Wagen läuft?
  4. Thema Dialogfähigkeit: Eine Kollegin ist seit einiger Zeit krank, nach unserem Kenntnisstand durchgehend aufgrund derselben Erkrankung, sodass nach 6 Wochen die Krankenkasse das Gehalt übernehmen muss. Die AOK sieht das offenbar anders und schreibt uns das auch: „Es handelt sich nicht um eine durchgehende Arbeitsunfähigkeit.“ Na gut. Ich rufe also dort an und sage der Dame, dass unsere Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung was anderes sagt. Ach so, sagt sie, dann schicken Sie uns die doch mal. Ich schicke ihr also eine Kopie der Bescheinigung und bitte im Anschreiben um Rückmeldung. Gut einen Monat später kommt ein kurzer Brief von der AOK, unterzeichnet von derselben Dame: „Es handelt sich nicht um eine durchgehende Arbeitsunfähigkeit.“ Prognostizierte weitere Korrespondenz:
    Wir: „Wohl!“
    AOK: „Gar nicht!“
    Wir: „Doof!“
    AOK: „Selber doof!“
    Bis einer heult.
  5. Rayson hat es schon wieder getan. Er hat einen fantastischen Artikel geschrieben, diesmal über Massenentlassungen:
    Es gehört längst zum Repertoire der allzeit zur Empörung bereiten Humanoiden der Gattung claudia rubina, mit Stentorstimme und ausgestrecktem Zeigefinger die Unmoral eines Kapitalismus zu geißeln, in dem die Ankündigung von Massenentlassungen den Börsenkurs des betreffenden Unternehmens stets steigen lässt.
  6. Ich habe zufällig ein sehr sympathisches junges Blog entdeckt, das ich umgehend abonniert habe: Sonnenfeinds Schatten. Ich fürchte, ich kann euch da keine spektakuläre Kostprobe anbieten, die euch sofort begeistert. Sicher ist das auch nicht für jeden Geschmack. Aber wer so angenehm nachdenklich und unaufdringlich über seinen Glauben schreibt, den lese ich gern. Ich bin gespannt, was noch kommt.
  7. Richtig schlimm finde ich ja so Leute, die ihren Freunden Sachen versprechen und sie dann nicht erledigen, oder erst, nachdem man sie achtmal dran erinnert hat. Kann ich mich drüber aufregen. Und wisst ihr, was das Schlimmste ist? Dass ich zurzeit sowas selbst dauernd mit einem guten Freund von mir mache. Uncool, Muriel. Extrem uncool.

Das total unfassbar spektakuläre einzigartige überschaubare-Relevanz-Gewinnspiel: fünf Fakten und zwei Flunkereien

8. August 2010

Mich hat natürlich keiner getaggt, aber das stört mich nicht, und was für AronRa gut ist, kann für Muriel schon mal nicht schlecht sein. Nur das Verhältnis von vier zu eins ist mir irgendwie nicht genug, deshalb präsentiere ich euch heute voller Stolz sieben Behauptungen über mich, von denen genau zwei gelogen sind:

  1. Ich wurde mal (zu Unrecht) wegen versuchten Prozessbetrugs verurteilt.
  2. Ich hatte eine Zeitlang die Spielhalle gemietet, von der Heinz Strunk in „Fleisch ist mein Gemüse“ erzählt.
  3. Mein erstes eigenes Auto habe ich nach einem guten Jahr bei einem Unfall auf der Autobahn mit mehrfachem Überschlag und viel Drama vernichtet. Ich hatte keine Kaskoversicherung.
  4. Mir hat einmal eine verheiratete Frau ein (sehr deutliches) unmoralisches Angebot gemacht.
  5. Mein Schulpraktikum habe ich in dem berühmten Gorlebener Zwischenlager für radioaktive Abfälle (Castor-Behälter) gemacht.
  6. Als ich vierzehn war, hat mir ein Lehrer mal (im Unterricht vor allen anderen) gesagt, dass Leute wie ich der Grund sind, aus dem er aus Deutschland auswandern will.
  7. Ich habe mal im Flugzeug neben Roberto Blanco gesessen und mich sehr nett mit ihm unterhalten.

Eure Aufgabe ist es nun, zu erraten, was davon nicht stimmt. Zu gewinnen gibt es ein Paar niegelnagelneuer Bose In-Ear-Headphones (oder schreibt man das „nigel“?), von denen ich euch aus eigener Erfahrung sagen kann, dass sie prima sitzen und eine phantastische Klangwiedergabe bieten und auch sonst rundum toll sind. Und damit ich niemanden vom Mitraten ausschließen muss, baue ich noch einen kleinen Twist ein: Beim Gewinnen geht es nicht darum, richtig zu raten. Stattdessen gewinnt derjenige, der seine Vermutung mit der besten Begründung versehen hat. Die Auswahl wird von Keoni und mir streng willkürlich getroffen und in spätestens einer Woche hier im Blog veröffentlicht. Darüber hinaus verlosen wir noch einen kleinen Trostpreis unter allen, die in den Kommentaren eine Vermutung äußern, ob mit oder ohne Begründung.

Viel Spaß.


Um die Menschheit zu beschützen

5. August 2010

Dies ist wieder einer von meinen ziemlich konfusen Beiträgen, die außer mir selbst wahrscheinlich niemanden interessieren und bei denen ich selbst nicht so genau weiß, was ich damit eigentlich sagen will. Ihr dürft ihn natürlich trotzdem gerne lesen. Ihr dürft euch hinterher sogar beklagen. Aber sagt bitte nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

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