Theriophobe Ideologeme

30. September 2010

Ich bin zurzeit gerade anderweitig ein bisschen beschäftigt und muss mich deshalb in meinem Beitrag heute ein bisschen kürzer fassen, als ihr es von mir gewohnt seid. Ganz im Stich lasse ich euch aber trotzdem nicht; ich habe weder Kosten noch Mühen gescheut, um für euch die schönsten Zitate aus einem Flyer des Neuen Antirepressionskongresses zusammenzusuchen, den ihr vom 8. bis 10. Oktober an der Universität Hamburg besuchen könnt. Bitte sehr:

„Die neue Weltordnung, die auf einer marktradikalen Ökonomie basiert und seit dem Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus mit imperialistischen Kriegen durchgesetzt wird, duldet noch linksliberale Emanzipationspolitik, aber keine antikapitalistische Linke.

Je freier der Warenverkehr, desto unfreier die Menschen.

[…]

Die westliche Gesellschaft degeneriert zur Summe atomisierter Angepasster, die in einem Klima von Angst
und Denunziation, Antiaufklärung und Eindimensionalisierung des Denkens leben. Dieser Prozess hat zuweilen groteske Auswüchse, die an George Orwells „Neusprech“ erinnern – eine manipulative herrschaftliche Sprache mit extremer Einschränkung des Bedeutungsspektrums der Worte und dem Ziel, Kritik sprachlos zu machen.

[…]

Auf unserem Kongress wollen wir den Zusammenhang zwischen Tendenzen der Totalitarisierung kapitalistischer Ökonomie, der sich zunehmend im autoritären Staat offenbarenden Klassenherrschaft und der wachsenden Herausbildung bellizistischer, xeno- und theriophober Ideologeme für die rücksichtslose Durchsetzung von Profitinteressen freilegen.

Jesses, habt ihr auch den Eindruck, dass es irgendeinen Zusammenhang gibt zwischen Linksextremismus und einer unnötig geschwollenen Ausdrucksweise?

Es geht um die Freisetzung eines „kritischen Impulses“, den Davis definiert als „absolute Weigerung, jegliche Permanenz dessen anzuerkennen, was ist – nur weil es ist“.

Das ganze Meisterwerk findet ihr als PDF hier. Falls ihr auch Lust habt, kritische Impulse freizusetzen, schaut doch mal vorbei. Und falls einer von euch mir sagen kann, aus welcher sonderbaren Paralleldimension die Autoren da zu uns sprechen, lasst es mich bitte wissen. Ich würde sie mir gerne mal selbst ansehen.

A Pick-up Line For The Proletariat
see more Historic LOL

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Warum nicht?

29. September 2010

Drüben bei Sende-Zeit läuft gerade in lockerer Folge eine Reihe von Bekennerschreiben Leuten, die erklären, warum sie Katholiken sind. Das hielt ich für sehr interessant, weil ich persönlich (Vielleicht ist es euch aufgefallen.) einfach nicht begreife, warum jemand an einen Gott glaubt, geschweige denn einer Religion angehört. Heute erschien nun ein Bekennerschreiben von Alipius Müller mit einer besonders, naja, bemerkenswerten Begründung, die mich irgendwie… angesprochen hat:

Warum ich (immer noch) katholisch bin?

Warum sollte ich es nicht sein?

[…]

Wie kann ich nicht katholisch sein, wie kann ich nicht katholisch bleiben wollen, wenn ich jetzt schon die beruhigende Gewißheit habe, daß selbst nach dem Ableben meiner Eltern (welches der Herrgott gerne noch viele Jahre aufschieben darf) das Familienleben weitergeht? […] Warum ohne die Gnade Gottes und ohne die Hilfe des Magisteriums mein eigener Herr sein, wenn es mit ihnen schon schwer genug ist, sich einerseits selbstbewusst und selbständig und andererseits doch verantwortungsvoll und nicht ganz so aufgebläht zu geben?

Gleich vorweg mal: „Warum nicht?“ ist viel öfter, als man gemeinhin denkt, die grundfalsche Frage.

Egal. Natürlich darf Herr Müller glauben, was er will, und er darf selbst entscheiden, welcher Glaube ihm persönlich am meisten gibt. Trotzdem ist es mir ein Bedürfnis, seine Frage zu beantworten:

Weil es einfach nicht wahr ist. Weil das Leben nach dem Ableben nicht weiter geht. Weil die Gnade Gottes nicht real ist. Weil die Gewissheit falsche Gewissheit ist. Weil wir nur dieses eine Leben haben, nach dem alles vorbei ist, und weil dieses eine Leben deshalb unendlich viel wertvoller und kostbarer ist, als es wäre, wenn es quasi nur einen Fußabtreter darstellte für die Ewigkeit, die uns bevorsteht.

Weil Ihr Glaube Sie lehrt, Ihr skeptisches Denken auszuschalten, unkritisch für wahr anzunehmen, was frei erfunden ist, und weil Sie dann solche Sachen wie die da oben schreiben und sich blamieren.

Weil falsche Überzeugungen zu falschen Entscheidungen führen, und damit zu falschem Handeln. Weil wir Veantwortung für unser Handeln haben und deshalb verdammt noch mal verpflichtet sind, unser eigener Herr zu sein.

Weil – und ich weiß, dass ich mich hier weit aus dem Fenster lehne, aber dieser kleine Essay von Herrn Müller belegt es aus meiner Sich sehr schön – Religion die Gefahr in sich trägt, unsere Augen zu verschließen vor dem, was sie uns nimmt.

Alipius Müller versteht nicht, wo die Bereicherung wäre, wenn er den Glauben aus seinem Leben verdrängte. Manche Drogenabhängige verstehen nicht, wo die Bereicherung wäre, wenn sie sich von ihrer Sucht befreiten. Manche Schüler verstehen nicht, wo die Bereicherung ist, wenn sie verstehen, wie unsere Welt funktioniert und etwas über die physikalischen und logischen Gesetze lernen, die sie beherrschen.

Die Gläubigen unter euch knirschen jetzt möglicherweise mit den Zähnen und denken, dass ich es einfach nicht verstehe. Und ihr habt Recht, ich verstehe es nicht. Erklärt es mir, bitte.

Ich kann nicht ausschließen, dass Herr Müller durch seinen Glauben tatsächlich ein glücklicheres und erfüllteres Leben hat, als er es ohne hätte. Aber ich kann trotzdem nicht anders, als angesichts seines Abschlusses halb lächelnd, halb traurig mit dem Kopf zu schütteln:

Weil jemand anderes es mir sagt? Nein, danke! Mein Glaube hat mich gelehrt, für mich selbst zu denken und zu entscheiden.

Ach… Sehen Sie, Herr Müller, das meine ich. Genau deshalb.


Und wenn mir von denen dann wieder jeder fünf Euro schickt…

28. September 2010

Schon seit einigen Monaten fällt mir auf einem Parkplatz in der Nähe immer wieder dieses Auto auf:

Ich habe ja glücklicherweise schon ein geniales Zweiteinkommen, deswegen habe ich mich lange Zeit gar nicht darum gekümmert, aber das nagende Gefühl, dass hinter dieser diesem verlockenden Aufkleber eine potentiell unterhaltsame Nepperei steckt, ließ mich nicht los. Vielleicht war es die neckische Inhaltslosigkeit des Köders; vielleicht der Begriff „genial“, der leise impliziert, dass man hier mühelos reich wird; vielleicht auch einfach nur dieser suspekte Name „Fa. Schäfer“. Leute, die vor ihren Namen ein „Fa.“ setzen, als würde das irgendetwas aussagen, lösen bei mir auch meistens sowas wie belustigtes Mitgefühl aus.

Ich nahm mir deshalb vor, mir die Sache gelegentlich mal näher anzusehen und vielleicht sogar die Telefonnummer anzurufen. Vielleicht kennt ihr mich schon gut genug, um euch vorstellen zu können, dass es einige Zeit beim Vorsatz blieb. Das änderte sich schlagartig diese Woche, als mir auffiel, dass mein Idol Russell Glasser vom Team der „Atheist Experience“ seit über 14 Jahren sporadisch sein Beef mit genau diesem Laden austrägt. Das war dann für mich der Stein des Anstoßes, endlich zur Tat zu schreiten. Und dies sind die Ergebnisse meiner todesmutigen Recherche:

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Restebloggen zum Wochenende (57)

26. September 2010
  1. demotivational posters - MY COUNTRY MEN OBSERVE ME SCOOTING ALONG AT A BRISK 8MPH
    see more Very Demotivational
  2. In Missouri berücksichtigen Strafrichter bei ihren Entscheidungen offenbar auch die Kosten der Strafe. Ich glaube, ich finde das richtig.
  3. Aufschrift auf dem Halsband eines Hundes, den Alexander Pope dem Prince of Whales schenkte: „I am his Highness‘ dog at Kew; pray tell me Sir, whose dog are you?“
  4. Inspiriert von Randall Munroes wundervollem Cartoon „Height“ hat Travis einen logarithmischen Eiffelturm geschaffen. So mag ich das.
  5. Herr Steinbeis schreibt in seinem Verfassungsblog über Themen, die auch nicht Juristen interessieren dürften. Diese aktuelle Entscheidung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte ist ein gutes Beispiel. Ein katholischer Organist hatte ein uneheliches Kind bekommen und war deshalb entlassen worden. Nach der Rechtsprechung unseres BVerfG wäre das in Ordnung gewesen, aber der EGMR sieht das anders:
    Die Arbeitsgerichte, so der EGMR im Urteil Schüth, dürften keineswegs den kirchlichen Standpunkt, was die Kirchlichkeit der Tätigkeit und die Unvereinbarkeit des Verhaltens damit betrifft, einfach übernehmen.
  6. Before Prozac,  everybody just kinda moped around
    see more Historic LOL

Gelbe Bevormundung ist doch irgendwie viel schöner als rote, oder?

25. September 2010

Anuntio vobis gaudium magnum, unserer Regierung ist erneut ein großer Wurf gelungen, ach, was rede ich: Der große Wurf!

Das Abkassieren bei Telefon-Warteschleifen hat bald ein Ende: „Warteschleifen dürfen bei teuren Service- und Mehrwertdienste- Rufnummern künftig nur eingesetzt werden, wenn der Angerufene die Kosten der Warteschleife trägt“, sagte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP).

Auch der Facebook-Arm der FDP brüstet sich mit dem Verbot des „Geschäftsmodells Warteschleife“:

Die Koalition setzt nun in einem weiteren zentralen verbraucherpolitischen Thema eine liberale Position um.

[…]

Eine telefonische Warteschleife war und ist keine Serviceleistung für Verbraucher. Liberale Politik konnte daher erneut die Rechte der Verbraucher stärker [sic].

Und mir ist so schlecht, dass mir fast die Worte fehlen. Sicher, das ist kein besonders wichtiges Thema, und insbesondere diejenigen unter euch, die die FDP sowieso nicht leiden können, verstehen wahrscheinlich gar nicht, warum ich mich aufrege. Ich will aber versuchen, es euch kurz zu erklären:

Es handelt sich hier um einen weiteren von vielen kleinen Einschnitten in individuelle Freiheit unter dem Vorwand, Verbraucher vor sich selbst schützen zu müssen.

Wenn ich irgendwo anrufe, dann kann ich mich vorher darüber informieren, was es kostet. Und wenn ich damit nicht einverstanden bin, oder die Warteschleife mir zu lang ist, dann kann ich es lassen. Oder ich kann woanders anrufen. Wo ist da die Notwendigkeit für ein Einschreiten des Gesetzgebers? Natürlich ist es auf den ersten Blick bequemer, wenn ich darüber einfach nicht mehr nachdenken muss und darauf vertrauen kann, dass der Staat das schon alles in meinem Sinne regelt. Aber für mich gehört es eben zu einem mündigen Bürger, dass er seine Angelegenheiten selber regelt, dass er Verantwortung übernimmt für sein Leben, und dass er sich bei seinen Entscheidungen verdammt noch mal nicht das Nachdenken erspart und darauf vertraut, dass der Staat das schon alles geregelt hat. Meine eigenen Interessen kennt niemand so gut wie ich selbst.

Nach wie vor einer der gruseligsten Sätze, die ich kenne: „Wir sind von der Regierung, und wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“

Diese neue Vorschrift schränkt unsere Vertrags- und Entscheidungsfreiheit ein, und unser gelber Koalitionspartner hält es nicht einmal für nötig, das in irgendeiner Weise zu rechtfertigen oder auch nur zu erwähnen. Nicht nur das, er hat sogar noch die unfassbare Chuzpe, diese Gängelei als „liberale Politik“ zu feiern. Und das finde ich so widerlich, dass ich deshalb echt gerne aus diesem Verein austreten würde. Leider geht das aber nicht, weil ich gar nicht drin bin. Alles Mist.


Eine Riesenmenge Geld (7)

24. September 2010

Vielleicht interessiert es euch, dass der Titel meines neuen Fortsetzungsromans nicht nur stilistisch eine eher mittelgute Idee war, sondern dass er außerdem auch eine große Anzahl von Spamlinkern auf den Plan gerufen hat, die unseren sympathischen kleinen Fortsetzungsroman jetzt regelmäßig von solchen Beiträgen wie „Is debt consolidation bad for your FICO score“ oder „Internet Geld Elite° German How To Make Money Course° Make Massive | Citric Auto Cash“ oder  „Autoversicherung Vergleichsrechner Erklärung | Promi-KlatschPromi-Klatsch“ oder – besonders, äh, interessant: „Unentschiedene Frage: Pädophile männer betrügen? | testperson“ verlinken und mir Trackback schicken.

Ein bisschen gruselig ist das schon. Aber auch davon lasse ich mich aber natürlich nicht abhalten, euch heute wieder ein neues Kapitel zu überreichen. Viel Vergnügen und ein schönes Wochenende!

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What if God smoked cannabus?

24. September 2010

Bin ich jetzt einfach schon hypersensibel, was Daniel Deckers‘ Beiträge zum Thema Kindesmissbrauch angeht, oder kommt es euch auch reichlich albern vor, was er heute wieder schreibt?

Und wie im Raum der Kirche, so ist auch bei Vereinen, Verbänden und Trägern von Schulen und sozialen Einrichtungen die Frage der Haftung des Täters mit der nach der Rolle der Institutionen verknüpft. Aus Gründen politischer Rücksichtnahme ist es daher verständlich, wenn die katholische Kirche mit einem Vorschlag zögert, wie man den Opfern sexueller Übergriffe auch finanziell gerecht werden kann. Jedes Tun oder Unterlassen wirkt wie ein Präjudiz, dessen Wirkung sich andere Institutionen kaum entziehen können.

Ach so. Ja klar. Böse Zungen hätten vielleicht behauptet, dass es was damit zu tun hat, dass die Kirche einfach nicht zahlen will. Oder möglichst wenig. Oder zumindest nicht so bald. Aber damit würde man natürlich wirtschaftliches Eigeninteresse unterstellen, was evident abwegig ist.

Die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen in Form des Präjudizes sind es, die den Vatikan davon abhalten, das Füllhorn seiner Großzügigkeit über seinen Opfern auszuschütten. Die schiere Rücksichtnahme auf weniger finanzkräftige oder zumindest weniger großzügige Institutionen ist der wahre Grund für die Zurückhaltung. Sozusagen Sorge um andere Träger sozialer Einrichtungen und das Funktionieren unsere Gesellschaft überhaupt.

Manchmal sind die Selbstlosigkeit und Nächstenliebe der katholischen Kirche so unfassbar, dass man speien könnte.