Verbrennt sie!

Die deutsche Bundesregierung hat endlich mal wieder die Ursache für all unsere Probleme gefunden: Böse Spekulanten reiben sich feixend die Hände, während sie sich an den in die Höhe schießende Preisen für Weizen, Mais und Soja sowie dem Elend und Hunger der Ärmsten erfreuen. Diesem schlimmen Treiben will unsere Bundesregierung endlich ein Ende bereiten und geht nun gemeinsam mit Frankreich gegen die niederträchtige Spekuliererei vor. Verboten gehört das alles:

„Nahrungsmittel dürfen nicht Gegenstand reiner Finanzspekulation sein“

So berichtet Spiegel Online, und ich will ausnahmsweise darauf verzichten, über die schwachsinnige Idee an sich zu schimpfen, um mich stattdessen ein bisschen über die Berichterstattung aufzuregen. Medien könnten dafür da sein, uns die Welt zu erklären. Das wäre eine echt wichtige Funktion. Sie könnten zum Beispiel, wenn sie eine Pressemitteilung der Bundesregierung bekommen,  kurz mal prüfen, ob an den enthaltenen Ideen was dran ist. Und falls sie zu dem Schluss kommen, dass die Regierung Recht hat, könnten sie die Begründung mitliefern und ihren Lesern die Mechanismen erläutern, durch die sich zurzeit „die Preise für Agrarrohstoffe vom realen Angebot und der realen Nachfrage abgekoppelt haben“, und dann darstellen, wie die Maßnahmen der Regierung das in Zukunft verhindern.

Natürlich wäre das eine ganze Menge Arbeit, und ich kann verstehen, dass man dafür manchmal keine Lust Zeit hat. Dann kann man alternativ auch einfach nur wiedergeben, was die Regierung sagt. Man verzichtet damit natürlich auf seinen Anspruch, eine gesamtgesellschaftlich besonders wertvolle Leistung zu erbringen, aber immerhin ist man ehrlich.

Höchst unanständig finde ich aber, dass Spiegel Online sich (natürlich nicht nur) in diesem Beispiel eine Position zu eigen macht und als Tatsache hinstellt:

Spekulanten jagen die Preise für Rohstoffe künstlich hoch“

Die Preise für Weizen, Mais und Soja schießen in die Höhe – und Spekulanten haben ihre Freude daran. Doch was für die Händler ein lukratives Geschäft ist, treibt die Ärmsten in noch größere Nöte.“

„An Rohstoffbörsen wie in Chicago treiben Zocker die Preise in die Höhe – und verteuern so für Milliarden Menschen die Grundnahrungsmittel.“

und dann trotzdem darauf verzichtet, das irgendwie zu begründen. Wie jagen Spekulanten die Preise für Rohstoffe hoch? Woher wissen Spiegel Online und die Bundesregierung das? Warum treiben die Spekulanten die Preise nicht stattdessen nach unten? Mit geeigneten Derivaten könnte das für sie doch ein genauso gutes Geschäft sein, und außerdem würden sie noch was sparen, wenn sie einkaufen gehen. Wer sind diese „Ökonomen“, die die aktuelle Preisentwicklung „kritisieren“, und wie stehen sie zu den Plänen unserer Regierung?

Es gibt im Artikel einen Link mit der vielversprechenden Beschriftung „mehr zu den Hintergründen…“, der zu diesem Artikel hier führt. Wer dort ernsthaft Informationen erwartet hat, wird aber gleich vom Titel auf den Boden der Medienrealität zurückgeholt:

„Zocker spekulieren die Armen in den Hunger“

Nachdem meine Handfläche weit genug an meinem Gesicht heruntergerutscht ist, dass ich den Bildschirm wieder sehen kann, versuche ich, möglichst vorurteilsfrei und offen an diesen, ähem, Hintergrundartikel heranzugehen. Also los.

Es ist ein Riesengeschäft für Spekulanten – und eine Katastrophe für die Ärmsten.“

Na gut. Könnte ja noch werden. Wird aber natürlich nich. Der Rest dieses Artikels ist genauso hirn- und argumentenloser Unfug wie in dem anderen, nur länger und mit mehr Details. Teilweise widerspricht er sogar dem ersten Beitrag und sich selbst, zum Beispiel hier:

„Dabei nutzen die Spekulanten einen ohnehin vorhandenen Trend aus. Denn unabhängig vom Börsenbetrieb gibt es einen ganz realen Grund, der Agrarrohstoffe teurer macht: die weltweit steigende Nachfrage nach Fleisch und Biosprit.“

wtf? Haben sich die Preise jetzt von Angebot und Nachfrage abgekoppelt oder nicht? Wenn die Rohstoffe durch die steigende Nachfrage teurer werden, was machen dann die Spekulanten? Ach so. Klar. Die nutzen den Trend aus und heizen ihn an. Kann man das auch irgendwie belegen und überprüfbar machen? Ach was, wozu denn?

„Wie das funktioniert, wurde Anfang August deutlich, als der Weizenpreis sprunghaft stieg. Ursprünglich hatte der Großteil der Anleger auf fallende Preise gesetzt […] Doch dann kam die Schocknachricht aus Russland: Weil Waldbrände die Ernte bedrohten, verhängte der Kreml ein Exportverbot. Am Markt herrschte plötzlich Panik. Durch massive Aufkäufe stieg der Weizenpreis zeitweise um 50 Prozent.“

Wie jetzt? Reden wir noch über fiese Spekulanten, die von steigenden Preisen profitieren? Aber da steht doch, dass die meisten auf fallende Preise… Ach so, jetzt gerade geht es um Panik und Hysterie. Ist das das Gleiche? Oder was anderes? Wie greift das ineinander? Egal.

„Die Verlierer des Spiels sind die Ärmsten der Armen.“

Passt immer. Schreibe ich in Zukunft auch in jedem Artikel mindestens einmal, das klingt so schön tiefsinnig und betroffen. Aber zurück zur Sache. Was war noch mal die Lösung?

„Hoffnung machen Forschungen in den USA: Künftig könnten beim Biosprit nur noch Pflanzenreste für die Produktion gebraucht werden – und nicht mehr die Maiskolben selbst. „Das wäre eine ideale Lösung“, sagt Herlinghaus. Und die Märkte könnten sich wieder beruhigen.“

Ähh… Und was ist mit dem Verbot von Spekulation? Darum ging es doch ursprünglich mal, oder? Und wäre nicht genau das die Aufgabe eines guten Nachrichtenmagazins, hier Zusammenhänge aufzuzeigen, damit die Leser ihr Schlüsse ziehen können?

Anscheinend nicht nötig. In den Kommentaren geht das auch so ganz gut, die Antwort ist ja auch offensichtlich:

Die einen schlucken den „Verlust“ und wenden sich neuen Spekulationsobjekten zu, die Betroffenen haben nichts mehr zum Schlucken.
Angekommen?

Ja doch. Alles klar jetzt.

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8 Responses to Verbrennt sie!

  1. Tim sagt:

    Die Welt der fiesen Finanzspekulateure ist so wunderbar nebulös, daß man sie immer als Grund für Übel aller Art nutzen kann. Wäre ja noch schöner, wenn ein SPON-Redakteur jetzt auch noch eine durchdachte Haltung zur Welt entwickeln müßte! Krawalljournalismus is it!

  2. Muriel sagt:

    @Tim: Wenn es denn wenigstens schön krawallig wäre, statt dieser tranigen Scheinseriosität. Ich bin schon gespannt, wer nach den Spekulanten dran ist.

  3. Blues Lee sagt:

    Ich weiß zwar, dass ihr euch in der Anti-Anti-Heuschrecken-Rolle gefallt. Und ich will in keiner Weise die Berichterstattung von SpOn verteidigen (dessen Status als Leitmedium mir grundsätzlich schleierhaft ist und wohl auch bleiben wird.)
    Allerdings schadet es nicht, sich selbst ein bisschen schlau(er) zu machen und anzuerkennen, dass Spekulationskapital einen Einfluss auf die Preisentwicklung von Nahrungsmittel hat. Wie man ganz ohne Probleme hier:
    http://www.ifpri.org/sites/default/files/publications/bp001gr.pdf
    oder aber hier:
    http://www.ifpri.org/sites/default/files/publications/ib57.pdf
    nachlesen kann.
    Um gleich einen (erwartbaren) Einwand vorweg zu nehmen. Selbstverständlich gibt es noch andere Faktoren, die auf die Preisentwicklung einwirken. Die Frage ist nur, ob dies den Einfluss der Spekulation rechtfertigt. Hm, nö.

  4. Muriel sagt:

    @Blues Lee: Dass wir uns in der Rolle gefallen… Magst du uns nicht mal zugestehen, dass das wirklich unsere Meinung ist?
    Aber danke für die Links, obwohl du da teilweise offene Türen einrennst. Natürlich hat Spekulation Einfluss auf die Preisentwicklung. Kennst du jemanden, der das leugnet?

  5. Blues Lee sagt:

    @ Muriel:

    Na, auf die Idee hätte man schon kommen können, das der eine oder andere diesen Einfluss leugnet. Wenn das bei dir nicht der Fall ist, um so besser.

    Da wir uns nun einig sind, dass die Nahrungsmittelpreise unter anderem auch aufgrund von Spekulationen steigen oder gestiegen sind, diese Spekulationen jedoch niemanden anderen reich machen als den, der spekuliert, Nahrung aber ein Grundbedürfnis aller Menschen ist, muss die Freiheit des Spekulanten hier hinter dem Wohl der Allgemeinheit zurückstehen und die Spekulation in diesem Fall verboten werden.

    Ich will gerne zugeben, dass der SpOn-Artikel nur höchst bedingt dafür geeignet ist, diesen einfachen Schluss zu ziehen.

    Was die Anti-Anti-Rolle angeht, bin ich sogar überzeugt, dass das eure Meinung ist. Allerdings stelle ich schon fest, dass ihr jede noch so winidige Geschäftemacherei mit der gleichen Reflexhaftigkeit verteidigt mit der sie von Politik und Medien angegriffen wird. Leider viel zu oft unter Zuhilfenahme wenig konkreter Konstruktionen wie Freiheit. Nun, wer wäre nicht gern der Verteidiger der Freiheit?

  6. Muriel sagt:

    @Blues Lee: Whoa, hey, ruhig Brauner. Wir sind uns einig, dass Spekulation den Preis beeinflusst. Den Rest hast du gesagt, und er ist meiner Meinung nach falsch. Erstens – das habe ich ja schon mal kurz erläutert – halte ich diese Einflussnahme für vorteilhaft und sinnvoll. Zweitens halte ich es für abwegig, zu unterstellen, dass Spekulanten die Nahrungspreise künstlich nach oben treiben, um davon zu profitieren. Drittens ist mir dein Schluss viel zu kurz, dass Spekulation Nahrung teurer macht, und weil alle Nahrung brauchen, muss Spekulation verboten werden. Nur um Missverständnissen vorzubeugen. Aber schön, dass wir wenigstens in Bezug auf den Spiegel-Artikel einer Meinung sind.

    Zu deinem letzten Absatz: Jede windige Geschäftemacherei? Fällt dir noch ein weiteres Beispiel außer Finanzmarktspekulation ein, das du als windige Geschäftemacherei empfindest? Und mit welcher Grundlage wirfst du mir vor, ich würde hier etwas „reflexhaft“ verteidigen, was unterstellt, dass ich nicht darüber nachdenken würde?

  7. Blues Lee sagt:

    @ Muriel:

    Ach, ich bin eigentlich ganz entspannt. Und braun … warte! … Nö, auch nicht.

  8. Muriel sagt:

    @Blues Lee: Auf deinem Foto da rechts siehst du für mich ziemlich braun aus. Aber ich hab auch eine ordentliche Farbschwäche.

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