Gegenteilwoche: Ampelmännchen

Nachdem mein erster Gegenteilartikel so kontrovers gewählt war, dass mir von meinen eigenen Argumenten stellenweise ein bisschen übel wurde, schalte ich heute mal einen Gang zurück und berichte von der Verbraucherschutzfront.

[picapp align=“none“ wrap=“false“ link=“term=traffic+light&iid=282395″ src=“http://view4.picapp.com/pictures.photo/image/282395/low-angle-view-traffic/low-angle-view-traffic.jpg?size=500&imageId=282395″ width=“234″ height=“237″ /]
(Symbolbild)

Ministerin Aigner hat versagt. Die deutsche Regierung ist vor den Partikularinteressen einer Branche eingeknickt und hat sich zum Dienstleister der Nahrungsmittelindustrie gemacht. Der Geschäftsführer von Food Watch, Thilo Bode, kritisiert, dass es der Politik am Willen fehlt, auch mal etwas gegen die Industrie zu entscheiden, und das ist auch kein Wunder, wenn die Nahrungsmittellobby eine Milliarde Euro ausgibt, um die von Food Watch gemeinsam mit Krankenkassen, Kinderärzten und Sozialverbänden geforderte Ampelkennzeichnung auf Lebensmitteln zu verhindern.

Wie einfach hätte es sein können? Auf einen Blick hätten wir alle erkannt, ob Lebensmittel viel, wenig oder eine mittlere Menge Fett, Zucker oder Salz enthalten. Ein Kinderspiel wäre es gewesen, zu erkennen, ob wir Gesundes kaufen oder uns krank futtern. Und gekostet hätte es auch niemanden was, denn die Ampelkennzeichnung hätte keinen zusätzlichen Aufwand bedeutet, da sie nur die ohnehin schon vorgeschriebenen, für die meisten Verbraucher aber völlig unverständlichen und nutzlosen Inhaltsstoffangaben veranschaulicht.

Wie wenig ist unserer Politik eigentlich der Verbraucherschutz und die gesunde Ernährung nicht zuletzt auch unserer Kinder wert, wenn sie nicht einmal so eine einfache und doch so hilfreiche Regelung gegen die mächtige Wirtschaft durchzuboxen bereit ist?

Wenn wir nicht einmal eine Kennzeichnungspflicht für übermäßig fett- oder zuckerhaltige Lebensmittel auf die Reihe bekommen, müssen wir uns wohl erst gar keine Hoffnung machen, eines Tages sicher sein zu können, dass „Schinken“ nicht nur aus Fleischresten zusammengeklebt, sondern wirklich echter Schinken ist. Wie auch, wenn die Lebensmittellobby sogar in Brüssel die Gesetze mitformuliert?

Armes Deutschland.

Advertisements

22 Responses to Gegenteilwoche: Ampelmännchen

  1. Andi sagt:

    Ja, genau. Auf Cola-Flaschen muss endlich draufstehen, dass da viel Zucker drin ist, stark kenntlich gemacht. Und dass es vorkommen kann, dass in Mayonnaise (ist das so richtig geschrieben?) Fett vorkommen kann. Ich mein: ohne so eine Ampel oder Tabelle oder was weiß ich, weiß doch kein Mensch, dass in Cola wirklich Zucker ist.

  2. juliaL49 sagt:

    Was genau ist jetzt das Problem? Dass wir als doofe Verbraucher mit den Ampeln endlich hätten einkaufen können? Ich finde die Idee fantastisch und finde es schade, dass der Wille gegen die Industrie fehlte.

    Natürlich ist mit so einer Regelung allerlei Schabernack Tür und Tor geöffnet, dass z.B. wie in Großbritannien auch Allergikerhinweise auf die Packungen müssen – auf dem Müsli steht dann „may contain nuts“ bzw. „enthält möglicherweise Nüsse“ und auf der Nudelsoße steht drauf, dass in derselben Fabrik auch Milcherzeugnisse abgefüllt werden und Laktoseintolerante sich dessen bewusst sein sollten.

    Um zur Ampel zurück zu kommen: damit hätte man auf einen Blick gesehen, was Sache ist und muss sich nicht vorher anlesen, wieviel mg Salz pro Portion denn nun gesund sind.

  3. Frau.Meer sagt:

    Ich fände diese Ampel eine tolle Idee. Dann bräuchte ich endlich nicht mehr krampfhaft an meine Lesebrille für Einkäufe denken.

  4. TakeFive sagt:

    Naja aber was „gesund“ ist ist noch sobald man genauer hinschaut gar nicht so klar. Es gibt ja auch Leute die sich gerne ungesund ernähren (sagen wir mal BurgerKing+Chips+Bier oder so) und dabei dennoch gesund und sportlich sind.
    Der Ampelkram würde Klarheit vortäuschen wo keine herrscht. by the way: wer findet das mit der kalorienangabe auf der Pakckung seltsam? Ich nicht, bis ich gelesen habe dass dan wirklich über den „Brennwert“ ermittelt wird, also dass es einfach im Labor bis zur Asche verbrannt wird und der entwickelte Energie augeschrieben wird. Sägespäne und Heu haben sagenhaften Kalorieninhalt. Wenn das die in der dritten Welt wüssten..
    Hm das war schon fast eine Mythenmetz’sche Abschweifung.
    Was ich sagen wollte: verschiedene Menschen nehmen Nahrungsmittel verschieden gut auf. Nicht nur die Energie sondern auch den Rest, Fett, Vitamine, Spurenelemente. Je nach Darmflora und wasweißichnochalles. Manche können sich jeden Tag vollfressen und bleiben schlank, andere essen jeden Tag eine Gurke und haben trotzdem Bluthochdruck und Schwimmringe.
    Das passt auf keine Ampel.

  5. Muriel sagt:

    @TakeFive: Das mit dem Brennwert ist ja spannend. Kannst du mir sagen, wo ich das nachlesen kann?
    Davon abgesehen: Aber viel Zucker und viel Fett ist für jeden ungesund. Auch wer das gut verarbeiten kann, ernährt sich gesünder, wenn er nicht zu viel davon aufnimmt. Allein schon wegen der Zähne und der anderen Nährstoffe.

  6. juliaL49 sagt:

    Muriel, das muss man nicht nachlesen, das wird nunmal so gemacht und daher stammt der Name. Das sollte man in der Schule mal gemacht oder vorgeführt bekommen haben (oder zumindest in den Chemiefächern im Studium und leider, leider kann man dabei so einiges falsch machen (nicht, dass ich aus eigener Erfahrung wüsste))

  7. Mareike sagt:

    Find ich schon etwas traurig, dass man es nicht geschafft hat diese Ampeldinger einzuführen.
    Ob die Einführung dieser Ampelmännchen für den Großteil der Bevölkerung eine positive Veränderung darstellen würde und ob diese Farbeinteilung so richtig sinnvoll ist weiß ich nicht. Die meisten würden denke ich ihr Kaufverhalten nicht großartig ändern, aber für die Kinder wäre es meiner Meinung nach eine bessere Veranschaulichung als zu sagen „da sind aber viele Kalorien drin“.
    Ob dieser kleine Vorteil den Aufwand (ob er jetzt groß oder klein ist) rechtfertigt ist eine andere Sache. Doch da mir grade nichts einfällt was an diesen Ampelteilen besonders negativ sein könnte (außer man könnte irgendwie schummeln), find ich wären die schon irgendwie toll. Ich mag bunte Farben.^^

  8. Tim sagt:

    Ich finde, daß man noch viel weiter gehen müßte. Auch auf CDs und Bücher gehören glasklare Hinweise, wie (kulturell) wertvoll die jeweiligen Werke aus objektiver Sicht sind. Der Verbraucher muß wissen, welchen Schund er kauft. Es darf nicht sein, daß die Industrie mit minderwertigen Produkten Geld verdient.

  9. TakeFive sagt:

    @JuliaL49
    seit ich deine Posts lese halte ich unser Schulsystem für weniger schlimm
    @Muriel: naja also gelesen hab ichs in einem seriösen Buch, aber das ist zu lange her als dass ich noch den Titel wüsste. Aber an halbseriösen Quellen hätte ich Wikipedia mit http://de.wikipedia.org/wiki/Physiologischer_Brennwert zu bieten.

  10. Ron sagt:

    Das brisantere Thema hier scheint mir tatsächlich allerdings eher der Einfluss der Lobbyisten auf politische Entscheidungen zu sein. Klar, das gab es schon immer, aber irgendwie habe ich das Gefühl, dass die sich mittlerweile nicht mal mehr besonders anstrengen ihre „Bemühungen“ zu verschleiern. Aktuelles Beispiel ist ja der sogenannte „Atomkompromiss“, der nur einer Gruppe hilft: den großen Stromkonzernen. Da hat man schon einen Markt, auf dem es so gut wie keinen Wettbewerb gibt und dann schafft es die Industrie auch noch, dieses noch weiter auszuhebeln …

    Um aber zur Lebensmittelampel zu kommen: ich bin trotz der auch hier teilweise angesprochenen Probleme für eine Einführung. Den auch wenn so eine Ampel nur ein Teil der Wahrheit ist, so ist sie doch ein guter Indikator und kann schlicht und einfach hilfreich sein (nicht jeder kann oder will sich schließlich in die Tiefen der Ernährungswissenschaft begeben).

  11. Nardon sagt:

    @Take Five: Danke für den Link

  12. Tim sagt:

    @ Ron

    Dein Beitrag hat mich dazu gebracht, meine Forderung noch einmal auszuweiten: Auch auf Fahrräder gehören natürlich große Farbhinweise, die anzeigen, wie schnell man damit fahren kann bzw. wie gefährlich es ist. Jeder Käufer muß im Laden auf einen Blick erkennen können, daß ein Rennrad gefährlicher als ein Oma-Rad ist, denn nicht jeder kann oder will sich in die Tiefen der Sportwissenschaft/Orthopädie begeben.

    Auch vermeintlich harmlose Warengruppen sollten über kurz oder lang erfaßt werden. Beispiel: Koffer. Auf einen großen Koffer gehört ein roter Warnsticker, damit der Kunde noch vor dem Kauf weiß: Obacht! Wenn der Koffer gefüllt ist, wiegt er am Ende deutlich mehr als ein kleiner. Ohne diesen Hinweis kann der Kunde das nicht wissen.

    Weitere Beispiele lassen sich bestimmt zuhauf finden. Mit der Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel greift die Politik viel zu kurz und macht uns Konsumenten zum Spielball unserer eigenen Kaufentscheidungen. Das ist die größte Gefahr für die Volksgesundheit, die es überhaupt gibt.

  13. Ron sagt:

    @Tim

    Stimmt. (aber nur wenn auch in den Kommentaren Gegenteilwoche ist).

    Ansonsten würde ich mit der Intention hinter diesen überspitzten Beispielen nicht konform gehen. Denn offensichtlich ist den Meisten bekannt, dass ein gefüllter Koffer schwerer ist (und z.B. dem Rücken bei falschen Heben ganz böse Aua machen kann). Bei der Ernährung scheint das noch nicht so bis zur Allgemeinheit vorgedrungen zu sein (da schaue ich auch gerne mal in den Spiegel …).

  14. madove sagt:

    Schade, daß immer noch Gegenteilwochen sind – ich würd ja auch fast zustimmen.
    Als jemand, die aus einer Familie kommt, wo immer schon sehr aufmerksam einkauft und die also eigentlich gewöhnt ist, mit einer E-Nummern-Liste und einem Greenpeace-Einkaufsführer und einer bedrohte-Fischarten-Tabelle und einem Hochschulstudium einkaufen zu gehen, bringt mir persönlich das nicht besonder viel.
    Aber von einem durchschnittlichen Menschen auf Facharbeiter- oder Hauptschulabschlußniveau zu verlangen, daß er intellektuell mit der Marketingabteilung eines Lebensmittelkonzerns gleichzieht, um an der Werbung und Verpackung vorbei eine qualifizierte Entscheidung zu treffen, halte ich für gewagt, und beinahe jede Deklaration, die ihm eventuell dabei helfen könnte, für wünschenswert.
    Auch weil es eben nicht ist wie bei Koffern oder Mayonnaise, daß man nämlich die Kalorien (oder böse Zusatzstoffe) immer sehen, wissen und spüren kann.

  15. Chlorine sagt:

    Mir ist gerade meine Kartoffelchipstüte von der Tastatur gefallen, so dermaßen aufgebracht bin ich!
    Wer – um Himmels Willen- wird mich nun vor mir selbst schützen!?

    Und noch etwas zum Post vom Montag, in dem du die Aktionswoche eingeleitet hast:
    Du hast auch schon mal bessere Blogs verlinkt.

  16. Tim sagt:

    @ Ron

    Bei der Ernährung scheint das noch nicht so bis zur Allgemeinheit vorgedrungen zu sein (da schaue ich auch gerne mal in den Spiegel …).

    Ganz genau. Und genau darum muß man diese Vorsicht eben auch auf andere Bereiche anwenden. Wer einen Stuhl kauft, muß genau erfahren, wie lange er pro Tag auf diesem Stuhl sitzen kann, ohne daß er langfristig Gesundheitsprobleme bekommt. Schließlich sind die wenigsten Konsumenten ja physiotherapeutisch ausgebildet. Die Industrie scheint zu erwarten, daß jeder Konsument ein Fachmann ist. Wir dürfen die Gesundheit der Menschen aber nicht irgendwelchen Industrieinteressen opfern!

  17. Rayson sagt:

    Es ist ja nunmal so, dass der Verbraucher so sehr von der Werbung und dem Produktdesign manipuliert wird, dass er keine selbständigen Entscheidungen zu treffen in der Lage ist. Er muss daher in drastischer Form auf die Konsequenzen seiner Wahl aufmerksam gemacht werden. Das funktioniert bei Zigarettenpackungen auch ausgezeichnet – durch die aufgedruckten Warnhinweise wurden viele tausend Menschen zu Nichtrauchern oder vom Rauchen überhaupt abgehalten.

    Da diese Gesellschaft eine solidarische ist, was das Grundrecht auf Krankenversorgung einschließt, kann die persönliche Gesundheit auch nicht mehr in das Ermessen des Einzelnen gestellt werden.

    Darüber hinaus ist Tim völlig zuzustimmen. Solche Systematiken sind konsequent auszuweiten und anzuwenden. Das Wohlergehen der Menschen darf nicht länger zum Spielball von Profitinteressen werden. Ich möchte hier anregen, insbesondere nachhaltige Produkte, also solche, die unter Einhaltung deutscher Umweltrichtlinien, Arbeitsgesetze und Tarifabschlüsse gefertigt wurden, von anderen Produkten sichtbar zu unterscheiden, z.B. indem man Importprodukte aus Asien mit einer roten Ampel oder einem Totenkopf kennzeichnet.

  18. Guinan sagt:

    Ich hätte eine vernünftige und deutliche Kennzeichnung, ob nun Ampel oder was auch immer, gar nicht so schlecht gefunden.
    In der Hetze und Eile des Nach-Feierabend-und-vor-Kinder-Abholen-Einkaufs ist schon so manches Teil in meinem Einkaufswagen gelandet, über das ich mich hinterher geärgert habe.

  19. Muriel sagt:

    @Chlorine: Du hast eine Chipstüte auf der Tastatur? Hoffentlich steht sie nicht auf wichtigen Buchstaben.

  20. Wiebke sagt:

    Mal so rein aus Interesse: Wie soll den die Abbildung

    (verschiedene Fettarten, Kohlenhydrate, Eiweisse, Ballaststoffe, Vitamin A, B, C, D, …, Z, Farbstoff A, B, C, D, …, Z, …) -> {1,2,3}

    genau funktionieren? Klingt mir doch nach einem wirklich interessanten Klassifikationsproblem. Von der Normierung ueber die Zusammenstellung des Testdatensatzes bis hin zur Validierung der korrekten Klassifikation anhand einer repraesentativen (sic!) Testgruppe klingt das nach einer Nature-Publikation… 😛

    Die haben uebrigens mal eine Studie ueber Nahrungsmittel-Studien veroeffentlicht die aussagte, dass man am Ende gewoehnlich ausser sehr generellen Aussagen nichts mit Gewissheit sagen kann. (D.h. gewoehnlich kann man bei den Ergebnissen keine statistische Signifikanz zeigen, oder das Test-Design ist von Anfang an falsch…).

    Aber Ampeln sind natuerlich huebsch, und fuer die Leute, die noch nie gehoert haben, dass es ungesund ist, sich ausschliesslich von Chips oder Gummibaerchen zu ernaehren, bestimmt sehr hilfreich.

  21. Wiebke sagt:

    Toll. Das Blog hat meinen Kommentar gefressen. Den tipp ich jetzt aber nicht nochmal. 😦

  22. Wiebke sagt:

    Oh. Es hat’s wieder ausgespuckt. 🙂

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: