Ich habe zwar keine Ahnung, aber

trotzdem eine Meinung, das kennt ihr ja schon von mir, und wenn zwei meiner Lieblingsthemen zusammentreffen wie heute bei diesem FAZ.net-Artikel unter der Überschrift „Ist die Organspende noch zu retten?„, dann kann ich sie einfach nicht für mich behalten. Erst steht da:

„Biologische und neurologische Kriterien genügen nicht zur Entscheidung über Leben und Tod.“

Eine große Behauptung, von der man meinen sollte, dass sie eine gute Begründung braucht. Man meint natürlich falsch. Im Grunde geht es in dem Artikel darum, dass angeblich Zweifel bestehen an der Maßgeblichkeit des Hirntodes für den Tod des ganzen Menschen. Als Beleg dafür zieht der Autor Stephan Sahm die Begründung der US-amerikanischen „President’s Commission on Bioethics“ heran, nach der der Organismus mit dem Hirntod aufhöre, ein „integriertes Ganzes“ zu sein. Das sei aber Unsinn, sagt er, denn Hirntote können ihre Körpertemperatur regulieren, Nahrung verdauen und überhaupt physisch noch tadellos funktionieren, und damit sei der Hirntod als Maßstab obsolet.

Natürlich Leider verlinkt faz.net nicht auf diese Begründung der Commission, und ich habe sie via Google auch bisher nicht gefunden, sonst könnte ich überprüfen, ob da überhaupt was dran ist. Ich bin aber der Meinung, dass das im Grund auch keine Rolle spielt, denn nach meinem – zugegebenermaßen laienhaften – Verständnis bläst Sahm hier bestenfalls ein Formulierungsproblem so weit auf, dass es seiner Meinung nach unser ganzes System der Organspende in Frage stellt:

„Das Konzept des Hirntods ist unerlässlich für die Transplantationsmedizin. Fällt es, kann sie ihre Tore schließen.“

Dazu wirft er noch munter das Definitionsproblem mit technischen Fragen durcheinander:

„Zudem ist die Feststellung des Hirntods mit einer Reihe von Unsicherheiten behaftet.“

und tut überhaupt sein Möglichstes, um die Angst vor der tückischen Organspendemafia zu schüren:

„Ein britischer Anästhesist wird mit den Worten zitiert, er befürworte die Transplantation von Organen, gedenke aber nur dann einen Spenderausweis bei sich zu führen, wenn er sicher sein könne, dass er vor der Entnahme betäubt würde.“

Und wenn er schon mal dabei ist, bringt er auch gleich noch ein bisschen fundamentale Wissenschaftskritik vor:

„Die Beschränkung auf biologische und neurologische Kriterien hatte den Vorteil, die Suche nach einer philosophischen oder theologischen Todesdefinition zu umgehen.“

Korrigiert mich, wenn ihr es besser wisst, aber diese Argumentation ergibt aus meiner Sicht von vorne bis hinten keinen Sinn. Hirntod ist deshalb der sinnvollste Maßstab für den Tod, weil alles, was uns als Persönlichkeiten ausmacht, im Gehirn stattfindet. Wenn das Gehirn nicht mehr arbeitet, dann kann unser Körper möglicherweise noch seine Temperatur aufrecht erhalten, aber das kann der Heizkörper in meinem Wohnzimmer auch. Trotzdem hat er keine Menschenrechte. Was für eine Rolle spielt es, ob der Körper auch ohne Gehirn noch als „integriertes Ganzes“ funktioniert, sogar wenn eine Kommission in den USA das mal als Begründung vorgegeben hat? Und wozu bitte soll eine „theologische Todesdefinition“ gut sein? Brauchen wir auch noch eine pädagogische, eine literaturwissenschaftliche und eine astrologische[Fußnote 1]?

Irgendwie scheint es überhaupt das Leitmotiv in Sahms Artikel zu sein, dass Naturwissenschaft einfach nicht ausreicht.

„Wenn es um brisante Themen der Biopolitik wie die Embryonenforschung geht, werden Philosophen, die naturphilosophische Argumente vortragen, ebenso wie Theologen oft als Ewiggestrige verunglimpft. Im Falle des Hirntods könnte sich das ändern. Vielleicht ist er anders tatsächlich nicht zu retten.“

Wer hat wann Philosophen als Ewiggestrige verunglimpft, weil sie philosophische Argumente vorgetragen haben? Und sitzen Theologen nicht auch bei uns in allen Ethikkommissionen und dürfen da ganz ernsthaft mitreden, als wären sie dazu durch irgendwas qualifiziert? Und was hat das jetzt überhaupt noch mit der Eingangsfrage zu tun? Wenn Herr Sahm die philosophischen und theologischen Standpunkte für so wichtig hält, hätte er ja vielleicht auch mal einen erwähnen können, der aus seiner Sicht zur Wahrheitsfindung beiträgt.

Dafür müsste man sich aber natürlich für die Wahrheit interessieren, und nicht einfach nur ein bisschen Aufregung erzeugen wollen.

[1] Disclaimer: Ich will damit nicht sagen, Pädagogik und Literaturwissenschaft seien vergleichbarer Blödsinn wie Theologie und Astrologie. Aber sie haben in meinen Augen genauso wenig zu der Frage zu sagen, wann und wie ein Arzt den Tod feststellen sollte.

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8 Responses to Ich habe zwar keine Ahnung, aber

  1. Andi sagt:

    Bis zu dem Kram „philosophische und theologische Todesdefinition“ konnte ich Herrn Sahm ja zumindest noch irgendwie folgen, aber wenn er sowas raushaut, muss schon was handfestes kommen. Wenn da nix kommt, isses Bullshit. Ich befürchte aber, es wäre Bullshit geblieben, selbst wenn da noch eine Erläuterung oder so gekommen wäre…

    „Hirntod ist deshalb der sinnvollste Maßstab für den Tod, weil alles, was uns als Persönlichkeiten ausmacht, im Gehirn stattfindet.“
    Find ich ja übrigens nicht – aber ich glaube, du meinst es auch nicht so philosophisch wie ich. 🙂 Von daher verstehe ich, was du meinst und stimme dir in, sagen wir medizinischer Hinsicht auch zu.

    Ich find übrigens ganz gut, dass keine Gegenteilwoche mehr ist. 🙂

  2. Cassandra sagt:

    Was ich mir auch gar nicht vorstellen kann (und Tante Google wußte auch keine Antwort):

    Was soll eigentlich eine „theologische Todesdefinition“ genau sein?

    Werden dabei dieselben Techniken angewendet wie bei einem Exorzismus um festzustellen ob noch „jemand“ im Körper drin ist?

    In dem Fall kann ich mir kaum vorstellen, dass das Theologen ernsthaft anwenden wollen…

  3. Travis sagt:

    Das doch recht umfangreiche Dokument habe ich bei Weitem noch nicht durch. Soweit ich das beim Überfliegen aufgeschnappt habe, werden durchaus ein paar Mal Unsicherheiten in der Diagnose des Hirntods aufgeführt. Im Großen und Ganzen wird aber das philosophische Argument aufgegriffen, ob beim Körper die Grenze zwischen lebendig und tod entsprechend der Antwort auf die Frage gezogen werden soll, ob die Organe zusammenarbeiten oder ob sie nur arbeiten. (S. 39f)

    Bei einer zweifelhaften Diagnose des Todes finde ich es durchaus plausibel, dass man eine entsprechende Feststellung des Todes ablehnt. Das ist aber meiner Auffassung nach weder der Hauptkritikpunkt der Komission noch der von Sahm. Was mich wundert ist nicht, dass die erwähnte bisherige Definition eines lebenden Organismus jetzt angegriffen wird, sondern dass sich diese überhaupt so etabliert hat. Überspitzt formuliert gibt es in dieser sogar einen fließenden Übergang von lebender Person zur Leiche, je nach der Anzahl an künstlichen Organen, die man implantiert bekommt. Den

    Hirntod ist deshalb der sinnvollste Maßstab für den Tod, weil alles, was uns als Persönlichkeiten ausmacht, im Gehirn stattfindet.

    Mit ziemlicher Sicherheit die Sinnvollste, aber vielleicht nicht Bombensichere. Hier ist das was ich aus der Publikation herauslese durchaus Besorgnis erregend, da Hirntod anscheinend nicht immer gleich Hirntod ist (S. 35ff). Aber selbst die Mitglieder der Kommission beschwören keine Endzeitstimmung. Formulierungen wie „Der Versuch, [den Hirntod] naturwissenschaftlich zu fundieren, ist gescheitert.“ halte ich für absolut verfrüht.

    Was die Kompetenzen angeht, bin ich der Meinung, dass eine Definition des Lebens nach dem Stand der Wissenschaft verwendet werden sollte. Ist eine solche nicht ausreichend – oder was ich eher glaube, mit dem momentanen Kenntnisstand noch nicht möglich – werden von mir aus Philosphen hinzugezogen, die sich dementsprechend nicht unbedingt in die Arbeit der Medinziner einmischen. Ich würde es jedoch sehr begrüßen, hier eine Hierarchie zu sehen. Wenn Naturwissenschaftler eine Analyse abgeliefert haben, sollten Philosophen herzlichst eingeladen werden, sich im Rahmen der von der Analyse aufgespannten Möglichkeiten auszutoben. Der Erfahrung nach sind aber Philosophen wesentlich zerstrittener als Naturwissenschaftler. Wie eine philosophische Diskussion ernsthaft ein Problem lösen könnte, bei dem die Wissenschaft scheitert?

    …ich glaube, ich muss in meiner Patientenverfügung einiges klarstellen.

    Als eines der erwähnten Lieblingsthemen habe ich jetzt Organspende ausgemacht. Darf ich fragen, was das Zweite ist, bei dem ich mir nicht mehr so ganz sicher bin? Theologie? Die FAZ? Oder vielleicht Behauptungen aufstellen, ohne sie zu belegen?

  4. dot tilde dot sagt:

    ja, verfrüht.

    ich fände sogar die formulierung „der versuch, [die unbestimmbarkeit des hirntods] naturwissenschaftlich zu fundieren, ist noch nicht geglückt“ tragbar.

    .~.

  5. Muriel sagt:

    @Travis: Danke für den Link! Ich bin auch noch nicht dazu gekommen, das durchzulesen, aber es hilft schon mal beim Verständnis. Ich glaube inzwischen, dass Herr Sahm davon ausgeht, dass eine naturwissenschaftliche Defintion von „Tod“ nicht auf das menschliche Bewusstsein rekurrieren darf, weil das der Theologie und Philosophie vorbehalten ist. Das würde seine krause Idee erklären, wir wären auf die Integrität des Organismus und ähnlichen Unsinn angewiesen.
    Zu deiner Frage: So gesehen sind es vielleicht sogar drei Lieblingsthemen. Dann wäre das zweite wissenschaftsfeindlicher Aberglaube und das dritte Medienkritik. Ursprünglich hatte ich aber nur an den Aberglauben gedacht.

  6. brain sagt:

    Stephan Sahm ist übrigens internistischer Chefarzt einer Frankfurter Klinik. Vom Tod hat er wahrscheinlich mehr Ahnung als so mancher Kommentator.

  7. Muriel sagt:

    @brain: Dann ist es umso bedauerlicher, dass er seine Leserinnen und Leser nicht davon profitieren lässt, oder?

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