Gelbe Bevormundung ist doch irgendwie viel schöner als rote, oder?

Anuntio vobis gaudium magnum, unserer Regierung ist erneut ein großer Wurf gelungen, ach, was rede ich: Der große Wurf!

Das Abkassieren bei Telefon-Warteschleifen hat bald ein Ende: „Warteschleifen dürfen bei teuren Service- und Mehrwertdienste- Rufnummern künftig nur eingesetzt werden, wenn der Angerufene die Kosten der Warteschleife trägt“, sagte Wirtschaftsminister Rainer Brüderle (FDP).

Auch der Facebook-Arm der FDP brüstet sich mit dem Verbot des „Geschäftsmodells Warteschleife“:

Die Koalition setzt nun in einem weiteren zentralen verbraucherpolitischen Thema eine liberale Position um.

[…]

Eine telefonische Warteschleife war und ist keine Serviceleistung für Verbraucher. Liberale Politik konnte daher erneut die Rechte der Verbraucher stärker [sic].

Und mir ist so schlecht, dass mir fast die Worte fehlen. Sicher, das ist kein besonders wichtiges Thema, und insbesondere diejenigen unter euch, die die FDP sowieso nicht leiden können, verstehen wahrscheinlich gar nicht, warum ich mich aufrege. Ich will aber versuchen, es euch kurz zu erklären:

Es handelt sich hier um einen weiteren von vielen kleinen Einschnitten in individuelle Freiheit unter dem Vorwand, Verbraucher vor sich selbst schützen zu müssen.

Wenn ich irgendwo anrufe, dann kann ich mich vorher darüber informieren, was es kostet. Und wenn ich damit nicht einverstanden bin, oder die Warteschleife mir zu lang ist, dann kann ich es lassen. Oder ich kann woanders anrufen. Wo ist da die Notwendigkeit für ein Einschreiten des Gesetzgebers? Natürlich ist es auf den ersten Blick bequemer, wenn ich darüber einfach nicht mehr nachdenken muss und darauf vertrauen kann, dass der Staat das schon alles in meinem Sinne regelt. Aber für mich gehört es eben zu einem mündigen Bürger, dass er seine Angelegenheiten selber regelt, dass er Verantwortung übernimmt für sein Leben, und dass er sich bei seinen Entscheidungen verdammt noch mal nicht das Nachdenken erspart und darauf vertraut, dass der Staat das schon alles geregelt hat. Meine eigenen Interessen kennt niemand so gut wie ich selbst.

Nach wie vor einer der gruseligsten Sätze, die ich kenne: „Wir sind von der Regierung, und wir sind hier, um Ihnen zu helfen.“

Diese neue Vorschrift schränkt unsere Vertrags- und Entscheidungsfreiheit ein, und unser gelber Koalitionspartner hält es nicht einmal für nötig, das in irgendeiner Weise zu rechtfertigen oder auch nur zu erwähnen. Nicht nur das, er hat sogar noch die unfassbare Chuzpe, diese Gängelei als „liberale Politik“ zu feiern. Und das finde ich so widerlich, dass ich deshalb echt gerne aus diesem Verein austreten würde. Leider geht das aber nicht, weil ich gar nicht drin bin. Alles Mist.

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41 Responses to Gelbe Bevormundung ist doch irgendwie viel schöner als rote, oder?

  1. Daniel sagt:

    Aber woher soll ich wissen, wie lang die Warteschleife ist? Mit dieser Argumentation bräuchten die Firmen garniemanden mehr vors Telefon setzten. Einfach eine Warteschleife einrichten, der Kunde weiß ja, wie viel es kostet und kann jederzeit auflegen.

  2. Muriel sagt:

    @Daniel: Und du glaubst, das wäre ein tragfähiges Geschäftsmodell?

  3. Rayson sagt:

    Liberal ist eben im liberalen Sinne nicht nur liberal.

  4. Guinan sagt:

    Irgendwie muss die Regierung doch mal zeigen dürfen, dass sie nur das Beste für uns alle will. Gerade in diesem speziellen Fall finde ich die ‚Gängelei‘ gar nicht mal so verwerflich, eben weil man manchmal keine andere Möglichkeit hat als Servicenummern zu akzeptieren. Die sind doch inzwischen gängige Geschäftspraxis. Achtest du wirklich vor jedem Kauf oder Vertragsabschluss darauf, wie das Unternehmen bei Problemen erreichbar ist?

  5. Muriel sagt:

    @Guinan: Nein. Ich achte auch in aller Regel nicht drauf, was ein Burger kostet, bevor ich ihn bestelle.
    Bezahlen muss ich hinterher trotzdem. Das nennt man Verantwortung, und ohne die gibt es keine Freiheit.
    Ich habe auch keine andere Möglichkeit, als eine Autowerkstatt zu nutzen, wenn mein Auto kaputt ist, und um mir die Haare schneiden zu lassen, gehe ich zum Friseur. Trotzdem fände ich die Idee widerwärtig, dass die Regierung Automechanikern und Friseuren vorschreiben müsste, wie sie ihre Arbeit abzurechnen haben.

  6. Rayson sagt:

    @Guinan

    Achtest du wirklich vor jedem Kauf oder Vertragsabschluss darauf, wie das Unternehmen bei Problemen erreichbar ist?

    Wenn ich etwas kaufe, bei dem ich mit Problemen rechnen muss, die ich vermutlich nicht selbst lösen kann, und dessen Ersatz sehr kostspielig wäre: Ja klar.

    Mich wundert immer, dass in der Demokratie jeder fähig sein soll, über alles mitzubestimmen, aber ausgerechnet bei der Regelung seiner eigenen Angelegenheiten als hilfloser Depp zu gelten hat.

  7. Thomas sagt:

    @Muriel: das was Daniel vorgeschlagen hat ist, wenn auch nicht in dieser extremen Form, ein Geschäftsmodel, das faktisch praktiziert wirdl – daher auch das Gesetz. Und was die Vertragsfreiheit anbelangt: die ist gar nicht berührt. Die Dauer einer Warteschleife ist nie Bestandteil des geschlossenen Vertrages sondern eine einseitige Auslegung des Anbieters zu Lasten des Kunden. Dadurch werden die wahren Kosten für den Kunden verschleiert. So gestaltete Verträge sind auch in anderen Bereichen schon immer gesetzwidrig gewesen. Das Gesetz sorgt hier nur für Klarheit in einem konkreten Fall.

  8. Guinan sagt:

    @Muriel: Bei Friseuren und Automechanikern hast du ja auch im Vorfeld reichlich Auswahl. Wenn du dich entscheidest zum Starfriseur zu gehen – bitte schön, deine Entscheidung. Der darf kassieren, was du bereit bist auszugeben. Da bist du auch nicht langfristig gebunden. Es fallen mir schon ein paar Branchen ein, in denen das anders ist.
    Eine Obergrenze für Angebotspreise war bisher meines Wissens nach noch nirgendwo angedacht. Einen gewissen Schutz vor Abzock-Firmen halte ich allerdings für ok. Fallen im Kleingedruckten können sich manchmal sehr verstecken.
    @Rayson: Ist man gleich ein hilfloser Depp, wenn man sich gegenüber einem Unternehmen mit einen ganzen Stall von Anwälten benachteiligt fühlt?

  9. Muriel sagt:

    1. Dass es Unternehmen gibt, die für ihre Warteschleife bisher Gebühren berechnet haben, ist mir klar. Meine Frage bezog sich konkret auf Daniels Modell. 2. Verstehe ich dich richtig, dass es sich deiner Meinung nach um ein Gesetz ohne materielle Wirkung handelt?

  10. Rayson sagt:

    @Guinan

    Brauche ich Anwälte, um Preise zu vergleichen? Verstehe deinen Einwand nicht.

  11. Frank sagt:

    „Und wenn ich damit nicht einverstanden bin, oder die Warteschleife mir zu lang ist, dann kann ich es lassen. “

    ‚Tschuldigung, aber in dem Moment, in dem mir die Warteschleife zu lang wird (und ich sie ja verlassen kann), hat sie mich trotzdem schon Geld gekostet und das Verlassen der Schleife ändert nichts mehr daran ?!

    D.h. das theoretische Verlassenkönnen der Warteschleife ist kein wirksamer Schutz gegen Abzocke, da mich die Warteschleife ja IN JEDEM Fall Geld kostet, auch wenn ich schon nach 10 Sekunden auflege.

    Das Kind ist quasi schon in dem Moment in den Brunnen gefallen, in dem die Warteschleife beginnt (meist direkt nach Beendigung des Wahlvorganges).

    Fadenscheiniges Argument Ihrerseits also.

    Genau wie das des „mündigen“ Bürgers.Jeder, der in Ihrem Wertesystem nicht als „mündig“, sondern im Gegenteil dann ja als „naiv“ bis sogar „dumm“ zu bezeichnen sein müsste, hätte es also nicht besser verdient, als abgezockt zu werden ?!

    Weil quasi jeder, der nicht so „mündig“, aufgeklärt und informiert ist wie Sie eh nicht so wirklich zählt…?

    Mal nachdenken darüber, ob das Modell und Argument des „mündigen Bürgers“ als das einzig und ausschliesslich massgebliche nicht was darwinsches‘ bis faschistisches hat.

  12. Guinan sagt:

    @Rayson: Für Preisvergleiche wohl kaum. Wenn man erstmal in einem Vertrag drinsteckt, ist es dafür ja auch ein bisschen spät. Dann muss man den Preis des Unternehmens akzeptieren, auch wenn der vielleicht vorher nicht wirklich ersichtlich war.
    Da finde ich dann ein bisschen Rückendeckung gegen die geballte Sachkompetenz der Rechtsabteilung ganz angenehm.

  13. Rayson sagt:

    @Guinan

    auch wenn der vielleicht vorher nicht wirklich ersichtlich war.

    Aber genau das ist doch der Punkt. In den meisten Fällen ist der Gesamtpreis ersichtlich, wenn man etwas (nicht allzu viel) Zeit und Mühe investiert. Zwar wird er von der Werbung meistens nicht herausgestellt. Aber soll denn das, was Werbung vermittelt, das Einzige sein, was wir dem Konsumenten an Aufnahmefähigkeit zutrauen dürfen?

    Ich gebe mal ein Beispiel: Viele fühlen sich von ihren Telekomgesellschaften ungerecht behandelt. Das kann ich sogar aus eigener Erfahrung nachvollziehen. Aber es gibt Anbieter mit einer vier- bis sechswöchigen Kündigungsfrist, d.h. bei denen kann ich davon ausgehen, dass sie sich mehr Mühe mit Bestandskunden geben als diejenigen, die einen Zweijahresvertrag sicher in der Tasche haben.

    Einer davon wirbt jetzt sogar mit diesen kürzeren Laufzeiten, was ich erstens für eine gute Idee halte und was mich zweitens in meinem Werben für die Differenzierungskraft von Märkten bestätigt.

    Was meinst du, wie würde es einem Anbieter ergehen, der mit einer günstigen Servicehotline wirbt, dafür aber einen, sagen wir mal:, um 5 Euro höheren Preis für seine Flatrate verlangt? Richtig, er würde erhebliche Einbrüche seines Marktanteils verzeichnen müssen. Denn Konsumenten sind auch Spekulanten. Sie zielen auf einen niedrigen Preis in der Hoffnung, nie etwas mit dem Service des betreffenden Unternehmens zu tun haben zu müssen. Denn für den interessieren sie sich in der Regel gar nicht, und wenn er sogar Geld kostet, ist das für sie ein Ausschlusskriterium.

    Aber es gilt weiterhin und universell ein Akronym, das an allen Schulen Pflichtstoff werden sollte: TINSTAAFL. Service kostet eben doch Geld, und die Anbieter werden auch immer versuchen, dieses Geld wieder hereinzubekommen. Da Transparenz nicht honoriert wird, helfen sie dem Konsumenten eben dabei, diese Kosten zu ignorieren. Und hinterher ist dann der Katzenjammer groß: Der Konsument vergisst die Prämisse, unter der er seinen Einkauf getätigt hat, und der Anbieter pocht auf die Kehrseite seines Super-Duper-Günstig-Tarifs.

    Wenn wir, die Konsumenten, service-orientierte Anbieter durch Nichtbeachtung abstrafen, dürfen wir uns über miesen Service eben nicht beschweren. Sowas kommt von sowas.

    Und für alle übrigen, also offensichtlich betrügerischen Fälle, gibt es Polizei und Rechtsschutzversicherungen…

  14. madove sagt:

    Tatsache ist aber doch, daß ich alleine und mit mäßiger Bildung (ich meine im Vergleich: Ich habe nur Abi, einen Facharbeiterbrief und ein Mathediplom, bin aber weder Juristin noch Oekotrophologin) nach der Arbeit in meiner Freizeit versuchen soll, genau so schlau zu sein wie die Unternehmen, damit ich überhaupt eine qualifizierte Entscheidung treffen kann. Während die mit Werbe- und Rechtsabteilung (die auch dazu dient, herauszufinden, wie klein das Kleingedruckte noch sein darf und welche irreführende Formulierung gerade noch legal ist) versuchen, mir irgendwas anzudrehen.
    Das geht nicht. Die Idee von dem mündigen Konsumenten ist in dieser Situation doch eine Illusion!

    Und deshalb bin ich sehr dankbar, wenn man bestimmte Dinge, wie vorher nur erahnbare und in der Situation dann unumgängliche Kosten (die darüberhinaus, sagen wir, eine Versuchung darstellen könnten, in Daniels Sinne zu handeln), verbietet. Basta.
    Dann sollen die entsprechenden Unternehmen sie auf ihre normalen Preise draufschlagen und ich kann vergleichen. Wo ist jetzt das Problem?

  15. Rayson sagt:

    versuchen soll, genau so schlau zu sein wie die Unternehmen, damit ich überhaupt eine qualifizierte Entscheidung treffen kann

    Nö. Du musst nur in der Lage sein, verfügbare Informationen zur Kenntnis zu nehmen. Wenn du dir das nicht zutraust: Geh lieber auch nicht wählen, denn auch Parteien beschäftigen Werbeagenturen und Juristen…

    Basta.

    Hättest du das doch gleich gesagt. Das überzeugt.

  16. madove sagt:

    Das Basta hätte ich in der Tat gerne wieder rauseditiert, etwa 10sec nachdem ich ein klein wenig zu emotional auf Absenden gedrückt habe…
    shit happens (o:

  17. madove sagt:

    Und: Wählen gehe ich, das ist eine große, wichtige Angelegenheit, da setze ich mich gerne mal ein paar Stunden bis Tage hin und informier mich, soweit ich das nicht aus Interesse das ganze Jahr über gemacht habe.
    Als Konsument müßte ich aber jeden Tag und für jedes Rädchen Wurst und jedes kleine Gerät einen mehrstündigen Mündigkeitsparcours ablaufen, um zu kapieren, was ich da kaufe – klar, daß man alle Informtionen auftreiben kann (aber übrigens auch nur dank der Bemühungen der Verbraucherschützer in den letzten 30 Jahren), aber wie gesagt, ich mache hauptberuflich eigentlich was anders als Kunde sein, wohingegen die andere Seite für jedes einzelne Produkt hauptberuflich Anbieter ist.

  18. Guinan sagt:

    @Rayson:
    „Service kostet eben doch Geld, und die Anbieter werden auch immer versuchen, dieses Geld wieder hereinzubekommen.“
    Für Service und Leistung ein angemessenes Entgelt zu verlangen ist ja auch in Ordnung. Hier ging es doch wohl eher um Zahlung für Nichtleistung.
    Du meinst, ich und jeder andere müsste fähig sein, solche Fallstricke vor jeglichem Kauf oder Vertragsabschluss zu erkennen? Tut mir leid, da bin ich mit meiner Meinung näher an Madove.

  19. Cassandra sagt:

    Vielleicht nochmal eine andere Sichtweise:

    Die Frage ist doch nicht ob es Fallstricke, Taschenspielertricks und Nanogeschriebenes in Verträgen gibt.

    Das gibt es tatsächlich und ich denke auch nicht das jemand „doof“ oder so ist wenn er dann in diese Fallen tappt.

    Die Frage ist für mich eher: ist es sinnvoll den Staat hier als Aufpasser eihzusetzen oder kann die Hilfe für Vertragsabschlüsse nicht auch von bspw.:
    Testzeitschriften, Non-Profit-Organisationen, spendengestützten Vereinen, Verbrauchertelefonen, Bezahlserviceeinrichtungen, Firmen, Markinstituten usw. geleistet werden.

    Denn ich denke es ist immer besser eine Vielzahl von Beratungseinrichtungen mit verschiedenen Hintergründen zu haben, als eine zentrale.

    Und ob der staatliche Eingriff hier in diesem konkreten Fall gerechtfertigt ist oder nicht kann ich mit einem klaren „keine Ahnung“ beantworten weil ich mich mit den Bedingungen dieser Warteschleifen noch nicht beschäftigt habe.

    *ziehtsichkleinlautwiederausdemThreadzurück*

  20. DasSan sagt:

    Du sagst: „Und wenn ich damit nicht einverstanden bin, oder die Warteschleife mir zu lang ist, dann kann ich es lassen. Oder ich kann woanders anrufen.“
    Wenn ich jetzt aber eine Information von Firma A brauche, dann muss ich dafür deren Service-Hotline anrufen und kann nicht auf die Servicenummer von Firma B ausweichen, weil die günstiger wäre, oder? Und wenn ich irgendwann entnervt auflege, habe ich die benötigte Information nicht erhalten, das ist dann wohl Pech für mich?

  21. S. A. Mahr sagt:

    Die Kommentare gehen ja bereits ein bisschen vom Thema weg, nämlich vom „Verbraucherschutz“ durch die „Politik“. Und in dem Zusammenhang lese ich von „Bevormundung“ und „Freiheit“ und „Verantwortung“. Dabei fällt mir ein weiteres Schlagwort ein: Monopolstellung.

    Ich will und kann mich da gar nicht weit aus dem Fenster lehnen, da ich A) nicht weiß, inwieweit und in welchen Bereichen es (noch) Monopolstellungen in Deutschland gibt, und B) ob es dann ausgerechnet jene sind, die Mehrwertnummern verwenden.

    Aber: Solange es so etwas wie ein Monopol gibt, hat man gar nicht die Möglichkeit zu wählen. Dies betrifft hauptsächlich Dienstleister, und da gar nicht mal so wenige: Energieversorger (Strom, Gas, Wasser), Betreiber von infrastrukturellen Einrichtungen (Autobahnnetz, öffentlicher Verkehr), Müll- und Abwasserentsorgung, die Post, Fernsehen, Telefongesellschaften – um nur die wichtigsten zu nennen. Für all diese Bereiche gab es (bzw. gibt es immer noch) in Österreich ein Monopol.

    Ich kann den Meinungen zustimmen, die sagen: Wenn ich mir ein Produkt kaufe, kann ich mich frei entscheiden, mich in erster Linie entweder für die Produkteigenschaften oder für das Service des Herstellers, falls das Produkt schadhaft werden sollte, zu interessieren. Das bleibt jedem selbst überlassen. Falls aber eine Monopolstellung dazu ausgenutzt wird, die Bürger abzuzocken – unter anderem durch Mehrwertnummern –, dann bin ich absolut dafür, dass der Staat – wo er doch schon das Monopol in dem Bereich ermöglicht hat – dafür sorgt, dass das Monopol auch reglementiert wird.

    Kurz ausgedrückt: Nur wenn ich die freie Wahl habe, kann ich mich selbst dafür verantwortlich machen, abgezockt worden zu sein.

    Mögen Sie Wetter?

  22. Muriel sagt:

    So viele Kommentare, und so wenig Zeit. Glücklicherweise hat Rayson mir ja schon viel Arbeit abgenommen. Vielen Dank, ich habe deiner Argumentation eigentlich kaum noch etwas hinzuzufügen. Nur vielleicht:
    Ich begreife nicht, wo diese sonderbare Idee herkommt, man hätte einen Anspruch darauf, alles zu den Konditionen kriegen zu können, zu denen man es gerne hätte. Wenn nun einmal niemand eine Hotline ohne Berechnung der Warteschleife anbietet, dann muss ich mich als Verbraucher entscheiden, ob ich das akzeptiere, oder ob ich darauf verzichte, eine Hotline anzurufen.
    Ich finde auch, dass Warteschleifen kostenlos sein sollten, und ich ärgere mich über Unternehmen, die einem minutenlang Musik vorspielen und dafür eine Rechnung schicken. Aber was ist das für eine sonderbare Einstellung zur Freiheit, dass man glaubt, vom Staat verlangen zu können, andere zu zwingen, einem das anzubieten, was man gerne hätte, wenn sie es nicht freiwillig machen?
    @DasSan: Ja, genau so ist es.
    @Cassandra, S. A. Mahr: Euch auch noch mal besonders vielen Dank! Ich stehe auf differenzierte Argumentation.

  23. madove sagt:

    @Muriel
    Da könnte man doch genauso gut sagen: Du verstehst nicht, woher mein Anspruch kommt, daß man mir meine Handtasche nicht klauen darf. Wenn das einer versucht und ich bin halt nicht helle genug, ihn dran zu hindern. Vielleicht hab ich ihm vorher sogar die Hand gegeben und ihn in mein Haus gelassen, mich also auf ihn eingelassen, weil er sich geschickt verstellt hat.
    Und da haben „wir“ irgendwann mal beschlossen, so als Gesellschaft, daß wir das nicht lieb finden, und das verboten.

    Natürlich sind die grenzen fließend – Man kann jetzt abwägen, ob dieser Fall („Wenn das Produkt nicht tut, erreiche ich den Hersteller nur, nachdem ich für eine von mir nicht zu bestimmende und nicht vorhersagbare Zeit für keine Leistung Geld zahle“) das Verbot rechtfertigt, vielleicht gibt es ja irgendjemanden (außer Hotlineanbietern), der den Sachverhalt ganz toll fand und ihn an sich verteidigen möchte?

    Aber wo Ihr jetzt die Freiheit in Gefahr seht, also mehr in Gefahr als sie es dadurch ist, daß Ihr Teil einer Gemeinschaft seid, seh ich wirklich nicht.

  24. Muriel sagt:

    @madove: Nur, damit ich das richtig verstehe: Du siehst wirklich keinen qualitativen Unterschied zwischen einem Vertrag, den du als unfair empfindest, und einem Diebstahl?

  25. Cassandra sagt:

    @Muriel

    Hier lobt der Chef noch selber, wie? 😉

    Dann an dieser Stelle auch nochmal mein Dank an
    S.A. Mahr. Unter dem Aspket „Monopole“ hatte ich das ganz noch gar nicht betrachtet.

  26. Tim sagt:

    Die FDP sollte am besten alles von Anfang an im Sinne der Verbraucher gesetzlich festlegen. Wir Verbraucher sind dumm und müssen beschützt werden, Unternehmen sind fies und gehören an die kurze Leine. Das sind doch alles kernliberale Forderungen. Wie ja überhaupt im Zweifelsfall alles kernliberal ist, wenn es der FDP bei der nächsten Wahl irgendwie hilft.

    (Hoffe, die kriegen bei den nächsten 50 Wahlen kräftig was auf die Mütze und verschwinden endlich in der Versenkung. Dann gäbe es vielleicht einen Neuanfang mit einer wirklich liberalen Partei. Sowas fehlt in Deutschland.)

  27. whynotveroni sagt:

    Hm, ich finde das Gesetz jetzt nicht so schlimm, weil es einen vor versteckten (!) Kosten schuetzt. Natuerlich holen sich die Anbieter ihr Geld irgendwo, aber mir waere lieber, wenn sie es auf den Grundpreis schlagen, weil das kalkulierbarer ist. Oder eine Pauschale pro Anruf nehmen.

    In Boston (MA, USA) gibt es bei Handyvertraegen grundsaetzliche total viele unkalkulierbare Nebenkosten, die anfallen (und man zahlt auch fuer eingehende Anrufe, und das machen ALLE Handyanbieter so). Also hat ein Anbieter damit angefangen, damit zu werben, dass es die nicht gibt. Bei genug Wettbewerb funktioniert sowas schon…

    Ich glaube, worauf Muriel hinauswill, ist, dass der Staat an der Stelle nicht in die Marktwirtschaft eingreifen sollte, weil sich das von selbst regelt. Wenn wir Warteschleifen wirklich so hassen, dann sollte eine kostenlose Hotline bei leicht hoeherem Grundpreis doch ein wirkungsvolles Verkaufsargument sein. Und wer lieber einen kleineren Grundpreis mit kostenpflichtiger Hotline riskieren will (das ist dann ganz klar spekulieren 🙂 ), der tut das… Offenbar ueberwiegt der Anteil der Leute, die lieber spekulieren. Oder das nicht bis zu Ende denken. So wie ich… ich hab‘ letzte Woche Alice-DSL bestellt. Saubilliger Grundtarif, aber 14 ct pro Minute fuer die Hotline. Ich gebe zu, dass ich das nicht wusste, bevor ich die Auftragsbestaetigung hatte. Stand bestimmt irgendwo auf deren Homepage. Gut, selbst schuld, denke ich mir… Bei Vodafone ist die Kundenhotline kostenlos.

    Ich glaube, ich tendiere dazu, Muriel Recht zu geben. Bis auf zwei Ausnahmen: a) Monopolstellungen sollten reguliert werden und b) Absprachen zwischen den Firmen sollten dann nicht erlaubt sein (sind ja bei Preisen auch schon nicht…).

    Ich denke, auch jemand mit nur Abitur ist in der Lage, solche Ueberlegungen anzustellen. Die meisten sind nur zu bequem dazu. Die sparen sich dann die Zeit, sich das zu ueberlegen und zahlen dafuer dann mehr. Finde ich eigentlich auch fair, weil sie dann mehr Freizeit haben als jemand, der sich eine Stunden hinsetzt, und sich das genau ueberlegt. Der investiert ja auch ’ne Stunde… und die kann je nach Bildungsstand unterschiedlich viel wert sein, aber zwischen 16 und 100 Euro ist glaub ich ein realistischer Schaetzwert. ^.^

    Also ich verstehe madove, wenn er sagt, er ist hauptberuflich halt was anderes und er wolle nicht Stunden dafuer verwenden, rauszufinden, was ihn der Vertrag kostet. Aber ich unterstelle, dass du es koenntest, wenn du wolltest, aber keine Lust hast. Deine (eingesparte) Zeit vs (mehr zu bezahlendes) Geld (oder zunaechst mal das Risiko, mehr zu Zahlen).

    Wenn jemand nun wirklich total ungebildet ist und nicht in der Lage (und ich meine nicht „findet das muehsam“), so etwas abzuschaetzen oder zu verstehen, dann sollte der sich fuer Vertragsabschluesse, die ueber das Einkaufen im Supermarkt hinausgehen, besser Unterstuetzung holen. Wenn ich vorhabe, etwas zu tun, was ich nicht verstehe, dann muss ich eben jemanden fragen.

  28. Blues Lee sagt:

    @ Tim:

    Du glaubst ernsthaft, eine „wirklich liberale Partei“ hätte in Deutschland irgendein nennenswertes Wählerpotenzial? Na, wenn da mal nicht der Wunsch Vater des Gedankens ist…

  29. madove sagt:

    @Muriel
    Hm. Ich hatte das natürlich als überspitzte Verdeutlichung gemeint und wollte vor allem darauf hinweisen, daß wir alle möglichen Ansprüche auf „faire Konditionen“ haben, die man natürlich auch alle hinterfragen kann, die aber zum Teil doch fest in der Gesellschaft verankert sind und da auch hingehören.

    Aber da Du konkret nachfragst (gute Frage) hast Du mich ins Grübeln gebracht und ich fürchte, ich sehe die Grenzen zwischen Diebstahl und einen von mir als unfair verstandenen Vertrag tatsächlich fließend. Ich denke zwar, es muß irgendwo den qualitativen Sprung geben zwischen legitim und illegitim, aber ichwürde den schon diesseits von unfairen Vertrag verorten:

    Mir fällt kein Grund ein, warum ich einen Vertrag, den ich abgeschlossen habe, unfair finden könnte, ohne daß dieser dadurch auch illegitim (und damit vom Diebstahl nur quantitativ, also durch die Schwere der bösen Tat, unterschieden) ist.
    Warum unterschreib ich einen für mich unfairen Vertrag?
    Entweder, weil ich in einer Zwangslage bin -> böse
    Oder, weil ich getäuscht wurde (also etwas für mich Nachteiliges nicht mit vertretbarem Aufwand erkennen konnte) -> böse
    Oder, weil ich keine Wahl habe (Monopol, oder alle Anbieter machen die gleiche Schweinerei)-> böse

    (Einen Vertrag, bei dem ich wissentlich auf etwas spekuliere, was dann zu meinen Ungunsten ausgeht, würde ich nicht als unfair bezeichnen.)

  30. Silencer sagt:

    @ Rayson:

    Mit Deiner Kritik an diesem Gesetz schießt Du völlig in die falsche Richtung.

    Warteschleifen gehören nicht zu einer Dienstleistung eines Unternehmens. Sie stehlen dem Kunden nur Zeit und Geld – wenigstens letzteres wurde nun abgeschafft.

    Deine Argumentation, dass der mündige Bürger sich halt besser informieren soll, läuft auch völlig ins Leere, denn wenn man den Telefon-Service eines Unternehmens braucht, kann man leider nicht unter verschiedenen Möglichkeiten auswählen.

    Und nicht jeder hat, so wie Du offensichtlich, Lust den ganzen Tag mit googlen und recherchieren zu verbringen.

    Dass es auch Kundenfreundlich gehen kann beweist die Telekom. Da ist nicht nur die Warteschleife kostenlos, sondern dank 0800-Nummer der gesamte Anruf.

  31. Silencer sagt:

    Sorry, dar letzte Post sollte sich auf Muriel beziehen.

  32. Muriel sagt:

    @madove: Interessant. Danke fürs Erklären.
    @Silencer: Und dass du keine Lust hast zu recherchieren, heißt für dich, dass der Staat das Recht hat, andere zu zwingen, ihre Leistung zu den Konditionen anzubieten, die du gerne hättest. Kann man das so zusammenfassen?
    (Und um dem Missverständnis vorzubeugen, das möglicherweise zwischen uns entstanden ist: Ich bin extrem dafür, dass Unternehmen kein Geld für ihre Warteschleife nehmen. Ich finde es geradezu unverschämt, wenn sie es doch tun.)

  33. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Sehr schön gesagt, vielen Dank! (Und nur so für die Zukunft, ich habe es auch lange Zeit nicht erkannt: madove ist eine Sie.)

  34. whynotveroni sagt:

    @Muriel Nur so aus Interesse… benutzt deine Firma ’ne Warteschleife? (Schreib ’ne PM wenn das dir hier der falsche Ort fuer solche Bekenntnisse ist 🙂 ).

    @madove: Oh, entschuldige bitte. Das sieht man dem (Gr)Avatar nicht so richtig an…

  35. madove sagt:

    @veroni Kein Problem. (Und danke, Muriel.)
    Ich halte das eigentlich, außer vielleicht bei ursprünglich fortpflanzungsrelevanten Tätigkeiten, für gar nicht sooo relevant…
    Und ich dachte, geschlechtsuneindeutige nicknames gehören in diesem Salon vielleicht zum guten Stil, dem Gastgeber gemäß 😉

  36. Silencer sagt:

    Muriel schrieb: „Und dass du keine Lust hast zu recherchieren, heißt für dich, dass der Staat das Recht hat, andere zu zwingen, ihre Leistung zu den Konditionen anzubieten, die du gerne hättest. Kann man das so zusammenfassen?“

    Nein, dass kann man nicht!

    Der Staat (und damit ja eigentlich DAS VOLK, von dem ja alle Macht ausgehen sollte) hat das Recht, Regelungen festzulegen, die die Bürger vor unzulässiger Abzocke zu beschützen.

    Oder würdest Du soweit gehen, jeme Rentner, die auf Kaffeefahrten auf übelste Art und Weise betrogen werden, allesamt als Dummköpfe abzukanzeln, nur weil sie sich nicht ausreichend informiert haben ?

    Und den Staat bitteschön aus solchen Angelegenheiten komplett raus zu halten, um bloß nicht den Eindruck einer Bevormundung aufkommen zu lassen?

    Nur weil Du und ich wissen, dass es bei diesen Veranstaltungen immer so ist ?

  37. Rayson sagt:

    Oder würdest Du soweit gehen, jeme Rentner, die auf Kaffeefahrten auf übelste Art und Weise betrogen werden, allesamt als Dummköpfe abzukanzeln, nur weil sie sich nicht ausreichend informiert haben ?

    Und warum sind es Rentner?

  38. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Wir benutzen eine, aber wir haben keine Mehrwertnummern. Die Warteschleife kostet insofern zwar genausoviel wie der Rest des Gespräches, aber das sind die reinen Verbindungskosten. Ich glaube, dagegen hat hier niemand was, wenn ich alle richtig verstanden habe.
    @madove: Anpasser sind hier immer gerne gesehen.
    @Silencer: Warum unterstellt mir hier eigentlich dauernd jemand, ich wollte hilflose alte Menschen beschimpfen? Ich habe in diesem Beitrag niemanden einen Dummkopf genannt, und ich wollte auch nichts dergleichen implizieren.

  39. Dennis sagt:

    Ich bin zwar ein wenig spät, aber ich glaube hier wurde etwas vergessen.

    Wir haben in Deutschland eine klare Vereinbarung was Hotlines angeht. Sie müssen gekennzeichnet werden. Es muss für den Kunden einfach möglich sein, den Preis eines Produktes zu erfahren.

    D.h. rein rechtlich besteht die Verpflichtung seitens aller Anbieter Ihre Produkte mit klar erkennbaren Preisen zu versehen. Ist das der Fall, kann man auf weitere staatliche Eingriffe verzichten.

    Die Regulierung eines Monopols wiederum hat damit nichts zu tun. Ein Monopol ist de facto das Gegenteil von freier Marktwirtschaft und muss daher reguliert werden.

    Daher wäre ich ohnehin dafür Monopole zu zerschlagen, wo sie entstehen und nicht jahrzehntelang den Versuch zu unternehmen mittels 1001 Regulierung soetwas wie Marktwirtschaft zu simulieren.

  40. Muriel sagt:

    @Dennis: Monopole hatte mal jemand erwähnt, aber ich find’s trotzdem gut, dass du das noch mal explizit sagst. Ja, sehe ich auch so.

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