Eine Riesenmenge Geld (8)

Ja, meine Güte, manchmal könnte man fast vergessen, dass es noch wichtigere Dinge auf der Welt gibt als die Tatsache, dass Gott immer noch nicht real ist. Hier ist eins davon: Ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans Eine Riesenmenge Geld. Wie immer pünktlich, wie immer am Freitag, wie immer viel Spaß.

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir Konrad kennengelernt, einen Hamburger Anwalt, der von seiner Frau betrogen wird, und Tanja, eine SEK-Beamte in Düsseldorf, die perfekt einen wütenden Dobermann nachahmen kann.
Im zweiten Kapitel lernen Konrad und Tanja einander kennen und verabreden sich zum Essen.
Im dritten Kapitel essen sie miteinander und fahren zu Tanja nach Hause.
Konrad betritt im vierten Kapitel Tanjas Wohnung, und die beiden beschließen, Freunde zu sein. Am nächsten Tag ruft sie ihn an und bittet ihn, sie noch einmal zu besuchen.
Im fünften Kapitel hilft Konrad Tanja bei einer Konfirmationskarte und bekommt ein Buch geschenkt. Danach fährt er nach Hause und kocht für seine Frau.
Im sechsten Kapitel besucht Tanja die Konfirmationsfeier und schenkt ihrem Neffen das Leatherman Multitool, das ihr gar nicht gehört.
Konrad und Hanna sprechen im siebten Kapitel über ihre Ehe, und Hanna gesteht, dass sie schwanger ist.

Was heute geschieht

Konrad

Der Kongress in Bern. Ich erinnerte mich an überhaupt keinen Kongress in Bern. War das vor sechs Monaten gewesen, vor sechs Jahren, oder vor sechs Wochen? Es war wohl eigentlich egal.

Ich schob die Vorhänge einen Spalt auf. Ich erinnerte mich gar nicht, sie zu gezogen zu haben, aber das hatte ich offenbar. Der Himmel war einheitlich grau, ohne einzelne sichtbare Wolken, es nieselte ein wenig, und hätten nicht Büsche, Bäume und Blumen geblüht, hätte es auch ein Tag im Spätherbst sein können. Ich spähte eine knappe Minute nach draußen, bevor ich die Vorhänge schließlich ganz aufzog.

Ich atmete tief durch, sah an mir hinunter, zog meine Krawatte zurecht und zupfte an meiner Armbanduhr herum. Es kam mir so vor, als würde sie viel enger sitzen als sonst.

Ich war richtig nervös. Wie beim ersten Rendezvous, könnte ich sagen, aber das wäre nicht treffend. Ich war nicht nervös bei meinem ersten Rendezvous mit Hanna. Ich hatte mich darauf gefreut und war mir von Anfang an sicher gewesen, dass es ein schöner Abend werden würde. Und es wurde auch einer. Weil sie eine wunderschöne Frau war und ich sie sehr mochte und es kaum erwarten konnte, sie näher kennen zu lernen. Weil es ihr mit mir genau so ging.

Dieser Abend war völlig anders. Hanna war natürlich immer noch wunderschön, und ich mochte sie auch immer noch. Ich liebte sie. Aber ich war mir nicht mehr sicher, ob ich mich darauf freute, sie kennen zu lernen. Und wie es ihr mit mir ging, schien sie nicht einmal selbst zu wissen. Vielleicht war ich nervös wie bei meinem ersten Rendezvous mit Tanja, sagte die trockene Stimme, die mich manchmal so ärgert, aber sie lag natürlich völlig falsch. Mein Essen mit Tanja war überhaupt gar kein Rendezvous gewesen. Überhaupt nicht.

Ich stieß die Tür des Schlafzimmers auf, in dem ich mich umgezogen hatte, und setzte mich auf das Sofa im Wohnzimmer. Natürlich sah ich mich vorher nach Captain Morgan um, aber er schien das Sofa zurzeit nicht zu brauchen. Hanna war noch im Badezimmer, ich konnte den Wasserhahn hören. Ich griff nach einer Zeitschrift und begann darin herumzublättern, ohne den Inhalt wahrzunehmen. Dies war der Abend, an dem sich entscheiden würde, ob meine Ehe eine Zukunft hatte. An dem ich das Fundament der Liebe meiner Frau für mich ausbessern oder es endgültig zerstören konnte.

Das war ein bisschen zu dramatisch, oder? Es war jedenfalls ein sehr wichtiger Abend. Grund, nervös zu sein. Und doch waren meine Hände trocken. Weil ich als Anwalt an Stress-Situationen gewöhnt war, weil ich über ein gesundes Selbstbewusstsein verfügte, und weil ich sie regelmäßig an den Beinen meiner schwarzen Anzughose abwischte.

Ich legte meine Zeitschrift beiseite, stand auf und ging in die Küche, um ein Glas Wasser zu trinken. Ich fühlte mich nicht besonders durstig, aber mein Mund fühlte sich trocken an.

Ich dachte darüber nach, ob das Kind erfahren sollte, dass ich nicht sein Vater war, und wann. Falls es mir gelingen würde, meine Ehe zu erhalten. Ich hatte keinen Zweifel daran, dass ich es genau so lieben konnte wie mein eigenes. Warum auch nicht? Ich hatte genug Verwandte, die ich nicht ausstehen konnte, um zu wissen, dass Liebe keine Frage der Keimbahn ist.

Natürlich würde ich mich manchmal fragen, ob das Hannas Nase war, oder seine. Oder würde ich nicht? Eigentlich war es natürlich egal. Und ich war ohnehin nicht besonders gut darin, anderer Leute Nasen in bestimmten Gesichtern wieder zu erkennen.

Ich wollte gerade beginnen mich zu fragen, ob ich überhaupt grundsätzlich ein guter Vater sein würde, als ich die Badezimmertür hörte. Es war soweit. Ich atmete tief durch, dachte im letzten Moment noch daran, das leere Wasserglas wieder abzustellen und ging gemessenen Schrittes ins Wohnzimmer zurück.

Hanna stand vor dem Fenster, mit dem Rücken zu mir, und sah in die Nacht hinaus, wie ich es vorhin getan hatte. Ich konnte ihr Gesicht nicht sehen, aber ich wusste, dass sie bezaubernd aussah. Hanna war immer die schönste Frau gewesen, die ich mir vorstellen konnte.

Ich atmete noch einmal tief ein. Und aus. Hanna drehte sich zu mir um. Die Prüfung begann. Prüfung? Vielleicht. Hoffentlich war ich gut vorbereitet.

Hanna

Konrad lächelte mich genauso unsicher hoffnungsvoll und sprachlos bewundernd an wie vor unserem ersten gemeinsamen Abendessen.

„Du siehst bezaubernd aus.“

Er sagte auch genau das Gleiche wie damals.

„Danke schön“, sagte ich.

Aber ich fühlte mich nicht wie damals.

Konrad war wunderbar an diesem Abend. Er half mir in meinem Mantel und wieder heraus, er rückte meinen Stuhl zurecht und hörte mir zu, wenn ich sprach, er lachte über jeden meiner Scherze und machte amüsante Bemerkungen, wenn es angebracht war. Natürlich.

Konrad war freundlich, aufmerksam, verständnisvoll und geistreich. So war er immer. Das war ja der Grund, aus dem er mir nicht genug war. Konrad war nie liebevoll, leidenschaftlich, romantisch oder – verrückt.

Er gab mir das Gefühl, interessant zu sein, unterhaltsam, meinetwegen sogar attraktiv. Aber ich fühlte mich mit ihm niemals sexy, erotisch, haltlos verzückt wie mit Tom.

Noch bevor der Kellner Konrads Ossobuco und meine Liguini al Salmone gebracht hatte, wusste ich schon, dass Konrad nicht mehr der Mann war, mit dem ich mein Leben verbringen wollte. Ich mochte ihn, und ich wusste, dass er mich liebte, und er tat mir Leid, aber ich konnte es nicht ändern. Ich liebte ihn nicht mehr.

Erst, als ich den ersten Löffel meiner Panna Cotta auf meiner Zunge zerschmelzen spürte, kam ich auf den Gedanken, dass Konrad wohl nicht der bessere Mann für mich war, aber vielleicht der bessere Vater für mein Kind.

Tom gab mir alles, was ich an Konrad vermisste, aber ich konnte ihn mir nicht mit Windeln und Puder in den Händen vorstellen, oder mit einem Baby in den Armen.

Konnte ich mir Konrad so vorstellen? Jedenfalls eher als Tom.

„Was denkst du?“ fragte Konrad mit einem Lächeln.

„Eine Patientin“, log ich mit der Routine einer sechzehnjährigen Ehe. „Entschuldige bitte, ich bin jetzt wieder ganz bei dir.“

„Kein Problem“, versicherte er mir um einen Löffel Tiramisu herum.

War da eine Spur Zweifel in seinen Augen? Fragte er sich, ob ich in Wirklichkeit über Tom nachgedacht hatte? Ich war nicht die Einzige mit sechzehn Jahren Erfahrung.

„Wie war’s denn eigentlich in Düsseldorf?“ fragte ich, weil das das erste war, was mir einfiel, und weil ich das Gespräch nicht noch mal einschlafen lassen wollte.

Er zuckte die Schultern.

„Eigenartig“, antwortete er. „Ein merkwürdiger Fall, und mein Mandant war nicht da. Stattdessen… Naja, er ist im Krankenhaus, weiß der Himmel warum. Ich bin im Grunde umsonst hingefahren. Der nächste Termin ist jetzt am Montag, dann muss ich leider schon wieder runter fahren. Da treffe ich dann den Bruder… Aber ich will dich nicht mit zu vielen Details langweilen.“

„Ich hab ja gefragt. Wäre meine eigene Schuld.“

Und genauso bemüht ging es weiter. Bis wir unsere Löffel ablegten, Konrad bezahlte und wir nach Hause fuhren. Ich wusste jetzt, was ich wollte. Aber es machte meine Entscheidung kein bisschen leichter.

Konrad

Es war ein wundervoller Abend. Natürlich spürte ich eine gewisse Distanz zwischen uns. Natürlich war Hanna ein bisschen zurückhaltend, und natürlich wussten wir manchmal nicht genau, wie wir miteinander umgehen sollten. Aber als ich ihr bei unserer Rückkehr die Wohnungstür öffnete, hatte ich das Gefühl, ihr wieder viel näher gekommen zu sein. Ich war mir sicher, dass wir es schaffen würden.

Trotzdem lag ich in dieser Nacht noch sehr lange wach, auf diesem dämlichen viel zu harten Kissen, neben Hanna, und dachte darüber nach, was alles falsch gelaufen war und was ich dagegen tun könnte. Es fühlte sich merkwürdig an, neben ihr im selben Bett zu liegen, unter den gegebenen Umständen.

Aber wenn ich ehrlich war, hatte es sich schon seit einiger Zeit merkwürdig angefühlt, und keiner von uns hielt es für angebracht, jetzt etwas dagegen zu unternehmen. Meine vorsichtige Nachfrage, ob ich vielleicht woanders schlafen sollte, hatte Hanna lachend beiseite gewischt; meiner Meinung nach ein weiteres gutes Zeichen.

Wie das meistens so ist, wenn man nachts lange wach liegt, kam ich zu keinem einzigen sinnvollen Ergebnis, oder erinnerte mich jedenfalls nicht mehr daran, als ich am nächsten Morgen erwachte.

Ich schlief ziemlich lange, vielleicht weil ich so lange wach gelegen hatte. Als ich erwachte, war es halb zehn, und Hanna war nicht mehr da. Das Bett neben mir war leer, auf ihrem Kopfkissen lag ein kleiner quadratischer Notizzettel. Immerhin. Ich lehnte mich zurück in mein eigenes Kissen, spürte diesen widerlichen harten Schaumstoff und setzte mich wieder auf.

Ich seufzte und griff nach dem Zettel. Dann fing ich an darüber nachzudenken, was alles darauf stehen konnte, und ich legte ihn wieder zurück. Ich beschloss, zunächst zu duschen und mich anzuziehen. Im Bad roch ich noch Hannas Parfum. Hieß das, dass sie noch nicht lange fort war, oder war ich lediglich besonders sensibel? Würde sie auch bald zurückkehren? Würde sie überhaupt zurückkehren? So viele Möglichkeiten.

Als ich den Zettel am Ende aufhob und las, waren Hannas Worte beinahe antiklimaktisch. Sie brauche ein bisschen Zeit für sich, schrieb sie. Sie wisse nicht, was das Richtige sei, schrieb sie. Und sie wisse nicht, wann sie wieder da sein würde, schrieb sie. Ob sie bei ihm war – Tom hieß er -, oder nicht, schrieb sie nicht.

Ich seufzte, legte den Zettel wieder auf ihr oder vielmehr mein Kissen und ging in die Küche um zu frühstücken. Erst als ich schon ein tiefgekühltes Brötchen in der Hand hielt, wurde mir klar, dass ich keinen Hunger hatte. Ich dachte darüber nach, Tanjas Buch weiter zu lesen, oder einfach ein bisschen fern zu sehen, aber beides schien mir nicht richtig. Schließlich setzte ich mich an meinen Schreibtisch und öffnete die Akte Neludin. Ich musste mich ohnehin noch ein bisschen vorbereiten. Warum nicht jetzt?

Ich hatte am Montag um 14:00 Uhr einen Termin mit Olof Svenson, dem Bruder meines Mandanten; ich würde also gegen Acht losfahren müssen. Ja, genau, Olof Svenson war der Bruder von Mahoudi Neludin. Neludin hat seinen neuen Namen anlässlich seiner Konvertierung zum Islam angenommen. Er war Schwede.

Vielleicht ist dies die richtige Gelegenheit, Ihnen ein bisschen von seinem Fall zu erzählen. Er war vor seiner Konversion ein sehr erfolgreicher Immobilienmakler gewesen. In dieser Zeit hatte er ein beachtliches Vermögen angesammelt, das er nun dazu einzusetzen geschworen hat, die westliche Gesellschaft von ihrem gottlosen Irrweg abzubringen und auf den Pfad zu Allah zu führen. Ob Sie es glauben oder nicht, vorher war er eigentlich ein völlig vernünftiger Mann gewesen.

Ich hatte ihn bei einigen Zivilprozessen in Deutschland vertreten, weshalb er mir auch dieses Mandat übertragen hatte, trotz meiner Versicherung, dass Strafrecht wirklich nicht mein Tätigkeitsschwerpunkt sei. Er hatte darauf bestanden. Und weil er ziemlich gut zahlte, hatte ich irgendwann damit aufgehört, ihm zu widersprechen und zu raten, sich einen anderen Verteidiger zu suchen.

Er war verhaftet worden, weil er angeblich an der Vorbereitung eines terroristischen Anschlags beteiligt gewesen sein sollte. Alles sehr geheimnisvoll, die Akte (die ich immer noch nicht gelesen hatte) ziemlich dünn, weil das BKA angeblich seine Quellen nicht preisgeben wollte, und die Geheimdienste sowieso niemandem irgendwas verraten wollten.

Ich hielt das ganze für einen albernen Auswuchs der Islamisten-Paranoia. Neludin war meines Wissens einfach nur ein harmloser Eiferer, der in Talkshows auftrat und viel Geld für Broschüren ausgab, um ungläubige Skandinavier über die Weisheiten des Einen Propheten aufzuklären. Sein Bruder war nach der Verhaftung nach Düsseldorf gereist, um zu helfen, so gut er konnte.

Ich machte mir Hoffnungen, dass er einen brauchbaren Zeugen abgeben würde, der bestätigen konnte, dass Neludin kein Flugzeug entführen und in den Reichstag fliegen würde. Außerdem war es seit der Konversion immer wesentlich einfacher gewesen, mit Olof Svenson über einen Fall zu sprechen, weil er nicht aus jedem rechtlichen Problem eine fundamentale Dysfunktionalität der westlichen Gesellschaft zu machen versuchte.

Tanja

Ich hasse den Bus. Es gibt wenige Dinge, die ich mehr hasse als den Bus, und ziemlich weit oben auf der Liste dieser Dinge steht der gottverdammte Bus im Sommer. Es war eigentlich nicht mal ein besonders heißer Tag, aber es war sonnig, und irgendein blöder Bleistiftschieber zuständiger Beamter im Innenministerium, wahrscheinlich ein fanatischer Fan amerikanischer Krimiserien, hatte beschlossen, dass es irrsinnig cool wäre, das Kommando mit schwarzen Bussen auszustatten.

Eigentlich habe ich nichts gegen Wärme, aber wir hatten alle schon unsere ballistische Schutzkleidung an, und wir waren zu acht in dem verdammten Bus, wir waren seit dreieinhalb Stunden da drin und es war heiß und stickig und ich schwitzte unter all dem Kevlar und Nomex und dem ganzen Zeug, das nicht von Kugeln durchdrungen wird und feuer- und stichsicher ist und außerdem noch angenehm zu tragen, atmungsaktiv und minimal bewegungshemmend, und ich fühlte mich klebrig und es juckte überall.

Ich lag auf einer Bank, mit den Beinen über den Gang hinweg auf der Nachbarbank, den Helm mit der Sturmhaube darin neben mir auf dem Boden, und war bemüht, möglichst flach zu atmen und mich nicht zu bewegen. Ich fürchtete mich vor dem Einsatzbefehl, weil ich nicht sicher war, ob ich aufstehen konnte.

Wie immer hatten sie uns nicht allzuviel erzählt. Terrorismus. Angeblich ganz große Sache. Gerüchtehalber Handel mit spaltbarem Material, aber zumindest das konnte nicht direkt unser Einsatzzweck heute sein. Wenn sowas im Spiel gewesen wäre, hätten wir Kampfmittelbeseitigung dabei gehabt, oder zumindest hätte uns jemand gewarnt und uns Anweisungen gegeben.

Arne hatte was von Geldübergabe erzählt, aber er hatte sich geziert zu verraten, woher er das wusste. Vielleicht wollte er sich nur wichtigmachen. Was kostet eigentlich waffenfähiges Plutonium? Und was für ein armseliger Dummbolzen muss man sein, wenn man so einen Berg Geld hat und damit nichts Besseres anzufangen weiß, als Atomwaffen zu kaufen?

Ich war durstig, aber um an das Wasser zu kommen, hätte ich aufstehen müssen. Mein Hals fühlte sich entsetzlich verspannt an, weil ich auf der Bank weit nach unten gesunken war und mein Kopf von der Wand des Busses unter dem Fenster in einen völlig unnatürlichen Winkel gezwungen wurde. Diese Zwangshaltung machte das Atmen auch nicht einfacher, aber ich konnte den Gedanken nicht ertragen, mich aufzurichten und mich zu bewegen, weil dabei meine schwitzige klebrige Haut gegen meine Kleidung reiben würde, und außerdem gab es einfach keine bequeme Position in dem gottverdammten Bus. Ich weiß das, ich habe genug Zeit darin verbracht.

„Durstig?“

Hinter der Lehne der Bank vor mir erschien Jans Gesicht, und kurz darauf eine große noch halb volle Flasche Volvic. Er grinste mich provozierend an. Er wollte flirten. Habe ich nur den Eindruck oder denken Männer einfach unweigerlich an Sex, wenn sie eine verschwitzte Frau sehen? Ich meine, klar, es gibt da Zusammenhänge, aber – na ja, ich war jedenfalls überhaupt nicht in Stimmung.

„Es ist ein echt guter Zeitpunkt, mir die Flasche zu geben, und es ist auch ein ganz geeigneter Zeitpunkt, mich in Ruhe zu lassen. Es ist aber ein verdammt schlechter Zeitpunkt, mich veralbern zu wollen, OK?“

„Ha!“ hörte ich Arne rufen.

„Ruhe da hinten“, sagte Jan.

Ich hörte noch ein unterdrücktes Glucksen von Arne, aber er schwieg tatsächlich. Ich sah Jan mit misstrauisch verengten Augen an. Er lachte und hielt mir die Flasche hin. Ich habe schon meinen Stolz und alles, aber irgendwann ist auch mal Schluss. Ich nahm sie, schraubte den Verschluss ab und trank. Ich war eigentlich gar nicht besonders gierig, aber wegen meiner völlig unnatürlichen Haltung lief mir trotzdem die Hälfte des Wassers am Hals runter.

„Ich könnte dir stundenlang zusehen“, flüsterte Jan.

Männer. Ich dachte kurz darüber nach, ihm einen Mundvoll Wasser ins Gesicht zu spucken, aber das schien es mir einfach nicht wert zu sein. Denken Sie jetzt nichts Falsches, ich mochte Jan, er hatte Bauchmuskeln zum Niederknien – ich hatte ihn mal unter der Dusche gesehen – und unter anderen Umständen hätte ich vielleicht mitgespielt. Aber mir war heiß, ich war schlecht gelaunt, überall juckte und klebte es und Konrad war erst ein paar Tage weg. Ja, Konrad. Fragen Sie nicht, was der damit zu tun hatte.

Ich gab Jan seine Flasche zurück.

„Was machst du heute Abend?“ fragte er.

Es kam so unvermittelt, dass ich zuerst dachte, ich hätte nicht richtig gehört.

„Ist jetzt nicht dein Ernst“, sagte ich.

„So schlimm?“

Er grinste, aber ich hatte den Eindruck, dass es ihm wirklich wichtig war. Das war jetzt ziemlich ungünstig. Wie gesagt, ich mochte Jan, und er hatte einen tollen Körper, aber mir war einfach überhaupt nicht danach. Glücklicherweise blieb es mir erspart, mich entschieden zu müssen.

„Einsatzgruppe drei, machen Sie sich bereit für den Zugriff“, knarrte das Mikrophon.

Ich sah Jan an und zuckte die Schultern. Dann raffte ich mich stöhnend auf, kontrollierte den Sitz meiner Ausrüstung und zog die Skimaske über, und klemmte mir den Helm unter den Arm. Ich kann auch so schon in dem verdammten Bus kaum aufrecht knien, da brauche ich nicht auch noch dieses klobige Ding auf dem Kopf.

Es war so widerlich heiß und stickig, dass ich mich zu jeder einzelnen Bewegung zwingen musste. Ich freute mich schon so unsäglich darauf, die Treppen in den vierten Stock hoch zu laufen. Ich kontrollierte noch einmal, ob alles da war, wo es sein sollte. Ein paar Wochen davor hatte ich es irgendwie geschafft, dass mir die Pistole im Bus aus dem Holster rutschte. Ich hatte natürlich noch die MP, aber können Sie sich vorstellen, wie man sich fühlt, wenn man kurz vor einem Zugriff merkt, dass man seine gottverdammte Pistole verloren hat? Ich hätte schreien können. Vor Wut, als ich es merkte, und vor Freude, als ich sie nachher auf meinem Sitz wieder fand. Und das Beste ist, ob Sie’s glauben oder nicht, es hat niemand gemerkt.

„Du bist ein wahrer Herzensbrecher“, sagte Arne grinsend zu Jan, während wir aus dem Bus kletterten.

„Könntet ihr euch noch ein bisschen peinlicher aufführen, oder würdet ihr dann platzen?“ fragte ich.

Arnes Augen weiteten sich in gespieltem Schrecken hinter seiner Maske, und er sah sich demonstrativ in der menschenleeren Seitenstraße um, in der unser Bus geparkt war.

„Du hast Recht. Was sollen die Kinder von uns denken?“

„Ich finde, sie hat Recht“, sagte Jan sehr deutlich und langsam, und zwinkerte mir dabei zu.

Ich verdrehte die Augen und widerstand der Versuchung, mich an der rechten Schulter zu kratzen. Ich würde sowieso nicht durch die Lagen schützender Stoffe hindurch dringen.

„Habt ihrs wirklich so schwer, Frauen abzukriegen?“ fragte ich.

„Eigentlich nicht“, antwortete Jan, „Aber wenn ich eine will, die mich verprügeln kann, ist die Wahl schon ziemlich eng.“

Gerds schnarrende Stimme hielt mich davon ab, etwas dazu zu sagen.

„Wolltet ihr heute noch fertig werden, oder soll ich dem Einsatzleiter sagen, dass es gerade nicht passt?“

Lesegruppenfragen

  1. Vorsichtshalber noch mal: Langweilt euch der Handlungsstrang um die Ehe von Konrad und Hanna? Oder ist das interessant?
  2. Findet ihr die Situation vor dem Einsatz im Bus einigermaßen glaubwürdig geschildert? Oder kommt euch das unplausibel vor?
  3. Kennt ihr das Gefühl, was total Wichtiges vergessen zu haben, das man auf keinen Fall vergessen darf?
  4. Gibt es sonst noch was, das ihr mir mittteilen wollt? Mir fällt gerade keine vierte Frage ein.
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13 Responses to Eine Riesenmenge Geld (8)

  1. Guinan sagt:

    2. Gut geschildert
    3. Ja, das Gefühl überkommt mich dann meist kurz vor den Einschlafen, eigentlich schon im Halbschlaf, mit dem Ergebnis, dass ich erstmal wieder hellwach bin.
    4. Wenn du den 4. Absatz noch einmal nachliest – da fehlt ein „sie“.

  2. Günther sagt:

    1. Nee, da langweilt mich nichts. Ich kann zwar nicht alles nachvollziehen, aber interessant ist es allemal. Worauf ich (nach wie vor) irgendwie nicht klar komme: Sie erwartet ein Kind von einem andern, und er ist derjenige, der sich krumm macht, um die Ehe zu retten? Das müsste doch eigentlich andersrum sein! Ungerecht. Und in den ganzen Filmen ist das auch immer umgekehrt!

    2. Hab mich nur kurz gefragt, ob die bei der Polizei keine Klimaanlage haben. Wobei die bei dicker schwarzer Kleidung und Sonnenschein wohl auch nicht viel ausrichtet. Sonst kann ich mir das alles gut so vorstellen.

    3. Kommt mir bekannt vor, auch wenn ich mich gerade an keine konkrete Situation erinnern kann.

    4. Meine Schuhgröße ist 43 bis 44. Je nachdem wie es ausfällt. Ich möchte, dass du das von mir weißt!

    Vielleicht nochmal zu Konrad: Vielleicht würde es mir helfen, sein Verhalten nachzuvollziehen, wenn ich etwas in meiner traditionellen Erwartungshaltung „abgeholt“ würde (tolle klischeehafte Formulierung, ich weiß). In dem Sinne, dass er vielleicht erst wütend und ablehnend reagieren will und sich dann bewusst entscheidet, dass das niemandem weiterhilft und dass er es weiterhin mit ihr versuchen will. Trotzdem würde ich danach wahrscheinlich immer noch mindestens auf eine Entschuldigung von Hanna warten, bevor ich mir die Fortführung der Beziehung auch nur vorstellen könnte.

  3. Muriel sagt:

    @Guinan: 3. Das hasse ich.
    4. Vielen Dank, habe ich repariert!
    @Günther: 1. Freut mich sehr, und ich verstehe, was du meinst. Und so klischeehaft das mit dem Abholen ist, bin ich inzwischen auch zu dem Schluss gekommen, dass ich mir überlegen sollte, wie ich die Leser besser davon überzeugen kann, dass Konrads Reaktion Sinn ergibt. Ohne mich rechtfertigen zu wollen: Seine allererste Reaktion ist ja immerhin, etwas Gemeines sagen zu wollen („Solltest du als Ärztin nicht zumindest ungefähr wissen, wie man ein Kondom benutzt?“), aber ich sehe ein, dass das noch ausbaufähig ist.
    2. Als jemand, der im Landkreis der Castor-Festspiele aufgewachsen ist, habe ich ich den Eindruck gewonnen, dass die Polizei hierzulande unter einem extremden Klimaanlagendefizit leidet. Ob das auch auf die SEKs zutrifft, weiß ich natürlicht nicht, aber ich hielt es erst mal für eine sinnvolle Annahme. Ich zweifle ein bisschen, ob die wirklich Busse haben, weil man meistens von PKWs hört und sieht, aber mir passte der Bus hier eben mal besser in den Kram.
    4. Danke. Knapp größer als die meiner Mutter (42).

  4. Andi sagt:

    1. Ja, langweilt mich total. Eine schön geschriebene Geschichte mit guten Dialogen langweilt mich immer enorm. Tzz. Du stellst Fragen. 🙂
    Ich weiß auch gar nicht, ob ich was ändern würde… Gerade, weil Konrad nicht so, sagen wir mal, typisch männlich, reagiert, isses doch spannend. Und nachvollziehbar isses für mich schon auch. Nicht unbedingt verständlich vielleicht, aber doch nachvollziehbar.

    2. Das klingt realistisch. Wieso sollten die nicht auch Spaß machen? Und dass die nicht alles zum Einsatz wissen, klingt auch plausibel.

    3. Es geht mir quasi tagtäglich so.

    4. Ähm… ich könnte dir sagen, dass ich schon ganz schön aufgeregt bin, weil mein ruhmreicher SC Freiburg heut gegen Köln spielt und 3 Punkte Pflicht sind. Ansonsten find ich diesen Satz hier ganz toll: „Ich habe schon meinen Stolz und alles, aber irgendwann ist auch mal Schluss.“

  5. Muriel sagt:

    @Andi: 1. Naja, ich bin eben unsicher, wenn ich solchen Eheproblemkram schreibe. Erstens liegt mir das nicht so besonders, und zweitens habe ich den Verdacht, dass die meisten Leser hier auch nicht besonders auf Lindenstraße stehen. Nicht, dass das was Schlechtes wäre, es sind eben verschiedene Geschmäcker…
    4. Ja, das ist Tanja in einem Satz. Ich wünsche deinen SC Freiburg viel Erfolg. Ach, was rede ich, ich bete für euch.

  6. Andi sagt:

    Muriel:
    1. Na, nun stell deinen Scheffel mal nicht unters Licht, oder wie das heißt. 🙂 In der Lindenstraße würds nie solche Dialoge geben. Mag ja sein, dass dir solche Szenen nicht so liegen, aber sie gelingen dir trotzdem.
    4. Exakt. Passt wunderbar, um Tanja zu charakterisieren. Ich weiß nicht genau, ob es dich interessiert, aber mein SC Freiburg hat 3:2 gewonnen. Du bist der neue Fußballgott.

  7. podruga sagt:

    1.) nein, die eheszene ist nicht langweilig, auch wenn ich mich manchmal schwer tue, ihr zu folgen. sehr geglückt finde ich den perspektivwechsel von konrad zu hanna.
    beim ihrem rendezvous überraschte mich das harmlose geplänkel zwischen beiden, hatte ich mir doch etwas mehr klartext erhofft. letztens habe ich ja schon angemerkt, dass mir beide zu sachlich und überlegt für die dramatische situation denken und agieren. schier unglaublich fand ich, dass konrad den zettel nicht sofort las. und sich dann auch noch in seine akte vertiefte… aber ich lasse mich gern überraschen. (du siehst, im grunde ihres herzens wollen alle frauen männer wie tom und heiraten doch die konrads)
    2.)die anmache im bus? absolut glaubwürdig, auch wenn’s mich nicht sonderlich interessiert hat.
    3.) jedesmal, wenn ich verreise. und meistens zu recht. und beim einkaufen. und …
    4.) schicke doch konrad und/oder hanna mal in die kirche!

  8. Muriel sagt:

    @Andi: Du weißt ja, wo du das Geld hinschicken musst. Gott ist allmächtig, allwissend und liebt dich, und er braucht wirklich dringend deine zehn Euro.
    @podruga: 1. Danke für den Hinweis. Was Tomhaftigkeit angeht, muss ich in der Tat noch an mir arbeiten.
    2. Natürlich nicht nur die, aber jedenfalls danke.
    3. Bein Verreisen hatte ich bisher fast immer Glück. Unverdient.
    4. Hm… Bisher ist Mein Sonderbarer Onkel Simon meine einzige religiöse Geschichte. Bei Eine Riesenmenge Geld muss ich dich da enttäuschen, aber wenn du über die nächste mit abstimmst, könnte da was gehen. Ist ja noch Zeit bis dahin.

  9. Zaphod sagt:

    1. Nee, so geht das nicht. Er will seine Ehe retten indem er einen netten Abend mit ihr verbringt, charmant ist und zuhört? Und über Scherze lacht?
    Wenn ich meine Ehe retten will dann müssen Fakten und Wahrheiten auf den Tisch, da muss man klären was da so verdammt schiefgelaufen ist, abklären ob und unter welchen Voraussetzungen es Chancen gibt von vorne anzufangen, wer es überhaupt will, und wie es gelingt alte Fehler zu verhindern damit es nicht noch einmal schiefläuft. Blut, Schweiß und Tränen. Der Mann ist tatsächlich eine emotionslose Lusche, kein Wunder das Hanna was vermisst, der ist ja völlig blutleer. Jeder normale Mann, behaupte ich einfach mal, hätte sofort zu der Notiz gegriffen, und sich nicht erst unter die Dusche gestellt.
    Erst will er das Fundament der Liebe ausbessern (das fand ich übrigens arg schwülstig, trau ich ihm mittlerweile aber zu)und dann legt er seufzend den Zettel weg, und überlegt ob er lieber liest, in die Glotze guckt oder arbeitet?
    Nu isse halt weg, kannste machen nix?
    Der hat wirklich viele Probleme mit Frauen.

    2. Sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz könnte im ungünstigsten Fall dabei rauskommen, aber Tanja ist ja der Typ Frau der nicht auf den Mund gefallen ist und sich wehren kann. Fand ich realistisch geschildert, auch wenn ich Wannen nur von außen kenne. Ich glaub nicht das die Dinger Klimaanlagen haben, so kann man die Jungs viel besser heiß machen vorm Einsatz :).

    3. Ja, bei jedem Einkauf. Meistens ist es der Einkaufszettel, was schon mal eine sehr ungünstige Prognose für den weiteren Verlauf ist.

    4. Der magische FC hat auch gewonnen, sogar mal ein Heimspiel. 3:2

    Und 42 ist natürlich immer die richtige Zahl.

  10. Muriel sagt:

    @Zaphod: 1. Danke! Ich muss mir wohl wirklich überlegen, ob ich Konrad noch mal was mache…
    2. Wannen? Ist das ein Fachbegriff?

  11. Zaphod sagt:

    Ich kenn den Ausdruck von Berliner Demos, da wurden die arg zerbeulten Mannschaftswagen der Polizei so genannt. Ist inzwischen aber wohl schon überregional bekannt, immerhin steht es sogar bei Wikipedia.

  12. madove sagt:

    1. Ich mag die Eheszenen. Lindenstraße kenn ich nicht, verwehre mich also gegen jede Unterstellung. Ich kenne einfach nur eine Menge Beziehungsmurks und find das ganze glaubwürdig und interessant, und mag die Perspektivwechsel.

    2. Da kenn ich mich echt nicht aus. Ich hab mich immer gefragt, wie sich die armen Kerle unter den BFE-Schutzanzügen fühlen müssen, und es mir etwa so vorgestellt. Den Begriff „Wanne“ kenn ich auch, der ist aber wohl eher auf der anderen Seite der Barrikade gebräuchlich und liebevoll-abwertend.

    3. Ständig. Leider stimmts dann auch meistens.

    4. Ich sag jetzt nicht schon wieder, wie gern ich das lese, ich will ja nicht schleimen. Ich hab nur einfach grade richtig Spaß.

  13. Muriel sagt:

    @madove: 3. Ich hab das Problem auch öfter. Glücklicherweise habe ich ein paar Möglichkeiten gefunden, das im Berufsleben auszugleichen, sodass es meistens keiner merkt; nicht zuletzt delegiere ich sehr konsequent alle Aufgaben, die Gründlichkeit und Zuverlässigkeit erfordern…
    4. Die nächste Geschichte wird ja nun wieder ganz anders. Genieß das hier also, solange es geht.

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