Eine Riesenmenge Geld (12)

Uiuiui… Ich will dem Bali-Reisebericht nicht vorgreifen, aber Keoni und ich kommen gerade aus Ubut zurück, aus einem der fantastischsten Restaurants, in denen wir je gegessen haben. Die Dessertkarte war eine Katastrophe, wir wollten jedes einzelne davon, aber am Ende haben wir uns dann doch entscheiden müssen, und haben uns auf den Florida Lime Pie, den Black Rice Pudding, den Apple Blueberry Crumble und den Bread Pudding beschränkt.

Soll niemand sagen, wir wüssten nicht, Maß zu halten. Was ich eigentlich nur sagen will: Viel Spaß mit dem neuen Kapitel!

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir Konrad kennengelernt, einen Hamburger Anwalt, der von seiner Frau betrogen wird, und Tanja, eine SEK-Beamte in Düsseldorf, die perfekt einen wütenden Dobermann nachahmen kann.
Im zweiten Kapitel lernen Konrad und Tanja einander kennen und verabreden sich zum Essen.
Im dritten Kapitel essen sie miteinander und fahren zu Tanja nach Hause.
Konrad betritt im vierten Kapitel Tanjas Wohnung, und die beiden beschließen, Freunde zu sein. Am nächsten Tag ruft sie ihn an und bittet ihn, sie noch einmal zu besuchen.
Im fünften Kapitel hilft Konrad Tanja bei einer Konfirmationskarte und bekommt ein Buch geschenkt. Danach fährt er nach Hause und kocht für seine Frau.
Im sechsten Kapitel besucht Tanja die Konfirmationsfeier und schenkt ihrem Neffen das Leatherman Multitool, das ihr gar nicht gehört.
Konrad und Hanna sprechen im siebten Kapitel über ihre Ehe, und Hanna gesteht, dass sie schwanger ist.
Im achten Kapitel sanieren Hanna und Konrad ihre Beziehung, und Tanja hasst den Bus.
Im neunten Kapitel erfolgt der Zugriff, und Konrad stiehlt ein Speichermedium.
Im zehnten Kapitel besucht Tanja Konrad in seinem Hotel, und sie verbringen die Nacht miteinander. Platonisch natürlich.
Im elften Kapitel wird Konrad erst von einem sonderbaren kleinen Asiaten bedroht, und dann von Tanja. Im Aquazoo.

Was heute geschieht

Tanja

Ich hatte Glück. Die Autobahn war ziemlich frei, und ich kam gut voran in Richtung Hamburg. Ich fahre eigentlich ganz gerne Autobahn, aber an diesem Tag konnte ich es nicht genießen. Normalerweise höre ich dabei sehr laute Musik, am liebsten von OMD oder den Rolling Stones – ich weiß, das sind zwei ganz unterschiedliche Richtungen -, aber diesmal war die Stereoanlage aus. Normalerweise habe ich natürlich auch kein Verbrechen begangen, und normalerweise bin ich auch nicht auf dem Weg, ein weiteres zu begehen. Nicht, dass ich ehrlich sagen könnte, dass mich das am meisten beschäftigt hätte.

Er sah eigentlich nicht besonders attraktiv aus. Und er war ganz sicher nicht mein Typ. Er sah ein bisschen aus wie diese Leute in Werbeanzeigen für Banken oder Versicherungen. Seriös, zuverlässig, sympathisch. Er war nicht fett oder sowas. Aber, Herrgott, er reichte mir knapp bis zum Schlüsselbein, und er wurde an den Schläfen schon grau. Er hatte graublaue Augen und hellbraune Haare, wo sie nicht grau waren, und ich mochte eigentlich lieber den südländischen Typ. Aber ich wollte ihn. Ich wollte ihn für mich, und ich wollte ihn für mich alleine. So, jetzt habe ich es gesagt. Ich fühle mich trotzdem nicht viel besser. Ich nahm an, dass ich das jetzt sowieso vergessen konnte. Selbst Schuld, werden Sie jetzt sagen. Aber es hat ihn niemand gezwungen, mich abzukanzeln, als wüsste ich nicht, worum es überhaupt geht. Ich war nicht zwölf, verdammt noch mal, und er war nicht der große weise alte Mann vom Berg!

Außerdem war er viel zu alt. Und er war körperlich gar nicht mein Typ. Er würde wahrscheinlich einen Herzinfarkt erleiden, wenn wir – Ja. Ja, ja, sehen Sie, sogar darüber habe ich schon nachgedacht. Es war eine wirklich eigenartige Vorstellung, aber ich habe daran gedacht. Obwohl es wirklich nicht die Hauptsache war. Und das war erst recht eigenartig. Ich wollte ihn. Aber es ging nicht um Sex. Ich meine – sein Körper war eben wirklich nicht besonders aufregend. Ich hatte noch nie einen Mann gewollt, ohne dass mich sein Körper interessierte. Aber ich wollte ihn. Ich wollte mehr Zeit mit ihm verbringen, seine ruhige, feste Stimme hören, ich wollte in seine klugen graublauen Augen sehen, die immer tief in mich hinein zu blicken schienen.

Im Fernsehen und in Büchern ist Liebe immer wie ein Donnerschlag, sie ist einfach plötzlich da und alles ist anders, und sie ist einfach – außergewöhnlich und gewaltig. Ich hatte immer auf so was gewartet, aber jetzt fragte ich mich, ob es auch anders sein konnte. Er verstand irgendwie immer, was ich sagen wollte, und er verstand mich immer. Sein Humor traf immer, aber er verletzte nie, und alles, was er tat, schien mir irgendwie richtig. Ich fühlte mich zufrieden und eins mit mir, wenn er bei mir war. Daran war nichts Donnerhaftes und nichts Gewaltiges. Es war einfach nur ein stiller Genuss ohne Knall am Anfang oder am Ende. Und trotzdem war es wohl so was wie Liebe. Aber daraus würde ja nun wohl sowieso nichts werden.

Er wollte, dass ich den Stick einfach zurückgab. Ha! Das konnte er vergessen. Ich wollte das Geld mehr als ihn. Das hatte absolut nichts damit zu tun, dass er sowieso bei seiner Frau bleiben wollte. Echt nicht. Und nachdem er sich so aufgeführt hatte, wollte ich sowieso gar nichts mehr von ihm. Gar nichts. Ehrlich.

Ich wollte eine Zigarette. Nein, ich wollte sie eigentlich nicht. Ich brauchte eine. Wie ist das möglich? Diese blöden kleinen Dinger sind so ziemlich das dämlichste Laster, das ich mir vorstellen kann. Sie machen überhaupt keinen Spaß, sie ruinieren einem die Kondition, sie stinken und verderben einem den Geruchs- und Geschmackssinn und sind rundherum nutzlos und widerlich, aber wenn man sich einmal dran gewöhnt hat, vermisst man sie sein ganzes Leben lang.

Warum Zigaretten? Warum ich? Verdammt. Aber ich würde nicht nachgeben. Ich war fest entschlossen, stark zu bleiben. Ich hatte seit Jahren nicht mehr geraucht, und ich würde jetzt nicht wieder damit anfangen, bloß weil mein altes Leben angefangen hatte, zwischen meinen Fingern zu zerrinnen. War ja auch gar nicht so schlimm, ich hatte ja eigentlich schon ein neues, besseres Leben. Ich war stark genug, und abgesehen davon wusste ich, dass ich mich kein bisschen besser fühlen würde, wenn ich doch eine Zigarette rauchen würde. Im Gegenteil, ich würde tagelang den ekligen Geschmack im Mund haben, das Essen würde mir nicht mehr schmecken und ich würde mir erbärmlich vorkommen, weil ich mich nicht hatte beherrschen können. Ich würde stark bleiben. Ich packte einen Kaugummi aus und schob ihn mir in den Mund. Das soll ja sogar gut für die Zähne sein.

Ich fuhr an der nächsten Ausfahrt zu einer Tankstelle ab, um mir eine Packung Zigaretten zu kaufen. Ich hielt vor dem Eingang des Ladens, stellte den Motor ab, schlug mit der Faust gegen das Lenkrad und fluchte. Dann fiel mir ein, dass ich noch eine Packung Reval in der Tasche hatte. Ich zog sie hervor und sah sie mir an. Sie war noch versiegelt, immer noch in diesem durchsichtigen Folienzeug eingepackt, und es waren 19 Zigaretten drin. Ich stieg aus und warf die Packung in den Mülleimer. Ich trat einen Schritt zurück und überlegte es mir anders.

Ich sah mich um, sah einen voll gepackten Volvo, neben dem zwei Kinder herumliefen und schrieen und lachten, sah einen 5er BMW, auf dessen Beifahrersitz eine weißhaarige alte Frau saß, die mich mit zusammengekniffenen Augen anstarrte und wahrscheinlich gerade darüber nachdachte, was ihr an dem breitschultrigen Kerl da so merkwürdig vorkam.

Ich seufzte. Ich brachte es nicht über mich, zu dem Mülleiner zurückzugehen, darin herumzuwühlen und meine Zigarettenschachtel rauszufischen. Ich ging in den Laden und kaufte eine neue. Der Verkäufer sah mich die ganze Zeit mit so einem Blick an, den ich ganz gut kenne und der so etwas sagt wie: „Ich würde Sie wirklich gerne mit offenem Mund ungläubig anstarren, aber ich fürchte, dass Sie mich dann totschlagen.“

Ich dachte darüber nach, ihn zu fragen, ob ihm etwas nicht passte, entschied mich aber dagegen. Immer, wenn ich in der Stimmung bin, Streit anzufangen, sollte ich es lieber lassen.

Ich hätte eigentlich auch gerne was gegessen, aber das kam nicht in Frage. Das ist es, was ich am Autofahren wirklich hasse. Es gibt nichts zu essen. An den Tankstellen haben sie nur dieses widerliche Zuckerzeug, oder wenn man nichts Süßes will irgendwas voller Fett und nutzloser Kohlenhydrate. Die Raststätten mit ihren Jägerschnitzeln und Spaghetti Bolognese sind kein bisschen besser. Das würde ich nicht mal runterkriegen, wenn ich nicht wüsste, dass mich jeder Bissen zwei Stunden hartes Training kostet. Es gibt natürlich auch Salat, aber über den wollen wir mal gar nicht erst reden.

Ich weiß, was Sie jetzt denken: Die Pizza. Schon klar. Aber die zählt nicht, die hatte ich selbst gebacken.

Ach ja, Thema ungesunder Lebensstil. Ich verließ den Laden mit meiner neuen Packung Reval, zog den kleinen Folienstreifen auf, riss das Papier auf, blieb stehen, seufzte, und warf die gottverdammte Schachtel in den Mülleimer. Ich lachte und schüttelte den Kopf. Es war ein bisschen teurer als sie wirklich zu rauchen, aber dafür gesünder.

Die alte Frau in dem Auto hatte jetzt tatsächlich die Fensterscheibe heruntergefahren und lehnte ihren Kopf ein wenig hinaus, um mich besser mit noch enger zusammengekniffenen Augen anstarren zu können. Sie sah aus, als würde sie gleich raus fallen.

Ich stieg wieder in mein Auto und fuhr weiter. Ich brauchte immer noch eine Zigarette, aber ich hatte es wieder unter Kontrolle. Vorerst.

 

Hanna

Der hagere junge Mann mit der dickglasigen Brille und den fettigen Haaren sah mich mit tief in Falten gelegter Stirn und sehr misstrauischer Miene an.

„Aber da muss es doch irgendwas geben, was Sie mir verschreiben können.“

Er schniefte ostentativ.

„Sie haben eine Erkältung“, erklärte ich zum dritten Mal. „Natürlich könnte ich Ihnen etwas verschreiben, aber es würde nicht helfen. Und wenn Sie Pech haben, fühlen Sie sich noch schlechter. Wenn Sie wollen, können Sie sich eine Packung Nasenspray kaufen. Ich glaube, das gibt es sogar schon in Drogerien.“

„Aber ich bin doch krank!“

„Selbstverständlich, ja. Aber“

„Ich meine, was heißt denn hier nur Erkältung?“

Ich hatte zu keiner Zeit von nur einer Erkältung gesprochen oder sein Leiden sonst irgendwie heruntergespielt, wusste aber, dass es keinen Sinn hatte, ihn darauf hinzuweisen.

„Ich habe Kopfschmerzen!“ fuhr er fort, „Und Gliederschmerzen, und meine Augen brennen, mir tut alles weh! Wenn ich morgens aufwache, kann ich mich kaum aus dem Bett quälen, meine Nase ist völlig dicht, ich habe keinen Appetit und ich friere permanent, wenn mir nicht gerade zu heiß ist. Da muss es doch irgendwas geben, was mir helfen kann!“

„Das sind Symptome einer Erkältung“ erklärte ich zum vierten Mal. Ganz ruhig. Ich habe Übung. „Und es gibt leider keine Medikamente, die Sie heilen könnten. Es gibt einige Präparate, die die Symptome abschwächen können, aber davon halte ich nicht viel. Da die aber alle nicht verschreibungspflichtig sind, steht es Ihnen frei, sich welche zu besorgen. Wenn Sie möchten, empfehle ich Ihnen auch einige, obwohl ich immer noch rate, einfach abzuwarten, bis es Ihnen von selbst besser geht.“

Es fällt Ihnen vielleicht schwer, sich das vorzustellen, aber es stört mich nicht, so etwas immer und immer wieder zu sagen. Es ist ein bisschen schade um die Zeit, aber ansonsten läuft das bei mir alles halb automatisch. Ich musste mir nicht mal richtig zuhören, während ich ihm das erklärte und konnte darüber nachdenken, was ich heute Abend für Annelie und Janine vorbereiten würde.

„Ich glaube, da möchte ich lieber noch mal eine zweite Meinung einholen“, sagte der junge Mann mit den fettigen Haaren, in einem so blasierten Ton, dass ich beinahe laut gelacht hätte.

Ich konnte mich gerade noch beherrschen. Ich nickte mit verständnisvollem Gesichtsausdruck.

„Selbstverständlich, tun Sie das. Es gibt Ärzte, die Ihnen etwas gegen Ihre Erkältung verschreiben werden. Ich bitte Sie aber, trotzdem an meinen Rat zu denken.“

Er nickte, murmelte irgendetwas in der Richtung von „Ja, schon gut“, vor sich hin und ging. Ich wartete ungefähr eine Minute, bis ich mir sicher war, dass er weg war, dann öffnete ich die Tür zum Wartezimmer ein Stück, schaute nach links und rechts, um sicher zu gehen, dass niemand mehr da war und zwinkerte Maria zu.

„Er sucht jetzt jemanden, der ihn in stationäre Behandlung einweist“, sagte ich.

Sie lachte. Maria war meine Sprechstundenhilfe. Sie war manchmal ein bisschen flüchtig und unsystematisch in ihrer Arbeit, aber sie gab sich Mühe und beschwerte sich nicht, wenn ich sie mal noch ein bisschen länger brauchte.

„Ich hab ihm schon angesehen, dass er ein besonders schwerer Fall ist“, antwortete sie grinsend. „Frage mich, wie er es ohne Hilfe bis hierher geschafft hat.“

„Hatten wir nicht noch einen Termin für heute?“

Sie warf reflexartig einen Blick in das Buch auf ihrem Schreibtisch, obwohl sie es sicherlich aus dem Kopf gewusst hätte.

„Ja“, sagte sie, „Frau Brede, aber das ist schon fünf Minuten her. Sie kommt sonst immer zu früh.“

„Vielleicht hat sie’s vergessen“, meinte ich.

Frau Brede war 85. Normalerweise war sie immer sehr pünktlich, aber in dem Alter vergaß man schon ab und zu einen Termin.

In diesem Moment öffnete sich die Tür. Natürlich rechneten wir beide fest damit, die alte hagere immer stocksteife Frau Brede mit ihrem Gehstock mit dem silbernen Entenkopfgriff hereinkommen zu sehen. Ich nehme an, dass Maria genauso überrascht aussah wie ich, als statt ihrer eine vielleicht dreißigjährige Frau mit langen Rastazöpfen erschien, die so aussah, als hätte sie Frau Brede ohne Schwierigkeiten in einem Bissen verspeisen können.

„Hallo“, sagte sie. Ihr Blick schweifte durch den Raum, als würde sie etwas suchen, und blieb dann schließlich an mir hängen. „Frau Dr. Jakobi?“ fragte sie mich kaugummikauend.

„Ja.“ Ich nickte. „Möchten Sie einen Termin?“

Ihre Augen wanderten kurz an mir hinab, und für einen Moment schien ein abschätziges Lächeln über ihr Gesicht zu huschen. Vielleicht kam es mir nur so vor, aber es schien, als würde sie einige Sekunden lang nachdenklich meinen Bauch betrachten, bevor sie schließlich ihren Kopf schüttelte.

„Nein. Ich bin aus einem ganz anderen Grund hier.“

Ich war nun nach meiner Schätzung seit ungefähr 8 Wochen schwanger, und es war überhaupt nichts zu sehen. Ich musste mich getäuscht haben. Die Riesin ging auf mich zu und zog eine kleine Ledermappe aus der rechten Beintasche ihrer beigen Cargo-Hose. Je näher sie kam, desto größer schien sie mir. Ungefähr zwei Meter, schätzte ich. Sie klappte sie auf und zeigte mir einen Ausweis.

„Ich bin Polizeiobermeisterin Tanja Berger, und ich würde gerne mit Ihnen sprechen.“

Sie klappte den Ausweis wieder zu, noch bevor ich Zeit gehabt hatte, ihn mir genauer anzusehen.

Es war aber auch eigentlich egal. Ich habe keine Ahnung von solchen Sachen, und wenn es nicht gerade ein Micky-Maus-Spezialagentenausweis gewesen wäre, hätte ich sowieso keine Chance gehabt, ihn von einem echten zu unterscheiden.

Andererseits sah sie wirklich nicht besonders wie eine Polizistin aus. Sie trug rote Turnschuhe, eine offene blaue Freizeitjacke, hellbraune Cargo-Pants und ein dunkelgraues T-Shirt, auf das drei rote Fußspuren gedruckt waren, darunter in rot die Worte:

seek what they sought

Falls das irgendwie eine Pointe hatte, verstand ich sie nicht. Falls es einfach nur unverständlich tiefsinnig sein sollte, war es schon eher erfolgreich.

Vielleicht sollte ich doch noch mal den Ausweis verlangen. Was würde Konrad sagen, wenn er erfuhr, dass ich mich von jemandem hinters Licht führen ließ, der einfach nur eine Ledermappe vor meinem Gesicht auf- und zuklappt. Sonderbarerweise war es dieser Gedanke an meinen Mann den Anwalt, der den Ausschlag gab.

„Darf ich den Ausweis bitte noch mal genauer sehen?“ fragte ich, und ärgerte mich dabei ein bisschen, dass meine Stimme so hoch und unsicher klang. Sie musste ihn mir zeigen, so viel wusste sogar ich.

Sie zuckte die Schultern und sah mich an, als wollte sie sagen: Da ist aber jemand misstrauisch, was? Ich konnte sehen, wie ihre Kiefermuskeln sich an- und entspannten, während sie kaute. Sehr kräftige Kiefermuskeln, wie wahrscheinlich alle ihrer Muskeln.

„Wenn’s sein muss“, sagte sie, zog wieder die Mappe hervor und klappt sie auf.

Ich trat einen Schritt näher heran, um den Ausweis anzusehen. Für einen Moment fragte ich mich, ob sie ihn mit Absicht so hielt, dass ich mich strecken und meinen Kopf heben musste, um ihn erkennen zu können, aber ich verwarf den Gedanken als albern.

In der Ledermappe sah ich eine Plastikkarte, ungefähr wie diese neuen Führerscheine, mit einem ziemlich unvorteilhaften Passbild, das aber unverkennbar ihre herben Gesichtszüge mit den großen blauen Augen zeigte. Da stand auch ihr Name, Polizei und Dienstausweis. Über dem Bild waren sogar holografische schillernde Symbole zu sehen. Soweit eine Ärztin das erkennen konnte, war der Ausweis tatsächlich echt. Nur eine Einzelheit wunderte mich.

„Nordrhein-Westfalen?“

Sie lächelte betont geduldig auf mich herab. Ich finde, es spricht für mich, dass ich erst in diesem Moment beschloss, dass sie mir sehr unsympathisch war.

„Erkläre ich Ihnen gerne; aber es wäre am besten, wenn ich mit Ihnen alleine sprechen könnte“, antwortete sie.

„Wenn’s sein muss“, sagte ich mit einem Lächeln. „Maria, ich glaube, du kannst für heute sowieso nach Hause gehen. Falls Frau Brede noch kommt, krieg ich das schon selbst hin.“

Maria packte ihre Sachen zusammen, und die Polizistin folgte mir in mein Behandlungszimmer. Ich hatte ihren Namen schon wieder vergessen. Ich setzte mich hinter meinen Schreibtisch. Teils, weil ich das immer so mache, teils vielleicht, weil sie mir unsympathisch und herablassend erschien und weil mir der Schreibtisch in meinem Behandlungszimmer ein Gefühl von Dominanz vermittelt.

Falls ich das gehofft hatte, wurde ich jedenfalls enttäuscht. Die riesige Polizistin setzte sich nicht auf den Stuhl gegenüber, sie blieb stehen, und ich musste sehr weit zu ihr aufsehen. Und sie sah auf mich herab, und sie lächelte, und plötzlich fühlte ich mich sehr klein und unwohl.

Ich dachte daran, dass ich meinen Mann betrogen hatte und dass ich schwanger war von einem anderen, der nichts mehr von mir wissen wollte, und aus irgendeinem Grund sah ich das alles darin, wie diese hünenhafte Frau auf mich herablächelte.

Ich weiß nicht, ob mir das Lächeln abschätzig vorkam, weil ich mich so schlecht fühlte, oder ob ich mich schlecht fühlte, weil sie so abschätzig lächelte.

Ich dachte kurz daran, ob sie mich vielleicht bewusst nervös machen wollte, weil sie mich irgendeines Verbrechens verdächtigte. Natürlich war ich mir keiner Schuld bewusst, aber es war jedenfalls sehr unangenehm, und ich konnte ihren Blick nicht länger erwidern. Ich sah auf meinen Schreibtisch, auf den Kalender.

Und dann fiel mir ein, warum sie hier sein musste. Nordrhein-Westfalen. Düsseldorf. Konrad.

„Ist Konrad etwas zugestoßen?“ fragte ich schnell. Ich hatte in diesem Moment wirklich Angst um ihn, trotz allem.

Sie schüttelte ihren Kopf.

„Nein, Frau Dr. Jakobi, Sie müssen sich keine Sorgen um Ihren Mann machen. Ich bin Ihretwegen hier.“

„Meinetwegen.“

Ich hatte wirklich nichts getan. Was konnte sie von mir wollen?

„Frau Dr. Jakobi, Ihr Mann hat Drohungen erhalten, die sich gegen Sie richten. Er hat sich damit an uns gewandt, und es wurde entschieden, Ihnen Personenschutz zu gewähren, bis wir eine weitere Bedrohung ausschließen können.“

„Drohungen? Gegen mich? Davon hat er gar nichts erzählt, was für Drohungen denn?“

Warum hatte er mir davon nichts erzählt? Wir hatten doch gerade vorhin noch telefoniert! Das war schon wieder typisch Konrad, einfach-

Mein Gedankenfluss stockte, als mir der komische Typ wieder einfiel, dieser kleine Asiate, und wie merkwürdig Konrad reagiert hatte… Mir wurde ein bisschen kalt bei der Erinnerung an den sonderbar intensiven Blick des kleinen Mannes in seinem schwarzen Anzug, an seinen sanften Händedruck und seine leise Stimme. Hatte der wirklich…? Mir fiel auf, dass ich der Polizistin eine ganze Weile nicht zugehört hatte.

„Entschuldigen Sie bitte, was haben Sie gesagt?“

Sie lächelte mich an, als würde sie ein Seufzen unterdrücken, oder ein Kopfschütteln.

„Ich sagte: Wir haben keine konkreten Hinweise“, wiederholte sie. „Wir rechnen auch nicht damit, dass jemand etwas versuchen wird, aber aufgrund verschiedener Umstände haben wir entschieden, die Drohungen zunächst ernst zu nehmen.“

Sie schob beiläufig einige ihrer Zöpfchen hinter ihre Schulter, während sie sich in meinem Behandlungszimmer umsah. Ihre Worte und ihr ganzes Auftreten wirkten oberflächlich völlig professionell und sachlich, aber ich hatte die ganze Zeit über das Gefühl, unterschwellige Verachtung aus ihrer Stimme und ihrer Haltung herauslesen zu können.

Oder richtete sich ihr Unwille vielleicht gar nicht gegen mich? Vielleicht hatte sie einfach einen schlechten Tag gehabt und versuchte, so gut sie konnte, sich das nicht anmerken zu lassen. Vielleicht gab sie mir sogar ein bisschen die Schuld dafür, weil sie ja meinetwegen hier war.

Ich beschloss, dass es das sein musste und nahm mir vor, mein Bestes zu tun, ihre Laune zumindest nicht noch zu verschlechtern. Sie war hier um mich zu beschützen, und das war doch schon einmal ein guter Grund, nett zu ihr zu sein.

Außerdem schien sie durchaus eine brauchbare Beschützerin zu sein, dachte ich, während mein Blick über ihre breite, muskulöse Gestalt wanderte. Natürlich war schon ihre schiere Größe eindrucksvoll, wie gesagt, bestimmt fast zwei Meter, wenn nicht sogar ein bisschen mehr.

Außerdem konnte sie sich glücklich schätzen, dass sie damit offenbar keinerlei Probleme hatte. Wenn sie bei der Polizei war, war sie körperlich offenbar weitestgehend gesund. Riesenwüchsige Menschen leiden eigentlich oft unter Krankheiten, Marfan-Syndrom etwa, oder haben orthopädische Probleme. Und sehr muskulöse Frauen sind normalerweise sehr knabenhaft gebaut, aus hormonellen und noch ein paar anderen Gründen. Bei ihr war das überhaupt nicht so. Sie sah – auf eine ausgesprochen herbe Art, die viele Männer wahrscheinlich einschüchternd finden würden – gut aus.

Ich schätze, wenn man lange genug als Ärztin arbeitet, gewöhnt man sich daran, den menschlichen Körper einfach als ein Objekt zu betrachten. Mir geht es jedenfalls so. Und manchmal ecke ich damit ein bisschen an. Aber zu meiner Überraschung schien es die Polizistin nicht zu stören. Im Gegenteil, sie grinste und schien aufrichtig amüsiert. Ich erwiderte ihr Lächeln und entschied mich für die nächstliegende Erklärung, die nicht mal richtig gelogen war.

„Ich mag Ihr Shirt. Ich habe so eins noch nie gesehen, glaube ich.“

Ihr Lächeln wurde ein bisschen breiter, und ich begann mir Hoffnungen zu machen, dass wir vielleicht doch miteinander auskommen würden. Diese Sache konnte wohl eine ganze Weile dauern, deshalb empfand ich das als Erleichterung.

„Meine Cousine macht die“, antwortete sie. „Sie ist die Künstlerin in der Familie.“

Ich nickte.

„Sie werden mir ein bisschen erklären müssen, wie es jetzt weitergeht“, sagte ich. „Ich hatte noch nie einen Beschützer. Fahren Sie jetzt mit mir nach Hause? Und… Ich habe heute Abend ein paar Gäste, ich meine… Vielleicht ist das jetzt eine dumme Frage, aber essen Sie mit?“

 

Lesegruppenfragen:

  1. Vielleicht verstehen einige von euch nicht, was Tanja an Konrad findet. Sagt es ruhig frei heraus, und ihr anderen, die einigermaßen mit ihr fühlen könnt, seid natürlich auch herzlich eingeladen, euch zu ihrem kleinen Monolog zu äußern.
  2. Das mit den Zigaretten, ist das zu albern? Ich find’s irgendwie nett.
  3. Wenn ich mal um Handzeichen bitten darf: Wer findet jetzt eigentlich, dass Hanna zu männlich denkt? Und wer nicht? Ich weiß offen gestanden nicht einmal genau, was das heißt, auch wenn ich ein vages Gefühl habe, dass es tatsächlich so sein könnte.
    Andererseits finde ich es vielleicht gar nicht so schlimm, dass sie nicht besonders „weiblich“ denkt.
    Ach so, noch was: Findet ihr, dass Tanja genauso männlich denkt?
  4. Würdet ihr die Personenschützerin mitessen lassen? Ich weiß, ich würde.

 

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11 Responses to Eine Riesenmenge Geld (12)

  1. Guinan sagt:

    Ich bin heute wohl begriffstutzig, den Shirt-Spruch verstehe ich auch nicht. Suche, was sie suchen? Sehr hintergründig.
    Außerdem, wieso ist Zigaretten wegwerfen teurer als rauchen?
    Übrigens mag ich Tanja jetzt wieder lieber. Die Zweifel nach dem letzten Kapitel sind verflogen.
    1. Ich versuche, es zu verstehen. Er passt ja nun überhaupt nicht zu ihr, das macht wohl gerade den besonderen Reiz aus.
    2. Ist nicht albern, ich find’s sympathisch.
    3. Männliche oder weibliche Denkweise, ist das nicht sowieso nur Einbildung? Von diesen Schubladen halte ich nichts. Hanna denkt einfach – normal. Und Tanja ist eben ganz allgemein anders drauf.
    4. Bei mir kriegt immer jeder was zu essen, Handwerker, herrenlose Katzen, Zufallsgäste, egal. Warum nicht auch Personenschützer?

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: Den kann man eigentlich auch nicht richtig verstehen. Irgendwann habe ich den mal gelesen, und er geht eigentlich los mit „Don’t follow the masters‘ footsteps.“
    Zigaretten wegwerfen ist in diesem Fall teurer, weil auch der routinierteste Raucher wahrscheinlich nur auf diese Weise zwei Schachteln in fünf Minuten schafft.
    Dass du Tanja wieder lieber magst, freut mich natürlich. Ich mag sie auch sehr.
    3. Du sprichst mir aus der Seele.
    4. Schon wieder.

  3. Guinan sagt:

    Ah, so ergibt der Spruch schon mehr Sinn. Wenn man’s erstmal kapiert hat, ist der sogar richtig gut.

  4. Chlorine sagt:

    Dieses Kapitel las sich wieder extrem gut und flüssig.

    1. Jetzt sag bloß, dir ist es noch nicht passiert, dass du jemanden außerhalb deines Schemas mochtest!?

    2. Ich musste stark schmunzeln, weil es so unglaublich menschlich ist und ich schon Ähnliches getan habe.

    3. Ich denke da wie Guinan. Hat dich jemand auf die Idee gebracht, dass es so sein könnte? Überrascht hat mich aber, dass auch Hanna eine gute Portion Humor besitzt.

    4. Wenn sie vom Fleische fällt, kann sie ihrer Arbeit nicht nachkommen. Sie bekäme sogar Nachschlag. Zweimal. 😉

    99. Ist Tanjas Cargo-Hose nun beige oder hellbraun? Ich würde für hellbraun plädieren, denn beige sieht absolut schlimm zu grau aus.

  5. Muriel sagt:

    @Chlorine: 1. Ich habe eigentlich gar kein Schema, aber ich verstehe schon, was du meinst.
    3. Ja, das hatte hier jemand so kommentiert, und da dachte ich, ich frag euch andere mal, was ihr so meint.
    99. Dann ist sie hellbraun. Nicht, dass ich den Unterschied so richtig kennen würde…

  6. Günther sagt:

    1. Gut, verständlich.

    2. Fand ich gut. Auch gut, dass sie am Ende stark geblieben ist 😉

    3. Ich schließe mich absolut den Vorrednern an. Bis mich jemand vom Gegenteil überzeugt bestreite ich, dass es da prinzipielle Unterschiede gibt…

    4. Kommt drauf an mit wem ich mich zum Essen verabredet hätte… „Nein Oma, mach dir keine Sorgen… die Dame ist von der Polizei und versucht mich vor der Mafia zu schützen, die mir ans Leder will.“

  7. Muriel sagt:

    @Günther: Vielen Dank!
    4. Großmütter werden unterschätzt.

  8. Zaphod sagt:

    1. Nach den ersten Absätzen habe ich mich ernsthaft gefragt, was sie denn überhaupt an dem Mann findet, aber das hat sie dann ja erklärt. Nachvollziehbar, manchmal reichen schon ein paar Kleinigkeiten aus, die Hormone verrückt spielen zu lassen. Dafür hatte sie sich aber noch ganz gut unter Kontrolle.

    2. Tanja hat eine Menge Boden gut gemacht gerade. Das sie sich verliebt hat und mit ihrer Nikotinsucht zu kämpfen hat macht sie irgendwie menschlicher.

    3. Bezog sich auf ein anderes Kapitel und ist halt mehr so ein Gefühl, welcher Mann kann schon behaupten, zu wissen wie Frauen denken oder ob sie anders denken. Ich fand ihre Reaktionen irgendwie untypisch, ging mir aber bei Konrad ähnlich. Andererseits hab ich heute gerade wieder gelernt, dass es in solchen Situationen wahrscheinlich gar keine typischen Verhaltensweisen gibt.

    4. Ja, klar. Ich käme mir irgendwie blöde vor, würde sie ihre Stulle in der Küche auspacken müssen, während die Familie am Tisch speist. Außerdem werden hier laufend alle möglichen Leute zum Essen eingeladen, schon weil es mehr Spaß macht für Leute zu kochen. Ob Hanna das nun ähnlich sieht weiß man ja nicht. Die Situation ist ja auch eher ungewöhnlich.

    Ich hätte da sowieso ne Menge andere Fragen, bevor die überhaupt in meine Küche kommt, aber die hat Hanna ja auch, nur leider werden die erst nächsten Freitag beantwortet. Das las sich wirklich extrem gut heute, ich fühlte mich rüde im Lesefluss unterbrochen und musste mich kurz vergewissern, dass es nicht kürzer war als üblich.

  9. Muriel sagt:

    @Zaphod: 2. Freut mich sehr, dass das gut ankommt.
    Was die Unterbrechung angeht: Ja, es war ein bisschen kürzer. Tut mir auch Leid. Nächsten Freitag müsste es wieder im gewohnten Umfang klappen.

  10. madove sagt:

    1. Wie gesagt, ich mag Konrad sehr. Ich weiß, ohne seine Stimme gehört und ihn gesehen und gefühlt zu haben nicht, ob ich ihn als Mann oder als Freund wollen würde, aber daß man ihn will, versteh ich.

    2. Das mit den Zugaretten war ein Highlight! Neben den anderen.

    3. Das mit dem männlich Denken sagt mir irgendwie gar nichts. Schließe mich Guinan an.

    4. Ich würde sie definitiv mitessen lassen. Ich bin nur sehr schüchtern, sowas anzubieten, weil ich immer schreckliche Angst habe, daß ich irgendwas Skurriles esse, was abgelehnt wird. Aber wenn ich eh Gäste habe, also „präsentabel“ esse, ist das ja kein Problem.

    5. Das T-Shirt hatte ich auch nicht verstanden, aber ich würde es anziehen, es gefällt mir. Und nachdem Du es erklärt hast, noch besser.

    6. Ich komm jetzt auch mit Tanja wieder besser klar. War ein sehr schönes Kapitel.

  11. Muriel sagt:

    @madove: 4. Isst du denn wirklich so skurril?
    5. Dass man es erklären muss, spricht natürlich nicht unbedingt dafür, aber manchmal mag ich es auch ein bisschen kryptisch.

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