Eine Riesenmenge Geld (13)

Der letzte Freitag dieses Urlaubs, und obwohl wir zurzeit meist so gegen 6 zum Strand aufbrechen, hält mich nichts davon ab, euch zum Wochenende ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans zu überreichen. Der nächste Reisebericht kommt hoffentlich auch demnächst.

Viel Spaß!

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir Konrad kennengelernt, einen Hamburger Anwalt, der von seiner Frau betrogen wird, und Tanja, eine SEK-Beamte in Düsseldorf, die perfekt einen wütenden Dobermann nachahmen kann.
Im zweiten Kapitel lernen Konrad und Tanja einander kennen und verabreden sich zum Essen.
Im dritten Kapitel essen sie miteinander und fahren zu Tanja nach Hause.
Konrad betritt im vierten Kapitel Tanjas Wohnung, und die beiden beschließen, Freunde zu sein. Am nächsten Tag ruft sie ihn an und bittet ihn, sie noch einmal zu besuchen.
Im fünften Kapitel hilft Konrad Tanja bei einer Konfirmationskarte und bekommt ein Buch geschenkt. Danach fährt er nach Hause und kocht für seine Frau.
Im sechsten Kapitel besucht Tanja die Konfirmationsfeier und schenkt ihrem Neffen das Leatherman Multitool, das ihr gar nicht gehört.
Konrad und Hanna sprechen im siebten Kapitel über ihre Ehe, und Hanna gesteht, dass sie schwanger ist.
Im achten Kapitel sanieren Hanna und Konrad ihre Beziehung, und Tanja hasst den Bus.
Im neunten Kapitel erfolgt der Zugriff, und Konrad stiehlt ein Speichermedium.
Im zehnten Kapitel besucht Tanja Konrad in seinem Hotel, und sie verbringen die Nacht miteinander. Platonisch natürlich.
Im elften Kapitel wird Konrad erst von einem sonderbaren kleinen Asiaten bedroht, und dann von Tanja. Im Aquazoo.
Tanja fährt nach Hamburg und lernt Hanna im zwölften Kapitel kennen.

Was heute geschieht

Konrad

„Aber wie kann Ihnen denn so was passieren?“

Ich seufzte nicht. Stattdessen verdrehte ich die Augen, das konnte er über das Telefon nämlich nicht sehen. Ich lehnte mich ein bisschen weiter in den Rücksitz des Taxis und stellte mich auf eine längere Unterhaltung ein.

Ich hasse es, wenn Mandanten einen Schriftsatz bekommen und dann ganz aufgebracht bei mir anrufen, um mir voller Entrüstung mitzuteilen, dass das alles gar nicht stimmt, was die Gegenseite da vorträgt. Die Gegenseite können sie ja nicht anrufen, mit denen sprechen sie nicht mehr. Deswegen rufen sie mich an. Und ich sage dann, dass Prozessgegner eben manchmal nicht sagen, was man gerne möchte, und dass es dann unsere Aufgabe ist, sie zu widerlegen. Und dann sagt der Mandant, dass das doch aber alles gar nicht wahr ist und dass das doch nicht sein kann.

Dieser spezielle Mandant – nennen wir ihn Schmidt – war nun offensichtlich der Auffassung, dass es irgendwie meine Schuld sei, dass sein Prozessgegner log, und dass ich es deshalb verdient hatte, mir den ganzen Schriftsatz von ihm vorlesen zu lassen. Ich hasse solche Gespräche. Natürlich war ich in diesem Moment ziemlich damit ausgelastet, zu hassen, dass meine Frau bedroht und gewissermaßen als Geisel genommen worden war, um mich zu zwingen, einen Mandanten zu hintergehen, deswegen schien mir das Gespräch mit Herrn Schmidt nicht so schlimm wie sonst. Aber lästig war es schon.

„Sehen Sie, Herr Schmidt“, ich sagte natürlich seinen richtigen Namen, aber den verrate ich hier nicht, „Ich bin gerade geschäftlich in Düsseldorf, und ich habe den Schriftsatz deshalb noch nicht gelesen. Ich werde aber“

„Was? Sie haben das noch gar nicht? Was soll das denn heißen? Herr Jakobi, wie wollen Sie denn einen Prozess führen, wenn Sie nicht mal die Briefe lesen? Was muss ich denn davon halten?“

Ich rutschte ein bisschen weiter in die Mitte des Wagens, in der Hoffnung, dass der Empfang schlechter werden würde. Leider wurde ich enttäuscht, nichts knackte und nichts rauschte, und Herr Schmidts wütendes Schnaufen war immer noch klar zu hören.

Ich überlegte, selbst Störgeräusche zu simulieren, sah aber ein, dass ich das mangels Erfahrung nicht überzeugend hinbekommen würde.

„Sie müssen sich keine Sorgen machen. Wir haben noch jede Menge Zeit, um darauf zu erwidern, und sobald ich wieder in Hamburg bin, werde ich mich eingehend mit der Sache befassen.“

Er grummelte noch ein bisschen vor sich hin, das wolle er auch hoffen und so was hätte er noch nicht erlebt und das könne doch alles nicht wahr sein, aber schließlich fand er sich damit ab und legte auf.

Ich atmete tief durch und fuhr mir mit einer Hand durch die Haare. Dann schaltete ich mein Telefon ab. Meine Situation war schon verwirrend genug, ohne dass ich zusätzlich von ungeduldigen Mandanten abgelenkt wurde.

Ich wusste immer noch nicht, was ich von Tanja halten sollte. Ich war ziemlich sicher, dass sie mich richtig verstanden hatte, und ich sie auch. Sie hatte wirklich angedeutet, dass Hanna etwas zustoßen könnte, wenn ich ihr nicht dabei half, an das Geld zu kommen. Aber ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie es wirklich tun würde.

Sie war einfach nicht so ein Mensch. Sie hatte vielleicht geblufft, oder es nur aus einem Impuls heraus gesagt, ohne richtig darüber nachzudenken.

So ein Mensch war sie, ohne Zweifel.

Natürlich konnte ich die Polizei rufen. Tanja würde ein bisschen in Schwierigkeiten geraten, wenn sie erklären sollte, was sie bei Hanna zu suchen hatte, aber wenn sie nicht gerade ein Messer an ihre Kehle hielt oder sie an einen Stuhl gefesselt hatte, würde sie wohl kaum festgenommen werden. So etwas würde sie nicht tun, oder? Wenn ich Tanja einfach machen ließ, würde sie Hanna beschützen, ohne dass ich irgendjemandem die Wahrheit über die ganze irrsinnige Situation erzählen musste. Eine zwei Meter große SEK-Beamtin war sicher nicht die schlechteste Leibwächterin, die man haben konnte, oder? Das wollte ich nicht leichtfertig aufs Spiel setzen.

Ich konnte Hanna anrufen, um sie vor Tanja zu warnen. Aber was würde das nützen? Ich würde damit schreckliche Verwirrungen auslösen und letztlich würde Tanja – je nachdem, wie viel kriminelle Energie sie wirklich aufbringen konnte – entweder gehen, oder sie würde sich gezwungen sehen, Hanna wirklich irgendwo anzubinden und wie eine Geisel zu behandeln.

Eigentlich war es am besten, einfach zu tun, was Tanja wollte. Oder vielleicht auch nur am bequemsten, aber ich war schon immer ein Freund bequemer Wege gewesen. Ich würde auf unauffällige Weise nach dem Stick fragen, die Antwort an Tanja übermitteln, und dann – ja, und dann?

Tanja schien wirklich zu glauben, dass sie dann nur noch mit einem Koffer voller Geld auf die Bermudas fliegen musste. Aber so einfach war es ganz bestimmt nicht, und je näher sie an das Geld kam, desto gefährlicher würde es werden. Und dann war Hanna wieder in Gefahr. Und Tanja. Und ich natürlich auch. Was war eigentlich mit mir? Warum hatte ich noch keine Sekunde darüber nachgedacht, dass ich selbst auch in Gefahr sein könnte? Wer beschützte eigentlich mich?

„Wir sind da“, sagte der Taxifahrer, als ihm klar wurde, dass ich es nicht von selbst merken würde.

Ich seufzte. Ich wusste, dass die Situation nicht so kompliziert war, wie sie mir jetzt erschien. Ich dachte nicht klar, weil ich es nicht gewohnt war, bedroht zu werden, und weil Hanna in Gefahr war und weil ich auch so schon genug Probleme hatte und sicher noch aus ein paar anderen weniger offensichtlichen Gründen.

Natürlich hatte ich Erfahrung, mit schwierigen Entscheidungen, aber es ging dabei doch eher selten um Menschenleben.

Ich bezahlte den Fahrer und stieg aus. Und dachte, dass es vielleicht helfen würde, meine Gedanken aufzuschreiben. Damit habe ich gelegentlich gute Erfahrungen gemacht. Allerdings sollte ich den Zettel danach wohl gründlich vernichten.

Sicher würde es mir danach leichter fallen, alles ein bisschen zu ordnen. Dummerweise hatte ich nur noch zwanzig Minuten bis zu meinem Termin mit Svenson. Und ich war noch nicht in der JVA. Das Aufschreiben würde warten müssen.

Es sprach doch auch erst einmal nichts dagegen, alles herauszufinden, was Tanja wissen wollte. Mich interessierte schließlich auch, was es mit dem Stick auf sich hatte, es war sogar relevant für den Fall, und was ich später mit den Informationen anfangen wollte, konnte ich mir immer noch überlegen, wenn ich sie hatte. Vielleicht würde er mir auch einfach nichts verraten und mir die Entscheidung damit komplett ersparen.

Wäre das nicht zu schön, um wahr zu sein?

Am Eingang begrüßte mich ein außergewöhnlich gut gelaunter Justizbeamter, der sogar einige recht gelungene Scherze darüber machte, was ich alles in die Anstalt hineinschmuggeln könnte. Nach meiner Erfahrung sind diese Menschen eigentlich notorisch humorlos, besonders in dieser Hinsicht, wie ich es an ihrer Stelle gewiss auch wäre. Becker stand auf seinem Namensschild. Ich war kurz davor, ihn zu fragen, was das Geheimnis seines Glücks war, aber ich entschied mich dagegen, weil ich erstens nicht unmäßig neugierig erscheinen wollte und weil zweitens manche Geheimnisse viel interessanter sind, als ihre Erklärungen.

„Hummel Hummel“, rief er mir nach, und als mir klar wurde, was er damit meinte, hatte mich eine eher sachliche Kollegin namens Janssen bereits zurückhaltend begrüßt und auf den Weg zum Besucherraum gebracht. Es war zu spät, um Herrn Becker noch die traditionelle Antwort auf seinen Hamburger Gruß zuzurufen.

Frau Janssen sagte kein einziges Wort, während sie mich durch die JVA führte. Sie öffnete wortlos die Tür zum Besucherraum und wies mir dann mit einer sparsamen Geste den Tisch, an dem Olof Svenson auf mich wartete.

„Guten Tag, Herr Svenson“, sagte ich, während ich noch darüber nachdachte, wie unterschiedlich die Menschen doch sind.

„Das hier ist ein Skandal“, sagte er, in einem Tonfall, als hätte er den Verdacht, dass es teilweise auch meine Schuld war.

„Da haben Sie sicherlich Recht“, antwortete ich, „Aber wir wollen trotzdem einmal versuchen, eine vernünftige Lösung zu finden.“

Sie werden sich denken können, dass ich diesen Satz recht oft benutze.

„Eine vernünftige Lösung wäre, diesen ganzen Laden hier“

„Herr Svenson“, unterbrach ich ihn, „Ich bin zwar sicher, dass dieses Gespräch nicht abgehört wird, aber Sie sollten diesen Satz vielleicht trotzdem lieber nicht beenden. Sie denken da in die falsche Richtung, wenn Sie mich fragen.“

Er schnaubte und blickte sehr unzufrieden auf meine Füße.

„Na los, dann sagen Sie, was man machen kann.“

„Das möchte ich Ihnen gerne sagen“, antwortete ich, „Aber zuerst muss ich die Umstände dieses Falles möglichst genau kennen. Sie sollten mir deshalb alles erzählen, was Sie wissen. Nur wenn ich alle Umstände genau kenne, kann ich eine gute Verteidigungsstrategie entwickeln. Selbstverständlich unterliege ich der Schweigepflicht, das wissen Sie ja.“

Ich sagte das vor allem im Hinblick darauf, dass ich auch einige Details von ihm erfahren wollte, die mit meiner Verteidigungsstrategie nicht viel zu tun hatten. Ich hatte ja schon gesagt, dass ich keiner dieser Anwälte bin, die lieber nichts von den Dingen wissen, die sie eventuell in einen Konflikt mit ihrer Berufsethik bringen könnten. Zurzeit lag mir eher weniger daran, eine möglichst überzeugende Verteidigungsstrategie für meinen Mandanten zu entwickeln.

Svenson betrachtete mich einige Sekunden lang mit zusammengekniffenen Augen, als versuchte er, durch meinen Kopf hindurch meine Gedanken zu erkennen. Dann seufzte er und fügte sich in das Notwendige.

„Ich kenne Ihre Schweigepflicht. Aber ich will Ihnen trotzdem noch einmal sagen, dass Sie sich besser daran halten sollten, Herr Jacobi. Auch in Ihrem Interesse. Die Leute, mit denen ich Geschäfte mache, sind nicht besonders verständnisvoll. Und es geht bei diesen Geschäften noch um ganz andere Dinge als um sehr, sehr viel Geld.“

Ich nickte.

„Ich brauche keine Drohungen, Herr Svenson.“ Ich hatte schon genug, aber das sagte ich ihm lieber nicht. Ich sagte: „Ich halte mich auch so an die Regeln meines Standes. Sie können mir also alles sagen, was ich wissen muss. Und es wäre vorteilhaft, wenn Sie mir dabei auch erklären könnten, was es mit einem gewissen USB-Stick auf sich hat, den der Staatsanwalt mir gegenüber erwähnt hat.“

Ich glaube, ich habe noch nie einen Menschen buchstäblich erbleichen sehen, aber jetzt sah ich es. Svensons Gesicht wurde – naja, nicht kalkweiß, aber doch merklich heller. Ich konnte richtig sehen, wie das Blut herausfloss.

„Sie haben den-“ stieß er hervor, unterbrach sich dann, schluckte und blickte auf seine Hände hinab, die auf der Tischplatte verzweifelt miteinander rangen.

Je dichter die Lügen bei der Wahrheit bleiben, desto besser. Glauben Sie mir, Anwälte kennen sich mit sowas aus.

„Ich weiß nicht, ob sie ihn haben“, antwortete ich, „Vielleicht bluffen sie auch nur, aber es kann sein, dass sie ihn haben, und für den Fall muss ich alles darüber wissen, damit ich mir vorab die richtigen Antworten überlegen kann.“

Und dann erzählte er es mir. Er erzählte mir alles. Anscheinend war der Stick genau der Schreck, den er gebraucht hatte. Er erzählte mir Dinge, die ich wirklich nicht hätte wissen wollen, und einige, die mich zum ersten Mal in meinem Leben ernsthaft darüber nachdenken ließen, ob ich dieses Mandat niederlegen sollte. Aber mir ging es vorerst nur um das Geld, und auch davon erfuhr ich, was Tanja wissen wollte.

Ich wartete vor der JVA sehr, sehr lange auf mein Taxi, und irgendwann beschloss ich deshalb, meinen Sozietätskollegen Hans Eschner noch einmal anzurufen. Während ich wählte, wusste ich noch nicht, was ich ihm eigentlich erzählen wollte, aber ich hatte das vage Gefühl, dass es nicht schaden konnte, mit ihm zu reden.

„Konrad!“ rief er in den Hörer, „Es ist eigentlich gerade wirklich ungünstig, kannst du warten?“

„Natürlich“, antwortete ich, „Ruf mich einfach zurück, wenn du-“

„Oh!“ schrie er, „Du hast Recht, das müssen wir sofort klären. Warte mal kurz, ich muss nur eben einen… freien Raum… Ah, hier.“ Ich hörte eine Tür zuschlagen. „Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass du angerufen hast. Was gibt’s?“

Ich konnte das Schmunzeln trotz allem nicht unterdrücken.

„Es ist immer noch kompliziert.“

„Nein“, sagte er, „Es ist noch komplizierter. Sonst hättest du nicht wieder angerufen.“

Ich seufzte und lachte halb und antwortete: „Ich weiß nicht, ob es komplizierter ist, aber es ist auf jeden Fall schwieriger.“ Natürlich war das keine besonders hilfreiche Bemerkung, aber ich versuchte, Zeit zu schinden, während ich darüber nachdachte, was ich ihm sagen wollte und was nicht. Ach, was soll’s, dachte ich schließlich. „Wieviel Wahrheit kannst du heute vertragen, Hans?“

„Gib’s mir“, sagte er, ohne zu zögern.

Ich seufzte noch mal, diesmal vor Erleichterung.

„Dann hör gut zu. Nichts von dem, was ich dir gleich erzähle, ist ein Scherz. Ehrenwort.“

„Du warst schon immer eine Drama-Queen. Fang schon an!“

„Ich überlege noch, wo. Aber es gibt einfach keinen richtigen Anfang, deswegen versuch ich’s mal mittendrin. Hanna ist schwanger. Aber nicht von mir. Der Bruder meines Mandanten ist außerdem jetzt auch verhaftet worden – das weißt du ja schon – und er hat mir gerade erzählt, dass er versucht hat, spaltbares Material zu kaufen. Für 50 Millionen Euro. Er hat – bist du noch da?“

Ich fragte mich, ob ich vielleicht doch ein bisschen schnell ein bisschen zu viel auf einmal erzählt hatte.

„Oh, hattest du erwartet, dass ich dir schon die Lösung sage?“

Ich hatte mit einem ungläubigen Schnaufen gerechnet, oder vielleicht einfach mit einem dumpfen Schlag. „Nein, du machst das schon richtig, hör weiter zu. Die 50 Millionen liegen auf einem Konto- tut mir Leid, Hans, kann ich dich nachher noch mal anrufen? Viertelstunde, ungefähr?“

Mein Taxi war da, und ich hatte mich nie richtig daran gewöhnt, vor Fremden zu telefonieren, sogar wenn es um völlig unwichtige Dinge ging. Es war sowieso eine dumme Idee gewesen, ihn hier von der Straße aus anzurufen. Das Hotelzimmer war der bessere Ort dafür.

„Unbedingt! Ich will noch die Pointe hören.“

„Hans, das ist kein Witz, ich hab doch gesagt-“

„Steigen Sie heute noch ein, oder soll ich noch mal wiederkommen?“

„Ruf mich einfach wieder an, in Ordnung?“

„Mach ich. Tschüss!“

Der Taxifahrer war zwanzig Minuten zu spät und dann auch noch unverschämt, aber ich war nicht in der Stimmung, mich zu beklagen, deswegen nannte ich ihm einfach mein Ziel und gab ihm am Ende sogar noch das übliche Trinkgeld. Ich holte meine Schlüsselkarte von der Rezeption und stieg in den Lift.

Ich nahm das Telefon aus meiner Tasche und drückte auf Wahlwiederholung.

Als ich mein Zimmer betrat, fiel mir auf, dass mein Bett nicht besonders gut gemacht war. Die Tagesdecke lag uneben und faltig, als hätte jemand darauf gesessen. Ich kam noch dazu, mich zu fragen, was das zu bedeuten haben mochte, bevor die Welt um mich herum plötzlich erlosch wie ein Fernsehbild bei einem Stromausfall.

Hanna

Sie lehnte zunächst ab, aber es gelang mir schließlich, sie zu überreden. Das hieß natürlich, dass ich vorsichtshalber die doppelte Menge einkaufen würde, mit der ich bisher gerechnet hatte – ich wusste nicht, ob sie für drei essen würde, aber es schien mir sinnig, damit zu rechnen.

Und ich hatte gewisse Zweifel, wie sie sich in einer Konversation mit Annelie und Janine halten würde. Ich möchte nicht snobistisch klingen, aber wir sind alle Akademikerinnen, und sie würde sich mit uns vielleicht ein bisschen verloren fühlen. Das klingt jetzt doch ziemlich blasiert, fürchte ich.

Aber es war doch einfach so, dass unsere Themen sie gewiss nicht interessieren würden. Ich hätte wahrscheinlich auch nichts zu sagen, wenn sie sich mit ihren Kollegen über Verhaftungen und Polizeitaktiken unterhielt. Das meine ich.

Kommt Ihnen das eigentlich auch albern vor, dass ich mir um sowas Gedanken machte?

Vielleicht lag es daran, dass mir das ganze Bedrohungsszenario immer noch nicht richtig real vorkam. Vielleicht lag es daran, dass ich nicht richtig mit der neuen Situation umzugehen wusste. Aber ich dachte nicht einmal daran, dieses blöde Treffen abzusagen. Ich hasse es, Verabredungen so kurzfristig abzusagen.

Aber ich konnte mir einfach nicht vorstellen, sie einfach daneben stehen und zusehen zu lassen, während wir aßen. Sie musste ja nichts sagen, wenn sie nicht wollte. Sie musste nicht einmal zuhören. Und dann? Das wäre doch genauso merkwürdig wie einfach daneben zu stehen.

Ungeachtet ihrer Qualitäten als Gesellschafterin erwies sie sich von Anfang an als sehr nützlich. Nachdem ich in die Tiefgarage unter dem Mietshaus gefahren war, trug sie die Einkaufstüten für mich zum Lift und dann in die Wohnung. Das fand ich herrlich, denn ich hasse es, dass die Tragegriffe der blöden Dinger sich so lang ziehen und dann in meine Finger schneiden.

Konrad hat immer so eine Klappkiste von Spar in seinem Kofferraum, aber das finde ich erstens albern und zweitens würde ich das Ding sowieso immer irgendwo liegen lassen, und dann hätte ich es doch wieder nicht dabei, wenn ich es brauche. Außerdem werden die Dinger mit der Zeit so unhygiensch…

Ich schloss vor ihr die Wohnungstür auf und führte sie in die Küche. Ich bat sie, im Wohnzimmer zu warten, während ich alles dorthin räumte, wo es hingehörte.

„Möchten Sie vielleicht was trinken?“ rief ich, während ich Joghurtbecher in den Kühlschrank stapelte.

„Ein Glas Wasser“, antwortete sie.

Ich fragte mich, ob sie immer so heiser klang oder ob sie vielleicht gerade erkältet war.

Ich schloss die Kühlschranktür, sah zu, wie sie langsam wieder aufschwang, hob sie ein wenig an und drückte sie ganz vorsichtig zu. Voilà. Gar nicht schwierig. Ich konnte mich immer königlich amüsieren, wenn ich Konrad dabei zusah, wie er sich damit herumplagte. Er hatte einfach kein Geschick in praktischen Dingen.

Mein Blackberry klingelte. Hans Eschner. Ich dachte kurz darüber nach, ihn zu ignorieren und später zurückzurufen, aber dann beschloss ich doch, dass es mir zu anstrengend war, permanent zu überlegen, was meine Personenschützerin hören durfte und was nicht.

„Ja?“ sagte ich.

„Hallo Hanna, kannst du gerade sprechen, oder ist es ungünstig?“

Das fragte er sonst nie. „Wir versuchen es mal, in Ordnung?“

Sein Lachen klang eher pflichtbewusst als aufrichtig. „Hanna, Konrad hat mir erzählt, dass du schwanger bist?“

Was?“ Ich verdrehte die Augen. Das war ein bisschen zu laut gewesen. Warum sprach er mit Hans über sowas?

„Ja, das wollte ich auch sagen. Stimmt das? Wir haben doch immer…“

Ich spürte, wie mir das Blut ins Gesicht schoss. Glücklicherweise konnte niemand sehen, wie ich tomatenrot anlief. Ich seufzte.

„Ja, haben wir“, antwortete ich leise, in der Hoffnung, dass mich die Polizistin im Wohnzimmer nicht hören konnte. Oder zumindest nicht verstehen. „Es ist auch… Es ist… Nicht von dir.“

Er lachte auf. Laut und – nein, nicht erleichtert, eher erstaunt. Beeindruckt? Hans konnte schon immer ein ziemlicher Klotz sein. Vielleicht hatte mir das auch ein bisschen gefallen.

„Heißt das-“ begann er, als wüsste er nicht ganz genau, was das hieß.

Ich unterbrach ihn: „Hans, ich ruf dich später zurück, ja?“

Er seufzte theatralisch. „Das sagen sie alle.“

Ich legte auf und versicherte mich kurz im Spiegel im Flur, dass mein Gesicht wieder eine normale Farbe angenommen hatte. Ja, es war mir peinlich, dass ich Konrad nicht nur mit einem Mann betrogen hatte. Ich schämte mich dafür. Das spricht doch irgendwie auch für mich, oder?

Ich wollte nicht so weiter machen, das hatte ich schon erkannt. Ich wollte es anders versuchen. Vor allem natürlich für das Kind, aber auch für mich. Ich freute mich irgendwie sogar darauf.

Als ich mit dem Glas Wasser und meinem Glas Traubensaft ins Wohnzimmer kam, stand die Polizistin neben dem Kamin und betrachtete das Bild von mir und Konrad, das dort an der Wand hing.

Mir wurde klar, dass ich ihren Namen vergessen hatte. Ich würde sie fragen müssen, wie sie hieß.

Ich stellte die Gläser auf den Couchtisch und begann, nach den richtigen Worten zu suchen.

Das war der Moment, in dem die ganze Situation für mich ein bisschen realer wurde. Da stand mitten in meinem Wohnzimmer diese Polizistin, die mich beschützen sollte, weil ich von jemandem bedroht wurde, wegen Konrad, und ich wusste nicht einmal genau, was eigentlich los war, und trotzdem machte ich mir Gedanken um dieses blöde Treffen mit Annelie und Janine. Aber ich wollte es nicht absagen.

Vielleicht auch, weil ich nicht wahrhaben wollte, dass ich in Gefahr war. Vielleicht war das auch der Grund, warum ich nicht nachfragen wollte, was genau überhaupt los war.

Ich machte zwei Schritte auf sie zu – und sie stand immer noch da und starrte auf das Bild, mit einem völlig entrückten Gesichtsausdruck. Sie schien nicht einmal bemerkt zu haben, dass ich den Raum betreten hatte.

Ich beschloss, daraus keine Rückschlüsse auf ihre Qualitäten als Wächterin zu ziehen und mich stattdessen zu fragen, was sie an dem Bild so interessant fand. Ich hatte natürlich keine Chance, über ihr Schulter zu schauen, deshalb stellte ich mich neben sie.

Es war kein Hochzeitsfoto, aber so etwas Ähnliches. Wir hatten es kurz nach der Hochzeit machen lassen. Ich fand es immer sehr hübsch, wenn auch nicht besonders originell. Konrad steht darauf hinter mir und legt einen Arm um mich, und der Fotograf hat es sogar hinbekommen, dass wir beide richtig glücklich aussehen. Natürlich waren wir das damals auch noch.

Ich unterdrückte ein Seufzen und riss mich von dem Bild los, im selben Augenblick, in dem auch die Polizistin anscheinend das Interesse verlor und sich abwandte. Für einen Moment schien sie sich ein bisschen zu erschrecken, als sie mich bemerkte, dann setzte sie ein Lächeln auf und sagte:

„Nettes Foto. Das ist Ihr Mann?“

„Ja, das ist Konrad“, antwortete ich. „Natürlich sieht er heute nicht mehr ganz genau so aus. Allerdings trägt er das Altern mit mehr Würde als viele unserer Freunde.“

Sie nickte.

„Ja, er…“ Sie unterbrach sich und begann einen neuen Satz: „Das ist sicher sehr angenehm für Sie.“

Irgendetwas stimmte nicht. Vielleicht hatte das Foto sie an etwas erinnert, ihre Eltern oder was auch immer. Ich beschloss, es ruhen zu lassen.

„Ich sollte dann jetzt wohl mit den Vorbereitungen für das Essen anfangen“, sagte ich, „Sie können sich hier währenddessen umsehen und sich ein bisschen mit der Wohnung vertraut machen, falls Sie das wollen. Oder sehen Sie fern, oder – na, fühlen Sie sich einfach wie zu Hause.“

Lesegruppenfragen

  1. Wie findet ihr es eigentlich, wenn der Ich-Erzähler die Leser direkt anspricht? Mir hat mal eine Leserin gesagt, dass es sie stört und den Fluss unterbricht.
  2. Findet ihr, dass Hanna in diesem Kapitel sehr überheblich und kalt rüberkommt?
  3. Hans Eschner wäre in der ursprünglichen Fassung der Geschichte nicht wieder aufgetaucht, aber auf vielfachen Wunsch habe ich ihn nun doch etwas mehr involviert. Wie findet ihr’s?
  4. Wie wirkt die JVA-Szene insgesamt auf euch?
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8 Responses to Eine Riesenmenge Geld (13)

  1. Andi sagt:

    1. Gute Frage. Bin gespannt, wie das die anderen sehen. Mich stört es nicht.
    Aber ich hörte auch schon oft, dass es einige im Lesefluss stört, vor allem, wenn der Leser gesiezt wird. Würde man den Leser duzen, wär alles okay. Aber das find ich auch irgendwie… nä?

    2. Ich finde sie generell etwas, hmm… kalt ist nicht das richtige Wort, aber so unbeteiligt, irgendwie. So, als wär sie nicht mittendrin, als würde das alles gar nicht ihr passieren.
    Aber das ist in diesem Kapitel auch nicht mehr als vorher.

    3. Hab ich doch schon beim Lesen gedacht: „Irgendwas ist hier neu.“ Danke für die Aufklärung. 🙂
    Ganz passend. Hans ist lustig, glaub ich. Aber er muss jetzt definitiv nochmal auftauchen, das ist dir klar, nä?

    4. Meinste jetzt das Gespräch mit Svensson oder die Vorbemerkung zu dem JVA-Bediensteten?
    Ich fand beides gut. JVA-Beamte sind übrigens humorvoller als man glaubt. Also manche.

  2. Guinan sagt:

    1. Ich mag schon die Ich-Perspektive nicht so gern. Direkte Ansprache irritiert mich zusätzlich, besonders, wenn sie auch noch zwischen wörtliche Rede gemischt wird.
    2. Es geht so gerade noch.
    3. Hattest du Eschner vorher gar nicht mehr eingeplant, auch nicht als Partner Hannas? Dann hast du ihre Persönlichkeit jetzt etwas umgeschrieben. Bleibt das stimmig?
    Dass er wieder auftaucht, das finde ich gut. Ansonsten wäre er besser komplett raus geblieben.
    4. Überzeugend. Die Krimi-Passagen sind ok.

  3. Günther sagt:

    1. Das stört mich nicht, finde es im Gegenteil eigentlich ganz interessant. Wirkt auf mich ein Bisschen so wie in einem Film, wo der Protagonist aus dem Off mit dem Zuschauer spricht. (An einer Stelle bin ich in dieser Folge allerdings etwas dran hängen geblieben: Wo Hanna sagt „Kommt Ihnen das eigentlich…“. Das klang für mich irgenwie ein wenig zu unsicher für ihren Charakter.)

    2. Nee, eigentlich gar nicht. Kann man jemanden überheblich und kalt finden, wenn man in seinem Kopf ist, seine Gedanken hört und weiß, was ihn bewegt?

    3. Er also auch… Hanna ist ja echt kein Kind von Traurigkeit (um gewisse andere Ausdrücke zu vermeiden). Bei der Eröffnung des Telefonats Konrad/Hans überlege ich gerade noch, ob ich es eher gut finde als Running Gag oder eher langweilig wegen der Ähnlichkeit zum ersten Mal. Ansonsten stimme ich Andi zu. 😉

    4. Schön.

    5. Für meine Begriffe eine kleine Unstimmigkeit im Gespräch Hans/Hanna: Nachdem Hanna sagte, es sei nicht Hans‘ Kind, müsste sie doch eigentlich erstmal davon ausgehen, dass Hans glaubt, es sei von Konrad. Wenn du verstehst was ich meine. Ich meine woher soll Hans denn (aus ihrer Sicht) wissen, dass es nicht Konrads Kind ist?

  4. Muriel sagt:

    @Andi: 3. Ach was!
    @Guinan: 1. Vielleicht freut es dich dann, dass ich sonst bis auf Weiteres auch keine anderen Ich-Geschichten mehr auf Lager hätte.
    3. Ja, da habe ich was umgeschrieben. Ich denke, dass es stimmig bleibt, aber am Ende müsst ihr mir das sagen.
    @Günther: 2. Ich denke schon. Aber gut, wenn es bei dir hier nicht so angekommen ist.
    5. Ich verstehe, was du meinst. Es könnte natürlich sein, dass Hans von Konrads Zeugungsunfähigkeit weiß. Die beiden kennen sich immerhin schon eine Weile, und Hanna kennt er ja nun sogar schon im doppelten Sinne.

  5. Wiebke sagt:

    1. Ist etwas ungewohnt, aber ich kann damit leben.
    2. Ne, ich finde, sie denkt ganz praktisch. Und (@Andi) dass sie unbeteiligt wirkt, macht ja irgendwie Sinn, denn sie weiss ja noch nix von der ganzen Sache.
    3. Ich find den ganz unterhaltsam. Auch, dass sich rausstellt, dass ausgerechnet er was mit Hanno hat(te). 🙂
    4. Ich finde die Szene oberflaechlich. Irgendwie fehlt mir bei Olov Svensson die Persoenlichkeit.

  6. Muriel sagt:

    @Wiebke: 4. Interessant. Ich glaube, du hast Recht.

  7. madove sagt:

    1. Ich mag diese Meta-Kommentare sehr , weil sie oft auf meine Meta-Gedanken antworten. Das Siezen iritiert mich ein bißchen, ich würde lieber die direkte Anrede vermeiden.

    2. Hanna wirkt eigentlich nicht kühl, gerade ihre Gedanken und Unsicherheiten zu Tanja finde ich sehr plausibel. Und über die verschiedenen Fromen der Untreue wird sie schon so oft nachgedacht haben, daß sie das zum jetzigen Zeitpunkt einfach als normal handlet. Ich finde eher Hans‘ Reaktion zu wenig überrascht, aber weiß ja nicht, wie wichtig das war, was sie miteinander hatten.

    3. Hans mochte ich sofort, und freu mich, daß er noch da ist. Auch und gerade in dieser …äh… Funktion.

    4. Inhaltlich in Ordnung, aber irgendwie ein bißchen kurz und dünn. Aber vielleicht bin ich auch nur sauer, daß Konrad mir noch nicht erzählt, was genau er erfahren hat.

  8. Muriel sagt:

    @madove: 4. Ich fürchte, das ist einfach ein Schwachpunkt der Geschichte. Irgendwie muss ich da generell noch mal ran.
    Aber das hatten wir ja auch schon.

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