Eine Riesenmenge Geld (14)

Ich freue mich, auch heute wieder ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans für euch zu haben, und ich hoffe, ihr freut euch auch.

Viel Vergnügen, und schönes Wochenende!

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir Konrad kennengelernt, einen Hamburger Anwalt, der von seiner Frau betrogen wird, und Tanja, eine SEK-Beamte in Düsseldorf, die perfekt einen wütenden Dobermann nachahmen kann.
Im zweiten Kapitel lernen Konrad und Tanja einander kennen und verabreden sich zum Essen.
Im dritten Kapitel essen sie miteinander und fahren zu Tanja nach Hause.
Konrad betritt im vierten Kapitel Tanjas Wohnung, und die beiden beschließen, Freunde zu sein. Am nächsten Tag ruft sie ihn an und bittet ihn, sie noch einmal zu besuchen.
Im fünften Kapitel hilft Konrad Tanja bei einer Konfirmationskarte und bekommt ein Buch geschenkt. Danach fährt er nach Hause und kocht für seine Frau.
Im sechsten Kapitel besucht Tanja die Konfirmationsfeier und schenkt ihrem Neffen das Leatherman Multitool, das ihr gar nicht gehört.
Konrad und Hanna sprechen im siebten Kapitel über ihre Ehe, und Hanna gesteht, dass sie schwanger ist.
Im achten Kapitel sanieren Hanna und Konrad ihre Beziehung, und Tanja hasst den Bus.
Im neunten Kapitel erfolgt der Zugriff, und Konrad stiehlt ein Speichermedium.
Im zehnten Kapitel besucht Tanja Konrad in seinem Hotel, und sie verbringen die Nacht miteinander. Platonisch natürlich.
Im elften Kapitel wird Konrad erst von einem sonderbaren kleinen Asiaten bedroht, und dann von Tanja. Im Aquazoo.
Tanja fährt nach Hamburg und lernt Hanna im zwölften Kapitel kennen.
Im 13. Kapitel wird Konrad entführt, und Hanna nimmt Tanja mit nach Hause.

Was heute geschieht

Konrad

Als ich erwachte, war ich mir dessen nicht sofort ganz sicher. Ich musste ein paar Mal blinzeln, bevor ich genau wusste, dass meine Augen offen waren. Ich fragte mich, ob ich mir den gongenden metallenen Lärm nur einbildete, der mich zu umgeben und völlig zu durchdringen schien, als säße ich mitten in einer riesigen Kirchenglocke an Karfreitag. Erst der beißende Benzingeruch, der jeden einzelnen Atemzug zu einer Willensanstrengung machte, überzeugte mich endgültig davon, dass ich nicht mehr träumte.

Das Gongen verstummte und wurde sofort gefolgt von einem Kreischen wie von den gequälten Bremsen eines Güterzuges, das eine Gänsehaut über meinen Körper kriechen ließ, aber dankenswerterweise nur wenige Sekunden andauerte, bevor es einem verhältnismäßig erträglichen Knirschen wich.

Ich versuchte immer noch herauszufinden, wie ich gleichzeitig möglichst wenig von den zweifellos hochgiftigen Dämpfen einatmen und nicht ersticken konnte, als ein schmaler Strahl kalten Lichts, das mir gleißend hell erschien, die Dunkelheit vor mir durchschnitt.

Der schmale Strahl wurde zusehends breiter, bis sich vor mir schließlich eine runde Öffnung grellen Lichts zeigte, die auch einen Teil meiner Umgebung beleuchtete. In dem Licht zeichnete sich die schwarze Silhouette eines kleinen Mannes im Anzug ab, die ich trotz meines nur halb wachen Bewusstseinszustandes sofort erkannte.

Der Malaie stieg zunächst mit seinem linken Bein über die fast kniehohe Schwelle, blieb dann kurz stehen und verblieb einige Sekunden reglos, bevor er das rechte Bein nachholte. Offenbar hatte er irgendwann einen Lichtschalter betätigt, denn eine vergitterte Lampe an der Decke meines Gefängnisses – es war ohne Zweifel ein Gefängnis, was konnte es anderes sein? – sprang an.

Das Licht schmerzte in meinen Augen, und es schien mir, als dauerte es eine Ewigkeit, bis ich mich halbwegs an die Helligkeit gewöhnt hatte und die trostlosen Einzelheiten erkennen konnte.

Ich befand mich anscheinend in einer Art altem rostigem Tank, was die Benzindämpfe erklärte. Lachen einer klaren Flüssigkeit hatten sich an manchen Stellen am Boden gesammelt, hier und da lag eine nicht zu identifizierende Form – vielleicht tote Insekten, vielleicht nur Rostflocken – am Boden; ansonsten war der Behälter leer. Abgesehen von mir und dem kleinen Mann in seinem makellosen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und schwarzer Krawatte sowie der dicken rostigen Kette, die meinen linken Fußknöchel an der Wand befestigte.

„Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Herr Jacobi“, sagte der kleine Mann mit seiner leisen Stimme. „Ich bedaure, dass wir uns unter so unschönen Umständen wieder sehen, aber es ließ sich nicht anders einrichten.“

Ich zögerte einige Sekunden, bevor ich die sich aufdrängende Frage stellte:

„Was wollen Sie von mir?“

Er schüttelte langsam seinen Kopf, während er näher an mich heran trat.

„Noch nicht“, sagte er.

„Was auch immer Sie wollen, ich habe es nicht“, sagte ich. „Ich wusste nicht, wovon Sie sprachen, als Sie in meinem Zimmer waren, und ich weiß es immer noch nicht.“

Im Nachhinein kommt es mir dumm und sinnlos vor, ihn anzulügen. Er wusste offensichtlich genau, dass ich in seine Angelegenheit verstrickt war. Damals dachte ich, dass ich eine Regel verletzt hatte, die jeder Anfänger versucht, seinen Mandanten möglichst früh einzubläuen: Schweigen, wenn es irgendwie möglich ist. Natürlich ist das eine Regel für Angeklagte in einem Rechtsstaat. Deshalb muss es nicht das Richtige für Opfer einer Entführung durch professionelle Verbrecher sein.

Der kleine Malaie – ich weiß bis heute nicht, aus welchem Land er wirklich kam – kam wortlos näher zu mir. Ich wusste nicht genau, warum, aber ich versuchte aufzustehen. Vielleicht wollte ich nicht zusammengekauert vor seinen Füßen hocken, vielleicht erhoffte ich mir sogar ein bisschen moralische Stärkung davon, dass ich ihn um gut 15 cm überragte. Der Effekt wurde dadurch schwer beschädigt, dass ich drei Versuche brauchte, bis ich Benommenheit und Schwindel genug überwunden hatte, um unsicher und zitternd an die rostige Metallwand gelehnt vor ihn zu stehen. Wir waren etwas über einen halben Meter voneinander entfernt. Er sah mich an.

Ich erinnerte mich an die Regel. Aber wie gesagt, sie passte nicht auf meine Situation, und sogar wenn ich gewollt hätte, hätte ich es wohl nicht über mich gebracht, die Stille einfach zu ertragen.

„Sehen Sie“, sagte ich, „Ich weiß wirklich nicht, was Sie von mir wollen. Aber ich werde ganz sicher nicht versuchen, ein Held zu sein, das liegt mir nicht. Ich hänge an meinem Leben und meiner Gesundheit. Sagen Sie mir einfach, worum es geht, und wir können sicher eine Lösung finden.“

Der kleine Malaie sah mich mit unbewegter Miene an. Eine lange Zeit verging. Dann streckte er seine rechte Hand nach meiner aus und zog sie zu sich. Er hielt meine Hand, nicht um sie zu schütteln, sondern um sie zu betrachten. Er sah einige Sekunden darauf hinab.

Seine linke Hand huschte in die Innentasche seines Jacketts und zog etwas daraus hervor. Ich hörte ein leises aber dennoch sehr unangenehmes Knacken, noch bevor ich die schwer zu beschreibende dumpfe Abwesenheit spürte. Er ließ meine Hand los. Ich starrte mit offenem Mund darauf. Ich weiß nicht, wie lange. In seiner linken Hand hielt er noch immer die kleine Zange mit den orangefarbenen Kunststoffgriffen, in seiner rechten jetzt nur noch meinen kleinen Finger. Ich starrte auf meine vierfingrige Hand, aus der viel weniger Blut floss, als ich erwartet hätte. Es tat noch nicht weh, aber ich wusste, dass die Schmerzen kommen würden. Merkwürdiger Weise war mein erster Gedanke beim Anblick meiner verstümmelten Hand: Tanja. Tanja und ihr dämlicher, hirnloser Plan. Was hat sie sich eigentlich gedacht? Was in aller Welt hat sie sich gedacht?

„Sehen Sie“, sagte der kleine Malaie mit seiner leisen, vernünftigen, fast tonlosen Stimme, und ich fragte mich kurz, ob er mich nachäffte, „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Gespräche wie dieses erheblich weniger anstrengend und weniger langwierig werden, wenn ich sie mit einer Demonstration der Ernsthaftigkeit meines Anliegens beginne.“

Mein Blick flackerte ungläubig zwischen meiner Hand und meinem Finger in seiner hin und her. Es tat noch immer nicht weh. Ich spürte eigentlich überhaupt kaum etwas, nur so ein leichtes sonderbar taubes Kribbeln da, wo bis gerade eben noch ein Finger gewesen war. Ich konnte es immer noch nicht so richtig glauben.

Die Blutung wurde langsam stärker, und ein dünnes, aber stetiges Rinnsal tropfte von meiner Hand auf den Boden.

„Nun“, fuhr der Malaie fort, „Herr Jacobi, sagen Sie mir, wo sich der USB-Speicher befindet.“

Tanja

„Ja… Danke.“

Ich stand da und sah ihr nach, wie sie in die Küche ging und kam mir so dämlich vor, dass ich mir selbst gegen das Schienbein hätte treten können. Wenn ich absichtlich versucht hätte, ihr subtile Hinweise darauf zu geben, dass ich ihren Mann kannte, hätte ich es kaum besser machen können. Ich warf einen letzten verärgerten Blick auf das Foto neben dem Kamin, widerstand der Versuchung, es zu zerschlagen und wandte mich dem Wasserglas auf dem Couchtisch zu.

Hanna war in Ordnung. Nicht, dass ich unbedingt etwas anderes erwartet hatte. Konrad schien nicht der Typ zu sein, der eine Frau heiratete, ohne vorher zu wissen, dass sie in Ordnung war. Aber es hätte natürlich vieles einfacher gemacht, wenn sie eine grässliche Schnepfe gewesen wäre. War sie aber nicht.

Und sie war hübsch. Sie war ein Männertraum. Sie war blond und blauäugig und hatte eine schmale Taille und überhaupt eine perfekte Figur und sah rundum aus, als wäre sie gerade aus einem Modemagazin geklettert. Und sie bewegte sich mit dieser elfenhaften Grazie, wie die Prinzessin in einem Märchen. Ich sah neben ihr aus wie der Unglaubliche Hulk.

Kein Wunder, dass er sie nicht so einfach aufgeben wollte. Himmel, ich hätte es mit ihr getan, wenn sich eine Gelegenheit ergeben hätte. Mir blieb der Trost, dass sich das mit ihrer Figur ganz von selbst regulieren würde, wenn die Schwangerschaft voranschritt.

Und nun stand ich also da und fragte mich, was ich hier eigentlich wollte. Und je länger ich darüber nachdachte, desto klarer wurde mir, dass es eine unsäglich bescheuerte Schnapsidee gewesen war, hierher zu fahren. Was sollte ich hier tun? Sie beschützen? Sie als Geisel nehmen?

Mein Kaugummi hatte seinen Geschmack verloren und wurde allmählich eklig, deshalb spuckte ich ihn in ein Taschentuch und nahm einen neuen aus der Packung.

Wenn ein halbwegs professioneller Attentäter es auf sie abgesehen hatte, würde er sie auch kriegen, ob ich nun daneben stand oder nicht. Genau dafür gab es schließlich Zielfernrohre. Andererseits würde ich es schon ein bisschen schwerer machen, sie zu entführen. Ich war nicht direkt als Personenschützerin ausgebildet, aber ich hielt mich trotzdem für besser qualifiziert als die meisten Figuren, die sich so als Leibwächter ausgaben.

Blieb noch meine Drohung gegenüber Konrad. Hatte ich das wirklich getan? Hatte ich wohl. Und ich wusste, wenn ich Hanna Jacobi eigenhändig den Hals umdrehen musste, um an das Geld zu kommen, dann würde ich es wahrscheinlich tun. Allerdings würde es mir natürlich überhaupt nicht helfen, wenn ich sie umbrachte. Im Gegenteil, sie musste am Leben bleiben, damit ich Konrad weiter drohen konnte. Aber würde er meine Drohung überhaupt ernst nehmen? Und falls er es tat, würde er etwas gegen mich unternehmen?

Ich setzte mich auf die Couch und nahm das Wasserglas in die Hand. Ich begann, es nachdenklich zu drehen und den Lichtreflexen zuzusehen, die über den Boden wanderten. Eine schwarze Katze sprang auf das Kissen neben mir, schnurrte und begann, sich mir aufzudrängen. Ich kann Katzen nicht ausstehen, deswegen ignorierte ich sie.

Was konnte Konrad tun? Es gab einige Möglichkeiten, und er war ganz sicher nicht dumm. Was man von mir nicht unbedingt sagen konnte. Ich hatte bisher nicht einmal darüber nachgedacht, was er möglicherweise tun würde, um meinen schwachsinnigen unüberlegten Entschluss meine Pläne zu vereiteln.

Die Katze schnurrte schon ein bisschen nachdrücklicher und versuchte, ihren Kopf zwischen meinen linken Arm und meinen Oberkörper zu stecken.

Konrad hätte einfach die Polizei anrufen können. Die würden dann irgendwann ankommen und mich fragen, was ich hier machte, und dann würde ich gehen müssen. Spiel zu Ende. Oder? Sie würden mich sicher nicht festnehmen. Weshalb? Ich würde ihm weiterhin drohen können. Er konnte unmöglich glauben, dass ich Hanna nicht erreichen würde, bloß weil ich nicht mehr in ihrer Wohnung war. Er würde es mir damit nur erschweren, sie vor den eigentlichen Bösewichten zu beschützen.

Die Katze sprang auf meinen Schoß. Ich hielt das Wasserglas immer noch in der Hand, und ich verschüttete ein wenig Wasser auf dem Teppichboden. Ich stellte das Glas auf den Tisch zurück, atmete einmal tief durch und versuchte, mich zu beherrschen. Vergeblich. Das Vieh schnurrte mich an und presste seinen Kopf gegen mich.

Mein erster Impuls war, es in den Kamin zu werfen, aber das konnte ich gerade noch verhindern. Stattdessen fegte ich es mit einer kurzen Armbewegung auf den Boden. Es maunzte laut auf und verschwand mit dieser eigenartigen katzenhaften Beweglichkeit und Schnelligkeit wieder hinter der Couch.

Konrad hätte Hanna anrufen können, um sie zu warnen. Ich hob das Glas Wasser wieder auf und sah es mir gründlich an. Die Flüssigkeit darin war klar und wirkte völlig harmlos. Aber was wusste ich schon über so was? Hanna Jacobi war Ärztin. Sie hatte Zugang zu allen möglichen Wirkstoffen, und sie wusste, wie sie damit umgehen musste.

Ich grinste und schüttelte den Kopf. Das war paranoid. Erstens schien sie mir bisher völlig zu vertrauen, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass sie eine so gute Schauspielerin war. Zweitens wäre es doch eine merkwürdige Idee, mich jetzt zu vergiften. Und schließlich würde auch das dazu führen, dass ich sie nicht mehr beschützen konnte.

„Captain Morgan? Ist alles in Ordnung?“ rief Hanna aus der Küche.

Ich war vielleicht nicht unbedingt ein kriminelles Genie, aber um zu erraten, dass Captain Morgan die Katze war, reichte es gerade noch.

„Es geht ihm gut“, antwortete ich.

Ich dachte darüber nach, noch etwas hinzuzufügen, das das Geräusch erklären würde, aber mir fiel nichts ein. Deshalb ließ ich es dabei. Es schien ihr zu genügen. Vielleicht hatte sie auch gerade ihre eigenen Sorgen. Das Kind zum Beispiel. Ha, das war ein Punkt für mich. Nur, dass es ihm egal zu sein schien. Na gut. Mir war es auch egal.

Ich trank einen tiefen Schluck aus dem Wasserglas; nicht nur, weil ich durstig war, sondern auch um mir zu beweisen, dass ich keine Angst vor einem blöden Glas Wasser hatte. Die Kunst, mit einem Kaugummi im Mund zu trinken, ohne ihn zu verschlucken, hatte ich schon vor langer Zeit gemeistert.

Dann lehnte ich mich in die tiefen Polster des Sofas zurück und stöhnte leise. Ich fühlte mich sehr, sehr müde. Mein Blick fiel auf einen schwarzen Vogel, der vor dem Fenster auf einem Ast hockte. Ein Rabe oder eine Krähe? Wie unterscheiden die sich? Gibt es überhaupt einen Unterschied?

Ich sah ihn an, und er mich. Seinem Blick nach hielt er nicht besonders viel von mir. Wahrscheinlich gefiel ihm meine Idee mit dem Geld auch nicht. Ich grinste, streckte ihm die Zunge raus und wandte mich ab.

Zeit, irgendetwas zu tun. Ich konnte mich tatsächlich in der Wohnung umsehen. Mögliche Eingänge für Einbrecher und Attentäter und Entführer suchen. Dann musste ich wenigstens nicht über Pläne nachdenken. Oder über Konrad.

Die Erkundung der Wohnung dauerte nicht lange. Es war eine große Wohnung, jedenfalls verglichen mit meiner, aber es gab nicht viel, was ich mir ansehen konnte. Keine weiteren Eingänge, keine Sicherheitsvorkehrungen. Ich verbrachte ein bisschen Zeit damit, Fenster zu öffnen, mich hinauszulehnen und mir zu überlegen, durch welches man wie am einfachsten einsteigen konnte, gab das aber bald auf, weil es mir sinnlos und langweilig vorkam.

Ich verzichtete darauf, Konrads und Hannas Sachen zu durchsuchen, teils, weil Hanna ja mit mir in der Wohnung war, teils, weil ich weder besonders neugierig noch besonders neidisch bin. Ich brauche keinen Plasmafernseher, keinen Massagesessel, keinen Whirlpool, keine Sauna und keinen Diamantschmuck, und es störte mich nicht, dass Konrad und Hanna das alles hatten.

Vielleicht sind Sie jetzt überrascht, wegen der Sache mit dem Geld. Das wollte ich haben, aber nicht um mir damit eine Yacht und einen schwarzen Araberhengst und 100 Paar Schuhe zu kaufen, sondern um aus meinem Leben etwas zu machen. Irgendetwas. Was auch immer. Eigentlich dachte ich damals nicht mal besonders viel darüber nach, warum ich das verdammte Geld eigentlich wollte.

Ich will ehrlich zu Ihnen sein. Ich stand eine ganze Weile im Schlafzimmer vor dem Bett der beiden und dachte darüber nach, auf welcher Seite Konrad wohl immer schlief. So. Da haben Sie’s. Das ist vollkommen unwichtig und interessiert Sie wahrscheinlich gar nicht, aber ich hatte das Gefühl, etwas zu verschweigen.

Auf dem rechten Nachttisch lag ein Buch von Noah Gordon. Konrad las nicht viel, hatte er gesagt, und ich hielt ihn sowieso nicht für den Noah-Gordon-Typ, deswegen nahm ich an, dass der andere Nachttisch ihm gehören musste. Ich war kurz davor, die Schublade zu öffnen und einen Blick hinein zu werfen, aber dann entschied ich mich dagegen. Hier war nichts für mich zu holen, und er war mir sowieso egal. Ich hatte viel wichtigere Dinge zu tun.

Ich ging zu Hanna in die Küche – und ja, ich warf vorher noch einen letzten Blick über die Schulter auf Konrads Nachttisch, aber das hat nichts zu sagen – und sah, wie sie die Tür des Kühlschranks mit dem rechten Fuß anhob, während sie ihn sorgfältig mit beiden Händen in die geschlossene Position schob. Dann drückte sie noch einmal kräftig dagegen und trat vorsichtig einen Schritt zurück, bevor sie mich bemerkte, zu mir herumwirbelte und lächelte, als hätte ich sie bei etwas Unanständigem erwischt.

„Kann ich Ihnen noch was anbieten?“ fragte sie, „Oder… äh… langweilen Sie sich? Wir haben ein paar DVDs in dem Schrank neben der Anrichte.“

Was ist eigentlich eine Anrichte? Ich weiß, es ist ein Möbelstück, aber das wars dann auch schon. Es war mir aber auch egal, ich hatte keine Lust auf einen Film.

„Vielleicht seh ich mir mal Ihren Kühlschrank an“, sagte ich mit einem Lächeln, von dem ich hoffe, dass es aufrichtig hilfsbereit wirkte.

Sie zögerte kurz.

„Naja… Ach, das ist nicht nötig, wenn man sich dran gewöhnt hat, ist es kein Problem mehr, ehrlich.“

„Ich würde einfach gerne irgendwas tun, und Kochen ist nicht meine große Stärke.“ Ich zuckte die Schultern. „Wenn ich schon gratis bei Ihnen esse, würde ich auch gerne etwas für Sie tun.“

Sie lächelte.

„Wenn Sie wirklich wollen, versuchen Sie es ruhig. Konrad hat es sich auch schon öfter angesehen, aber seine Vorstellung davon, etwas zu reparieren, besteht darin, es mit gerunzelter Stirn einige Minuten lang anzustarren und vor sich hin zu murmeln, bevor er dann schließlich den Kopf schüttelt und aufgibt.“

Ich lachte. Das würde ich mir merken.

„Wo haben Sie denn Werkzeug?“ fragte ich.

„Werkzeug…“ Sie sah aus, als hätte sie mal davon gehört, wäre sich aber nicht ganz sicher, ob man das essen könnte. „Ich glaube, Konrad hat irgendwo ein paar Schraubenzieher“, sagte sie schließlich. „Aber ich hab keine Ahnung, wo.“

„Ich werde einfach mal sehen, was ich dabei habe. Ich gehe kurz zum Auto, soll ich dann klingeln, wenn ich wieder rein will?“

„Nehmen Sie einfach den Schlüssel mit, er hängt neben der Tür.“

„Danke.“

Eigentlich war ich mir schon sicher, dass ich nicht besonders viel Werkzeug brauchen würde. Die Tür war offensichtlich ein bisschen verkantet, wahrscheinlich musste man bloß mal die Scharniere ordentlich festschrauben und dafür hätte der Leatherman an meinem Gürtel gereicht.Ich wollte aus einem anderen Grund nach draußen. Draußen gab es bestimmt irgendwo einen Zigarettenautomaten.

Ich fand sehr schnell einen, was mich ein bisschen überraschte. Es war offensichtlich eine Wohngegend für vermögende Leute, da hätte ich das nicht erwartet, aber es hing einer nicht ganz dreihundert Meter von Hannas und Konrads Wohnhaus entfernt in einer Einfahrt.

Es gab keine Revals, aber in der Not und so weiter, ich steckte also meine Geldkarte hinein und drückte auf die Marlboro-Taste. Alle Raucher kaufen Marlboro, wenn es ihre Sorte nicht gibt. Was kaufen eigentlich die, die normalerweise Marlboro rauchen?

Die Schachtel fiel in das Ausgabefach, ich fummelte sie heraus – ich weiß nicht, für wen diese Fächer gebaut werden, für Waschbären? Jemand mit normal proportionierten Händen kann sich ernsthaft daran verletzen – steckte sie in die Seitentasche meiner Hose und ging zurück zu dem Haus.

Auf halbem Weg blieb ich stehen, nahm die Packung wieder aus der Tasche, sah sie mir einige Sekunden lang angewidert an und riss sie dann schließlich auf. Ich nahm eine Zigarette heraus – und hielt inne. Und spürte, wie mein Blutdruck stieg. Ich murmelte den fiesesten Fluch, denn ich kannte, und um nicht laut schreien zu müssen, trat ich eine Mülltonne um, die am Rand des Gehwegs stand.

Kein Feuerzeug. Keine Streichhölzer. Verdammt verdammt verdammt! Und keine Möglichkeit, welche zu kriegen. Warum verkaufen diese bescheuerten Automaten nicht auch Feuerzeuge? Warum nicht? Die Dinger sind doch genau so wichtig wie die gottverfluchten Zigaretten!

Ich atmete tief durch. Und noch mal. Und noch mal. Dachte daran, zu einem Supermarkt zu fahren. Aber nein. Ich hatte Hanna gesagt, ich würde Werkzeug holen. Wie lange konnte ich da wohl weg bleiben, ohne dass sie fragte, warum?

Und ich wollte es ihr nicht sagen. Außerdem war ich hier um sie zu beschützen, da konnte ich schlecht einfach wegfahren. Das war natürlich nicht der echte Grund. Der echte Grund war, dass ich nicht zugeben wollte, dass ich mit dem Rauchen wieder angefangen hatte. Nicht mal Hanna gegenüber, die nicht mal wusste, dass ich jemals aufgehört hatte und wieso- ich stieß ein wütendes, frustriertes Knurren aus, warf die Packung Marlboro auf den Haufen Abfall, der sich aus der umgefallenen Mülltonne ergossen hatte und stapfte zu Hannas Haus zurück.

Vor meinem Auto blieb ich stehen. Ich zwang mich, weiter zu atmen, als es mich traf. Der Zigarettenanzünder. Ich kreischte wie die böse Hexe, wenn Dorothy sie mit Wasser übergießt und trat so heftig gegen den Vorderreifen des Wagens, dass die Radkappe absprang und an der Bordsteinkante entlang davon rollte. Ich trat noch mal gegen den Reifen und wahrscheinlich zischte ich dabei irgendwelche Flüche vor mich hin.

Ich weiß nicht genau, wie lange es dauerte, bis ich wieder was sehen konnte durch den roten Schleier hindurch. Als ich mich umdrehte, stand hinter mir ein Junge mit Jeansjacke und einem Skateboard unter dem Arm, der mich mit einer Mischung aus Belustigung und Sorge angaffte.

„Was ist, hm?“ fuhr ich ihn an.

Er zuckte zusammen und lief weg. Er rannte wie ein Hase. Es wäre richtig komisch gewesen, wenn ich nicht so wütend gewesen wäre. Ich lehnte mich gegen meinen Wagen, stöhnte und vergrub mein Gesicht in meinen Händen. Und versuchte nachzudenken. Und versuchte, nicht zu weinen. Das passiert manchmal, wenn ich sehr wütend bin, und ich hasse das. Was machte ich hier eigentlich?

Ich wollte eine gottverdammte Zigarette und ich war zu dumm das geregelt zu kriegen und ich wollte aber nicht wieder mit dem Rauchen anfangen und was machte ich hier eigentlich? Es würde doch sowieso nicht funktionieren. Ich würde das Geld nicht kriegen. Ich würde meinen Job verlieren. Ich würde vielleicht im Gefängnis enden, wenn es so weiter ging. Er würde Hanna nicht verlassen. Was mir natürlich sowieso egal war.

Und was machte ich hier eigentlich?

 

Lesegruppenfragen

  1. Findet ihr, dass in Konrads Gefängnisszene die Stimmung einigermaßen rüberkommt, oder leidet das unter der distanzierten Schilderung?
  2. Wie nehmt ihr den Malaien in dieser Szene wahr?
  3. Glaubt ihr Tanja, dass sie nicht neidisch ist?
  4. Und was macht sie eigentlich hier?
Advertisements

10 Responses to Eine Riesenmenge Geld (14)

  1. Guinan sagt:

    1. Krimi kannst du.
    2. Der schafft ja sehr schnell klare Verhältnisse.
    3. Nein.
    4. Na, sie versucht ihr Leben in den Griff zu kriegen.

    5. Ich versteh‘ mal wieder was nicht:
    „Damals dachte ich, dass ich eine Regel verletzt hatte, die jeder Anfänger versucht, seinen Mandanten möglichst früh einzubläuen: Schweigen, wenn es irgendwie möglich ist.“
    Warum? Wieso Anfänger? Ist das denn falch?

    6. “Ich glaube, Konrad hat irgendwo ein paar Schraubenzieher”, sagte sie schließlich. “Aber ich hab keine Ahnung, wo.”
    Kann ja gar nicht sein. Wer kümmert sich denn da um die praktische Angelegenheiten? Konrad doch wohl eher nicht.

  2. Guinan sagt:

    Ach, noch was vergessen, sorry.
    7. Hätte ich von Tanja nicht erwartet, dass sie Katzen so negativ sieht. Ist eigentlich ein Tier, das zu ihr passt, seelenverwandt.

  3. Chlorine sagt:

    1.-2. Ehrlich gesagt kam der Ernst der Lage nicht ganz bei mir an. Ich nahm an, er würde ihm einen Finger brechen. Ich dachte, es würde maximal ein Fingernagel aus dem Nagelbett gezogen werden, aber DAS hatte ich nicht erwartet. Diese kleine „Liebesgeschichte“ beinhaltete Spaß, Spannung und Theater – und ich nahm bisher nicht an, dass jemand ernsthaft zu Schaden kommen würde. Meine rosa Brille liegt nun bei Tanjas Marlboro.

    3. Nein.

    4. Ein Wort: Comedy. Ich musste so lachen ob Tanjas Unbeherrschtheit. 🙂

  4. Muriel sagt:

    @Guinan: 5. War gemeint im Sinne vor „sogar“ oder „schon jeder Anfänger“.
    6. Da hast du mich erwischt, da habe ich nicht nachgedacht. Danke! Ich schau mal, was ich damit mache.
    7. Interessant, dass du das so siehst. Ich glaube aber ich weiß, was du meinst. Aber Katzen verstehen sich ja untereinander oft genug auch nicht…
    @Chlorine: 1., 2. Das war ja der Sinn der Maßnahme.
    4. Danke, freut mich.

  5. Fresh.... sagt:

    Soweit ich weiß verkaufen diese bescheuerten Automaten auch Feuerzeuge für einen Euro.

  6. Muriel sagt:

    @Fresh…: Danke für den Hinweis, aber ich weiß, dass es auch Automaten gibt, die keine Feuerzeuge verkaufen. Oder zumindest gab es die, als ich das geschrieben habe. Ist ein bisschen her, dass ich mir einen genau angesehen habe.
    Jedenfalls lasse ich diesen Teil der Geschichte erst einmal so.

  7. Andi sagt:

    1. Ich mag den Malaien. Wollte ich nur kurz mal erwähnen. Es kann aber sein, dass durch seine Flapsigkeit bzw. seine Freundlichkeit nicht richtig klar wird, wie gefährlich die Situation eigentlich für Konrad ist. Oder ist grad dieses freundliche „Guten Tag, Herr Jacobi“ die wahre Bedrohung? Hmm… Gut geschrieben isses jedenfalls, da gibt es nix. Und wenn es nur danach ginge, könnte man den ersten Teil deiner Frage mit „Ja“ beantworten. Den zweiten Teil würde ich mit „Nein“ und einem Fragezeichen beantworten, weil vielleicht ein, zwei Sätze/Gedanken Konrads zur aktuellen Lage hilfreich sein könnten?

    2. Entschuldigung, ich war wieder zu voreilig. Ich würde dem jedenfalls trotz dieser vordergründigen Freundlichkeit nur ziemlich ungerne begegnen.

    3. Natürlich nicht. Sie sagt doch selbst ein paar Abschnitte vorher, dass sie unbedingt das Geld haben will, um einfach irgendwas aus ihrem Leben zu machen. Na bitte. Beweisführung abgeschlossen, Euer Ehren.

    4. Sie glänzt durch Anwesenheit. Im Ernst: sie wirkt ziemlich verzweifelt auf mich, ihre ganzen Aktionen so kurzschlussmäßig. Dabei hat sie ja Absichten, die ja jeder irgendwie nachvollziehen kann: einfach ihr Leben auf die Reihe kriegen.

  8. Muriel sagt:

    @Andi: 1. Vielleicht sollte ich das noch ein bisschen ausweiten, ja. Mal sehen.
    4. „Einfach“ ist gut.

  9. madove sagt:

    1. Schon der Einstieg mit der schlechten Luft und dem Tank hat für mich die ganze Szene latent bedrohlich gemacht. Zu Recht. Ich leg dann mal meine rosa Brille zu den andern.

    2. Solche Leute (die unemotional andern wehtun können) sind mir DERMASSEN unheimlich, daß ich vor der Fremdheit, die ich fühle, fast mehr Angst hab als vor ihren Aktionen. Als Vertreter dieser Gattung funktioniert er hervorragend.

    3. Jein. Ich bin selber auch nicht neidisch auf sowas, aber ich würde mich auch nicht besonders für 50 Millionen interessieren (also eher, weil ich damit hoffen würde, irgend ein tolles Projekt unterstützen zu können oder so). Aber für sie hängt ja doch, wenn schon nicht materielle Wünsche, zumindest der Gedanke von Freiheit an dem Geld, deshalb hätte ich erwartet, daß sie zumindest unter diesem Aspekt auf den (moderaten) Reichtum neidisch oder mißgünstig ist, auch wenn sie ihn anders nutzen würde.

    4. ich glaube nicht, daß sie das weiß. Oder ich. Du… vielleicht. Aber das scheint mir ein ganz normaler Zustand zu sein.

  10. Muriel sagt:

    @madove: 1. Ja, es wird jetzt ein bisschen düsterer.
    2. Das freut mich.
    4. Gehört zum Leben, ja.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: