Eine Riesenmenge Geld (15)

Meine Ankündigung, weniger regelmäßig zu bloggen, hat sich bisher eher nicht bestätigt, aber lasst euch davon nicht einlullen.

Ich warte nur auf die passende Gelegenheit, euch im Stich zu lassen.

Aber heute geht’s jedenfalls noch nicht, denn ich habe euch ja versprochen, dass es weiterhin jeden Freitag ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans gibt.

Viel Spaß und schönes Wochenende!

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir Konrad kennengelernt, einen Hamburger Anwalt, der von seiner Frau betrogen wird, und Tanja, eine SEK-Beamte in Düsseldorf, die perfekt einen wütenden Dobermann nachahmen kann.
Im zweiten Kapitel lernen Konrad und Tanja einander kennen und verabreden sich zum Essen.
Im dritten Kapitel essen sie miteinander und fahren zu Tanja nach Hause.
Konrad betritt im vierten Kapitel Tanjas Wohnung, und die beiden beschließen, Freunde zu sein. Am nächsten Tag ruft sie ihn an und bittet ihn, sie noch einmal zu besuchen.
Im fünften Kapitel hilft Konrad Tanja bei einer Konfirmationskarte und bekommt ein Buch geschenkt. Danach fährt er nach Hause und kocht für seine Frau.
Im sechsten Kapitel besucht Tanja die Konfirmationsfeier und schenkt ihrem Neffen das Leatherman Multitool, das ihr gar nicht gehört.
Konrad und Hanna sprechen im siebten Kapitel über ihre Ehe, und Hanna gesteht, dass sie schwanger ist.
Im achten Kapitel sanieren Hanna und Konrad ihre Beziehung, und Tanja hasst den Bus.
Im neunten Kapitel erfolgt der Zugriff, und Konrad stiehlt ein Speichermedium.
Im zehnten Kapitel besucht Tanja Konrad in seinem Hotel, und sie verbringen die Nacht miteinander. Platonisch natürlich.
Im elften Kapitel wird Konrad erst von einem sonderbaren kleinen Asiaten bedroht, und dann von Tanja. Im Aquazoo.
Tanja fährt nach Hamburg und lernt Hanna im zwölften Kapitel kennen.
Im 13. Kapitel wird Konrad entführt, und Hanna nimmt Tanja mit nach Hause.
Im 14. Kapitel wacht Konrad auf, und Tanja kauft Zigaretten. Sie raucht sie aber nicht.

Was heute geschieht
Tanja

Ich stand wohl eine ganze Weile so da, bis ich die Treppe hinauf gehen und den Kühlschrank reparieren konnte, ohne Hanna die Augen auszukratzen. Ich wusste nicht, was passieren würde, wenn ihre dummen Freundinnen kamen.

Ich hatte befürchtet, dass Hanna mich fragen würde, wo ich so lange gewesen war, aber als ich in die Küche zurückkam, war das wahrscheinlich das letzte, woran sie dachte. Sie saß am Küchentisch, den Kopf auf ihre Hände gestützt, und weinte leise. Neben ihrem rechten Ellenbogen lag ein Telefon.

Es war nicht besonders schwer zu erraten, mit wem sie gesprochen haben musste. Konrad hatte mir erzählt, dass der Kerl sie plötzlich nicht mehr so spannend fand, seit sie ihm gesagt hatte, dass sie schwanger war.

Hanna schien überhaupt nicht bemerkt zu haben, dass ich den Raum betreten hatte. Ich stand einige Zeit in der Tür und starrte sie an, ohne eine Idee, was ich jetzt tun sollte. Ich konnte nicht leugnen, dass sie bisher sehr nett zu mir gewesen war, aber ich kannte sie letzten Endes gar nicht, und aus ein paar ziemlich offensichtlichen Gründen mochte ich sie nicht.

Ich bin sowieso nicht gut darin, andere zu trösten. Ich hab es ein paar Mal bei meiner Mutter versucht, nachdem mein Vater gestorben war, und es schien ihr danach nie irgendwie besser zu gehen.

Vielleicht hatte das damit zu tun, dass ich nie ganz nachfühlen konnte, dass die Sache sie so… getroffen hat. Vielleicht auch damit, dass es mir nie wirklich besonders wichtig war, sie zu trösten.

Ich glaube, ich hatte nie so eine richtig tiefe Beziehung zu meinem Vater, oder zu ihr. Vielleicht hatte ich noch nie eine richtig tiefe Beziehung zu irgendjemandem.

Schließlich ging ich zum Tisch und setzte mich neben Hanna. Erst als ich den Stuhl zurück zog und umdrehte, sah sie zu mir auf, in ihrem Gesicht einen Ausdruck, der sagte, dass sie eigentlich erschrocken sein sollte, dass ich sie so gesehen hatte, dass sie aber zu verzweifelt und erschöpft war, um das wirklich zu empfinden.

„Die Scheidung macht Ihnen zu schaffen, was?“ fragte ich.

Was? Hatte ich das gerade gesagt? War das meine Stimme gewesen? Ich weiß nicht, ob man meine Verwirrung sehen konnte, aber Hanna schien jedenfalls nichts zu bemerken. Ich hatte nicht gewusst, was ich vorhatte. Ehrlich. Ich schwöre, dass ich nichts von irgendeinem Plan wusste, bevor ich diesen Satz gesagt hatte. Aber dann kamen die Worte aus meinem Mund, und der Plan war irgendwie da, und alles ging wie von selbst. Ich konnte nur staunen und zusehen.

„Scheidung?“ fragte sie.

Ich nickte.

„Ihr Mann hat uns davon erzählt.“

Sie sah mich an, mit tiefen senkrechten Verwirrungsfalten zwischen ihren Augen.

„Es tut mir Leid, das hätte ich wohl besser nicht gesagt“, murmelte ich. Ich musste nicht besonders viel schauspielern, um es so aussehen zu lassen, als wäre es mir peinlich.

„Ich weiß gar nicht, was Sie meinen“, sagte sie. Ich hatte sie so sehr verwirrt, dass sie anscheinend sogar ihre Tränen vergessen hatte.

„Entschuldigen Sie. Am besten, Sie vergessen es einfach. Es geht mich ja auch wirklich nichts an.“ Die Worte kamen einfach so aus meinem Mund, während ich mich fragte, wer dieses intrigante Miststück war, das da neben Hanna am Tisch saß.

„Was hat Konrad erzählt?“ fragte sie.

Natürlich hatte ich gewusst, dass sie das fragen würde.

„Naja“, antwortete ich, noch immer als würde ich nicht gerne darüber sprechen, „Das mit Ihrer Ehe, und dass Sie sich getrennt haben und dass Sie sich scheiden lassen… Ich hatte den Eindruck, das wäre schon alles geregelt, deshalb… Ich hätte ja sonst nie…“

Ich halte mich für keinen besonders moralischen Menschen. Ich habe mir nie viele Gedanken darum gemacht, ob das, was ich tue, richtig oder falsch ist, und soweit ich mich erinnere, hatte ich nie große Probleme mit Gewissensbissen. Wahrscheinlich sagt das auch schon wieder was über mich aus, und wahrscheinlich nichts Gutes. Ich bin froh, dass ich nicht zu Zeiten irgendeiner fiesen Diktatur Polizistin war, weil ich fürchte, dass ich eine von denen gewesen wäre, die nicht nachfragen, was mit den Juden passiert, wenn sie im Lager angekommen sind einfach machen, was man ihnen sagt.

Hat wahrscheinlich auch damit zu tun, dass andere Leute mir einfach nie besonders wichtig waren.

Ich sah in Hannas Gesicht, wie etwas in ihr zerbrach, kurz bevor sie es in ihren Händen vergrub und laut zu schluchzen begann. Ihre Hoffnung? Ihr Stolz? Und ich fühlte mich wie Dreck. Ich kann mich nicht erinnern, mich davor oder danach jemals so für etwas geschämt zu haben wie für das, was ich zu Hanna gesagt hatte.

Nicht, dass ich deshalb was unternommen hätte.

Ich ließ die Scherben einfach liegen, als hätte ich nichts damit zu tun. Ich ließ Hanna in dem Glauben, dass Konrad herumlief und erzählte, er würde sich scheiden lassen und wäre getrennt von ihr.  Ich ließ sie dort am Tisch sitzen und schluchzen und weinen wie ein kleines Mädchen und fing an – ja, im Ernst – die gottverdammte Kühlschranktür zu reparieren. Ich finde einfach nur, dass sie wissen sollten, dass ich mir dabei wie der letzte Abschaum vorkam, wie die niedrigste Lebensform, und dass es mir Leid tat. Tut. Immer noch.

Irgendwann, als ich an der dämlichen Tür rumbastelte, die jetzt wirklich niemanden mehr interessierte, stand Hanna auf, immer noch laut schluchzend, und ging. Sie nahm das Telefon mit.

Als sie die Küchentür hinter sich schloss, fiel mir ein, dass ich vorhin noch so getan hatte, als wäre ich Konrad nie begegnet. Hanna war natürlich zu aufgewühlt gewesen, um das zu bemerken, aber es konnte ihr durchaus später noch einfallen. Ich ließ den Leatherman sinken und dachte kurz nach, was ich sagen konnte, wenn sie mich darauf ansprach. Ich konnte mich nicht darauf verlassen, dass das widerliche intrigante Miststück dann immer noch da sein würde, um durch mich zu sprechen.

Ich lehnte mich an den Herd, und ließ mich langsam daran herunter sinken, bis ich mit ausgestreckten Beinen auf dem Küchenboden saß. Meine Turnschuhe berührten beinahe den Stuhl, auf dem Hanna gesessen hatte.

Ich wollte eine Zigarette. Ich wollte sie so verzweifelt, dass ich spürte, wie bei dem Gedanken daran mein Mund trocken wurde und mein Atem schneller ging. Und ich konnte mir nicht vorstellen, was dieses Mal noch schiefgehen konnte. Irgendwie musste ich mich ablenken. Ich begann, nach Wegen zu suchen, dem Ruf des Automaten in der Einfahrt unten zu widerstehen.

Ich hatte keine einzige Idee. Völlige Leere. Und dann ein paar vorsichtige Gedanken an eine Zigarette. Das Gefühl zwischen den Lippen. Sie anzünden. Der erste Zug. Ich unterdrückte die Gedanken. Naja. Ich versuchte es. Ich vermute, Sie können sich vorstellen, wie es weiterging.

Ich möchte gerne denken, dass ich stark genug gewesen wäre. Aber ich wäre gewiss eingeknickt, wenn nicht gerade in dem Moment, als ich mich entschlossen hatte aufzustehen, Ossip an die Tür geklopft hätte. Ich habe ihm einiges zu verdanken. Aber das wusste ich zu der Zeit natürlich noch nicht.

Ich öffnete die Tür, weil Hanna es offensichtlich nicht tun würde. Er war ein gewaltiger Mann. Nicht spektakulär hoch, vielleicht 1,90m. Aber er war bestimmt doppelt so breit wie ich, vielleicht auch doppelt so schwer, und nichts an ihm schien Fett zu sein. Er sah aus, als hätte ihn ein sehr unbegabter Künstler aus einem sehr widerspenstigen Betonblock gehauen. Überall nur Winkel und Kanten, nirgends etwas Rundes, Weiches. Er hatte ein rechteckiges Kinn, eine rechteckige Stirn, sogar seine Wangen wirkten ziemlich rechteckig. Seine Haare trug er in einem sehr kurzen kantigen Bürstenschnitt. Ich weiß nicht, ob er mit so einem Gesicht überhaupt eine Wahl hatte, aber er sah mich mit grimmiger Miene an, als wollte er mich gleich auffressen. Seine buschigen Augenbrauen waren so eng zusammengezogen, dass sie wie eine aussahen, und seine Augen waren so fest zusammengekniffen, dass es aussah, als wären sie geschlossen. Er trug einen grauen Anzug mit weißem Hemd, die obersten beiden Knöpfe offen. Der Stoff spannte sich über seinem muskelbepackten Oberkörper. Er sah ein bisschen aus wie Das Ding bei den Fantastischen Vier. Die Comic-Helden, nicht die Musiker.

Natürlich hatte er einen Argumentationsverstärker mitgebracht, eine kleine schwarze Pistole, die in seiner riesigen Faust beinahe völlig verschwunden wäre, wenn er nicht einen Schalldämpfer daran geschraubt hätte. Es war ein seltsames Modell, keines der üblichen. Ich tippte auf russische Fertigung, eine Makarov vielleicht.

„Geben Sie es mir“, sagte er, zu meiner Überraschung in einwandfreiem Deutsch. Ich hatte einen schweren russischen Akzent erwartet.

„Was?“ fragte ich ihn, so ahnungslos wie ich konnte, und trat ganz langsam einen Schritt auf ihn zu, als wäre ich mir der Bewegung gar nicht bewusst.

„Bleiben Sie da stehen“, sagte er mit seiner tonlosen tiefen Stimme, „Und legen Sie es auf den Boden.“

„Wovon reden Sie denn bloß?“ fragte ich, und machte noch einen Schritt auf ihn zu. Das war natürlich ein Risiko, denn aus seinem Gesicht konnte ich nicht mal lesen, ob er ein Mensch oder ein Gorilla war, geschweige denn, ob er auf mich schießen würde.

„Bleiben Sie da stehen, hab ich gesagt.“

Ich hatte ihn richtig eingeschätzt. Er schoss nicht. Und er machte den Fehler, auf den ich spekuliert hatte. Das ist das Beste daran, wenn man so groß ist wie ich. Jeder, wirklich jeder, unterschätzt meine Reichweite. Sogar, wenn sie selbst ziemlich groß sind, wie der Gorilla vor mir. Meine Hand war an dem Schalldämpfer seiner Pistole, bevor er erkannte, was ich vorhatte.

Ich erwartete, sie ihm aus der Hand reißen zu können, aber zu meiner Überraschung hielt er sie zu fest. Er reagierte schnell. Immerhin gelang es mir, seine Hand mit einem kräftigen Ruck so zu verreißen, dass sein Schuss mich verfehlte. Ich machte den Fehler, noch einmal zu versuchen, ihm die Waffe zu entringen, obwohl die Überraschung weg war und obwohl ich schon wusste, dass er stärker war als ich.

Wir lernen, die Waffenhand nach innen zu überdehnen, dann ist es ganz leicht, aber dafür musste ich dichter an ihn heran. Er war nicht nur stark, er konnte auch mit seiner Kraft umgehen. Er nutzte die Gelegenheit, indem er versuchte, die Handfläche seiner freien Hand in mein Gesicht zu stoßen.

Ich konnte ihm gerade rechtzeitig noch ausweichen. Dadurch verlor ich ein wenig von meinem Gleichgewicht, und er stieß mich noch zusätzlich, sodass ich zu Boden ging. Das war natürlich schlecht, aber viel besser, als wenn er mich getroffen hätte. Er war ein richtiger Kampfpanzer von einem Mann, und sein Schlag hätte mich wahrscheinlich ernsthaft verletzt. Er war stärker, dafür war ich beweglicher. Das war ungewohnt für mich, normalerweise ist es umgekehrt.

Er wollte die Pistole wieder auf mich richten, aber er unterschätzte dabei wieder meine Reichweite. Ich trat von unten gegen seine Hand, mit Schwung. Die Pistole wurde fortgeschleudert, rutschte kurz über den Boden und prallte gegen eine Blumenvase, und er ächzte leise. Dass er keine weiteren Zeichen von Schmerz zeigte, beeindruckte mich. Bestimmt waren in seiner Hand ein paar Knochen gebrochen. Mein Fuß tat jedenfalls ordentlich weh. Ich hätte die Kampfstiefel anziehen sollen, nicht die Turnschuhe.

Meine P 7 M 13 steckte in ihrem Holster an meinem Rücken, und ich lag drauf. Ich weiß nicht, ob ich anderenfalls Zeit gefunden hätte, sie zu ziehen, aber so konnte ich nicht einmal daran denken. Er holte mit seinem rechten Fuß aus, um mich zu treten. Ich rollte mich zur Seite, aber er streifte mich trotzdem, und das reichte, um gemein weh zu tun. Er holte zu einem weiteren Tritt aus, aber diesmal kam ich ihm zuvor und stieß meinen Fuß gegen sein Standbein. Die Stelle an meiner linken Seite, an der er mich getroffen hatte, schmerzte bei der Bewegung. Glücklicherweise mache ich mir nicht besonders viel aus Schmerzen. Ich keuchte, verschluckte aus Versehen meinen Kaugummi und biss mir so kräftig auf die Zunge, dass der Eisengeschmack von Blut meinen Mund zu füllen begann.

Er strauchelte, und nach einem zweiten kräftigen Tritt fiel er auch zu Boden. Die Verletzung trieb mir Tränen in die Augen. Ich fragte mich, ob er mir vielleicht eine Rippe gebrochen hatte, aber darum konnte ich mich jetzt nicht kümmern. Ich drehte mich herum, stand dabei halb auf und ließ mich auf ihn fallen, sodass mein Knie kräftig unterhalb der Schultern gegen seine Wirbelsäule prallte. Er grunzte und versuchte, aufzustehen, aber ich verlagerte mein ganzes Gewicht auf das Knie auf seinem Rücken und verdrehte ihm seinen rechten Arm. Ich brauchte dafür beinahe alles, was ich noch an Kraft hatte, aber sein Stöhnen sagte mir, dass ich erfolgreich war. Jetzt war die Gelegenheit, die P 7 zu ziehen. Ich brauchte zwei Versuche, weil die Bewegung wieder den Schmerz an meinen Rippen aufflammen ließ, aber schließlich hatte ich diesen wunderbar schweren, kalten Stahl in meiner Hand. Ich drückte den Spanngriff ein, um sie zu entsichern und presste den Lauf gegen seine Schläfe, ohne dabei besonders darauf zu achten, ihm nicht weh zu tun.

„Jetzt hören wir auf mit diesem Quatsch und bleiben hier ganz ruhig liegen“, sagte ich. „Klar?“

Als er nicht reagierte, kugelte ich mit einem kräftigen Ruck seinen Arm aus. Wieder gab er nur dieses dumpfe Stöhnen von sich, das offenbar seine höchste Leidensäußerung war, aber ich war trotzdem ziemlich sicher, meinen Standpunkt vermittelt zu haben.

„Ist das klar?“ wiederholte ich in schärferem Ton.

Er nickte einmal. Das reichte mir.

„Sehr schön. Dann können wir uns jetzt vielleicht unterhalten.“

Er schnaubte. Ich nahm an, dass das so was wie ein Lachen sein sollte. Falsche Reaktion. Ich nahm die Pistole kurz von seiner Schläfe und schlug den Griff gegen seinen Kopf. Zu meiner Überraschung spürte ich seinen Körper unter mir erschlaffen, als hätte er das Bewusstsein verloren. Wenn das ein Trick war, hatte er mich unterschätzt. Ich bewegte den ausgekugelten Arm ein wenig.

Er war entweder wirklich bewusstlos oder er hatte die Selbstbeherrschung eines Hinkelsteins. Ich beschloss, nichts zu riskieren und hob meinen Kopf, um mich nach etwas umzusehen, womit ich ihn fesseln konnte. In meiner Reisetasche waren knapp zwanzig Einweg-Handfesseln, aber die war im Wohnzimmer, und ich wollte ihn nicht alleine lassen.

Mein suchender Blick fiel auf Hanna. Sie stand da in der Tür und starrte mich an, als hätte ich gerade meinen Unterkiefer ausgeklinkt und ihre Katze bei lebendigem Leib verschlungen. Sie wusste bestimmt, dass der Mann, den ich überwältigt hatte, ein Verbrecher war, aber sie fürchtete mich, das konnte ich sehen. Naja. Ich hatte sowieso nicht mehr damit gerechnet, ihre beste Freundin zu werden.

Ich sah ihre Handtasche am Haken neben ihrem Mantel. So eine kleine schwarze Ledertasche, bei der man den Gurt mit Karabinerhaken befestigt und wieder abnehmen kann. Nicht perfekt, aber würde reichen. Ich knotete seine Handgelenke mit dem Ledergurt zusammen. Dann stand ich auf, stellte mich vor Hanna Jacobi und legte meine Hände auf ihre Schultern. Ich suchte ihre Augen, aber sie starrte auf den Fußboden.

„Frau Jacobi“, sagte ich. Sie atmete aus, tief ein und wieder aus, dann sah sie schließlich zu mir auf. Sie musste ihren Kopf dafür weit in den Nacken legen, denn ich stand dicht vor ihr, aber sie tat es. Die Angst war nicht mehr da. „Frau Jacobi, sind Sie bei sich?“

Ich warf einen kurzen Blick zu dem Russen hinter mir. Lag noch da. Gut. Ich wandte mich wieder Frau Jacobi zu und sah gerade noch das Ende ihres Nickens. Ich war erleichtert. Es war ein harter Tag für sie.

„Das ist gut. Ich brauche Sie jetzt nämlich. Sie müssen hier stehen bleiben und diesen Mann bewachen, während ich meine Tasche hole. Wenn er sich bewegt, schreien Sie. In Ordnung?“

Sie nickte wieder.

„Sie schreien sofort, ganz laut. Haben Sie das verstanden?“

Noch ein hastiges Nicken. Mir fiel ein, dass ich ihn auch einfach mitnehmen konnte. Viel besserer Plan.

„Vergessen Sie, was ich gesagt habe. Wir machen das anders.“

Ich konnte den Klotz nicht tragen, da war ich mir sicher. Schon gar nicht mit der Prellung an meinen Rippen. Aber ich konnte ihn ziehen.

„Was haben Sie denn vor?“ fragte sie in entgeistertem Tonfall, während ich unter seine Schultern griff und ihn ins Wohnzimmer zu zerren begann.

„Ich will ihn essen“, antwortete ich keuchend, „Was denken Sie denn? Wir müssen ihn vorher natürlich klein schneiden, sonst passt er nicht in den Ofen.“

Ich setzte ihn auf einen Stuhl, nachdem ich mich vergewissert hatte, dass der Stuhl für meine Zwecke robust genug war, und dann band ich ihn daran fest. Ich band seine Handgelenke mit zwei Einwegfesseln zusammen und dann mit zwei weiteren an die Rückenlehne. Genauso verfuhr ich auch mit seinen Knöcheln.

Ich habe zwar noch nie davon gehört, dass jemand die Dinger zerrissen hätte, aber wenn es einen Menschen auf der Welt gab, der es konnte, standen die Chancen ganz gut, dass es dieses Ungetüm war. Ich war kaum damit fertig, ihn zu fesseln, als er die Augen öffnete.

„Mann, Sie haben spitzenmäßiges Timing“, sagte ich.

Er sah sich um, ohne Verwirrung oder eine sonstige Gefühlsregung, als wäre er es gewohnt, aus tiefer Bewusstlosigkeit zu erwachen und sich an einen Stuhl gefesselt wieder zu finden. Wer weiß, vielleicht war er das sogar.

„Das höre ich zum ersten Mal“, sagte er, und überraschte mich damit gleich noch einmal.

„Haben Sie beschlossen, zu kooperieren?“ fragte ich.

Ich hatte damit gerechnet, dass er stumm bleiben würde, bis ich ihn eines Besseren belehrt hatte. Kreative Foltertechniken gehören nicht zu meiner Ausbildung, deshalb freute ich mich über diese Entwicklung. Ich hätte es getan, wenn es nötig gewesen wäre, aber es hätte mir keinen Spaß gemacht.

„Wir haben gemeinsame Interessen“, antwortete er.

Ich verschränkte die Arme vor mir und sah ihn an.

„Jetzt bin ich gespannt.“

Er erwiderte meinen Blick. Sein Gesicht war noch immer völlig regungslos. Kein Ärger, keine Furcht, kein Schmerz, gar nichts.

„Sie wollen herausfinden, wie Sie an das Geld kommen. Ich will Sie zu dem Mann bringen, der es Ihnen sagen kann“, sagte er.

„Und das wird er sicher mit Vergnügen tun, über einer Tasse Kaffee und ein paar Keksen.“

„Das habe ich nicht gesagt. Ich soll Sie zu ihm bringen. Er und ich, wir wissen es besser, aber Sie glauben, dass Sie es von ihm erfahren werden. Wie Sie auch glauben, Ihren Freund den Anwalt befreien zu können.“

Ich hatte mir fest vorgenommen, ebenso wenig Gefühle zu zeigen wie er und mich von nichts ködern zu lassen, was er sagen würde. Ich habe mir im Laufe meines Lebens so einiges vorgenommen, und ich habe keine besonders guten Erfahrungen damit gemacht.

„Es geht ihm den Umständen entsprechend gut“, fuhr er fort, „Aber Sie sollten daran denken, dass jede Minute, die Sie früher bei ihm sind, eine Minute weniger ist, in der mein Partner ihn verhört.“

So lange dauerte es, bis ich mich das erste Mal fragte, ob er mich vielleicht anlog. Nur ein Weg, es herauszufinden.

„Verstehe ich das richtig“, begann ich, „Sie haben Konrad Jacobi in Ihrer Gewalt. Oder Ihr Partner“, berichtigte ich, als er den Mund öffnete, „Der auch weiß, wie ich an das Geld herankomme. Und Sie wollen mich zu ihm bringen. Stimmt das so?“

Er nickte.

„Außerdem habe ich eine Schachtel Reval in meiner linken Jackettasche, und Streichhölzer in der Brusttasche meines Hemdes“, sagte er.

„Was sind Sie, eine gute Fee, oder was?“ fragte ich.

Er sah mich einfach nur stumm mit seinem Statuengesicht an. Ich versuchte es mir nicht anmerken zu lassen, aber ich war beeindruckt. Ich war erschrocken. Er wusste nicht nur, dass ich ein Problem mit den gottverdammten Zigaretten hatte, er kannte sogar meine Marke. Und er versuchte, damit zu spielen. Er wollte mich damit aus meiner Rolle locken. Das hätte ich sogar erkannt, wenn ich nicht diese albernen Psychoseminare hätte absolvieren müssen, die wir beim Kommando regelmäßig besuchen.

„Warum sollte ich Ihnen glauben?“

Ich kehrte mit der Frage zum eigentlichen Thema zurück, und ich bemerkte sehr wohl, dass das eine kleine Niederlage für mich war. Er sah mich stumm an. Ich war nicht bereit, noch einmal nachzugeben.

„Passen Sie auf, wir spielen jetzt ein Spiel“, sagte ich. „Die Regeln sind ganz einfach. Ich stelle Fragen, und jedes Mal, wenn Sie nicht antworten, verlieren Sie einen Zahn. Verstehen Sie das?“

Es war nicht unbedingt ein schlechtes Gefühl. Er sah mich drei Sekunden lang an, bevor er antwortete.

„Sie können mir keine Angst machen. Ich werde Ihnen alles sagen, was Sie wissen müssen, und nicht mehr. Sie können nichts tun, um das zu ändern. Und ja, ich habe die Regeln verstanden“, fügte er nach einer Pause hinzu.

Es schmeckte nach einem unverdienten Sieg, als hätte er mich aus Mitleid gewinnen lassen. Das lag natürlich vor allem daran, dass ich ihm jedes Wort glaubte. Er hatte wirklich kein bisschen Angst. Es war ihm wirklich völlig egal, was ich mit ihm machte. Ich begann, ein bisschen Angst vor ihm zu bekommen.

„Wie heißen Sie?“ fragte ich. „Natürlich ist mir Ihr Name drecksegal, sagen Sie einfach, wie ich Sie nennen soll.“

„Nennen Sie mich Ossip.“

„Wo ist Konrad – Jacobi?“

Die Pause zwischen Vor- und Nachnamen war ein bisschen zu lang gewesen, falls ich ihn über unsere Bekanntschaft hatte täuschen wollen. Verdammt verdammt. Das Gespräch lief irgendwie gar nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte.

„Mein Partner hat ihn. Ich werde Sie zu ihm bringen. Aber ich werde Ihnen natürlich keine Adresse nennen. Wollen Sie eine Zigarette, Tanja?“

Ich wollte nicht, dass er mich bei meinem Namen nannte. Aber ich sagte nichts dazu.

„Anscheinend haben Sie die Regeln doch nicht verstanden“, sagte ich stattdessen, „Ich stelle die Fragen.“

„Tun Sie das?“

Ich atmete tief durch. Ich wollte ihm wehtun. Aber ich hatte das Gefühl, dass ihm das völlig egal wäre, und dass alles, was ich mit ihm machen konnte, nur meine Ohnmacht ihm gegenüber demonstrieren würde. Ich wollte ihm trotzdem wehtun.

Es war nicht fair. Es war einfach nicht richtig. Ich hatte die Waffe. Ich hatte den Kampf gewonnen. Ich hatte ihn an einen gottverdammten Stuhl gefesselt, und trotzdem dominierte er das Gespräch.

„Wollen Sie eine Zigarette?“ fragte er mit einem ausdruckslosen Blick auf meine linke Hand, die sich nervös immer wieder zur Faust ballte und wieder öffnete.

Ich wollte wenigstens einen Kaugummi, aber ich ließ es bleiben. Nicht vor ihm, nicht jetzt.

„Sie spielen mit Ihrem Leben, Mann“, sagte ich, und zu meiner Genugtuung klang ich genauso kalt wütend und entschlossen, wie ich gehofft hatte.

Natürlich beeindruckte es ihn kein bisschen. Ich weiß nicht, ob ich das mal irgendwo gelesen habe, oder ob es mir gerade selbst eingefallen ist, aber gibt es etwas Fürchterlicheres als einen Mann, der sich einfach nicht fürchtet?

„Sie wissen, was Sie verlieren, wenn Sie mich erschießen“, sagte er.

Ich wollte ihn auf den Boden werfen und auf ihm herumspringen, bis nichts Identifizierbares mehr von ihm übrig war. Natürlich wusste ich das! Konrad. Das Geld. Meine Freiheit. Meinen Beruf natürlich, haha.

Ich würde alles verlieren, wenn ich ihn erschoss. Deshalb würde ich es natürlich nicht tun. Ich spürte, wie mein Atem schneller ging und meine Kiefermuskeln begannen vor Anspannung zu schmerzen. Das hier musste aufhören.

„Ich habe genug“, sagte ich in einem Versuch, meinen Stolz zu wahren. „Das Spiel macht keinen Spaß, wir machen was anderes. Ich bringe Sie in mein Auto, und dann fahren wir zu Ihrem Partner.“

Er nickte.

„Wollen Sie mich tragen, oder binden Sie mich los?“

Für keinen Moment zuckten seine Mundwinkel auch nur, aber er hätte mich genau so gut laut auslachen können.

Ich ging zu ihm, legte meine Hände an seine Schultern und kippte ihn mitsamt dem Stuhl um. Es war natürlich eine dämliche kindische Geste, aber für einen Moment tat es gut. Natürlich reagierte er nicht. Ich ließ ihn ein paar Minuten so liegen, bevor ich es nicht mehr aushielt und – wieder einmal gründlich gedemütigt – nachgab.

Lesegruppenfragen

  1. Und, was denkt ihr jetzt von Tanja? Die Frage mag für euch langsam langweilig werden, aber glaubt mir, ich finde sie immer wieder toll.
  2. Ist Hanna in diesen Szenen zu emotional? Fandet ihr das noch stimmig?
  3. Findet ihr die Actionszene in Ordnung? Ich bin wie immer dankbar für den Rat von jedem, der sich mit sowas auskennt.
  4. Was glaubt ihr, warum Ossip trotz allem das Gespräch dominiert? Ist das eine dumme Frage?
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4 Responses to Eine Riesenmenge Geld (15)

  1. Andi sagt:

    1. Meine Antwort mag auch langweilig klingen und vielleicht steh ich auch immer noch ganz alleine mit meiner Meinung. Aber ich kann versichern, dass meine Meinung die schönste Meinung ist, die man zu diesem Thema haben kann: ich mag Tanja noch immer.
    Man mag doch auch in der Realität Menschen nicht weniger, nur weil sie mal anders ticken als man selbst. Ist bei mir jedenfalls so. Aber ich gebe zu, dass sie nicht so besonders nett ist/war.

    2. Fand ich stimmig. Ich glaub, die Situation ist schon so, dass man da gut mal in Tränen ausbrechen kann.

    3. Ich kenn mich mit sowas nicht aus. Also frag nicht mich. Denn ich kann dir auch hier nur sagen, dass es für mich stimmig war. Um ehrlich zu sein, überflieg ich solche Stellen meist.

    4. Weil er Ossip ist.
    Ich fürchte, ich bin heut nicht sonderlich kreativ. Aber warum sollte einer wie Ossip nicht das Gespräch dominieren wollen?

  2. Chlorine sagt:

    1. Für mich wäre interessant zu erfahren, wie sie zu einer Person geworden ist, für die andere Menschen nie besonders wichtig waren.

    2. Absolut stimmig. Der Vater des ungeborenen Kindes will sie nicht und nun bricht in ihren Augen auch noch der Rettungsanker Konrad weg.

    3. Ich habe neulich ein Buch gelesen, in dem die Actionszenen schier unendlich schienen und jeder kleine Handgriff und jeder Gedankenfetzen zwischen den einzelnen Griffen formuliert war, was unheimlich nervte. Mit deinen Beschreibungen bin ich sehr zufrieden.

    4. Ossip ist wohl schon ein paar Jährchen länger im Geschäft als Tanja und war einfach besser vorbereitet.

  3. Guinan sagt:

    1. Im Krieg und in der Liebe…Sie kämpft nicht gerade fair, aber ich kann sie verstehen.
    2. ZU emotional geht in der Situation gar nicht. Ihr Leben zerbricht, da kann sie jetzt wohl kaum ganz ruhig die Lage analysieren.
    3. Ich mag ja nun mal keine Actionszenen. Es war aber erträglich – weil vorhersehbar. Der abgekniffene Finger hat mir mehr zugesetzt.
    4. Wie Chlorine schon sagt, er hat mehr Übung darin. Außerdem braucht doch so ein Krimi einen unbezwingbaren Ultra-Bösen, der am Ende vom Helden überwunden wird.
    5. Was sind Einweg-Handfesseln? Kabelbinder?

  4. madove sagt:

    1. Allmählich wird sie für mich (abstrakt) verständlicher und dadurch auch sympathischer, wenn auch auf eine andere, bessere Weise als nach den ersten zweidrei Kapiteln.

    2. Das finde ich plausibel. Auch Menschen, die eher sachlich und kühl wirken, haben an irgendeiner Stelle den Punkt, wo’s zuviel ist. Daß hier ihrer war, ist mE nicht überraschend.

    3. Ich mag eigentlich keine Actionszenen sondern nehme die immer stirnrunzelnd in Kauf, während ich warte, wie’s mit den Leuten weitergeht. Deshlab hab ich wahrscheinlich die Choreographie des Kampfs eher oberflächlich gelesen. Es ist schon angenehm dadurch, daß man (im Gegensatz zu Filmen) wenigstens erfährt, was sie dabei denkt und fühlt.
    Und die Action wurde kompensiert durch das anschließende Verhör, das mir wirklich Spaß gemacht hat, weil beide Personen körperlich und geistig relativ stark sind und sich deshlab interessant verhalten. Tolle Szene. 5. Ich denke auch, daß er primär aus Erfahrung dominiert (und, weil er langfristig die besseren Karten hat. Sie kann ihn wirklich nicht erschießen). Aber wenn sie es schafft, noch ein paar Kapitel zu überleben, lernt sie sicher noch dazu.

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