Yours to keep

Ich habe lange keine Kurzgeschichte mehr geschrieben, und ich hatte schon angefangen, mich zu fragen, ob diese Schaffensphase für mich vielleicht einfach vorbei ist, aber siehe da, letzten Samstag ist mir doch noch eine eingefallen.

Sie ist vielleicht immer noch ein bisschen im Entwurfsstadium, aber welche Geschichte verlässt dieses Stadium je? Deswegen möchte ich nicht länger darauf warten, sie mit euch zu teilen. Viel Vergnügen, hoffe ich.

Yours to keep

Wir schweben über einer stark befahrenen Straße, schwerelos, unsichtbar, körperlos. Die Abgase der dicht an dicht hintereinander her kriechenden Autos stören uns genauso wenig wie der leichte Nieselregen, der wie ein endloser Schleier stetig um uns herum durch die Atmosphäre zu Boden sinkt. Die Vorzüge auktorialer Allmacht.

Nachdem wir eine Zeitlang den Verkehr beobachtet haben, heftet unser Blick sich an eines der Fahrzeuge, an einen schwarzen Maybach, dessen Habitus von Wohlstand und Macht in scharfem Widerspruch zur Haltung seines Fahrers steht.

Wir senken uns langsam auf das Fahrzeug hinab, durch das Dach hindurch und hinein, ungehemmt von den Gesetzen der stofflichen Welt.

Hinter dem Steuer der prunkvollen Limousine sitzt ein dürrer junger Mann mit blassem, pickeligem Gesicht und einem fadenscheinigen karierten Hemd, dessen Ärmel er ständig zurückschieben muss, damit sie nicht seine Daumen begraben. Er hat seine Zähne in einem nervösen Grinsen entblößt und schwankt offenkundig zwischen Begeisterung und Stolz für seine Errungenschaften und der Furcht, einen Fehler zu begehen. Wenn sie nicht mit den Ärmeln des hemdgewordenen Stilverbrechens beschäftigt sind, nesteln seine langen dürren Finger an einem goldenen Siegelring herum, der seinen linken Daumen ziert, und sogar für diesen merklich zu weit ist.

Im Gegensatz zu seinem Hemd sitzt die Kleidung seiner rothaarigen Beifahrerin sehr vorteilhaft. Ihr schwarzer Rollkragenpullover betont ihren eleganten langen Hals ebenso wie die aufregenden Kurven darunter. Ihre leuchtenden graublauen Augen sind mit schwer zu deutendem Ausdruck auf den jungen Mann fixiert, die vollen roten Lippen des vielleicht etwas zu breiten Mundes halb geöffnet und die Mundwinkel zu einem Hauch eines Lächelns verzogen.

Ein neureicher Softwaremillionär und ein Fotomodel, das sein klägliches Äußeres in Hoffnung auf die inneren Werte seines Kontos duldet? Weit gefehlt! Schämen wir uns. Wie viele dumme Vorurteile passen in einen Gedanken?

Es ist kurz nach halb sechs, und weil sie ihren Hörern das Gedächtnis eines Borkenkäfers unterstellen, haben die Verantwortlichen deutscher Radiosender beschlossen, dass zu jeder halben Stunde Nachrichten zu senden sind. So läuft auch in dem schwarzen Maybach gerade eine Nachrichtensendung: „… nach Auskunft von Experten ist jedoch aufgrund der erheblich höheren Komplexität nicht damit zu rechnen, dass Nordkorea in absehbarer Zeit in der Lage sein wird, eine Wasserstoffbombe zu konstruieren.

Köln. Aufgrund der Hinweise auf mögliche Terroranschläge…“

„Was war das jetzt?“ fragt der Fahrer, „Hast du verstanden, wo das Problem ist? Nordkorea hatte doch sowieso schon Atombomben, oder?“

„Man kann nukleare Gefechtsköpfe mit Plutonium bauen, oder mit waffenfähigem Uran“, antwortet sie. „Uran ermöglicht eine wesentlich eindrucksvollere Wirkung, aber Plutonium ist einfacher, weil man es aus den abgebrannten Brennstäben von Reaktoren gewinnen kann. Um Uran waffenfähig anzureichern, braucht man aber eine spezielle Einrichtung mit vielen komplizierten Geräten. So eine Einrichtung kann Nordkorea eigentlich nicht ohne Hilfe aus dem Ausland gebaut haben, und so wird die Meldung doppelt spannend.“

„Ach so“, antwortet der Fahrer, merklich verstimmt, denn zumindest in einem Punkt haben unsere dummen Vorurteile uns nicht im Stich gelassen: Er ist es gewohnt, derjenige zu sein, der Einzelheiten kennt, die sonst niemanden interessieren.

„Fragt sich, was Kim Jong-il eigentlich mit Kernwaffen will, oder?“ fügt er nach einer kurzen Pause hinzu. „Wenn seine Propaganda wahr wäre, könnte er die USA doch genauso gut einfach mit den Feuerbällen aus seiner Nase plätten, oder?“

Seine Beifahrerin lacht pflichtbewusst. „Falls es dich interessiert“, sagt sie, „Er hat in seinem Leben noch kein Hole-in-one geschlagen. Nicht mal auf seinem eigenen Golfplatz.“

„Ich konnte mir sowieso nie vorstellen, dass er den ganzen Mist wirklich glaubt.“

„Oh, er glaubt das alles“, widerspricht sie. „Jedes Wort.“

Er schnaubt und schüttelt den Kopf. „Sein Sohn auch, oder können wir da auf Besserung hoffen?“

„Ich weiß nicht, Un habe ich nie kennengelernt.“

Als er für einen Moment seine rechte Hand auf den Schalthebel in der Mitte des Wagens legt, streckt sie ihre linke aus, wie um ihn zu berühren. Erschrocken zuckt sein Arm zurück, und erst nach einem hastigen Blick auf seinen Siegelring entspannt der junge Mann sich wieder.

Die Frau mit den schimmernden roten Locken lacht auf, aber er hört den gekränkten Unterton, und er sieht aus dem Augenwinkel, wie sie beleidigt ihre Unterlippe vorschiebt.

„Ich würde ihn dir nicht wegnehmen“, sagt sie schmollend.

Er lacht, aber es ist das unpassendste, beklommenste, geheucheltste Lachen, das wir uns vorstellen können. Mit einer sehr bewussten Geste legt er eine bleiche kalte verschwitzte Hand auf ihr linkes Knie und lässt sie weiter nach oben gleiten. Er schiebt ihren ohnehin schon kurzen Rock noch weiter nach oben, bis seine dürren Finger ihre Lenden streicheln. Sie öffnet ihre Beine und ihren Mund ein wenig.

„Du siehst umwerfend aus“, sagt er, und das Lächeln kehrt für einen Moment in ihr Gesicht zurück, um sofort wieder zu ersterben, als er hinzufügt: „Ralf wird grün vor Neid.“

Sie legt ihre Knie aneinander, verschränkt die Arme unter ihren vollkommenen Brüsten und schaut aus dem Fenster. Doch der Fahrer des Maybach bemerkt nichts davon, weil er nach dem Schalter für die Scheibenwischer sucht.

„Für dich ist das alles nichts als ein Geschäft, oder?“ fragt sie leise. Ihre Stimme klingt nicht vorwurfsvoll. Es ist eine echte Frage.

„Ich weiß nicht, ob…“ Er verstummt, als das Autotelefon klingelt.  „Das muss Ralf sein. Verdammter Stau, wir sind… Wie kann ich denn hier…?“

Sie streckt einen herrlichen, makellosen Finger aus – sogar dieser Finger wirkt irgendwie sinnlich, beinahe anstößig, wie macht sie das nur? – und drückt auf eine Taste.

„Hallo?“ ruft der Fahrer, viel zu laut, und seine Beifahrerin zuckt zusammen. „Hallo, Ralf? Bist du das?“

Sie nickt und zeigt auf das Display, aber er beachtet sie nicht.

„Ja“, antwortet der Anrufer, „Und weißt du was, Daniel? Weil A.G. Bell ein dufter Typ war und das Telefon erfunden hat, musst du nicht so laut brüllen, du benutzt nämlich gerade eins.“

„Tschuldigung“, murmelt Daniel, „Ich… Wir sind gleich da. Hat ein bisschen gedauert, wir standen im Stau.“

„Wir?“ fragt Ralf. „Wer ‚Wir‘?“

„Wirst du sehen!“ ruft Daniel, wieder genauso laut wie vorher, und voller ungeduldiger Erwartung.

Er vollführt eine unbestimmte, aber sehr nachdrückliche Geste in Richtung seiner Beifahrerin, und sie streckt wieder diesen unanständig aufregenden Zeigefinger aus, um die Verbindung zu trennen.

„Du musst mir das hier unbedingt mal alles erklären, wenn wir Zeit haben“, sagt Daniel.

„Ich habe immer Zeit“, antwortet sie. „Es kommt mehr auf deine an…“

Sie schaut ostentativ auf eine dezente schlanke Damenarmbanduhr, der nur ein wahrer Kenner ansehen würde, dass sie viel kostbarer ist als das protzige Auto, in dem die beiden sitzen, und diesmal ist es wieder Daniel, der erschrocken zusammenfährt.

„Was soll das heißen?“ stößt er hervor.

Sie lacht auf und streckt eine Hand in seine Richtung aus, hält aber inne, bevor sie die unsichtbare Grenze der Mittelkonsole erreicht hat.

„Ruhig“, sagt sie, „Es ist noch lange nicht soweit.“

Er schluckt und blickt starr auf die Straße.

Einige sehr zähe Minuten vergehen in Stille. Wir können sie überspringen. Die Vorzüge auktorialer Allmacht.

„Magst du mich?“ haucht sie schließlich.

„Ich kenn dich doch gar nicht“, antwortet Daniel, hörbar bemüht, sich seine Unsicherheit nicht anmerken zu lassen.

„Ich meine…“ Sie seufzt leise, und es ist ein Seufzen, mit dem sie viel Geld verdienen könnte, wenn sie auf diese Weise Geld verdienen wollte. „Ich meine: Gefalle ich dir?“

Er kaut einige Momente lang auf seiner Oberlippe herum, bevor er antwortet: „Du machst mir Angst, Sheila.“

„Aber-“ beginnt sie in bezaubernd quengeligem Ton, und er unterbricht sie:

„Ja! Ja, natürlich gefällst du mir. Du bist ein Traum, Sheila. Du bist mein Traum.“

Sie lächelt still und zufrieden in sich hinein, während sie ihr traumhaftes Hinterteil aus dem Ledersitz hebt, um ihren Rock zurechtzuziehen. Sie haben beinahe den Treffpunkt erreicht, an dem Ralf auf sie wartet.

„Danke“, sagt sie.

Daniel seufzt. Es ist ein sehr banales, völlig uninteressantes Seufzen, das niemandem einen roten Heller wert wäre.

***********************************************

Ralf ist ein dicker junger Mann mit einer dicken Brille, einer dicken billigen Kunststoffjacke und dünnen fettigen Haaren, der neben einer Litfaßsäule im Nieselregeln steht und nach Daniels Auto Ausschau hält. Er trägt einen Vollbart, aber weil seine Barthaare ebenso licht und kraftlos sind wie sein Haupthaar, lässt ihn das kein bisschen reif und männlich aussehen, sondern nur wie jemanden, der verzweifelt gerne reif und männlich aussehen möchte.

Die getönten Scheiben des schwarzen Maybach verbergen seine Insassen vor seinen Augen, aber Ralf nimmt das unbezahlbare Fahrzeug ohnehin kaum wahr, als es vor ihm am Straßenrand hält. Er stapft lediglich ein paar Schritte weiter, damit sein Freund ihn besser sehen kann, wenn er schließlich ankommt.

Als die Beifahrertür der Limousine sich öffnet, gehört Ralfs ganze Aufmerksamkeit immer noch dem Straßenverkehr, aber einen Augenblick später gehört sie plötzlich den völlig unglaubwürdigen Beinen, die die Beifahrerin hinaus streckt, und dann auch dem ganzen Rest von ihr.

Ralf starrt mit weit offenen Augen und weit offenem Mund die unfassbare Frau an, die gerade aus dem Wagen gestiegen ist, und er ist so sehr damit beschäftigt, dass ihm erst klar wird, dass sie auf ihn zugeht, als sie vor ihm stehen bleibt.

Im Gegensatz zu uns – wir werden nicht von den primitiven Instinkten unseres Reptilienhirns beherrscht, nicht wahr? – bemerkt er deshalb auch nicht, dass mit ihm auch der größte Teil der übrigen Passanten – keineswegs nur der männlichen – alles vergessen zu haben scheint, was sie eigentlich zu tun hätten.

„Bist du Ralf?“ fragt sie ihn mit einem freundlichen breiten Grinsen, das in ihm das Bedürfnis weckt, sich an irgendetwas festzuhalten, während um ihn herum Herzen und Träume zerbrechen, weil dieses Grinsen nur auf ihn gerichtet ist. Weil er völlig damit ausgelastet ist, nicht zu sabbern, bringt er keine bessere Antwort hervor als:

„Bä- dä- äh… Meinen Sie… mich?“

Ihr Lächeln ist bezaubernd, aber etwas daran irritiert ihn. Etwas daran ist merkwürdig. Etwas daran ist… zu viel.

Sie lacht und erwidert: „Ja. Und jetzt komm und steig ein, bevor ich genauso nass werde wie du.“

Als sie das sagt, blickt sie an sich herab, und sein Blick kann nicht anders, als ihrem zu folgen, und er stolpert einen Schritt zurück und stößt gegen eine alte Frau, deren empörtes Schimpfen er kaum wahrnimmt.

„Komm schon.“

Sie dreht sich um, und er tut sein Bestes, um trotz ihrer wiegenden Hüften auch noch wahrzunehmen, wohin er geht. Sie öffnet die hintere Tür der schwarzen Limousine für ihn, und er klettert hinein. Ralf hat nicht das Gefühl, selbst an all dem beteiligt zu sein. Er ist nur ein Beobachter. Er hört erst eine Tür zuschlagen – seine -, dann eine zweite – die vordere, und dann dreht sich die rothaarige Beifahrerin in ihrem Sitz zu ihm um und streckt ihm ihre Hand entgegen.

„Ich bin Sheila“, sagt sie.

Er kann zunächst nicht fassen, dass er sie berühren darf, aber schließlich blinzelt er dreimal, schüttelt seinen Kopf, beschließt, sich zusammenzureißen und ergreift ihre Hand.

„Ralf“, stößt er heiser hervor.

„Hallo Ralf“, begrüßt ihn Daniel vom Fahrersitz aus. „Und, was sagst du?“

„Gah… Ähm… Pfff… Ich frage, ob du eine Bank überfallen hast. Oder ein Casino?“

Daniel lacht. Er hat ein ziemlich unangenehmes keckerndes Lachen, ein bisschen wie George W. Bush.

„Nein, keins von beidem“, antwortet er.

„Aber… Ich meine… Fahren wir jetzt wirklich hiermit nach Frankfurt? Das… Das ist ein Maybach, oder?“

„Ja, genau. Es ist mein Maybach. Und Sheila hier…gehört mir auch“, fügt er hinzu.

Sie lacht, aber es ist kein spöttisches Lachen, wie wir vielleicht erwartet hätten. Ihr Lachen klingt… dankbar?

Ralf greift in die Innentasche seiner Jacke, zieht einen schwarzweiß gedruckten Flyer hervor und betrachtet ihn unentschlossen.

„Naja…“ sagt er, während Daniel sich wieder nach vorne dreht und losfährt, „Ähm… Also, habt ihr euch schon mal das Programm angesehen, oder… Naja… Äh, fahren wir überhaupt noch zum Filmfest? Und wo hast du das Auto her?“

***********************************************

„Was ist mit Centurio, der klingt cool, oder?“ fragt Ralf.

Er hat sich inzwischen damit abgefunden, dass sein Freund ihm nicht verraten will, woher er das Auto hat. Und die Frau.

Es waren 108 anstrengende Minuten, bis es soweit war. Glücklicherweise konnten wir sie überspringen. Die Vorzüge aukto- Naja, ihr wisst schon.

„Klar“, antwortet Daniel, „Soll aber Scheiße sein. Wann kommt der denn?“

„Donnerstag, 19:30, und ein Film, der Centurio heißt, kann überhaupt nicht Scheiße sein.“

„Du hast auch gesagt, dass ein Film über Zombieschafe nicht Scheiße sein kann.“

„War er auch nicht, der war- naja… Zu lang vielleicht, aber nicht richtig-“

„Können wir da mal anhalten?“ fragt Sheila, als sie ein Raststättenschild passieren. „Ich bin hungrig.“

Etwas darin, wie sie den zweiten Satz sagt, lässt Daniel und Ralf ihre Schultern hochziehen, ihre Ellenbogen an ihren Oberkörper legen, den Kopf einziehen und jeden Gedanken an Filme vergessen. Wir würden das vielleicht auch tun, wenn wir unsere Schultern, Ellenbogen und Oberkörper bei uns hätten. Etwas darin, wie sie den zweiten Satz sagt, spricht den Teil unseres Gehirns an, der fliehen möchte, wenn er einen Wolf heulen hört, und der erschaudert, wenn wir einen Tiger im Zoo sehen.

„Klar“, sagt Daniel, und legt den Blinkerhebel um, obwohl es noch zwei Kilometer sind bis zur Ausfahrt.

„Ich hab auch…“ beginnt Ralf, um zu verstummen, bevor er das entscheidende Wort ausgesprochen hat. Er denkt nicht, dass er dieses Wort noch einmal aussprechen möchte.

Es herrscht Stille in der Limousine, bis sie auf dem Parkplatz vor dem Nordsee-Restaurant an der Autobahnraststätte stehen und Sheila aussteigt. Zu unser aller Erleichterung nimmt sie die bedrohliche Atmosphäre mit sich. Die Tür ist kaum hinter ihr zugefallen, als Ralf sich vorbeugt, als wollte er zwischen den beiden Vordersitzen hindurchklettern.

„Wow!!“ quiekt er (Ein Ausrufezeichen wäre einfach nicht genug gewesen, glaubt mir.), „Die ist… Die… Ich… Wow!! Ist die wirklich… Ich meine, seid ihr… Also, habt ihr… Du weißt schon!“

Daniel tut sein Bestes, um vielsagend und selbstsicher zu grinsen, aber es wirkt am Ende doch nur angeberisch und anzüglich.

„Sie ist mir hörig!“ antwortet er in verschwörerischem Tonfall. „Manchmal tut sie mir fast ein bisschen Leid… Sie kriegt einfach nicht genug von-“

Ralf lässt sich auf den Rücksitz zurückfallen und macht ein unanständiges Geräusch mit seinen Lippen.

„Vergiss es, Mann! Ich dachte erst, ich wollte es wissen, aber jetzt hab ich’s mir anders überlegt. Bloß keine Bilder!“

„Arsch!“

„Selber!“

Wir nutzen an dieser Stelle wieder die Privilegien, die unser Status verleiht, und ersparen uns den Rest des folgenden Beavis&Buttheadesquen Dialogs.

Die beiden bemerken erst, dass Sheila zurückkehrt, als sie die Beifahrertür öffnet, und wenige Sekunden später ist Daniel schon sehr froh darüber.

Zuerst ist er jedoch einmal erschrocken. Man kann nicht sagen, dass er erbleicht, es ist eher so, dass seine Pickel im Kontrast etwas röter werden, während seine Augen sich verengen und zu dem Ring an seinem Daumen flackern, während seine beinahe geschlossenen Lippen sich hektisch bewegen, als spräche er stumm mit sich selbst, bevor er seine Fassung zurückgewinnt, sich in seinem Sessel zurücklehnt, den Motor wieder anlässt und so nonchalant er kann, zu Sheila sagt:

„Du hast dich bekleckert… Schatz.“ Er beißt sich auf die Zunge, als ihm aufgeht, wie deplatziert das letzte Wort wirkt.

Sheila hat einen tiefdunklen, nass glänzenden Fleck auf ihrem schwarzen Rollkragenpullover, der vom Kragen bis zu ihrer linken Brust hinunterläuft.

Sie schaut an sich hinab und grinst. Ihre Lippen sind deutlich dunkler rot als zuvor, und ihr Grinsen entblößt rote Schlieren auf ihren makellos weißen Zähnen und furchtbare kleine Reste in den Zwischenräumen.

„Tatsächlich“, sagt sie, „Ich Tolpatsch. Danke! Hast du ein Taschentuch für mich?“

Daniel räuspert sich und gibt sich alle Mühe, ruhig zu atmen. Er gibt ihr ein Taschentuch. Sie beginnt, damit ihren Pullover abzutupfen, und sofort färbt sich das weiße Tuch dunkelrot.

Er sucht ihren Blick und lässt seine Augen in Richtung des hinteren Teils des Wagens rucken.

Sie nickt ihm mit einem verschwörerischen Lächeln

(Fleischfetzen. Rote Schlieren. Haare?)

zu und achtet darauf, das blutgetränkte Taschentuch vor Ralf zu verbergen.

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„Das. Ist. Unglaublich. Daniel, du musst mir einfach sagen, wo du die Penunze herhast. Jetzt. Sofort. Ich will das auch.“

Die Präsidentensuite der Villa Kennedy Frankfurt nimmt die gesamte vierte Etage des Hotels ein und bietet auf 326 m² einen Whirlpool, vier Plasmafernseher, zwei PlayStation 3, kugelsichere Fenster, eine Sauna, einen eigenen Butler und einen 7er BMW, den Daniel, Ralf und Sheila natürlich nicht brauchen.

„Das ist doch alles gar nicht wahr, oder? Ihr verarscht mich doch irgendwie, stimmts?“

Daniel grinst, und Sheila beobachtet ihn erfüllt von stillem Glück.

„Scheiß die Wand an, ist das schön hier!“ ruft Ralf. „Was wollen wir eigentlich noch auf dem Filmfest, wenn wir so ein Zimmer haben?“

Daniel lacht. „Komm, jetzt keine Häresie! Morgen kommt Monsters! Wenn wir den verpassen, verlieren wir für immer unseren Nerd-Status. Für immer!“

Ralf schüttelt den Kopf, während sein Blick immer noch durch die prachtvolle Suite schweift.

„Na gut. Aber bis dahin sind wir hier, und es ist unsere gottverdammte Pflicht, was daraus zu machen.“

„Na gut, machen wir was draus. Aber hör auf mit diesem peinlichen Tanz, davon wird mir schlecht.“

Ralf hört auf zu tanzen. Er legt für einen Moment eine Hand an seine Schläfe, bevor er wieder aufblickt.

„Also gut. Wir brauchen eine Zimmerservicespeisekarte, ein Telefonbuch, Erdnussbutter, Sprühkäse und Negerküsse.“

„Zimmerservice, Telefonbuch, Erdnussbutter, Sprühkäse, Negerküsse?“ wiederholt Sheila.

„Ja“, antwortet Ralf, als könnte er gar nicht verstehen, was daran unklar sein könnte. „Für’s erste.“

Sheila lächelt, und Ralf grinst Daniel an.

„Ich glaube, sie mag mich“, sagt er.

Und tatsächlich scheint es, als betrachtete sie ihn mit großem Wohlgefallen.

***********************************************

In dieser Nacht erwacht Daniel schweißnass aus einem grauenvollen Albtraum. Für einen Moment denkt er, er würde sonderbare Geräusche aus dem Wohnzimmer hören, aber dann schiebt er es doch auf den Sprühkäse und schläft wieder ein.

Weil wir – wie Sheila – nicht an das menschliche Bedürfnis Schlaf gebunden sind, bleiben wir wach, und bemerken, dass sie nicht neben ihm liegt.

Natürlich wundert uns das nicht weiter. Was sollte sie die ganze Nacht über dort tun, wenn sie doch nicht schläft?

Aber die Geräusche aus dem Wohnzimmer klingen wirklich merkwürdig. Beunruhigend. Wir wollen diskret sein und ziehen uns bis auf Weiteres zurück.

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Daniel schaut auf die Uhr. Es ist halb elf. Und immer noch keine Spur von Ralf. Um zehn wollten sie zum Kino aufbrechen.

„Sheila, hast du mitbekommen, wann er gegangen ist?“

„Sheila?“

Ein sehr zögerliches: „Jaaa?“

„Hast du mitbekommen, wann Ralf frühstücken gegangen ist?“

„Sheila!“

Sehr leise. Sehr widerwillig. „Ja…?“

„Hast du meine Frage gehört?“

„Ja…“

Warum hast du sie nicht beantwortet?

„Weil… ich… dich… Weil… Ich…“

Sheila!“

„Weil ich… dich nicht anlügen kann.“

Was?“

„Weil ich dich nicht anlügen kann.“

„Sheila, wo ist Ralf?“

„Weg…“

„Sheila, verdammt, was soll der Quatsch? Verscheißer mich nicht, wo ist Ralf?“

Sehr, sehr kleinlaut: „Er ist weg.“

„Was heißt weg? Nach Hause gefahren? Warum hätte er…“

„Ich war hungrig…“

Für eine kurze Zeit steht Daniel nur stumm und reglos da, während seine Pickel ein zunehmend flammendes Alarmrot annehmen.

„Du hast ihn…? Nein! Nein! Nein! Nein!“ kreischt er, immer lauter und schriller. „Nein, das hast du nicht! Hast du nicht!“

Sie sieht ihn mit tränenschwimmenden Augen und mit bebenden Lippen an.

„Es tut mir Leid“, flüsterte sie.

Daniel taumelt vor ihr zurück, stolperte über einen Stuhl, fällt zu Boden und schlägt schwer mit dem Kopf auf. Glücklicherweise ist die Präsidentensuite mit sehr weichem und dickem Teppichboden ausgelegt. Als hätten sie mit solchen Missgeschicken Erfahrung.

Er richtet sich auf seinen Ellenbogen auf und kriecht rückwärts weiter. Er weint. Er beginnt, zu schluchzen.

„Gefalle ich dir nicht mehr?“ fragt Sheila, während auch ihr Tränen über die Wangen zu laufen beginnen.

Statt zu antworten, stößt Daniel einen unartikulierten Schrei aus und krallt die Finger seiner rechten Hand um den Ring an seinem linken Daumen. Er setzt an, ihn von seinem Daumen ziehen, aber dann sieht er das Funkeln in ihren Augen.

Er sieht, wie sich ihr Blick zu verändern beginnt, er sieht ihren Mund, der ihm auf einmal sehr, sehr groß vorkommt.

Und er schiebt den Ring zurück.

„Bist- bist du hungrig?“ fragt er mit zitternder Stimme.

„Ich bin immer hungrig“, antwortet sie ohne zu zögern.

Sie grinst, und etwas an diesem Grinsen ist falsch. Es sind nicht nur die kleinen Reste zwischen ihren Zähnen. Es ist auch diese Andeutung, dass sie sich zurückhält. Dass dieses breite Grinsen nur der Anfang ist.

Sie ist ein Traum.

Sie ist sein Traum.

Vielleicht würden wir gerne wissen, wie es weiter geht. Aber wahrscheinlich nicht. Auf jeden Fall erinnern wir uns an unseren Wunsch, diskret zu sein, und nun haben wir das Gefühl, eine Szene zu beobachten, die wir nicht beobachten sollten.

Eine sehr private Szene. Intim sogar, denn Verzweiflung ist vielleicht das intimste, das ein Mensch empfinden kann.

Wir erheben unsere Perspektive von menschlicher Augenhöhe zur Zimmerdecke und entschweben langsam in Richtung der Fenster. Mühelos durchdringen wir die Wände des Hotels und schweben davon.

Wir werfen zum Abschied noch einen letzten Blick auf das vielversprechende Äußere der extravagant luxuriösen Villa Kennedy.

Ein Ort, an dem Wünsche in Erfüllung gehen, und Träume wahr werden.

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27 Responses to Yours to keep

  1. Muriel sagt:

    @S.A. Mahr: Ich weiß nicht, ob du sie liest, aber falls du es getan hast, und dich jetzt fragst: Ja, natürlich hast du nicht unwesentlich zur Inspiration beigetragen.

  2. whynotveroni sagt:

    Sehr spannend! Aber da wuesste ich doch echt gern, woher und warum und was als naechstes passiert… Nagut, dann waere es wohl keine Kurzgeschichte. Ich wette, du weisst es selbst nicht. So. 🙂

  3. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Schön dass es dir gefällt und dass du Verständnis für die Zwänge des Formats hast.
    Auf die Gefahr hin, die literarische und dramaturgische Integrität meines Werkes zu zerstören, könnte ich mich aber vielleicht überreden lassen, noch etwas mehr dazu zu schreiben, falls wirklich Nachfrage besteht.

  4. Guinan sagt:

    Wie, du möchtest uns betteln lassen? Hm.
    Na gut: Bitte mehr davon.

  5. maxi sagt:

    Biss nach Frankfurt. Oder was will der Autor uns damit sagen? Die erste Hälfte fand ich noch sehr interessant und spannend (besonders der Dialog zu Nordkorea), der Schluss flachte dann leider ab.
    Ich hoffe, dich stört meine konstruktive Kritik nicht.

  6. Andi sagt:

    Also, ich möchte nicht wissen, wie es weitergeht. Aber nicht, weil mir die Geschichte nicht gefallen hätte, ganz im Gegenteil. Ich schrub ja schon per Mail, wie toll ich die fand.

  7. creezy sagt:

    Übrigens, wenn ich mal außerhalb der üblichen Reihe auf das Blogwichteln 2010 hinwiesen dürfte! 😉

  8. madove sagt:

    Hat mir sehr gefallen.
    Ich will auch mehr, aber lieber nicht, weil grade auch das Mehrwollenundnichtkriegen Teil des Vergnügens war.
    Ich mag Deine Art, einen immer für anderthalb Sätze in der Atmosphäre der Geschichte versinken zu lassen und dann mit einer dieser tendeziell ironischen Metabemerkungen wieder rauszuschütteln.
    (Bemerkung: Ich hab bisher keins Deiner anderen Werke gelesen, weil sichs irgendwie nicht ergeben hat, deshalb weiß ich nicht, inwiefern das generell Dein Stil ist oder nur hier. Ich hab aber auf jedenfalls Lust bekommen, ersteres zu ändern.)

  9. Muriel sagt:

    @Guinan: Danke. Manchmal tut das einfach gut.
    @maxi: Kritik ist mir immer willkommen, je ausführlicher, desto besser, aber auch so knappe Hinweise sind schon interessant.
    Aber wenn du mich noch einmal mit Stephenie Meyer vergleichst, wirst du gesperrt.
    @Andi: Vielen Dank!
    @Creezy: Du darfst. Aber du hättest wenigstens den Anstand haben können, meine Geschichte überschwänglich zu loben, wenn du hier schon völlig enthemmt dein eigenes Blog bewirbst. Du hättest sie dafür ja nicht mal wirklich lesen müssen…
    @madove: Vielen Dank!
    Falls meine Selbsteinschätzung dir da weiter hilft: Meine anderen Geschichten haben einen viel, viel, viel schwächeren (im Sinne von: zurückhaltenderen, weniger dominanten) Erzähler. Ich bin insofern nicht überzeugt, dass du aus den gleichen Gründen Freude daran hättest wie an dieser Geschichte.
    Trotzdem kann ich natürlich nicht anders, als dir die Lektüre dringend ans Herz zu legen.

  10. keoni sagt:

    Ich bekomme nie genug, ganz egal, was du schreibst. Hier würde mich aber zum Beispiel auch die Vorgeschichte interessieren. Sicher gibt es eine?

  11. Muriel sagt:

    @keoni: Danke, das freut mich!
    Ich glaube eigentlich auch, dass die Vorgeschichte mich zurzeit mehr interessiert als was danach kommt.
    Ich werde mal schauen, was sich ergibt.

  12. whynotveroni sagt:

    Was war denn mit der Fantasy-Geschichte…? *quengel* Du hast gesagt, dass du sie abaendern willst, verraetst du mir, wie? (Ich halte mich mit gezielten Fragen zurueck, will ja nicht spoilern…)

  13. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Was? Wie jetzt? Von welcher Geschichte reden wir?

  14. whynotveroni sagt:

    Du hattest irgendwann in Aussicht gestellt, nach der „Riesenmenge Geld“-Geschichte vielleicht Fantasy zu schreiben, und erwaehntest, dass ich von der Geschichte wuesste. Das laesst eigentlich nur eine zu… Oder ich bin vergesslicher als ich dachte. 🙂

  15. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Ach so… Ja, das ist kompliziert. Also, du hast Recht, es ist die Geschichte.
    Aber erstens weiß ich selbst noch nicht genau, was damit passieren würde (Sie würde jedenfalls länger und ausführlicher werden.), und zweitens neige ich zurzeit dazu, eine Auswahl zur Abstimmung zu stellen und die Leser entscheiden zu lassen, was ich schreibe.
    Ich bin noch nicht sicher, zwischen wie vielen und welchen Geschichten ich wählen lassen würde. Es schwankt immer ein bisschen damit, wie mutig ich mich gerade fühle.

  16. Muriel sagt:

    @madove: Danke!

  17. […] die Reaktion auf meine Frage, wer mehr über die Figuren aus meiner letzten Kurzgeschichte „Yours to keep“ wissen möchte, eher durchwachsen war, konnte ich doch nicht anders, als eine Vorgeschichte […]

  18. […] habe, aber jedenfalls habe ich für euch jetzt noch eine Vorgeschichte zur Vorgeschichte der Kurzgeschichte „Yours to keep“ geschrieben, diesmal ohne Daniel, aber dafür mit Kim […]

  19. […] anfangen wollt: Ich glaube, das ist keine so gute Idee. Hier hilft es wirklich, wenn man zumindest den ersten Teil kennt. Natürlich darf man auch den zweiten und den dritten lesen, aber das ist […]

  20. […] Auf Wunsch eines einzelnen Herrn hatte ich die Ehre, eine Figur aus einer seiner Geschichten skizzieren zu dürfen. Nun ist die Auswahl groß, aber am besten gefällt mir immer noch „Yours to keep“, und Sheila ist eine mir sehr… nun, ich würde nicht sagen, sympathische Figur, aber definitiv eine Herausforderung. Es blieb dann nicht beim bloßen Skizzieren, und das ganze Ding ist auch nicht so geworden, wie ich es gern gehabt hätte (ich fürchte, jetzt ist es eher ein Schock für den Autor), aber ich habe verdammt viel dabei gelernt (nützt euch mittelfristig auch was, versprochen). So, und bevor ich weiter selbstmitleidiges Künstlergeschwafel absondere, zum Bild (wir befinden uns übrigens am Ende des ersten Teils): […]

  21. Alexa sagt:

    Das ist jetzt erst die zweite Geschichte, die ich von dir lese, aber was mir wieder aufgefallen ist (also wie bei „Jenny“): Man fällt sofort in die Handlung hinein, versteht zuerst nicht, worum es geht, aber weiß gleichzeitig, dass es irgendwie spannend ist und man mehr wissen will. Und dann liest man weiter. Das finde ich schon mal sehr schön 🙂
    Was ich außerdem gelungen finde ist, wie zum Beispiel über den Bau einer Atombombe schreibst, über Uran, Plutonium oder Brennstäbe, dann wieder über Hole-in-one, ein bisschen über Politik usw. Worauf ich hinaus will: Du reicherst deine Story durch Hintergrundinformationen an, die man nicht kennen kann, wenn man sich selbst nicht informiert hat, und das wirkt wissend und seriös. Mag ich also auch 🙂
    Was mir auch noch gut gefallen hat ist, dass der Ring ganz am Anfang kurz erwähnt wird, man beachtet ihn beim Lesen kaum, dann ein zweites Mal, ein drittes Mal…und dann versteht man, wofür er da ist und dann kommt die Auflösung. Aber gut, wie er sich praktisch „durch die Geschichte zieht“.
    Was mir ein bisschen zu häufig vorkam war wie teuer das Auto und wie perfekt die Frau seien.
    Ich weiß jetzt auch, was du damit meinst, dass deine Dialoge häufig umgangssprachlich sind. War mir manchmal bisschen zu viel.
    Bei der Sache mit dem Erzähler bin ich mir noch nicht ganz sicher, ob ich es mag oder eher nicht (also reine Geschmackssache). Die Idee, dass man direkt angesprochen wird und Minuten überspringen kann, finde ich zwar nicht schlecht, man wird dadurch immer wieder in die Realität zurück geholt und verliert sich nie ganz in der Geschichte. Wenn das die Intention ist, dann ist es natürlich eine gut gewählte Strategie. Aber wie gesagt, ob ich sie für mich mag, weiß ich noch nicht genau, muss ich noch ein bisschen drüber nachdenken.

  22. Muriel sagt:

    @Alexa: Wow. Vielen Dank für den freundlichen Kommentar. Ich freue mich sehr.

    Was mir ein bisschen zu häufig vorkam war wie teuer das Auto und wie perfekt die Frau seien.

    Ja… Ich weiß auch im echten Leben oft nicht, wann ein Running Gag nicht mehr lustig ist. Genau genommen habe ich schon das Prinzip nie verstanden, dass ein Gag durch Wiederholung irgendwann weniger lustig werden könnte…

    Bei der Sache mit dem Erzähler bin ich mir noch nicht ganz sicher, ob ich es mag oder eher nicht (also reine Geschmackssache). Die Idee, dass man direkt angesprochen wird und Minuten überspringen kann, finde ich zwar nicht schlecht, man wird dadurch immer wieder in die Realität zurück geholt und verliert sich nie ganz in der Geschichte.

    Ja, da gibt es sone und solche. Ich persönlich mag es eigentlich, aber trotzdem ist es normalerweise nicht meine Art. Die anderen Geschichten von mir haben fast alle einen eher zurückhaltenden Erzähler, und fast immer einen POV-Charakter statt einer auktorialen Perspektive. Bei Yours to keep überkam es mich einfach irgendwie.

  23. […] erklärt: Falls ihr noch nicht habt, solltet ihr natürlich die Geschichte lesen, oder mindestens den ersten Teil. Denke ich jedenfalls. Wenn euch auch ohne sie zu kennen ein toller Titel einfällt, meinetwegen. […]

  24. […] jemand Lust auf Gebunden als Hörbuch? Ich hätte da schon mal das erste […]

  25. lesend sagt:

    Okay, nachdem du mir ein so tolles Feedback auf meine Kurzgeschichte gegeben hast, wuchs das Interesse für deine Texte natürlich. Ich habe noch nicht sehr viele Texte von dir gelesen, dafür habe ich mich mit diesem Text eine Zeit lang auseinandergesetzt. Bitte betrachte die folgenden Punkte einfach als Gedanken die mir während dem Lesen so eingefallen sind. Beherzige einige davon, ignoriere andere. Ich hoffe dir mit meinem Feedback ein wenig helfen zu können:

    „…dessen Ärmel er ständig zurückschieben muss, damit sie nicht seine Daumen begraben. “

    Das „damit sie nicht seine Daumen begraben, finde ich ein wenig überflüssig. Außerdem passt das Wort begraben in diesem Zusammenhang nicht wirklich.

    „heftet unser Blick sich“ da finde ich „heftet sich unser Blick“ ein wenig angenehmer zu lesen

    Ein Lob für die Beschreibung des Lächelns vom Fahrer. Ich kann mir sowohl das nervöse Grinsen gut vorstellen, als auch das eigenartige Lächeln von George W. Bush das später erwähnt wird.

    „und sogar für diesen merklich zu weit ist“ da hätte ich besser „groß“ benutzt. Ich finde ein Ring ist eher groß als weit.

    „…nach“ Es ist gut, dass die Nachrichtensendung mitten im Satz beginnt. Verpasst dem Ganzen mehr Authentizität.

    „Weil A.G. Bell ein dufter Typ war und das Telefon erfunden hat…“ dieser Ausdruck kommt mir zu künstlich vor. Eher etwas das man in einem Jugendbuch finden würde. Passt in den Dialog nicht so gut hinein.

    „Sie seufzt leise, und es ist ein Seufzen, mit dem sie viel Geld verdienen könnte, wenn sie auf diese Weise Geld verdienen wollte.“ Toller Satz! Man weiß sofort was gemeint ist. Die Wortwiederholung erscheint nicht störend, sondern so vertraut wie die Reime in einem Gedicht.

    „Ralf ist ein dicker junger Mann mit einer dicken Brille, einer dicken billigen Kunststoffjacke und dünnen fettigen Haaren, der neben einer Litfaßsäule im Nieselregeln steht (…)“ Um diesen Satz mal zu verkürzen: „Ralf ist ein dicker Junger Mann, der neben einer Litfaßsäule steht.“ Das kommt ein wenig so herüber als würde er dort immer stehen, als wäre er eine Person auf einem Gemälde. Ich hätte da einen Punkt eingefügt und im nächsten Satz erwähnt, dass er an einer Litfaßsäule steht/lehnt.

    „(…) lässt ihn das kein bisschen reif und männlich aussehen, sondern nur wie jemanden, der verzweifelt gerne reif und männlich aussehen möchte.“ Da fände ich „der verzweifelt gerne reif und männlich aussehen würde“ besser. Aber das ist nur eine wirklich kleine Kleinigkeit. Vielleicht einfach nur Geschmackssache.

    „ein Ausrufezeichen wäre einfach nicht genug glaubt mir“ Ich verstehe deinen Stil. Ich habe selber etliche male versucht so zu schreiben. Du machst das eigentlich eh ganz gut. Besonders das „Vorzüge auktorialer Vollmacht“ gefällt mir. Allerdings ist es sehr schwer sich bei so einem Stil mit der Zeit nicht zu verlieren oder den Leser in eine merkwürdige Stimmung zu versetzen. Am Anfang dachte ich zum Beispiel, dass die Geschichte von zwei Menschen handelte, die eine Art Geist waren und deshalb schweben und durch Autos fliegen konnten. Erst später wurde mir dann klar, dass das einfach nur der auktoriale Erzähler ist.
    Dieser Erzählstil ist auf keinen Fall schlecht, allerdings würde ich mir überlegen wo du ihn anwenden willst. Ich finde, dass der Stil bei dieser Geschichte nicht so wirklich hineinpasst. In einer satirischen Geschichte würde er vermutlich besser funktionieren. Terry Pratchet und Douglas Adams sind Meister auf diesem Gebiet. Der Roman Per Anhalter durch die Galaxis von Adams sagt dir bestimmt etwas. Der ganze besondere Erzählstil, die Momente in denen der Erzähler komplett aus der Rolle fällt, passen perfekt zum verrückten( aber manchmal auch philosophischen) Inhalt.

    Lösche diese Art von Erzählung auf keinen Fall aus deinem Repertoire aber überleg dir vielleicht ob sie für andere Geschichten nicht vielleicht besser geeignet wäre.

    Postskriptum: Welchen Beruf hast du eigentlich? Du betreibst diesen Blog ja mit unglaublichem Aufwand, man merkt, dass in jedem deiner Texte viel Aufwand steckt. Und auch weil du bereits ein Buch veröffentlicht hast, bin ich mir nahezu sicher, dass dein Beruf was mit Schreiben zu haben muss, oder nicht?
    So oder so; Respekt dafür wie regelmäßig du Texte schreibst und wie hochqualitativ alle davon sind.

    Für einen 15-jährigen Schüler wie mich, dessen große Leidenschaft bereits seit der Volksschule das Schreiben ist, ist soetwas natürlich unglaublich interessant. Ich hoffe du kannst mit meinem Feedback etwas anfangen.

    Liebe Grüße,

    -Nick

  26. Muriel sagt:

    Ohje, das tut mir leid!
    Als dein Kommentar kam, konnte ich ihn nicht gleich beantworten, und dann hab ichs vergessen.
    Entschuldige bitte!
    Also, ich freu mich sehr über dein Feedback und nehm das alles mit in die Überarbeitung der Geschichte, die sowieso gerade so vor Sicht hinläuft. Vielen Dank dafür! Ich kann auf jeden Fall etwas damit anfangen.
    Was meinen Beruf angeht: Du liegst zwar nicht völlig falsch, aber auch nicht so ganz richtig.
    Vielen Dank jedenfalls für den netten und konstruktiven Kommentar, und bitte verzeih mir die späte Antwort! Das soll eigentlich nicht zur Gewohnheit werden, aber ich war in letzter Zeit dann doch auf allen Ebenen sehr ausgelastet. Dürfte jetzt wieder besser werden.

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