Eine Riesenmenge Geld (16)

Kurz vor Mitternacht zählt ja wohl auch noch! Hauptsache Freitag, oder?

Ich habe ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans für euch, und ich wünsche euch viel Vergnügen und ein schönes Wochenende.

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir Konrad kennengelernt, einen Hamburger Anwalt, der von seiner Frau betrogen wird, und Tanja, eine SEK-Beamte in Düsseldorf, die perfekt einen wütenden Dobermann nachahmen kann.
Im zweiten Kapitel lernen Konrad und Tanja einander kennen und verabreden sich zum Essen.
Im dritten Kapitel essen sie miteinander und fahren zu Tanja nach Hause.
Konrad betritt im vierten Kapitel Tanjas Wohnung, und die beiden beschließen, Freunde zu sein. Am nächsten Tag ruft sie ihn an und bittet ihn, sie noch einmal zu besuchen.
Im fünften Kapitel hilft Konrad Tanja bei einer Konfirmationskarte und bekommt ein Buch geschenkt. Danach fährt er nach Hause und kocht für seine Frau.
Im sechsten Kapitel besucht Tanja die Konfirmationsfeier und schenkt ihrem Neffen das Leatherman Multitool, das ihr gar nicht gehört.
Konrad und Hanna sprechen im siebten Kapitel über ihre Ehe, und Hanna gesteht, dass sie schwanger ist.
Im achten Kapitel sanieren Hanna und Konrad ihre Beziehung, und Tanja hasst den Bus.
Im neunten Kapitel erfolgt der Zugriff, und Konrad stiehlt ein Speichermedium.
Im zehnten Kapitel besucht Tanja Konrad in seinem Hotel, und sie verbringen die Nacht miteinander. Platonisch natürlich.
Im elften Kapitel wird Konrad erst von einem sonderbaren kleinen Asiaten bedroht, und dann von Tanja. Im Aquazoo.
Tanja fährt nach Hamburg und lernt Hanna im zwölften Kapitel kennen.
Im 13. Kapitel wird Konrad entführt, und Hanna nimmt Tanja mit nach Hause.
Im 14. Kapitel wacht Konrad auf, und Tanja kauft Zigaretten. Sie raucht sie aber nicht.
Stattdessen spinnt sie im 15. Kapitel eine Intrige, und lernt Ossip kennen.

Was heute geschieht
Tanja

Ich zog mich hinter Ossip um. Ich wollte ihn nicht aus den Augen lassen, obwohl er behauptete, ohnehin das gleiche zu wollen wie ich. Seine Waffe steckte ich ein.

Ossip würde also mit mir in meinem Auto fahren. Wo er bloß einmal zur richtigen Zeit das Lenkrad verreißen musste, um uns beide umzubringen. Wo er allen möglichen Unsinn anstellen konnte, ohne dass ich ihn aufhalten konnte.

Andererseits konnte ich meiner Fantasie bei den Fesselvarianten völlig freien Lauf lassen. Ich musste mir keine Sorge um überambitionierte Verteidiger machen, die sich über Misshandlungen und Polizeiwillkür beschwerten. Wenn ich wollte, konnte ich ihn mit den Füßen nach oben an die Decke hängen. Nicht, dass das sinnvoll oder auch nur möglich gewesen wäre.

Hanna hatte sich glücklicherweise nicht in Ossips Nähe gewagt und war die ganze Zeit über in der Küche geblieben, wo sie wahrscheinlich darum betete, dass ihre Freundinnen nicht zu früh kamen. Wenn sie mein Gespräch mit ihm mitgehört hätte, hätte sie auch mit dem IQ einer durchschnittlichen Flechte erkennen müssen, dass mit mir etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. So wunderte sie sich nur ein bisschen, weil ich Ossip einfach so mitnahm, ohne Verstärkung anzufordern.

Ich beruhigte sie mit sinnlosem Gefasel von Geheimhaltung und Ermittlungstaktiken und entschuldigte mich mit falschem Mitgefühl für die Unannehmlichkeiten, während Ossip noch gefesselt auf seinem Stuhl saß. Dann stand ich ein paar Sekunden da und blickte stumm über sie hinweg. Die meisten Leute starren auf den Boden, wenn sie jemanden nicht ansehen wollen. Ich sehe einfach geradeaus. Schließlich holte ich tief Luft, senkte meinen Blick zu ihrem und sagte, was ich sagen musste, um mich wieder wie ein Mensch zu fühlen.

„Frau Jacobi“, begann ich, viel zu leise und mit belegter Stimme. Ich räusperte mich und fing neu an. „Frau Jacobi, was ich vorhin über Ihren Mann gesagt habe… Was ich… Also, das stimmt alles nicht. Es ist einfach nicht wahr. Er hat nie so etwas gesagt.“

Sie blickte zu mir auf, als verstünde sie kein Wort. Was wahrscheinlich auch stimmte. Aber ich hatte wirklich keine Lust, es näher zu erklären.

„Er steht zu Ihnen. Er ist Ihnen treu. Denken Sie mal drüber nach. Machen Sie’s gut.“

Ich wandte mich von ihr ab und verließ Konrads und ihr Zuhause. Hanna war viel zu verwirrt, um noch ein Wort zu sagen.

Ossips Hände ließ ich gefesselt, seinen Füßen ließ ich ein bisschen Spielraum, sodass ich ihn ziemlich problemlos von der Wohnungstür zum Lift und vom Lift zu meinem Auto führen konnte.

„Sie haben das Richtige getan, Tanja“, sagte er.

„Oh, meine Güte, jetzt fühle ich mich viel besser.“

Es sollte eigentlich spöttisch klingen. Tat es aber eigentlich nicht so richtig.

Ich befestigte ihn gut und sicher an seinem Sitz und nahm auf dem Fahrersitz Platz.

Ich sah ihn an, und er erwiderte meinen Blick.

„Was nun?“ fragte ich.

„Fahren Sie in Richtung Düsseldorf. Ich gebe Ihnen rechtzeitig weitere Anweisungen. Das Angebot mit den Zigaretten steht noch.“

„Erwähnen Sie die Zigaretten noch einmal, und ich…“ Ich konnte mich gerade noch rechtzeitig bremsen, bevor ich ihm mit etwas drohte, das ich dann doch nicht tun würde. „Werf sie aus dem Fenster“, beendete ich den Satz lahm.

„Ihre Entscheidung.“

Warum hatte ich schon wieder das Gefühl, dass ich verloren hatte? Ich spürte, wie meine Wangen heiß wurden und beschloss, nicht mehr mit ihm zu reden, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.

Ich nahm einen tiefen Atemzug und versuchte dann, möglichst leise und unauffällig wieder auszuatmen, damit er nicht merkte, dass ich Angst hatte. Ich hatte natürlich auch keine. Nicht so richtig. Ich schaltete das Radio ein und fuhr los.

Sicher können Sie es kaum glauben, wenn ich Ihnen sage, dass es eine sehr unangenehme Fahrt war. Ich hielt mich an meinen Vorsatz und sagte kein Wort. Es war ein furchtbar unangenehmes Schweigen, und ich war mir permanent der Präsenz dieses riesigen Kerls auf meinem Beifahrersitz bewusst, der mich die ganze Zeit anstarrte, können Sie sich das vorstellen? Es machte mich wahnsinnig.

Ich wollte eine Zigarette. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich den Mund öffnete, um sein Angebot anzunehmen. Aber ich tat es nicht. Ich weiß nicht mehr, wie oft ich meine Finger nach dem Blinkerhebel ausstreckte, um an einer Tankstelle zu halten. Aber ich tat es nicht. Ich ließ sogar die Finger von meinen Kaugummis.

„Das Furchtbare an der Sucht ist nicht, dass wir keine Wahl haben“, sagte er mit seiner monotonen Stimme nach ungefähr drei Stunden. Trotz allem war ich richtig erleichtert, dass die Stille jetzt endete. „Das Furchtbare ist, dass wir uns in jedem Augenblick neu entscheiden müssen, zu widerstehen. Keiner dieser Augenblicke ist ein Erfolg, für keinen dieser Augenblicke erfahren wir Anerkennung. Und wenn wir ein einziges Mal unter den Millionen von Augenblicken eine andere Entscheidung treffen, dann haben wir verloren. Das Furchtbare ist, dass wir doch die Wahl haben.“

„Eine gute Fee und ein Philosoph.“

Die spöttische Bemerkung kam reflexartig. Seine Worte trafen. Ich weiß nicht, ob es allen so geht, aber ich erkannte mich wieder in dem, was er sagte. Ich dachte an die letzten drei Stunden, die ich damit zugebracht hatte, mir vernünftige Gründe zu überlegen, aus denen es ein Fehler wäre, eine Zigarette zu rauchen.

„Furchtbar ist auch, dass es nicht schadet, einmal nachzugeben.“ Als könnte er Gedanken lesen. „Wir wissen, dass eine einzige Zigarette nicht schaden wird. Genauso wenig wie die zweite. Nur eine, sagen wir uns, warum nicht? Nur eine Zigarette, nur ein Glas, nur eine Tablette, dann wird es uns besser gehen. Und eine schadet nicht.“

„Was soll das werden, hm?“ fragte ich ihn.

Er antwortete nicht. Er sagte gar nichts mehr. Er hatte mir etwas zum Nachdenken gegeben für die Zeit, bis er das nächste Mal sprach. Und er hatte ziemlich ins Schwarze getroffen, fand ich. Ich weiß natürlich nicht, wie es Leuten mit ernsthaften Suchtproblemen geht.

Für die ist das sicher schwieriger. Ich weiß das, weil ich ziemlich viele von denen festgenommen habe, und manche waren in einem ekligen Zustand. Ich habe nie irgendwelche harten Drogen ausprobiert und habe das auch nicht vor – die Welt, wie sie ist gefällt mir ganz gut, jedenfalls brauche ich nicht unbedingt riesige violette Würmer, die aus meiner Spüle kriechen. Nikotin erzeugt angeblich auch körperliche Abhängigkeit, aber bei mir ist das Problem eindeutig die psychische Geschichte. Vielleicht, weil ich nicht so lange geraucht habe.

Ich habe nach dem Aufhören nie unter Übelkeit oder Schwindel gelitten oder sonst was. Aber die Versuchung war immer da. Sie ist ganz leise und ganz schwach, aber sie ist eben immer da. Wenn Sie selbst nicht rauchen, kennen Sie das vielleicht von Schokolade. Natürlich kommt man ohne aus. Aber man will das gar nicht unbedingt, und es ist ja auch gar nicht so ungesund, und es ist nur das eine Mal, und nur ein kleines Stück.

„Diese Ausfahrt“, sagte Ossip.

Ich fuhr von der Autobahn ab.

„Rechts.“

„Was hat Ihr Partner vor? Was haben Sie vor?“ fragte ich.

„Er wartet auf Sie, damit Sie ihm sagen können, wo der Stick ist.“

„Wie viele von Ihnen sind dort?“

„Nur er“, antwortete Ossip.

„Nur einer?“ Ich lächelte, mehr um mich selbst zu ermutigen, als um ihn zu beeindrucken. Die Hoffnung hatte ich begraben. „Das schaffe ich.“

„Wir wussten, dass Sie das glauben würden, Tanja.“

Hatte er mich gewinnen lassen? Ich bin nicht sicher, wo der Gedanke herkam, aber er war da, und er gefiel mir nicht. Hatte Ossip unseren Kampf mit Absicht verloren? Hatte er von Anfang an die Absicht gehabt, von mir gefangen genommen zu werden, um mich dann hierher zu führen? Es schien mir zu passen, auch wenn ich mir keinen Grund vorstellen konnte, aus dem es für irgendwen von Vorteil war, wenn ich frei und bewaffnet zu Ossips Partner kam statt bewusstlos und gefesselt.

Nur, dass ich mir keinen Grund vorstellen konnte, hieß nicht, dass es keinen gab. Das Spiel, in das ich eingestiegen war, schien mir stetig komplizierter zu werden, und ich war nie gut in komplizierten Spielen. Eigentlich war ich nie besonders gut in irgendwelchen Spielen.

Außer Basketball natürlich.

Zum ersten Mal dachte ich ernsthaft darüber nach, auszusteigen. Einfach alles zu vergessen, Ossip festzunehmen und zur nächsten Polizeidienststelle zu bringen, mir irgendeine plausible Geschichte für meine Vorgesetzten auszudenken, mich disziplinieren zu lassen und einfach weiter zu machen wie bisher.

Ich fühlte mich nicht wohl bei dem, was ich tat. Ich fühlte mich unzulänglich. Schlecht. Dumm. Alle anderen hier (das heißt natürlich eigentlich nur Ossip und sein Partner) schienen zu wissen, was sie taten. Ich hatte überhaupt keine Ahnung und stolperte durch die Dunkelheit.

Ich fühlte mich ein bisschen wie früher in der Schule. Meine Leistungskurse waren Sport, natürlich, und Englisch, weil das vom Sportlehrer unterrichtet wurde. In den beiden Fächern kam ich also ganz gut zurecht. Vielen Dank noch mal, Herr Hubert, ich verdanke Ihnen mein Abitur. Nicht, dass es mir viel genützt hätte.

Die anderen Fächer waren alle mehr oder weniger furchtbar. Am furchtbarsten war Deutsch. Bei Frau Wesselow. Einmal in jeder Stunde nahm sie mich dran, einfach nur, weil sie mich hasste, glaube ich. Das lief dann immer gleich ab. Sie fragte irgendwas, so eine typische dumme Deutschlehrerfrage wie:

„Was könnte Keller damit meinen?“

Ich starrte viel zu lange auf mein Heft, als könnte da irgendwo die Antwort stehen, bis ich es schließlich nicht mehr aushielt und irgendeinen Unsinn sagte. Zum Beispiel:

„Vielleicht will er zeigen, dass Julia ihn wirklich liebt?“

Sie sah mich dann eine Weile nachdenklich an, als würde sie sich fragen, ob es sich noch lohnt, es auch nur zu versuchen. Schließlich seufzte sie dann und fragte so was wie:

„Meinen Sie das wirklich, Frau Berger?“ Sie redete uns alle immer mit Nachnamen an. „Passt das denn zu dem Kontext? Und zu Fluckners Interpretation, über die wir letzte Woche gesprochen haben?“

Ich zögerte ein bisschen, als könnte ich irgendjemandem vormachen, dass ich mich erinnern könnte und ernsthaft überlegen würde, bevor ich dann natürlich antwortete:

„Nein, ich glaube nicht?“

Meistens seufzte Frau Wesselow dann und fragte jemand anders. Wenn sie richtig gut drauf war, versuchte sie es noch mal bei mir.

„Dann überlegen Sie doch noch mal richtig, hm?“ sagte sie dann.

Meistens zuckte ich dann einfach die Schultern, manchmal versuchte ich es noch mal, und einmal hab ich ihr den Finger gezeigt und bin gegangen. Das war kurz nachdem mein Vater gestorben war, deswegen hat es mir niemand so richtig übel genommen.

Aber wahrscheinlich wissen Sie schon gar nicht mehr, warum ich Ihnen das alles erzähle. Ich fühlte mich in meinem Auto neben Ossip jedenfalls genauso unterlegen und ratlos wie in Frau Wesselows Unterricht. Sie hat mir übrigens fünf Punkte gegeben. Weil ich mich wenigstens bemüht hätte, hat sie gesagt.

Ich hatte eigentlich nie das Gefühl, mich bemüht zu haben, aber sie meinte wahrscheinlich, dass ich nicht völlig aufgegeben habe. Dass ich immer noch geantwortet habe, wenn sie mit mir sprach. Weil ich einfach nicht gern aufgebe.

Und irgendwie ahnen Sie wahrscheinlich schon, dass ich auch die Sache mit dem Stick nicht aufgegeben habe.

„Da vorne biegen Sie links ab.“

Er führte mich in ein verlassenes Industriegebiet. Eine perfekte Umgebung, um jemanden gefangen zu halten und zu foltern. Aber für mich war es so natürlich auch einfacher als wenn ich in die Präsidentensuite des Radisson Plaza hätte einbrechen müssen.

„Rechts, und dort hinten noch einmal.“

Es war dunkel und ziemlich bedeckt, deshalb konnte ich nicht sehr viel erkennen, aber soweit ich das sehen konnte, sah unsere Umgebung aus, als hätten sie hier die Eröffnungsszene zu Terminator 2 gedreht. Trümmer, Schutt, Reste von Fabrik- und Lagerhallen, riesige Kriegsmaschinen, Zäune und verfallene Betonmauern, hier und da noch ein halbwegs intaktes Gebäude, das einsam und traurig inmitten seiner gefallenen Kameraden herumstand.

„Dieses Grundstück ist es“, sagte Ossips monotoner Bass. „Ich werde Ihnen nicht sagen, wo Sie am besten halten, Sie werden mir ohnehin nicht glauben.“

Nicht, dass man hier mit Sicherheit hätte erkennen können, wo ein Grundstück aufhörte und ein anderes anfing.

„Welches Gebäude?“ fragte ich, ohne so recht zu wissen, was ich mit seiner Antwort anfangen würde, falls er eine geben sollte.

„Sie können es von hier aus nicht sehen, aber wenn Sie über diesen Zaun klettern und dann geradeaus gehen, erreichen Sie es nach ungefähr fünfhundert Metern. Achten Sie auf den Stacheldraht, und worauf Sie unterwegs treten. Es sind oft die kleinen, trivialen Dinge, die uns zu Fall bringen.“

Worauf ich trete. Ich dachte kurz an Minen und vergleichbare Gemeinheiten, verwarf das aber schnell wieder. Ossips Partner wollte mich lebend. Ein beruhigender Gedanke übrigens. Bei den meisten Einsatzlagen sind wir die einzigen, die irgendwie Wert darauf legen, dass jemand überlebt.

„Keine Sorge, ich komme zurecht“, antwortete ich.

Wir hatten zwei oder drei Mal auf so einem Gelände trainiert. Vielleicht war das sogar hier in der Nähe gewesen. Ich schaue nur selten aus dem Fenster, wenn ich nicht selbst fahre. Meistens lese ich, wenn nicht einer von den anderen versucht, mit mir zu flirten.

Man musste wirklich höllisch aufpassen, weil da überall Löcher im Boden waren, in denen man sich Knöchel verstauchen oder brechen konnte, und natürlich Trümmer und Steine und Stacheldraht und Terminatoren rostige Nägel – Sie verstehen schon.

„In dem Gebäude werden Sie nicht lange suchen müssen. Es gibt dort nicht viele Verstecke.“

Ich fuhr noch knapp hundert Meter weiter, einfach um nicht genau dort zu halten, wo Ossip es mir gesagt hatte, bevor ich an den Straßenrand fuhr und den Motor abstellte. Sicher nicht der absolute Höhepunkt an Kriegslist, aber mir war ohnehin ziemlich klar, dass ich dieses Spiel nicht aufgrund meines überlegenen Verstandes gewinnen würde.

Ich befasste mich nicht lange mit diesem Gedanken, weil er mich daran erinnerte, dass ich eigentlich keine Ahnung hatte, wie ich dieses Spiel überhaupt gewinnen konnte. Aber ich dachte eben, ich würde es irgendwie schaffen. Musste etwas mit demselben Grund zu tun haben, aus dem immer wieder irgendwelche durchgeknallten Crackjunkies glauben, es wäre eine tolle Idee, sich gegen unseren Zugriff wehren zu müssen. Menschen haben Probleme, einzusehen, wenn sie verloren haben.

„Und jetzt steigen wir aus.“

Ich stieg aus der Fahrertür und sah mich um, was natürlich völlig sinnlos war, denn es war mitten in der Nacht und stockdunkel. Es war außerdem ziemlich windig, aber erstens war ich nie besonders kälteempfindlich, und zweitens war mir in diesem Moment kaum etwas so egal wie das Wetter.

Ich lief um den Wagen herum und öffnete Ossips Tür. Ich zog meinen Leatherman aus seiner Tasche an meinem Gürtel und löste die Kunststoffbänder, ihn an mein Auto fesselten. Dann trat ich drei Schritte zurück.

„Sie schaffen das doch sicher alleine.“

Wenn er noch irgendwelche Kunststückchen versuchen würde, dann jetzt. Aber er versuchte keine. Er kletterte ein wenig umständlich aus dem Wagen und sah mich an, genauso ausdruckslos und unbeteiligt wie immer.

„Umdrehen.“

Er drehte sich um, sodass er mir seinen breiten Rücken zuwandte.

Ich trat hinter ihn und durchschnitt seine Handfesseln. Dann trat ich schnell wieder drei Schritte zurück.

„Gut so, jetzt können Sie mich wieder ansehen.“

„Warum befreien Sie mich?“ fragte er.

Er sah mich mit seinem reglosen Betongesicht an. Ich glaube, er wusste genau, warum. Er wollte es mir nur schwerer machen. Konnte ich ihm nicht übel nehmen. Obwohl es so schon schwer genug war.

„Weil das mit der Notwehr viel besser kommt, wenn Sie nicht gefesselt sind“, antwortete ich.

Ich hob seine Makarov mit dem aufgeschraubten Schalldämpfer und richtete sie auf ihn. Pistolen sind schwieriger zu handhaben, als die einschlägigen Filme uns einreden, und der Schalldämpfer machte die Sache nicht besser, aber ich hatte keine Lust, ihn abzuschrauben. Auf diese Entfernung würde ich zweifellos treffen. Natürlich würde ich nur auf seine Beine schießen damit er keinen Unsinn mehr machen konnte. Stirnbein, Nasenbein, Schläfenbein, Jochbein, haha. Ich konnte schon nicht drüber lachen, als ich es zum ersten Mal hörte.

Ich entsicherte die Makarov und zielte auf seine Nase. Und ich konnte es nicht.

Super.

Ich hätte schreien können. Ich wollte ihn ja umbringen, aber ich konnte es einfach nicht. Ich war also nicht nur ein schlechter Mensch, sondern außerdem noch unfähig. Für die Welt war das möglicherweise besser so, aber für mich nicht so sehr. Ich war froh, dass ich genug Einwegfesseln eingepackt hatte.

„Vergessen Sie‘s“, stöhnte ich, „Planänderung, zurück ins Auto.“

Ossip nickte und öffnete seinen schmallippigen Mund ein kleines Stück.

„Wenn Sie wissen, wie kurz ich davor war“, sagte ich, „Dann ist Ihnen klar, dass jedes Wort von Ihnen mir den Anstoß liefern könnte, den ich brauche. Also bitte, bitte, bitte, bitte, mit viel Puderzucker, sagen Sie irgendwas Cleveres, ja? Versuchen Sie, mich zu belehren, geben sie mir noch eine letzte Weisheit mit auf den Weg, bitte, ich werd’s Ihnen nie vergessen!“

Ossips kantiger Mund schloss sich wieder, und ich hatte das tröstliche Gefühl, ein einziges Mal ein Gespräch mit ihm dominiert zu haben.

Lesegruppenfragen

  1. Hättet ihr Ossip erschossen? Hättet ihr es gewollt?
  2. Findet ihr, dass die kleine Reminiszenz aus dem Deutschunterricht da reinpasst, oder stört die? Keoni und ich sind uns völlig unsicher.
  3. Und was haltet ihr von den beiden mickrigen Terminator-Scherzen? Keoni fand sie zu mickrig, aber ich mag sie irgendwie.
  4. Hättet ihr gerne genauer gewusst, wie sie ihn gefesselt hat? Ich habe überlegt, mir damit mehr Mühe zu geben, fand es dann aber doch eher unnütz.
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9 Responses to Eine Riesenmenge Geld (16)

  1. Guinan sagt:

    Wenn du jetzt noch die Blogzeit auf Winter umstellst, dann passt es auch mit dem Freitag.
    Außerdem wären da denn noch zwei Schlüssel zu entfernen. Das war’s aber auch schon mit der Nörgelei.;)

    1. Gewollt ja, ausführlich ausgemalt, getan nicht. Erstens reicht es mir, Aggressionen in Gedanken auszuleben, zweitens wird er für den Fortgang der Geschichte noch gebraucht.
    2. Ich habe gerne Hintergrundwissen. Es interessiert mich, wie die Leute zu dem geworden sind, was sie sind, daher finde ich die Passage gut.
    3. Sehe ich wie Keoni. Die Kriegsmaschinen gehen ja noch, aber Terminatoren im Boden, ah nee. Den Witz mit den Beinen finde ich auch nicht wesentlich besser. Und der letzte Monolog von Tanja ist – B-Movie.
    4. Muss nicht sein, ist für die Geschichte überflüssig. Im letzten Teil hast du genug erklärt, dass man es sich auch so vorstellen kann.

  2. whynotveroni sagt:

    1. Noe, ich mag den 🙂

    2. Find ich super. Ich versteh dann richtig, warum Tanja da steht wo sie halt steht…

    3. Mag ich auch.

    4. Ja. Das ist so irgendwie oberflaechlich.

    5. Ich versteh nicht, warum sie so gut mitspielt, wo sie doch sonst so trotzig ist. Und besonders vorsichtig ist das auch nicht, da jetzt mitten rein zu tappen. Aber gut, Tanja ist ja auch eher direkt und weniger die Strategin, also passt es wohl.

  3. Muriel sagt:

    @Guinan: Vielen Dank, das mit der Winterzeit hatte ich ganz vergessen!
    Und die Schlüssel korrigiere ich auch, obwohl ich jetzt schon wieder fast bereue, die nicht von vornherein gelassen zu haben.
    3. Natürlich ist er das. Ist das schlecht?
    Na gut.
    Ich denke noch mal drüber nach.
    @whynotveroni: 3. Danke. Du bist eine wahre Freundin.
    5. So ungefähr sehe ich das auch…

  4. Günther sagt:

    1. Nein. Ich find ihn auch irgendwie noch sympathisch. Außerdem ist Menschen umbringen nicht so mein Stil.

    2. Mir gefällt es eigentlich auch ganz gut. Passt sehr gut zu Tanja, illustriert ihre Unangepasstheit und ihr Gefühl, schwierige Aufgaben eher durch Härte und Durchhaltevermögen als durch Intellekt lösen zu können.

    3. Nicht so ganz mein Fall. Wenn überhaupt noch die Kriegsmaschinen am Anfang. Ich kann mich Allgemein noch nicht mit diesem Durchstreichen als Stilelement in einer Geschichte anfreunden. Das finde ich in Blogeinträgen deutlich besser aufgehoben.

    4. Dann das Seil dreimal um das Rechte Bein, zweimal ums linke und dann quer über die rechte Schulter? Nein danke, unter gefesselt kann ich mir gut was vorstellen 😉

  5. Andi sagt:

    1. Ey, Ossip ist ne coole Sau. Den bringt man nicht um. 🙂
    Ich glaub, für einen Mord wär ich auch einfach zu weich. Und dann wieder zu sehr Perfektionist. Ich würde ja den perfekten Mord planen wollen. Will ja nicht erwischt werden. Und dann so einfach jemanden erschießen, passt nicht in meinen Plan.
    Und bevor das falsch aufgefasst wird: ich hab nicht im Entferntesten vor, jemanden zu ermorden. 🙂

    2. Ich schließ mich den anderen da gerne ein. Solche Einflechtungen gefallen mir in der Regel gut.

    3. Ich fürchte, ich hab die Witze nichtmal als Witze erkannt. Aber das liegt nur an mir. Ausschließlich. Du warst ganz toll, Muriel.

    4. Na, gefesselt ist gefesselt. Mehr muss ich nicht wissen.

  6. madove sagt:

    1. Ich glaube nicht, daß ich es könnte, und ich glaube auch nicht, daß ich es (ohne mehrjährige „Schulung“) auch nur wollen könnte. Außerdem ist Ossip mir viel zu sympathisch, aber das ist für Tanja vielleicht anders…

    2. Ich mag diese Art von Einschüben eigentlich besonders, weil sie einem die Personen näher bringen.

    3. Ich habe nur den zweiten bemerkt, aber nicht verstanden, aber ich kenne ja auch Terminator nicht übers Hörensagen hinaus…

    4. Hab ich nicht vermisst.

    5. Ich mache mir so Sorgen um Konrad, die ganze Zeit!

  7. Muriel sagt:

    @Andi: 1. Du würdest uns auch vorher Bescheid sagen, oder?
    3. So ist gut.
    @madove: 1. Anscheinend hat hier niemand so richtig den Mumm für sowas. Aber mich Weichei nennen. (Nicht du. Andere Leute hier…)
    3. Die Serie ist wirklich sehenswert. Finde ich.
    5. Es geht ihm den Umständen entsprechend gut.

  8. Guinan sagt:

    „Andere Leute hier…“
    Ah, ein richtig wunder Punkt. Guuuut zu wissen. *genüsslich das Messer in der Wunde dreht*

  9. Muriel sagt:

    @Guinan: Pfff!

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