Hier, hier, ich weiß was!

16. November 2010

Dies ist eigentlich nur ein viel zu langes Vorwort, das man genauso gut überspringen kann: Gerade habe ich eine Nonprophets-Episode gehört, in der Matt und Jeff sich lange und ausführlich streiten, weil Matt findet, dass es genausoviele Belege für wie gegen ein Leben nach dem Tod gibt, nämlich gar keine, während Jeff findet, dass durchaus Belege dagegen existieren. (Hinweis: Beide sind sich natürlich einig, dass es nicht rational zu rechtfertigen ist, an ein Leben nach dem Tod zu glauben.)

Es war sehr frustrierend, das zu hören, weil Jeff Recht hatte, aber keine guten Argumente, wohingegen Matt sehr schlüssig argumentiert hat, was aber nichts daran ändert, dass er sich irrt.

Ich hätte deshalb gerne eine Mail an die Nonprophets geschrieben, zumal Matt selten genug so daneben liegt, aber weil die fragliche Folge schon ein paar Jahre alt ist, käme ich mir dabei ziemlich doof vor, deswegen behellige ich nun stattdessen euch mit meinen Überlegungen dazu.

Dieser Artikel ist nicht dafür gedacht, Gläubige zu überzeugen. Falls ihr an ein Leben nach dem Tod glaubt, seid ihr natürlich trotzdem sehr herzlich eingeladen, zu kommentieren, und falls ich euch unvorstellbarerweise versehentlich überzeugen sollte, freue ich mich riesig, aber eigentlich geht es mir nur darum, in einer völlig nebensächlichen nerdigen skeptikerinternen Begriffs- und Methodenfrage Stellung zu beziehen.

Jetzt beginnt der eigentliche Inhalt dieses Beitrags: Natürlich kann man streng genommen nicht beweisen, dass es kein  Leben nach dem Tod gibt, genauso, wie es keine Beweise gegen die Existenz von Kobolden oder Fleckenzwegen geben kann. Die Abwesenheit von Belegen ist kein strikter Beleg für Abwesenheit, und wenn etwas nicht existiert, dann kann man für diese Nichtexistenz logischerweise auch keine direkten Belege finden.

Dennoch überspannt man die Anforderungen an eine rationale Beweisführung, wenn man daraus den Schluss zieht, es gäbe keine Belege für oder gegen solche übernatürlichen Behauptungen. In meinen Augen gibt es zwei Hauptgründe, aus denen ich Jeff zustimme, dass es Belege gibt, die gegen ein Leben nach dem Tod sprechen. Die Argumentation lässt sich übrigens sinngemäß auf so ziemlich jeden anderen übernatürlichen Stuss übertragen, finde ich.

Erstens wird die Abwesenheit von Belegen irgendwann doch zum Beleg für Abwesenheit, nämlich dann, wenn ich vernünftigerweise Belege erwarten müsste, wenn eine Behauptung zutrifft. Beispiel: Wenn mir ein Bekannter sagt, er hätte eine Katze in seiner Wohnung, spricht erst einmal nichts dagegen, ihm das zu glauben. (Weil ich Leute kenne, die Katzen halten, weil ich schon mehrere Katzen gesehen habe und die Existenz von Katzen mit unseren naturwissenschaftlichen Erkenntnissen vereinbar ist, im Gegensatz zu allen übernatürlichen Behauptungen, aber das nur der Vollständigkeit halber.) Wenn ich dann in seine Wohnung komme und weder Futter, noch Wasser, noch eine Toilette für die Katze sehe, und auch keine Katzenhaare, dann werde ich vielleicht skeptisch. Natürlich könnte er das alles samt Katze noch in einem Raum haben, in dem ich noch nicht war. Wenn ich aber seine ganze Wohnung durchsucht und immer noch keine Indizien für die Anwesenheit seiner Katze gefunden habe, dann kommt vielleicht irgendwann der Zeitpunkt, an dem ich seine Behauptung für widerlegt halte, dass er eine Katze in seiner Wohnung hat. Ich habe dann ganz, ganz streng genommen keinen Beweis gegen die Existenz seiner Katze, aber ich fände es abwegig, in diesem Fall zu behaupten, ich hätte weder dafür noch dagegen irgendwelche Belege. Je nachdem, über welche Form von Leben nach dem Tod wir reden, ist dieses Argument das schwächere von beiden, oder sogar völlig nutzlos. Es gibt nämlich Formen, bei denen wir keine Belege erwarten dürften. Dazu gehört nach meinem Verständnis zum Beispiel das islamische Paradies, weil kein Informationsfluss von den Seligen zurück zu den Lebendigen stattfindet. Viele Reinkarnationsbehauptungen hingegen lassen sich nach meinem Verständnis mit diesem Argument erschüttern.

Zweitens – und das ist die Hauptsache – können wir die beiden Thesen nicht isoliert betrachten, sondern müssen sie im Kontext des Standes der Wissenschaft sehen. Wir haben keine vollständige Theorie, wie unser Bewusstsein und unser Gehirn funktionieren, aber wir haben ein grundlegendes Verständnis, und wir wissen bestimmte Dinge, wie zum Beispiel, dass unser Bewusstsein aus der Wechselwirkung der Zellen unseres Gehirns entsteht. Zahlreiche empirische Erkenntnisse unterstützen diese Annahme. Zum Beispiel wissen wir, dass Eingriffe (ob durch Operation oder Unfall) in das Gehirn unser Bewusstsein verändern, und dass Prozesse unseres Bewusstseins sich auch in physischen Veränderungen des Gehirns wiederspiegeln. Wir wissen darüber hinaus, das mit dem Tod unseres Körpers sämtliche Prozesse im Gehirn enden, keinerlei Aktivität mehr stattfindet und die Zellen sehr schnell beginnen, zu zerfallen. All das sind in meinen Augen starke Indizien dafür, dass unser Bewusstsein eine Funktion unseres Gehirns ist und endet, wenn unser Gehirn seinen Funktionen einstellt.

Ich behaupte nicht, dass damit eindeutig bewiesen wäre, dass es kein Leben nach dem Tod gibt. Ich behaupte nur, dass alles, was wir bisher herausgefunden haben, dagegen spricht, dass ein Bewusstsein ohne ein Gehirn existieren kann, oder dass unser Bewusstsein von einer nichtkörperlichen Komponente beeinflusst wird.

Im Gegenzug bin ich übrigens auch bereit, zuzugestehen, dass es einige (sehr schwache) Indizien gibt, die in die andere Richtung deuten könnten. Die berühmten Nahtoderfahrungen zum Beispiel, oder bestimmte Berichte über angebliche Erinnerungen an frühere Leben. Allerdings lassen die sich meines Wissens alle sehr gut durch rein physische Prozesse (und teilweise auch durch schlichte Betrugsabsicht) erklären.

Meiner Meinung nach ließe sich der derzeitige Stand deshalb am ehesten so beschreiben: Es gibt wenige sehr, sehr schwache Indizien für ein Leben nach dem Tod. Und es gibt sehr, sehr starke Indizien dafür, dass alles, was uns ausmacht, mit dem Tod unseres Körpers endet.

Das finde ich übrigens nicht schön. Ich bin emphatisch dagegen, dass das so ist. Aber meine Meinung hat leider keinen Einfluss auf die Wirklichkeit.


When the game of life makes you feel like quittin‘

16. November 2010
Für alle, die mein letzter Beitrag in tiefe Verzweiflung gestürzt hat, hat der fantastische Stephen Lynch eine Lösung:
Man kann auch ganze Alben von ihm kaufen. Und man sollte. Ihr wisst schon, wo.

Weniger ist natürlich niemals mehr. Lasst euch nichts einreden.

14. November 2010

Nur, damit ihr euch keine Sorgen macht: In Zukunft werde ich nicht mehr so regelmäßig hier schreiben, wie ihr das von mir gewohnt seid. Ich weiß noch nicht genau, wie, aber jedenfalls solltet ihr euch nichts dabei denken, wenn phasenweise auch mal eine oder zwei Wochen lang Ruhe herrscht.

Dafür gibt es keine äußere Ursache, glaube ich. Es ist eher so, dass ich das Gefühl habe, inzwischen zu so ziemlich jedem Thema meine Meinung gesagt zu haben, und dass mein Bedürfnis ein bisschen nachgelassen hat, meine Gedanken zu veröffentlichen.

Der Fortsetzungsroman wird natürlich trotzdem weiter jeden Freitag erscheinen, und ich denke, dass es auch einen neuen geben wird, wenn dieser hier zu Ende ist, falls ihr das dann noch wollt. Was das Restebloggen angeht, rechne ich zurzeit damit, dass ich das auch weiterführen werde, aber auch nicht mehr so regelmäßig wie bisher. Alles andere werden wir sehen, und ich würde mich auch nicht wundern, wenn sich über kurz oder lang herausstellt, dass sich vielleicht doch kaum was geändert hat.

Ich hoffe, dass meine neue Unzuverlässigkeit für euch kein Problem ist und dass ihr mich trotzdem weiterhin zahlreich und fundiert wissen lasst, was ihr von meinen Beiträgen haltet.

So. Das war eigentlich alles. Danke und weiterhin viel Spaß!


Eine Riesenmenge Geld (14)

12. November 2010

Ich freue mich, auch heute wieder ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans für euch zu haben, und ich hoffe, ihr freut euch auch.

Viel Vergnügen, und schönes Wochenende!

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Quasireligiöses Gedankenkonvolut

11. November 2010

Ich führe gerade wieder eine längliche Diskussion über Religion, ausgehend von meiner These, dass ich die strikte Trennung von Staat und Religion für einen Fehler hielte, wenn die Behauptungen einer Religion wahr wären. Die Diskussion hat uns bisher nicht sehr weit gebracht, aber immerhin hat sie mich zu weiteren Überlegungen inspiriert:

Ich finde es sonderbar, dass religiöse Menschen sich (in der Regel) im Alltag nicht viel anders verhalten als areligiöse Menschen, obwohl ihre Weltsicht auf völlig unterschiedliche Annahmen stützt.

Wenn ich eine Religion als wahr akzeptieren würde, würde das mein gesamtes Weltbild umwerfen und meine Prioritäten vollkommen umstellen. Ich möchte das gerne am Beispiel des Lebens nach dem Tod illustrieren, weil es erstens für mich wahrscheinlich der wichtigste Aspekt einer Religion wäre, und zweitens, weil es meines Wissens auf fast alle bedeutenden Religionen mutatis mutandis passt.

Der Glaube an ein Leben nach dem Tod, würde für mich den Wert dieses Lebens drastisch verändern. Es wäre dann nicht mehr meine einzige Chance und alles, was ich habe, sondern nur noch eine Art Filter, der die Leute aussortiert, die keine ewige Glückseligkeit verdient haben.

Wenn ich der Meinung wäre, dass man einen Menschen lediglich in das nächste Leben verfrachtet, wenn man ihn tötet, würde die Bewertung der Tat plötzlich vor allem davon abhängen, was das Opfer dort erwartet. Warum sollte jemand dafür bestraft werden, dass er einem anderen in den Himmel geholfen hat? Und umgekehrt: Welche Strafe könnte jemals ausreichen für einen Menschen, der einem anderen die Chance genommen hat, ewiger Qual in der Hölle zu entgehen?

Die Todesstrafe wäre plötzlich, je nach der Religion des Delinquenten, endlos viel härter oder endlos viel milder als eine lebenslange Freiheitsstrafe. Für manche wäre sie in gewisser Weise überhaupt keine Strafe, sondern eher eine Belohnung.

Trotzdem stimmen die meisten Gläubigen erstaunlicherweise mit uns Atheisten überein, dass Mord eine sehr, sehr schlimme Sache ist, und auch ansonsten sind wir uns in den Grundzügen unserer moralischen Urteile doch überraschend oft einig.

Ich vermute, dass das im Wesentlichen an zwei Gründen liegt: Erstens habe ich den Eindruck, dass viele nominell religiöse Menschen gar nicht so richtig ernsthaft glauben. Sie finden es zwar irgendwie gut, sich Christen zu nennen und Gottesdienste zu besuchen, aber im Grund ihres Herzens können sie nicht anders, als die Realität zu akzeptieren, die sie Tag für Tag erleben.

Zweitens – und das ist wahrscheinlich der wirklich entscheidende Punkt – habe ich in meinem Gedankenexperiment für mich eine ziemlich ungewöhnliche Variante von Religiosität gewählt: Ich habe unterstellt, dass ich zwar die Tatsachenbehauptungen einer Religion akzeptiere, aber nicht die zugehörigen Werturteile. Ich würde also zum Beispiel glauben, dass Gott die Welt erschaffen hat, und dass er uns nach dem Tod belohnt oder bestraft, aber er wäre trotzdem nicht die Grundlage meiner Moral.

Wenn ich die moralischen Gebote mitakzeptieren würde, wäre alles wieder einigermaßen im Lot: Ich würde dann zwar glauben, dass der Tod (für Christen) gar keine so schlimme Sache ist, aber ich würde Mord trotzdem für furchtbar halten, weil Gott ja gesagt hat, dass wir nicht töten sollen.

Ich halte das für eine ganz interessante Beobachtung: Praktisch niemand glaubt an einen Gott, mit dessen moralischem Urteil er nicht einverstanden ist. Ein Gläubiger würde wahrscheinlich sagen, dass das nur beweist, dass man Gott nicht erkennen kann, ohne auch sofort einzusehen, dass er gut und gerecht ist. Ich sehe darin eher ein weiteres Indiz dafür, dass Religion ein Produkt der menschlichen Vorstellungskraft ist. Oder etwas pointierter: „You can safely assume that you’ve created God in your own image when it turns out that God hates all the same people you do.“


Geschützt: Ich hatte tatsächlich mal ein Joghurtprodukt

10. November 2010

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Singapuritanilistisch expialigetisch

7. November 2010

Falls es nicht durch den Titel offensichtlich genug ist: Wir lieben Singapur. Singapur hat uns fantastisch gefallen. Wir wollen ganz bald wieder nach Singapur.

Zuerst war es vielleicht nur der Kontrast zu China. Die Tatsache, dass man tatsächlich fragen kann, wenn man etwas nicht weiß, und dass man eine Antwort bekommt, meistens sogar eine freundliche. Dass man einfach mit Leuten reden kann. Die Tatsache, dass niemand vor einem auf den Boden spuckt und man sich gewaltfrei Zugang zum öffentlichen Personennahverkehr verschaffen kann.

Aber das war noch nicht alles.

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