Eine Riesenmenge Geld (17)

Mal wieder nur knapp noch rechtzeitig habe ich für euch das 17. Kapitel unseres Fortsetzungsromans. Zum Ende hin wird es immer ein bisschen mühseliger, weil ich mir dann Gedanken über, naja, das Ende machen muss, und außerdem noch zusehen, dass all die kleinen Änderungen, die mir im Laufe der Zeit eingefallen sind, auch irgendwie noch Sinn ergeben.

Viel Spaß, und ein schönes Wochenende!

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir Konrad kennengelernt, einen Hamburger Anwalt, der von seiner Frau betrogen wird, und Tanja, eine SEK-Beamte in Düsseldorf, die perfekt einen wütenden Dobermann nachahmen kann.
Im zweiten Kapitel lernen Konrad und Tanja einander kennen und verabreden sich zum Essen.
Im dritten Kapitel essen sie miteinander und fahren zu Tanja nach Hause.
Konrad betritt im vierten Kapitel Tanjas Wohnung, und die beiden beschließen, Freunde zu sein. Am nächsten Tag ruft sie ihn an und bittet ihn, sie noch einmal zu besuchen.
Im fünften Kapitel hilft Konrad Tanja bei einer Konfirmationskarte und bekommt ein Buch geschenkt. Danach fährt er nach Hause und kocht für seine Frau.
Im sechsten Kapitel besucht Tanja die Konfirmationsfeier und schenkt ihrem Neffen das Leatherman Multitool, das ihr gar nicht gehört.
Konrad und Hanna sprechen im siebten Kapitel über ihre Ehe, und Hanna gesteht, dass sie schwanger ist.
Im achten Kapitel sanieren Hanna und Konrad ihre Beziehung, und Tanja hasst den Bus.
Im neunten Kapitel erfolgt der Zugriff, und Konrad stiehlt ein Speichermedium.
Im zehnten Kapitel besucht Tanja Konrad in seinem Hotel, und sie verbringen die Nacht miteinander. Platonisch natürlich.
Im elften Kapitel wird Konrad erst von einem sonderbaren kleinen Asiaten bedroht, und dann von Tanja. Im Aquazoo.
Tanja fährt nach Hamburg und lernt Hanna im zwölften Kapitel kennen.
Im 13. Kapitel wird Konrad entführt, und Hanna nimmt Tanja mit nach Hause.
Im 14. Kapitel wacht Konrad auf, und Tanja kauft Zigaretten. Sie raucht sie aber nicht.
Stattdessen spinnt sie im 15. Kapitel eine Intrige, und lernt Ossip kennen.
Er führt sie im 16. Kapitel dahin, wo Konrad gefangen gehalten wird.

Was heute geschieht

Konrad

Ich möchte mich hier nicht in Selbstmitleid ergehen, und ich möchte mich auch sowieso nicht gerne zu detailliert an meine Gefangenschaft in diesem rostigen Stahltank erinnern, aber diese Erzählung wäre nicht vollständig, wenn ich nicht erwähnen würde, dass es schrecklich war.

Es war gar nicht so sehr die Wunde an meiner Hand. Der Malaie hatte sie nach dem Verhör desinfiziert und verbunden. Es tat eine Weile sehr weh, aber es wurde nicht schlimmer. Er hat mir auch keine weiteren Körperteile abgeschnitten, weil ich ihm alles gesagt habe, was er wissen wollte.

Das war übrigens auch nicht das Problem. Ich hatte ihm alles gesagt, was ich über Tanja und den Stick wusste, aber ich wusste nicht viel, und ich nehme an, dass er fast alles ohnehin schon wusste. Außerdem hatte ich diesen fehlenden Finger, der mir – nicht ganz zu Unrecht, finde ich – das Gefühl gab, dass ich Tanja keine besondere Loyalität schuldete. Ohne ihren wahnwitzigen Versuch reich zu werden, wäre dies alles schließlich nicht passiert.

Was meine Gefangenschaft so schrecklich machte, war die Gesamtheit der zermürbenden kleinen Einzelheiten. Es war ständig dunkel in meinem Tank, und ich hatte keine Möglichkeit, den Verlauf der Zeit zu verfolgen. Ich wusste nicht, wie lange ich darin war, ich wusste nicht, wie lange es dauern würde. Es war kalt. Nicht unerträglich, aber auf Dauer war es sehr unangenehm. Natürlich konnte ich nicht bequem sitzen oder liegen. Der Fußboden und die Wände waren schmutzig und rostig und voller Metallspäne, scharfer Splitter und einiger anderer Dinge, die ich nur fühlen konnte.

Ich konnte auch nicht schlafen, wegen all dieser kleinen Unannehmlichkeiten, und weil meine Hand schmerzte, und weil ich ständig darüber nachdachte, wann der Malaie zurückkommen würde, ob er überhaupt zurück kommen würde und was die verschiedenen schabenden, knirschenden, dröhnenden und schlurfenden Geräusche bedeuteten, die ich von innerhalb und außerhalb des Tanks hörte.

All diese Einzelheiten zusammen mit dem ständigen nagenden Gefühl verlorener Würde bewirkten, dass mir die Zeit in dem Tank unerträglich zäh zu verrinnen, gar kein Ende zu nehmen schien, und jeder Augenblick und jede kleine Unbequemlichkeit sich endlos in die Länge zog.

Ich bin sicher, dass das alles nicht besonders eindrucksvoll ist neben dem, was die Insassen von Konzentrationslagern oder von Gulag über Jahre hinweg zu ertragen hatten, aber für mich war es mehr als genug.

Ich lag auf dem Rücken und fragte mich gerade, was in meinen Oberschenkel stach, als ich das Geräusch hörte. Am Anfang war es nur eine Art Rascheln, und ich wusste ich nicht genau, ob es ein Mensch war oder eine Ratte oder nur der Wind.

Ich hoffte inständig, dass sie draußen blieb, falls es eine Ratte sein sollte. Ich habe keine besondere Angst vor Ratten, aber ich weiß, dass sie ziemlich groß werden und oft sehr unangenehme Krankheiten übertragen. Ich weiß natürlich auch, dass sie normalerweise nicht angriffslustig sind, aber das war mir in diesem Moment kein besonderer Trost. Ich fragte mich, ob der Blutgeruch von meinem Finger sie vielleicht anlocken würde. Natürlich war das Unsinn, aber ich wurde den Gedanken nicht mehr los.

Erst als das glockenhafte Gongen wieder begann, wusste ich, dass ich menschlichen Besuch bekam. Natürlich nahm ich an, dass es der Malaie sein musste. Kam er, um mich freizulassen, um mich umzubringen, oder um mich weiter zu befragen? Würde er noch etwas abschneiden?

Halten Sie mich für armselig, wenn Sie wollen, aber ich fürchtete mich. Ich nahm mir vor, es nicht zu zeigen – ich hatte bisher nicht gebettelt und mich nicht mehr erniedrigt als die Situation erforderte, und ich hatte nicht vor, damit anzufangen – aber ich hatte große Angst. Ich hänge an meiner Gesundheit und meinem Leben im Allgemeinen und an meinen Fingern im Besonderen.

Das Gongen hörte auf und wich dem Bremsenkreischen, das in das erträgliche Knirschen überging. Ich nahm an, dass die Tür zu meiner Zelle mit einem Rad geöffnet wurde, wie die Schotts in U-Boot-Filmen. Natürlich würde mein Rad ein bisschen fest gerostet und schwergängig sein, deshalb musst der Malaie mit irgendetwas dagegen schlagen, um es öffnen zu können. Worüber man so nachdenkt als Entführungsopfer.

Ich richtete mich auf und blickte in Richtung Tür. Der erwartete blendend helle Lichtspalt fiel nicht in meine Zelle. Offenbar war es Nacht. Aber draußen war es immer noch heller als in meinem Tank, und meine Augen waren inzwischen gut an die Dunkelheit angepasst. Mir wurde sofort klar, dass es nicht der Malaie sein konnte. Die schwarze Silhouette vor dem dunklen Hintergrund verdeckte beinahe zwei Drittel der Öffnung und war an ihrem oberen Rand offensichtlich noch lange nicht zu Ende. Der Kopf des Malaien hatte sich irgendwo in der Mitte der oberen Hälfte des Lichtkreises befunden. Ich schätzte, dass die obere Kante vielleicht 1,80m hoch war. Mein Besucher war demnach mindestens 1,90m groß, eher 2 Meter, und so war es nicht mehr besonders schwer zu erraten.

„Tanja?“

„Konrad.“

Ich konnte sehen, wie sie sich herunterbeugte und durch die Klappe hereinschaute. Tanjas heisere Stimme klang etwas belegt und unsicher, als wüsste sie nicht genau, was sie sagen sollte. Verständlich, gewiss. Als sie ihre Taschenlampe einschaltete, hätte ich beinahe geschrien, so plötzlich traf mich der gleißenden Lichtstrahl, mit dem ich vorhin noch gerechnet hatte, der mich jetzt aber völlig überrasche. Ich kniff meine Augen zusammen und hob reflexartig beide Hände vor mein Gesicht.

„Konrad, was… was ist mit deiner Hand?“ fragte sie.

„Tja…“, antwortete ich, „Was vermutest du denn?“

Es klang viel bitterer und unfreundlicher als es sollte, aber ich war nicht in der Stimmung, mich zu entschuldigen. Ich war selbst ein bisschen überrascht, wie sehr ich ihr übel nahm, dass sie mich in diese Situation gebracht hatte.

Sie stieg durch die Öffnung in den Tank und war mit drei Schritten – halb gelaufen, halb gesprungen – bei mir. Sie kniete vor mir nieder, ließ ihre Taschenlampe fallen und nahm meine verletzte Hand in ihre großen Pranken. Beinahe hätte ich verstümmelt geschrieben, aber das scheint mir rückblickend doch ein bisschen übertrieben. Obwohl ich damals ganz bestimmt so empfand. Und obwohl ich meinen kleinen Finger öfter und mehr vermisse, als sie vielleicht denken.

„Oh Gott, Konrad, das tut mir so Leid“, sagte sie, „Das habe ich nicht gewollt. Das tut mir so schrecklich Leid, Konrad, bitte… Ich wollte das doch nicht. Ich wollte doch nie, dass du… dass… Ist noch irgendwas? Was hat er sonst noch mit dir gemacht?“

Sie sprach schnell und sehr aufgebracht, und ich war mir selbst nicht sicher, ob ihre Worte mich versöhnten oder mich ihr noch mehr die Schuld geben ließen. Bevor ich etwas antworten konnte, sprach sie weiter.

„Deine Hand, oh Gott, das tut mir so Leid. Ich habe doch nie gedacht…“

„Das ist mir auch aufgefallen“, bemerkte ich trocken.

Ich klang schon ein bisschen weniger verärgert, aber was ich gesagt hatte, schien mir trotzdem gemein. Sie war hier, um mich zu befreien, sie hatte es nicht verdient, dass ich sie beschimpfte.

Ich öffnete meinen Mund, um mich zu entschuldigen, als ich die zweite Figur vor der Klappe bemerkte. Die Taschenlampe hatte mich geblendet, und es war dunkel draußen, und ich war mir nicht völlig sicher, ob ich wirklich etwas sah, aber es schien mir so, als wäre da ein dunkler Umriss vor der geringeren Dunkelheit dort draußen. Ein kleiner, zierlicher Umriss.

Eine oder zwei Sekunden starrte ich an Tanja vorbei. Als ich meinen Blick wieder ihr zuwandte – war da ein feuchtes Schimmern in ihren großen dunkelblauen Augen? – hatte ihre Miene sich verhärtet. Sie wusste, was ich gesehen hatte.

Bevor ich auch nur entscheiden konnte, was ich nun zu ihr sagen sollte, hatte sie die Taschenlampe zu ihren Füßen aufgehoben, ihre Waffe aus dem Holster gezogen, war aufgesprungen und zur Tür herumgewirbelt. Sie ist gut, dachte ich. Nicht, dass ich das beurteilen könnte, aber ich war jedenfalls beeindruckt.

Tanjas Taschenlampe beleuchtete den kleinen Malaien in seinem schwarzen Anzug. Er stand einfach nur da, sein rechter Arm hing locker herunter, in seiner rechten Hand hielt er auf Hüfthöhe anscheinend eine Waffe. Er beobachtete uns mit einem Hauch eines Lächelns um seine Mundwinkel.

„Guten Abend“, sagte er leise, „Schön, dass Sie gekommen sind.“

Tanja

Verdammt verdammt verdammt. Ich hatte den kleinen Widerling wirklich nicht bemerkt. Und dann stand er plötzlich da. Und schien erstaunlicherweise keinen Vorteil aus dem Überraschungsmoment ziehen zu wollen.

Er hätte tun können, was immer er wollte. Er hätte zum Beispiel einfach die Tür hinter mir schließen können, um nur eine Möglichkeit zu nennen, die mir in diesem Moment sehr peinlich bewusst wurde. Ich war dämlich, dämlich, dämlich.

Jetzt hatte er nur so eine Art Patt. Wenn überhaupt. So wie er seinen kleinen Revolver hielt, konnte eigentlich fast niemand richtig zielen. Eigentlich. Fast. Jan prahlte manchmal mit seinen Hüftschussfähigkeiten, und ab und zu traf er wirklich ganz gut. Der kleine Mann mit der schwarzen Krawatte lächelte mich sanft und ein wenig herablassend an, und es gelang ihm, mich damit noch weiter zu verunsichern.

„Ja, ich freu mich auch wahnsinnig“, antwortete ich. „Warum kommen Sie nicht rüber und gesellen sich zu uns?“

„Wenn die Alternative ist, dass Sie mich erschießen, werde ich das mit Vergnügen tun“, sagte er leise.

Das sanfte Lächeln ließ nicht für einen Augenblick nach, während er auf mich zu schlenderte.

„Sie sind viel schneller, als Sie aussehen“, sagte er.

Obwohl ich mit der Lampe direkt in seine Augen leuchtete, sah er die ganze Zeit über völlig entspannt in mein Gesicht.

„Das höre ich öfter“, antwortete ich. War das vielleicht der Grund, aus dem er nichts weiter unternommen hatte? Hatte er damit gerechnet, mehr Zeit zu haben? „So hatte ich mir das vorgestellt, ja. Das ist jetzt nah genug.“

Er machte mich nervös.

„Frau Berger“, begann der kleine Mann mit seiner leisen Stimme, „Ich möchte Ihnen ein Angebot machen. Ich würde als Zeichen meiner guten Absichten gerne dieses Mordwerkzeug hier wieder einstecken. Ich nehme nicht an, dass Sie bereit wären, diese Geste zu erwidern?“

Er sprach mit einem schwachen Akzent, den ich nicht zuordnen konnte. Ein bisschen Singsang, erinnerte mich an asiatische Sprachen. Indisch, oder Thai vielleicht.

„Können Sie vergessen“, antwortete ich.

Er lächelte sanft.

„Das ist kein Problem. Es ist nicht erforderlich. Ich nahm lediglich an, dass es ein offenes Gespräch erleichtern würde.“

„Sie wollten etwas anbieten.“

„So ist es. Ich tausche Sie und Herrn Jacobi hier gegen den Stick.“

„Sie überschätzen die Wirkung Ihres Auftritts. Sie müssen sich noch ein bisschen anstrengen, bevor ich Ihnen alles gebe, was Sie wollen, bloß damit Sie mich gehen lassen.“

Er nickte langsam.

„Ich habe mit dieser Antwort gerechnet. Aber ich muss Sie bitten zu bedenken, dass der Stick für Sie vollkommen wertlos ist.“

„Och, mir würde bestimmt irgendwas einfallen…“

„Sie wollen damit wahrscheinlich sagen, dass Sie mein Angebot ablehnen wollen.“

„Sie sagen es.“

„Bedauerlich.“

Ich spürte einen Stich links an meinem Hals, wie von einer Wespe, und widerstand nur mit Mühe dem Drang, sofort mit einer Hand die Stelle zu betasten. Ich brauchte beide Hände, um sicher zu gehen, dass ich den Zwerg treffen würde. Andererseits hätte ich schon gerne gewusst, was mich da gestochen hatte.

„Wie machen wir jetzt weiter?“ fragte ich.

Der kleine Mann im schwarzen Anzug sah mich mit seinen seelenvollen schwarzen Augen an.

„Ich bin mir noch nicht ganz sicher“, antwortete er. „Aber wir werden gewiss einen Weg finden.“

Aus der Dunkelheit hinter der Öffnung des großen rostigen Eisentanks trat die kantige unverwechselbare Form meines guten Freundes Ossip.

„Was… Wie haben Sie das gemacht?“

Er antwortete natürlich nicht.

Ich hatte mir wirklich Mühe gegeben mit seinen Fesseln. In seiner linken Hand hielt einen langen, dünnen Gegenstand, den ich erst auf den zweiten Blick erkannte. Und dann verstand ich. In der Waffenkammer des Kommandos lag auch ein Blasrohr. Angeblich wurde das Ding sogar schon zwei Mal benutzt.

Ich dachte darüber nach, den kleinen Asiaten noch zu erschießen, bevor ich das Bewusstsein verlor, aber in diesem Moment fühlten meine Knie sich schon reichlich weich an und mir war ein gutes bisschen schwindelig. Vielleicht hätte ich ihn getroffen, vielleicht auch nicht, und man weiß nie, wen man mit einem Querschläger verletzten kann.

„Sie sind gemein“, sagte ich zu Ossip, bevor ich meine Pistole vorsichtig wieder einsteckte. „Ich…“ Mir wurde ein bisschen schlecht. „Ich… wollte Sie erschießen, wissen Sie das? Ich wollte wirklich.“

 

Als ich aufwachte, war es dunkel. Das war aber in Ordnung, denn ich hatte ohnehin schon ganz fürchterliche Kopfschmerzen, und das kalte grelle Licht der Leuchtstoffröhren wäre genau das Richtige dafür gewesen.

Außerdem taten meine Handgelenke und meine Schultern weh, denn sie hatten mich an die Wand gekettet. Die breiten Metallschließen fühlten sich rau und rostig an, aber immerhin saßen sie eigentlich ziemlich locker. Dafür waren die Ketten wiederum so kurz, dass ich meine Arme im Liegen oder Sitzen ständig über meinem Kopf halten musste.

„Konrad? Bist du da?“ fragte ich leise, nachdem ich damit fertig war, zu stöhnen und mich selbst zu bemitleiden.

„Ja“, antwortete er.

„Es tut mir Leid.“

„Ist schon in Ordnung. Danke, dass du es versucht hast. Geht es Hanna gut?“

Ich stöhnte, während ich versuchte, aufzustehen. Es war gar nicht so einfach, weil mir auch immer noch ein bisschen schwindelig war.

„Nicht besonders, glaube ich.“

„Was“, begann er erschrocken, aber ich unterbrach ihn.

„Mach dir keine Sorgen, es hat nichts mit den beiden hier zu tun. Es ist die andere Sache.“

„Hm.“

„Es tut mir Leid.“

„Du kannst ja nichts dafür.“

Wenn du wüsstest, dachte ich, aber das schien mir in diesem Moment kein gutes Thema.

„Sie haben wahrscheinlich inzwischen herausgefunden, dass ich den Stick nicht bei mir trage?“

„Ja. Sie schienen nicht besonders überrascht.“

Konrad war sehr kurz angebunden (Wortspiel nicht beabsichtigt), und ich bildete mir ein, dass unsere derzeit ein bisschen strapazierte Freundschaft nicht der einzige Grund dafür war. Er vermutete wahrscheinlich das gleiche wie ich. Es ist so ein klassischer saudummer Bösewichtfehler, die Helden alle zusammen in einen Raum zu sperren, damit sie gemeinsam ihre Flucht planen können. Nicht die Art Fehler, die ich Ossip und seinem Freund zutraute. Während meines kurzen Spaziergangs über das verlassene Industriegelände hatte ich auch nicht den Eindruck gewonnen, dass der Platz hier besonders knapp war. Womit eigentlich nur ein Grund blieb, uns trotzdem zusammen einzusperren, nämlich, dass sie uns zuhören wollten.

Über uns hörte ich ein Trippeln auf dem Metall unseres Gefängnisses, das ganz sicher nicht von dem kleinen Asiaten oder von Ossip stammte. Obwohl ich natürlich nicht wusste, ob er in seiner Freizeit womöglich Ballett tanzte. Vielleicht eine Ratte. Irgendwo tropfte Wasser.

„Also von mir erfahren sie jedenfalls nicht, dass der Stick ganz unten in der Biomülltonne im Abfallkeller versteckt ist“, sagte ich in einem kläglichen Versuch von Humor.

Währenddessen dachte ich darüber nach, ob sie es wirklich nicht von mir erfahren würden. Ich glaube, ich habe schon gesagt, dass ich mit Schmerzen ganz gut zurechtkomme. Andererseits machten die beiden einen ziemlich professionellen Eindruck, und ich hatte keine Ahnung, ob ich ernsthafter Folter widerstehen könnte.

Ich hatte ein bisschen Durst. Eigentlich sogar ein bisschen mehr. Mein Mund war trocken. Es dauert nicht lange, bis ein Mensch Probleme bekommt, wenn man ihm kein Wasser gibt. Sie mussten einfach nur warten. Ich war nicht bereit, für den blöden Stick zu sterben. Schon gar nicht so.

Außerdem gab es da noch die Möglichkeit, dass sie Konrad weh tun würden. Der eklige Zwerg hatte ja schon damit angefangen, und ich fühlte mich gar nicht wohl bei dem Gedanken, dabei zuzusehen, wie er ihm noch weitere Finger abschnitt.

Viel beruhigender, über Flucht nachzudenken. Ich hatte ein kleines Messer in meinem Stiefel versteckt. Was mir bestimmt echt geholfen hätte, wenn sie mir die Stiefel nicht ausgezogen hätten und wenn ich nicht mit Ketten gefesselt gewesen wäre. Mit Ketten, können Sie sich das vorstellen? Wie King Kong.

Dann brachte mich das Gefühl des kalten rostigen Stahls unter meinen nackten Fußsohlen auf andere Gedanken. Ich fragte mich, was sie mir außer den Stiefeln noch ausgezogen hatten, und für einen Moment wurde mir beinahe schlecht. Ich trug meine Hose und mein Shirt noch, aber sie konnten mir die Sachen ja wieder angezogen haben, aus welchen Gründen auch immer. Was hatten diese Bastarde alles mit mir anstellen können, während ich bewusstlos gewesen war? Ich wollte gar nicht darüber nachdenken, wie gründlich sie mich möglicherweise nach dem Stick durchsucht hatten.

Lesegruppenfragen

  1. Wie kommen die Beschreibungen des Gefängnisses so bei euch an? Zu viel, zu wenig, überzeugend oder eher nicht?
  2. Insbesondere mit der Beschreibung von Tanjas Ketten habe ich lange gerungen, auch wenn man es vielleicht nicht merkt. Könnt ihr euch das vorstellen? (Und macht euch bitte keine Gedanken, weil mir Einzelheiten von Fesseln, Ketten und Gefangenschaft so wichtig sind. Ich habe meine Gründe…)
  3. Findet ihr, dass Konrad anders auf Tanja reagieren sollte? Wütender? Freundlicher? Sonstwie?
  4. Ich verzichte jetzt bis auf Weiteres auf die Streichungen auch in Tanjas Szenen. Zumindest glaube ich, dass hier jetzt keine mehr drin waren. Falls sie jemand vermisst, lasst es mich bitte wissen.
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11 Responses to Eine Riesenmenge Geld (17)

  1. Andi sagt:

    1. Das ist alles passend so. Du beantwortest praktisch alle ungestellten Fragen: Ist es dunkel? Ist es kalt? Ist es bequem? Das ist in meinen Augen nicht nur ausreichend, sondern auch gut geschildert.

    2. Okay, jetzt mach ich mir aber Gedanken. 🙂
    Beim ersten bzw. zweiten Lesen merkte ich nicht, dass du mit dir gerungen hast an der Stelle. Erst jetzt, wo ich die Fragen gelesen hab. Aber das mag ich mir auch nur einbilden, ich weiß nicht genau. Jedenfalls kann ich mir gut vorstellen, wie Tanja da sitztliegt.

    3. Ich weiß nicht, ob man in so einer Situation zu extremen Emotionen fähig ist. Ich glaube aber, dass Konrad auch ohne diese Situation anders reagiert hätte.

    4. Streichungen? Wie? Was? Hab ich was verpasst?

  2. Guinan sagt:

    1. Der Tank ist doch mal für irgendwas benutzt worden. Riecht man da nichts? Für meinen Geschmack dürfte es da gerne noch etwas gruseliger sein. Da ist Dreck, alles ist eklig, wahrscheinlich auch feucht. Da legt man sich doch nicht so einfach auf den Boden. Konrad scheint nicht gefesselt zu sein. Untersucht er den Raum nicht?
    2.Von deinem inneren Kampf hat man jedenfalls nichts gemerkt. Wolltest du mehr oder weniger schreiben? Wenn ich jetzt versuche, mir das bildlich vorzustellen: Die Befestigung für die Ketten muss ziemlich hoch sein, bei 1,20/1,50 oder so.
    Außerdem mache ich mir jetzt ersthaft Gedanken darüber, warum es dir so wichtig ist, dass wir uns keine Gedanken über deine Bondage-Fantasien machen.
    3. Konrad ist nun mal so, es wäre unwahrscheinlich, dass da gerade jetzt die großen Emotionen durchbrechen. Kalter Fisch.
    4.Ich mag die Streichungen eigentlich ganz gerne, hatte mich aber auch gefragt, wie du das später ggf. in der Printversion handhaben würdest.

  3. Muriel sagt:

    @Andi: 4. Ich meine die paar gelegenheiten, zu denen in Tanjas Text Wörter durchgestrichen sind.
    @Guinan: 1. Gute Anregungen. Konrad sollte eigentlich auch gefesselt sein, aber du hast Recht, das muss ich noch mal durchhdenken.
    2. Ich wusste eben nicht, ob ich mehr oder weniger oder wie schreiben sollte.
    Dass ihr euch über meine Bondage-Fantasien keine Gedanken machen sollt, liegt natürlich daran, dass ich nicht zu meiner wahren Persönlichkeit stehe, weil ich insgeheim weiß, dass ich sündige, aber ich liebe die Sünde eben zu sehr, wodurch mir… Ach, am besten liest du das in Alipius‘ Predigt, er kann das viel besser erklären als ich.
    4. Darüber habe ich auch schon nachgedacht. Aber wenn ich erst einmal soweit bin, dass wirklich was von mir gedruckt wird, soll das meine geringste Sorge sein. Ich freue mich jedanfalls, dass du mir das zutraust. (Und falls dieser Eindruck fälschlich entstanden sein sollte und du in Wahrheit gar nichts der Art sagen wolltest, ist es völlig akzeptabel, wenn du das nicht korrigierst.)

  4. Guinan sagt:

    Wer ohne Sünde ist… oder wie war das noch.
    Wenn ich mich recht erinnere, gelten Fesselspiele nicht direkt als sündhaft, du musst nur vorher heiraten. Aber wehe dir, wenn du verhütest. Kann zwar sein, dass du deine Frau festbinden musst, damit sie das ohne zulässt, das ist dann durchaus erlaubt im Sinne der Kirche.
    4. Du verstehst mich meistens richtig.

  5. Chlorine sagt:

    1. Das erste Gefängnis von Konrad konnte ich mir wesentlich besser vorstellen. Beim Zweiten fehlen mir auch ein paar Informationen (es fühlt sich z.B. zu clean an), aber die können ja im nächsten Teil noch kommen.

    2. Die von dir gegebenen Informationen reichen völlig. Ketten = Messer im fortgeschaften Stiefel so hilfreich wie Babypuder auf Fingerstummel.

    3. Selbst im Leiden ist er leidenschaftslos.

    4. Ich vermisse die Streichungen. Ebenso wie Konrads Beschreibungen von Tanjas Shirts. Licht an, bitte!

  6. axeage sagt:

    Tach Muriel,
    ich muss einmal ein paar Worte zu Deinen Texten „Was mit Literatur im weitesten Sinne“ im Allgemeinen bzw. „Eine Riesenmenge Geld“ im Besonderen los werden, ich kann einfach nicht anders.
    Ich finde Deinen Schreibstil schrecklich, weil reichlich sperrig und unleserlich.
    Schon die ersten drei Absätze sind so verquast, zusammengeschustert und damit teilweise unverständlich, dass ich selbst dann, wenn mich die Story in irgendeiner Weise interessieren würde, einfach nicht weiterlesen kann/mag.

    Um ein wenig zu untermauern, was ich meine, habe ich versucht, besagte Absätze etwas „leserlicher“ zu formulieren.

    Ich möchte mich nicht in Selbstmitleid ergehen und aus verständlichen Gründen auch nicht zu detailliert über meine Gefangenschaft in einem rostigen Stahltank berichten, aber diese Erzählung wäre nicht vollständig, würde ich unerwähnt lassen, wie schrecklich es für mich war.

    Nicht wegen der Wunde an meiner Hand – immerhin hat sie der Malaie nach dem Verhör desinfiziert, was anfänglich zwar äußerst schmerzhaft war, aber
    andererseits hat er mich nicht noch weiter gequält. Ich hatte ihm ja gesagt, was ich wusste.
    Nein, dieser abgeschnittene Finger gab mir irgendwie ein Gefühl der Rechtfertigung für die fehlende Loyalit gegenüber Tanja, ohne deren wahnwitzigen Versuch, reich werden zu wollen, dies schließlich alles nicht passiert wäre.

    Das ist erstens wesentlich weniger Text und zweitens, wie ich meine,wesentlich lesbarer.
    Achte mal drauf: Du gebrauchst, um etwas Banales auszudrücken, meistens viel zu viel, zu viel, zu viel, zu viel, zu viel Text. Ein Johannes Muriel Mario Simmel macht das so und seine Romane werden deshalb zurecht als „Mitteilungsprosa“ oder „Trivialliteratur“ bezeichnet.

    Dann wenn ich Sätze lese wie:
    Als ich aufwachte, war es dunkel. Das war aber in Ordnung, denn ich hatte ohnehin schon ganz fürchterliche Kopfschmerzen.

    Was hat die Dunkelheit mit den Kopfschmerzen zu tun? Wieso in Ordnung? Es war vielleicht „gut so“, weil Dunkelheit die Augen nicht so angestrengt. Und was hat das „ohnehin“ in dem Satz zu suchen?

    Wieso schreibst Du nicht, was Du meinst:
    Als ich aufwachte, war es zum Glück bereits Dunkel. Jedes Licht hätte meine fürchterlichen Kopfschmerzen sicher noch verstärkt.

    Ja oder:
    Konrad war sehr kurz angebunden, und ich bildete mir ein, dass das nicht daran lag, dass unsere Freundschaft derzeit ein bisschen strapaziert war.

    Viel zu umständlich. Viel zu viele „dass“.
    Wieso nicht:
    Konrad war sehr kurz angebunden, und ich bildete mir ein, nicht nur deshalb, weil unsere Freundschaft derzeit ein wenig strapaziert war.

    Nix für ungut Muriel, aber ein Lektor hätte sehr viel Arbeit mit Deinen Werken.
    Gruß, Axel

  7. Muriel sagt:

    @axeage: Vielen Dank für deinen Kommentar! Ich wusste gar nicht, dass du meine Geschichten überhaupt mitliest.
    Ich war zunächst ein bisschen verwirrt von deiner Kritik, weil ich nicht erkennen konnte, warum du es für angemessen hältst, diesen frustrierten, belehrenden Tonfall anzuschlagen. Andererseits kenne ich durchaus das Gefühl, einen Text zu lesen, der mir einfach überhaupt nicht gefällt, und ich will nicht ausschließen, dass ich auch schon Ähnliches an den einen oder andere Schriftsteller abgeschickt hätte, wenn mir unmittelbar ein Kommentarfeld zur Verfügung gestanden hätte.
    Aber wie ich zu deinem Tonfall stehe, hat natürlich keinen Einfluss auf die Verdienste deiner Kritik.
    Deinen ersten Vorschlag werde ich nicht annehmen. Ich habe diese Absätze bewusst so formuliert, und ich verstehe sehr gut, dass sie auf dich verquast wirken, aber bis auf Weiteres lasse ich sie so, nicht zuletzt, weil sich dein Entwurf nicht in Konrads Stil einfügen lässt.
    Was den Satz mit den Kopfschmerzen angeht, hast du Recht, der ist verunglückt. Ich habe ihn ein bisschen angepasst, fürchte aber, dass er dir immer noch nicht zusagen wird. Das gleiche gilt für den letzten Satz, den du kritisiert hast.
    Ich gehe angesichts deiner deutlichen Wortwahl davon aus, dass du kein Interesse hast, auch in Zukunft meine Geschichten zu kritisieren, möchte dich aber trotzdem darauf hinweisen, dass ich mich durchaus darüber freuen würde.

  8. Muriel sagt:

    @Guinan: Stimmt, da war was. Und im Notfall kann ich immer noch behaupten, ich hätte einen Exorzismus durchführen wollen…
    @Chlorine: 1. Ja, ich denke, du hast Recht. Das Gefühl hatte ich beim Schreiben auch, war dann aber zu faul. Ich überlege mir mal, ob ich das noch in diesem oder erst im nächsten Teil behebe, und wie. Danke!
    4. Hach, das tut gut. Ich hatte aber zuletzt den Eindruck, dass wir hier zumindest in Bezug auf die Streichungen ziemlich alleine da stehen. Mit den Shirts kann ich aber vielleicht helfen, mal schauen…

  9. madove sagt:

    1. Die Beschreibung fand ich gut und umfassend. Mir hat besonders die Schilderung der Unbequemlichkeit als zusätzliches Problem gefallen, weil ich sie sehr glaubwürdig finde.

    2. Da würden mich jetzt natürlich „Deine Gründe“ interessieren *grins* Nein, im Ernst, mir ist nichts an der Beschreibung der Ketten aufgefallen, außer daß ich mich kurz gefragt habe, wie sie denn an der Wand befestigt waren. Aber darauf gibt es viele galubwürdige und unwichtige mögliche Antworten.

    3. Konrad fand ich wieder sehr in sich schlüssig.

    4. Was für Steichungen? Hast Du früher was weggelassen, oder meint das Sachen mit dem strike-tag?

    5. Wow. Ich bewundere Deine Reaktion auf den Kommentar von axeage. Inhaltlich kann ich seinen nachvollziehen, teile ihn aber nicht – ich nehme das, was er kritisiert, nicht als „schlechten Stil“ wahr, sondern als ein gewolltes Stilmittel, und zwar, ganz ehrlich, ist es ein Hauptgrund, warum ich gerade das hier lese und nicht irgendein anders tolles Buch: weil ich diesen der gesprochenen Sprache ähnlichen, manchmal holprigen und sehr menschlichen Ton explizit mag, in dem Deine jeweiligen Ich-Erzähler schreiben, und oft lächeln muß.
    Das einfach als „das ist schlechtes Deutsch, ich erklär Dir mal, wie das richtig geht“ abzutun, scheint mir Thema verfehlt zu sein. Und in einem Ton, der wirklich sehr oberlehrerhaft ist. Darauf mit einem freundlichen Dank für die Anregung zu antworten, ist echt für Fortgeschrittene, finde ich. Aber ich bin eh nicht gut mit Kritik.

  10. Muriel sagt:

    @madove: 4. Strike war gemeint.
    5. Danke. Ich bin auch ein bisschen stolz auf mich.

  11. madove sagt:

    4. Oh, schade. Die mag ich besonders. Aber ich gebe Guinan recht, daß es vielleicht printpublizierungshemmend ist.

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