Jenny

Leser, Freunde, Mitblogger!

Ihr müsst jetzt ganz, ganz stark sein.

Ich habe einmal eine Vampirgeschichte geschrieben. Eine ganz konventionelle sogar.

Zu meiner Verteidigung kann ich nichts weiter vorbringen, als dass ich sie schon lange vor Twilight verfasst habe, zu einer Zeit, als ich es noch sagenhaft cool fand, meine Geschichten mit Fremdzitaten einzuleiten, und dass sie ziemlich kurz ist.

Ich hoffe, ihr könnt mir verzeihen.

It was not death,
For I stood up,
And all the dead lie down.
Emily Dickinson

Es war der 17. Januar 1999, 03:40 Uhr und für kalifornische Verhältnisse war es eine bitterkalte Nacht, denn nicht die kleinste Wolke trübte den Blick auf den Sternenhimmel. Wäre um diese Zeit jemand auf der einspurigen Teerstraße zwischen Atolia und Barstoy unterwegs gewesen, hätte er sich bestimmt fürchterlich erschrocken, denn auf eben dieser Straße inmitten der einsamen Prärie lagen regungslos zwei menschliche Körper.
Doch es war niemand unterwegs, und so blieben die beiden Geschöpfe, die noch vor kurzer Zeit als Colin Beaven und Holly Seth in den ganzen Vereinigten Staaten und darüber hinaus bekannt gewesen waren, vollkommen ungestört. Sie hatten die Arme hinter ihren Köpfen verschränkt und die Beine übereinandergeschlagen, und sie starrten nun schon seit fast sechs Stunden ununterbrochen in den Nachthimmel. Natürlich froren sie nicht im Geringsten. Sie bemerkten die Kälte nicht einmal. Wir hätten uns auch schon früher hier einfinden können, aber 03:40 ist eine recht günstige Zeit. Denn es ist die Zeit, zu der das Schweigen gebrochen wurde, das seit zwei Tagen zwischen den beiden geherrscht hatte.
„Schon wieder verloren”, sagte der ehemalige Fernsehprediger Colin Beaven.
„Ja”, sagte seine ehemalige Assistentin Holly Seth. Ihr goldblondes hüftlanges Haar umspielte ihren Oberkörper wie ein Kranz aus Licht, trotz der rundum herrschenden Finsternis.
„Warum?”
„Die Bösen verlieren eben am Ende.” Sie lächelte. Doch ihr Lächeln war noch weitaus melancholischer als Colins bedrückte Miene.
„Er war erst acht Jahre alt!”
„Er war zwölf, Liebster.”
Colin fauchte. Dazu sollte man wissen, dass das Fauchen eines Vampirs ein schrecklich eindrucksvoller Laut ist. Viel besser als alles, was sterbliche Menschen oder Tiere zu Stande bekommen.
„Das ist doch vollkommen egal! Er war bloß ein Kind.”
„Er war kein gewöhnliches Kind. Deshalb wollten wir ihn doch überhaupt.”
„Trotzdem nur ein Kind. Und ein Sterblicher.”
Holly antwortete nicht mehr. Sie hatte genug von dem Gejammer.
Colin knurrte leise. Er hatte noch lange nicht genug.
Aber er beugte sich den Wünschen seiner Gefährtin.
Für zwei Stunden.
„Bald kommen die ersten Minenarbeiter.”
Holly seufzte.
„Wir sollten…”
„Ja, schon gut. Es wird sowieso Zeit etwas zu unternehmen. Ich bin hungrig.”

Big Joe blickte von seiner dritten Riesenportion Pommes Frites auf, als sich die Tür öffnete. Als er sah, wer dort hereinkam, kniff er seine Augen, ohnehin schon arg bedrängt von den beängstigenden Fettpolstern unter der Haut seines talgigen Gesichts, noch weiter zusammen. Er kannte den Kerl. Und dieses Weib, um das er einen Arm gelegt hatte, hatte er auch schon mal gesehen. Erst in dieser komischen Predigershow, dann in den Nachrichten. Das waren diese Massenmörder, die zur Zeit jeder Bulle in ganz Kalifornien suchte.
Es wäre klug von Big Joe gewesen, sich ruhig zu verhalten und nach ein paar Minuten den Imbiss zu verlassen um dann draußen die Polizei zu alarmieren. Aber wie alle Fernfahrer namens Big Joe war auch er kein Freund subtiler Vorgehensweisen, und außerdem war er gerade bei seinem sechsten Bier. Also stand er auf (soweit der Konflikt zwischen seinem gewaltigen Bauch und dem festgeschraubten Tisch das zuließ), zeigte auf die beiden Neuankömmlinge und rief: „Hey, du bist doch…”
Der Kopf des langhaarigen Kerls schnellte zu ihm herum wie von einer Feder getrieben.
„Haarmann! Friedrich Haarmann, Daylann High!” unterbrach er ihn, „Und du bist Big Joe Cossack, richtig?”
Ja. Genau so wars, er kannte den Jungen von der High School. Er war sich nicht mehr ganz sicher, was er da mit ihm zu tun gehabt hatte, aber an seinen Namen erinnerte er sich noch ganz genau.
„Richtig!” Trotzdem hatte er irgendwie keine Lust sich weiter mit ihm zu befassen. Er hatte das vage Gefühl sich nicht gut mit Haarmann verstanden zu haben. Big Joe setzte sich wieder und befasste sich weiter mit seinen Pommes Frites.

„Morgen.”
Fred hatte schon mal fröhlicher geklungen, wenn er Gäste begrüßte, aber heute war ihm nicht danach zumute, denn heute war definitiv nicht sein Tag. Übermorgen um 07:00 Uhr musste er seine Semesterarbeit abgeben, zu der noch über die Hälfte fehlte, er hatte seit etwa 30 Stunden nicht mehr geschlafen, sein Boss hatte gedroht ihn zu entlassen, wenn sich noch ein Kunde über ihn beschwerte, seine Freundin hatte ihm irgendwann gestern Abend eröffnet, dass sie schwanger war, und er hatte es versaut. Sie hatte geweint, ihm gesagt, dass er ein Ungeheuer sei und sie ihn nie wiedersehen wollte.
Als sie weg war, hatte er auch eine Weile geweint, denn er liebte sie wirklich. Es war nur so, dass er mit all dieser Scheiße nicht fertig wurde. Seine Eltern brauchten ihn, seine Freundin brauchte ihn, bald würde ihn auch ihr Kind brauchen, und alles, was er hatte, war dieser beschissene Job als Kellner in einem Fernfahrerimbiss und ein Studium, das er aller Wahrscheinlichkeit nach bald hinschmeißen würde. O say, can’t you see…
„Entschuldigen Sie?”
„Äh, was?”
„Einen Doppel-Cheese und zwei große Cola bitte. Ist ‘n harter Job, hm?”
Fred seufzte erleichtert. Der würde sich bestimmt nicht beschweren. Das war einer von den Verständnisvollen. Die gingen ihm zwar auch irgendwie auf den Sack, aber wenigstens kosteten sie einen nicht die Arbeit.
„Ist unterwegs.”
Unter Aufbringung all seiner Willenskraft schleppte Fred sich in Richtung Küche. Heute Abend würde er seine Freundin anrufen. Er musste es ihr erklären. Sein Leben war so schon beschissen genug, aber ohne sie würde er es nicht aushalten. Und für sie würde es ohne ihn auch schlecht aussehen, besonders mit einem Kind…

„Daddy, ich hab Hunger!”
Jack lächelte. Sie war jetzt 19, und definitiv eine erwachsene Frau, aber es gab diese Momente, wo sie ihn an die Zeit erinnerte, als sie… Verflixt, was war das denn? Fing er etwa jetzt schon an wie einer aus der Bradey-Family zu denken?
Am Straßenrand tauchte im Licht der Scheinwerfer ein Schild auf, dass auf einen „Imbiss” in 2 Meilen hinwies.
„Hast du genug Hunger für sowas?” fragte er, mit übertriebenem, aber keineswegs gespieltem Ekel.
„Ich würde im Moment auch Reste aus einer Mülltonne essen.”
Nun, Schätzchen, die wirst du dann wohl auch kriegen. Er sagte es nicht, aber sie konnte es in seinem Gesicht sehen.
Sie knurrte missmutig, verschränkte die Arme vor der Brust und schmollte. Und erinnerte ihn an ihre Mutter, wie sie… Schon wieder. Es war wohl Zeit für eine Therapie. Oder einen Exorzismus…
„Also, hältst du nun?” fragte sie nach einer Weile.
„Sicher, Liebl… Jenny. Aber erwarte nicht, dass ich mich dem Gruppenzwang beuge und mich an dieser Abscheuligkeit beteilige.”
Sie hatte nichts gegen Kosenamen, wenn sie allein waren. Aber er wollte sich das lieber nicht angewöhnen, denn falls ihm einmal ein Schätzchen rausrutschen sollte, wenn ihre Freundinnen zu Besuch waren, dann würde sie ihm dafür… Nun, sie würde wohl sehr ungehalten reagieren.
Er grinste. Gut, dass er sie noch hatte. Ohne sie hätte er wahrscheinlich nicht gewusst, wie er Sharons Tod verkraften… Ein Exorzismus wäre wohl doch das Beste für alle Beteiligten. Der Geist von Danielle Steel begann von ihm Besitz zu ergreifen.

„Vier verschwitzte fette Fernfahrer, ein verzweifelter Küchenknecht und eine HIV-positive Köchin… Wir hätten unser Glück woanders versuchen sollen.”
Colin musterte seine Umgebung mit schlecht verborgenem Ekel.
„Ja…” Holly zuckte die Schultern. „Lass uns noch ein paar Minuten warten. Ich habe das Gefühl, dass es noch besser wird.”
„Deine Vision war immer stärker als meine.”
Er ergriff ihre linke Hand und nahm sie zwischen seine.
„Hättest du daran gedacht, als du Susan nehmen wolltest und ich sagte, sie würde uns nur Ärger machen…”
„Ich habe dir da nie widersprochen”, meinte er mit einem Grinsen, das sein kräftiges Raubtiergebiss deutlich zu Tage treten ließ, „Ich wollte sie trotzdem. Du solltest meine Schwäche für weibliche Schönheit nicht kritisieren, Liebste. Ohne die wärst du schon seit laanger Zeit tot.”
Sie fletschte in gespielter Angriffslust die Zähne. „Und wo wärst du ohne mich?”
Colin ließ seinen Kopf zweimal nachdenklich hin und her pendeln.
„Vielleicht auch tot. Aber bei Weitem nicht so lange wie du“, antwortete er schließlich grinsend.
„Knapp sieben Jahre, wenn ich richtig zähle.” Ein zweites Zähnefletschen. Er liebte es, wenn sie das tat.
Er nickte zögerlich. „Kann sein… Du meinst das kleine Gasthaus in Babilu, wo dieser grässliche Baalit uns beinahe…”
Colin verstummte und blickte voller Erwartung zum Eingang. Holly drehte sich nicht um, aber sie konnte es sich doch nicht verkneifen in seinem Gesicht nach einer Reaktion zu forschen, als sie die Tür sich öffnen hörte. Und sie war zufrieden mit dem, was sie sah. Die Anspannung in seiner Miene löste sich und seine Mundwinkel deuteten ein Lächeln an. Er nickte.
„Wo wäre ich nur ohne dich?”
„In einer Urne auf dem babylonischen Totenanger, nehme ich an.”
Colin fauchte leise. Das rothaarige Mädchen wandte sich zu ihm um und musterte ihn mit einer gehobenen Augenbraue. Ihre Neugier schwand aber bald wieder. Sie war schrecklich hungrig. Das konnte er spüren, ohne einen einzigen tastenden Finger in ihre Gedanken auszustrecken.

Was…? Hatte der Kerl mit den langen blonden Haaren gerade dieses seltsame Geräusch gemacht? Jenny konnte nichts Ungewöhnliches an ihm entdecken, unter anderen Umständen hätte sie es vielleicht sogar auf einen kleinen Flirt ankommen lassen. Aber es war ohnehin nicht zu übersehen, dass er schon vergeben war. Die Frau neben ihm sah so aus, als könnte sie sich nur mit Mühe beherrschen, hier und jetzt über ihn her zu fallen.
„Morgen, was wollen Sie?” blaffte der Kellner.
Jenny trat unwillkürlich einen Schritt zurück. Sie sah, wie Jack sich versteifte und griff nach seinem rechten Oberarm. Aus, Daddy.
„Zwei Big Beef, eine große Sprite und zwei Stücke von dem Apfelkuchen bitte.”
Ihr Vater sah sie an, als hätte sie ein Stück rohe Schweineleber in Regenwürmern bestellt, und zum Nachtisch einen lebendigen jungen Hund. Sie hatte nie rausbekommen, warum er Junk Food so sehr verabscheute.
„Klar.” Der Kellner drehte sich um und zog los in Richtung Küche. Er ging wie jemand, der einen Kleiderschrank auf dem Rücken trägt.
Jenny wollte sich gerade nach einem Sitzplatz umsehen (Vielleicht hätte sie auch den hübschen Blonden gefragt, ob der neben ihm noch frei war…), als sie bemerkte, dass ihr Vater bereits an einem der Stehtische Stellung bezogen hatte. Dem, der am dichtesten am Ausgang stand. Er schien entschlossen dort zu bleiben. Sie zuckte die Schultern und stellte sich zu ihm, die Ellenbogen auf die Tischplatte gestützt. Bis auf einen kurzen missbilligenden Blick verkniff er sich jede direkte Kritik.
„Was soll ich bloß dem Arzt erzählen, wenn er mich fragt, wie ich das zulassen konnte?” murmelte er.
Jenny grinste.
„Sag, dass ich dich gezwungen hab.”
„Ich werde wegen Verletzung meiner Aufsichtspflicht drankommen.”
„Ich bin erwachsen, Daddy.”
„Dann wegen unterlassender Hilfeleistung.”
Sie lachte.
„Du bist blöd.”
Der Blonde warf ihr einen schwer zu deutenden Blick zu, dann stand er auf. Netter Hintern.
„Was ist…?” Jack drehte sich um und nickte dann zustimmend, als er den Jungen sah. „Schon klar.”
Der Blonde wandte nicht ein einziges Mal den Blick von ihr ab, während er zu einem der Fernfahrer schlenderte. Er lächelte, und sie konnte nicht anders als sein Lächeln zu erwidern. Direkt vor dessen Tisch blieb er stehen. Er zwinkerte ihr zu und wandte sich dann dem Trucker zu. Nach einer Weile blickte der von seinem riesigen Teller mit Pommes Frites auf und knurrte:
„Was’n los?”
Der Blonde antwortete etwas, was sie nicht verstand.
„Was hassu gesacht? Willse was aufs Maul?”
Mit einer beiläufigen Bewegung umfasste der Blonde den Kopf des Truckers und drehte ihm sein Gesicht auf den Rücken. Ein grässliches Geräusch.

KRRACK.
Im Gegensatz zu seiner Tochter hatte Jack nicht nur auf den langhaarigen Kerl mit den engen Jeans geachtet. Ihm war auch aufgefallen, mit welch leuchtenden Augen dessen Gefährtin ihn beobachtet hatte und dass ihre Mimik bei dem brutalen Mord eher vermuten ließ, dass sie gerade irgendetwas Pornographisches beobachtete.
Seine Tochter… Sie schrie nicht nur, sie kreischte. Es war ein Laut, den er noch nie in seinem Leben gehört hatte und den er auch nie wieder zu hören beabsichtigte.
„Fuck”, murmelte er, legte Jenny einen Arm um die Schultern und zog sie in Richtung Ausgang. Gut, dass er diesen Tisch…
Jack erstarrte. Er hatte von diesem Gefühl gelesen, aber selbst erlebt hatte er das noch nie. Es war ihm wahrhaftig unmöglich auf nur den kleinsten Muskel zu rühren. Wie war das möglich?
Der Weg durch die Tür war versperrt. Direkt vor dem Ausgang stand eine junge blonde Frau mit Haaren, die ihr bis zur Hüfte herabfielen. Die gleiche Frau, die er gerade eben noch an einem Tisch am anderen Ende dieses Ladens sitzen sehen hatte.

„Magst du Billy Joel, Jenny?” Die Worte wurden direkt in ihr Ohr geflüstert. Und sie wusste auch ohne sich umzudrehen, dass sie nur von dem Mann stammen konnten, der eigentlich fast zehn Meter entfernt neben einem toten Trucker stehen musste.
„Du erinnerst mich an eine junge Frau, die ich mal kannte. Sie mochte Billy Joel, weißt du?”
Jenny hätte nie gedacht, dass sie einmal so dankbar für den Beschützerinstinkt ihres Vaters sein würde. Im Moment hätte sie sich ohne seine Hilfe wahrscheinlich nicht einmal mehr alleine auf den Beinen halten können. Das alles war doch überhaupt nicht möglich!
„Nehmen wir ihn auch mit?“ hörte sie von weit weg die Stimme seiner Begleiterin.
„Was?“ fragte er, und seine Stimme hatte in ihrer Verwirrtheit alles geheimnisvoll-Bedrohliche verloren, das ihr zuvor innegewohnt hatte. „Was willst du denn mit dem?“
Sie lachte glockenhell und ein bisschen beschämt, wie jemand, der bei einem heimlichen Laster erwischt wurde.
„Ich find ihn irgendwie… Naja…“
Wieder das Lachen. Und neben Jennys Ohr ein leises, tiefes, kehliges Knurren.

Jack sah nichts mehr, außer den Augen der blonden Frau an der Tür. Für eine Weile zumindest. Dann nahm er den Arm von seiner Tochter und drehte sich wieder um, so dass er den gesamten schlauchförmigen Imbissraum sehen konnte. Er wollte das nicht tun, aber er hatte die Macht über alle Körperteile unterhalb seines Kopfes verloren. Er sah, dass die drei Trucker, die noch übrig blieben, aufgestanden waren und auf den Mann mit den engen Jeans zugingen. Einer hielt ein Butterfly-Messer in der Hand, einer einen Stuhl, und der Dritte zog gerade einen Schlagring mit Stahlspitzen über die Knöchel seiner rechten Hand.
Ihr Kontrahent beachtete sie gar nicht. Er ergriff die Hand von Jacks Tochter zu, die ebenso reglos wie er selbst neben ihm stand, und funkelte seine Gefährtin mit gefletschten Reißzähnen an. Alles in Jack schrie danach seine Tochter zu nehmen und davon zu laufen. Aber er konnte sich nicht bewegen. Er konnte keinen Muskel rühren. Eine Träne verzweifelter Wut rann aus seinem linken Auge.

Als die drei Männer ihn erreicht hatten, ließ Colin das Mädchen los und wandte den Blick von Holly ab.
Alles zu seiner Zeit.
Zuerst der mit dem Messer. Colin konnte es nicht ausstehen, wenn sein Blut vergossen wurde. Mühelos fing er die nach vorne zuckende Hand des kräftigen Mannes ab, brach ihm mit einem kurzen Druck mehrere Knochen des Handgelenks und zog dann seine eigene Waffe aus der Gesäßtasche seiner Hose. Ein blankpoliertes Rasiermesser, Wien, 1746, und noch immer scharf… Nun, wie ein Rasiermesser eben. Er pflegte es gut, denn er fand, es hatte Stil. Mit fassungslosem Entsetzen, dennoch unfähig Gegenwehr zu leisten, sah der Mann zu, wie Colin es aufklappte und die blitzende Klinge sich seiner Kehle näherte. Die Geister der Schwachen sind so einfach zu beherrschen. Erst als schon schaumiges Blut aus einem langen Schlitz im Hals des Mannes quoll, ließ Colin ihn los. Mit einem kaum hörbaren Röcheln brach er zusammen. Er konnte sich nicht aufrecht halten, aber er war noch nicht tot. Colin war ein Experte der menschlichen Anatomie. Er hatte den Schnitt so gesetzt, dass der Fettsack langsam ersticken würde.
Mit leicht schief gelegtem Kopf beobachtete er für einige Momente das schaumige Blut und die größer werdende Lache auf dem Boden und musste sich bewusst daran erinnern, von wem es stammte, und dass es ungenießbar war.
Erst der auf seiner Schulter zerbrechende Stuhl lenkte seine Aufmerksamkeit wieder auf den zweiten Angreifer. Den einzigen, der noch geblieben war, und seine Aggression wurde offenkundig nicht mehr von Wut oder Kampfeslust gespeist, sondern nur noch von nackter Angst.

Der Mann mit dem Schlagring hatte die blonde Frau angegriffen. Jack hatte angenommen, dass sie ausweichen würde; er hatte ja gesehen, wie schnell sie war. Stattdessen sprang sie den Trucker an. Der Kerl wog mindestens dreimal so viel wie sie, aber sie warf ihn zu Boden wie eine Ballonfigur. Was sie dann tat, wollte Jack nicht mehr mit ansehen. Er schloss die Augen. Er hörte nur noch die gurgelnden Schreie des Mannes.

„Fick meine Schwester für’n Fünfer, was ist denn hier passiert?“
Der State Trooper nahm in einer halb unbewussten Bewegung seine Sonnenbrille ab und steckte sie in die Brusttasche seines Hemdes. Jim’s Highway-Imbiss war komplett abgebrannt, nur verkohlte Überreste des Gebäudes und der Gäste waren zu erkennen, ein ausgesprochen widerlicher Anblick.
Er hatte davon gehört, dass es da diesen Serienmörder gab und dass der zurzeit hier in der Gegend sein sollte. Aber, wie das nun einmal so ist, man rechnet nie damit, dass einem selbst sowas passiert…

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15 Responses to Jenny

  1. Guinan sagt:

    Wahrscheinlich hat Anne Rice mich für alle weiteren Vampirgeschichten verdorben.
    Zu dieser fällt mir nur ein: Du schreibst heute besser.

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: Na gut, ich nehme das mal als Lob und bedanke mich. Ich kann Anne Rice auch nicht leiden.

  3. Guinan sagt:

    Wie immer du möchtest.

  4. whynotveroni sagt:

    Hmmm, ich fand es extrem schwierig, zu folgen, aus wessen Perspektive du gerade schreibst, das wechselt dauernd. Sehr verwirrend. Auch ein bisschen ziellos das ganze. Die andere Kurzgeschichte mit der Vampirin (war es doch, nicht?) ist viel viel spannender!

    Ich gebe Guinan also Recht: Du kannst das (inzwischen?) besser. Bei „inzwischen“ bin ich nicht ganz sicher, denn ich erinnere mich an eine andere Geschichte von dir, die ich damals gelesen habe, und die ich da auch recht gut fand. Irgendwas futuristisches, mehr faellt mir leider nicht mehr ein. 🙂

  5. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Ja, das ist noch ein Zusatzproblem. Beim Kopieren aus Word gehen die Absätze zwischen den Abschnitten verloren, und ich war zu faul, das zu reparieren. Ich mach es jetzt aber mal.
    Ob das in der anderen Kurzgeschichte eine Vampirin war, lasse ich bis auf Weiteres offen. Es war zumindest nicht eindeutig.
    Ohne defensiv klingen zu wollen: So ganz finde ich mich in eurem Urteil nicht wieder. Ich sehe nicht so recht den Qualitätsunterschied zwischen dieser Kurzgeschichte und der anderen, aber das mag natürlich sentimental nostalgische Gründe haben.
    Welche futuristische Geschichte könntest du wohl meinen? Sicherlich nicht diesen Königsmacher-Söldner-Quatsch, oder?

  6. Günther sagt:

    Also vom Schreibstil her gefällt mir das eigentlich ganz gut, da würde ich meinen Vorrednerinnen widersprechen. Der Inhalt ist irgendwie nicht ganz so meins, Vampirgeschichte halt 😉

    Das mit den Absätzen ist echt verwirrend. Hab mich die ganze Zeit gefragt warum der Vater seine Tochter in einen Vampir verwandelt hat und warum Vampire überhaupt Burger essen. Da brauchte es ein zweites Mal lesen.

    Und wer ist bitte Danielle Steele?

  7. Muriel sagt:

    @Günther: Schade, da warst du knapp zu früh dran. Ich hab die Absätze gerade repariert.
    Aber davon abgesehen bist du jetzt der einzige Freund, den ich noch habe, und ich würde dich gerne für deinen freundlichen Kommentar umarmen, wenn ich mir meiner heterosexuellen Männlichkeit sicher genug wäre, um so etwas zu tun.
    Ich bin in der Tat so erfreut, dass ich mir sogar die Mühe mache, den Danielle Steel-Gag zu erklären.
    Danielle Steel ist eine Schriftstellerin, die solche Bücher verfasst.

  8. Günther sagt:

    Hui, hätte ich ja nicht gedacht, dass das solche Sympathiestürme auslöst 😉
    Na wenn das eine ist die *solche* Bücher verfasst, kann ich es mir gerade noch verzeihen, die Anspielung nicht verstanden zu haben.

  9. Muriel sagt:

    @Günther: Man nimmt, was man kriegt, insbesondere als Schriftsteller, und wenn man nichts Besseres kriegt als „vom Schreibstil her gefällt mir das eigentlich ganz gut“, ist man eben dafür dankbar.
    Insbesondere das mit den Absätzen ist mir aber auch wirklich unangenehm. Das hätte ich merken müssen.

  10. whynotveroni sagt:

    @Muriel: Also ich finde, dass sich der Qualitaetsunterschied im Vokabular (ziemlich viel „war“ in diesem Text) und im Anteil woertlicher Rede abzeichnet. Streckenweise liest sich dieser Text eher wie ein Drehbuch als wie eine Geschichte, nur dass die Mimik fehlt, und die Art, wie die Personen ihre Saetze aussprechen.

    Ich finde, dass das z.B. in deiner aktuellen Kurzgeschichte beides deutlich besser ist.

  11. Muriel sagt:

    @whynotveroni: Vielleicht bin ich wirklich einfach voreingenommen, obwohl ich bei einigen meiner alten Geschichten durchaus diese stechenden Schmerzen empfinde, die schlechte Prosa verursachen kann.
    Aber jedenfalls freut mich, dass du Fortschritte erkennst.

  12. maxi sagt:

    Ich wette, du hast die Geschichte nur geschrieben, um mal diesen Satz unterzubrinegn, oder?
    „Fick meine Schwester für’n Fünfer, was ist denn hier passiert?“

  13. Muriel sagt:

    @maxi: Naja.
    Nicht nur.

  14. Alexa sagt:

    Spannend, jetzt verstehe ich, dass Camilla dir eindeutig nicht „wild“ genug ist 😉
    Ich mag an „Jenny“ besonders, dass man bei den unterschiedlichen Absätzen zuerst nur weiß, dass sie irgendwie zusammen geführt werden müssen, das Ganze aber noch nicht so richtig durchschaut. Das einzige, das mir ein bisschen fehlt, ist die Figur die durch die Geschichte leitet, also die am Ende irgendwie die Verbinding zwischen den unterschiedlichen Handlungssträngen darstellen könnte. Aber das ist natürlich bei einer Kurzgeschichte mit unterschiedlichen Handlungssträngen auch schwierig umzusetzen.

  15. Muriel sagt:

    @Alexa: Danke für den freundlichen Kommentar.
    Du hast Recht, es fehlt ein bisschen die zentrale Identifikationsfigur. Das ist übrigens generell eine Schwäche meiner Geschichten, glaube ich. Ich orientiere mich da vielleicht ein bisschen zu sehr an den Autoren, die ich gern lese und die häufig die POV-Charaktere wechseln, aber natürlich viel längere Romane schreiben als ich.
    Daran muss ich wohl nicht ein bisschen arbeiten.

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