Eine Riesenmenge Geld (19)

Gerade ist mir aufgefallen, dass das nächste Kapitel unseres Fortsetzungsromans an Heiligabend erscheinen wird. Und das darauf Folgende erscheint an Silvester und könnte möglicherweise sogar das letzt sein. Na, wie hab ich das geplant?

Ach so, und heute gibt’s natürlich auch schon eins.

Viel Spaß, und schönes Wochenende!

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir Konrad kennengelernt, einen Hamburger Anwalt, der von seiner Frau betrogen wird, und Tanja, eine SEK-Beamte in Düsseldorf, die perfekt einen wütenden Dobermann nachahmen kann.
Im zweiten Kapitel lernen Konrad und Tanja einander kennen und verabreden sich zum Essen.
Im dritten Kapitel essen sie miteinander und fahren zu Tanja nach Hause.
Konrad betritt im vierten Kapitel Tanjas Wohnung, und die beiden beschließen, Freunde zu sein. Am nächsten Tag ruft sie ihn an und bittet ihn, sie noch einmal zu besuchen.
Im fünften Kapitel hilft Konrad Tanja bei einer Konfirmationskarte und bekommt ein Buch geschenkt. Danach fährt er nach Hause und kocht für seine Frau.
Im sechsten Kapitel besucht Tanja die Konfirmationsfeier und schenkt ihrem Neffen das Leatherman Multitool, das ihr gar nicht gehört.
Konrad und Hanna sprechen im siebten Kapitel über ihre Ehe, und Hanna gesteht, dass sie schwanger ist.
Im achten Kapitel sanieren Hanna und Konrad ihre Beziehung, und Tanja hasst den Bus.
Im neunten Kapitel erfolgt der Zugriff, und Konrad stiehlt ein Speichermedium.
Im zehnten Kapitel besucht Tanja Konrad in seinem Hotel, und sie verbringen die Nacht miteinander. Platonisch natürlich.
Im elften Kapitel wird Konrad erst von einem sonderbaren kleinen Asiaten bedroht, und dann von Tanja. Im Aquazoo.
Tanja fährt nach Hamburg und lernt Hanna im zwölften Kapitel kennen.
Im 13. Kapitel wird Konrad entführt, und Hanna nimmt Tanja mit nach Hause.
Im 14. Kapitel wacht Konrad auf, und Tanja kauft Zigaretten. Sie raucht sie aber nicht.
Stattdessen spinnt sie im 15. Kapitel eine Intrige, und lernt Ossip kennen.
Er führt sie im 16. Kapitel dahin, wo Konrad gefangen gehalten wird.
Im 17. Kapitel versucht sie, Konrad zu befreien und fällt dabei selbst in die Hände seiner Entführer.
Im 18. Kapitel tötet Goliath David.

Was heute geschieht

Tanja

Mein Lachen war natürlich nicht echt. Natürlich? Egal. Es war jedenfalls nicht echt. Überhaupt nicht. Ich fühlte mich schäbig und wertlos, wieder einmal. Ich hatte mein Leben gerettet, und Konrads, und ich hatte die Welt von einem Mann befreit, der uns selbst gesagt hatte, dass er viele unschuldige Menschen verletzt hatte, und doch fühlte ich mich schlecht.

Er hatte mich anständig behandelt, er war fair gewesen und hatte mir vertraut. Und ich hatte ihm das Genick gebrochen, nachdem ich mich ergeben hatte.

So was macht man einfach nicht.

Andererseits fühlte ich mich nicht nur schlecht. Ich war unsäglich erleichtert und konnte nicht fassen, dass ich gewonnen hatte, dass ich frei war, und dass ich Konrad tatsächlich gerettet hatte. So gesehen war ich doch stolz auf mich. Der Zweck heiligt und so weiter, Sie wissen schon. Vielleicht war gerade dieser Gegensatz der Grund, dass ich mich so merkwürdig aufführte.

Egal.

Zeit, meine Fesseln loszuwerden. Es war mein erster Gedanke, nachdem ich mit Lachen und Schreien aufgehört hatte. Ossip hatte mich gewiss gehört, und er würde zurückkommen, wenn er nicht sowieso schon die ganze Zeit von irgendwo auf mich zielte. Zeit, meine Fesseln loszuwerden und mit Konrad von hier zu verschwinden.

Meine Fesseln loswerden. Ich sah mich um. Es war nicht besonders elegant, aber der schnellste Weg schien mir, die Kunststoffbänder an der scharfen Kante eines herumliegenden Metallteils aufzuscheuern.

Dann fielen mir Konrads Fesseln ein. Seine Kette war an der Wand festgeschweißt. Es gab keine Möglichkeit für mich, ihn mit bloßen Händen zu befreien. Oder mit irgendetwas, was hier herumlag. Verdammt. Verdammt, verdammt.

Ich wollte Konrad nicht zurücklassen. Ich wollte es nicht. Ich war seinetwegen gekommen, ich hatte seinetwegen mein Leben aufs Spiel gesetzt, und jetzt wollte ich nicht ohne ihn wieder gehen, bloß wegen einer dämlichen Kette.

Aber wenn die Entscheidung war, ob keiner von uns entkam oder nur ich alleine – wenn ich nur diese Wahl hatte?

„Ich werde Sie beide befreien, und dann werde ich Sie gehen lassen.“

Ossips tonlose tiefe Stimme. Während er sprach, trat er hinter einer Wand hervor, seine russische Pistole in seiner linken Hand auf Hüfthöhe auf mich gerichtet wie ein Bösewicht in einem James-Bond-Film. Für einen Moment fragte ich mich, ob er Linkshänder war, dann beschloss ich, dass ich wichtigere Sorgen hatte.

„Sie lassen uns gehen?“ fragte ich.

Vielleicht war es albern, ihm zu misstrauen. Meine Hände waren immer noch gefesselt, er hatte eine Pistole, und ich hatte das Gefühl, ihn gut genug zu kennen, um zu wissen, dass er mich aus der Hüfte treffen konnte, wenn er die Pistole dort hielt. Er war ganz sicher kein Angeber, der seine eigene Sicherheit vernachlässigt hätte, um auszusehen wie eine Filmfigur.

Er antwortete nicht. Er nickte. Und dann sprach er doch.

„Ich werde Herr Jacobis Kette lösen. Währenddessen stellen Sie sich dort drüben in die Ecke, mit dem Gesicht zur Wand. Ich werde Herrn Jacobi ein Messer geben, damit er Sie befreien kann.“

Er war vorsichtig. Nichts Neues.

Ich stellte mich in die Ecke und hörte Ossips Schritte durch den Raum. Es klirrte und schepperte ein bisschen, Konrad seufzte, und die Schritte durchquerten wieder den Tank und entfernten sich.

Natürlich war Konrad auch sehr vorsichtig, als er meine Fesseln mit Ossips Meser durchtrennte, aber seine Hände zitterten. Es gelang ihm, mich nicht zu schneiden, obwohl er ein paar Mal neu ansetzen musste. Als die Kunststoffbänder schließlich mit einem leisen Klicken auf den staubigen Metallboden fielen, wirbelte ich so schnell zu ihm herum, dass er erschrocken zusammenzuckte und das Messer fallen ließ.

„Großer Gott“, murmelte er, „Fast hätte ich dich doch noch geschnitten.“

Ich antwortete nicht, und wir standen uns beide stumm gegenüber und wussten nicht, was wir sagen sollten. Wir konnten uns nicht einmal ins Gesicht sehen, weil er so dicht vor mir stand, aber keiner von uns trat zurück. Ich konnte nicht, weil ich mit dem Rücken an der Wand stand, aber ich weiß auch nicht, ob ich es sonst getan hätte. Ich glaube, ich hätte ihn gerne umarmt, aber irgendetwas hielt mich davon ab. Ich sah das Messer auf dem Boden und bemerkte, dass es ein sehr schönes Taschenmesser war, mit einem rötlich braunen Holzgriff und einer sehr schlanken Klinge in Damaszenerstahlmaserung.

Dann fiel mir auf, dass der kleine Mann im schwarzen Anzug verschwunden war. Anscheinend hatte Ossip ihn mitgenommen, während ich ihm den Rücken zugedreht hatte. Ich fragte mich, was er mit der Leiche anstellen würde. Würde er ihn hier irgendwo begraben? Würde er ihn in seinen Kofferraum packen und mit sich herum tragen, bis er seinen Freund rächen konnte? Was mich zur nächsten Frage führte: War es vorbei? Die Versuchung war stark, aber ich widerstand. Ossip hatte aus irgendeinem Grund beschlossen, das Versprechen seines Partners zu halten, aber er würde jetzt bestimmt nicht einfach zu seinen Mafiabossen zurückkehren, mit den Schultern zucken und sagen „Tut mir Leid, war nichts, hoffentlich vermisst ihr euer Geld nicht zu sehr.“ Hm. Ich war zu erschöpft, jetzt darüber nachzudenken.

Als nächstes fiel mir Konrads abgeschnittener Finger ein, und ich hätte beinahe etwas in der Richtung gesagt, dass er sofort zu einem Arzt musste. Aber ich konnte nicht. Es schien mir irgendwie unpassend.

Konrad war es am Ende, der meine absurden Gedanken unterbrach.

„Danke, Tanja“, sagte er. „Vielen Dank. Du hast mir…“ Er hatte sehr ernst begonnen, aber nun musste er doch schmunzeln. „Naja, du weißt schon.“

„Es ist ein bisschen albern es zu sagen, oder?“ fragte ich. „Außerdem war das Ganze ja irgendwie meine Schuld.“

Ich lächelte. Und dann trat er zwei Schritte zurück und sah in meine Augen. Er lächelte auch. Ich kann überhaupt nicht sagen, wie erleichtert ich war.

„Trotzdem“, sagte er. „Du hättest nicht herkommen müssen. Bist du aber. Danke.“

Ich verzichtete darauf, ihm zu sagen, dass ich nicht nur aus völlig uneigennützigen Gründen hergekommen war. Ich wusste schließlich noch nicht, was ich mit dem Stick machen musste. Ich bin mir bis heute nicht völlig sicher, wie viel von meinem Antrieb, zu ihm zu kommen, die Angst um Konrad gewesen war, und wie viel meine Gier nach dem Geld. Aber davon sagte ich natürlich auch nichts. Stattdessen umarmte ich ihn, und es fühlte sich sehr gut an.

Konrad

Vor einiger Zeit, ich muss damals wohl Anfang Dreißig gewesen sein, verbrachten Hanna und ich einen Urlaub in Marokko. Wir waren damals noch nicht besonders lange verheiratet, waren sehr glücklich miteinander, und ich hatte kein höheres Ziel, als sie zu beeindrucken. Ende der ersten Woche saß ich mit ihr an einem Tisch vor einem kleinen italienischen Restaurant – die marokkanische Küche fanden wir schon am ersten Tag nicht sehr erfreulich, und für die kommenden Wochen nichts anderes mehr essen zu können, schien uns keine sehr angenehme Aussicht -, als eine sehr korpulente ältere Frau in der Kleidung eines Wüstenstammes von Tisch zu Tisch ging, um kleine handgeschnitzte Kunstwerke zu verkaufen. Damals wusste ich möglicherweise sogar noch, wie dieser Stamm hieß, aber es ist mir inzwischen entfallen. Sie kam auch zu unserem Tisch, lächelte sehr freundlich und zeigte uns dabei ein erstaunlich makelloses weißes Gebiss. Sie bot uns in stark gebrochenem Englisch ein etwa unterarmgroßes hölzernes Krokodil an, aber es genügte, um uns verständlich zu machen, dass es 80 Dirham kosten sollte, das waren damals vielleicht knapp 20 Deutsche Mark. Ich hatte wie gesagt einen Reiseführer gelesen und mir gemerkt, dass man in Marokko unbedingt feilschen sollte, wenn einem ein Händler einen Preis vorschlug, deshalb sagte ich, ohne mir viel dabei zu denken:

„Fifty Dirham.“

Das Lächeln verschwand, und an seiner Stelle erschien in ihrem freundlichen Gesicht eine Mischung aus Mitleid und Scham. Sie berührte mit einer schwieligen Hand meine Schulter, legte das hölzerne Krokodil auf unseren Tisch und sagte:

„Gift, for you.“

Dann wandte sie sich ab und ging. Später habe ich erfahren, dass die Angehörigen dieses Stammes keine Marokkaner sind und dass ihnen schon die Idee des Feilschens völlig fremd war, aber auch in diesem Moment wusste ich natürlich, dass ich mich völlig daneben benommen hatte.

Dies war das unangenehmste Erlebnis meines ganzen Lebens, bevor sich die Ereignisse zugetragen hatten, die ich Ihnen hier schildere. Vielleicht vermittelt Ihnen diese Tatsache einen Eindruck davon, dass mein Leben mich nicht eben darauf vorbereitet hatte, als Geisel genommen und verstümmelt zu werden und zuzusehen, wie Menschen einander totschlugen.

Es fühlte sich gut an, als Tanja mich umarmte. In diesem Moment wusste ich, dass wir Freunde waren. Wohl zum ersten Mal wieder, seit sie mich in meinem Hotelzimmer an die Wand gedrängt und bedroht hatte. Wenn ich es so formuliere, kann man sich kaum vorstellen, dass wir tatsächlich noch Freunde sein konnten, aber es war so.

Ich könnte jetzt den Weg des Salonpsychologen gehen und sagen, dass es die gemeinsam durchlebte Gefangenschaft war und meine Dankbarkeit und all das, aber der Weg zu meiner wahren Erklärung ist ein steinigerer, denke ich. Tanja und ich waren auf eine sehr sonderbare Art verwandte Seelen, und ich mochte sie. So wie sie war. Und dazu gehörte auch, dass sie bereit war, für ihren eigenen Vorteil gegen Regeln zu verstoßen, gleich welcher Art. Außerdem glaubte ich – oder wollte glauben – dass sie ihre Drohung nicht ehrlich gemeint hatte.

Ich sagte ja, es ist ein steiniger Weg, und ich will Ihnen nicht zumuten, ihn ganz mit mir zu gehen. Wahrscheinlich sehen Sie von hier aus ungefähr, wohin die Reise geht, und das soll uns genügen.

Jedenfalls ließ ich mich gerne von ihr umarmen. Aber mit zunehmender Dauer wurde es ein bisschen merkwürdig, nicht zuletzt wegen des Größenunterschieds. Rund 25 Zentimeter, Sie können sich ungefähr vorstellen, wo mein Kopf war.

„Es wird jetzt ein bisschen albern, oder?“ fragte Tanja, kurz bevor ich selbst etwas Ähnliches sagen wollte.

„Allmählich“, antwortete ich.

Sie ließ mich los. Sie trat einen Schritt zurück und seufzte.

„Ich kann dir gar nicht sagen, wie froh ich bin, dass ich es geschafft habe. Dass wir es geschafft haben.“

Ich lächelte und nickte, weil ich sonst nichts zu tun wusste.

„Lass uns gehen“, sagte sie.

Ich weiß nicht, wie weit der Weg von der Fabrikhalle zur Straße war. Es war Nacht, aber der beinahe volle Mond spendete mehr Helligkeit, als meine an Dunkelheit gewöhnten Augen gebraucht hätten, um den Weg zu erkennen. Wahrscheinlich waren es nicht mehr als ein Kilometer, aber es kam mir endlos vor. Obwohl ich die Zeit meiner Gefangenschaft völlig untätig verbracht hatte, war ich auf profunde Weise erschöpft. Wahrscheinlich war ich auch hungrig, aber ich merkte es kaum.

Eine knochentiefe Müdigkeit erfüllte mich, und jeder einzelne Schritt erforderte meine volle Willensstärke. Sicher hatte es auch damit zu tun, dass ich länger dort gefesselt gewesen war als sie und die Zwangshaltung meine Muskeln und Gelenke versteift hatte. Ich komme mir im Nachhinein trotzdem ein bisschen schäbig vor, wenn ich daran denke, wie jämmerlich ich mich aufführte.

Tanja hatte wahrscheinlich mehrere gebrochene Rippen, Blut lief über ihr Gesicht und in ihre Augen, sie sah aus, als wäre sie tagelang gefoltert worden, und trotzdem war sie diejenige, die mich stützte, und mich bei jedem der unzähligen Male auffing und festhielt, als ich über einen herumliegenden Draht, eine hervorstehende Betonplatte oder sonst etwas stolperte. Einmal trat ich in einen toten Hasen, und ich kann mich immer noch genau an das Geräusch und das Gefühl unter meinem Schuh und den Anblick erinnern – das Tier war schon sehr lange tot -, und an Tanjas große starke Hand an meinem linken Oberarm, die wieder einmal verhinderte, dass ich fiel und mir den Schädel an einem herumliegenden Stahlträger aufschlug. Sie stapfte entschlossen und unaufhaltsam neben mir her und hielt mich, ihr Griff so fest und zuverlässig, als wäre sie aus massivem Stahl.

„Danke“, keuchte ich noch einmal, als wir schließlich ihr Auto erreichten.

Der schwarze Renault stand einsam und verlassen an der dunklen Straße, die durch diese unwirkliche Ruinenlandschaft führte. Das Licht des Mondes glänzte im schwarzen Lack. Es war ein surreales Bild. Wie ein Raumschiff, dachte ich, woher auch immer dieser Gedanke kam. Vielleicht, weil so viele düstere Science-Fiction-Filme in solchen Ruinen spielen.

„Dank mir nicht“, sagte sie, während sie die Beifahrertür für mich öffnete und mir half, einzusteigen. Sie sagte es nicht, wie man das eben zu Freunden sagt, so wie „Gern geschehen.“ Sie sagte es, als würde sie es genau so meinen.

Sie hielt sogar eine Hand an meinem Kopf, um zu verhindern, dass ich ihn mir stieß. Sie hat Übung, dachte ich.

Sie schloss meine Tür, ging vor der Motorhaube um den Wagen herum und stieg auf ihrer Seite ein. Sie lehnte sich in ihren Sitz, legte beide Hände ans Lenkrad, und atmete tief durch. Dann drehte sie sich zu mir um und schenkte mir ein breites Grinsen, das in ihrem blutigen zerschlagenen Gesicht sehr gruselig wirkte.

„Dank mir nicht“, wiederholte sie, „Sag mir einfach, wie ich an das Geld komme.“

So unsäglich müde ich mich auch fühlte, das war mir dann doch zu viel.

„Ist das dein Ernst?“ fragte ich. „Willst du mich das jetzt wirklich fragen, Tanja?“

Sie schnaubte, und ich weiß nicht, ob es ein Lachen war, oder eher Ärger.

„Du kannst es mir auch später noch erklären.“

„Zu gütig.“

Tanja

Ich ließ den Motor an und fuhr los, und versuchte dabei, meine schmerzenden Rippen zu ignorieren, und das gerinnende Blut, das in meinem Gesicht kitzelte und juckte.

Schon auf dem Weg zum Auto hatte ich darüber nachgedacht, wie ich am besten das Land verlassen würde. Fliegen war verlockend einfach, und ich fragte mich, ob es wirklich ein Fehler wäre. Natürlich gefiel mir der Gedanke überhaupt nicht, dass ich voller Vorfreude auf den sonnigen Cayman-Inseln landen würde, nur um sofort verhaftet und wieder zurück nach Deutschland gebracht zu werden. Lieferten die Caymans überhaupt aus? Konrad wusste das auch nicht, er war ja eigentlich kein Strafrechtsexperte. Ich machte einen kleinen Scherz darüber, dass man einen Anwalt fragen konnte, was man wollte, es war nie sein Spezialgebiet und überhaupt eine ganz komplizierte Angelegenheit, aber er ging nicht darauf ein. Er saß einfach nur mit geschlossenen Augen da und sah aus, als würde er schlafen.

Was konnte passieren? Ich hatte den kleinen Kerl im schwarzen Anzug getötet, aber das wusste niemand, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass Ossipp mich anzeigen würde. Ich hatte den Schlüssel gestohlen, und damit das Geld, aber auch das wussten nur Ossip und Konrad, und wieder dachte ich nicht, dass einer von den beiden das ausplaudern würde. Ich hatte Hanna gekidnappt, aber sie hatte es nicht gemerkt, und Konrad… Sie wissen schon. Blieb eigentlich nur die Tatsache, dass ich unentschuldigt dem Dienst fernblieb, was zwar besonders im Kommando disziplinarisch geahndet wurde, aber nicht unbedingt reichte, eine internationale Fahndung rauszugeben. Fliegen war gut.

Als ich mir kurz vor der Autobahnauffahrt zum vierten Mal mit dem Handrücken klebriges Blut aus den Augen wischte und merkte, wie mein Griff am Lenkrad zunehmend schlüpfriger und außerdem meine Haltung wegen der gebrochenen Rippen zunehmend unerträglich wurde, beschloss ich, dass es eine Grenze zwischen Tapferkeit und schwachsinniger Halsstarrigkeit gab und dass sie ungefähr hier verlief. Ich fuhr an die rechte Straßenseite und stellte den Motor ab.

Ich atmete tief durch, schluckte meinen Stolz und sagte: „Du musst fahren.“

Konrad öffnete seine Augen, drehte sich zu mir um und blinzelte mich an. Er hatte tatsächlich geschlafen.

„Entschuldige, was?“ murmelte er.

Ich seufzte.

„Vielleicht sollten wir uns ein Taxi rufen, hm?“

Er lachte mit, noch verhaltener als ich allerdings.

„Ich kann es versuchen, aber wenn ich wieder einschlafe, wird unser kleines Abenteuer auf ausgesprochen peinliche Weise zu Ende gehen, oder?“

Ich stöhnte und ließ meine Hände vom Lenkrad fallen.

„Dreck. Ich kann nicht fahren, du kannst nicht fahren, und ein Taxifahrer könnte sich fragen, warum ich blute und dir ein Finger fehlt.“

„Vielleicht warten wir einfach bis morgen?“

Er schien sich selbst nicht ganz sicher zu sein, ob er das ernst meinte. Ich stöhnte noch mal.

„Zur Hölle“, murmelte ich, „Natürlich kann ich fahren. Ich muss nur wollen. Hu-ja.“

„Ist das euer Schlachtruf?“

„Wir haben keinen. Wir sind in Düsseldorf, nicht in Vietnam.“

Ich stöhnte ein letztes Mal und würgte meinen Stolz wieder hoch, ich würde ihn brauchen. Dann wischte ich mit einem Ärmel das Blut aus meinem Gesicht und meine Hände an meiner Hose ab, setzte mich gerade hin, ohne den ekligen stechenden Schmerz in meiner Brust zu beachten, ließ den Motor wieder an und fuhr auf die Autobahn. Langsam und vorsichtig.

„Wohin fahren wir eigentlich?“ fragte Konrad.

„Noch so eine Frage, über die ich unbedingt mal nachdenken sollte…“

„Ach, davon gibt es noch mehr?“

Ich nickte langsam.

„Zum Beispiel ist mir gerade eingefallen, dass ich nicht nur in einem Taxi, sondern auch am Flughafen Probleme kriegen könnte, weil ich aussehe wie aus der Schrottpresse.“

„Mhm, guter Gedanke.“

„Und dass sich sowieso mal jemand meine Rippen ansehen sollte, ist auch so eine Sache.“

„Immerhin hast du keine Schuss- oder Stichwunden“, sagte Konrad. „So kannst du im Krankenhaus einfach sagen, du wärst gegen eine Tür gelaufen…“

„Eine Drehtür, ja?“

„Zum Beispiel…“

Ich gab einen Laut von mir, der irgendwo zwischen einem Lachen, einem Schnauben und einem Grunzen lag. Er lachte nicht mit, und ich fühlte mich auf völlig irrationale Art verletzt davon.

„Schön, dass du deinen Sinn für Humor trotz allem nicht verloren hast“, murmelte er.

„Ich bemühe mich.“

Ossip

In jede kryptofaschistische Organisation muss auch einmal ein bisschen Regen fallen.

Samad war tot. Es fiel mir schwer, mich mit dem Gedanken anzufreunden, weil ich es immer für poetischer gehalten hatte, dass ich vor ihm sterben würde, damit er seine Lektion daraus lernen konnte. Er wäre dann nach Hause zurückgekehrt und hätte vielleicht eine Familie gegründet.

Samad wäre sicher ein fantastischer Vater gewesen, aber auf der anderen Seite fiel es mir schwer, ihn mir in irgendeinem anderen Beruf vorzustellen als diesem.

So gesehen verbarg sich auch eine gewisse Poesie in seinem Tod. Sein Leben war kurz gewesen, aber gerade dadurch auch… pointiert. Für eine gute Pointe darf man einiges opfern, obwohl ich der Meinung war, dass er durchaus ein bisschen übertrieben hatte.

Ich legte ihn vorsichtig in den Kofferraum, lächelte kurz, als das sonderbare Bild in mir aufblitzte, wie ich mich über seine Leiche beugte und seine Stirn küsste, und schob sanft den Kofferraumdeckel zu. Ich war noch nicht sicher, was mit seinem Körper geschehen würde, es war mir aber jedenfalls ein erheblicher Trost, dass Samad meines Wissens keinen großen Wert auf die Traditionen seiner Heimat legte.

Ich hätte mich sonst vielleicht schlecht gefühlt, weil ich keinen einzigen Wasserbüffel für ihn opfern konnte, und ich bin überzeugt, dass ich bei aller Liebe für meinen ehemaligen Partner – ich habe mich nie gescheut, diesen Begriff zu benutzen, auch wenn er ihn unpassend fand – nicht die vier Tage Zeit hätte nehmen können, die angemessen gewesen wären.

Einäscherung hatte mir als Konzept immer sehr gefallen, aber andererseits hätte er wahrscheinlich den Humor darin zu schätzen gewusst, wenn ich seine Füße einbetoniert und ihn in einem See versenkt hätte. Ich schüttelte langsam meinen Kopf, während ich den Wagen anließ. Samad hatte zu Lebzeiten sonderbare Ideen gehabt, und anscheinend würde er nicht damit aufhören, nur weil er mit allem anderen aufgehört hatte.

Plus ça change.

Eigentlich sollte man sich während der Fahrt nicht von COMAND ablenken lassen – das System sagt es einem mit einem großen roten Warnhinweis beim Start – aber dennoch gab ich mein Ziel erst ein, als ich schon losgefahren war.

Ich ging damit kein großes Risiko ein, denn die Adressen der Angehörigen Frau Bergers waren bereits gespeichert.

 

Lesegruppenfragen

  1. Ist für euch jetzt zu sehr die Luft aus der Geschichte raus, oder konnte ich die Spannung noch ein bisschen erhalten?
  2. Findet ihr die Anekdote am Anfang von Konrads Szene unpassend? Sie gehört da vielleicht nicht so richtig hin, aber ich mag sie irgendwie. Ist übrigens eine wahre Geschichte, aber nicht mir passiert.
  3. Wie steht ihr dazu, dass Ossip seine eigene Szene bekommen hat?
  4. Heute nur drei Fragen.
Advertisements

8 Responses to Eine Riesenmenge Geld (19)

  1. […] This post was mentioned on Twitter by M.F. Munz. M.F. Munz said: Eine Riesenmenge Geld (19) « überschaubare Relevanz: Gerade ist mir aufgefallen, dass das nächste Kapitel unsere… http://bit.ly/hcnUYI […]

  2. Andi sagt:

    1. Ich bin der Meinung, dass es nicht immer spannend sein muss, wenn es noch unterhaltend ist. Also, nein: die Luft ist noch nicht raus.

    2. Okay, die ist ganz hübsch, aber so richtig steht sie nicht im Kontext, oder? Oder sagt die Tatsache, dass Konrad feilschen wollte und ihm das nun peinlich ist, etwas über Konrads Charakter(veränderung) im Zuge der Geschichte aus? Vielleicht hab ich aber auch nur was verpasst.
    Aber da die Anekdote nett ist und auch sowieso nett geschrieben ist, würd ich sie lassen.

    3. Go Ossip Go!

    4. Ja, Mensch, ich war grad so gut drin und hätte noch Stoff für 2-27 Fragen gehabt. Na gut, wie du willst.

  3. Guinan sagt:

    2. Hintergrundgeschichten finde ich eigentlich immer gut, die geben den Figuren mehr Tiefe.
    3. Ich mag Ossip. Der darf gerne mehr Raum bekommen.
    4. Übertreibst du jetzt nicht mit der Weicheierei? „…wenn ich wieder einschlafe…?“ Geht’s noch? Auch wenn ich nicht wie Tanja ticke, in der Situation würde ich für ausreichend Andrenalin sorgen, um Konrad drei Tage lang wachzuhalten.
    5. Wenn ich dann noch mal auf einen Schlüssel hinweisen dürfte…

  4. Chlorine sagt:

    1. Die Luft ist erst Silvester raus. Dein letzter Satz ist ein wunderbarer Cliffhanger.

    2. Ich finde die Anekdote ganz passend, geht es doch um dieses unangenehme Gefühl, das Konrad nach den Geschehnissen empfindet. Ich stelle mir vor, dass er genau im Moment des Erlebens diesen Marokko-Flashback hatte.

    3. Ossip verdient die Hauptrolle im „ERG“-Spin-off „Für eine Handvoll Euro mehr“. 🙂

  5. Muriel sagt:

    @Andi: 2. Der Gedankengang war eher so, dass diese Anekdote die bisher unangenehmste Situation seines Lebens war, was illustrieren sollte, dass er es immer ziemlich gut hatte.
    4. Die Kommentarspalte ist auch hier nach unten offen. Tu dir keinen Zwang an.
    @Guinan: 4. Als Vorsitzender der Hannoverschen Sparte der Deutschen Weicheierallianz e.V. möchte ich dich darauf hinweisen, dass dieser Kommentar von dir durchaus geeignet sein könnte, die Gefühle einiger unserer Mitglieder zu verletzen, womit ich natürlich nicht andeuten möchte, ich hätte irgendein Problem damit, ich meine, du kannst natürlich schreiben, was du willst, ich will keinen Streit, verstehst du, es ging mir darum, das… Äh. Entschuldigung.
    5. Danke, wird repariert.
    @Chlorine: 1. Aber ohne die Ossip-Szene wärs schon ein bisschen schlaff geworden, oder?
    3. Interessanter Gedanke.

  6. Andi sagt:

    Muriel:
    2. Ach so, okay, das versteh ich. So macht es auch Sinn.
    4. Ich weiß, ich weiß – nur gibts hier keine Fragen mehr, auf die ich antworten könnte. 🙂

  7. Günther sagt:

    Ein später Kommentar:

    Luft ist noch drin. Die Anekdote hat mir ziemlich gut gefallen. Ich verstehe, wie du sie mit dem Kontext verbindest, finde aber ehrlich gesagt, dass sie sich da nur mäßig gut einfügt. Vielleicht findest du ja in einer deiner Geschichten mal eine Stelle wo sie noch besser reinpasst.

    Wow, man lernt ja sogar richtig was in deinen Geschichten. Ich bin jetzt jedenfalls um ein französisches Sprichwort reicher… Bildungsauftrag erfüllt!

    Im Übrigen habe ich noch einen Schlüssel gefunden.

  8. madove sagt:

    1. Also ich bin gerade SEHR gespannt und ringe mit meinem Gewissen, weil um 14.00 meine Mittagspause endet….

    2. Ich mochte die Anekdote, und im Gegensatz zu meiner Vorrednerin auch ihre „Verwendung“, vielleicht grade, weil ich erstmal stutzen mußte.

    3. Der einzige Nachteil an Ossips Szene ist, daß sie so schnell vorbei war. Ich hätte soo gern noch mehr über ihn gewußt…

    4. Ich werde jetzt weiterarbeiten. Jawoll. Aber wenn ich nur gaaanz kurz wenigstens den Anfang des nächsten…… NEIN.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: