Eine Riesenmenge Geld (20)

Heiligabend, und sogar davon lasse ich mich nicht abhalten, euch ein neues Kapitel unseres Fortsetzungsromans zu geben. So bin ich.

Ihr sagt jetzt vielleicht: Ja, für dich ist das ja auch einfach, du Atheist, du. Was hast du denn mit Heiligabend am Hut?

Naja, in Ordnung. Aber war trotzdem anstrengend. Ich hoffe, man merkt es nicht zu sehr.

Ich wünsche euch schöne Feiertage (Mein ganz persönlicher Beitrag zum War Against Christmas. Nimm das, Jesus!) und viel Spaß.

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir Konrad kennengelernt, einen Hamburger Anwalt, der von seiner Frau betrogen wird, und Tanja, eine SEK-Beamte in Düsseldorf, die perfekt einen wütenden Dobermann nachahmen kann.
Im zweiten Kapitel lernen Konrad und Tanja einander kennen und verabreden sich zum Essen.
Im dritten Kapitel essen sie miteinander und fahren zu Tanja nach Hause.
Konrad betritt im vierten Kapitel Tanjas Wohnung, und die beiden beschließen, Freunde zu sein. Am nächsten Tag ruft sie ihn an und bittet ihn, sie noch einmal zu besuchen.
Im fünften Kapitel hilft Konrad Tanja bei einer Konfirmationskarte und bekommt ein Buch geschenkt. Danach fährt er nach Hause und kocht für seine Frau.
Im sechsten Kapitel besucht Tanja die Konfirmationsfeier und schenkt ihrem Neffen das Leatherman Multitool, das ihr gar nicht gehört.
Konrad und Hanna sprechen im siebten Kapitel über ihre Ehe, und Hanna gesteht, dass sie schwanger ist.
Im achten Kapitel sanieren Hanna und Konrad ihre Beziehung, und Tanja hasst den Bus.
Im neunten Kapitel erfolgt der Zugriff, und Konrad stiehlt ein Speichermedium.
Im zehnten Kapitel besucht Tanja Konrad in seinem Hotel, und sie verbringen die Nacht miteinander. Platonisch natürlich.
Im elften Kapitel wird Konrad erst von einem sonderbaren kleinen Asiaten bedroht, und dann von Tanja. Im Aquazoo.
Tanja fährt nach Hamburg und lernt Hanna im zwölften Kapitel kennen.
Im 13. Kapitel wird Konrad entführt, und Hanna nimmt Tanja mit nach Hause.
Im 14. Kapitel wacht Konrad auf, und Tanja kauft Zigaretten. Sie raucht sie aber nicht.
Stattdessen spinnt sie im 15. Kapitel eine Intrige, und lernt Ossip kennen.
Er führt sie im 16. Kapitel dahin, wo Konrad gefangen gehalten wird.
Im 17. Kapitel versucht sie, Konrad zu befreien und fällt dabei selbst in die Hände seiner Entführer.
Im 18. Kapitel tötet Goliath David.
Ossip lässt Tanja und Konrad im 19. Kapitel laufen. Tanja fährt.

Was heute geschieht

Konrad

Ich lehnte meinen Kopf gegen die Seitenscheibe des Autos. Das Glas fühlte sich angenehm kühl an meiner Stirn an, und ich sah im schwachen Mondlicht die weiße Fahrbahnmarkierung und die Leitplanke an uns vorbei gleiten. Ich erinnerte mich dunkel, einmal in der Sendung mit der Maus einen Beitrag darüber gesehen zu haben, dass Glasstücke in die weiße Farbe gemischt werden, damit sie reflektiert. Klingt komisch, ist aber so. Woran man so denkt.

Ich lächelte.

Und wunderte mich selbst ein wenig, dass mir das so leicht fiel. Vielleicht lag es daran, dass die Wirklichkeit  mich noch nicht eingeholt hatte. Alles, was geschehen war, was noch immer geschah, schien mir so unwirklich, so grotesk, dass es mich bei Weitem nicht so stark berührte, wie man eigentlich erwarten sollte. Wer weiß schon, was eine angemessene Reaktion darauf ist, entführt und verstümmelt zu werden? Im Fernsehen sind Entführungsopfer meistens schwermütig bis katatonisch, sie lächeln aber jedenfalls nicht. Man soll nicht alles glauben, was man im Fernsehen sieht. Ich fühlte mich ein bisschen, als würde ich träumen.

„Vielleicht fahren wir einfach zu mir nach Hause. Da kann ich duschen, ein paar Sachen einpacken… Eigentlich haben wir es ja nicht besonders eilig – oder glaubst du, Ossip wartet da auf uns? Er hat nicht gesagt, dass es vorbei ist, oder? Bei der Wette ging es ja nur darum, dass er mich das eine Mal freilässt…“

Ich mochte Tanjas Stimme. Dunkel, ein bisschen heiser – von den Zigaretten? – und erfüllt von all der Stärke und Sicherheit, die in ihr auf merkwürdige Weise mit ihren Selbstzweifeln und ihren Charakterfehlern ein sonderbares Konglomerat bildete. Sie wollte stark sein, aber sie wollte auch jemanden, der noch stärker war. Wollte sie, dass ich das war?

Ha.

„Ich mag dich, Tanja“, sagte ich, und wunderte mich ein bisschen, als ich die Worte hörte. „Ich mag dich wirklich.“ Trotz allem. Hm.

Tanja unterdrückte ein Husten, als hätte sie sich verschluckt. Ihre Rastazöpfchen wippten.

„Ähm… Danke. Du willst mir damit wahrscheinlich auf sehr rücksichtsvolle Art sagen, dass du gerade keinen Nerv hast, über so was nachzudenken, hm?“

Sie grinste, aber ich wusste nicht genau, warum. Ich spürte, wie ich sehr schnell in einen tiefen Schlaf glitt.

 

Als ich aufwachte, war es Morgen, und ich brauchte ein paar Sekunden, bis mir klar wurde, dass ich auf einem viel zu weichen Bett lag, in einem Zimmer, das ich noch nie gesehen hatte. Ich versuchte mich zu erinnern, wie ich hierhergekommen war, und für einen ausgesprochen peinlichen Moment dachte ich, Tanja müsste mich hier hinaufgetragen haben, aber dann tauchte zu meiner maßlosen Erleichterung aus dem Nebel doch noch eine vage Erinnerung daran auf, wie sie mich geweckt hatte, um mir den Weg zu unserem Zimmer zu zeigen.

Ich musste meinen Kopf nur ein Wenig zur Seite drehen, um Tanja neben einem hässlichen Buchenholztisch auf dem Boden liegen zu sehen. Sie lag wieder genau so, wie sie auch in meinem Hotelzimmer geschlafen hatte, die Hände an ihren Seiten, beinahe reglos auf dem Rücken liegend, nur ihre Brust hob senkte sich leicht mit ihrem Atem. Nur dass sie jetzt natürlich ein blaues Auge hatte, und zahllose andere Hämatome und Schrammen in und um ihr Gesicht.

Wie konnte ein so… unruhiger Mensch so märchenhaft friedlich schlafen?

Sie sah auch schon viel weniger zum Fürchten aus als gestern Nacht, nachdem ihr Gesicht nicht mehr völlig von Blut verklebt war.

Womöglich hatte ich auch die Absicht gehabt, mich noch zu waschen und auszuziehen, bevor ich zu Bett ging, aber ich hatte es offenbar nicht mehr geschafft. Wahrscheinlich war ich eingeschlafen, sobald ich diese unmögliche Matratze berührt hatte. Wenigstens hatte sie mich nicht zugedeckt. Man muss auch für die kleinen Dinge dankbar sein können.

Abgesehen von meinem verletzten Stolz fühlte ich mich auch körperlich abgenutzt. Mein Rücken war entsetzlich verspannt, ob vom Schlafen auf dem unbequemen Bett oder von meiner Gefangenschaft, mein Kopf schmerzte, mein Mund war so trocken, dass ich meine Zunge kaum vom Gaumen lösen konnte, ich hatte mich noch nie so ungewaschen gefühlt, und natürlich war auch der ekelhafte ziehend-pochende Schmerz noch da, wo früher einmal mein rechter kleiner Finger gewesen war.

Mein Blick wanderte von der schlafenden Tanja über den Buchenholztisch hin zu den beiden Türen, die aus dem Zimmer hinausführten. Hinter einer davon musste sich das Badezimmer befinden.

Ich fragte mich, ob ich es schaffen würde, einen Schluck zu trinken, ohne Tanja zu wecken. Und wenn ich schon einmal dort war… Eine Dusche schien mir sehr verlockend, obwohl ich mich ein wenig davor fürchtete, was geschehen würde, wenn das heiße Wasser den Verband durchtränkte und die Wunde an meiner Hand berührte. Ich beschloss, der gängigen trivialpsychologischen Empfehlung zu folgen und mich meiner Angst zu stellen.

Es war bei Weitem nicht so schlimm, wie ich es mir vorgestellt hatte, und zu meiner großen Freude entdeckte ich neben dem Waschbecken sogar einen Einwegrasierer, eine Zahnbürste und Zahncreme. Ich fühlte mich schon beinahe wieder wie ein richtiger Mensch, als ich das Badezimmer verließ.

„Ich fand eigentlich, dass der Dreitagebart gar nicht so schlecht an dir aussah“, sagte Tanja grinsend.

Sie saß vor dem Buchenholztisch und blätterte in irgendeinem Magazin, ohne richtig hinzusehen.

„Danke. Ist aber einfach nicht mein Stil, fürchte ich.“

Sie grinste weiter, zuckte die Schultern und sprang auf.

„Wir müssen los“, sagte sie. „Und auf dem Weg erklärst du mir noch, was es jetzt mit diesem Stick auf sich hat, in Ordnung?“

Ich zögerte kurz. „Du bist dir sicher, dass du das durchziehen willst, ja?“

„Völlig. Weißt du noch? 50 Millionen Euro?“

Ich schnaubte und schüttelte den Kopf. Natürlich. „Wo hast du den Stick jetzt eigentlich versteckt?“ fragte ich.

Ihr Grinsen wurde noch ein bisschen breiter. „In meinem Auto, im Handschuhfach.“

„Irgendwo in der Hölle beißt sich jetzt gerade die Seele eines kleinen Asiaten in die Wade…“

 

Auf dem Weg zum Bahnhof erklärte ich ihr alles, was es zu dem Stick zu sagen gab. Es dauerte nicht lange. Er enthielt die Nummer von Konten bei einer Bank auf den Cayman-Inseln, sowie einige verschlüsselte virtuelle Zertifikate, die zur Auszahlung vorzulegen waren. Ich hatte noch nie von so was gehört, aber ich hatte auch noch nie ein Konto auf den Caymans.

Sie parkte direkt vor dem Eingang und ließ den Schlüssel zu ihrem Auto stecken, als sie ausstieg.

Die Uhr in der Eingangshalle des Düsseldorfer Bahnhofs zeigte 09:23 Uhr an, und außer uns war nur eine fünfköpfige Familie zu sehen, die offenbar einen Ausflug plante, mit dem die Kinder ihren Gesichtsausdrücken nach nicht vollkommen einverstanden waren.

„Ist heute Samstag?“ Ich war auch unter den besten Umständen nicht besonders gut mit Wochentagen, innere Uhr hin oder her, und die Zeit im Tank hatte mich vollends durcheinandergebracht.

„Sonntag“, antwortete sie. „Kauft man die Tickets besser am Automaten oder am Schalter? Ich bin ewig nicht mehr Zug gefahren.“

„Du willst nach Frankfurt, oder?“

Sie nickte.

„Dann kaufst du dein Ticket am besten im Zug, der ICE fährt in acht Minuten.“

Sie stand ein paar Sekunden lang stumm vor mir und sah so aus, als wollte sie etwas sagen, tat es dann aber doch nicht.

„Gleis 8?“ fragte sie stattdessen.

„Ja.“

Ich führte sie hin – ist Ihnen auch schon aufgefallen, wie hilflos sich manche Leute an Bahnhöfen anstellen? -, und dann stand wir da.

„Möchtest du vielleicht noch was für unterwegs mitnehmen?“ fragte sie mit einem Blick zu dem Automaten zwischen den beiden Gleisen.

Aus den Lautsprechern begann die Ansage, dass der Zug gleich einfahren würde.

„Danke, ich bin nicht hungrig. Ich… geh mal zum Plan und schaue, wann mein Zug fährt, ja?“

Sie sah eine Zeitlang stumm mit halb offenem Mund zu mir herab, mit einem Gesichtsausdruck wie dem eines Kindes, das ein besonders schwieriges Wort zu lesen versucht.

„Du… kommst nicht mit?“

Ich konnte in ihrer Stimme hören, wie schwer es ihr gefallen war, die Frage zu stellen. Es überraschte mich, dass sie auch nur fragte, aber sie schien wirklich fest damit gerechnet zu haben. Ich sah zu ihr auf und überlegte, wie ich es ihr erklären sollte.

„Konrad?“ fragte sie leise.

Ihr Tonfall und der Blick ihrer großen dunkelblauen Augen waren herzzerreißend. Ich zögerte noch einige Sekunden, die uns beiden sehr lang vorkamen. Ich schüttelte meinen Kopf.

Hinter ihr sah ich den ICE näherkommen.

„Hanna“, sagte ich; zum Teil, weil ich nichts anderes zu sagen wusste, zum Teil, weil ich nicht sicher war, ob ich mehr sagen konnte.

Ihr Kinn fiel noch ein wenig weiter herunter, und ihre Augen weiteten sich noch ein Stück mehr.

„Konrad… sie… du…“ stammelte sie.

Wir standen uns eine Zeitlang gegenüber, ohne ein Wort zu sagen. Ich sah, wie ihre Muskeln sich spannten, in ihrem Gesicht, an ihrem Hals. Wie sie ihre großen kräftigen Hände zu Fäusten ballte und wieder aussteckte.

Der ICE kam zum Stehen, und die Türen öffneten sich. Reisende begannen, auszusteigen.

Und dann drehte sie sich um. Ihre breiten Schultern zitterten ein wenig. Sie tat einen Schritt von mir fort.

„Na gut“, sagte sie. „Dann eben nicht.“

 

Tanja

Ich machte noch einen Schritt auf den Zug zu und blieb wieder einen Moment stehen. Komm schon, dachte ich, halt mich auf, sag irgendwas, sag bitte irgendwas, ich kann es nämlich nicht. Du weißt, dass ich es nicht kann, also sag was.

Aber er tat es nicht. Weil er auch nicht konnte wahrscheinlich, aber aus einem anderen Grund. Bei ihm war es die Sache mit Hanna. Bei mir war es Stolz. So gesehen war mein Grund besser, fand ich. Ich konnte nicht, er wollte einfach nur nicht.

Na los. Sag wenigstens, dass du dich meldest. Oder dass ich mich melden soll.

Aber er tat es nicht. Ich konnte mich nicht erinnern, wo ich das herhatte, aus einem Buch oder einem Film oder von irgendeiner echten Person, aber ich dachte daran, dass Stolz schön und gut ist, aber er antwortet nicht, wenn man um Hilfe ruft, und er wärmt einen nicht, wenn man friert, und er umarmt einen auch nicht, wenn man sich einsam fühlt.

Und dann tat ich etwas, was ich mir nie zugetraut hätte.

 

Konrad

„Konrad, ich liebe dich“, sagte sie schließlich mit brechender Stimme. Ihre Augen schimmerten feucht.

Ich schüttelte meinen Kopf und trat einen Schritt von ihr zurück. Ich sagte nichts. Ich wollte nicht weinen. Sie folgte mir.

„Konrad, bitte!“

Ich sah zu ihr auf, in ihre großen dunkelblauen Augen ertrug ihren flehenden Blick, aber ich konnte nicht antworten. Ich schaffte es, noch einmal meinen Kopf zu schütteln. Alles Weiche verschwand aus Tanja. Ich konnte die Muskeln ihres Unterkiefers hervortreten sehen, als sie ihre Zähne zusammenbiss. Sie sah mich nicht mehr an, sondern über mich hinweg. Die Muskeln, die von ihren Schultern zu ihrem Hals empor liefen, traten wie Drahtseile hervor. Sie schluckte und drehte sich um und stieg in den Zug.

 

Tanja

Natürlich habe ich geweint. Aber erst später. So viel Stolz hatte ich dann doch noch. Ich stieg in den verdammten Zug, allein, allein, so allein, blieb im Gang stehen, starrte gegen die graue Wand und kämpfte gegen die Versuchung an, mich noch einmal zu ihm umzudrehen. Schließlich riss ich mich los und wollte weiter gehen. Ich trat von der Wand zurück und stieß gegen ein Hindernis.

„Können Sie nicht aufpassen, junger Mann?“ hörte ich eine herrische Frauenstimme hinter mir sagen.

Ich wirbelte zu ihr herum, packte sie mit beiden Händen am Kragen und stieß sie heftig gegen die Wand des Zuges. Ich weiß nicht, ob das laute Krachen von ihrem Kopf oder ihrem Rücken rührte, aber es muss ihr sehr wehgetan haben. Ich glaube, ich habe nie in meinem Leben einen Menschen gesehen, der sich so sehr fürchtete wie die alte Frau, deren scheußlichen türkisfarbenen filzigen Blazer ich in meinen verkrampften Händen hielt. Vielleicht hat ihr das das Leben gerettet. Jedenfalls hat es ihr Schmerzen erspart. Es brachte mich wieder soweit zu Verstand, dass ich sie losließ. Ich starrte auf sie herab und hasste sie in diesem Moment mit mehr Inbrunst als je jemand anderen. Sie spürte das offensichtlich, denn sie stand immer noch zusammengekauert und zitternd da und blickte auf ihre kleinen rosafarbenen Schuhe. Ich wusste, dass ich mich entschuldigen sollte. Nicht, weil mir Leid tat, was ich getan hatte – ich hatte es genossen und ich hätte es gerne noch einmal getan -, sondern weil ich nicht auffallen wollte. Ich würde über kurz oder lang ziemlich weit oben auf der Fahndungsliste meiner ehemaligen Kollegen stehen, und eine Bemerkung gegenüber dem Zugführer oder einem zufällig vorbeikommenden BGS-Beamten wäre vielleicht genug gewesen, um meine Flucht zu vereiteln.

Andererseits war ich ja noch gar nicht richtig auf der Flucht, solange mich noch niemand suchte.

Ich stand eine Weile so da – bestimmt kam es ihr noch viel länger vor als mir – und versuchte, etwas zu ihr zu sagen, aber ich schaffte es nicht. Schließlich drehte ich mich doch einfach um und ging. Und blieb wieder stehen. Und dachte nach. Sie werden es nicht erraten, ich konnte mich nicht entscheiden, ob ich im Rauber- oder Nichtraucherbereich sitzen wollte. Dann fiel mir ein, dass es keinen Raucherbereich mehr gab, und ich war sehr erleichtert.

Nachdem ich auf meinem Platz angekommen war und eine Position gefunden hatte, in der meine Knie sich außerhalb der Lehne vor mir befanden, dachte ich kurz darüber nach, trotzdem zu rauchen und mich mit dem ersten grantigen alten Mann zu prügeln, der mich darauf hinwies, dass ich das nicht durfte. Aber ich tat es nicht. Weil ich viel vernünftiger bin als andere immer von mir denken.

Und dann saß ich da, wollte meinen Kopf zurücklehnen, konnte es aber nicht, weil die Lehne zu niedrig war, und fragte mich, ob ich das gerade eben wirklich zu Konrad gesagt hatte. Und ob es stimmte. Was er jetzt wohl von mir dachte. Und ich von ihm. Und ich von mir. Ich dachte über ziemlich vieles nach. Und irgendwann wurde mir etwas klar, und ich staunte. Wenn Konrad mich gebeten hätte, zu bleiben, wenn er gesagt hätte, vergiss das Geld, bleib bei mir, dann hätte ich es wahrscheinlich getan. Das war der Moment, in dem ich anfing zu weinen.

Natürlich weinte ich, weil es wehtat, dass er mich zurückgewiesen hatte. Aber ich weinte auch, weil ich wusste, warum. Ich war eine Kriminelle. Ich war gewöhnlich. Ich war unter seinem Niveau. Ich wollte mein ganzes Leben lang mehr sein, aber ich hatte es nie geschafft. Ich fragte mich, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich ihn kennengelernt hätte, bevor er Hanna geheiratet hatte.

 

Konrad

Finden Sie es kitschig oder eben nicht, ich stand am Bahnhof und sah dem abfahrenden Zug nach und fragte mich, was da passiert war. Damit meine ich nicht nur, dass diese merkwürdige Frau, die mich mit einer Hand in zwei Teile brechen konnte, mir gesagt hatte, dass sie mich liebte, sondern auch meine Entführung, meine Befreiung, Hannas Kind, das nicht von mir war. Und ich fragte mich, was ich jetzt tun würde. Natürlich war das keine besonders schwierige Frage, ich würde nach Hause fahren, zu meiner Familie. Hm. Konnte man das so sagen, meine Familie?

Natürlich fragte ich mich auch, ob ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Natürlich stellte ich mir vor, wie es wohl gewesen wäre, mit Tanja zu gehen. Als endlos reicher Mann in irgendeinem tropischen Land den Rest meines Lebens mit – ja, mit wem zu verbringen? Sicher nicht mit der Frau meiner Träume. Wohl mit einer guten Freundin, aber ist das genug? Ich erinnerte mich an sie, über dem Leichnam eines sehr höflichen, leisen kleinen Mannes, der mir einen Finger abgeschnitten hatte, wie sie schrie und lachte vor Stolz, dass sie ihn getötet hatte. War das eine Freundin von mir? Ich erinnerte mich an sie, mit der Konfirmationskarte für ihren Neffen, so grotesk groß und stark, und trotzdem völlig hilflos und überfordert, und ich lächelte.

Ich war nicht der Richtige für sie. Ich war alt. Ich war weich. Ich war langweilig. Ich wäre gerne mehr gewesen als einfach nur ein gut verdienender Anwalt, aber ich hatte es nie geschafft. Ich fragte mich, wie es wohl gewesen wäre, wenn ich Tanja vor Hanna kennengelernt hätte. Und dann lachte ich. Bevor ich Hanna kennengelernt habe, war Tanja ungefähr elf.

Ich drehte mich um, der ICE war sowieso schon lange nicht mehr zu sehen, und suchte ein Fahrkartenautomaten. Ich war mir nicht sicher, ob ich hoffte, dass bald ein Zug nach Hamburg fuhr, oder ob ich mir einen langen Aufenthalt wünschte.

 

Hannes

Mein Vater hämmerte gegen die Tür, so laut, dass es klang, als würde er sich gleich einschlagen, aber so klang es immer. Nicht, dass es mir deshalb keine Angst machte, aber ich wusste doch immerhin irgendwie, dass er sie nicht wirklich aufbrechen würde.

„Hannes!“ brüllte er. „Hannes, mach sofort die Tür auf! Irene! Warum hat er schon wieder den Schlüssel für die verdammte Tür? Irene!“

Ich schloss die Augen schob die Kopfhörer noch ein bisschen fester auf meine Ohren und drehte Linkin Park auf maximale Lautstärke. Ich wollte nicht hören, was jetzt da draußen passierte. Ich musste es auch nicht hören, ich kannte es auswendig.

Norbert würde seinen Vortrag drüber halten, dass aus mir (aka „Der Junge“) nie was werden würde, und meine Mutter würde irgendwelche halbgaren, möglichst versöhnlichen Antworten geben, die ihn nur noch mehr aufregen würden, und zwischendurch würde er hin und wieder gegen meine Tür hämmern und schreien, dass ich was erleben konnte, wenn er mich in die Finger kriegte.

Und irgendwann würde er die Tür irgendwie aufkriegen, oder ich würde eben rauskommen, und dann würde er seinen Gürtel ausziehen, mit diesem widerlich geheuchelten Gesichtsausdruck, als würde er es nur zu meinem Besten tun.

Als würde es ihm keinen Spaß machen.

Und meine Mutter würde so tun, als ob sie’s nicht mitkriegte.

Manchmal wünschte ich mir, er würde sowas mal versuchen, wenn Tanja hier war.

Manchmal stellte ich mir vor, was sie wohl auf Norberts Vortrag antworten würde.

Leider war sie fast nie hier.

Ich tastete auf meinem Nachttisch nach einer Packung Taschentücher, aber ich fand keine.

Ich öffnete meine Augen, setzte mich auf-

und erstarrte.

Das Fenster zu meinem Zimmer war offen, und vor meinem Bett stand der kantigste Mann der Welt in einem grauen Anzug, die Arme vor der Brust verschränkt und blickte mit ausdrucksloser Miene auf mich herab. Er nickte mir zu, als unsere Augen sich trafen.

Mit kraftlosen Fingern fummelte ich die Kopfhörer los und öffnete den Mund. Es dauerte ein bisschen, bis ich sprechen konnte. War ich eingeschlafen?

Ich musste eingeschlafen sein.

„Was… Was machen Sie hier?“ fragte ich, über das Gedröhne meines Vaters aus dem Flur hinweg, der gerade darüber schimpfte, dass meine Mutter mich permanent verhätschelte. „Wer sind Sie?“

Der Mann nickte noch einmal, langsam und nachdenklich. „Ich bin der Mann, vor dem deine Eltern dich gewarnt haben“, antwortete er.

 

Lesegruppenfragen:

  1. Wäre es für euch eigentlich ganz schlimm, wenn an Silvester doch erst das vorletzte Kapitel erscheint? Ich bin noch nicht ganz sicher, wie es hinkommt.
  2. Klingt Ossips Spruch zu sehr, als wollte er sich an Hannes heranmachen? Ich fand ihn erst ganz lustig, aber je länger ich drüber nachdenke, desto merkwürdiger wird er…
  3. War euch der Kram davor mit Tanja und Konrad zu ausführlich? Nicht ausführlich genug? Zu emotional? Nicht emotional genug?
  4. Das waren zwar eigentlich gerade schon vier Fragen, aber weil Weihnachten ist, gibt’s sogar trotzdem noch eine: Wie empfindet ihr die Schilderung von Hannes‘ familiären Problemen? Ist das zu distanziert, oder kommt rüber, was ich mitteilen will?
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10 Responses to Eine Riesenmenge Geld (20)

  1. Guinan sagt:

    1. Unendlich schlimm, diese Unzuverlässigkeit, und das auch noch zu Weihnachten, also wirklich.
    2. Nach anmachen klang das für mich weniger, aber zu Ossip passt der Spruch irgendwie nicht, viel zu ironisch. Er ist doch eher der geradlinige Typ.
    3. Passt schon. Konrad ist zu mehr Emotion eh nicht fähig und Tanja ist bemüht, sich im Griff zu halten.
    4. Das ist gut so, durch die distanzierte Schilderung kommt das Schreckliche der Situation besonders heraus. Nur eine Anmerkung, meinst du, ein 14/15-Jähriger denkt „aka“?

  2. Muriel sagt:

    @Guinan: 2. Vielleicht hast du Recht…
    4. Danke. Ich weiß nicht. Ich war schon eine Weile nicht mehr 14, und auch damals war ich schon… ein bisschen besonders. Was würde er denn deiner Meinung nach sagen?

  3. Guinan sagt:

    4. Einfach weglassen: … dass aus mir – „Der Junge“ –

  4. Muriel sagt:

    @Guinan: Einfach so? Ich weiß nicht…

  5. Guinan sagt:

    Na, wer ist denn hier der Wortkünstler? Ich doch wohl nicht.
    …dass aus mir – „Der Junge“ würde er mal wieder sagen. Habe ich eigentlich keinen Namen? – nie was werden würde

  6. Muriel sagt:

    @Guinan: Schön, dass es mal einer sagt. Also, dass ich ein Künstler bin.
    Ich bedanke mich jedenfalls für deinen Vorschläge und gehe jetzt mal in mich, um zu entscheiden, was es wird. Vielleicht äußert sich ja hier sogar noch einer der anderen Kommentatoren dazu.
    Ich weiß übrigens zu schätzen, dass du mich sogar jetzt um die Feiertage nicht vergisst. Nur, um das auch mal zu erwähnen.

  7. Guinan sagt:

    Ich freue mich immer, wenn du mich von der Arbeit ablenkst. Das tut richtig gut, so zwischendurch.

  8. Muriel sagt:

    @Guinan: Das hast du aber nett gesagt. Ich fürchte aber, dass heute eher nichts mehr kommt, und wenn, dann erst nach der Arbeit…
    Zumindest an Silvester erscheint hier aber wieder was, darauf ist Verlass.

  9. madove sagt:

    2. Auf Anmachen wäre ich nie gekommen. Ich fand den Spruch auch ein bißchen zu ironisch für Ossip, aber wann kriegt man je wieder so eine Gelegenheit, ihn einzusetzen?

    3. Passend. Unerträglich und schmerzhaft, aber passend, und in seiner Kürze und …emotionalen Mangelhaftigkeit der Sitution angemessen, fürchte ich.

    4. Auch hier passend und unerträglich. Achja: Ich habe als 14Jährige durchaus — oh, aber ich war auch anders

    5. Da ist ein toller freudscher Verschreiber: „Rauber- oder Nichtraucherbereich“

  10. Muriel sagt:

    @madove: 2. So ungefähr wird er sich das gedacht haben…
    5. Ohja, danke.
    Den lasse ich aber erstmal stehen.

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