Eine Riesenmenge Geld (21) Finis

So, liebe Leser, wir haben’s doch noch geschafft. Die letzte Folge unseres Fortsetzungsromans erscheint an Silvester, und ich kann gar nicht sagen, wie hübsch ich das finde, auch wenn es sicherlich heute keiner mehr liest.

Ich wünsche einen schönen Jahreswechsel und viel Vergnügen.

Was bisher geschah

Im ersten Kapitel haben wir Konrad kennengelernt, einen Hamburger Anwalt, der von seiner Frau betrogen wird, und Tanja, eine SEK-Beamte in Düsseldorf, die perfekt einen wütenden Dobermann nachahmen kann.
Im zweiten Kapitel lernen Konrad und Tanja einander kennen und verabreden sich zum Essen.
Im dritten Kapitel essen sie miteinander und fahren zu Tanja nach Hause.
Konrad betritt im vierten Kapitel Tanjas Wohnung, und die beiden beschließen, Freunde zu sein. Am nächsten Tag ruft sie ihn an und bittet ihn, sie noch einmal zu besuchen.
Im fünften Kapitel hilft Konrad Tanja bei einer Konfirmationskarte und bekommt ein Buch geschenkt. Danach fährt er nach Hause und kocht für seine Frau.
Im sechsten Kapitel besucht Tanja die Konfirmationsfeier und schenkt ihrem Neffen das Leatherman Multitool, das ihr gar nicht gehört.
Konrad und Hanna sprechen im siebten Kapitel über ihre Ehe, und Hanna gesteht, dass sie schwanger ist.
Im achten Kapitel sanieren Hanna und Konrad ihre Beziehung, und Tanja hasst den Bus.
Im neunten Kapitel erfolgt der Zugriff, und Konrad stiehlt ein Speichermedium.
Im zehnten Kapitel besucht Tanja Konrad in seinem Hotel, und sie verbringen die Nacht miteinander. Platonisch natürlich.
Im elften Kapitel wird Konrad erst von einem sonderbaren kleinen Asiaten bedroht, und dann von Tanja. Im Aquazoo.
Tanja fährt nach Hamburg und lernt Hanna im zwölften Kapitel kennen.
Im 13. Kapitel wird Konrad entführt, und Hanna nimmt Tanja mit nach Hause.
Im 14. Kapitel wacht Konrad auf, und Tanja kauft Zigaretten. Sie raucht sie aber nicht.
Stattdessen spinnt sie im 15. Kapitel eine Intrige, und lernt Ossip kennen.
Er führt sie im 16. Kapitel dahin, wo Konrad gefangen gehalten wird.
Im 17. Kapitel versucht sie, Konrad zu befreien und fällt dabei selbst in die Hände seiner Entführer.
Im 18. Kapitel tötet Goliath David.
Ossip lässt Tanja und Konrad im 19. Kapitel laufen. Tanja fährt.
Im 20. Kapitel trennen sich Konrads und Tanjas Wege.

Was heute geschieht

Tanja

„Der nächste fliegt in vier Stunden, über Frankfurt und Miami, aber da sind keine freien Plätze mehr.“

„Hatte ich erwähnt, dass der Preis überhaupt keine Rolle spielt?“

Das wollte ich schon immer mal sagen. Wer nicht?

Der schmächtige junge Mann lächelte zu mir auf.

„Hatten Sie, aber hier sind wirklich…“

Ich konnte ihn ja verstehen, ich sah wirklich nicht so aus, als würde Geld keine Rolle spielen.

„Was ist denn in der Ersten Klasse?“

Er lachte.

„Es gibt keine. Sie könnten für 4.000 Euro Business Class fliegen, aber wenn Sie einfach bis morgen“

„Ich will aber nicht morgen, ich will – naja, eigentlich will ich auch nicht in vier Stunden, aber das geht wohl nicht anders. Kann ich mit Karte bezahlen?“

„Hätten Sie es denn auch in Bar?“

„Brauchen Sie Ihre Nase noch für was Bestimmtes?“

„Karte ist gut.“

Konrad

Die Wohnung war auf besorgniserregende Weise leer und dunkel. Es war halb zehn, deshalb hätte Hanna eigentlich schon längst zu Hause sein müssen. Aber da war niemand. Es fühlte sich an, als würde mein Magen zehn Zentimeter tiefer sinken, aber es war eigentlich keine Überraschung. Ich hatte es eigentlich die ganze Zeit über geahnt.

Und natürlich lag da ein Brief für mich auf dem Küchentisch. Nicht einmal ein besonders langer. Nicht unbedingt liebevoll geschrieben, aber ich glaubte ihr, dass ich ihr leidtat. Sie hoffte, dass ich sie verstand, und das tat ich natürlich auch. Sie hoffte, dass es mich nicht zu sehr verletzte, und was heißt schon zu sehr? Ich war zuversichtlich, dass ich nicht an gebrochenem Herzen sterben würde, aber es tat natürlich schon sehr weh.

Sie schrieb, dass sie gerne wollte, dass wir Freunde bleiben, aber dass es ihr lieber wäre, wenn ich mich zumindest in den ersten Wochen nicht bei ihr melden würde. Und sie schrieb, dass sie versucht hatte, nur Dinge mitzunehmen, die ich nicht vermissen würde, und dass ich ihr aber gerne sagen konnte, wenn ich doch etwas wiederhaben wollte. Als ob das mein Problem wäre, dass sie ihren Schmuck nicht zurückgab.

Ich saß über ihrem Brief in der Küche und fuhr mit einer Hand durch meine Haare und seufzte. Drei oder viel Mal nahm ich mein Telefon in die Hand und überlegte, jemanden anzurufen. Einmal sogar Hanna, aber ich tat es nicht.

Schließlich wählte ich doch die Nummer Hans Eschners, und schon während ich das Freizeichen hörte, fragte ich mich verzweifelt, was ich sagen würde. Ich war nicht der Typ, der sich bei anderen wegen seiner privaten Probleme ausweinte, und ich wollte jetzt nicht damit anfangen.

„Ja?“

„Hans, hallo, hier ist Konrad!“

Ich wunderte mich ein bisschen über die Musik, die bei ihm im Hintergrund lief. Sie kam mir vage bekannt vor, und bei ihm lief eigentlich nie Musik, soweit ich mich erinnern konnte.

„Hallo.“

Das fing gut an. Ich überlegte, unter irgendeinem Vorwand gleich wieder aufzulegen, entschied mich aber doch dagegen.

„Ich… hab heute irgendwie nichts zu tun, und ich dachte, wir gehen vielleicht mal wieder in diese scheußliche japanische Restaurant hinter dem Rathaus? Ich komm gerade nicht auf den…“

„Shiki?“

„Ja, genau!“

„Tut mir Leid, Konrad, das wird nichts. Heute hab ich schon ach Zwangsprostituierte eingeladen und zwei Pfund Koks bestellt, um Ben Höscher eine Freude zu machen. Der arme Kerl hatte schon so lange keinen Schuldspruch mehr…“

Ich lachte pflichtschuldig.

„Na gut. Morgen vielleicht?“

Er zögerte. Das tat er sonst eigentlich nie. „Muss ich mal sehen. Konrad, ist leider gerade ungünstig, kann ich dich später zurückrufen?“

„Klar kannst du, tut mir Leid, wenn ich störe… Du, was ist das für Musik bei dir?“

Wieder eine Pause. „Das ist Radio, keine Ahnung.“

Das Radio spielte jetzt schon den zweiten Track aus „So-Called Chaos“. In der richtigen Reihenfolge. Ich wusste das, weil es Hannas Lieblingsalbum war.

„Hans, das ist jetzt vielleicht eine komische Frag, aber… Ist sie bei dir?“

„Ich weiß jetzt gerade nicht, was darauf die richtige Antwort wäre, Konrad…“

„Macht nichts“, antwortete ich. „Ich weiß gerade auch nicht, was ich sagen soll.“

Ich legte auf.

Später an dem Abend stellte ich fest, dass sie wirklich die Schmuckstücke in ihrer Kommode gelassen hatte, die ich ihr geschenkt hatte, und das tat auch weh.

Immerhin hatte sie Captain Morgan allem Anschein nach mitgenommen.

Tanja

Wann immer ich es konnte, habe ich es vermieden zu fliegen. Natürlich musste ich als Kind mit der Familie zusammen, aber seit ich das selbst entscheiden kann, lasse ich es. Vielleicht glauben Sie, dass Sie in der Economy Class unbequem sitzen, aber stellen Sie sich mal vor, Ihre Beine wären noch mal zwanzig oder dreißig Zentimeter länger. Genau. Business war erträglich. Ungefähr so wie für Sie die Economy Class vielleicht. Ich war jedenfalls über jeden der beiden Umstiege heilfroh, und als ich in Georgetown ausstieg, war ich in so feierlicher Stimmung, dass ich mir am Flughafen eine Oakley-Sonnenbrille für 560 Dollar kaufte. Es war wirklich unanständig sonnig, und Geld war jetzt wirklich nicht mehr mein Problem. Den Gedanken daran, dass vielleicht noch etwas schiefgehen könnte, ließ ich einfach nicht zu. Natürlich wäre es auch in dem Fall nicht mehr auf die 560 Dollar angekommen.

Ich verließ den Flughafen, und stieg in ein Taxi. Ich war in der Schule immer gar nicht so schlecht in Englisch – Sie wissen schon, der Sportlehrer – aber immer, wenn ich es wirklich sprechen musste, fühlte ich mich plötzlich schrecklich unzulänglich, weil mir jedes Mal wieder irgendein selbstverständliches Wort nicht einfallen wollte. Im Dienst brauchte ich es auch verdammt selten. Auf Streife früher hin und wieder mal, aber auch da hatte ich versucht, es zu vermeiden. Und besonders dämlich kam ich mir immer vor, weil es jedes Mal ein Wort war, das ich eigentlich gar nicht brauchte. Gutes Beispiel:

„Please drive me to the – Ähm…“ Haupteingang. Warum Haupteingang? Ich musste einfach nur den Namen der blöden Bank sagen, aber ich stammelte einige Sekunden lang herum, die mir wie Minuten vorkamen, bis ich schließlich darauf kam. „Latham Mutual, please.“

Einfach nur ablesen. Englischkenntnisse überflüssig. Egal, dachte ich, wenn ich klug wäre, wäre ich nicht hier. Dumm aber reich, es gibt Schlimmeres. Ich fragte mich kurz, wie Konrads Englisch wohl war, aber das war auch völlig egal.

Georgetown war genau so, wie ich mir die Hauptstadt der Cayman Islands vorgestellt hatte. Tropisch, voller schicker weißer Gebäude, teurer Autos und natürlich Banken. Nur ein bisschen kleiner, und ab und zu konnte ich einen Blick auf einen großen und ziemlich industriell wirkenden Hafen erhaschen. Ein paar Leute hier mussten ihr Geld doch anders verdienen als mit Steuerhinterziehung. Oder zumindest nur indirekt.

Latham Mutual war von außen keine eindrucksvolle Bank, es war ein unauffälliges weißes Gebäude, das genauso gut eine Anwaltskanzlei oder ein mittelmäßig teures Wohnhaus hätte sein können. Es gab drinnen keine Schalter und keine Wachleute, und auch sonst nichts, was eigentlich in eine Bank gehört. Keinen Tresor, keine Kasse, nicht mal Computer. Zumindest nicht so, dass ich sie hätte sehen können.

Ein unglaublich diskreter dicker Mann in einem hellgrauen Anzug glitt auf mich zu und sah mich mit einer Mischung aus Besorgnis und beschwichtigender Freundlichkeit an. Er wollte mich offensichtlich so schnell wie möglich darüber aufklären, dass ich mich bedauerlicherweise in der Tür geirrt hatte, die Cage-Fights fanden in der nächsten Querstraße statt.

Bevor er dazu kaum, zog ich wortlos den Stick aus meiner Tasche und gab ihn ihm. Er nickte und sagte etwas, was ich nicht verstand, was aber gewiss bedeutete, dass ich ihm folgen sollte. Er hatte natürlich die ganze Zeit gewusst, dass ich wegen der 50 Millionen hier war, ich hatte es ihm nur noch einmal bestätigt. Ich folgte ihm in einen kleinen Raum, dessen gesamtes Mobiliar aus zwei sehr bequemen altmodischen Ledersesseln und einem Gemälde von einer Segelyacht bestand. Er zeigte auf einen der Sessel, und diesmal meinte ich, ihn zu verstehen. Please, take a seat. Er hatte einen unglaublich schweren französischen Akzent. Hatten die Caymans irgendwas mit Frankreich zu tun?

Ich setzte mich, und er verschwand. Ich fragte mich, ob ich warten oder weglaufen sollte. Ging er, um das Geld zu holen? Ging er, um die Leute zu informieren, denen es gehörte? Würde er mit einer Maschinenpistole zurückkehren? Ich entschied mich zu warten, warum war ich sonst hier? Und zum allerersten Mal fragte ich mich, wie er mir überhaupt 50 Millionen Dollar geben konnte. Irgendwo hatte ich mal gelesen, dass eine Million in hundert-Dollar-Scheinen ganz gut in einen schmalen Aktenkoffer passte. Gab es fünfhundert-Dollar-Scheine? Tausend? Ich hatte so eine vage Erinnerung, dass bei hundert Schluss war. Egal. Er würde das schon regeln. Er schien mir der Typ zu sein, der so etwas regelte.

Es dauerte nicht ganz fünf Minuten, bis ein anderer, weniger dicker Mann in einem genauso hellgrauen Anzug eintrat und die Tür lautlos hinter sich schloss. Er war älter als der erste, mindestens vierzig, und er trug einen kurz gestutzten Vollbart. Er hatte karottenrote Haare und hätte nur noch irischer aussehen können, wenn er sechzig Zentimeter hoch gewesen wäre und eine Fiedel und einen Topf voll Gold gehalten hätte. Er nickte mir freundlich zu, um in dem Sessel mir schräg gegenüber Platz zu nehmen.

„Where would you like to transfer the money?“

Er sprach nicht besonders langsam, aber ich verstand ihn trotzdem perfekt. Er hatte eine unglaublich klare Aussprache.

Natürlich. Niemand hier würde mir das Geld in Bar auszahlen. Oder? Ich versuchte, schnell zu denken. Das kann ich eigentlich ganz gut, nur wenn es gründlich sein muss, bekomme ich Probleme. Man muss schnell denken können, wenn man zu dämlich ist, sich vorher einen Plan zu überlegen. Jemand hatte die 50 Millionen auf diesem Konto deponiert, um Konrads Mandanten später die Daten zu geben, damit der sie sich holen konnte. Es ging hier um schmutziges Geld, also gehörte es wahrscheinlich nicht zum Plan, dass er es sich einfach auf sein Privatkonto in Schweden oder wo immer er herkam überweisen ließ. Wahrscheinlich war es in Großkriminellenkreisen üblich, diverse Konten in den üblichen Ländern zu unterhalten, aber war es Pflicht? Ich beschloss, einen direkten Ansatz zu riskieren. Diese Leute hier hatten bestimmt Weisung, jedem das Geld zu geben, der die richtigen Kennungen vorlegte. Sie würden nicht bei Ossips Leuten anrufen, bloß weil ich mich ein bisschen trampelig anstellte. Bestimmt nicht.

„I do not have a…“ Konto, Konto… Richtig. „An account that you could use for that.“

Er zögerte. Sein sommersprossiges Koboldgesicht verriet nicht, was er dachte, während er mich distanziert musterte, aber es war wahrscheinlich nichts besonders Schmeichelhaftes.

„I see“, sagte er, in einem Tonfall, der meine Befürchtung vollständig bestätigte, und nach einer kurzen Pause fuhr er fort: „Would you like us to offer you a solution for that, or do you have one in mind already?“

Ich dachte nach, bis ich sicher war, die richtigen Worte gefunden zu haben. Falls es ihm zu lange dauerte, ließ er es sich jedenfalls nicht anmerken.

„I would like to move the money someplace where it cannot be found but where I can reach it.”

„I see”, sagte er noch einmal. „That’s not a problem, your account is already completely confidential, no traces anywhere, don’t worry. You can just leave the lump sum standing and collect the interest if you like.”

Er wusste natürlich nicht, dass meine Sorge weniger dem Finanzamt oder der Polizei galt, als den bisherigen Eigentümern des Geldes. Das wollte ich ihm aber nicht sagen; mein Vertrauen in die Verschwiegenheit dieses Mannes hatte seine Grenzen.

„I cannot come here again. You need to transfer the money somewhere else. Can you do that?”

Er dachte kurz nach.

„Sure. Just wait a minute.“

Er kam mit einem Stapel von Formularen wieder, die ich wahrscheinlich auch nicht verstanden hätte, wenn sie auf Deutsch gewesen wären. Er erklärte mir ziemlich ausführlich, warum er einige Unterschriften von mir brauchte und warum aber trotzdem sichergestellt war, dass alles unter uns blieb. Es war einer dieser Momente, in denen man das Gefühl hat, dass man gut aufpassen sollte, es einem aber einfach zu sehr egal ist. Wie bei einer Wohnungsübergabe, oder wenn einem ein Mietwagen erklärt wird.

Ich unterschrieb ihm alles, und er erklärte mir, was jetzt mit den 50 Millionen passieren würde. Das war mir dann doch wichtig, und ich fragte drei Mal nach, bis ich sicher war, dass ich es begriffen hatte. Es war tatsächlich eine praktische, sehr einfache Lösung, und dass Ossips Leute nicht dahinterkommen würden, musste ich eben einfach glauben. Zum Schluss zahlte er mir auf meine Bitte noch 10.000 Dollar in Bar aus, schüttelte meine Hand, als wäre sie aus Porzellan, und verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass er sich sehr freuen würde, mich wiederzusehen.

Im letzten Moment hielt ich noch inne und fragte ihn, ob er mir sagen könnte, wo ich eine Waffe kaufen konnte. Er verzog ein bisschen das Gesicht, gab mir dann aber doch einen Tipp.

Ich verließ die Bank, trat in die tropische Sonne der Caymans und setzte meine Sonnenbrille wieder auf. Es war jetzt endgültig real, das Geld gehörte mir, es war geschafft. Trotzdem fühlte ich mich nicht so, wie ich es mir vorgestellt hatte. Aber das geht einem wohl immer so, wenn man das Ziel seiner Träume schließlich erreicht, deswegen dachte ich mir zuerst nichts dabei.

Falls Sie mal Bedarf haben: Es ist auf den Caymans angenehm einfach, eine Feuerwaffe zu kaufen. Sie hatten sogar mein Lieblingsmodell, und es war kein bisschen teuer.

Als ich die Tür zu meinem Hotelzimmer hinter mir schloss und zum ersten Mal in meinem Leben sah, was man für 800 Dollar pro Nacht alles haben kann – eigentlich nicht viel, was ich bisher vermisst hatte -, hatte das Gefühl sich von mittlerer Enttäuschung zu völliger emotionaler Erschöpfung entwickelt. Ich fiel auf das gewaltige Bett und fühlte mich bestimmt eine halbe Stunde lang nicht nur unwillig, sonder unfähig, mich zu bewegen.

Vielleicht lag es auch daran, dass niemand sich mit mir freute. Wenn man plötzlich unermesslich reich wird, möchte man das mit anderen teilen. Tatsächlich spürte ich das Bedürfnis, mit jemandem darüber zu reden, mit jemandem zu feiern, jemandem einfach so ein Flugzeug zu schenken.

Aber es gab niemanden. Ich konnte Jan oder Arne anrufen, und dann hoffen, dass sie sich strafbar machen und ihre Karriere riskieren und es für sich behalten würden. Ich konnte meine Mutter anrufen, und mir anschließend beliebig lange anhören, wie enttäuscht sie von mir war, dass sie sich Sorgen machte und dass ich mich auf Hannes’ Konfirmation unmöglich benommen hatte. Ich konnte meine Schwester anrufen und versuchen zu überspielen, dass wir uns schon lange nichts mehr zu sagen hatten. Ich konnte – nein, Konrad konnte ich nicht anrufen. Vielleicht die Telefonseelsorge, die hatten angeblich immer ein offenes Ohr.

Es gab niemanden. Aber das würde sich gewiss ändern. Wie schwer kann es sein, neue Freunde zu finden, wenn man 50 Millionen Dollar besitzt?

Ich griff nach dem Telefon und wählte die Nummer der Rezeption. Der Concierge sprach tatsächlich Deutsch. Nicht besonders gut, aber genug, um mich beim Einchecken angenehm zu überraschen.

„Ich brauche Gesellschaft“, sagte ich, und war gespannt, was als Nächstes passieren würde.

„Welche Art Gesellschaft?“ fragte er, als wäre es ganz alltäglich. War es wahrscheinlich auch.

Ich wusste nicht, was ich antworten sollte, und er bemerkte das, noch bevor eine zu lange peinliche Pause entstand.

„Wir können Ihnen gerne einen Escort-Dienst empfehlen. Haben Sie Interesse an einer bestimmten Richtung Gesellschaft?“

„Er sollte nicht zu jung sein“, begann ich. So um die Vierzig. Jemand, der in einem Anzug vertrauenswürdig und sympathisch aussah, wie aus einer Werbeanzeige für eine Versicherung. Jemand, der mir die Antwort gab, die ich mir wünschte, wenn ich ihm sagte, dass ich ihn liebte. Ein Anwalt aus Hamburg.

Mir wurde klar, dass ich dabei war, etwas zu tun, wofür ich mich den Rest meines Lebens schämen würde.

„Hat sich erledigt“, sagte ich, und drückte die rote Taste.

Und dann saß ich auf meinem Bett, das sogar für mich groß genug war, in meinem Hotelzimmer auf den Caiman Islands, die wahrscheinlich reichste Polizistin der Welt, und ich wusste nichts mit mir anzufangen. Ich hielt das Telefon in meiner Hand starrte es an, als könnte es mir sagen, wen ich anrufen könnte, wen ich zu erreichen versuchen konnte. Als könnte es mich mit irgendjemandem verbinden.

Ich bekam gar nicht richtig mit, wie es geschah, aber als ich das Telefon wieder auf den Nachttisch legen wollte, war es zerbrochen, und meine Hand blutete ein bisschen.

Das war kein Problem. Ich konnte es mir leisten.

Konrad

Wie reagiert man, wenn man so einen Brief von seiner Frau bekommt? In Filmen muss man ihnen nachlaufen, dann wird alles gut. In Filmen war aber auch immer jemand da, der den jungen Helden dazu überredet. Und ich brauchte gerade ein ganze Menge Überredung, um Hanna nachzulaufen.

Ich dachte darüber nach, selbst auch einen Brief zu schreiben, ich hielt sogar schon meinen Lieblingsfüller in der Hand, aber dann legte ich ihn wieder zurück in seine Schublade. Was sollte ich schreiben? Sie hatte sich entschieden. Ich war mir nicht sicher, ob ich etwas gegen ihre Entscheidung einzuwenden hatte. Es war vorbei.

Ich konnte mich jetzt entscheiden, ob ich ein armseliger vierzigjähriger Junggeselle werden wollte, der jeden freien Abend in so einer merkwürdigen Bar verbringt und versucht, doch noch eine Frau kennenzulernen, obwohl es dafür zu spät ist, oder ob ich ein armseliger vierzigjähriger Junggeselle werden wollte, der einmal um die halbe Welt flog, um eine Frau wiederzufinden, die halb so alt und doppelt so groß war wie er selbst, damit sie ihm sagen konnte, dass es dafür zu spät ist.

Natürlich konnte ich auch einfach nur so ein armseliger vierzigjähriger Junggeselle sein, aber es schien mir schwer vorstellbar, keine Frau in meinem Leben zu haben.

Insofern kam es mir sehr gelegen, dass in dieser Nacht mein Telefon klingelte und mir die Entscheidung abnahm.

„Dr. Jacobi?“ fragte eine tiefe, sehr monotone Männerstimme, die mir sehr bekannt vorkam, die ich aber trotzdem nicht sofort zuordnen konnte.

„Ja. Mit wem spreche ich denn?“

„Dr. Jacobi, ich denke, Sie sollten wissen, wo Sie Tanja Berger finden können.“

„Was?“

„Sie würde sich freuen, Sie zu sehen. Und für Sie wäre es auch das Beste, wenn Sie mich fragen. Natürlich müssen Sie das nicht. Ich kenne Sie kaum.“

Ich wundere mich eigentlich, dass ich nicht länger darüber nachgedacht habe. Das einzige, was mich überhaupt hielt, war ein merkwürdiges Gefühl von Loyalität gegenüber meiner Kanzlei. An meine Familie habe ich nicht einmal gedacht. Nur an meine Kollegen, und außer denen hatte ich auch keine Freunde, die der Rede wert gewesen wären. Also nahm ich das nächste Flugzeug.

Einerseits war es zu spät, um in einem Reisebüro anzurufen, andererseits war ich aber zu ungeduldig, um bis zum nächsten Morgen untätig zu bleiben. Deshalb entschied ich mich, zum ersten Mal eine dieser zahlreichen Internetseiten zum Thema Reisen zu besuchen und dort mein Glück zu versuchen. Zuerst war es ziemlich unübersichtlich, aber nachdem ich ein bisschen herumprobiert hatte, fand ich einen sympathischen Anbieter und eine schnelle Verbindung mit nur einem Umstieg. Die nahm ich.

Tanja

Ich konnte nicht gut schlafen. Deshalb stand ich irgendwann wieder auf, nachdem ich mich gefühlte zwanzig Stunden lang in diesem riesigen Bett herumgewälzt hatte und dabei keine noch so abartige Position ausgelassen hatte. Im Ernst, ich glaube, ich lag einmal sogar mit dem Kopf am Fußende und den Füßen auf dem Boden, das einzige, was fehlte, war ein Handstand.

Ich zog mich also wieder an und fragte den Mann an der Rezeption – er hat irgendeinen französischen Namen, aber den kann ich mir nicht merken, und es ist nicht Portier – was man um diese Zeit so in Georgetown anstellte. Er schien das kein bisschen merkwürdig zu finden; aber warum auch? Er empfahl mir ein Restaurant, eine Bar und einen Club. Ich entschied mich für die Bar, ging hin, hörte die Musik, sah die tanzenden Menschen und die trinkenden Menschen und die Menschen, die gerne tanzen oder trinken wollten, aber aus irgendeinem Grund nur zusahen, und ging wieder zurück zum Hotel. Der Mann an der Rezeption schien auch das nicht merkwürdig zu finden. Er begrüßte mich freundlich und gab mir meinen Schlüssel zurück und wünschte mir eine gute Nacht.

Kurz vor meiner Tür blieb ich stehen, und mein Kaugummi fiel herab, als meine Kiefer in der Kaubewegung halb offen stehen blieben. Auf dem Boden vor meinem Zimmer lag ein glänzendes Bonbonpapier.

Ich stützte mich mit einer Hand an die Terracottakacheln des Flures und seufzte. Ich fühlte mich plötzlich schrecklich müde und hatte überhaupt keine Lust mehr auf dieses blöde Spiel. Vielleicht, weil mir gerade klar wurde, dass das durchaus den Rest meines Lebens – wie viel auch immer davon noch übrig war – so weitergehen konnte.

Ich weiß nicht mehr, ob ich wirklich leise „Bringen wir’s hinter uns“ gesagt oder vielleicht nur gedacht habe. Ich zog meine Waffe und legte eine Hand auf den Türknauf. Ich atmete tief durch, drehte den Knauf, schubste die Tür auf und spähte mit der Pistole im Anschlag in den Raum. So halb professionell und lustlos. Mein Ausbilder hätte einen Schreikrampf bekommen, aber ich ahnte schon, dass es keine Rolle spielte, und ich hatte Recht. Keine Ahnung, warum ich’s immer vorher weiß und es trotzdem so selten richtig mache.

Es war natürlich Ossip. Er saß auf einem Stuhl, den er so hingerückt hatte, dass er frontal zur Tür schaute. Er saß da wie ein Standbild, und er hatte in der linken Hand seine hässliche kleine Makarov, und ich war mir irgendwie völlig sicher, dass er mich damit treffen würde, obwohl er sie einfach nur so in der Hand hielt, ohne zu zielen. Ich hätte es natürlich drauf ankommen lassen können, zuerst zu schießen, aber das war mir zu riskant. Ich hänge doch ziemlich am Leben.

„Hallo, Ossip“, sagte ich. „Ich hätte aufgeräumt, wenn ich gewusst hätte, dass Sie kommen. Warum haben Sie nicht angerufen?“

Er deutete ein ganz leises Schulterzucken an, stand auf und kam auf mich zu. Mit seiner freien Hand griff er in die Innentasche seines Jackets – was mir natürlich keine Sorgen bereitete, weil er ja in der anderen eh schon seine Waffe hielt -, zog ein kleines Mobiltelefon mit einem Touchscreen hervor und gab es mir. Es zeigte ein Bild von Hannes. Ein Video. Es war nicht viel drauf zu sehen, nur sein Gesicht, das im Blitzlicht unglaublich blass aussah, und seine Tränen, und ein undeutlicher Hintergrund, der vielleicht ein dunkler staubiger Keller war. Er drehte hin und wieder den Kopf hin und her und schniefte. Es schien, als würde er auf einem Stuhl sitzen, wahrscheinlich gefesselt.

„Das ist live“, erklärte er. „Sie können das Gerät behalten, zur Erinnerung.“

„Was…“ begann ich, aber ich konnte mich nicht entscheiden, welche Frage ich stellen wollte.

„Sie wollen ihr Geld“, sagte er mit seiner monotonen Stimme. „Normalerweise verletzen wir keine Kinder, aber in Anbetracht der Summe würden wir eine Ausnahme machen.“

„Wo ist er?“

In seinem Gesicht passierte nicht viel, aber er sah trotzdem ein bisschen mitleidig aus, als er antwortete:

„Sie geben uns das Geld zurück, oder Hannes stirbt. Sehr langsam. Sie werden zusehen können, falls der Akku so lange hält.“

Ich schluckte. Er sagte das so, als würde er aus dem Telefonbuch vorlesen.

„Er hat nichts damit zu tun“, sagte ich, obwohl ich schon wusste, dass es keine Rolle spielte.

„Es spielt keine Rolle“, sagte Ossip. „Sie können die Regeln unfair finden, aber sie ändern sich deshalb nicht.“

„Wenn ich Ihnen das Geld zurückgebe, lassen Sie ihn gehen?“

Er nickte.

„Er kommt frei, sobald die Gutschrift bestätigt ist. Unverletzt.“

Er nickte.

Ich seufzte. Ich schüttelte den Kopf. Ich hatte wirklich keine Lust mehr.

Ich packte Ossips Hand mit der Pistole, schlug sie kräftig gegen die Wand und stieß meine Stirn gegen seine Nase. Und noch einmal. Ich rammte mein Knie zwischen seine Beine, und er fiel auf seine Knie. Ich stieß mein Knie in sein Gesicht, und er fiel rücklings auf den Boden. Die Pistole ließ er los, ich hielt sie fest und warf sie hinter mich. Er hatte die ganze Zeit über nicht einmal versucht sich zu wehren, und jetzt sahen mich seine kleinen ausdruckslosen Augen aus seinem blutigen Gesicht vom Fußboden aus an.

Ossip war bewaffnet gewesen. Er arbeitete für eine russische Verbrecherorganisation, die Atomwaffen schmuggelte und Kinder entführte, und die meinen Neffen bedrohte. Warum fühlte ich mich wie ein fieser Schläger, der einen wehrlosen Mann verprügelte?

Ich stand über ihm und keuchte ein bisschen, weniger wegen der körperlichen Anstrengung als wegen der emotionalen.

„Einverstanden“, sagte ich.

„Wissen Sie, wie der Dollarkurs sich in den letzten 24 Stunden entwickelt hat?“ fragte er. Man hörte kaum an seiner Aussprache, dass seine Lippen aufgeplatzt waren und er furchtbare Schmerzen hatte. Haben musste.

Ich sah ihn mit offenem Mund an.

„Was?“

„Er ist um 1,7% gestiegen. Ich weiß natürlich nicht, was bis morgen früh passiert, aber wenn Sie ein bisschen Glück haben, bleibt Ihnen noch fast eine Million Dollar, nachdem Sie das Geld zurückgezahlt haben.“

„Was?“

Er schüttelte den Kopf, während er langsam und umständlich aufstand.

„Sie müssen es nicht verstehen“, sagte er. „Sie können das Geld trotzdem behalten. Und sich freuen, dass es nicht andersherum gekommen ist, falls Ihnen das noch nicht reicht.“

Hannes

Der sonderbare Mann trug zweifarbige Lederschuhe, leuchtend rot und weiß. Er trug eine hellbraune Cordhose, einen bunten Wollpullover und darüber ein Cordjackett mit aufgenähten Lederflicken an den Ellenbogen. Das Jackett war ihm zu weit und schlotterte über seiner schlaksigen Figur. Er trug einen Panamahut, unter dem langes, lockiges braunes Haar hervorquoll, und eine große kreisrunde Brille mit aufgesetzten gelb getönten Gläsern. Die getönten Gläser waren hochgeklappt, sodass sie horizontal von seinen Augenbrauen abstanden. Er trug einen wild wuchernden Vollbart von der gleichen Farbe wie sein Haupthaar, und das strahlende Lächeln eines Kindes kurz vor Weihnachten. Sein Gesicht war von tiefen Furchen durchzogen, seine Augenbrauen buschig und sonderbarerweise grau meliert.

Er hatte sich mir als Pawel vorgestellt, und er kam mir von Anfang an so sympathisch tapsig und harmlos vor, dass ich einfach keine Angst vor ihm haben konnte, obwohl ich in einem kalten fensterlosen Kellerraum an einen Stuhl gefesselt war.

Der andere Kerl mit dem Schmerbauch und dem Nasenring war gruselig, aber ich hatte ihn nicht mehr gesehen, seit er mich hier angebunden hatte.

„Gute Nachrichten!“ rief Pawel mit seinem gemütlichen polnischen Akzent, „Deine Tante hat das Geld zurückgezahlt! Wir können dich gehen lassen, Hannes.“

Er wuschelte mit seiner Hand durch mein Haar – klar, normalerweise hasse ich das, aber in diesem Moment störte es mich nicht besonders – und kniete hinter meinem Stuhl nieder, um mich loszubinden.

„Möchtest du vielleicht noch duschen, bevor wir dich freilassen? Ich glaube, wir haben auch noch einen Satz frischer Kleidung für dich.“

„Ähm… Nein danke.“

Wie kam er darauf, mich auch nur zu fragen?

Ich stöhnte, stand auf und lief ein bisschen auf und ab, nachdem er mich losgemacht hatte. Es ging ohne Probleme, weil die Fesseln nicht zu fest gewesen waren. Ich schätze, alles in allem waren sie sehr freundlich zu mir gewesen, auch wenn ich das in diesem Moment natürlich nicht besonders zu schätzen wusste.

„Na dann komm.“

Er hielt mir die Tür auf und nahm meine Hand, während wir die schmale dunkle Treppe mit den winzigen Stufen hinaufkletterten. Seine Hand war kalt und nass, und die Berührung war mir unangenehm, aber ich wagte nicht, ihm das zu sagen, so freundlich er auch schien.

Eine zweite Tür am oberen Ende der Treppe führte in einen weiß gestrichenen Flur mit zwei großen Fenstern, durch die so gleißend helles Licht hereinströmte, dass ich reflexartig meine Augen zusammenkniff und beinahe wieder die Treppe hinuntergestolpert wäre.

„Na, vorsicht“, murmelte Pawel, tätschelte meine Schulter und schob mich ein paar Schritte vor, um die Kellertür hinter mir zu schließen. Während ich mich blinzelnd an die Helligkeit gewöhnte, hörte ich hinter mir das Rascheln von Kleidung.

Verwirrt drehte ich mich um.

Pawel hatte sein Jackett an einen Kleiderhaken gehängt und seinen Pullover ausgezogen.

„Ist heiß draußen, ohne Klimaanlage“, sagte er. „Im Auto friere ich dann wieder, aber so ist das Leben.“

Er klemmte sich den Pullover unordentlich zusammengerollt unter dem Arm, nachdem er sein Jackett wieder übergezogen hatte – drunter trug er ein dunkelbeiges Shirt mit einem Bild einer Pfeife und einem Satz drunter, der französisch aussah.

„Willst du dein Sweatshirt ausziehen, oder nicht?“

Ich hatte zwei Tage in diesem ekligen Keller verbracht. Falls es draußen wirklich so heiß war, freute ich mich drauf.

„Nein, danke.“

„Na, dann komm.“

Er klappte die getönten Gläser seiner Brille herunter mit einem Habitus, als hätte er einen Weltraumhelm geschlossen.

Ich war noch nie in einer dieser riesigen schwarzen Stretchlimousinen gefahren. Ich glaube, ich hatte bis zu diesem Tag noch nicht mal eine in Wirklichkeit gesehen.

Leider war ich nicht in der Stimmung, mich dafür zu begeistern, aber es war schon eindrucksvoll. Da drin gab es einen riesigen Plasmafernseher, einen Kühlschrank, eine Stereoanlage, sogar eine PS3.

Pawel saß mir die ganze Fahr über stumm lächelnd gegenüber, die Arme umeinander geschlungen. Mir kam es auch so vor, als wäre es im Wagen sogar noch kälter als im Keller, aber es war mir egal.

Wir hielten vor einem palastartigen Hotel, vor dessen säulen- und palmenverzierten Hauptportal eine weitere Sammlung von Sport- und Luxusautos stand, die mich wahrscheinlich restlos begeistert hätten, wenn ich nicht eine Entführungsopfer gewesen wäre, und mich irgendwie für Autos interessiert hätte.

Ich nahm sie kaum wahr, weil ich überhaupt kaum etwas sah außer Tanjas riesiger und so unglaublich beruhigender Gestalt neben dem kostümierten Portier.

„Nur zu, steig‘ aus“, sagte Ossip.

Ich sprang aus dem Wagen und lief auf Tanja zu. Ihre Lippen teilten sich in einem breiten Grinsen, und sie riss sich die Sonnenbrille aus dem Gesicht. Sie nahm mich in die Arme, hob mich auf und drehte mich zweimal im Kreis. Sowas machten wir sonst natürlich nie, aber sonst war eben anders.

Ich sog scharf Luft zwischen den Zähnen ein, als sie beim Absetzen eine wunde Stelle berührte.

Sie stockte und hob meinen Sweater.

„Tanja!“ zischte ich, weil es mir peinlich war, hier auf offener Straße.

„Ossip hat mir versprochen, dass Sie“, begann sie, Pawel anzufahren, aber unterbracht sie in seiner ruhigen, freundlichen Art, die mich irgendwie an einen Psychiater erinnerte.

„Wir haben ihn nicht angerührt, Frau Berger.“

Sie drehte ihren Kopf wieder zu mir. „Heißt das…“

Ich nickte. „Können wir das vielleicht… drinnen besprechen?“ fragte ich.

Ich sah, wie die Muskeln ihres Kiefers und ihres Halses sich anspannten, als sie die Zähne zusammenbiss.

„Norbert, du widerwärtiges Stück Urschleim“, knurrte sie.

Nachdem sie Pawel einen letzten, schwer zu deutenden Blick zugeworfen hatte, den er nur mit einem langsamen Nicken quittierte, führte sie mich in die Hotellobby und auf ihr Zimmer.

„Hat er das öfter gemacht?“ fragte sie. Ich musste mich daran erinnern, dass sie nicht auf mich böse war, um angesichts ihres Blickes und ihres Tonfalls nicht zurückzuweichen.

Ich nickte zögerlich.

Sie stöhnte, drehte sich um, lief ein Stück bis zur Wand und kehrte wieder zu mir zurück, um ratlos vor mir stehen zu bleiben und auf mich herabzublicken.

Sie seufzte und schüttelte ihren Kopf.

„Willst du nach Deutschland zurück?“

Ich zuckte die Schultern.

Konrad

Ich fand Tanja schließlich in einer sehr stimmungsvollen kleinen Bar voller Bambusdekoration und voller Zigarrenrauch und voller Menschen, vor denen ich mich instinktiv fürchtete.

Ihre Rastazöpfe wirkten hier viel weniger fehl am Platz als an der SEK-Beamten in Düsseldorf, auch wenn sich an ihrer Kleidung nicht viel geändert hatte. Über einer dunkelblauen Jeans trug sie ein hellgraues T-Shirt, auf dem ein Bild von Mr. T prangte, oder zumindest von jemandem, der ihm sehr ähnlich sah, behangen mit so viel Schmuck und Gold und Edelsteinen, dass man seinen Hals kaum noch sehen konnte.

„The chains that we wear are of our own making” stand darunter.

Sie unterhielt sich mit einem dunkelhaarigen Jungen zusammen am Tresen und hielt ein reich geschmücktes großes Glas mit irgendeinem bunten Cocktail in der Hand.

Das war merkwürdig. Der Junge war höchstens 16, vielleicht jünger, und auf den ersten Blick sah es so aus, als wären die beiden sehr vertraut miteinander. Ich beschloss, mit einem Urteil abzuwarten, bis ich wusste, was ich sah. War meistens eine gute Idee.

Sie lachte, bis sie mich bemerkte.

Sie ging langsam auf mich zu. Sie ging schnurgerade, nur ein bisschen langsam, aber ich konnte sehen, dass sie betrunken war. Sehr nah vor mir blieb sie stehen und sah mich an, als wäre sie sich nicht ganz sicher, ob wir uns schon mal irgendwo gesehen hatten. Sie öffnete zwei Mal den Mund, um etwas zu sagen, und schloss ihn dann wieder. Ein kleines Lächeln geisterte um ihre Mundwinkel, und sie schüttelte langsam ihren Kopf.

Ich sah zu ihr auf, meinen Kopf weit in den Nacken gelegt, und fragte mich, ob es ein Fehler gewesen war, zu ihr zu kommen.

Sie packte mich und zog mich zu sich, als wäre ich ein Spielzeug. Sie küsste mich und steckte ihre Zunge tief in meinen Mund. Es war vielleicht der am wenigsten erotische Kuss meines Lebens von einer Frau, mit der ich nicht verwandt war. Sie schmeckte nach Rum und Zigarren und Abenteuer.

 

Lesegruppenfragen:

  1. Hätte ich den englischen Dialog übersetzen sollen?
  2. Überhaupt: Ist der Teil in der Bank zu langweilig?
  3. Und Hannes‘ Befreiung? Wie fandet ihr die?
  4. Und überhaupt: Ist das ein gutes Ende?
  5. Ich denke, dass es alle mitbekommen haben müssten, aber weil man nie genug Information bieten kann: Dieser Fortsetzungsroman ist jetzt zu Ende. Es wird aller Voraussicht nach einen neuen geben, und er wird dem Genre Fantasy entstammen, wenn ich mich nicht irre. Genaueres werde ich Anfang Januar hier mit euch besprechen, und ihr werdet die Möglichkeit haben, darüber abzustimmen, worum es in der nächsten Geschichte geht. Ich freu mich drauf. Vielen dank fürs Mitlesen, fürs Mitdiskutieren, und einfach fürs Dabeisein. Ihr seid toll. Meistens jedenfalls.


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12 Responses to Eine Riesenmenge Geld (21) Finis

  1. rebhuhn sagt:

    ich würde es heute noch lesen, wenn ich die geschichte an sich lesen würde ;). aber ich wünsche dir einen schönen jahreswechsel! komm‘ gut rein, blog‘ bitte weiter [so] und trink‘ nicht zu viel :P.

  2. Muriel sagt:

    @rebhuhn: Vielen Dank, ich nehme dann einfach mal den Willen für die Tat, obwohl wir da natürlich schon irgendwann mal was ändern müssen, und kann dir als überzeugter Teatotaller auch für deinen letzten Ratschlag gut fundierte Hoffnung machen.

  3. Guinan sagt:

    Ich brauch‘ gleich nur ein paar Häuser weiter gehen, also Zeit genug, mich beim Lesen des letzten Teils noch etwas zu entspannen.
    1. Nein. Ich muss mich aktiv bemühen, bei den englischen Einschüben den Sinn zu verstehen. Tanja muss das anscheinend auch, daher finde ich das gut so.
    2. Nein, ich finde die Passage spannend.
    3. Das ging zu schnell und zu einfach, viel zu glatt. Und wie kommt der überhaupt auf die Caymans? Der kalte Keller klang mehr nach Deutschland. Da ließen sich vielleicht noch ein oder zwei Absätze einfügen, auch über seine Bewacher.
    4. Das Ende war genau an der richtigen Stelle, bloß nicht noch mehr Beziehungskram. Und so ein Milliönchen als Happy End ist ja auch ganz nett. Wer braucht schon 50 davon?

    5. Ich freu mich drauf. Fantasy, yeah!
    6. Ein paar kleine Vertipper sind da noch versteckt, finde ich jetzt so auf Anhieb nicht wieder. Zumindest Caiman war einmal dabei.
    7. Die beiden letzten Wörter hättest du auch weglassen können, finde ich.
    8. Tausend gute Wünsche für das neue Jahr, mindestens.

  4. Nardon sagt:

    Beitrag? Egal!
    ein frohes neues Jahr 2011 dir und deiner Angebeteten du Ungläubiger 🙂
    Auf ein interessantes Jahr 2011.

    MfG, Nardon

  5. Chlorine sagt:

    1. Nein, nicht nötig.

    2. Die Bank-Passage ist dir sehr gut gelungen. Ich glaubte, jeden Moment würde die Sache schiefgehen.

    3. Ich habe mich ebenfalls gewundert, wie und weshalb sie den Jungen auf die Caymans geschafft haben. Deren Netzwerk hätte es doch sicher erlaubt, Hannes in einem deutschen Kellerverlies unterzubringen. Ich mag eigenartige Figuren, aber Pawels Wohlwollen ist schon ein wenig unheimlich. Hat er etwa …Gefallen an Hannes gefunden?

    4. Hier den Cut zu machen, war genau richtig. Fast glaubte ich, Tanja würde Ossip die Hälfte ihrer Million geben.

    5. Fantasy klingt wunderbar und ich freu mich drauf.

    6. Ein gutes T-Shirt, wie ich finde. Doch wo hat sie es her, wenn sie nicht nochmal zu Hause war? Aus dem Duty-free-Shop?

    7. Abschließend ein Lob an den Humor, den du deinen Figuren, vor allem Tanja, zuteil werden ließest. Ich hatte meinen Spaß. 🙂

  6. Muriel sagt:

    @Guinan: Vielen Dank für deinen Einsatz! Ich war immerhin auch noch pflichtbewusst genug, deinen Kommentar an Silvester zu lesen, nur geantwortet habe ich nicht mehr.
    3. In Ordnung, ich werde mal sehen, ob ich daran noch ein bisschen feilen kann.
    4. Die Frage ist nicht ernst gemeint, oder?
    5. Das Buffet ist eröffnet. Na gut, beim Buffet muss man nicht abstimmen und kriegt dann nur ein Gericht, das alle sich teilen müssen. Aber ansonsten ist es ein bisschen wie Buffet.
    7. Ich mag die eigentlich.
    8. Danke, dir auch!
    @Chlorine: 3. Das Problem muss ich anscheinend erst nehmen. Ich werde bei Gelegenheit diese Stelle überarbeiten.
    Und nur so als Insider-Info: Pawel stammt eigentlich aus einer anderen Geschichte, in der ich ihn dann aber doch nicht gebraucht habe (namentlich Nimmermehr), und der ist immer so. Also, nicht pädophil, sondern unheimlich freundlich. Lenore hat so unter ihm gelitten, es war eigentlich herrlich, aber es passte trotzdem nicht mehr rein.
    5. Auch du bist natürlich herzlich eingeladen, zu wählen. Jede Stimme zählt, und im Gegensatz zu Bundestagswahlen ist es hier sogar wahr.
    6. Mit siebenstelligem Vermögen wird man sowas auch auf den Cayman Islands schon irgendwie beschaffen können… Aber dein Einwand ist trotzdem berechtigt und zur Kenntnis genommen.
    7. Danke. Ich bin leider nicht so gut drin, Lob anzunehmen, aber sei versichert, dass ich mich maßlos drüber freue.

  7. Günther sagt:

    So, gestern bin ich auch am Ende angekommen. Hat echt Spaß gemacht, die Geschichte zu lesen. Danke dafür!

    Zu den Fragen:
    1. Meinetwegen nein.
    2. Eigentlich verdienen die Leser nach so einer langen Jagd nach dem Geld auch, dass Tanja es dann auch bekommt. Von daher finde ich es gut so.
    3. Hat mir auch gefallen. War schön knapp, was gesagt werden musste, wurde gesagt. Hat mich nur etwas gewundert, dass er jetzt plötzlich auch auf den Caymans war. Nebenbei bemerkt – Ossip verdient echt nen Orden. Erstmal sorgt er dafür, dass K. und T. sich doch noch finden. Dann lässt er sich von Tanja verprügeln, ohne sich zu wehren. Und im Anschluss daran teilt er ihr auch noch mit, dass sie noch ne Million für sich selbst rausschlagen kann? Respekt. Und so jemand arbeitet dann im organisierten Verbrechen 😉
    4. Ja! Gefällt mir. Ich hatte ja ehrlich gesagt befürchtet, du lässt Konrad tatsächlich das Kind mit Hanna groß ziehen. 😉 Stattdessen finden sich die beiden Sympathieträger – schön! Und die Million als Taschengeld ist auch nicht verkehrt. Ich hätte mir vielleicht noch gewünscht, dass er Hanna wenigstens einmal am Ende die Meinung sagt, aber vielleicht ist er da trotz allem nicht der Typ zu. Immerhin schien er sie am Ende nicht mehr so zu mögen, das ist wohl alles was ich verlangen kann 😉

    Also, hat Spaß gemacht. Die nächste Geschichte anfangen, bitte!

  8. whynotveroni sagt:

    Hm, ich habe bisher nichts dazu geschrieben, weil es mir schwerfaellt, da ein abschliessendes Urteil zu finden. Also ist insgesamt schon ganz schoen erzaehlt, aber einfach nicht mein Genre.
    Ich wollte schon wissen, wie’s weiter geht, und habe auch zu Ende gelesen und das gibt schonmal eine Banane. Aber eigentlich sind Reality-Romane nicht so meins, und ich kann mich mit beiden Charakteren nicht richtig identifizieren. Ossip vielleicht, aber ueber den erfaehrt man ja nicht so viel. Den kleinen Malaien mochte ich auch irgendwie, den haette ich auch gern naeher kennengelernt.

    Ich bin ausserdem mit dem Ende nicht ganz gluecklich, da bleibt soviel offen. Gut, Hanna ist vom Tisch, aber das heisst ja nicht, dass Konrad und Tanja irgendwie gluecklich werden koennten. Sie sind ja schon sehr unterschiedlich, sowohl charakterlich als auch intellektuell.

    Trotzdem freue mich jetzt auf die Fantasy-Geschichte!

  9. whynotveroni sagt:

    Oh, und noch ein weiterer Punkt ist, dass ich mich mit Geschichten, die aus der ich-Perspektive erzaehlt werden, etwas schwer tue.

  10. Muriel sagt:

    @Günther: Vielen Dank! Freut mich, dass es dir gefallen hat, und viel Spaß mit der nächsten Geschichte.
    @whynotveroni: Dank auch dir, und die gute Nachricht ist, dass es sich bei keiner der zur Auswahl stehenden Geschichten um eine aus der Ich-Perspektive handelt. Du kannst dich also vorbehaltlos freuen.

  11. madove sagt:

    1. Ich mußte nachgucken, welchen englischen Dialog du meinst. Er hat mich also offensichtlich nicht im Lesefluß gestört.

    2. Der Teil in der Bank kommt meinem Bedürfnis entgegen, genauer zu kapieren, wie das mit dem Geld und dem Transfer und der später der ungeplanten Währungsspekulation funktioniert hat. Deshalb gerne ausführlich. Er befriedigt es aber nicht komplett.

    3. Ich fand es irgendwie zu schön um wahr zu sein, daß sie Hannes einfach laufen lasse. Aber es darf ja auch mal was klappen.

    4. Ich fand die Sache mit der überschüssigen Million sehr salomonisch. Und überhaupt alles sehr happy. Das ist vielleicht irgenwie für Weicheier, aber es hat gutgetan. Der letzte Satz hat mir besonders gefallen, vor allem in Kombination mit dem vorletzten. Und dem davor. Und dem davor…

    5. Das T-Shirt würde ich sogar anziehen. Fast.

    6. Gesamtergebnis: Ich mag Deinen Stil. Wirklich. Sehr. Besonders, wenn Du über Beziehungskram und Leute schreibst, aber auch sonst.
    Während der Plot mir vielleicht ein klein bißchen fern und dünn geblieben ist (alles geht irgendwie so schnell), liegt die große Stärke mE in den Personen. Alle, auch die Nebenrollen, sind sehr plastisch, sehr lebendig, sehr besonders, und sehr… nah. Ich werd sie vermissen (o:

    Danke für die schöne Geschichte!

  12. Muriel sagt:

    @madove: Vielen Dank fürs Lesen. Es war mir eine große Freude, deine Kommentare hier zu lesen, nicht nur, aber auch, weil sie fast immer völlig mit meiner eigenen Wahrnehmung übereingestimmt haben. Kritische Rückmeldung ist ja nicht das Einzige, worüber man sich freuen darf, finde ich.
    3., 4. Ich mag eben Happy Ends. Im Grunde bin ich eben doch ein Softy.
    5. Vielleicht finde ich ja eines Tages mal jemanden, der die für mich designt.
    6. Vielen Dank. Ich freue mich sehr, und auch deine Einschätzung meiner Stärken und Schwächen teile ich vollkommen.
    Ich bin gespannt, was du so in Zukunft von meinen Geschichten hältst, wenn du mal wieder Zeit dafür findest. Die anderen sind ja auch ein bisschen… anders.

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