Geht das schon wieder los

Ich mochte „Der Seelenbrecher“ nicht besonders. Es kam kein einziger interessanter Charakter drin vor – eigentlich gab es in und hatte das Buch überhaupt keinen Charakter -, und mir gehen Autoren auf den Geist, die uns permanent und bis zum Schluss damit belästigen müssen, wie clever sie doch sind. Und der überraschende Twist ganz zum Schluss hat in der Geschichte der Geschichten meines Wissens genau einmal funktioniert, bei The 6th Sense, und davor und danach nie wieder. Hinweis: Es kann auch gar nicht funktionieren, wenn man den Leser die ganze Zeit schon darauf hinweist, dass ein total überraschender Twist zum Schluss kommt.

Weil ich aber sowieso viel zu selten Geschichten auf Deutsch lese, weil Fitzek in Anbetracht seines Erfolgs wohl auch irgendwas richtig machen muss und weil er von den deutschen Autoren immer noch einer der erträglicheren ist, habe ich beschlossen, ihm noch eine Chance zu geben.

„Der Augensammler“ hat noch nicht mal so richtig angefangen, und ich bin trotzdem jetzt schon davon überzeugt, dass ich diesen Psychothriller hassen werde.

Das erste schlechte Zeichen ist, dass das Ding mit Zitaten beginnt. Ihr wisst schon, so bekannte Zitate auf der ersten Seite, die irgendwie vage was mit der Story zu tun haben, wenn man will. Ich habe das früher auch manchmal gemacht und spüre auch heute noch hin und wieder die Versuchung, deswegen kann ich es verzeihen, aber in 80% aller Fälle kommt es für mich einfach nur prätentiös und überflüssig rüber.

Trotzdem, das war nur die erst schlechte Ahnung, der entscheidende Hinweis folgte unmittelbar darauf. Der erste Satz des Epilogs [sic], mit dem die Geschichte beginnt [sic], lautet:

„Es gibt Geschichten, die sind wie tödliche Spiralen und graben sich mit rostigen Widerhaken tiefer ins Bewusstsein dessen, der sie sich anhören muss.“

Ja. Solche kenne ich auch. Die sind schlimm. Und die Anzeichen, dass das hier so eine wird, häufen sich:

„Einen Ratschlag [sic], den ich Ihnen jetzt schon geben möchte: Lesen Sie nicht weiter.“

Und spätestens jetzt will ich diesem Ratschlag auch folgen.

„Ich weiß nicht, wie Sie an diese Zeilen geraten sind, ich weiß nur, dass sie nicht für Sie bestimmt sind. Das Protokoll des Grauens sollte niemandem in die Hände fallen.“

#prustendes Gelächter mit anschließendem verzweifeltem Japsen nach Luft#

Das… Das „Protokoll des Grauens“? Ja, gütiger Himmel, Herr Fitzek, das ist ja auch mal… Äh…

#erneuter Lachflash, mehrere Minuten hysterisches Gekicher#

Das Protokoll des Grauens…

#resigniertes Seufzen#

Na gut, vergessen wir das P- P-

#langsam aufsteigendes Glucksen, dann ein entschlossenes Räuspern#

Also vergessen wir diese Formulierung und konzentrieren uns auf das Stilmittel, das Sie da mutig wie einen morschen, viel zu kurzen und mit Moos bewachsenen Knüppel schwingen, und das ich schon bei Lovecraft immer so maßlos peinlich fand:

Sie halten es also für nötig, uns zu erzählen, wie grauenhaft und unerträglich spannend Ihre Geschichte sein wird, bevor sie anfängt? Und Sie glauben, dass das funktioniert? Ehrlich?

Naja. Hm… Na gut. Sie können jetzt sagen, dass Sie Bestseller schreiben und ich mickrige Fortsetzungsromane in meinem eigenen Blog, und damit wäre mir schon ziemlich gründlich der Mund gestopft, zugegeben.

Aber trotzdem. Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, oder?

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10 Responses to Geht das schon wieder los

  1. Mathies sagt:

    Die Massen stehen scheinbar auf „Klotzen statt Kleckern“ wie anno 1920 😉

  2. whynotveroni sagt:

    Hey, nichts gegen das Protokoll des Grauens, aeh… den Pudel des Todes! 🙂

  3. Muriel sagt:

    Wer das Killerkaninchen gesehen hat, den können weder Protokolle noch Pudel erschrecken.

  4. Andi sagt:

    Tja, Muriel, hättest du mich mal gefragt… dann hätte ich dir gesagt, dass „Der Augensammler“ wirklicher Schund ist.
    Allerdings hätte ich dir wohl auch gesagt, dass „Seelenbrecher“ ganz toll ist und die anderen Bücher von Fitzek auch. Er ist sicher nicht der beste Schriftsteller aller Zeiten, aber ich lese ihn eigentlich sehr sehr gerne.

  5. Andi sagt:

    Ach, entschuldigung, ich muss nochmal stören:
    wo wir grad von deutschen Krimi-/Thriller-Autoren reden, möchte ich nochmal nachdrücklich, aber wirklich nachdrücklich, Elisabeth Herrmann empfehlen.

    Das wars schon. Weitermachen.

  6. Muriel sagt:

    @Andi: Du hast Recht, Frau Herrmann hätte ich den Vorzug geben sollen.
    Naja. Hindsight is 20/20.

  7. Katja sagt:

    Muriel: „Sie halten es also für nötig, uns zu erzählen, wie grauenhaft und unerträglich spannend Ihre Geschichte sein wird, bevor sie anfängt? Und Sie glauben, dass das funktioniert? Ehrlich?“

    Muriel: „Demnächst wird es hier bei überschaubare Relevanz etwas geben, was es so hier bei überschaubare Relevanz noch nie gegeben hat. Eine riesengroße Sache. Das wird so cool. Ihr werdet alle total begeistert sein. Zumindest stelle ich mir das jetzt noch so vor.“

    Grinsenden Gruß 😉

  8. Muriel sagt:

    @Katja: Und, hat’s funktioniert?

  9. Katja sagt:

    Kann ich noch nix zu sagen – ich hänge in meinem Reader hinterher und hab die gerade nacheinander weggelesen. Deswegen fiel’s mir auch so ins Auge. 😀

  10. […] „Der Augensammler“ war nach knapp einem Drittel Schluss. Schauderhaft. Aber nicht so, wie er meinte. Fitzek […]

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