Yours to keep – wie alles begann – wie alles begann

Ich weiß schon gar nicht mehr, ob ich es angekündigt habe, aber jedenfalls habe ich für euch jetzt noch eine Vorgeschichte zur Vorgeschichte der Kurzgeschichte „Yours to keep“ geschrieben, diesmal ohne Daniel, aber dafür mit Kim Il-Sung.

Es war ungewohnt für mich, weil ich noch nie eine historische Geschichte geschrieben habe, und für meine Verhältnisse habe ich mir auch große Mühe mit den Details gegeben, nicht dass das viel heißen würde.

Ob ihr davon nun was merkt oder nicht, ich wünsche euch viel Spaß, und falls die Kim-Il-Sung-Experten unter euch mich auf Fehler aufmerksam machen möchten: Nur zu. Ich verspreche nicht, dass ich das dann in der Geschichte ändere, aber ich würde es auf jeden Fall gerne erfahren, falls ich irgendwo was falsch gemacht habe.

4. Juni 1937

Kim stand über dem Schreibtisch des Kommandanten, versuchte sinnloserweise mit seiner schweißnassen Hand den Schweiß abzuwischen, den die brennend heiße Junisonne auf seine Stirn trieb und blickte unschlüssig zwischen den Stapeln von Papieren umher. Es würde Tage dauern, das alles auszuwerten, und vielleicht war nicht einmal irgendetwas Brauchbares dabei. Aber solange es so aussah, als wäre das sein größtes Problem, konnte er zufrieden sein.

Poch‘Onbo war ein Triumph für die Partisanen. Kims 180 Freiheitskämpfer hatten die japanischen Unterdrücker mühelos eingekesselt und niedergemacht. Es war natürlich auch nicht schwer gewesen, gegen knapp 30 Unterdrücker, aber Kim hatte so eine Idee, dass Geschichtsbücher auch nicht immer die ganze Wahrheit enthalten mussten.

Er ließ sich in den bequemen gepolsterten Sessel des Kommandanten sinken und genoss ein paar Sekunden lang das Gefühl, bevor er sich vorbeugte und die Schubladen zu öffnen begann, in der Hoffnung, darin etwas offensichtlich Wichtiges zu finden.

Vielleicht einen Hinweis darauf, wo der Kommandant steckte. Hatte er Poch’Onbo verlassen und wusste vielleicht noch gar nichts von dem Kampf? Oder hatte er sich vielleicht irgendwo mit Getreuen verschanzt und war noch eine Gefahr für die Partisanen?

Kims Hoffnung wurde enttäuscht. Außer einem alten Revolver, einigen Kinderzeichnungen und einer Packung Kaugummi entdeckte er-

Er hielt inne, hob seinen Kopf und drehte ihn von rechts nach links.

Was war das? Hatte er da…

Er stand auf und schritt vorsichtig auf einen der Schränke an der Wand zu.

„Yoon! Choi!“ rief er, und zwei seiner Partisanen eilten zu ihm, die Gewehre im Anschlag und auf den Schrank gerichtet.

Yoon trug immer noch diesen dummen Anhänger um seinen Hals. Wenn die verflixten abergläubischen Bauern sich schon nicht von ihren kindische Ängsten freimachen konnten, sollten sie ihre albernen Schutzzeichen wenigstens unter ihren Hemden verstecken. Kim nahm sich vor, ihn nachdrücklich an den Uniformkodex der Vereinigten Nordöstlichen Antijapanischen Armee zu erinnern, wenn dies hier vorbei war.

Er trat noch einen Schritt vor und öffnete die Schranktür.

„Wer ist das?“

***

„Meine Tochter. Sie ist noch in der Station. Wir müssen sie holen.“

„Das ist keine gute Idee, Saburo“, antwortete Chiyo. „Es sind zu viele. Ich weiß nicht, ob ich dich beschützen kann.“

„Denk nicht einmal darüber nach!“

„Was?“ fragte sie, mit weit aufgerissenen Augen, halb offenem Mund und ausgebreiteten Armen, als könne sie sich gar nicht vorstellen, was er meinte.

„Ich gehe mit. Ich werde sie ganz sicher nicht mit dir allein lassen.“

Sie zuckte die Schultern und lächelte dabei dieses spitzbübische Lächeln, das für jemanden, der sie nicht kannte, sympathisch und ein bisschen aufreizend wirken mochte. Saburo kannte den Dämon gut genug, um zu wissen, dass sie mit diesem Lächeln sagte: ‚Den Versuch war es wert. Diesmal hat es nicht geklappt, aber nächstes Mal vielleicht. Und sonst das danach. Die Zeit ist auf meiner Seite.‘

Und die Zeit war auf ihrer Seite. Sie würde bleiben, auch wenn von Saburo und auch von seiner Tochter längst nichts mehr übrig war als Asche und Staub.

Und so sehr sie sich auch vor dem Ringträger unterwarf, er wusste, dass er sie nicht permanent kontrollieren konnte. Missgeschicke waren nicht zu vermeiden, wie auch alle seine Vorfahren hatten erfahren müssen.

Wie oft er sich schon gewünscht hatte, den verdammten Ring einfach in einen Brunnen werfen zu können, oder ihn zu verschenken. Wenn er doch nur nicht wüsste, was er dem Empfänger damit antat.

„Wir gehen. Gemeinsam“, sagte er, während er langsam die Klinke der Tür zur Straße herunterdrückte. „Beschütz mich, Chiyo, und beschütz vor allem Hiroko. Wenn du Kim Il-Sungs Männer dafür töten musst, zögere nicht. Sie sind Rebellen und Verbrecher, sie verdienen den Tod.“

Den Tod, ja. Was Chiyo brachte, hatten sie wahrscheinlich nicht verdient, aber darauf konnte er unter diesen Umständen keine Rücksicht nehmen.

Eine Hand legte sich auf seine, und er zuckte erschrocken zurück. Chiyo stand plötzlich direkt neben ihm, ihr Mund an seinem Ohr.

„Lass mich vorgehen“, hauchte sie. „Sie haben Karabiner, und ein paar haben sogar Handgranaten. Wir wollen doch nicht, dass du verletzt wirst.“

Saburos ganzer Körper spannte sich an, so sehr war ihm die Nähe des Dämons zuwider. Er trat noch zwei Schritte zurück, weg von ihr, und sah, wie sie seiner Bewegung mit enttäuschtem Gesichtsausdruck folgte. Der Ring schuf ein verwirrend widersprüchliche Verhältnis zwischen dem Dämon, der frei sein wollte, um Tod und Chaos in die Welt zu tragen, und dem Menschen, der ihn knechtete und für seine eigenen Zwecke missbrauchte, und den er dennoch lieben musste.

„Geh“, stieß Saburo hervor. „Geh, und zeig keine Gnade.“

Die Enttäuschung verschwand aus ihrem Gesicht und wich einem viel zu breiten zahnigen Grinsen voller Vorfreude.

***

„Ich weiß nicht!“ rief das kleine Mädchen, das sie aus dem Schrank gezerrt hatten, und verzog sein Gesicht, als wollte es gleich anfangen zu weinen.

Kim wandte sich angewidert ab und stützte sich auf den Schreibtisch des Kommandanten. Die Eroberung Poch’Onbos war nur ein halber Erfolg, wenn es ihm nicht gelang, Ito Saburo festzunehmen. Seine Vorgesetzten hatten ihm ausdrücklich befohlen, ihnen den japanischen Kommandanten lebend zu bringen und dafür zur Not die ganze Stadt in Schutt und Asche zu legen. Er würde-

Was war das schon wieder?

Ungläubig weiteten sich Kims Augen, als er von draußen Schüsse hörte, viele nacheinander, und laute verzweifelte Schmerzensschreie.

Der Kommandant musste einen Hinterhalt gelegt haben.

Kim eilte zum Fenster, sah aber nur die leeren Straßen Poch’Onbos.

„Nehmt das Mädchen mit!“ rief er, während er durch die offene Tür und die Treppe hinab eilte.

Als er die Straße erreichte, war der Lärm größtenteils schon wieder verstummt. Er hörte nur noch unverständliche Rufe – da, noch ein Schuss, aber danach kein weiterer mehr -, und immerhin waren es koreanische Rufe seiner Männer. Sie mussten den Kommandanten und seine Männer überwältigt haben. Hoffentlich war er noch am Leben.

„Mir nach!“

Kim rannte, so schnell er konnte, in Richtung der Geräusche, als ihm schon atemlos ein Bote entgegen kam, Entsetzen und Angst in seinem Gesicht.

„Kommandeur Kim! Kommandeur Kim!“ rief er.

„Wie viele Männer hatte er?“ fragte Kim.

„Keinen!“ antwortete der Bote, „Keinen einzigen, nur… Er… Wir haben sie aufgehalten, aber… Bitte, kommen Sie mit, Kommandeur Kim!“

Kim schüttelte missbilligend seinen Kopf. Wenn er eines Tages wirklich etwas zu sagen hatte, würde er aus diesem erbärmlichen Haufen eine echte Armee machen, aber zuerst hatte er andere Sorgen. Er folgte dem zitternden Boten zu einer Kreuzung zweier schmaler Straßen, vor der mindestens fünfzig seiner Männer dicht gedrängt nebeneinander standen, jeder von ihnen offensichtlich darum bemüht, hinter den anderen in Deckung zu gehen, und alle hatten sie ihre Karabiner im Anschlag.

Kim näherte sich vorsichtig der Linie und spähte über die Schulter eines der Männer, während diese begannen, seine Ankunft zu bemerken und sich raunend und murmelnd um etwas mehr Disziplin und

Tapferkeit zu bemühen. Immerhin, aber nicht genug. Sie konnten nicht jedes Mal warten, bis er selbst erschien, um sich an ihre Ausbildung zu erinnern.

„Was ist das hier für ein“ setzte er an, bevor ihm der Atem stockte, als er sah, worauf die Partisanen ihre Waffen richteten.

Inmitten der Kreuzung, vielleicht sieben Meter entfernt, stand eine junge Japanerin in einem sehr figurbetonten Kleid, ihre Hände wie Klauen bedrohlich erhoben, den Kopf vorgeschoben, mit gefletschten Zähnen – Kim hätte es nie für möglich gehalten, dass gefletschte Zähne an einem Menschen so gefährlich aussehen konnten. Natürlich half es, dass die junge Frau von oben bis unten mit Blut verschmiert war.

Um sie herum lagen mindestens ein Dutzend Partisanenkämpfer. Kim konnte nicht genauer ausmachen, wie viele es waren, denn die Körper lagen wild durcheinander und schienen teilweise… regelrecht… zerfetzt worden zu sein.

Schräg hinter ihr stand ein uniformierter japanischer Offizier, ungefähr Ende dreißig, mit einem schmalen gepflegten Schnurrbart und leicht angeekelter Miene.

Er blinzelte und kniff mehrfach kräftig seine Augen zusammen, weil er ihnen in diesem Moment nicht recht trauen konnte, aber an dem Bild änderte sich nichts.

Was war hier geschehen? Er schüttelte ungläubig seinen Kopf, bevor er eine Hand zu Yoon ausstreckte und sich dessen Gewehr geben ließ.

Er legte an, zielte auf die sonderbare Frau und schoss.

Sie zuckte zusammen, griff sich theatralisch an die Brust, fiel zu Boden und blieb reglos liegen. Der japanische Offizier – es musste Ito Saburo sein – hob seine Oberlippe ein wenig an, zog die Nase kraus und trat zwei Schritte von ihr zurück. Kim bemerkte, dass der Japaner mit seiner rechten Hand an einem riesigen goldenen Ring herumnestelte, den er an der linken trug.

Kim war schon immer ein aufmerksamer Beobachter gewesen. Es hatte ihm oft genug geholfen, Rivalen aus dem Weg zu räumen und Vorgesetzten zu gefallen.

„Na also!“ rief er mit mehr Selbstsicherheit, als er wirklich empfand. „Da seht ihr, wie man sowas macht. Jetzt holt-“

Er verstummte, als er sah, wie der am Boden liegende Körper der Frau zu zittern begann. Das Zittern ging in ein zunehmend deutliches Beben über, und schließlich sah er, wie ihre Lippen sich zu einem breiten Grinsen verzogen und hörte ihr schnell anschwellendes Lachen.

Es dauert nicht lange, bis sie laut und schrill kichernd auf dem Rücken lag und dabei mit den Fäusten auf den Boden trommelte.

Ito verdrehte die Augen, trat noch einen Schritt zurück und raunte ihr etwas zu.

Sie sprang auf und grinste Kim breit an. Dann verzog sie kurz ihr Gesicht, als versuchte sie, mit der Zunge einen Speiserest zwischen ihren Zähnen zu lösen, und spuckte etwas vor sich in den blutigen Sand. Die Kugel. Sie lachte noch einmal laut auf, bevor sie wieder ihre Drohhaltung annahm und dabei direkt in Kims Augen sah. Sie stieß ein lautes, unmenschliches Fauchen aus, und für diesen Moment schien ihr Blick… näherzukommen, als würden ihre Augen ihn verschlingen. Das Fauchen schien direkt neben, vor, hinter, um ihn herum zu erklingen, ihn völlig zu umfangen, und ihr Mund schien auf einmal riesengroß und- Zusammen mit den anderen Männern taumelte Kim wimmernd mehrere Schritte zurück, ergriffen von einer geistlosen, elementaren Panik, die ihn jedes klaren Gedankens beraubte.

Wie viele von ihnen stieß er mit anderen zusammen, stolperte über seine eigenen Beine, fiel und landete auf seinem Hintern auf der Straße.

Als der scharfe Schmerz des Sturzes sein Steißbein hinaufstieg, klärte das seinen Geist wieder weit genug, um erleichtert festzustellen, dass der aufsteigende Geruch nach Urin nur von einigen seiner Männer stammte, nicht von ihm selbst. Zumindest insoweit hatte er noch die Kontrolle über seinen Körper behalten.

Als Nächstes fiel ihm auf, dass Yoon als einziger noch immer da stand, wo er auch zuvor gewesen war, mit der Tochter des Kommandanten in seinen Armen. Die furchtbare junge Frau betrachtete ihn unverwandt mit schiefgelegtem Kopf, während der Kommandant hinter ihr auf sie einredete, die rechte Hand immer noch an seinem goldenen Ring.

Schließlich schüttelte sie ihren Kopf, und Kim konnte die Worte ihrer Antwort gerade so erahnen: „Ich kann nicht“, sagte sie.

„Pack ihn!“ rief Ito auf Japanisch, während Kim und seine Männer allmählich begannen, ihre Würde einzusammeln und sich wieder zu erheben.

Sie drehte sich kurz zu ihm um, und ihr Blick streifte kurz seine linke Hand mit diesem sonderbaren Ring. Er war viel zu groß. Kim konnte es nicht genau erkennen, aber es schien, als säße er auf einer Art Halterung aus Holz an seinem Finger.

„Ich kann nicht“, wiederholte sie, und fügte dann noch etwas hinzu, flüsternd, das Kim nicht verstehen konnte.

„Ito!“ rief er in diesem Moment, und fluchte still in sich hinein, als er hörte, wie schrill und zitterig seine Stimme klang. „Ito!“ versuchte er es noch einmal. Besser. „Wir haben deine Tochter!“ Als müsste er das noch besonders hervorheben.  „Wir lassen sie gehen, wenn du dich stellst.“

Der Japaner lachte. Kim war insgeheim beeindruckt von so viel Kaltblütigkeit.

„Warum sollte ich dir glauben, Kim Il-Sung? Und was soll ich wohl glauben, was mit meiner Hiroko passiert, wenn sie alleine durch dieses Land irrt, während ihr Barbaren darin euren sinnlosen Partisanenkrieg führt?“

Kim zuckte die Schultern. „Wir können ihr einen deiner Männer zum Geleit mitgeben.“

Seine Männer waren alle tot, aber das musste er nicht wissen.

Ito schüttelte langsam den Kopf.

„Nein. Ich werde selbst mit ihr gehen. Und du wirst sie mir übergeben, wenn dir dein Leben lieb ist, und das deiner Barbaren!“

Kim war selbst überrascht, als er sich antworten hörte: „Ihr könnt beide gehen, unbehelligt, im Austausch gegen den Ring.“

Ito stockte.

„Es ist der Ring, richtig?“ fragte Kim, verunsichert von seiner eigenen Idee.

Ito warf einen Blick auf den Ring, und die Art, wie er dabei seine Oberlippe anhob und die Nase krauszog, zeigte Kim zu deutlich seine Gedanken: Er hasste den Ring. Er wollte ihn nicht behalten.

„Es ist der Ring“, antwortete der Japaner, „Aber ich kann ihn dir trotzdem nicht geben. Es…“

Die junge Frau mit der blutverschmierten Kleidung drehte sich zu ihm und flüsterte ihm etwas zu.

Er schüttelte mit wehmütigem Lächeln den Kopf und erwiderte etwas Unverständliches. Auf ihre gezischte Antwort hin stockte er und dachte kurz nach.

„Yoon“, sagte Kim, „Der Kommandeur hat offenbar kein Interesse an einer Einigung. Erschieß s-“

„Nein!“ schrie der Japaner, und Kim hob mit einem zufriedenen Lächeln seine Hand, um Yoon Einhalt zu gebieten. „Vielleicht können wir ja doch verhandeln.“

8. Mai 1942

„Er wird schon zuhören, wenn ich ihm den Sieg über das Deutsche Reich verspreche!“

Chiyos Augen weiteten sich, und sie streckte eine Hand nach seinem Arm aus. Er zuckte zurück und stieß mit seiner Schulter gegen die Tür des Wagens. Sie hätte ihn erreichen können, aber sie hielt in der Bewegung inne und legte ihre Hand wieder auf ihr Knie.

Kurz schweiften seine Augen über sie, und er betrachtete die Frau, den Dämon, der neben ihm saß, mit der inzwischen vertrauten Gefühlsmischung aus Abscheu, Furcht und Begehren neben zahlreichen anderen, die er vielleicht nicht einmal hätte benennen können.

Der Körper unter ihrer grauen Uniform war so verlockend geformt, das kaum jemand je ihre trotz der noch erkennbaren Mandelform großen und runden und tiefblauen Augen, die vollen roten Lippen um den vielleicht etwas zu breiten Mund in dem kreideblassen Gesicht bemerkte, das einen beinahe surrealen Kontrast zu ihrem rabenschwarzen Haar bildete.

„Du kannst ihm keinen Sieg versprechen!“ zischte sie ihm zu.

Kim fragte sich, warum sie so leise sprach. Der Fahrer verstand gewiss kein Koreanisch. Oder?

Es wäre nicht ganz untypisch für Stalin gewesen…

„Was meinst du?“ antwortete er, ebenfalls mit gesenkter Stimme.

Sie beugte sich zu ihm hinüber, und er widerstand der Versuchung, weiter zurückzuweichen. Er konnte ohnehin nicht.

„Hunderttausende Soldaten werden um Stalingrad kämpfen“, flüsterte sie. Er spürte ihren Atem in seiner Halsbeuge und erzitterte. Er sah sie nicht an, während sie sprach, aber er konnte das Lächeln in ihrem Tonfall hören, in dem sich Zufriedenheit mit Sorge über die Zukunft mischte. „Zu Zeiten der Daimyos auf Nippon konnte ich Schlachten entscheiden, als es um tausend Krieger ging, die mit Pfeilen und Schwertern kämpften. In den letzten Jahren haben eure Kriege und eure Waffen sich so verändert… Sogar, wenn ich meine ganze Macht enthülle, kann ich dem Verlauf der Kämpfe bestenfalls einen kleinen Stoß in die richtige Richtung versetzen.“

Kim zuckte die Schultern.

„Du sollst die Schlacht nicht alleine gewinnen, Chiyo. Aber du kannst mir sagen, wo der Feind angreifen wird, und wie, wo seine Artillerie steht, wo sein Kommando, und was seine Schwachstellen sind. Wenn du dann noch im richtigen Moment hier und da ein Bataillon aufreibst, können wir Genosse Iosseb seinen Sieg schenken. Und sogar, wenn es nicht gelingt, lässt du es ihn eben vergessen.“

„Kim, du muss verstehen, wie wichtig es ist, mich zu verbergen!“ tuschelte sie aufgebracht. „Ich kann nicht fortwährend irgendwelche Figuren der Weltgeschichte für dich behexen…“

Sie lehnte sich ein Stück zurück, und als er sich zu ihr umdrehte sah er die leichte Röte, die in ihr makellos weißes Antlitz stieg.

„Warum nicht?“ fragte er, in beinahe normaler Gesprächslautstärke.

Ihre Zunge fuhr hastig über ihre Lippen, während ihre großen Augen durch den Innenraum des Wagens huschten, als suchten sie einen Ausgang.

„Wovor fürchtest du dich, Chiyo? Wovor könntest du dich fürchten?“

Wieder glitt ihre Zunge über ihre Lippen, und ihr Atem beschleunigte sich, als sie noch ein Stück vor ihm zurückwich, während ihre Augen sich auf den riesigen Goldring an seiner Hand hefteten.

„Ich… Vor…“

Nichts war von ihrer Aufsässigkeit geblieben. Jetzt war sie es, die vor ihm zitterte. Sie wusste, dass sie antworten musste, wenn er darauf bestand. Ein kleines Lächeln formte sich um Kims Mundwinkel.

„Es wird sicher niemand merken“, murmelte sie schließlich.

„Du wirst den Genossen Stalin genau das glauben lassen, was er glauben soll?“ flüsterte er.

Sie nickte eilig, ihr Blick erleichtert und dankbar.

Er sah keinen Grund, seine ursprüngliche Frage weiter zu verfolgen. Wenn er jeder unverständlichen Bemerkung nachgehen wollte, die sie im Laufe der Zeit machte, käme er zu nichts anderem mehr, und er hatte den Verdacht, dass manche ihrer Andeutungen nur dazu dienten, ihn abzulenken und zu verwirren. Vielleicht wollte sie auch, dass er genau das glaubte, aber wer konnte schon erwarten, einen Dämon zu verstehen, ohne selbst dem Wahnsinn anheim zu fallen?

„Du wirst die Schlacht von Stalingrad für mich gewinnen?“

„Ja!“ stieß sie hervor, noch bevor er den Satz ganz zu Ende gebracht hatte.

„Gut.“

Kim legte den linken Arm um Chiyos Schultern und zog sie eng zu sich, während seine rechte Hand ihr Knie tätschelte.

„Gut“, wiederholte er, während die Limousine die Tore des Kremls passierte.

20. November 1942

Sein Stiefel blieb an einem aus dem gefrorenen Boden ragenden Hindernis hängen, und für einen Moment fühlte Kim eine sonderbare Schwerelosigkeit, bevor er der Länge nach aufschlug. Irgendetwas bohrte sich in seinen rechten Oberarm, und er war nicht sicher, ob das Gefühl der Taubheit von der Kälte rührte, oder von dem Aufprall, oder vielleicht daher, dass das Etwas seinen Arm durchstoßen hatte und die Schmerzen nur noch nicht angekommen waren.

Er hörte eine wimmernde, jammernde, schreiende, schnatternde Stimme voller Furcht und Verzweiflung, und war sich vage bewusst, dass sie von ihm stammte.

Er schlug seine blutigen, geschundenen Finger in den Schnee und versuchte sich weiter voranzuziehen. Er versuchte nicht, aufzustehen, er dachte nicht daran, dass er viel schneller laufen als kriechen konnte, er hatte nur einen einzigen Gedanken, der jedes andere Trachten erschlagen hatte: Fort von hier! Fort! Fort von ihr.

22. November 1942

Kim schlug die Augen auf – und stieß einen lauten Schrei aus.

Sie zuckte zurück und sah sich hektisch in dem walnussgetäfelten Schlafzimmer um, als würde sie damit rechnen, dass schon die ersten besorgten Soldaten hinter den Vorhängen hervorgesprungen waren.

„Schschschschsch!“ machte sie mit einem vor die Lippen gehobenen Finger, „Es ist schon gut“, säuselte sie, „Es ist vorbei, du musst keine Angst haben.“

Sein Schrei verstummte, und er setzte sich ruckartig auf, während seine verkrampften Hände die Brokatdecke bis zu seinem Hals hochzogen.

„Verschwinde!“ fauchte Kim sie an. „Verschwinde!“

Sie wich zwei Schritte zurück und spannte ihre Kiefermuskeln an. Ihre Unterlippe begann ein wenig zu beben, und dieser Anblick beruhigte ihn ein wenig. Sie wirkte auf einmal so… menschlich.

„Verschwinde!“ wiederholte er langsamer, mit zitternder Stimme.

Jetzt endlich klopfte jemand an die Tür. „Kommandeur?“

„Nein!“ antwortete er matt. „Alles in Ordnung! Bleiben Sie draußen, ich… Ich melde mich, wenn ich etwas brauche.“

„Jawohl, Kommandeur!“

Er hörte Stiefelschritte, die sich entfernten.

Und wandte seinen Blick von der Tür ab wieder ihr zu. Sie war wieder die vollkommene Schönheit, als die er sie kennengelernt hatte.

„Du musst… Du musst mir gehorchen, oder? Wenn ich sage, dass ich dich nie wieder sehen will, dann musst du gehorchen!“

Sie schlug ihre Augen nieder und nickte langsam.

„Ja“, sagte sie, „Wenn du das wirklich willst.“ Sie legte ihren Kopf schief und sah ihn direkt an. „Aber willst du das? Willst du deinen Traum aufgeben, Korea in eine bessere Zukunft zu führen?“

„Ich brauche dich nicht!“ stieß er hervor. „Stalingrad ist… Ist gewonnen. Er hat versprochen…“

Sie lachte auf, mit einem Blick auf seine linke Hand.

„Du hast Glück, dass sie dir den Ring nicht abgenommen haben“, sagte sie. „Ich hätte gewettet, dass irgendjemand ihn abnehmen würde.“

Als er nicht antwortete, sondern sie nur angewidert und voller Hass und Furcht anstarrte, sprach ei schließlich weiter.
„Du brauchst mich, Kim Song-Chu.“ Immer nannte sie ihn bei seinem Geburtsnamen, den er schon so lange abgelegt hatte. „Stalin ist ein abergläubischer Paranoiker, der seine Unfähigkeit als Feldherr nicht erkennen würde, wenn jemand sie ihm ins Auge rammte, und es ist schon jemand hierher unterwegs, der dich wegen Hochverrats verhaften wird.“

„Du…“ Kim schluckte und zögerte, bevor er weitersprach. „Du kannst mich nicht anlügen, richtig?“

Sie schüttelte ihren Kopf und zuckte ihre Schultern. „Leider nicht.“ Nach einer längeren Pause fügte sie hinzu: „Willst du, dass ich verschwinde?“

Er blickte auf seine Füße hinab und schüttelte seinen Kopf.

„Halt den Vollstrecker auf, und kümmere dich darum, dass Stalin sein Versprechen hält. Und dann halt dich fern von mir, solange ich dich nicht rufe!“

Sie wandte sich mit einem weiteren Schulterzucken ab, bevor er sicher sein konnte, dass er wirklich eine Träne über ihre rechte Wange hatte rinnen sehen und schlurfte langsam zur Tür.

„Ruf mich, wenn du mich brauchst“, murmelte sie, „Ich werde da sein. Immer. Ich bin dein, Kim, für immer, und ich… Ich werde da sein.“

Er widerstand der Versuchung, erneut zu schreien, aber er konnte ein Frösteln nicht unterdrücken, das seinen ganzen Körper überzog und seine Zähne hörbar aufeinander schlagen ließ.

3. Februar 1946

Applaus. Jubel. Schilder mit seinem Namen. Strahlende Gesichter, die Augen auf ihn gerichtet. Er war die Zukunft Koreas. Die Zukunft all dieser Menschen. Er war der Vorsitzende des Volkskomitees.

Seine Ziele waren erreicht, seine Träume wahr.

Und doch wollte er schreien. Er wollte weinen und zusammenbrechen. Er wollte sich die Augen auskratzen.

Denn weit entfernt in der Menschenmenge betrachtete ihn ein weiteres strahlendes Gesicht, dessen große tiefblaue Augen voller Liebe auf ihm ruhten, und das ihn daran erinnerte, was er getan hatte, um dieses Ziel zu erreichen. Was er gesehen hatte. Was mit all den Männern geschehen war, die in Stalingrad… versunken waren.

Doch es war nicht nur die Vergangenheit, die Kim heimsuchte.

Es war auch die Art, wie Chiyo seine Frau betrachtete, seine Tochter und seine Söhne Schura und Juri. Dieses berechnende, geduldige Lächeln, von dem er wusste, dass es nur ihm galt, und dass es ihm sagte: „Die Zeit ist auf meiner Seite. Sie alle vergehen, aber ich bin immer da. Nur ich bin für immer dein, Kim, nur ich bin immer für dich da.“

Eines Abends, als er nach Hause gekommen war, hatte er sie neben Juri auf dem Sofa gefunden,  einen Arm um ihn gelegt, ihm ins Ohr flüsternd.

Juri hatte nur versonnen gelächelt und gelegentlich genickt, und als sein Vater ihn fragte, hatte er nicht sagen wollen, was sie ihm erzählt hatte.

Kim hatte ihr daraufhin verboten, sich seinen Söhnen mehr als zehn Meter zu nähern oder mit ihnen zu sprechen, wenn er nicht dabei war. Er war sich nicht sicher, ob sie sich daran hielt, aber er hoffte, dass sie keine Wahl hatte.

1. März 1946

Kim starrte auf die Handgranate, die plötzlich aus der Menge auf die Tribüne geflogen und vor seinen Füßen gelandet war. Es kam ihm vor, als wären Minuten vergangen, in denen er mit der Menge seinen Atem anhielt und das metallene Ei vor sich liegen sah, ohne einen Muskel rühren zu können.

Erst das Geräusch eines dumpfen Stoßes neben ihm lockerte seine Lähmung, und er wich einen Schritt zurück, während Novichenko, mit den Armen rudernd, nach vorne stolperte und auf die Granate fiel.

„Nichts zu danken“, wisperte Chiyos Stimme in Kims Verstand.

Sein Kopf ruckte herum und seine Augen fixierten wie gelenkt einen Mann in der Menge, der ihn hasserfüllt anstarrte.

„Genau“, flüsterte Chiyo, „Das ist er.“

Der junge Mann öffnete seinen Mund, zuerst in einem erstaunten „Oh“, dann zu einem erschrockenen Schrei, der jedoch nicht mehr erklang, bevor er ruckartig aus Kims Blickfeld verschwand, als hätte ihn jemand – etwas? – bei den Knöcheln gepackt und nach unten gezogen. Wie eine Welle ging eine Bewegung durch die Menge hinter ihm, als würden die Menschen einen Weg für jemanden frei machen, obwohl es niemand bewusst zu bemerken schien.

„Die anderen hole ich auch. Es sind sechs.“

Mit einem dumpfen „Wuff!“ – es klang tatsächlich wie das müde Bellen eines sehr, sehr großen Hundes – explodierte die Granate unter Novichenkos massivem breitem Körper.

„Er wird es überleben“, flüsterte Chiyo, „Das Pulver ist feucht geworden, und es war ohnehin eine russische Granate.“

Kim wandte seinen Blick ab.

19. Juli 1947

Die Sonne schien durch das kleine Fenster neben seinem Schreibtisch, und obwohl die kleine Uhr darauf und der Füllfederhalter schon lange Schatten warten, hatte sie noch genug Kraft, um seine Hand und die lederne Schreibtischunterlage spürbar zu wärmen.

„Du kannst nicht aufhören“, sagte sie, während sie sich in einer aufreizenden Bewegung in ihrem Sessel neben der Tür streckte und räkelte. Es war ein wenig albern, dass sie dort an der Wand sitzen musste, aber er fühlte sich trotz allem wohler, wenn sie ihm nicht näher kam als nötig. „Du kannst noch nicht zufrieden sein. Du hast noch Feinde in der Partei, und du hast noch Feinde unter den Beamten. Wenn du der Führer der neuen Republik sein willst, musst du sie beseitigen.“

„Wer?“ fragte er nach einer kurzen Pause. „Wen muss ich noch beseitigen?“

Sie lächelte, während sie nachdachte. „Ich bin nicht ganz sicher… Es wäre natürlich leichter, wenn ich-“

Er hob seine Hand aus dem wärmenden Sonnenstrahl, um sie mit einer herrischen Geste zu unterbrechen.

„Du hast mein Leben gerettet, Chiyo, aber glaube nicht, dass ich dir deshalb vertraue!“ fuhr er sie an.

Sie zog ihren Kopf ein wenig zurück und stülpte ihre Lippen vor, während sie blinzelte, als versuche sie, Tränen zurückzuhalten. Er war sich noch immer nicht sicher, wie echt ihre Gefühle waren; ob sie ihn damit nur manipulieren wollte, oder ob die Magie des Ringes sie tatsächlich zwang, nach seiner Zuneigung zu gieren wie ein Kind nach der Bestätigung seiner Eltern.

Sie senkte schließlich ihren Kopf und zog ihre Schultern etwas hoch. „Chung-Ho und Dae-Yung im Marinekomitee. Chung-Ho berichtet an die Japaner, und Dae-Yung ist sein Freund.“

Kim nickte und hob seinen Füllhalter auf, um mitzuschreiben.

„Wie berichten sie?“ fragte er. „Wer ist ihre Kontaktperson, und wo treffen-“

Der verzweifelte Schrei einer Frauenstimme aus dem Garten.  Die Stimme seiner Frau.

Sein Blick ruckte von dem Papier vor ihm hinauf in Chiyos Gesicht, und er sah, wie sie erbleichte und ihre Finger in die Armlehnen ihres Sessels grub.

Was hast du“ begann er.

„Nichts!“ rief sie mit sich überschlagender Stimme. „Ich kann nichts dafür! Ich habe nur- Ich war… Bitte, du musst mir glauben, ich-“

Er sprang auf und lief zur Tür, riss sie auf und stürmte die Treppe hinab.

„Song-Chu!“ rief sie ihm nach. Wie er es hasste, dass sie immer noch seinen falschen Namen benutzte. „Bitte, warte, ich muss dir erklären…“

Die Haustür schnitt ihre leiser werdende weinerliche Stimme ab, als sie hinter ihm ins Schloss fiel.

Als er seine Frau Jong-Suk mit dem reglosen Körper seines Sohnes Schura in den Armen knietief im Teich stehen sah, neben ihr sein erster Sohn Juri mit einem schrecklichen entrück-zufriedenen Grinsen, wusste er, welchen Feind er zuallererst aus dem Weg räumen musste.

5. Oktober 1947

Er stand ein wenig gebückt, so eng und niedrig war der Gang in dem kleinen Boot. Bei der Vorstellung, Tage oder Wochen in dieser Blechröhre unter Wasser zu verbringen, wurde Kim ein wenig schlecht, und er versuchte, nicht daran zu denken. Oder daran, warum die Männer, die er auf diese Mission schickte, es nur wenige Tage würden aushalten müssen.

Er seufzte und vollendete die letzte halbe Drehung des Rades an der stählernen Tür, bis es nicht mehr weiterging.

Verschlossen.

„Kim!“

Ach. Jetzt nicht mehr Song-Chu?

Ihr makelloses Gesicht hinter dem dicken gläsernen Bullauge war tränenüberströmt, ihr Blick verzweifelt und furchtsam, ihre Augen weit aufgerissen und flehentlich.

„Kim, bitte lass mich nicht hier zurück! Bitte Kim, ich wollte es nicht, ich hätte es verhindert! Ich schwöre es, Kim, ich könnte dir niemals weh tun, es war ein Unfall! Ich war abgelenkt, weil…“

Er warf kopfschüttelnd einen letzten Blick auf den klobigen Ring an seinem Finger und wandte sich von ihr ab.

„Kim, gib mir noch eine Chance, bitte, ich werde… Wir können Freunde sein, Kim. Ich liebe dich! Ich bin dein , Kim, für immer!“

Er wandte sich noch einmal um und musterte sie nachdenklich.

„Wie lange?“ fragte er leise. Er wusste, dass sie ihn auch durch die Stahltür ohne Probleme hören konnte. „Wie lange, bis du verhungerst?“

Ihre Augen wurden noch größer, und alle Muskeln in ihrem Gesicht erschlafften, als sie ihn fassungslos anstarrte.

Er lächelte und deutete ein überraschtes Kopfschütteln an. Sieh an. Anscheinend konnte sie wirklich nicht seine Gedanken lesen. Zumindest nicht immer.

Sonderbar eigentlich. Was hatte sie wohl bisher gedacht, was er vorhatte?

„N-nein…“ stammelte sie leise. „Nein, das… Du kannst… Du… Du würdest nicht… Nein! Nein, Kim, bitte, du kannst mich nicht hier drin… Ich…“

Wie lange?“ bellte er.

Sie sank sichtlich in sich zusammen und schwankte wie betäubt einen Schritt zurück, bis ihr Kopf gegen eines der Kojenbetten stieß. Sie schien es nicht einmal zu bemerken.

„Ich weiß nicht“, flüsterte sie. „Ich… Vielleicht… Ich… weiß nicht…“ Sie schüttelte ihren Kopf, ungläubig, den Blick starr auf den Boden gerichtet. Auf ihrer sonst makellosen Stirn waren zwei kleine senkrechte Fältchen erschienen, die davon zeugten, dass sie zu erfassen versuchte, was geschehen würde. Dass sie sterben würde. „Vielleicht zehn Jahre. Vielleicht zwanzig.“ Eine lange Pause. Er wollte sich gerade endgültig abwenden, als sie mit einem kraftlosen Schulterzucken weiter sprach. „Vielleicht hundert. Ich weiß nicht, wie ich… Kim, das kannst du nicht… Nach allem, was wir… Kim!“

Er verließ das U-Boot, und sie verstummte. Er wusste nicht, ob sie aufgehört hatte, ihn anzubetteln, oder ob er sie nur nicht mehr hörte.

Er gab jedem der Männer die Hand, als sie einstiegen, und dankte ihnen für ihren treuen Dienst.

Keiner von ihnen wusste, dass sie nicht zurückkehren würden. Das hatte nur der Soldat gewusst, der die kleine Ladung Sprengstoff im Motorraum versteckt hatte. Und den hatte Chiyo gestern Nacht verschlungen.

Ganz besonders würde mich interessieren, ob euch das hohe Erzähltempo und die großen Sprünge zwischen den Szenen gestört haben und ob es euch besser gefallen hätte, wenn ich (zum Beispiel zum Schluss) doch etwas ausführlicher erzählt hätte, was passiert.

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13 Responses to Yours to keep – wie alles begann – wie alles begann

  1. Pate sagt:

    Hallo,

    nunja, ich kenne die „Nachgeschichten“ nicht, möglicherweise liegt es daran, aber für mich blieben hier einige Fragen offen. Beispielsweise wovor die Dämonin Angst hatte.

    Mit dem Erzähltempo und den Sprüngen kam man ganz gut klar, wenn man sich daran gewöhnt hatte. Der Erste war noch recht verwirrend, aber es wurde besser und besser.
    Obwohl auch hier ein wenig Neugier unbefriedigt bleibt. Beispielsweise wie die Dämonin die Schlacht um Stalingrad entschieden hat. Aber man kann ja nicht Alles haben.

    So, ich werd jetzt mal den Rest der Story lesen. Vielleicht hat sich dann ein Teil des Kommentars schon erledigt.

    Gruß
    Pate

  2. Muriel sagt:

    @Pater: Vielen Dank für deinen Kommentar und willkommen bei überschaubare Relevanz!
    Einerseits glaube ich schon, dass es fürs Verständnis besser ist, die Nachgeschichten vor den Vorgeschichten zu lesen – klingt komisch, ist aber so -, andererseits liegt es keineswegs an dir, wenn du bestimmte Sachen danach auch immer noch nicht verstehst.
    Wenn du es ein bisschen weniger kryptisch magst und Zeit dafür hast, versuch ruhig mal die Romane unter „Geschichten“. Die sind etwas bodenständiger.

  3. Pate sagt:

    Dankesehr!
    Ich lese schon eine Weile still mit. Finde deinen Blog sehr gut.
    Den Rest der Geschichte habe ich jetzt auch gelesen, und Du hast Recht. So alles versteht man noch immer nicht. Aber wozu hat man seine Fantasie? Haha

    Klar, wenn ich mal Zeit und Muße finde schaue ich da gerne mal rein.

  4. whynotveroni sagt:

    Hm, mit hohem Erzaehltempo meinst du diesen Drehbuchstil, nicht? (Also fast nur Dialog). Das ist echt nicht so mein Ding…

    Also wenn du dazu ’nen Comic malst, und den Dialog in die Sprechblasen schreibst, bin ich wieder dabei. 🙂

    Zugegebenermassen habe ich aber nicht zu Ende gelesen, und Pate sagte ja, dass es gegen Ende immer besser wird. Muss das also mal nachholen. Sieh meinen Kommentar also mehr als einen Vorabkommentar.

  5. Muriel sagt:

    @Pate: Ich halte es da mit diesem alten Spruch, dass eine verschlossene Tür viel gruseliger sein kann, als es jedes Monster je sein könnte, das dahinter steckt.
    @whynotveroni: Interessant, dass du das so wahrnimmst. Ich habe (noch) nicht nachgezählt, aber ich bin eigentlich überzeugt, dass diese Geschichte keine erheblich höhere Dialogquote hat als meine anderen. Es ist zwar in der Tat ein Schwachpunkt von mir, dass ich eigentlich nur in Dialogen denke und mich zu allem anderen zwingen muss, aber das ist meiner Meinung nach immer so.
    Eigentlich meinte ich, dass ich viel zwischen den Szenen auslasse, und überhaupt nicht viele Informationen zum Hintergrund gebe.

  6. Guinan sagt:

    Ich glaube, das habe ich hier schon einige Male gesagt – egal. Gerade die „Lücken“ und offenen Enden finde ich gut. Das gibt Freiraum zu Weiterträumen. Es muss nicht immer jedes Detail ausführlich beschrieben werden. Wenn man alle drei Teile kennt, das ergibt genug Hintergrundwissen. Für den Rest reicht meine Fantasie schon aus.
    Vorhin habe ich die ganze Geschichte noch einmal komplett gelesen. Dabei ist mir aufgefallen, dass sich der Stil im Vergleich zum ersten Teil doch ziemlich verändert hat. Was mich dazu interessiert: Hättest du das in anderer Reihenfolge geschrieben, wenn es also den jetzt Anfang (das Ende, äh, was auch immer) noch nicht gäbe, oder du ihn zumindest noch nicht veröffentlicht hättest, würdest du jetzt anders schreiben?
    Ich hätte übrigens auch nichts dagegen, wenn da gelegentlich noch so ein zwei Teile mehr erscheinen, davor, danach, wie du magst.

  7. Muriel sagt:

    @Guinan: Vielen Dank, so ist das auch richtig.
    Zu deinen Fragen: Die Reihenfolge finde ich persönlich sehr gut so, und der Stilunterschied ist mir auch durchaus bewusst und sagt mir durchaus zu.
    Trotzdem kann ich dir nicht ganz genau so antworten, wie du gefragt hast, denn wie viele Schriftsteller empfinde ich es so, dass die Geschichten sich größtenteils selbst schreiben. Es ist nicht so, dass ich mich hinsetze und mich bewusst entschließe, jetzt mal eine mit einem süffisanten Erzähler zu schreiben, der sich öfter mal etwas zu weit in den Vordergrund drängt, und bei der nächsten entscheide ich dann, dass ich das nicht mehr möchte. Es ergibt sich einfach irgendwie aus dem Gesamtzusammenhang. Insofern weiß ich nicht, wie ich geschrieben hätte, wenn ich nicht so begonnen hätte, wie ich begonnen habe, aber ich bin vom Ergebnis her zufrieden und finde es auch durchaus richtig, dass die drei Teile unterschiedlich erzählt sind.

  8. Guinan sagt:

    Denkst du denn daran, die Geschichte irgendwann zu erweitern? Nachdem ich Chiyo/Sheila jetzt näher kennengelernt habe, interessiert es mich, wie Daniel mit der Situation zurechtkommt, ob dieses „Jüngelchen“ an der Aufgabe wächst.

  9. Muriel sagt:

    @Guinan: Ich denke daran, und ich bin überzeugt, dass ich es auch früher oder später tun werde. Jetzt erst mal muss ich aber „Gefallen“ zur Reife bringen. Sind ja schon wieder nur noch zwei Tage, bis es losgeht.
    Ungefähr.

  10. Günther sagt:

    Insgesamt spannend und gut, ein bisschen weniger Staccato wäre aber vielleicht nicht schlecht gewesen. Klar, insgesamt liefert dieser Teil nur Ausschnitte und die Idee, was der Dämon alles anrichtet und soll das wohl auch. Mir hätten aber zum Beispiel ein paar mehr Details bei dem familieninternen Mord gefallen – das ist neu, dass der Dämon auch zum Töten anstiftet und nicht nur selbst tötet. Außerdem würde mich natürlich brennend interessieren, was es denn nun ist, wovor sie so große Angst hat? Ist es das Verhungern oder noch irgendwas ganz anderes?

    Weitere Teile von der Geschichte würde ich natürlich sehr gerne lesen. Ob vorher, nachher oder dazwischen ist fast schon egal, wenn sie Fragen beantworten nach dem woher, wohin, wozu und so.

  11. whynotveroni sagt:

    Ich habe (noch) nicht nachgezählt, aber ich bin eigentlich überzeugt, dass diese Geschichte keine erheblich höhere Dialogquote hat als meine anderen. Es ist zwar in der Tat ein Schwachpunkt von mir, dass ich eigentlich nur in Dialogen denke und mich zu allem anderen zwingen muss, aber das ist meiner Meinung nach immer so.

    Ich finde das merkt man schon. Mal mehr und mal weniger… Bei „Eine Riesenmenge Geld“ war das streckenweise auch so.

    Eigentlich meinte ich, dass ich viel zwischen den Szenen auslasse, und überhaupt nicht viele Informationen zum Hintergrund gebe.

    Das ist ja genau das Problem. 🙂

  12. Muriel sagt:

    @Günther: Niemand hier weiß Geheimnisse zu schätzen. Außer Guinan. Aber ihr dürft euch trotzdem auf mehr freuen, keine Angst.
    @whynotveroni: Sag ich ja.

  13. […] wirklich, wenn man zumindest den ersten Teil kennt. Natürlich darf man auch den zweiten und den dritten lesen, aber das ist […]

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