Taschentuch?

Warum kann eigentlich nicht einmal ein Skandal bei der Bundeswehr stattfinden, ohne dass Leute sich künstlich über Dinge aufregen, die auch jemand als Nichtigkeiten erkennen müsste, der niemals Soldat war?

„Minderwertiges Menschenmaterial“ soll der Kapitän also seine Besatzung genannt haben. Uiuiui, wenn das mal keine bleibenden Schäden hinterlassen hat. Ist das psychologische Krisenbetreuungsteam schon vor Ort?

Seeleute, die sich im Hafen betrinken? Der Weltuntergang kann nicht mehr weit sein.

Oder damals 2006, als ein paar Schwachköpfe in Afghanistan Fotos mit Totenschädeln gemacht haben. Da saß ich mal gute zehn Minuten an einem Tisch mit zwei Familienangehörigen, die völlig erschüttert darüber sprachen, wie verroht und unmenschlich man eigentlich sein muss, um sowas zu tun. Und ich war die ganze Zeit über so kurz davor, aufzuspringen und zu fragen, wie borniert und und kleinlich man eigentlich sein muss, um solche dämlichen Scherze für den Gipfel der Unmenschlichkeit zu halten. Ich jedenfalls würde mir unter geeigneten Umständen die gleiche Idiotie auch selbst zutrauen.

Damit wir uns nicht missverstehen: Ich hätte es auch lieber, wenn alle Menschen immer fair miteinander umgingen, wenn niemand Drogen missbrauchen würde und alle immer Respekt vor den Gefühlen ihrer Mitmenschen hätten. Naja, jetzt, da ich noch mal drüber nachdenke, vielleicht hätte ich das doch nicht lieber. Hm. Aber jedenfalls will ich nicht leugnen, dass das nicht schön ist, worüber berichtet wird. Und natürlich ist der Tod der beiden Soldaten eine völlig andere Kategorie als dieser andere Kinderkram und gehört gründlich untersucht.

Aber wer wirklich behauptet, von Saufgelagen, harten Worten und geschmacklosen Witzen in der Bundeswehr entsetzt zu sein, muss sich in meinen Augen entscheiden, ob er ein Heuchler ist, oder beschränkt, oder beides.

[Nachtrag: Oh. Ich sehe gerade, dass Neues aus Westsibirien mir schon zuvorgekommen ist, wenn auch etwas kompakter im Ausdruck.]

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17 Responses to Taschentuch?

  1. Guinan sagt:

    Also hör mal. Bei der Bundeswehr, da trinkt doch keiner Alkohol. Das ist doch verboten. Und dann machen die das auch nicht. Auch nicht in der Freizeit. Schließlich könnte ja jederzeit Krieg ausbrechen. Wer sollte uns denn dann beschützen?

  2. Wie schaffen es eigentlich die Zivis, dass die Saufgelage und Bettpfannenschlagzeugspielereien nicht rauskommen?

  3. foster sagt:

    Ganz einfach, die im normalen Beschäftigungsverhältnis stehenden Pfleger werden mit Schnaps und Mitspielerlaubnis bestochen.

  4. Nardon sagt:

    Ich bin nur verdammt froh das es 1997-2001 noch nicht jeder mit Digitaltechnik unterwegs war. Dann hätte unser Spies die Videobänder der Unteroffiziersaufnahme nicht beschlagnahmen können und man hätte uns warscheinlich schon den nächsten Tag auf Youtube begutachten können.
    Es war lustig, es wurde viel zu viel getrunken und jeder hat sich Verhalten, wie sich Betrunkene nunmal verhalten.
    Am nächsten Tag hatte man einen dicken Kopf und es wurde aufgeräumt, Witze gerissen und der Dienst ging weiter.

    Hätte jemand anderer das video in die Finger bekommen, ich möchte mir gar nicht ausmalen was die aus den Witzen, Anekdoten und Sprüchen in den Medien gemacht hätten.

  5. Tim sagt:

    Es kommt alles noch schlimmer. Wie man jetzt hört, sitzt die Bundeswehr angeblich auf Waffenbergen und bringt jungen Menschen in streng abgeschirmten Lagern das Töten bei. Macht Euch auf eine Schlammlawine gefaßt!

  6. Günther sagt:

    Ok, die Saufgelage kannst du behalten, die sind wirklich nur sehr bedingt ein Grund zur Aufregung. Über den Spruch des Kapitäns kann man sich streiten. Ich denke es wäre übertrieben, deswegen die Abschaffung der Bundeswehr zu fordern. Aber zumindest ist das ziemlich geschmacklos, und ich finde es spricht nicht gerade für die Führungsqualitäten des Kapitäns. Und da der dass „Flaggschiff“ kommandiert, wirft das auch ein schlechtes Licht auf die Marine.

    Das mit den Totenschädeln halte ich da schon für eine andere Kategorie. Nenn mich borniert, aber ich denke nicht, dass ich für Fotos mit Totenschädeln posieren würde, auch nicht als Soldat in Afghanistan. Naja, unter „geeigneten Umständen“ natürlich schon, aber unter denen würde ich auch nackt im Handstand durch die Innenstadt laufen und „My heart will go on“ singen. Also war die Situation für die Soldaten so schlimm, dass sie einfach keine andere Wahl hatten als mit Totenschädeln herumzuspielen? Ich denke nicht. Und was wäre dann dementsprechend die richtige Reaktion für Zeitungsleser zu Hause? „Naja, was sollen sie machen, ist halt ne schwere Situation.“? Oder vielleicht doch sowas wie Entsetzen?

    Ich bestreite ja auch gar nicht, dass der Einsatz eine Ausnahmesituation für die Soldaten ist und sie zu Handlungen antreibt, die sie sonst so nicht gemacht hätten. Aber auch mit dem Wissen ist meiner Meinung nach Erschrecken gar kein so fernliegendes Gefühl.

    Gruß vom beschränkten Heuchler 😉

  7. Muriel sagt:

    @Günther: Entsetzen.
    Du empfindest Entsetzen, wenn du liest, dass ein paar junge Soldaten in Afghanistan alberne Fotos mit Totenschädeln gemacht haben?
    Was empfindest du, wenn etwas wirklich Schlimmes passiert?
    (Um das mit den Umständen klarzustellen: Ich hoffe, dass ich klug genug wäre, keine Fotos zu machen, und ich würde mich darauf auch ganz bestimmt nicht ausziehen, aber dass ich mit ein paar Freunden in entsprechend alberner Stimmung dumme Witze mit einem Totenschädel machen würde, kann ich mir vorstellen. Ganz ohne sonstige außergewöhnliche Zustände. Tut aber hier natürlich wenig zur Sache, und ich mag da eine Ausnahme sein.)
    Ich sehe jedenfalls nicht, dass man damit irgendeinen Schaden anrichtet, solange man es geschickt genug anstellt, nicht erwischt zu werden.
    Ich sage nicht, dass es eine gute Idee wäre. Und natürlich hatten sie eine Wahl, darum geht es mir nicht. Ich sage nicht, dass da keine Disziplinarmaßnahmen erforderlich wären. Aber Entsetzen ist nun wirklich übertrieben, und Erschrecken meiner Meinung nach auch noch. Leichter Ärger, Enttäuschung, darüber können wir reden.)

  8. Frau.Meer sagt:

    „… und ich mag da eine Ausnahme sein.“

    Ich oute mich mal: Ich denke, ich könnte dann auch eine Ausnahme sein. Ich sehe das Entsetzen da ebenfalls nicht und weiß einfach, dass ich – und genügend andere Menschen – durchaus zu solchen Spielchen neigen könnte. Das ist vielleicht nicht der sympathischste Charakterzug, aber menschlich und verzeihlich.

  9. Muriel sagt:

    @Frau.Meer: Ich kann gar nicht sagen, wie mich dein Zuspruch freut.
    Bin ich doch nicht der einzige entsetzliche Unmensch hier…

  10. Andi sagt:

    Ich hab auch mal so ein schlimmes Foto gemacht…
    Es war, als ich Zivi im Krankenhaus war, eine Patientin war schwer dement und eine examinierte Krankenschwester und ich hatten Schicht an einem Samstag Vormittag, wir wuschen die Patientin, lagerten sie um, bereiteten ihr das Frühstück, was man halt so macht. Die Frau hieß Haas, wie der Tennisspieler seinerzeit. In der Zeitung stand als Schlagzeile „Haas kämpft sich ins Finale.“ Meine Kollegin und ich ließen von einem weiteren Kollegen ein Foto von uns machen, wie wir neben Frau Haas am Bett stehen und ich hielt die Zeitung mit der Schlagzeile hoch. Frau Haas bekam davon nix mit. Und wenn doch, hat sie´s danach eh wieder vergessen.

    Ich bin ein Unmensch. Aber wenigstens war ich nie bei der Bundeswehr.

  11. Muriel sagt:

    @Andi: Risqué, muss ich sagen. Aber ich find’s lustig.
    Wir haben bei der Bundeswehr übrigens nie sowas gemacht. Dafür hätten wir ja aufrecht stehen müssen.

  12. Rudi sagt:

    Worüber wird hier eigentlich geredet? Darüber, dass im fernen Land Menschen sterben, darüber, dass wir alle zu irgendetwas in der Lage wären?
    Wir wollen uns also mit dem gänzlichen Unbill der Welt solidarisch erklären, oder es auffangen?
    Schiesst also nicht ständig über das Ziel hinaus, sondern redet über das, was diese Welt unerträglich macht; nämlich dass es Unfairness gibt, dass es Menschen gibt, die andere gegeneinander ausspielen!
    Packt alles bei der Wurzel und redet nicht darüber, was z.B. mir als menschlicher Mensch AUCH in den einfachtsten (Alb)Träumen erscheint…..
    In Rom werden in Gewölben Zehntausende Knochen aufbewahrt und auch KZ-Gedenkstätten beinhalten solche Relikte…..

    BEFREIEN wir uns von solchen ‚MAHNERN‘ und befreien wir uns von der Angst vor der eigenen Courage!

    Wir alle sind nämlich ‚demnächst‘ mindestens 1 Million Jahre lang tot!

    Nichts für ungut:

    Ich wollte nicht vom Thema abschweifen, aber SAUFEN und TÖTEN (oder Spiele mit den Resten dessen); von allem dessen sind wir doch Welten entfernt, oder??????

    Oder kommt hier ein Rest vom Urmenschen zu Tage?

    DIESER brauchte sich fernab vom Handy, dem Computer und all‘ dieser Errungenschaften der Menschheit nämlich nicht über viel zu menschliches Verhalten einen Kopf machen….

    Oder war ‚damals‘ DOCH alles ‚menschlicher‘, als wir es uns in unseren kühnsten (alb-) Träumen vorstellen können?

    NEIN, war es NICHT!

    Denn wir sind, wer wir waren und wir sind, wie wir werden wollen.

    Aber wir sind vor allem nicht das, was von sich behaupten könnte, etwas ‚geworden‘ zu sein!!!!

    Immer auf der Suche danach, etwas von sich behaupten zu können….
    ….vor allem aber, etwas gutes daraus gemacht zu haben; wer kann das schon behaupten?

    BEVOR wir aber dort ankommen, wo wir hin wollen, sind Saufgelage, töten und Spiele mit dem Leben (leider) alltäglich und darum auch diese Auseinandersetzung lediglich allzu ‚menschlich‘

    Liebe Grüsse

    Rudi

  13. Muriel sagt:

    @Rudi: Danke für den ausführlichen Kommentar, aber ich fürchte, ich verstehe nicht, was du uns sagen willst.

  14. Rudi sagt:

    @ Muriel:

    …schade…

    Dennoch:
    abgekürzt soll’s heissen, dass ‚die da oben‘ schon wissen, warum wir hier unten die Füsse still halten. Im alten Rom nannte man das Brot und Spiele. Nur verdienen wir heute unser täglich Brot selber und die Spiele werden auch noch von uns finanziert! Dennoch empfinden wir offensichtlich eine Art Unterhaltung, die uns gut tut….. (z.B. wie in diesen Foren)
    Noch kürzer:
    Nur das dümmste Schaf bezahlt für das Schleifen der Messer selbst ..oder so ähnlich… 🙂

  15. Muriel sagt:

    @Rudi: Ich fühle mich in der Tat meistens ganz gut unterhalten, ich mag Brot und Spiele, finanziere nicht nur letztere, sondern auch ersteres, und sogar das Schleifen meiner Messer bezahle ich wirklich selbst.
    Irgendwas scheint da an deinem Kommentar dran zu sein…

  16. Rudi sagt:

    @Muriel
    Leider leide ich manchmal an vorauseilenden Gedanken…
    ‚habe ergo einen schnelleren Finger als Zeit, meine Gedanken so zu ‚beschriften‘, wie sie stets verstanden werden sollten 😦

    …aber dann würden meine Kritzeleien ja NOCH länger die Geduld der geneigten Leser strapazieren ;-)…..

  17. […] gut, den zweiten Fall nicht so, aber jeder Jeck ist anders.), weil mir klar ist, dass Polizisten genau wie Soldaten, Staatsanwälte, Bundeskanzler und Minister, genau wie wir alle, keine […]

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