Geht das schon wieder los

16. Januar 2011

Ich mochte „Der Seelenbrecher“ nicht besonders. Es kam kein einziger interessanter Charakter drin vor – eigentlich gab es in und hatte das Buch überhaupt keinen Charakter -, und mir gehen Autoren auf den Geist, die uns permanent und bis zum Schluss damit belästigen müssen, wie clever sie doch sind. Und der überraschende Twist ganz zum Schluss hat in der Geschichte der Geschichten meines Wissens genau einmal funktioniert, bei The 6th Sense, und davor und danach nie wieder. Hinweis: Es kann auch gar nicht funktionieren, wenn man den Leser die ganze Zeit schon darauf hinweist, dass ein total überraschender Twist zum Schluss kommt.

Weil ich aber sowieso viel zu selten Geschichten auf Deutsch lese, weil Fitzek in Anbetracht seines Erfolgs wohl auch irgendwas richtig machen muss und weil er von den deutschen Autoren immer noch einer der erträglicheren ist, habe ich beschlossen, ihm noch eine Chance zu geben.

„Der Augensammler“ hat noch nicht mal so richtig angefangen, und ich bin trotzdem jetzt schon davon überzeugt, dass ich diesen Psychothriller hassen werde.

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Mehr, als ihr jemals über Epistemologie wissen wolltet

14. Januar 2011

Ich habe hier schon des Öfteren meine skeptische Weltsicht als Grundlage dafür genannt, dass ich manche Dinge glaube, und andere nicht. Aber soweit ich mich erinnern kann, habe ich noch nie wirklich erklärt, was die Grundlagen dieser Weltsicht sind. Das hatte teilweise auch damit zu tun, dass ich das Thema für ein bisschen ermüdend hielt, und außerdem dachte, es wäre eigentlich klar.

In letzter Zeit habe ich aber so viel mit Leuten diskutiert, die sich offensichtlich nie ernsthaft Gedanken über ihre Epistemologie, also ihre Erkenntnistheorie gemacht haben, und die anscheinend auch wirklich keine Vorstellung davon haben, was sinnvolle Wege zur Wahrheit sind, und was nicht. Und noch schlimmer: Ich habe mit Leuten diskutiert, die sich offensichtlich gewaltig viel Gedanken darum gemacht und sich dabei in Höhen des Unfugs hineingeschraubt haben, dass einem sogar von unten schon schwindlig wird. Viel zu oft hört man Argumente wie: „Gott kann weder bewiesen noch widerlegt werden, deswegen sind Atheisten genauso Gläubige wie Theisten!“ oder „Wissenschaft kann keine Antworten auf die letzten, entscheidenden Fragen geben, dafür brauchen wir Religion!“

Deshalb habe ich mich nun endlich einmal zu dem Versuch durchgerungen, einen Blogbeitrag über meine Epistemologie zu verfassen. Die meisten von euch werden das Thema wahrscheinlich furchtbar langweilig finden und sich wundern, dass ich für so was auch nur eine Minute meiner Zeit aufwende. Und die anderen, die jetzt jubeln und rufen: „Na endlich, ich befürchtete schon, das kommt nie!“, die dürfen sich nachher eine virtuelle Umarmung abholen und sich meine Brüder und Schwestern im Geiste nennen.

Ihr seid natürlich trotzdem alle herzlich eingeladen, mir zu folgen, aber sagt bitte nicht, ich hätte euch nicht gewarnt.

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Moralischer Relativismus

13. Januar 2011

Was ist eigentlich mit der „Zeit“ los? Ist das Zufall, dass mir das gerade immer wieder auffällt, oder verfolgen die derzeit die Strategie, sich zum Sprachrohr christlicher Fundamentalisten zu machen?

Egal.

Acht ehemalige evangelische Bischöfe haben sich in der „Zeit“-Beilage „Christ & Welt“ zur Homosexualität geäußert und sie unter anderem als „widernatürlich und schöpfungswidrig“ bezeichnet.

Wenn man nun mit Christen darüber diskutiert, bekommt man nicht selten Antworten, die in die Richtung gehen, dass man doch bitte Respekt vor ihrer Meinung haben solle und dass es unanständig sei, andere Leute zu verurteilen. Auf die Frage hin, ob das mit dem Verurteilen und dem Respekt auf für Leute gilt, die anderen Leuten widernatürliches und schöpfungswidriges Verhalten vorwerfen und ihnen sagen, dass sie gefälligst zölibatär zu leben haben, weil ihr unsichtbarer Freund sonst echt sauer wird, folgt dann meistens der Rückgriff auf die Bibel oder der Hinweis, dass man ja nichts gegen die Homosexuellen gesagt habe, sondern nur ihren Lebensstil wahrheitsgemäß als Sünde identifiziere.

Das ist natürlich Blödsinn. Aber weil ich der Meinung bin, dass jeder, der bereit ist, ein bisschen darüber nachzudenken, das von selbst erkennt, erkläre ich es hier nicht weiter, sondern sage einfach nur kurz das, was ich solchen Leuten zu sagen habe:

Eure Ansicht ist borniert, bigott, ekelhaft, abstoßend, widerwärtig, amoralisch, schwachsinnig und unmenschlich. Dass ihr sie auf ein altes Buch stützt, ändert daran überhaupt nichts. Eigentlich ist es sogar noch verwerflicher, als wenn ihr euch das selbst überlegt hättet und sowas wie echte Gründe dafür nennen könntet.

Und wenn ihr im Ernst beleidigt seid, weil euch jemand das sagt, oder sogar erwartet, dass jemand diese Abscheulichkeit respektiert, dann legt ihr damit ein Ausmaß an Dummdreistigkeit an den Tag, zu dem ich nichts Zivilisiertes zu sagen habe.


Wir haben einen Gewinner!

12. Januar 2011

Und es ist unsere Geschichte Nr. 2 „Herr, die Not ist groß“!

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Restebloggen (63)

11. Januar 2011
  1. Montag gegen 11 komme ich aus einer längeren Besprechung und finde zwei Notizen auf meinem Schreibtisch. Eine von 08:10 mit dem Vermerk „Herrn H. ab 12 zurückrufen“, und eine zweite von 10:20 mit dem Vermerk: „Herr H., bitte um Rückruf“. Sowas passiert mir in letzter Zeit dauernd. Grassiert eine Epidemie von Telefon-Tourette?
  2. Lange nicht mehr so gelacht:
    You can either hang out in the Android Loop or in the HURD loop
  3. Lynnea will keine Kinder haben und hat darauf offenbar schon so oft dieselbe Antwort bekommen, dass sie einen sehr lesenswerten Artikel drüber geschrieben hat:
    Maybe you’ll change your mind.“ This has always bothered me every time people would tell me this, and it took me awhile to piece together exactly why, but I feel like I’ve put it all together by now, so I’ll go through all the subtly offending social pressures that this phrase exerts.
  4. Falls ihr mal wieder was Tragikomisches lesen wollt, könnt ihr das hier bei der Zeit:
    Heute muss zur Skepsis gehören: Zweifeln auch an diesem religionsfeindlichen Dogma und Offenheit für die spirituellen Erfahrungen, die viele Menschen gemacht haben, Ernstnehmen der geistig-seelischen Lebenswelt der Menschen, aber auch Zulassen von Fragen, die die Wissenschaften nicht beantworten können, wie zum Beispiel die Frage nach dem Sinn des Ganzen, nach den Aufgaben, die uns gestellt sein mögen, nach einer schlüssigen Begründung für die Würde des Menschen und ihre Unantastbarkeit.
    Besonders der letzte Teil ist so skurril, dass ich gar nicht so richtig weiß, wie ich damit umgehen soll. Eine schlüssige Begründung für die Würde des Menschen und ihre Unantastbarkeit. Ähm… Ja. Nein, dazu kann ich nichts weiter sagen.
  5. In Philoso4 schon erwähnt, jetzt auch hier verlinkt: „Apple Claims New iPhone Only Visible To Most Loyal Of Customers„. Unbedingt lesen!
  6. Immer, wenn ich meine beiden Ordner mit den Arbeitsverträgen sehe, lächle ich und schüttle den Kopf. Ich habe sie selbst beschriftet. Auf dem einen steht „A-M“, auf dem anderen „M-Z“. Ich werde das voraussichlich nie korrigieren. Ich bilde mir ein, dass es mich daran erinnert, demütig zu bleiben.
  7. Stefan Niggemeier hat eine Meinung zu „Deutschland sucht den Superstar“, und Matthias Schumacher eine andere. Ich sehe das eher wie Matthias, muss aber zugeben, dass ich die Sendung schon seit Jahren nicht mehr gesehen habe und deshalb vielleicht nicht so gut geeignet bin, das zu beurteilen. Und ihr?

Ein Service von überschaubare Relevanz

10. Januar 2011

Da es den Lesern nicht so recht gelungen ist, eine Entscheidung in Bezug auf unseren nächsten Fortsetzungsroman zu treffen, folge ich whynotveronis Vorschlag und führe eine Stichwahl zwischen den drei Geschichten durch, die jeweils fünf Stimmen bekommen haben.

Es handelt sich dabei um:

1. Die Hand zur Faust geballt – Sotheg Helander ist ein Krämer in dem kleinen Bezirk Orfstein am Rand der Kerpee-Wüste, mit nicht mehr als einer vagen Vorstellung davon, dass seine Familie vor der Revolution einmal die Barone stellte, die über den Ort herrschten. Er ist deshalb mehr als ein bisschen verwirrt, als eine völlig dehydrierte und erschöpfte Wanderin aus der Wüste stolpert, die behauptet, eine Gesandte der Wissenden von Rhuk zu sein, die sein Ururururururgroßvater um Hilfe bat, kurz bevor die wütende Meute sein Schloss stürmte und ihn durch einen ordinären Bürgermeister ersetzte. Zunächst fällt es ihm schwer, angesichts der sonderbaren Kapriolen der offenkundig Verrückten ernst zu bleiben, doch es dauert nicht lange, bis ihm das Lachen vergeht.

2. Herr, die Not ist groß – Seit Jahren liegt dem Magistrat von Callein sein Erster Magier in den Ohren, er möge ihm doch erlauben, das Monument von Yon-Gequl zu öffnen und die arkanen Geheimnisse der legendären Sieben Gefallenen zu erkunden. Vor Jahrhunderten erzitterte die Welt unter den kataklysmischen Magierschlachten zwischen der Witwe, Schattentänzer, dem Toten Mann, dem Gekreuzigten, Sturm, dem Fremden und Doppelgänger, bis der Messias, ein rätselhafter achter Magier, sich dafür opferte, sie in das Monument zu bannen.
Immer wieder hat der Magistrat die Bitten seines Ersten Magiers zurückgewiesen, weil er keinen besonderen Wert darauf legt, eine neue Ära der Magierkriege einzuläuten. Erst als die monströsen Schergen eines Hüters aus dem Berg Arot das Reich zu überrennen drohen, ist die Verzweiflung schließlich groß genug, um die mythischen Gewalten zu entfesseln. Der Erste Magier freut sich über die lange erhoffte Gelegenheit, bis ihm klar wird, dass nicht nur der Messias nicht das ist, was er scheint.

4. Yanis – Yanis ist der Stolz und der Neid des Ordens der Amazonen. Im Zweikampf kann keine ihrer Kameradinnen gegen sie bestehen, die Tochter der Königin hat sie zu ihrer Gefährtin gewählt, und eine Zukunft als strahlende Heldin scheint ihr sicher. Doch der Humor der Götter ist für Sterbliche oft schwer verständlich, und Yanis ist jedenfalls nicht nach Lachen zu Mute, als sie sich nach einer Reihung unglücklicher Ereignisse aufs Widerwärtigste entstellt, drogenabhängig und verstoßen am Pranger und unter der Peitsche des Scharfrichters wiederfindet.
Was ihr als das Ende aller Hoffnung erscheint, ist für den jaskanischen Hellsichtsmagier Aki und die Diebin Ikara ein unfassbarer Glücksfall, denn sie stehen vor dem Auftrag ihres Lebens, für den ihnen noch ein starker Schwertarm fehlt, und jeder weiß, dass es in ganz Tunok keine besseren Kämpfer gibt als die Kriegerinnen des Amazonenordens. Zwar erweist sich Yanis’ unflexibler Ehrenkodex als ein sehr ärgerliches Hindernis, doch ihre verzweifelte Lage und Akis Magie lassen auch dieses Problem lösbar erscheinen, zumal Aki und Ikara keine verstaubten Moralvorstellungen dabei im Weg stehen, die Tatsache auszunutzen, dass Yanis sich auf den ersten Blick in die schöne Diebin vernarrt hat.

Die Nummerierung habe ich, um gewisse Missverständnisse zu vermeiden und eine andere Art von Missverständnissen zu fördern, in der ursprünglichen Form belassen. Beachtet also: Es gibt bei dieser Abstimmung keine Nummer drei. Wer die dritte Geschichte will, stimmt für die vierte. Oder so. Ihr macht das schon.


Philoso4

8. Januar 2011

Vielleicht erinnern sich einige von euch noch, dass ich etwas völlig Neues versprochen hatte, und wer überschaubare Relevanz kennt, der weiß, dass wir hier unsere Versprechen halten.

Ich präsentiere also voller Stolz die erste Ausgabe des überschaubare-Relevanz-Podcasts Philoso4, den ich heute gemeinsam mit meinem guten Freund und gelegentlichen Kommentator Elmo aufgenommen habe. Keoni war auch dabei, aber sie ist nicht so gesprächig.

Zum Download geht es hier entlang.

Wir sind im Großen und Ganzen der Meinung, dass das für’s erste Mal gar nicht so enorm peinlich geworden ist, und wenn wir beim nächsten Mal auch wirklich philoso4 sind statt nur philoso3, von denen sogar nur philoso2 reden, die sich außerdem noch permanent einig sind und sich nicht vernünftig vorbereitet haben, könnte das beim zweiten Mal sogar richtig unterhaltsam werden. Und wer jetzt noch im Ernst meint, dass wir öffentlich-rechtlichen Rundfunk brauchen, dem kann ich auch nicht helfen.

Und was meint ihr?


Letzter Aufruf

8. Januar 2011

Noch läuft die Abstimmung über den nächsten Fortsetzungsroman, aber in den letzten Tagen hat sich nicht mehr viel getan, deswegen werde ich sie voraussichtlich Montagnachmittag schließen und wenig später eine Entscheidung verkünden.

Wer also noch nicht abgestimmt hat, aber gerne will, der tue das am besten heute oder morgen noch. Aus Gründen der Transparenz weise ich darauf hin, dass es zwar im Abstimmungswidget technisch nach Gleichstand zwischen den Geschichten 1, 2 und 4 aussieht, dass aber Andis Stimme in den Kommentaren auch zählt und mithin Geschichte 1 „Die Hand zur Faust geballt“ derzeit mit insgesamt 6 Stimmen in Führung liegt.

Noch habt ihr die Chance, mitzuentscheiden, was es als nächstes zu lesen gibt. Nutzt sie, denn ihr wisst: Jede nicht abgegebene Stimme ist eine Stimme für die Extremisten. Geht wählen! Sollte euch die Entscheidung schwerfallen, weil ihr noch Fragen zu den Geschichten habt, könnt ihr mir die gerne stellen. Vielleicht antworte ich sogar.

(Wer die Abstimmung zu manipulieren versucht, indem er mehrfach abstimmt, wird bis ans Ende seines Lebens mit dem Bewusstsein dieser Schuld leben müssen.)


Restebloggen einfach so mal wieder (62)

6. Januar 2011
  1. demotivational posters - WHEN I EAT THESE SHRIMP
    see more Very Demotivational
  2. Und falls ihr das nicht verstanden habt, erklärt hier die fantastische TheAnmish ein bisschen was über Asperger’s:

  3. Gottkennen.de ist einen Besuch wert. Besonders amüsant finde ich diese These hier: „Fahren Sie hin, wohin Sie wollen und sprechen Sie mit Gläubigen irgendeiner Religion. Alle werden zugeben, dass es keinen Menschen gibt wie ihn [sc. Jesus]. Er ist die aussergewöhnlichste Persönlichkeit aller Zeiten.“ Und ich bin überzeugt, dass die das da wirklich glauben.
  4. A propos: Wenn Wissen eine Unterkategorie von Glauben ist, und Gott alles weiß, können wir daraus schließen, dass Gott alles glaubt?
  5. Facebook-Statusmitteilung von Regina Spektor zu einem Video einer Aufführung des Sterbenden Schwans: „another swan… can never have too many swans, especially if they keep dying…“
  6. Ist zwar Atheist Experience, hat aber ausnahmsweise mal keinerlei Bezug zu Religion: Im Blog präsentidert Martin die abstoßendste Mail, die sie je bekommen haben. Ich halte das zwar für eine Übertreibung, aber unterhaltsam ist die Botschaft dieses Frauenverstehers an Jen allemal:
    In 15 years you’ll look quite bad.. and after that you’ll look as disgusting to a man(A man with standards) as any other very middle aged woman is just expired and at different stages part their expiration date. So look good and sexy and enjoy the experience while you can. And be glad that you can..
  7. Demnächst wird es hier bei überschaubare Relevanz etwas geben, was es so hier bei überschaubare Relevanz noch nie gegeben hat. Eine riesengroße Sache. Das wird so cool. Ihr werdet alle total begeistert sein. Zumindest stelle ich mir das jetzt noch so vor.

Herr Niggemeier, wir müssen reden

4. Januar 2011

Sehr geehrter Herr Niggemeier,

Sie echauffieren sich völlig zu Recht und sehr unterhaltsam über die Äußerung der ARD-Vorsitzenden Emma Monika Piel, sie wolle sich vehement dafür einsetzen, auch öffentlich-rechtliche Apps kostenpflichtig zu machen, falls der Verlegerverband eine solche Maßnahme für seine Inhalte durchsetzen würde. Sie bemerken vollkommen richtig, dass diese Äußerung eine skandalöse Dummdreistigkeit darstellt, die nur dadurch zu erklären ist, dass Frau Piel vorsätzlich oder zumindest grob fahrlässig das Wesen und den Sinn des öffentlich-rechtlichen Rundfunks in Deutschland verkennt.

So weit ist alles in Ordnung. Wir müssen über etwas anderes reden, nämlich über Ihre Rechtfertigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die leicht verkürzt so aussieht:

Von 2012 an muss jeder Haushalt Rundfunkgebühren zahlen. Egal, ob er ein Fernsehgerät hat. Egal, ob er Fernsehen guckt. Egal, ob er ARD oder ZDF guckt.

Die Logik dahinter ist die, dass es gut für eine Gesellschaft ist, wenn die Produktion von Inhalten in einem Massenmedium nicht vollständig den Gesetzen des Marktes unterworfen ist. Ich bin ein großer Verteidiger dieser Logik und der Idee des öffentlich-rechtlichen Rundfunks — auch in Zeiten, in denen es leichter und günstiger denn je ist, Menschen publizistisch zu erreichen.

[…]

Gerade wenn alle anderen Medien hochwertige journalistische Inhalte nur noch gegen Geld anböten, müsste der öffentlich-rechtliche Rundfunk kostenlos bleiben: damit auch diejenigen Menschen, die sich die kostenpflichtigen Angebote nicht leisten können, gut versorgt werden.

Den letzten Satz habe ich beim ersten Mal falsch gelesen und mich dann mehr als nötig darüber aufgeregt, aber ich finde, dass es da auch beim zweiten Mal noch ein Problem gibt. Sie implizieren, dass der öffentlich-rechtliche Rundfunk sich als soziale Errungenschaft eignet, die Informationen für alle gleichermaßen verfügbar macht, auch für die weniger gut Verdienenden. Dass Sie darüber hinaus (wie ich finde) völlig grundlos unterstellen, es wäre für Informationen irgendwie gut, nicht den Gesetzen des Marktes unterworfen zu sein, wollen wir mal ignorieren, um diesen Beitrag hier kurz zu halten, es gibt nämlich gleich Abendessen.

Kehren wir also zu der sozialen Sache zurück: Wie in Gottes Namen kommt man auf die Idee, eine Zwangsgebühr, die (ab 2012 und de facto eigentlich schon lange) unterschiedslos und in gleicher Höhe von allen Haushalten gezahlt werden muss, unabhängig davon, wie viele Menschen dazugehören, wie viel Einkommen ihnen zur Verfügung steht und ob und wie viel sie fernsehen, ob sie überhaupt einen Fernseher oder ein Radio haben, sei irgendwie eine Form von sozialem Ausgleich? Ich will nicht ganz ausschließen, dass ich das  nur aufgrund meiner Voreingenommenheit nicht begreife, aber was für eine Weltsicht ist denn das, die es als Segen für Geringverdiener verkaufen will, dass sie verpflichtet sind, für ein Angebot zu zahlen, das sie möglicherweise gar nicht nutzen? Ich meine, jetzt mal ehrlich, wer sieht denn Arte und ZDF Theater und all die vielen Bildungsprogramme, die ja nun einmal die eigentliche Existenzberechtigung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks darstellen („Wetten, dass“ würde ein Privatsender wohl auch gerade noch hinkriegen)? Sind das die Langzeitarbeitslosen und die Aldikassierer, oder sind das im Allgemeinen eher gut verdienende Akademiker, die es für völlig unverzichtbar halten, ihr Kulturfernsehen von der gesamten Bevölkerung finanzieren zu lassen, weil es ihnen sonst zu teuer wäre?

Ich will damit nicht Arbeitslose und Kassierer dissen. Ich sehe mir diese Sendungen selbst auch nicht an, weil sie mich zu Tode langweilen. Ich sehe eigentlich fast gar nicht fern. Und ich begreife nicht, wie man auf die Idee kommt, Fernsehen und Radio wären so mordswichtig für die Bildung der Bevölkerung, dass man auch Leute, die sich nicht einmal ein Zeitungsabo leisten können, dazu verpflichten muss, 18 Euro pro Monat dafür zu bezahlen. Für 18 Euro bekommt man einen durchaus ordentlichen Internetanschluss, und gerade die Leute, von denen Sie reden, verzichten dann unter Umständen auf den. Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, Herr Niggemeier, aber mir fällt die Abwägung leicht, was die sinnvollere Investition wäre, wenn ich mich zwischen Internet und öffentlich-rechtlichen Sendern entscheiden sollte. Ich müsste nicht einmal darüber nachdenken.

Nennen Sie mich einen gehässigen Moralisten, aber ich finde es einfach heuchlerisch, wenn die Leute, die gerne öffentlich-rechtliche Sendungen sehen und hören wollen, so tun, als wäre es eine gesamtgesellschaftliche Verpflichtung, ihr Vergnügen zu finanzieren, weil sie zu wissen glauben, dass alle anderen sich genauso zu informieren haben, wie sie es tun. Aber ich schätze, wenn man schon mal dabei ist, ist es nur konsequent, ihnen darüber hinaus auch noch einreden zu wollen, man täte ihnen einen Gefallen mit diesem System.