Fast vergessen

Ute vom Vollwert-Blog hat dankenswerterweise einen Gastbeitrag von mir veröffentlicht, in dem ich in 5.000 Zeichen erkläre, was ich von Religion halte und wie man sich davor schützen kann.

Ein bisschen Diskussion hat sich schon entwickelt. Wenn ihr mitreden oder auch einfach nur lesen wollt, bitte hier entlang.

Viel Spaß!

[Nachtrag, 18. Februar: Ich hatte ursprünglich den Post hier nur verlinkt, damit die Diskussion sich nicht zwischen meinem und Utes Blog aufteilt, sondern an einer Stelle stattfindet. Da sie nun vorbei ist, möchte ich meinen Beitrag auch hier dokumentieren. Da isser:]

Religion ist gut für uns

Sie tröstet uns, schenkt uns Gewissheit über elementare Fragen, gibt uns klare Regeln für richtig und falsch, schafft Gemeinschaften und gibt Vertrauen.

Leider macht sie das alles, indem sie uns partiell von der Realität abkoppelt. Ich bin wahrhaftig kein Marxist, aber die Parallele zu Drogen drängt sich geradezu auf.

Ich vergleiche Religion hin und wieder mit Autofahren unter Alkoholeinfluss. Es gibt Leute, die das dauernd machen, bis an ihr Lebensende, und nie Probleme damit kriegen. Es gibt Leute, die glauben, sie würde unter Alkoholeinfluss sogar besser fahren (Na gut, hier überstrapaziere ich den Vergleich eventuell ein bisschen, denn das sind sehr wenige.), und wenn man nur ein bisschen was getrunken hat, merkt vielleicht auch niemand einen Unterschied. Auch stocknüchterne Autofahrer verursachen Unfälle, und das (absolut gesehen) sogar viel häufiger als betrunkene.

Aber wir wissen trotzdem, dass die Wahrscheinlichkeit von Unfällen steigt, wenn wir nicht klar sehen und denken.

Genauso ist es auch sonst im Leben: Je besser wir die Realität erkennen, je klarer wir sehen, desto bessere Entscheidung können wir treffen, und desto geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass wir Fehler machen. Ich bin deshalb ein Fan der Wahrheit, egal wie unerfreulich oder anstrengend sie auf den ersten Blick aussehen mag.

Aber wie, kann ich euch fragen hören, hindert Religion uns denn nun daran, klar zu sehen, Muriel? Sag uns doch mal, was genau jetzt eigentlich das Problem ist. Gerne doch:

Religion lehrt uns falsche Methoden:

  1. Epistemologisch
    Religion lehrt uns, Behauptungen unkritisch zu akzeptieren, statt mit einer skeptischen, wissenschaftlichen Haltung an alle Fragen des Lebens heranzugehen. Die Grundlage jeder mir bekannten Religion ist Glaube an Behauptungen ohne ausreichende Belege. Glaube an Jahwe Elohim, Glaube an Wiedergeburt, Glaube an die Auferstehung Jesu Christi, Glaube an den intergalaktischen Herrscher Xenu, und so weiter. Religion lehrt uns, Dinge zu akzeptieren, weil eine Autorität sie behauptet, und uns sagt, es sei irgendwie verwerflich, sie nicht zu glauben. Und damit kommen wir zum zweiten Punkt:
  2. Moralisch
    Religion lehrt uns ein unsinniges Verständnis von Moral. Das gilt weniger allgemein als der erste Punkt, aber es gilt zumindest für den Mainstream der großen monotheistischen Religionen. Sie behaupten, Moral komme von einer Autorität. Wenn Gott sagt, dass es falsch ist, Schalentiere zu essen, dann ist das falsch. Und wenn Gott sagt, dass es richtig ist, ein ganzes Volk auszurotten und nur die jungen Mädchen für sich zu behalten, dann ist das richtig. Nicht selten sind religiöse Menschen sogar der Meinung, ohne ihren jeweiligen Gott könne es überhaupt keine Moral geben, weil es dann ja an der erforderlichen Autorität fehle.
    Moral ist ordre du mufti. Welchen Teil von „Es ist mir ein Gräuel!“ hast du nicht verstanden?

Diese beiden Dinge zusammen können richtig gefährlich werden. Religion proudly presents: Menschen, die für sich selbst oder für ihre Kinder auf medizinische Behandlung verzichten, weil sie zu wissen glauben, dass ihr Gott sie heilen wird; Homosexuelle, die von ihren Mitmenschen verachtet, bemitleidet und „therapiert“ werden; Kliniken, die ihre Förderung verlieren, weil sie einen Schwangerschaftsabbruch durchgeführt haben, um das Leben der Mutter zu retten; Genitalverstümmelung; Menschen, die sich an unsinnige Regeln gebunden fühlen, die kein Mensch einhalten kann und deshalb permanent von Schuldgefühlen und Angst vor übernatürlicher Strafe geplagt werden; Leute, die wissenschaftliche Erkenntnisse leugnen, weil sie nicht mit ihren Heiligen Büchern übereinstimmen; deutlich erhöhtes Auftreten ungewollter Schwangerschaften und sexuell übertragbarer Krankheiten durch Verzicht auf Verhütungsmittel.

Da sind natürlich extreme Beispiele dabei. Glücklicherweise sind die meisten religiösen Menschen sehr vernünftige, sympathische Menschen. Zu vernünftig, um sich von ihrer Religion zu so schrecklichen Auswüchsen treiben zu lassen. Aber wenn Glaube und göttliche Offenbarung erst einmal als Argument anerkannt wird, dann wird es in meinen Augen sehr, sehr schwer, noch den Weg zur Wahrheit zu finden. Und tatsächlich scheint ein Vergleich verschieden religiöser Gesellschaften nicht nur darauf hinzudeuten, dass Glaube an einen Gott die Menschen nicht moralischer macht, sondern sogar die Vermutung nahe zu legen, dass starke Religiosität eher zu weniger gut funktionierenden Gesellschaften führt. Leider fehlt es zu dieser Frage an wirklich überzeugenden, umfangreichen und methodisch sauber ausgeführten Studien.

Natürlich ist Religion nicht das einzige Problem, unter dem unsere Welt leidet, und ich sehe sie auch eher als ein bloßes Symptom einer grundlegend falschen Weltsicht (wie Marxismus übrigens auch). Aber weil sie diese Weltsicht zum moralischen Maßstab erhebt und in vielen Fällen ihre Verbreitung zur Pflicht macht, ist sie ein sehr ernstes Symptom, das sich zu bekämpfen lohnt.

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20 Responses to Fast vergessen

  1. verwackelts sagt:

    Ich fand Deinen Beitrag interessant. Falls Du wieder mal einen Gastbeitrag los werden möchtest kann ich Dir vielleicht auf meinem Blog ebenfalls eine Plattform bieten.

  2. Sylvia sagt:

    Muriel, gestern drängte sich mir zu vorgerückter Stunde noch eine Frage auf.
    Muriel, den Namen hast du gewählt. Gibt es da nicht auch einen Erzengel der so heißt, hieß, hieße, gäbe es denn welche ?
    Wahrscheinlich eine Verbindung, die nur eine ist, weil man sie denkt.
    Oder ?

  3. Sylvia sagt:

    Andererseits gibt es auch Muriel’s Hochzeit.
    Ein Film, der mir durch das Lied *Dancing Queen* in Erinnerung geblieben ist; eine junge Frau, die nichts lieber möchte, als Heiraten, aber sie find halt keinen.
    ABBA das ist wohl eine andere Geschichte 🙂

  4. Muriel sagt:

    @Sylvia: Viele Engelfiguren klingen so ähnlich, du denkst wahrscheinlich an Uriel. Aber genau meinen Namen gibt es in der christlichen Mythologie nicht.
    Und von ABBA krieg ich Migräne.

  5. Muriel sagt:

    @verwackelts: Danke für das Angebot, ich denke drüber nach.
    Hast du denn einen Themenwunsch? Ich denke nicht nur an das Eine, falls der Eindruck entstanden sein sollte.

  6. verwackelts sagt:

    @Muriel: Da würde ich Dir völlig freie Hand lassen. Am besten wird so ein Artikel wohl, wenn Du eines Deiner Lieblingsthemen wählst…

  7. Soundcheck sagt:

    Hallo Muriel, das musst du mir erklären:

    „Ich bin wahrhaftig kein Marxist, aber die Parallele zu Drogen drängt sich geradezu auf.“

    Meistens finde ich deine Logik originell aber begibst du dich hier nicht auf das Niveau einiger Politiker?

  8. Muriel sagt:

    @Soundcheck: Ich fürchte, da ist mir jetzt nicht klar, worauf du hinaus willst. Was stört dich denn am Niveau dieser Bemerkung?

  9. Religionskritik d’accord. Ebenso jene an der Kirche & „Konsorten“ …

    Bleibt die Frage, was denn nun näher zur Wahrheit führt? Welcher Wahrheit?

    Was kannst du mit deiner „Relevanz“ denn alles überschauen, Muriel?
    Wo hört dein Tellerrand auf? 🙂

  10. Muriel sagt:

    @Michael Winkler: Was zur Wahrheit führt? Nach bisheriger Erfahrung klappt es mit der wissenschaftliche Methode am ehesten. Für bessere Vorschläge bin ich aber offen, die ist nämlich sehr mühsam, und ich sehr faul.

  11. Dietmar sagt:

    „Welcher Wahrheit?“

    Ich liebe sinnfreie Wortspiele! *hüpf-freu*

  12. […] wenn ihr mich fragt, und wen solltet ihr sonst fragen? Denn, ich glaube, ich habe das schon mal irgendwo gesagt, oder geschrieben, oder impliziert, oder getanzt, was weiß ich: Das Kernproblem an jeder […]

  13. Christina sagt:

    Es gibt wohl noch mehr Religionen:

  14. Christina sagt:

    Teil 2:

  15. Dietmar sagt:

    Es wäre schon schön, wenn Du Videos verlinken würdest von Leuten, die etwas von der Sache verstehen, über die sie reden.

    Ich weiß nicht, wer das ist, weil eine Quelle fehlt, es ist aber auch egal. Bei ca. Minute 3 des ersten Videos zeigt sich schon, dass der Redner einen Widerspruch konstruiert, indem er einen sogenannten Strohmann aufbaut.

    Deshalb sehe ich mir das nicht weiter an, kann mir aber denken, worauf das hinauslaufen soll und sage zum wiederholten Male: Wissenschaft ist keine Religion. Dass Du oder er wissenschaftliches Vorgehen nicht verstehen willst oder kannst, ändert nichts daran.

    Evolution ist beobachtbar und vollzieht sich ständig. Laufend wird anorganisches Material in organisches verwandelt und umgekehrt. Man muss schon sehr vernagelt sein, um das nicht zu beobachten.

  16. Dietmar sagt:

    Dein Einverständnis voraussetzend, Muriel:

    Schöne Erklärung, wie Evolution abläuft anhand eine großartigen Beispiels.

  17. Muriel sagt:

    @Christina: Deine geistige Selbstentblößung hier erreicht jetzt ein Niveau, auf dem ich mich für dich schäme. Und dieser arme Mann da in deinem Video hat es sicher auch nicht verdient, dass du ihn anderen Leuten zeigst. Bitte hör auf damit.
    @Dietmar: So lange hast du durchgehalten? Ich habe ausgemacht, als er sagte, dass die Entstehung von Leben aus Nichtleben eine zentrale Aussage der Evolutionstheorie darstellt. Ungefähr so, wie die Entstehung von Butter aus Joghurt eine zentrale Aussage des Christentums ist…
    Mein Einverständnis für das Video hast du, und es ist natürlich auch ein nettes Beispiel, aber Evolution hat nichts mit dem Thema dieses Beitrags zu tun, deswegen schlage ich vor, dass wir die Diskussion darüber kurz halten. Andererseits ist es nicht so, als würde hier noch eine auschlussreiche DIskussion toben, die wir behindern könnten, insofern fühl dich frei.

  18. madove sagt:

    @Muriel @Dietmar
    Laßt den Mann doch…!
    „Da ist man frei, welche Hypothese man wählen will, ich habe mal diese gewählt“ … und dann ‚widerlegt‘.
    Ein lustiges Ein-Personen-Spiel. Einen Zusammenhang zu irgendwas (zB Evolutionstheorie, Religionskritik, Atheismus…) seh ich allerdings in der Tat nicht. Und ich würde mich an seiner Stelle auch nicht dabei filmen, so wie bei anderen Ein-Personen-Spielen auch nicht…..

  19. Muriel sagt:

    @madove: Obwohl es für manche Varianten davon offensichtlich einen Markt gibt…

  20. madove sagt:

    @Muriel: Das ist auch wieder wahr. Trotzdem.

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