homini lupus

Wer einmal selbst ganz anschaulich erfahren will, wie dünn und brüchig der Firnis der Zivilisation über der steinzeitlichen Natur des modernen Menschen ist, der muss anscheinend nur eine Waschanlage besuchen.

Gestern Abend hatte ich da schon wieder so ein Erlebnis, das mich daran zweifeln lässt, ob der Dritte Weltkrieg nicht doch ein wünschenswertes Endresultat der Mubarak-Proteste wäre.

Mein Auto sieht aus Gründen schon seit einigen Tagen so aus, als würde es des Nachts heimlich bei Colin McRaes Dirt mitspielen. Gestern wurde es nun wirklich dringend Zeit, etwas zu unternehmen, und ich musste sowieso tanken, deshalb kaufte ich neben einem leckeren Eis gleich noch einen Waschcode mit und fuhr um die Tankstelle herum zur Waschanlage.

Mit gelinder Ernüchterung sah ich, dass dort bereits drei andere Autos warteten. Aber nun hatte ich den blöden Zettel mit dem Code gekauft, und auf meinem Rücksitz lagen eh noch drei vernachlässigte NJW, deswegen fuhr ich hinter das letzte der drei Autos, stellte den Motor ab und die Musik an, und begann zu lesen.

Weil es mir zu blöd war, alle paar Minuten den Motor anzulassen, um zwei Meter vorzufahren und den Motor dann wieder abzustellen, blieb ich einfach stehen, wo ich war, obwohl die drei Wagen vor mir natürlich nach und nach vor- und schließlich in die Anlage einrückten.

Ich stand in einer Reihe von Autos auf einem reichlich langen Weg, der ausschließlich dem Zugang zur Waschanlage diente, und hinter mir wartete die ganze Zeit über nur ein einziger weiterer Kunde. Ich verursachte also keinerlei Behinderung oder sonstige Unannehmlichkeit. Deswegen ignorierte ich auch die Lichthupe des Herrn hinter mir, die nach der Einfahrt des zweiten Wagens einsetzte.

Als die Türen der Anlage sich gerade hinter dem letzten meiner Vorgänger geschlossen hatten, kurvte plötzlich sehr schwungvoll ein neu hinzugekommener schwarzer Corsa an mir vorbei und platzierte sich direkt vor besagtem Tor. Ein glatzköpfiger junger Mann stieg aus und lehnte sich mit verschränkten Armen wartend an sein Auto.

Nur um Missverständnissen vorzubeugen: Es war ein etwas breiterer, aber im Prinzip einspuriger Weg, der ausschließlich zur Waschanlage führte. Es war kein Irrtum darüber möglich, warum ich da stand.

Ich seufzte und überlegte gerade noch, ob ich jetzt eine Diskussion mit dem Herrn brauchte, als es an meiner Scheibe klopfte.
„Ja, warum sind Sie denn nicht vorgefahren?“ quengelte der Mensch aus dem Wagen hinter mir.
„Ich hatte keinen Grund, es wäre doch dadurch auch nicht schneller gegangen, oder?“ antwortete ich.
„Ja, aber dann wäre sowas nicht passiert!“ moserte er im Gehen, um noch hinterherzuwerfen: „Fahren Sie jetzt bitte vor!“

Ich stieg etwas verwirrt aus und machte mich auf den Weg zu dem haarlosen Corsafahrer.
„Guten Abend“, sagte ich, „Würd’s Ihnen etwas ausmachen, mich vorzulassen? Ich stand da ja doch schon eine ganze Weile.“
„Ja, also!“ erwiderte der junge Mann, und die Entrüstung brach sich nicht nur in seiner Stimme Bahn, sondern auch in einer ausladenden Geste, die offensichtlich meine Zurechnungsfähigkeit infrage stellen sollte, „Da stelle ich dann aber auch die Gegenfrage: Warum sind Sie denn nicht vorgefahren?“ Genau so hat er das gesagt. Wörtlich. ‚Da stelle ich dann aber auch die Gegenfrage.‘
„Naja“, antwortete ich, ein bisschen hilflos wie die Leute bei der Versteckten Kamera, wenn der Wahnsinn langsam offensichtlicher wird, „Was hätte ich denn davon gehabt?“
„Also“, sagte er missbilligend, „Ist ja schon ziemlich ungewöhnlich, aber na gut. Dann fahren Sie mal vor.“

Er stieg ein und machte mir Platz, und ich fuhr in die Waschanlage. Während ich den Code eingab, hörte ich ihn noch mit dem zweiten Herrn von hinter mir diskutieren, der offenbar nun auch Vorrang beanspruchte.

„Ja, aber nun steh ich halt hier“, sagte der junge Mann.
„Was kann ich denn dafür, wenn mein Vordermann einfach nicht vorfährt!“ keifte der andere mit einem hasserfüllten Blick in meine Richtung.

Während ihre wütenden Stimmen hinter mir verklangen, kehrte ich in die Waschanlage zurück und öffnete das Brownie-Eis aus der Tankstelle, auf das ich mich die ganze Zeit gefreut hatte.

Liegt das an mir, oder haben die alle einen ganz gewaltigen Hau?

Advertisements

15 Responses to homini lupus

  1. Langweilig ist der Alltag, der ohne solche Perlen auskommen muss. 🙂 Mitgedachte Sozialität – oder: wo sind eigentlich die ganzen anderen Menschen auf einmal hergekommen?

  2. Tim sagt:

    Den Idioten sei ihr schlechtes Benehmen verziehen.

  3. rauskucker sagt:

    Autofahrer eben.

  4. Ron sagt:

    Naja, wir sind eben in Deutschland. Da muss alles seine Ordnung haben! Schlangestehen klappt aber (wie auch das Reißverschluß-Prinzip im Straßenverkehr) nur sehr selten.

  5. OneBBO sagt:

    Ordnung, wenn nicht übertrieben, finde ich eine sehr angenehme Sache. Wenn ich in der Schlange stehe, möchte ich auch, dass die Leute vor mir aufrücken. Das ist einfach entspannter, weil jeder dann weiß, wo er dran ist und so ein Corsa-Fahrer gar nicht erst zum Zuge kommt. Solche Menschen gibt’s nun mal immer wieder, entweder aus Nichtwissen oder Dreistigkeit.

  6. TakeFive sagt:

    L‘ Enfer c’est les autres.

  7. axeage sagt:

    So etwas nennt man soziales Antizipieren. Man verhält sich in der Warteschlange vor der Waschstraße eben anders, als in der Warteschlange vor der Theaterkasse. Und in der Warteschlange vor dem Fußballstadion, mein Lieber, da geht es nochmal anders zu.
    Vielleicht in Zukunft erst einmal zwei, drei Beobachtungstage einlegen, bevor Du Dich irgendwo anstellst.
    Wobei, wenn Dein Erfolgsroman Gefallen erst einmal erschienen ist, hast Du dieses Problem ja sowieso nicht mehr. Dann fährt Dein Chauffeur den Wagen zum Waschen vor.

  8. whynotveroni sagt:

    Ich glaub das ist so ein ungeschriebenes Gesetz, dass du das Anstellen nicht wirklich ernst meinst, wenn du nicht den Eindruck machst, deine Position auch verteidigen zu wollen.

    Kann man auch gut beim Einsteigen in die Bahn beobachten. Wenn man als erster an der Tuer ist, und auf die Aussteigenden in einem Abstand von der Tuer wartet, bei dem man nicht in den persoenlichen Bereich (oder wie das heisst) dieser Personen eindringt, dann versucht immer jemand, vor dir einzusteigen, wenn der letzte noch am Aussteigen ist.

  9. madove sagt:

    Ah, jetzt weiß ich endlich, warum wir unser Auto nie waschen. Ich bin im Moment eh schon ständig am Rande eines Amoklaufs, weil ich das Gefühl hab, primär von autistischen Vollidioten umgeben zu sein, dann sollt ich mir das wohl nicht geben.

  10. […] manche euch noch abfällig als arme Neger verachten, und uns dann am Tag eurer Revolution nicht für euch zu interessieren? Ich bin ja auch sauer auf […]

  11. Oli sagt:

    Warum bist Du denn nicht vorgefahren?

  12. Muriel sagt:

    @Oli: Naja… Also… Eigentlich hast du Recht.

  13. uschi sagt:

    Trödelei muß bestraft werden !

  14. ottogeorges sagt:

    In Frankreich war ich auf der Autobahn im Stau, heiss, eine Stunde. Es gng 3 m weiter. Ich liess den Wagen an, fuhr 2 m, der hinter mir buffte mit der Stoßstange an mein Nummernschild. Der konnte es nicht ertragen, nur 2 m weiterzukommen als die 3 m die möglich gewesen wären. Wir standen noch 2 Stunden da und den m legt man später in Sekundenbruchteilen zurück. Trortdem buffte er mich mehrmals immer wieder an. Man sagte mir, das sei dort normal.
    Aber die Autobahn bezeichnet man ja eh als größte Psychatrieanstalt.
    Ich denke dass da Ängste im Spiel sind, Zeit zu verlieren oder Gelegenheiten.

  15. Muriel sagt:

    @ottogeorges: Irgendsowas ist das wohl. Aber Franzosen sind sowieso noch mal was ganz anderes.

Gib's mir!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: