Damit es nicht heißt, ich würde immer nur über Christen schimpfen

Und außerdem, weil ich selbst und viele meiner Bekannten dem Vorurteil frönen, Rabbiner wären eigentlich immer sehr humorvolle, kluge, endlos sympathische Charaktere, und weil Vorurteile meistens keine so gute Sache sind, setze ich mich heute mal mit diesem offenen Brief von Rabbi Adam Jacobs an die atheistische Gemeinschaft auseinander. Ich bin ja immerhin gewissermaßen auch angesprochen.

„My dear atheist friend,“

Naja gut, von mir aus. Aber unter Vorbehalt.

„I have had a lot of time to reflect on your position and I’d like to offer a few general observations that I’ve culled from my experience over the years – not to convince you to change your mind (which, I’ve discovered, is close to impossible)“

Bin ich da jetzt hypersensibel, oder spürt ihr auch die Absicht, einen kleinen Seitenhieb auszuteilen? Die meisten Atheisten (insbesondere in den USA) haben ihre Meinung darüber, ob ein Gott existiert, mindestens einmal geändert. Das ist einmal öfter als die meisten religiösen Menschen, wenn ich mich nicht irre.
Übrigens: Behaltet den ersten Halbsatz da oben ein bisschen im Hinterkopf, in dem er behauptet, dass er viel Zeit hatte, über unsere Position nachzudenken. Er wird uns nämlich gleich demonstrieren, dass er sie überhaupt nicht kennt.

„and not to judge your choices, but rather so that we can understand each other better and possibly „walk back“ some of the clamorous dialogue.“

Gute Idee. Kann losgehen.

„Certainly we can open by agreeing that all human beings should be respected and, assuming no egregious misdeeds, treated with civility.“

Hm. Naja. Meinetwegen. Zumindest das letzte. Das erste eher nicht, aber bei ausreichend weiter Definition von „Respekt“ kann ich damit leben.

„The first point I’d like to explore is that there really are no true atheists.“

Bä- dä- Äh… Whoa, das ging schnell. Gerade wollten Sie uns noch besser verstehen, und zwei Sätze später meinen Sie schon, uns erklären zu müssen, dass unsere Position eigentlich gar nicht existiert?

„It seems to me that in order to claim with certainty that there is no God you would have to have knowledge of the totality of the universe“

Da haben Sie aber gut aufgepasst, Sie Fuchs, Sie.

„and I don’t think any of you guys are ready to make that claim.“

Zumindest die geistig Gesunden unter uns eher nicht, denke ich auch.

„Given this, your assumption of the title, „atheist“ isn’t so much a statement of fact as it is a statement of principle, or intent — a nom de guerre.“

Wer war das noch mal, der gerne ein bisschen von dem „clamorous dialogue“ wegkommen wollte? Sie sind schon noch derselbe Rabbi Jacobs, der den ersten Absatz geschrieben hat, ja?

„To define oneself as simply agnostic (which I believe you truly are) sounds unsatisfingly wishy-washy and degrades your ability to take a firm stand against deism, in its various forms. While this is certainly understandable, I suspect that you have traded accuracy for titular intensity.“

Wenn Sie „Atheist“ definieren als „Jemand, der mit völliger Sicherheit und ohne jeden Zweifel zu wissen behauptet, dass es keinen Gott gibt“, dann bin ich wirklich keiner. Aber warum halten Sie es für einen konstruktiven Beitrag zur Diskussion, eine ziemlich unsinnige Strohmanndefinition von „Atheismus“ aus der Kippa zu ziehen, um uns dann in herablassendem Tonfall zu erklären, dass wir sie nicht erfüllen? Stattdessen pappen Sie uns dann ein anderes Etikett an, für das Sie gar keine Definition anbieten. Ernsthaft, was soll das?
Und übrigens: Wenn ich zu einer Religionsgemeinschaft gehörte, die sich selbst als Gottes auserwähltes Volk bezeichnet, wäre ich wahrscheinlich ein bisschen vorsichtiger damit, anderen vorzuwerfen, zu Gunsten größerer Intensität auf begriffliche Präzision verzichtet zu haben.

„You may want to counter that you have many well-regarded and brilliant personalities who have provided more than sufficient evidence to knock theism back to the Bronze Age where it belongs. […] You will quote your expert and I will quote mine. Strangely, they disagree … utterly. At the end of the day, it’s always going to be a draw, each of us convinced that our own arguments are superior and that the other is (perhaps willfully) missing the point.“

Spätestens hier ist der Punkt erreicht, an dem ich eigentlich gar keine Lust habe, noch mit etwas anderem als einem resignierten Seufzen zu antworten. Natürlich, Mr. Jacobs, mir fällt auf Ihr albernes kleines Definitionsspiel keine bessere Antwort ein als „Dawkins! Ingersol! Dennett! Barker!“
Autoritäten sind keine Argumente, und Experten gegeneinander abzuzählen ist keine Diskussion. Trotzdem: Welche „Experten“ könnten Sie denn für Ihre Religion anführen? Welche peer-reviewten Veröffentlichungen, welche methodisch sauber durchgeführten Studien, welche unabhängig überprüfbaren Erkenntnisse bestätigen auch nur eine Ihrer religiösen Behauptungen?
Ahja. Dachte ich mir.

„Having spent a sizable portion of my life as an atheist, I understand your perspective.“

Bitte sehen Sie es mir nach, wenn ich das nach Ihren bisherigen Äußerungen bezweifle. Zumal es ja auch gar keine Atheisten gibt, wissen Sie noch?

„What I have found hard to understand from my new vantage point, however, is why so many of you spend so much time trolling around the comments section of religiously-themed blogs or spend good money to buy billboards on the Jersey Turnpike asserting a negative.“

Trolling. Ich merke schon, Ihnen ist es richtig ernst mit der Absicht, einen offenen, respektvollen Dialog zu eröffnen.

„Wouldn’t it make much more sense to just chuckle knowingly to yourselves and shake your heads at our folly in the way you might with children who believe they have magic powers?“

Ein überlegenes Kichern wäre eher nicht die richtige Reaktion, wenn diese Kinder nicht nur die Gesetzgebung meines Landes kontrollieren, sondern außerdem noch die Startcodes für eine riesige Armada von Kernwaffen, und wenn außerdem meine Steuergelder dafür verwendet werden, den Kindern beizubringen, dass sie über magische Kräfte verfügen. Finde ich jedenfalls.

„Yet, many of you seem to have a big axe to grind, and I only recently realized why.“

Echt? Wow. Bitte sagen Sie es uns!

„You believe that we are ruining the world and stunting its progress.“

Hm. Ja, das klingt wirklich ganz grob nach dem, was ich oben gesagt hatte. Obwohl „ruinieren“ vielleicht ein bisschen zu weit geht.

„You will point out all of the violence carried out in religion’s name. We will point out that equally severe evils have been perpetrated by secularists such as Hitler, Mao, Stalin and Pol Pot.“

Ach… Ich sollte mir das irgendwo zum Kopieren und Einfügen bereitlegen: Hitler war Katholik. Und die anderen haben ihre Gräueltaten nicht im Namen des Säkularismus begangen, sondern im Namen anderer schwachsinniger Ideologien, die man durchaus als quasireligiös bezeichnen könnte. Können Sie mir jemanden zeigen, der auch nur annähernd vergleichbare Abscheulichkeiten auf der Basis einer skeptischen, wissenschaftlich fundierten Weltsicht begangen hat? Einen einzigen?
Dachte ich mir.

„The faith to which I ascribe has brought substantial light and unique meaning to the world.“

Können Sie das belegen? Und sogar wenn es stimmen würde: Was hat das mit der Frage zu tun, ob Sie Recht haben oder nicht?

„As an empiricist, you are only prepared to believe in that which can be seen or measured.“

Ungefähr, ja, obwohl Sie es natürlich ein bisschen simplifizieren.

„You don’t enjoy my conviction that there are aspects of existence that are, by their nature, beyond the reach of science.“

Also Dinge, die keinerlei wahrnehm- oder messbare Auswirkungen auf unsere Welt haben? Sie müsen eine sonderbare Definition von „Existenz“ haben. Wie unterscheiden Sie sie von „Nichtexistenz“?

„So when we Theists look carefully at the astounding complexity and improbable fine-tuning of our universe and conclude that there’s no way that this happened randomly, you then turn around and ask us to accept that it is the result of undetectable organizational forces or of an un-testable (and thus non-scientific) multiverse.“

Boah. Nein. Sie behaupten, dass es ein Zauberer war, während wir einfach eingestehen, dass wir nicht wissen, woher das alles kommt. Und das mit dem Fine-Tuning ist übrigens Blödsinn. Sehen Sie sich das Universum doch mal an! Es besteht zum überwältigend größten Teil aus leerem Raum, und bisher ist die Erde der einzige Ort, den wir entdeckt haben, auf dem Leben auch nur möglich ist. Wenn das für Sie schon Feintuning ist, will ich nicht Ihre Grobkalibrierung sehen.

„Isn’t your argument every bit an assertion of faith, rather than knowledge?“

Sie meinen „Wir wissen es nicht, lasst es uns herausfinden!“?

„Charles Darwin added three interesting quotes to later editions of the Origin of Species.“

Boah, Sie wollen auch wirklich kein dummes Klischee auslassen, was?

„If Darwin himself could find room for belief in a God and stay faithful to his discoveries, maybe the common ground is much bigger than we currently imagine.“

Diese Schlussfolgerung müssten Sie mir noch mal erklären. Oder eigentlich… Nein, schon gut, lassen Sie’s ruhig.

„We still have a lot to discuss. Let’s do it with a caring heart, and open mind and a spirit of appreciation for our shared humanity.“

Wie gesagt: Kann jederzeit losgehen.

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7 Responses to Damit es nicht heißt, ich würde immer nur über Christen schimpfen

  1. Tim sagt:

    Die Stimme in meinem Kopf hat mir gerade mitgeteilt, daß der Rabbi unrecht hat und Deine Position die korrekte ist. Noch mal Glück gehabt! Außerdem soll ich Dich schön vom Heiligen Geist grüßen.

  2. Muriel sagt:

    @Tim: Nicht mehr von Superman?
    Ich sehe mit großer Genugtuung, dass du dich von dieser kindischen, unreifen Vorstellung eines unbesiegbaren fliegenden Mannes mit Röntgenblick und Eisatem abgewandt hast und nun stattdessen der spirituell tiefsinnigen und sinngebenden Vorstellung eines allmächtigen unsichtbaren Mannes mit drei Persönlichkeiten und Impulskontrollschwäche anhängst.

  3. Tim sagt:

    @ Muriel
    Bitte respektiere meinen Glauben und stelle ihn nicht so dar, als sei er eine lächerliche Kinderreligion auf Weihnachtsmann-Niveau. Natürlich glaube ich weiter an Superman. Er besitzt aber selbstverständlich die Fähigkeit, meine Seele in den verschiedensten Gestalten aufzusuchen. Gerade gestern erschien er mir als Karel Gott. Über seinen feinen Witz schmunzele ich noch heute.

  4. Günther sagt:

    Mit dem würde ich gerne mal eine kleine Diskussion führen. Das scheint so einfach, ich hab das Gefühl man kann jedes seiner Argumente so leicht entkräften. Sieht er nur wahrscheinlich anders…
    Schöner Artikel jedenfalls.

  5. whynotveroni sagt:

    So when we Theists look carefully at the astounding complexity and improbable fine-tuning of our universe and conclude that there’s no way that this happened randomly, […]

    …then you haven’t paid attention in your statistics class. Ever been able to reject a hypothesis with alpha = 0?

    Im Klartext: Die Chance, dass ein Ereignis durch Zufall eintritt, ist in manchen Faellen zwar klein, und laesst sich haeufig ueberhaupt nicht verlaesslich schaetzen, aber sie ist nie 0. Wenn sie 0 ist, dann deshalb, weil wir exaktes Wissen ueber die Faktoren haben, die dem Ereignis zu Grunde liegen.

    […] and conclude that there’s no way […]

    Mir ist also voellig schleierhaft, woher dieser Schluss vom Himmel (haha!) faellt.

    (Okok, Statistik steht auch nur in von Menschen geschriebenen Buechern, aber…. IT WORKS BITCHES :D)

  6. Dietmar sagt:

    Auch ich dachte einst, Rabbiner wären Menschen mit menschlicher Größe und feinem Witz. Dann sah ich die Debatten von Christopher Hitchens mit Rabbi Boatech …

  7. […] völlig abwegig, da Atheisten nie behaupten, das sie alles über das Universum wissen(gefunden hier:Link). […]

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