Zivilcourage, die Zweite

Ich wollt’s euch eigentlich ersparen, aber nachdem Bioschokolade mich nun sogar explizit dazu aufgefordert hat, mich ausführlicher mit Frau Käßmann und ihrem europäischen Preiskulturstiftungsdings auseinanderzusetzen, gibt es natürlich kein Halten mehr. Aber keine Angst, ich fasse mich trotzdem kurz:

Ja. Frau Käßmann sollte offenbar den Preis vorrangig für ihr „Lebenswerk“ bekommen, insbesondere dafür, dass sie „Probleme, die gesellschaftlich tabu waren, mit „Klartext“ belegt [hat]. Symbolisch dafür steht ihre Aussage: „Nichts ist gut in Afghanistan“.“ Und sie selbst ist anscheinend der Meinung, sie hätte ihn dafür auch verdient.

Und wie soll ich sagen: Ich hätte es angemessener gefunden, ihn doch nur für betrunkenes Autofahren und den anschließenden Rücktritt zu verleihen.

Dass ich an einem Leben als Geistliche und Bischöfin zunächst mal grundsätzlich nichts Preiswürdiges finde, ist euch sicherlich allen klar, das muss ich wohl nicht erklären.

Insbesondere finde ich aber nichts, was diesen Preis verdient hätte. Nichts ist gut in Afghanistan? Ja, Wahnsinn! Wie mutig muss man eigentlich sein, um öffentlich auf die Fehler und Probleme anderer hinzuweisen und zu sagen, dass man Krieg doof findet? Dass im Krieg Menschen sterben, traut sich hierzulande ja wirklich niemand zu sagen, außer unserer Klartext-Bischöfin Margot Käßmann. Hätte sie uns nicht darauf hingewiesen, wir hätten nie erfahren, dass Soldaten Waffen benutzen. Danke auch!

Hu. Verzeihung, lasst mich mal kurz durchatmen.

So, jetzt geht’s wieder. Hab mich gerade ein bisschen in meinen Ärger hineingesteigert. Trotzdem bleibt es dabei: Ich finde an ihren Äußerungen damals nichts Lobenswertes, und auch nichts Couragiertes. Was hat es sie gekostet, das zu sagen? Genau. Es gibt genug Menschen, die wirklich Opfer bringen und Risiken eingehen, um Gutes zu tun. Das ist Zivilcourage. Welches Opfer hat Frau Käßmann gebracht?

Der Rücktritt hat sie immerhin ihren Job gekostet. Das Gejammer darüber, wie furchtbar Krieg ist, war gratis.

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11 Responses to Zivilcourage, die Zweite

  1. Dietmar sagt:

    Unabhängig vom Glauben oder der Frage, inwieweit irgendein Führungsanspruch irgendeiner Kirche gerechtfertigt ist, muss man ja konstatieren, dass Landes-Bischof der evangelischen Kirche zu sein eine spezielle Position ist. Besonders ist hier, dass Frau Käßmann diese Position als Frau ausfüllte und ausgesprochen beliebt war. Auch in ihrer Afghanistan-Kritik wirkte sie nie so, als würde sie auf Publikumswirksamkeit schielen, sondern machte den Eindruck, ihre ehrliche Überzeugung auszudrücken.

    Klare und ehrliche Statements in solch einer Position sind wichtig, finde ich. Ich meine auch, dass sie nicht allzuhäufig sind. Häufiger ist vorsichtiges Lavieren, politisches Geplänkel, sind inhaltsleere Phrasen.

    Vielleicht gibt es sie ja, die Menschen, die authentisch sind. Mir scheint, Frau Käßmann gehört dazu. Und vielleicht ist ja auch einfach so, dass sie tatsächlich aufgrund ihres Selbstanspruches wegen dieser Fahrt zurückgetreten ist, gegen den starken Rückhalt des Kirchenvolkes.

    Ich bin ja konvertiert, wie Du weißt 😉 Deswegen kann ich mir nicht vorstellen, dass Frau Käßmann mich theologisch überzeugen würde, meine Meinung an dieser Stelle erneut zu ändern. Aber sie als Person ist sehr glaubwürdig und respektabel in meinen Augen.

  2. Muriel sagt:

    @Dietmar: Ich habe keine Ahnung, ob sie authentisch ist oder nicht, und es ist mir im Prinzip auch nicht wichtig. Ich kann nur einfach in ihrem bisherigen Auftreten nichts erkennen, was eine Auszeichnung für besondere Courage verdient hätte. Du?

  3. madove sagt:

    Ich stell mir unter Zivilcourage auch was anderes vor.

    Frau Käßmann ist mir den Umständen entsprechend sympathisch, auch wegen dieser Äußerung, und für mich wär die Welt schöner, wenns weniger Guttenbergs und mehr Käßmanns gäb, und mehr Rücktritte und weniger Krieg, platt gesagt. Wir müssen jetzt nicht vor ihr auf die Knie fallen, aber Du wählst Deine Feindbilder in einer für mich etwas schwierig verständlichen Weise, sprich: ich versteh Deine Aufregung nicht.

  4. Muriel sagt:

    @madove: Ich sehe Frau Käßmann ein bisschen wie Avatar. Oder wie Moon. Nee, auch nicht. Wie… Wie Kill Bill vielleicht.
    Sie ist ganz sicher kein Feindbild, ich kann sie einfach nur nicht leiden.
    Ich rege mich mehr über die Leute auf, die sie auf ein Podest stellen wollen, weniger über sie selbst.

  5. Also unabängig davon dass ich Margot Käßmann als Frau und Theologin bewundere und sie für eine starke Person halte die viel für die belange der evangelischen Kirchen und der Ökumene, aber auch für Frauen und Familien eingesetzt hat, finde ich den Preis nach wie vor nicht ganz unverdient.

    Klar, unter Zivilcourage stellt man sich eher den Helden der in der U-Bahn Station schwache Frauen schützt, aber so zu tun als wäre öffentlich ausgesprochene und sehr unbequeme klare Kritik etwas völlig unbeachtenswertes finde ich jetzt auch falsch.

    Also vielleicht habe ich bisher auch die falschen Erfahrungen gemacht im Leben, aber ich finde es gehört schon etwas dazu – fernab vom Stammtisch und dem geschützten eigenen Raum – Sachen offen zu kritisieren die andere nicht so gerne hören. Und immer weiter zu hinterfragen. Immer wieder darauf aufmerksam zu machen. Es ist ja nicht so als ob Margot Käßmann das Thema dann fallen gelassen hätte. Ich finde es gut dass sich Margot Käßmann, statt sich nur auf die Sünder und Sünden dieser Welt zu stürzen, sich für Opfer einzusetzen und auf Missstände hinzuweisen. Das sie sich bei dem Thema einbringt und es anspricht, finde ich darf man ihr ruhig positiv zugestehen. Natürlich ist sie jetzt nicht Ghandi, aber wer ist das schon.

    Was ich allerdings schon sagen würste ist, dass Sie natürlich dann den Preis für etwas bekommen hätte, was im Prinzip ja auch ihr Job ist, den sie selbst gewählt hat bzw. aus einer Position heraus in die sie gewählt worden ist. Als Ratsvorsitzende sollte Sie nun einmal die Meinung der EKD, auch zu diesem Thema vertreten.

    Und ich wollte eigentlich gar nicht explizit Richtigstellung fordern, sondern nur mal darauf hinweisen, aber vielleicht habe ich mich da etwas falsch ausgedrückt *g*.

  6. Dietmar sagt:

    Also ich denke schon, dass es couragiert ist, wenn sie, bleiben wir ruhig bei diesem Beispiel, den Afghanistan-Einsatz nachhaltig kritisiert. Und ich finde es richtig, dass man mit einem solchen Preis solche Leute bestärken will.

    Welche Position wäre Dir denn lieber gewesen? Wenn sie den Einsatz befürwortet hätte oder wenn sie dazu geschwiegen hätte? Du kannst sie nicht leiden, na gut. Deswegen sprichst Du ihr ab, für ihre Überzeugungen einzutreten, ohne zunächst auf ihren eigenen, persönlichen Vorteil zu sehen? Es wäre für sie leicht gewesen, im Amt zu bleiben, weil sie den entsprechenden Rückhalt hatte. Sie ist zurückgetreten. Das ist nicht Courage, aber zeigt, dass sie Haltung hat. Und mit eben dieser hat sie ihr Amt geführt und ihre Meinung vertreten.

    Margot Käßmann gehört für mich nicht zu den Leuten, über die man schimpfen sollte. Sie hat den Preis ja wohl abgelehnt, oder? Jetzt gefällt Dir nicht, dass sie ihn als verdient ansähe?

    Ich verstehe das wirklich nicht: Afghanistan-Kritik reicht nicht, Rücktritt aus Glaubwürdigkeit ohne entsprechende Forderung reicht nicht, Preis ablehnen reicht nicht. Ich würde mal sagen, die Frau macht wohl aber auch alles falsch …

  7. Dietmar sagt:

    Margot Käßmann: «So hätte ich den Preis angenommen, um ihn in der Dankesrede den Menschen zu widmen, die sich in der Friedensfrage couragiert an vielen Orten einmischen, ohne dass ihnen je ein Preis verliehen würde.»

    Entschuldige bitte, aber das verstehe ich anders als:

    „Und sie selbst ist anscheinend der Meinung, sie hätte ihn dafür auch verdient.“

  8. Muriel sagt:

    Um es noch einmal ganz deutlich und konkret zu machen: Zivilcourage zeigt man nach meinem Verständnis, wenn man das Richtige tut und dabei einen nicht unerheblichen Nachteil für sich selbst riskiert.
    Wo hat Frau Käßmann das getan?
    Habt ihr wirklich den Eindruck, die öffentliche Meinung hier in Deutschland befürworte den Bundeswehreinsatz in Afghanistan? Seid ihr der Meinung, Frau Käßmann hätte für ihre Kritik daran ernsthaft Nachteile für sich selbst befürchten müssen?
    Ganz ehrlich: Dann verdient Westerwelle auch einen Zivilcouragepreis für seine unbequeme Forderung, dass Leistung sich wieder lohnen muss.
    Davon vollkommen unabhängig steht die inhaltliche Bewertung ihrer Afghanistan-Kritik. Was ich da bisher von ihr gehört habe, fand ich nicht konstruktiv, billig und nicht überzeugend. Ich habe mich aber nicht genug damit auseinander gesetzt, um ihren Standpunkt da fundiert bewerten zu können.
    @Dietmar: Dass sie gleichzeitig erwähnt, sie hätte ihn in der Dankesrede anderen Leuten gewidmet… Ach.
    Ich verstehe schon, warum du meinst, dass das einen Unterschied macht.
    Für mich aber nicht.
    Sie hat den Preis abgelehnt, gleichzeitig aber betont, dass sie das nicht deshalb tut, weil sie ihn nicht verdient hätte, sondern deshalb, weil „die Medien“ so unfair darüber berichtet hätten. Das finde ich putzig.

  9. Dietmar sagt:

    „@Dietmar: Dass sie gleichzeitig erwähnt, sie hätte ihn in der Dankesrede anderen Leuten gewidmet… Ach.“

    Naja, ich denke, sie meint das aufrichtig, Du denkst bzw. unterstellst ihr das als Geste.

    Der nicht unerhebliche Nachteil hätte sich ergeben können, wenn der auf diese Äußerung folgende Gegenwind verschiedener Politiker der großen Parteien zu ihrer Entlassung aus dem Amt geführt hätte. Diese Kritik im Übrigen war schon von ziemlicher Schärfe, der Frau Käßmann ganz leicht hätte entgehen können, wenn sie wie so viele Kirchen-Chefs im unverbindlichem Nächstenliebe-Gefasel geblieben wäre.

  10. Muriel sagt:

    @Dietmar: Ich habe keine Ahnung, ob sie es aufrichtig meint oder nicht. Darum geht es mir nicht.
    Was das Risiko aus ihrer Kritik angeht, schätzen wir das offenbar einfach völlig unterschiedlich ein. Wann wurde das letzte Mal ein Kirchenfunktionär entlassen, weil Politiker ihn für etwas kritisieren, das er sagt?
    Wie realistisch ist es überhaupt, dass jemand in diesem Land ernsthaft dafür in Schwierigkeiten gerät, sich gegen Krieg zu äußern?
    Aber wenn du meinst, dass sie dadurch wirklich ein Risiko angenommen hat, verstehe ich deine Einschätzung von da aus natürlich.

  11. Rudi sagt:

    Ich verstehe gar nicht, warum sich hier über die aufgeregt wird, welche irgendwelche Preise angelobt bekommen…
    Darüber, WER einen Preis bekommen soll, kann sich wohl trefflich lange gestritten werden, aber mich interessieren eigentlich die Leute, welche die Preise vergeben!
    Hier wäre m.E. etwas mehr Sensibilität gefordert. Ich werde nämlich das Gefühl nicht los, dass hier der Teufel ständig auf den grössten Haufen scheis…..
    Bin dabei aber wohl alleine mit meiner Meinung, dass es in diesem Land kaum noch Courage gibt, weshalb es eben immer die selben Leute sind, welche solche Preise unter sich (auf-) teilen 😦
    Daher kommt mir die Auswahl Käßmanns auch nicht komisch vor. Einzig die Juroren hätten (nun noch) einen gleichen Preis verdient 🙂

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