Den Gag mit dem Metamaß fand ich bei Niggemeier ja schon dermaßen peinlich

Heute ist bei verwackelts ein Gastbeitrag von mir erschienen, in dem ich mich mit diesem Gastbeitrag von mialieh auseinandersetze, in dem sie sich (teilweise) mit diesem Gastbeitrag von mir auseinandersetzt, mit dem ich mich (jetzt aber wirklich nur noch, weil ich noch nicht aufhören will) auf diesen Gastbeitrag von theomix und die darauf folgende Diskussion bezog.

Würde mich sehr freuen, wenn ihr dort mal vorbeischauen und eure Meinung sagen würdet. Also, vor allem hier, falls ihr die Übersicht verloren haben solltet.

Nachtrag, 02. März: Und nach einer kleinen Anstandsfrist, um die Diskussion nicht zu kannibalisieren, erscheint er jetzt auch in meinem Blog:

Ich komme mir ein bisschen dämlich vor. Das kommt nicht so selten vor, ist aber doch kein schöner Zustand. Was? Woran das liegt, wollt ihr wissen? Schön, dass ihr fragt, hätte sonst jetzt einen ziemlich peinlichen Moment gegeben.

Also: Mialieh hat drüben bei Vollwert einen Beitrag zur Religion geschrieben, der mir in vielerlei Hinsicht nicht gefällt. Weil ich mit Mialieh aber schon mal eine längere Diskussion hatte und daher wusste, dass wir einfach keine besonders gute Basis für sinnstiftende Kommunikation haben, dachte ich… Ja, ich weiß eigentlich nicht mehr genau, was ich dachte, und warum. Ich meinte offenbar, ich könnte nur schnell zwei besonders ärgerliche Missverständnisse korrigieren und es dann gut sein lassen. Herausgekommen ist dabei, dass mich zwischendurch sogar die Hausherrin ermahnen musste, weil ich einfach nicht den richtigen Tonfall fand.

Soviel also zum Versucht, mich kurz zu fassen. Und weil ich leider unter dem „Somebody is wrong on the Internet„-Syndrom leide, ist die Alternative natürlich nicht, einfach ganz die Klappe zu halten, sondern noch ein bisschen mehr zu schreiben. Dies ist also mein Versuch zu erklären, was mich an mialiehs Beitrag stört, und warum ich tatsächlich so emotional auf ihre Argumentation reagiere, dass ich auf Anhieb kein bisschen Lust hatte, mich sachlich auseinanderzusetzen. Ich hoffe, dass es jetzt hier ein bisschen besser klappt.

Zunächst baut sie gleich zu Anfang einen Atheismusstrohmann auf und nennt dabei sogar ausdrücklich mich als Quelle:

„Dank [Muriels] Ausführungen habe ich verstanden, dass Realität in Haltungen des Atheismus als Wahrheitsprinzip dem (irrealen) Glauben entgegengestellt wird. Getreu des Marxschen Ansatzes, dass Religion Opium für das Volk sei, wird also gesagt, dass Glauben das sei, was die wahre und einzig richtige Erkenntnis verhindere und was die Menschen und ihren Geist beherrschbar macht.“

Nein. Atheismus ist nichts weiter als kein Glaube an irgendwelche Götter. Nach meinem Verständnis ist mialieh damit übrigens auch selbst eine Atheistin. Manche Atheisten mögen glauben, was sie da schreibt, aber sie gibt dort ganz sicher nicht die Haltungen des Atheismus wieder, und übrigens auch nicht meine. Aber das ist nur eine Kleinigkeit, und die Abweichungen bewegen sich zugegebenermaßen im Detailbereich. Trotzdem finde ich es ärgerlich, zumal sie auch gleich danach mit dem Einstieg des nächsten Absatzes noch mal impliziert, wir hätten außer Marx nicht viel Fundament für unsere Meinung:

„Da nach Marx auch noch andere Theoretiker gelebt haben, habe ich mich ein bisschen umgetan. Emile Durkheim zum Beispiel schreibt, dass Religion real sei.“

Wo ich doch immer der Meinung war, die gäb’s gar nicht wirklich. Ich weiß, ich bin ein bisschen polemisch bis albern, aber ich sehe hier ganz im Ernst ein Problem, das sich durch den ganzen Beitrag zieht: Ich weiß oft nicht, was mialieh eigentlich zu sagen versucht, und ich glaube nicht, dass das an mir liegt. Sie gibt vor, eine Position zu kritisieren, aber es ist eine, die niemand im Ernst innehat. Ausnahmen sind Stellen wie diese, wo sie konkret wird:

„Sie ist sogar der Hintergrund, vor dem Gesellschaft überhaupt erst möglich ist,“

Das ist aber nun wieder nur eine unbelegte Behauptung. Ich würde sogar sagen, eine widerlegte, denn säkulare Gesellschaften funktionieren anscheinend mindestens genausogut wie eher religiöse.

„einerseits ist Religion gemeinschaftsstiftend, was man auch daran sehen kann (so führt bereits Durkheim aus), dass es keine Gesellschaft ohne Religion gibt.“

Hier das Gleiche nochmal: Die Schlussfolgerung ist falsch. Dass es in jeder Gesellschaft auch Religionen gibt, indiziert vielleicht, dass Menschen zur Religiosität neigen, aber keinesfalls, dass man Religion für Gesellschaften braucht. Es gibt auch keine Gesellschaft ohne Diebstahl und Mord. Sollen wir deshalb glauben, dass die gemeinschaftsstiftend wirken? Und um kurz noch mal ein bisschen polemisch zu werden: Nationalsozialismus hat sich auch als enorm gemeinschaftsstiftend erwiesen. Der Vergleich ist natürlich weitgehend unfair, aber mindestens eine entscheidende Parallele gibt es aus meiner Sicht. Beide Institutionen schaffen tendenziell Gemeinschaften, indem sie für diejenigen, die nicht zum Club gehören, ein ausgesprochen unerfreuliches Schicksal vorsehen. (Außerdem fußen beide auf falschen Annahmen, aber das vertiefen wir hier nicht weiter.) Gerade beim Christentum mit seiner „Ewige Verdammnis“-Ideologie wird das sehr schön deutlich, und der Islam als zweite große Weltreligion steht dem in nichts nach.

In den Kommentaren sehe ich ein Indiz für etwas, das mir schon in unserer letzten Diskussion aufgefallen ist: Mialiehs Definition von Religion scheint sehr vage zu sein:

„vom Menschsein her gesehen – anthropologisch – ist Religiosität etwas, das sich in jeder Gesellschaft herausbildet und was jeder Mensch hat – egal an, was er glaubt, ob Gott oder das Geld, sag ich mal hier? Die Idee hatte schon Martin Luther, der gesagt hat: „woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“,“

Wenn sie natürlich Religiosität nur als… keine Ahnung, Interesse an oder Zuneigung zu einer Sache versteht, dann ist wohl in der Tat jeder religiös. Aus meiner Sicht hat sie damit aber das Konzept so aufgeweicht und vernebelt, dass man kaum noch sinnvoll drüber diskutieren kann. Wenn ich Religion kritisiere, geht es mir um die Verehrung übernatürlicher Entitäten. Dass Leute ihr Herz an irgendwas hängen, ist in Ordnung, das stört mich nicht. Ich zum Beispiel stehe total auf Kaiserschmarrn mit Apfelmus, aber diese köstliche Mehlspeise als meinen „Gott“ zu bezeichnen, hieße einfach, ohne Not eine willkürliche neue Definition des Begriffs einzuführen, die Missverständnisse geradezu herausfordert. Ich vermute stark, dass in so unterschiedlichen Definitionen auch die Ursache dafür liegt, dass sich mir der Sinn ihres Artikels nur teilweise erschließt.

Im vorletzten Absatz erfahren wir, was die schlimmen Folgen des Atheismus sind (begründet wieder nur mit berühmten Namen):

„Die Macht übernimmt dann die Ökonomie […]Nicht die Mündigkeit steht im Vordergrund, sondern die Rationalisierbarkeit. Und das führt zu neuen, radikalen, totalitären Beherrschungsformen (Adorno und Horkheimer nennen hier das Beispiel Nationalsozialismus).“

Ich kann gar nicht sagen, wie leid ich es bin, dass Leute so tun, als wäre Nationalsozialismus was Atheistisches. Hitler war Katholik. Auf den Gürteln der SS-Uniformen stand „Gott mit uns“. Es gibt keinen Beleg dafür, dass Atheismus Totalitarismus verursacht. Das ist wieder einfach nur so eine Behauptung, die nicht dadurch wahrer wird, dass sie regelmäßig wiederholt wird.

Und so ist der Schluss dann auch keine Überraschung mehr:

„Anti-Religion ist wichtig, um sich über verblendende Inhalte des Religiösen bewusst zu werden. Aber auch sie kann in instrumentelle Verwendung führen und gerade aufgrund des oftmals mit ihr einhergehenden Überlegenheitsdenkens totalitäre Haltungen und Herrschaftsformen begründen.“

Warum sollten wir das glauben? Wo sind die Belege? Wo ist ein einziges Beispiel dafür, dass die Ablehnung von Religion (oder was ist Anti-Religion?) als solche totalitäre Herrschaftsformen begründet hätte? Kommunismus war atheistisch, ja. Aber er war auch anti-nationalsozialistisch. Sollen wir deshalb glauben, dass es gefährlich ist, gegen Nazis zu sein? Es war nicht der Atheismus, der den Kommunismus gefährlich machte, es war die gewaltsame Durchsetzung einer menschenfeindlichen Ideologie.

Ich halte diese Assoziation zwischen Atheismus und Gewaltregimen für so manifest absurd, dass es sich kaum lohnt, drüber zu reden. Weil ich nicht glaube, dass Gus das kosmische Nilpferd unser Universum in die Existenz geniest hat, muss ich zwangsläufig der Ökonomie die Macht überlassen, die Rationalisierbarkeit in den Vordergrund stellen und am Ende eine totalitäre Gesellschaft errichten? Echt jetzt?

Ich bin nicht ganz sicher, was genau mialieh mit ihrem Beitrag sagen will. Sie und ich haben uns auch oft genug missverstanden, dass ich nicht ausschließen will, dass ich ihr hier teilweise Unrecht getan habe. Ich vermute sogar, dass ich ihrem Standpunkt zum großen Teil zustimmen kann: Wir sollten religiöse Menschen nicht reflexhaft für dumm und primitiv halten, wir sollten anerkennen, dass Religionen nicht nur Schlechtes bringen, wir sollten im Umgang miteinander fair und vernünftig bleiben, und wir sollten keine totalitären Regierungen aufbauen. Alles richtig, alles gut.

Aber das ändert nichts daran, dass mialiehs Beitrag auf einen Strohmann des Atheismus eindrischt, voll ist mit unbelegten Behauptungen auf Basis von Autoritäten ohne Belege und irreführenden Implikationen. Er ist damit in meinen Augen kein gutes Beispiel für den fairen und vernünftigen Dialog ohne reflexhafte Ressentiments, den er einfordert.

Schade.

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